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Full text of "Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für Vaterländische Kultur"

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Schlesischen Gesellschaft 

für vaterländische Ctiltür. 



Enthält 



den Generalbericht über die Arbeiten und Veränderungen 

der Gesellschaft 

im Jahre 1893. 



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Breslau. 

Gr. P. Aderholz' Buchhandlung. 
" f M 1894. 




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Ein und siebzigster 



Jahres-Bericht 



der 



Schlesischen Gesellschaft 



für vaterländische Cultur. 



Enthält 



den Generalbericht über die Arbeiten und Veränderungen 

der Gesellschaft 

im Jalire 1893. 



-*•♦*- 



Breslau. 

G. P. Aderholz' Buchhandlung. 
1894. 






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Inhalt des 71. Jahres- Berichtes. 



Allgemeiner Bericht 

Seite 
über die Verhältnisse und die Wirksamkeit der Gesellschaft im Jahre 1893, 

abgestattet vom zweiten General -Secretair, Geh. Regierungsrath, Pro- 
fessor Dr. Poleck 1 

Bericht über die Bibliothek 6 

Bericht über die Herbarien der Gesellschaft 7 

Bericht über die Kassenverwaltung im Jahre 1893 7 

Verzeichniss sämmtlicher Mitglieder der Schlesischen Gesellschaft für vater- 
ländische Cultur. Etatszeit 1894 u. 1895 8 

Wanderversammlung zu Bunzlau den 2. Juli 1893 41 

Wissenschaftliche Vorträge, gehalten auf der Wanderversammlung zu Bunzlau 49 

Gerlach: Ueber die Währungsfrage 52 

Grempler: Ueber Altertümliches in Bunzlau 53 

Hintze: Ueber die geologische Bildung von Thonlagern und die 

mineralogische Natur des specifischen Thon-Minerals Kaolit 55 

Hürthle: Ueber den Einfluss der Bewegungsnerven auf das Wachsthum 

der Muskeln und Knochen 50 

Kays er, R.: Gypsmodell des Kehlkopfes 51 

Ponfick: Ueber die Verkrümmungen der Wirbelsäule 49 

I. Abtheilung: Medicin. 

a. Sitzungen der medicinischen Section. 

Adler: Ueber die Innervation des Gaumensegels 2 

Braem: Vorstellung eines Kranken mit geheiltem Unterschenkelgeschwür.... 28 

Buchwald: Ein typischer Fall von Acromegalie 19 

— Fälle von Kohlenoxydgas-Intoxicationen 45 

C o h n , H. : Transparente Sehproben 35 

Freund, C. S. : Doppelseitige Ulnarislähmung (Musculi Interossei u. Lumbricales) 1 



IV Inhalts -Verzeichniss. 



Seit« 

Freund, C. S.: Nervöse Folgeerscheinungen einer Contusion der oberen 

Brustwirbel 28 

— Zur Beurtheilung der Krankenvorstellung, betreffend eine Contusion der 
oberen Brustwirbel 38 

Fritsch: Ueber Extrauterinschwangerschaft 9 

Heidenhain: Ueber die Resorption im Dünndarm 19 

Herz: Ueber Alkoholneurosen 50 

Hildebrandt: Demonstration eines Herzens mit Aorteninsufficienz 24 

Jadassohn: Ein Fall von universeller schuppenartiger Hauterkrankung 41 

Jakobi: Drei Fälle von Meningitis cerebro-spinalis epidemica 26 

Kader: Patientin, bei welcher die Larynxfissur wegen Sklerom gemacht .... 14 

Kaufmann: Präparate einer frischen Sublimatvergiftung 2 

Kayser: Ueber Rhinosklerom 3 

— Ein Fall hysterischer Stummheit 7 

— Papillome des Larynx 8 

Kolaczek: Vorstellung eines Kranken mit operativ geheiltem Leberabscess . 26 

Kümmel: Ueber einen Fall von Schussverletzung des Rückenmarkes 24 

Kuznitzky: Ueber Asymmetrie des Thorax und Contractur der Wirbelsäule 

nach Kinderlähmung und Chorea 11 

Mann: Ein Fall von doppelseitiger Cucullaris-Lähmung 39 

Martini: Präparate von tuberculös afficirten Knochen 9 

— Präparate von multipler Sarkombildung des Gehirns und Rückenmarkes 9 
Mikulicz: Ueber eine Modifikation einer osteoplastischen Fussgelenkresection 23 
Neisser: Fall von Xanthoma multiplex tuberosum 27 

— Fall von Vitiligo 28 

— Fall von Cancroid des Gesichts 28 

— Erscheinungen der Hebra'schen Prurigo (Krankenvorstellung) 46 

P onfick: Ueber Fettnekrose des Pankreas 35 

— Demonstration mehrerer Wirbelsäulen 55 

Riegner: Demonstration einer eingekeilten Schenkelhalsfractur 14 

— Ein Fall von Trepanation wegen subduralen Blutergusses 15 

— Ein Fall von totaler Scalpirung geheilt 36 

Rosenfeld: Ueber experimentelle Erzeugung von Fettleber 22 

Silbermann: Zur Theorie des Verbrennungstodes 52 

Spitzer: Die rationellen Grundlagen und Indicationen der Karlsbader Trinkcur 18 

Stern: Demonstration eines Haematoporphyrin-haltigen Urins 10 

— Ueber pathogene Wirkung des Colon-Bacillus bei Menschen 14 

— Eine Patientin mit periodischen Schwankungen der Sensibilität 45 

Stolper: Präparat von vollständigem Verschluss des Rectums durch Mastdarm- 
geschwüre 24 

— Demonstration der Brustorgane eines Mannes mit Tricuspidalinsufficienz 48 
Viertel: Einiges aus dem Gebiete der Cystoskopie 25 



Inhalts - Verzeichniss. 



b. Sitzungen der hygienischen Section. 

Seite 

Cohn, F.: Ueber Antisepsis und Desinficirung durch Formaldehyd 41 

Cohn, H.: Ueber künstliche Beleuchtung nebst Vorzeigung der neuen 

Hrabowski'schen Reflectoren für Oberlicht und Seitenlicht 1 

— Ueber Lichtmessungen im Magdalenen - Gymnasium und dem neuen 

Kanonenhof-Schulhause 32 

Flügge: Ueber die Wasserversorgung von Breslau , 7 

Hipp auf: Ueber seine verbesserte Schulbank 39 

Jacobi: Ueber Fleischvergiftungen 36 

Kruse, W.: Ueber den Nachweis der Typhus-Bacillen 7 

Kunisch: Ueber artesische Brunnen in Beziehung der Wasserversorgung von 

Breslau 24 

Kuznitzky: Ueber ein neues Arbeitspult 43 

Nachtrag zum Inhalts -Verzeichniss (Seite V). 

Naturwissenschaftliche Section. 

es Amylphenol 

Gallinek: Fossile Fische aus dem oberschlesischen Keuper 
Langenhan: Mineral- Vorkommnisse aus der Gebend von Rei 
Meyer, 0. E.: Neue physikalische Apparat 
"ichael: Ein neuer Encrinus aus dem obe 

— Vorkommen tertiärer Thone bei Breslau 
Milch: Mineralien aus Mandelräumen des Basaltes von Girlachsdorf .' Z 

— Ueber Gesteine aus Paraguay 

Rosenbach: Optische Versuche aus dem Gebiet 'der Polarisation .' 17 

— Ueber die Lichtmühle . . 

• 27 



Fischer: Ueber tertiäres Amylphenol ^ 

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32 

Reichenbach .... 20 

Michael: Ein neuer Encrinus aus dem oberschlesischen Muschelkalke .'.'.'..'. " 

23 



Meyer, 0. E.: Ueber elektrische Eisenbahnen o* 

Meyer u. Mützel: Ueber die Störungen physikalischer Beobachtungen durch 

eine elektrische Strassenbahn 57 

Michael: Ueber Fischzähne aus den turonen Kalksteinen von Oppeln 70 

— Ueber eine neue Lepidosteiden-Gattung aus dem oberen Keuper Ober- 
schlesiens 71 

Mil ch: Ueber die Strahlsteinschiefer des Eulengebirges 16 

— Ueber eine Höhle im Marmorbruche des Mühlbergs bei Kauffung 33 

— Zur Auffassung des Grundgebirges 52 

P o 1 e c k : Ueber neue Eisenlegirungen 13 

— Ueber die Fabrik ätherischer Oele von Schimmel u. Comp, in Leipzig. 68 



IV Inhalts -Verzeichniss. 



Seit« 

Freund, C. S.: Nervöse Folgeerscheinungen einer Contusion der oberen 

Brustwirbel 28 

— Zur Beurtheilung der Krankenvorstellung, betreffend eine Contusion der 

oberen Brustwirbel 38 

F rits ch : Ueber Extrauterinschwangerschaft 9 

Heidenhain: Ueber die Resorption im Dünndarm 19 

Herz: Ueber Alkoholneurosen 50 

Hildebrandt: Demonstration eines Herzens mit Aorteninsufficienz 24 

Jadassohn: Ein Fall von universeller schuppenartiger Hauterkrankung 41 

Jakobi: Drei Fälle von Meningitis cerebro-spinalis epidemica 26 

Kader: Patientin, bei welcher die Larynxfissur wegen Sklerom gemacht .... 14 

Kaufmann: Präparate einer frischen Sublimatvergiftung 2 









— Em Fall von irepanauoii wegen buuuuimv» ~*~vw„ 

— Ein Fall von totaler Scalpirung geheilt 36 

Rosen feld: Ueber experimentelle Erzeugung von Fettleber 22 

Silbermann: Zur Theorie des Verbrennungstodes 52 

Spitzer: Die rationellen Grundlagen und Indicationen der Karlsbader Trinkcur 18 

Stern: Demonstration eines Haematoporphyrin-haltigen Urins 10 

— Ueber pathogene Wirkung des Colon-Bacillus bei Menschen 14 

— Eine Patientin mit periodischen Schwankungen der Sensibilität 45 

Stolper: Präparat von vollständigem Verschluss des Rectums durch Mastdarm- 
geschwüre 24 

— Demonstration der Brustorgane eines Mannes mit Tricuspidalinsufficienz 48 
Viertel: Einiges aus dem Gebiete der Cystoskopie 25 



Inhalts - Verzeichniss. 



b. Sitzungen der hygienischen Section. 

Seite 

Cohn, F.: Ueber Antisepsis und Desinficirung durch Formaldehyd 41 

Cohn, EL: Ueber künstliche Beleuchtung nebst Vorzeigung der neuen 

Hrabowski'schen Reflectoren für Oberlicht und Seitenlicht 1 

— Ueber Lichtmessungen im Magdalenen - Gymnasium und dem neuen 
Kanonenhof-Schulhause 32 

Flügge: Ueber die Wasserversorgung von Breslau 7 

Hipp auf: Ueber seine verbesserte Schulbank 39 

Jacobi: Ueber Fleischvergiftungen 36 

Kruse, W.: Ueber den Nachweis der Typhus-Bacillen 7 

Kunisch: Ueber artesische Brunnen in Beziehung der Wasserversorgung von 

Breslau 24 

Kuznitzky: Ueber ein neues Arbeitspult 43 

Pol eck: Ueber die Wasserversorgung von Breslau und Discussion über den 

Flügge'schen Vortrag 10 

IL Abtheilung: Naturwissenschaften. 

a. Sitzungen der naturwissenschaftlichen Section. 

Althans: Ueber neue geologische Schriften und Kartenwerke 1 

Galle: Allgemeine Uebersicht der meteorologischen Beobachtungen auf der 

hiesigen Sternwarte im Jahre 1893 77 

Grützner: Ueber einen krystallirten Bestandtheil der Früchte von Picramia 

Camboita Engl. 43 

— Zur Kenntniss der Wismuthsalze 48 

Gürich: Paläontologische Mittheilungen 11 

— Ueber Korallen-Dünnschliffe aus dem Mitteldevon der Eifel 16 

— Ueber Kupfererzlagerstätten und einen Cycadeenstamm 69 

Hintze: Mineralogische Mittheilungen 15 

Kunisch: Ueber das Vorkommen des Gypsspates 12 

Ladenburg: Ueber Isoconiin und den asymmetrischen Stickstoff 13 

Meyer, 0. E.: Ueber elektrische Eisenbahnen 52 

Meyer u. Mützel: Ueber die Störungen physikalischer Beobachtungen durch 

eine elektrische Strassenbahn 57 

Michael: Ueber Fischzähne aus den turonen Kalksteinen von Oppeln 70 

— Ueber eine neue Lepidosteiden-Gattung aus dem oberen Keuper Ober- 
schlesiens 71 

Milch: Ueber die Strahlsteinschiefer des Eulengebirges 16 

— Ueber eine Höhle im Marmorbruche des Mühlbergs bei Kauffung 33 

— Zur Auffassung des Grundgebirges 52 

P o 1 e c k : Ueber neue Eisenlegirungen 13 

— Ueber die Fabrik ätherischer Oele von Schimmel u. Comp, in Leipzig. 68 



VI Inhalts -Verzeichniss. 

Seite 

P o 1 e ck : Ueber Natriumsuperoxyd 74 

Rosenbach: Die Farbensirene und Bemerkungen über die Entstehung der 

Farben 34 

Trautschold: Ueber den geologischen Bau des transkaspischen Gebietes... 3 

b. Sitzungen der botanischen Section. 

Chun : Zur Umgestaltung der botanischen Section 22 

C ohn, F erd.: Anomale Früchte von Citrus Limonum 6 

— Zum Andenken an Professor Dr. Prantl 7 

— Vorzeigung einer Sammlung forstschädlicher Insecten in allen Ent- 
wickelungszuständen 14 

— Ueber C. Chr. Beinert und dessen Denkmal in Carlshain zu Charlottenbrunn 17 

— Ueber die Erweiterung der botanischen zur zoologisch - botanischen 
Section 19. 22 

— Ueber Erosion von Kalkgestein durch Algen 19 

— Ueber Formaldehyd und seine Wirkungen auf Bacterien 23 

— Ueber die Geschichte der botanischen Section 32 

Fiek u. Schübe: Ergebnisse der Durchforschung der schlesischen Phanero- 

gamenflora im Jahre 1893 42 

Krull: Ueber Infectionsversuche und durch Cultur erzielte Fruchtkörper des 

Zunder schwammes 14 

Rosen: Mittheilungen aus dem Gebiete der botanischen Mikrotechnik 8 

— Ueber Beziehungen zwischen der Function und der Ausbildung von 
Organen am Pflanzenkörper 33 

Schröter: Zur Entwickelung der Uredineen 31 

Schübe: Ueber schlesische Formen von Ranunculus auricomus u. R. cassubicus 16 

— Ueber die sicilianische Frühjahrsflora 31 

Stenzel: Ueber pelorische Durchwachsungen der Blüthen von Linaria vulgaris 1 

— Abweichende Zahlen in den einzelnen Kreisen der Blüthen 4 

— Ueber abweichende Blüthen von Orchideen 11 

c. Sitzungen der Section für Obst- und Gartenbau. 

H öls eher: Ueber die Oelrosencultur in Deutschland 9 

Krull: Ueber Zersetzungserscheinungen im Holze der Bäume 15 

Menzel: Ueber das Verpflanzen älterer Bäume 5 

Rem er: Ueber die natürlichen Grundlagen und die Anbautechnik des Grün- 
berger Weinbaues 21 

Richter: Erläuterungsbericht für den Entwurf zum Südpark bei Breslau 15 

Rosen: Ueber Zimmercultur der Pflanzen vom Standpunkte der Pflanzen- 

physiologie 24 

Scholtz, M. : Ueber Symphoricarpus racemosus 1 



Inhalts -Verzeichniss. VII 



III. Abtheilung: Geschichte und Staatswissenschaften. 

a. Sitzungen der historischen Section. 

Seite 

Krebs: Ueber Hentzi und die Belagerung von Ofen im Mai 1849 1 

— Mittheilungen aus dem Briefwechsel des Burggrafen Karl Hannibal 

v. Dohna und des Herzogs Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg ... 17 

— Ueber Truppenwerbung im 30jährigen Kriege 18 

b. Sitzungen der staatswissenschaftlichen Section. 

Friedensburg: Ueber das Reichs- Versicherungsamt 5 

Gerlach: Ueber die Reform der directen Steuern in Preussen 1 

— Ueber die Aufhebung der Sherman-Bill in den Vereinigten Staaten von 
Nordamerika 19 

Grünhagen: Ueber den angeblich grundherrlichen Charakter des schlesischen 

Leinengewebes als Hauptursache der Webernöthe 21 

Schmidt: Ueber Samoa 3 

Lesezirkel für die Mitglieder der Section 23 

Nekrologe auf die im Jahre 1893 verstorbenen Mitglieder. 

Beyersdorf, Albert, Schichtmeister in Beuthen O.-S 1 

v. Brunn, Julius, Oberbergrath in Breslau 1 

Dickhuth, Gustav, Geh. Regierungsrath, Bürgermeister a. D. in Breslau.... 2 

Frief, Alfred, Regierungs- und Gewerberath in Breslau 4 

Kauffmann, Max, Fabrikbesitzer in Breslau 5 

Kletke, Cäsar, Dr. phil., Regierungsrath und Realschul-Director a. D. in Breslau 6 

Kunisch, Hermann, Dr. phil., Oberlehrer in Breslau 7 

Lorinser, Franz, Dr. theol., Domherr in Breslau 7 

Lunge, Karl, Dr. jur., Amtsgerichtsrath in Breslau 11 

Prantl, Karl, Dr. phil., Professor und Director des Kgl. bot. Gartens in Breslau 11 

Roepell, Richard, Dr. phil., Geh. Regierungsrath und Professor in Breslau. 14 

Scholtz, Max, Dr. phil., Privatdocent in Karlsruhe i. B 16 

Schuck, Dr. phil., Prorector a. D. und Professor in Breslau 18 

Sommerbrodt, Julius, Dr. med., Professor in Breslau 19 

Sonntag, Friedrich Emanuel, Apotheker in Berlin 20 

Stadthagen, Leopold, Dr. med., Geh. Sanitätsrath, Kreisphysikus in Liegnitz 21 

Völker, Hermann, Fabrikbesitzer in Breslau 22 

Werner, Gustav, Apotheker in Brieg 23 



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Schlesisclie Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



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71. 












Jahresbericht. 






Allgemeiner Bericht. 






1893. 










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Allgemeiner Bericht über die Verhältnisse und die 
Wirksamkeit der Gesellschaft im Jahre 1893, 

abgestattet 
in der allgemeinen Versammlung am 11. December 1893 

von 
Geh. Regierungsrath, Professor Dr. Poleck, 

z. Z. zweitem General-Secretair. 



Die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur hat auch in 
dem zweiten Jahre der nunmehr abgelaufenen Etatsperiode von 1891 — 1893 
unter Leitung ihres hochverehrten Präses, Geheimen Medicinalrathes 
Professor Dr. Heidenhain, fortgewirkt in gemeinnütziger Thätigkeit 
für die heimathliche Provinz und auf dem Gebiete der Wissenschaft 
überhaupt. 

Die ordentliche Generalversammlung hat im vergangenen Jahre am 
11. December unter dem Vorsitze des derzeitigen Präses stattgefunden, 
welcher in Vertretung des verstorbenen Generalsecretairs, Herrn Geh. 
Regierungsrath Dickhuth, den Verwaltungsbericht erstattete, während 
der Schatzmeister, Herr Fabrikbesitzer Max Wiskott, den Kassenbericht 
darlegte. 

Im Laufe dieses letzten Jahres hat die Gesellschaft sehr schwere 
Verluste zu beklagen gehabt. Besonders hart betroffen wurde das 
Präsidium durch 'den Tod seines langjährigen ersten Generalsecretairs, 
des Geh. Regierungsrathes Dickhuth, und des ersten Secretairs der 
Section für Obst- und Gartenbau, des Directors des Königl. botanischen 
Gartens, Herrn Professor Dr. Prantl. 

Mit diesen Directorialmitgliedern hat die Gesellschaft im Jahre 1893 
durch den Tod verloren: 

A. von wirklichen einheimischen Mitgliedern die Herren: 

1. von Brunn, Ober-Bergrath, 

2. Dickhuth, Geheimer Regierungsrath, 

3. Frief, Königl. Regierungs- und Gewerberath, 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

4. Kau ff mann, Max, Kaufmann und Fabrikbesitzer, 

5. Kunisch, Dr. phil., Oberlehrer an der Oberrealschule, 

6. Lorinser, Dr., Domcapitular, 

7. Lunge, Dr. jur., Amtsgerichtsrath, 

8. Prantl, Dr., Professor, Director des Königl. botan. Gartens, 

9. Röpell, Dr., Geheimer Regierungsrath und Professor, 

10. Schuck, Dr., Professor und Prorector a. D., 

11. Sommer brodt, Dr. med., Professor, 

12. Völker, Hermann, Fabrikbesitzer. 

B. von wirklichen auswärtigen Mitgliedern die Herren: 

1. Beyersdorf, Schichtmeister in Beuthen O.-S., 

2. Kölling, Dr., Superintendent und Pastor in Roschkowitz, 

3. Scholz, Dr. phil., Privatdocent in Karlsruhe in Baden, 

4. Sonntag, Apotheker in Berlin, 

5. Werner, Apotheker in Brieg. 

Dagegen sind im Jahre 1893 aufgenommen worden: 

A. als wirkliche einheimische Mitglieder: 

1. Auerbach, Fr., Dr. phil., 

2«. Blankenhaim, M., Apotheker, 

3. Beck, Arthur, Kaufmann, 

4. Boehme, Dr. med., Generalarzt des VI. Armeecorps, 

5. Callomon, S., Dr. med., 

6. Cramer, E., Königl. Regierungs- und Baurath, 

7. Croce, Richard, Dr. med., 

8. Dittrich, Dr. med., Sanitätsrath, 

9. von Dömming, Alfred, Regierungs-Assessor, 

10. Dresdner, Max, Dr. med., 

11. Ephraim, Alfred, Dr. med., 

12. von Frankenberg-Proschlitz, Geheimer Regierungs- und 

Curatorialrath, 

13. Freund, J., Dr. jur., Amtsgerichtsrath, 

14. Frech, J., Dr. phil., Professor, 

15. Gaupp, E., Dr. med., Privatdocent, 

16. Geppert, Dr. med., Professor, 

17. Ginsberg, S., Dr. med., 

18. Groenouw, Dr. med., Privatdocent, 

19. Hecke, H., Justizrath, Rechtsanwalt und Notar, 

20. Jonas, V., Dr. phil., prakt. Zahnarzt, 

21. Just, Emil, Apotheker, 

22. Kleinwächter, W., Dr. med., 

23. Kohn, S., Dr. med., 

24. Krause, Max, Dr. med., 



Allgemeiner Bericht. 



25. Krienes, Hans, Dr. med., Stabsarzt, 

26. Küstner, Dr. med., Medicinalrath und Professor, Director der 

gynäkologischen Klinik, 

27. Leonhard, R., Dr. phil., 

28. von Lippe, Lazar, Regierungs-Assessor, 

29. Michael, R., Dr. phil., 

30. Milch, H., Stadtrath, 

31. Müller, J., Dr. phil., 

32. Mündel, Erdmann, Rittergutsbesitzer, 

33. Nitsche, J., Dr. med., Sanitätsrath und Badearzt, 

34. Nitschke, Th., Kaufmann, 

35. Part seh, J., Dr. phil., Professor, 

36. Pax, Ferd., Dr. phil., Professor, Director des botan. Gartens, 

37. Pohl, J., Dr. med., Badearzt, 

38. Ribbeck, Ernst, General-Director, 

39. Rosenstein, M., Dr. med., 

40. Rüdiger, L., General-Director, 

41. Sackur, Paul, Dr. med., 

42. £jerlo, Walter, Bergreferendar, 

43. Stern, R., Dr. med., Privatdocent, 

44. von Ulanowski, Walter, Regierungs- Assessor, 

45. Volz, B., Dr. phil., Professor, Gymnasial-Director, 

46. Wandesieben, H., Ober-Bergrath, 

47. Weidemann, Franz, Kaufmann, 

48. Weile, Max, Dr. med., 

49. Wolff, A., Dr. med. 

B. als wirkliche auswärtige Mitglieder: 

1. Adelt, Dr. med., Sanitätsrath und Kreis-Physikus in Bunzlau 

2. Dieck, Dr. phil., Oberlehrer und Hauptma nna. D. in Goldberg 

3. Fernbach, Zeitungsbesitzer in Bunzlau, 

4. Fränkel, S., Dr. med., Rittergutsbesitzer in Goldschmieden, 

5. Gallinek, E., Rittergutsbesitzer in Krysanowitz O.-S., 

6. Glaeser, Dr. med., prakt. Arzt in Danzig, 

7. Gössel, Major a. D. in Bunzlau, 

8. Karau, G., Dr. phil. in Reinschdorf O.-S., 

9. Loewy, Dr. med. in Bunzlau, 

10. Müller, Generalmajor a. D. in Bunzlau, 

11. Reinkober, Dr. med., Kgl. Kreisphysikus in Trebnitz i. Schi., 

12. Richters, Th., Fabrikdirector in Woischwitz, 

13. Sander, Regierungs- und Schulrath in Bunzlau, 

14. Schmula, Landgerichtsrath a. D. in Oppeln, 

15. S trübe, Dr. med., Generalarzt I. Klasse in Carlsruhe i. B., 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

16. Treu, Professor, Director in Potsdam, 

17. Wolf, Amtsgerichtsrath in Bunzlau, 

18. Ziolecki, Königl. Baurath in Bunzlau. 

Die Gesellschaft zählt mithin gegenwärtig 

wirkliche einheimische Mitglieder 361 

wirkliche auswärtige Mitglieder 157 

Ehrenmitglieder und correspondirende Mitglieder . 157. 

Die Section für Obst- und Gartenbau besteht für sich aus 156 Mit- 
gliedern. 

Im Laufe des Jahres 1893 haben zwei Präsidialsitzungen statt- 
gefunden. Es wurde beschlossen die Ernennung der Herren Dr. Fritsch, 
Geheimen Medicinalrath und Professor in Bonn, und Dr. Pringsheim, 
Geheimen Regierungsrath und Professor in Berlin, zu Ehrenmitgliedern 
der Schlesischen Gesellschaft. 

Allgemeine Sitzungen haben im Jahre 1893 stattgefunden: 

1. am 16. Januar hielt Herr Privatdocent Dr. Kruse einen Vortrag 
„über die Lage des Kaufmannsstandes im Mittelalter", 

2. am 13. Februar Herr Professor Dr. Born: „Ueber neuere ent- 
wickelungsmechanische Versuchstheorien", 

3. am 13. März Herr Geh. Regierungsrath, Prof. Dr. 0. E. Meyer: 
„Ueber Atome und Molekeln", 

4. am 13. November Herr Oberlehrer Dr. Schiff: „Ueber künst- 
liche Darstellung der Diamanten und einige hiermit in Zusammen- 
hang stehende Fragen", 

5. am 22. November Herr Geh. Regierungsrath, Professor Dr. 
O. E. Meyer: Demonstrativer Vortrag „über elektrische Eisen- 
bahnen und die durch sie bewirkten Störungen magnetischer und 
elektrischer Beobachtungen". 

Im October 1893 wurde an Stelle des Herrn Prof. Dr. Schmarsow, 
welcher Breslau verlassen hat, Herr Geh. Sanitätsrath Dr. Grempler 
zum Delegirten der Schlesischen Gesellschaft bei dem Curatorium des 
Pro vinzial- Museums, Herr Fabrikbesitzer Max Wiskott zu seinem 
Stellvertreter erwählt und der letztere gleichzeitig der Landesverwaltung 
zum Mitgliede der Commission für Erhaltung der Provinzial-Alterthümer 
vorgeschlagen. 

Für die Herausgabe eines Werkes über die Schlesischen Mollusken 
von Herrn Merkel wurde eine Subvention von 300 Mark bewilligt. 
Zum Jahresberichte 1892 (70. Jahresbericht) wurde als Ergänzungsheft 
ausgegeben: Professor Dr. J. Partsch: Literatur der Landes- und Völker- 
kunde der Provinz Schlesien. Heft 2. 



Allgemeiner Bericht. 



Die allgemeine Wanderversammlung der Schlesischen Gesellschaft 
fand am 2. Juli zu Bunzlau statt, verbunden mit einem Ausfluge zu 
Wagen nach dem Gröbel- Vorwerk. 

Die Feier des Stiftungsfestes der Gesellschaft hat am 16. December 
in den Räumen der Vereinigten Loge stattgefunden. 

Die Rechnung der Allgemeinen Kasse und die über die besondere 
Kasse der Section für Obst- und Gartenbau ist für das Jahr 1893 durch 
den Schatzmeister, Herrn Fabrikbesitzer Max Wiskott, gelegt und 
dem Schatzmeister nach erfolgter Revision Decharge ertheilt worden. 

Ueber die Thätigkeit der einzelnen Sectionen haben die Herren 
Secretaire Nachstehendes berichtet: 

Die medicinische Section 

hielt im Jahre 1893 13 Sitzungen. 

Zu Secretairen wurden für die Etatsperiode 1894/95 die Herren 
Geh. Medicinalrath Professor Dr. Ponfick, Geh. Medicinalrath Professor 
Dr. Mikulicz, Professor Dr. Born, Professor Dr. Neisser und Privat- 
docent Primararzt Dr. Buchwald gewählt. 

Die Section für öffentliche Gesundheitspflege 

hielt im Jahre 1893 9 Sitzungen. 

Zu Secretairen für die Etatsperiode 1894/95 wurden wieder die Herren 
Geh. Medicinalrath Professor Dr. Flügge, Sanitätsrath Polizei- und 
Stadt-Physikus Dr. Jacobi und Professor Dr. Herrn. Cohn gewählt. 

Die naturwissenschaftliche Section 

hielt im Jahre 1893 8 Sitzungen. 

Zu Secretairen für die Etatsperiode 1894/95 wurden die Herren 
Geh. Regierungsrath Professor Dr. Th. Pol eck und Professor Dr. 
Hintze wiedergewählt. 

Die botanische Section 

hielt im Jahre 1893 9 Sitzungen. 

Zu Secretairen für die Etatsperiode 1894/95 wurden die Herren 
Geh. Regierungsrath Professor Dr. Ferdinand Cohn und Professor 
Dr. Chun gewählt. 

Die historische Section 

hielt im Jahre 1893 4 Sitzungen. 

Zu Secretairen wurden für die Etatsperiode 1894/95 die Herren 
Director Professor Dr. Reimann und Professor Dr. Krebs erwählt. 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Die Section für Staats- und Rechtswissenschaft 

hielt im Jahre 1893 6 Sitzungen. 

Zu Secretairen für die Etatsperiode 1894/95 wurden die Herren 
Professor Dr. Elster, Regierungsrath und Eisenbahn-Director Hermann, 
Staatsanwalt Dr. jur. Keil und Geh. Commerzienrath Leopold Schöller 
gewählt. 

Die Section für Obst- und Gartenbau 

hielt im Jahre 1893 11 Sitzungen. 

Zum Secretair für die Etatsperiode 1894/95 wurde Herr Professor 
Dr. Ferd. Pax, zu dessen Stellvertreter Herr Garten -Inspector 
H. Richter, und in den Verwaltungs vorstand die Herren Professor Dr. 
Schrö ter, Obergärtner Schütze und Buchhändler Max Müller gewählt. 



Bericht über die Bibliothek. 

Die im Laufe des Jahres 1893 der Schlesischen Gesellschaft zu- 
gegangene Literatur setzt sich, wie in früheren Jahren, zusammen: aus 
den Gegensendungen der Akademien, Gesellschaften etc., mit denen die 
Schlesische Gesellschaft in Schriftenaustausch steht, ferner aus Ge- 
schenken von Behörden und Privatpersonen und aus den von der Buch- 
handlung Trewendt & Granier hier abgelieferten Schriften des bo- 
tanischen Lesezirkels. 

Diese Zugänge zur Bibliothek wurden nach laufenden Nummern 
gebucht und gemäss dem Vertrage vom 15. Juli 1886 den Vertretern 
der Königlichen und Universitätsbibliothek an vier Terminen zur Ver- 
waltung übergeben, nämlich: 

1. am 5. April 1893 No. 3096-3372, 

2. am 6. September 1893 No. 3373—3586, 

3. am 27. December 1893 No. 3587—3790 und 

4. am 15. Februar 1894 No. 3791—3968. 

An allen vier Terminen fungirte als Vertreter der Königlichen und 
Universitätsbibliothek Herr Bibliothekar G. d. Boor. 

Im Laufe des Jahres sind dem Schriftentausch unserer Gesell- 
schaft neu zugetreten: 

1. Naturhistorisches Museum in Lübeck, 

2. Redaction der Kwartalnik historyczny in Lemberg, 

3. Academie of sciences of St. Louis in Nordamerika, 

4. Geological Society of America in Rochester, N. Y., 



Kassen -A."bsdhluss für das Jalir 1803, 



Allgemeine Kasse. 



Einnahme. 

An Bestand ans dem Jahre 1892 . . . . 



An Zinsen von Wertpapieren : 
pro I. Semester 



An Zinsen vom Baarbestand bei der städtischen Sparkasse 

An Beiträgen einheimischer Mitglieder: 
pro I. Semester von 327 Mitgliedern ä 5 M . . 

■>■> ?) 35 33 10 ,, a 4 j 2 (AI 

„ 1 „ a 10 M . 

„ 334 „ ä 5 M . 

33 9 33 a 4'/ 2 M 

An Beiträgen auswärtiger Mitglieder: 

149 Karten ä6 i 



Ist eingckommcn 



Werth- 

papiere 

M 



48200 



33 


33 


33 


33 


II. 


33 


33 


33 


33 



Jahres-Beitrag vom Provinzial-Ausschuss . 

,, des Magistrats zu Breslau . 

Mieths-Beitrag vom Verein für Geschichte 

„ vom Evang. Jünglingsverein 



Aussergewöhnliche Einnahmen: 

Zahlung der Aderholz'schen Buchhandlung . . 
Erlös aus einem Mineralschrank von Dr. H. Cohn 

Neu erworbene Wertpapiere: 
1000 J{ 3y 2 °/ Posener Pfandbriefe 



1000 



49200 



Baar 



292 



941 
914 

66 



1635 
45 
10 

1670 
40 

894 

3000 

300 

100 

52 



59 
30 



10049 



05 



50 
50 

15 



50 



25 



95 



Für 



33 
33 
33 
33 
33 
33 
33 
33 
33 



Allgemeine Kasse. 

Ausgabe. 

Miethe an den Verein christl. Kaufleute incl. Wassergeld 

Honorare und Remunerationen 

Gehalt an den Oastellan 

Pension an Frau Reisler .:.... 

Heizung 

Beleuchtung 

Prämie Schlesische Feuerversicherung 

Unterhaltung des Mobiliars . 

Schreib-Bedürfnisse , , . . 

Zeitungs-Inserate 

Druckkosten ,....„ 

Anschaffung von Büchern und Journalen ........ 

Buchbinder-Arbeiten . . 

Porto- Auslagen 

Kleine Ausgaben . . 

Zinsen an Castellan Kreusel für seine hinterlegte Caution . 
gekaufte nom. 1000 Mark 3V 2 °/o Posener Pfandbriefe. . 

Bestand am Schlüsse des Jahres 1893. , . . . . 

3y 2 °/ Oberschi. Eisenb.-Prioritäts-Oblig. Litt. E. . 

3 V 2 °/o Preuss. Prämien- Anleihe 

4 % „ consol. „ ....".... 

3 % °/ Schlesische Pfandbriefe Litt. A 

3y 2 % „ „ Litt. D 

3y 2 °/o Posener Pfandbriefe 

Schlesische Bankvereins-Antheilscheine 

Neu erworben: 

3V 2 % Posener Pfandbriefe 



Ist verausgabt 



Wert- 
papiere 
M 



2700 

300 

22000 

15900 

2000 

2000 

3000 

300 

1000 



49200 



Baar 

M 4 



1860 

330 

1200 

150 

274 

170 

26 

54 

61 

185 

2542 

343 

138 

255 

272 

18 

988 

1179 



10049 



Max Wiskott, z. Z. Schatzmeister der Gesellschaft. 



Kassen - Absclüuss der Section für Obst- und Gartenbau für das Jahr 1893, 



Einnahmen. 

An Vortrag aus Rechnung 1892 . . . . 



„ Mitglieder-Beiträgen : 

118 Beiträge für 1893 



„ Garten-Erträgnissen : 

Verkaufte Baumschul-Artikel 5678 Jl 25 ^ 

Blumen und Gemüse 822 ,, 65 „ 



Subventionen: 

Subvention vom Schles. Provinzial-Ausschusse für 1893 . . . 

Zinsen : 

3'/ 2 °/ v. 1./10. 1892 bis 30./9. 1893 von 3000 Jl 

Oberschi. Prioritäts-Obligationen Litt. E. . . 105 Jl — a ( 
3 ] / 2 °/ vom 1./10. 1892 bis 30./9. 1893 von 

1800 Jl Preuss. 3y 2 °/ Consols 63 

4 °/ für 1893 von 5000 Jl Schlesische Boden- 

credit-Pfandbriefe 200 

4 °/ für 1893 von 3800 M Preussische 4 °/ 

Consols 152 

3'/ 2 % für 1893 von 5000 Jl Landschaftliche 

Central-Pfandbriefe 175 

3 J / 2 °/ für 1893 von 3000 Jl Schlesische 

Pfandbriefe 105 

Zinsen auf Rechnungsbuch der Schles. Landsch. 

Bank für 1893 90 



90 



Lesezirkel: 

23 Beiträge zum Lesezirkel für 1893 



Verschiedenem : 

Rückzahlung der Vorschüsse für die Gartenbau- Ausstellung 

Effecten: 

Für gekaufte 4 °/ Schlesische Bodencredit-Pfandbriefe . . 



Effecten 


B a a r 


M 


M & 


21600 


3185 


26 


— 


532 


— 


— 


6500 


90 




1650 






890 


90 


— 


69 


— 


— 


100 


— 


3000 






24600 


12928 


06 



Ausgaben. 



Für den Garten: 



Gärtnergehalt, Heizung und Beleuchtung 



1664 Jl 53 4 



Arbeitslöhne 2651 

Dungstoffe 377 

Wildlinge und Edelreiser. 194 

Baulichkeiten und Gerätschaften 490 

Porti, Steuern, Drucksachen etc 207 

den Lesezirkel: 

Colportage * 96 Jl — 

Buchbinderarbeit und Drucksachen 233 „ 79 



06 
14 
73 
50 
75 



Effecten 
M 



Insgemein : 

Gekaufte 3000 M 4 °/ Schlesische Bodencredit- 
Pfandbriefe S. in 

Porti 

Inserate 

Druckkosten-Antheil am Jahresbericht für 1892 

Angeschaffte Werke 

Beitrag zum Deutschen Pomologen-Verein . . . 

Gratis-Sämereien-Vertheilung an Mitglieder . . 

Beitrag zu den Kosten der Gartenbau - Aus- 
stellung Breslau 1892/93 1000 

Ehrenpreise zur Gartenbau- Ausstellung Breslau 

1892/93 300 

Verschiedenes 131 



3037 


M 


80 


4 


48 


11 


19 


11 


29 


•>•) 


— 


11 


93 


11 


25 


11 


6 


11 


65 


11 


5 


11 


— 


11 


177 


11 


06 


11 



65 



„ Bestand im Vortrage: 

3 % °/ Oberschles. Prioritäts-Obligat. Litt. E. 
3y 2 °/o Preussische Consols 

4 °/o Schlesische Bodencredit-Pfandbriefe. . 

4 °/ Preussische Consols 

3 7 2 °/o Landschaftliche Central-Pfandbriefe . 

3 y 2 °/o Schlesische Pfandbriefe 



3000 Jl 
1800 „ 
8000 „ 
3800 „ 
5000 „ 
3000 „ 



- 4 



B a ar 

Jl / 



5585 



71 



329 79 



24600 



4828 



2183 



60 



96 



24600 



12928 



06 



Dr. Schröter, Max Müller, 

z. Z. Vorsitzender z. Z. Kassenvorsteher 

des Verwaltungsvorstandes der Section für Obst- und Gartenbau. 



Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben der Allgemeinen Kasse für die Jahre 1894 und 1895. 



Einnahmen. 

Zinsen von Werthpapieren 

Beiträge: 

a. Einheimische: 1894 350 I. Semester a 5 Mark.. 

* II. = a 5 * . . 

b. Auswärtige: 145 a G Mark 

Beitrag des Provinzial-Ausschusses jährlich 

Jahresbeitrag des Magistrats = . 

Miethe vom Verein für Geschichte und Alterthum Schlesiens 
Aussergewöhnliche Einnahmen 




Summa der Einnahmen 



1750 

1750 

870 

3000 

300 

100 

50 



9745 



1895 
Mark. 

1925 



3500 
870 

3000 

300 

100 

50 



9745 



I. 

IL 

III. 

IV. 

V. 

VI. 

VII. 

VIII. 

IX. 

X. 

XI. 

XII. 

XIII. 

XIV. 

XV. 

XVI. 

XVII. 



Ausgaben. 

Miethe 

Vergütungen 

Gehalt dem Castellan und Pension 

Neujahrsgeschenke 

Für Heizung 

Beleuchtung 

Unterhaltung der Mobilien, Neu-Anschaffungen 

Feuer- Versicherungs- Gebühr 

Für Schreibbedarf 

Zeitungs- Anzeigen 

Druckkosten 

Buchbinderarbeiten 

Porti 

Kleine Auslagen 

Für verschiedene Sectionen 

Bibliothek 

Unvorhergesehene Ausgaben 

\ 



Summa der Ausgaben 



Mark. 

1860 
300 

1350 

9 

250 

200 

50 

- 30 

76 

200 

2500 
150 
200 
150 
300 
200 
300 



8125 



Breslau, den 11. December 1893. 



Das Präsidium der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



E. Heidenhain, (}. Bender, Keil, 

Präses. Vice-Präses. General-Secr. 



Ponfick, 

zweiter Gen.-Secr. 



Max Wiskott, 

Schatzmeister. 



Allgemeiner Bericht. 



5. das genealogische Institut in Kopenhagen. 

6. Direction des bosnisch - herzegovinischen Landesmuseums in 



Saragovo. 
Breslau, im März 1894. 



G. Limpricht. 



Bericht über die Herbarien der Gesellschaft. 

Im verflossenen Jahre wurden der Rest der Euphorbiaceen und 
Primulaceen sowie die Sapotaceen, Styraceen und Epacrideen, endlich 
ein beträchtlicher Theil der Gräser aufgeklebt und theilweise hinsichtlich 
der Bestimmung revidirt. Ausserdem wurden noch die schlesischen 
Rosen des Herbars aufgeklebt und von Fr. Crepin, dem hervorragendsten 
Kenner der Gattung, einer Revision unterzogen. 

Breslau, den 7. December 1893. 

Th. Schübe. 



Bericht über die Kassenverwaltung im Jahre 1893. 

Zu dem Bestände Ende 1892 von 292,05 Mark traten an Einnahmen 
im vergangenen Jahre 9757,90 Mark, wogegen verausgabt wurden 
8870,39 Mark, so dass ein Ueberschuss von 1179,56 Mark verblieb. 
Dagegen konnten aus den Erträgen 1000 Mark S 1 ^ °/ Posener Pfand- 
briefe angeschafft werden. Das Effecten-Conto beläuft sich nunmehr 
per 1. Januar 1894 auf 49 200 Mark, wogegen sich das Vermögen der 
Gesellschaft um 1887,06 Mark vermehrt hat und mithin im Ganzen 
50 379,56 Mark beträgt. 



Breslau, den 15. Mai 1894. 



Max Wiskott, z. Z. Schatzmeister. 



Verzeichniss 

sämmtlicher 

Mitglieder der Schlesischen Gesellschaft 
für vaterländische Cultur. 



Für die Etatszeit von 1894 und 1895. 



Die römischen Ziffern hinter den Namen bezeichnen die Sectionen (I. die medi- 
cinische, IL die hygienische, III. die naturwissenschaftliche, IV. die zoologisch- 
botanische, V. die historische, VI. die Section für Staats- und Rechtswissenschaft, 
VII. die entomologische, VIII. die archäologische, IX. die Section für Obst- und 
Gartenbau, denen die betreffenden Herren beigetreten sind. Die Sitzungen der 
einzelnen Sectionen werden jedesmal durch die Zeitungen bekannt gemacht; 
übrigens haben nach § 5 der Statuten alle Mitglieder der Gesellschaft das Recht, 

an denselben theilzunehmen. 



Präsidium der Gesellschaft. 

A. Vollziehender Ausschuss. 

Herr Geheimer Medicinalrath, Professor, Dr. Heidenhain, Präses. 

— Oberbürgermeister G. Bender, Vice-Präses. 

— Staatsanwalt Dr. jur. Keil, General-Secretair. 

— Geheimer Medicinalrath, Professor, Dr. Ponfick, zweiter General- 

Secretair. 

— Kaufmann und Fabrikbesitzer Max Wiskott, Schatzmeister. 

B. Directoren. 

Herr Cohn, Ferdinand, Dr., Geheimer Regierungsrath, Professor. 

— Förster, Dr., Geheimer Medicinalrath und Professor. 

— Grünhagen, Dr., Geheimer Archivrath und Professor. 



Mitglieder- Verzeichniss. 



Herr Hermann, Regierungs- und Eisenbahn-Director. 

— Kays er, Dr., Dompropst und Professor. 

— Ladenburg, Dr., Geh. Regierungsrath und Professor. 

— Pol eck, Dr., Geh. Regierungsrath und Professor. 

— Schöller, Leopold, Geh. Commerzienrath. 

— Weber, General-Major z. D. 



C. Secretaire der Sectionen. 

Herr Born, Dr., Professor und Prosector, Secretair der medicinischen 
Section. 

— Buchwald, Dr., Privatdocent, Primärarzt des Allerheil. Hospitals, 

Secretair der medicinischen Section. 

— Chun, Dr., Professor, Secretair der zoologisch - botanischen 

Section. 

— Cohn, Ferd., Dr., Geheimer Regierungsrath, Professor, Secretair 

der zoologisch-botanischen Section. 

— Cohn, Hermann, Dr., Professor, Secretair der hygienischen 

Section. 

— Elster, Dr., Professor, Secretair der Section für Staats- und Rechts- 

wissenschaft. 

— Flügge, Dr., Professor, Secretair der hygienischen Section. 

— Hermann, Regierungsrath und Eisenbahn-Director, Secretair der 

Section für Staats- und Rechtswissenschaft. 

— Hintze, Dr., Professor, Secretair der naturwissenschaftlichen 

Section. 

— Jacobi, Dr., Sanitätsrath, Privat-Docent und Königlicher Polizei- u. 

Stadt-Physikus von Breslau, Secretair der hygienischen Section. 

— Keil, Dr., Staatsanwalt, Secretair der Section für Staats- und 

Rechtswissenschaft. 

— Krebs, Dr., Professor, Secretair der historischen Section. 

— Mikulicz, Dr., Geh. Medicinalrath und Professor, Secretair der 

medicinischen Section. 

— Pax, Ferd., Dr., Professor, Secretair der Section für Obst- und 

Gartenbau. 

— Po leck, Dr., Geh. Regierungsrath und Professor, Secretair der 

naturwissenschaftlichen Section, 

— Ponfick, Dr., Geh. Medicinalrath und Professor, Secretair der 

medicinischen Section. 

— Reimann, Dr., Professor, Director des Realgymnasiums zum heil. 

Geist, Secretair der historischen Section. 

— Schöller, Leopold, Geh. Commerzienrath, Secretair der Section 

für Staats- und Rechtswissenschaft. 



10 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

D. Für die Bibliothek und die Museen. 

Herr Galle, Dr., Geheimer Regierungsrath, Professor. 

— Limpricht, Lehrer an der evang. Realschule II, Custos der 

Bibliothek. 

— Schübe, Dr., Oberlehrer amj Realgymnasium am Zwinger, Custos 

der Herbarien und der naturwissenschaftlichen Sammlungen. 



Die Bibliothek ist jeden Mittwoch von 3 — 5 Uhr, das Herbarium 
jeden Donnerstag von 3 — 5 Uhr Nachmittags geöffnet. 



A. Wirkliche einheimische Mitglieder. 

1. Herr Abel, J. , Dr. phil., Privatdocent. III. 1892. Universität, 

chemisches Institut. 

2. — Adler. A., Dr. med., I. II. III. IV. 1892. Museumsstr. 9. 

3. — Agath, Georg, Kaufmann und Mitinhaber der Firma A. Friebe. 

II. IX. 1891. Höfchenerweg, Agath'sche Villa. 

4. — Ahrens, F., Dr. phil., Privatdocent. III. 1892. Moritzstr. 39. 

5. — Alexander, Dr. med., Privatdocent. I. II. 1885. Bahnhof- 

strasse 7. 

6. — Alexander, H., Dr. phil. III. 1892. Königsplatz 8. 

7. — Althans, Geh. Ober-Bergrath. III. 1874. Claassenstr. 5. 

8. — Anderssohn, A., sen., Kaufmann. III. 1888. Anderssohnstr. 9. 

9. — Asch, S., sen., Dr. med. I. II. 1857. Klosterstr. la. 

10. — Asch, Robert, Dr. med. I. II. 1890. Tauentzienstr. 6 a. 

11. — Auerbach, L., Dr. med., Professor. I. II. III. IV. 1856. 

Agnesstr. 2. 

12. — Auerbach, Fr., Dr. phil. III. 1893. Langegasse 62. 

13. — Auras, R., Kaufmann. IL III. IV. 1892. Zimmerstr. 5/7. 

14. — Baum, H v Redacteur und Rittergutsbesitzer. III. VI. 1889. 

Charlottenstr. 18. 

15. — Bauch, G., Dr. phil., Oberlehrer an der evang. Realschule 

Nr. 2. V. 1883. Ohlauufer 32 a. 

16. — Beck, Arthur, Kaufmann. VI. 1893. Claassenstr. 3. 

17. — Beck, Otto, Kaufmann. IL IV. 1880. Schweidnitzerstadtgr. 30. 

18. — Becker, Directorial- Assistent am Schles. Provinzial- Museum. 

VIII. 1886. Berlinerstr. 56a. 

19. — Bender, Ober - Bürgermeister. II. V. VI. VIII. 1891. 

Museumsstr. 7. 

20. — Bielschowsky, Emil, Dr. med. I. IL III. 1889. Neue 

Schweidnitzerstr. 4. 



Mitglieder-Verzeichniss. i \ 



21. Herr Biernacki, Geheimer Justizrath. IV. 1892. Monhauptstr. 18. 

22. — Blankenheim, H., Apotheker. IL III. 1893. Monhaupt- 

strasse 1 a. 

23. — Bluhm, W. , Apotheker. II. III. IV. 1875. Tauentzien- 

strasse 32 b. 

24. — Bobertag, Dr. phil., Professor, Oberlehrer am Realgymnasium 

zum heiligen Geist. V. 1872. Lehmdamm 60. 

25. — Bock, Joh. Andr., Fabrikbesitzer und Apotheker. III. 1853. 

Tauentzienstr. 12. 

26. — Böhme, Dr. med., Generalarzt des VI. Armee -Corps. I. II. 

IV. V. 1893. Kaiser Wilhelmstr. 106. 

27. — Böttner, F., Dr. phil., Gymnasial -Oberlehrer. V. 1883. 

Breitestr. 19. 

28. — Born, Dr. med., Professor und Prosector. I. IV. 1875. 

Zimmerstr. 5/7. 

29. — Bornemann, Ober-Regierungsrath. V. VI. 1889. Berliner- 

strasse 77. 

30. — B rieger, Oscar, Dr. med. I. II. 1892. Königsplatz 2. 

31. — Bröer, Max, Dr. med., Stabsarzt a. D. I. ILJHI. VII. VIII. 

1874. Carlsplatz 3. 

32. — Brück, Julius, Dr. med., Professor. I. IL III. 1871. Schweid- 

nitzerstr. 27. 

33. — Brück, Leonh., Banquier. VI. 1880. Carlsstr. 7. 

34. — Büchler, Dr. med. III. 1885. Carlsstr. 45. 

35. — Buchwald, Dr. med., Privatdocent, Primär -Arzt des Aller- 

heiligen-Hospitals. I. IL IV. 1878. Neudorfstr. 5. 

36. — Burchar dt, Dr. med., Sanitätsrath. LH. 1873. Forckenbeck- 

strasse 11. 

37. — Burgfeld, Louis, Rentier. III. V. 1892. Tauentzienplatz 8. 

38. — Callomon, P., Dr. med. I. IL 1893. Paulstr. 19. 

39. — Caro, Georg, Dr. jur., Kaufmann. VI. 1877. Berlin. 

40. — Caro, Siegmund, Dr. med., Sanitätsrath. L IL 1868. Garten- 

strasse 34. 

41. — Caro, Jacob, Dr. phil., Professor. V. 1886. Kaiser Wilhelm- 

strasse 85. 

42. — Chotzen, M., Dr. med. I. IL 1888. Neue Graupenstr. 7. 

43. — Chun, Dr., Professor, Director des zoologischen Instituts. IV. 

1891. Heiligegeiststr. 13. 

44. — Cohn, Ferdinand, Dr. phil. et med., Geh. Regierungsrath, 

Professor, Director des pflanzenphysiologischen Instituts. IL 
III. IV. IX. 1852. Schweidnitzerstadtgr. 26. 

45. — Cohn, Hermann, Dr. med. et phil., Professor. I. IL III. 

1864. Neue Taschenstr. 31. 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

46. Herr Cramer, Ernst, Dr. med. I. II. III. 1892. Sonnenstr. 28. 

47. — Cramer, E., Regierungs- und Baurath. IL III. V. VIII. 1893. 

Palmstrasse 23. 

48. — Creutzberger, S., Dr. med. I. IL V. 1892. Höfchenstr. 12. 

49. — Croce, Richard, Dr. med. I. II. 1894. Paulstr. 12. 

50. — Dieterici, Dr. phil., Professor. III. 1890. Ohlauerstadt- 

graben 28. 

51. — Dittrich, Fürstbischof!. Ober-Consistorialrath. V. VI. 1863. 

Domplatz 2. 

52. — Dittrich, C, Dr. med., Sanitätsrath. I. 1893. Alexander- 

strasse 12. 

53. — v. Dömming, Alfred, Regierungs - Assessor. VI. 1893. 

Vorwerksstr. 11. 

54. — Dresdner, M., Dr. med. I. IL III. 1893. Scheitnigerstr. 9. 

55. — Dyhrenfurth, Dr. med. I. IL 1879. Moltkestr. 10. 

56. — Eckhardt, Wilhelm, Stadtrath. IV. VI. IX. 1879. Albrechts- 

strasse 37. 

57. — Ehrlich, Eugen, Kaufmann und Fabrikant. IL III. IV. VIII. 

IX. 1879. Schweidnitzerstadtgraben 16. 

58. — Ehrlich, J., Kaufmann. II. III. IV. V. VI. 1889. Kaiser 

Wilhelmstr. 14. 

59. — Eicke, Dr. med., Sanitätsrath, Besitzer einer Irren -Anstalt. 

I. IL 1881. Pöpelwitz. 

60. — Eidam, Eduard, Dr. phil., Director der agriculturbotan. Ver- 

suchs- u. Samencontrolstation. III. IV. VII. 1875. Matthias- 
platz 6. 

61. — Elias, Dr. med., Sanitätsrath. I. 1875. Gartenstr. 28. 

62. — Eisner, Dr. phil., Redacteur. III. V. 1840. Grünstr. 22, 

63. — Elster, Dr. phil., Professor. V. VI. 1888. Victoriastr. 14. 

64. — Ephraim, A., Dr. med. I. 1893. Tauentzienstr. 25. 

65. — Freiherr von Falkenhausen, Rittmeister a. D. VI. 1877. 

Wallisfurth bei Glatz. 

66. — Fendler, Justizrath, Rechtsanwalt und Notar. VI. 1881. 

Palmstr. 27. 

67. — Fiedler, Dr. phil, Director der Kgl. Ob.-Realschule. IL III. 

1859. Lehmdamm 3. 

68. — Fischer, B., Dr. phil., Director des chemischen Untersuchungs- 

Amts. IL III. 1892. Klosterstr. 74. 

69. — Flügge, Dr. med., Geh. Medicinalrath, Professor, Director des 

hygienischen Instituts. I. IL 1887. Ohlauerstadtgr. 16. 

70. — Förster, Dr. med., Geh. Medicinalrath, Professor, Director 

der ophthalmiatrischen Klinik. I. IL III. 1855. Ohlauer- 
stadtgr. 17/18. 



Mitglieder- Verzeichniss. 1 3 



71. Herr Foitzick, M., Ober-Bergrath. III. IV. V. VIII. 1890. Moritz- 

strasse 13. 

72. — Fr an kel, Ernst, Dr. med., Professor. I. IL 1871. Tauentzien- 

strasse 67. 

73. — Fränkel, Gustav, Dr. med., Sanitätsrath. I. IL 1874. Neue 

Schweidnitzerstr. 16. 

74. — Frank, H., Rentier. I1I.IV. V.IX. 1890. Kaiser Wilhelmstr. 93. 

75. — von Frankenberg-Proschlitz, Geh. Regierungs- und Cura- 

torial-Rath. IL III. V. VI. VIII. 1893. Agnesstr. 8. 

76. — Frech, F., Dr. phil., Professor. III. 1893. Garvestr. 23. 

77. — Freund, C. S., Dr. med. I. IL III. 1889. Schweidnitzer- 

stadtgraben 27. 

78. — Freund, Justizrath, Rechtsanwalt und Notar, Stadtverordneten- 

Vorsteher. V. VI. 1865. Schweidnitzerstadtgr. 20. 

79. — Freund, J., Dr. jur., Amtsgerichtsrath. VI. 1894. Kaiser 

Wilhelmstr. 68. 

80. — Fridrichowicz, Apotheker. III. IV. 1888. Scheitnigerstr. 44. 

81. — Friedenthal, A., Kaufmann. VI. 1887. Salvatorplatz 8. 

82. — Friedlieb, Dr. theol., Professor. V. 1847. Schmiede- 

brücke 35. 

83. — F ritsch, Apothekenbesitzer. IL III. 1887. Blücherplatz 3. 

84. — Fuhrmann, Wilhelm, Dr., Sanitätsrath, Director der Prov.- 

Hebammen-Lehranstalt. I. IL 1879. Kronprinzenstr. 23/25. 

85. — Galle, Dr. phil., Geh. Regierungsrath und Professor, Director 

der Sternwarte. III. 1852. Universität. 

86. — Gaupp, E., Dr. med., Privatdocent. I. IV. 1893. Vorwerks- 

strasse 64. 

87. — Gellner, Dr. med., Oberstabsarzt d. R. und Kreis wundarzt. 

I. IL III. IV. 1892. Claassenstr. 3. 

88. — Geppert, Dr. med., Professor. I. IL III, 1893. Ohlau- 

Ufer 34. 

89. — Gerlach, Dr., Privatdocent. VI. 1890. Augustastr. 46. 

90. — Ginsberg, S., Dr. med. LH. 1893. Kaiser Wilhelmstr. 3. 

91. — Goldschmidt, Michael, Kaufmann. VI. 1870. Freiburger- 

strasse 24. 

92. — Goldstein, A., Dr. med. I. IL III. 1889. Claassenstr. 19. 

93. — Goldstein, A., Kaufmann. V. VI. 1889. Kaiser Wilhelm- 

strasse 66, 

94. — Goldstein, J., Kaufmann. V. VI. 1889. Kaiser Wilhelm- 

strasse 66. 

95. — Gottstein, Dr. med., Professor. I. IL 1866. Gartenstr. 8. 

96. — Grempler, Dr. med., Geh. Sanitätsrath, I. 1854. Garten- 

strasse 35 b. 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

97. Herr Groenouw, A., Dr. med., Privatdocent. I. IL III. IV. 1893. 

Carlsstrasse 1. 

98. — Grosspietsch, J., Commissionsrath, Hoflieferant. V. VI. 1887. 

Schweidnitzerstadtgr. 22. 

99. — Grünhagen, Dr. phil., Geheimer Archivrath und Professor. 

V. VI. 1851. Neue Taschenstr. 17. 

100. — Grünhagen, Wilh., Apotheker. II. III. IV. 1881. Moritz- 

strasse 7. 

101. — Grüttn er, Oskar, Kaufmann. V. VI. IX. 1883. Ring 41. 

102. — Grüttner, Curt, Regierungsrath. III. V. VI. 1890. Kaiser 

Wilhelmstr. 70. 

103. — Grützner, General - Landschafts - Syndikus. V. VI. 1892. 

Bahnhofstr. la. 

104. — Grund, Max, Kaufmann. VI. 1880. Kaiser Wilhelmstr. 22. 

105. — Gühmann, P., Dr. med. I. IL 1892. Ring 44. 

106. — Haber, Siegfried, Kaufmann. IL V. VI. IX. 1887. Neue- 

gasse 13 a. 

107. — Härtel, H., Fabrikant chirurgischer Instrumente. I. IL 

1873. Weidenstr. 33. 

108. — Hainauer, Hermann, Particulier. IL III. IV. 1860. Schiller- 

strasse 8. 

109. — Hainauer, Julius, Commissionsrath, Buchhändler. IL V. 

1871. Schweidnitzerstr. 52. 

110. — Hancke, Dr. jur., Gerichts-Assessor. VI. 1890. Tauentzien- 

platz 11. 

111. — Hannes, Dr. med. I. IL 1873. Albrechtsstr. 30. 

112. — Hartmann, A., Mathematiker. III. VI. 1892. Salzstr. 11. 

113. — von Haugwitz, Rüdiger, Regierungsrath. III. IV. 1892. 

Matthiasplatz 14. 

114. — Hecke, Oscar, Dr. med., Arzt am Barmherz. Brüderhospital. 

I. 1880. Blumenstr. 4. 

115. — Hecke, H., Justizrath, Rechtsanwalt und Notar. V. VI. 

1893. Zwingerstr. 5. 

116. — Heidenhain, Dr. med., Geheimer Medicinalrath, Professor, 

Director des physiologischen Instituts. I. IL III. IV. VI. 
1859. Ohlauerstadtgr. 16. 

117. — Heilborn, Max, Dr. med. I. IL 1876. Junkernstr. 12. 

118. — Heilbrunn, S., Dr. med. I. IL 1892. Tauentzienplatz 9. 

119. — Hei mann, Dr. med. I. IL 1877. Telegraphenstr. 7. 

120. — Heimann, Geh. Commerzienrath u.Banquier. VI. 1885. Ring33. 

121. — Heinrich, Th., Kaufmann. IV. IX. 1890. Alexanderstr. 22. 

122. — Heinsius, Ober -Regierungsrath. IL III. VI. 1887. Am 

Oberschlesischen Bahnhof 20. 



Mitglieder- Verzeichniss. 15 



123. Herr Heller, Dr. med. I. III. 1853. Taschenstr. 7. 

124. — Hensel, Paul, Stadtgerichtsrath a. D. III. V. VI. 1877. 

Garvestr. 16. 

125. — Hermann, Regierungsrath und Eisenbahn-Director. II. III. 

IV. V. VI. 1886. Am Oberschi. Bahnhof 20. 

126. — Hiller, Dr. med., Stabsarzt und Privat-Docent. I. II. 1883. 

Friedrich- Wilhelmstr. 71. 

127. — Hintze, Dr. phil., Professor, Director des mineral. Museums. 

II. III. IV. 1887. Moltkestr. 7. 

128. — Hirt, Ludwig, Dr. med., Professor. I. 1871. Museumsplatz 3. 

129. — Holde fl ei ss, Dr. phil. , Professor, Director des landwirth- 

schaftl. Instituts. IL III. IV. 1879. Rosenthalerstr. Ib. 

130. — Holz, Albert, Banquier. V. VI. 1887. Gartenstr. 46. 

131. — Honigmann, Dr. jur. , Rechtsanwalt. VI. 1887. Carls- 

strasse 28. 

132. — Hübner, General - Landschafts - Syndikus a. D., Geheimer 

Regierungsrath. V. VI. 1854. Am Oberschi. Bahnhof 8. 

133. — Hübner, A., Stadtrath und Kaufmann. V. 1856. Albrechts- 

strasse 51. 

134. — Hürthle, Dr. med., Privatdocent. I. IL III. IV. 1893. 

Palmstrasse 3. 

135. — Hulwa, Franz, Dr. phil., vereideter Chemiker. IL III. IX. 

1871. Tauentzienstr. 68. 

136. — Jacobi, J., Dr. med., Sanitätsrath , Polizei- Stadt -Physikus 

von Breslau. I. II. 1874. Moltkestr. 18. 

137. — Jänicke, Arthur, Dr. med. LH. 1880. Neue Taschenstr. 20. 

138. — Jadassohn, Dr. med., Primär-Arzt des Allerheiligen-Hospitals. 

I. II. III. 1892. Zwingerstr. 8. 

139. — Janicke, Otto, Dr. med., Sanitätsrath, dirigirender Arzt des 

Augusta- Hospitals. I. II. III. 1880. Ohlauerstadtgr. 23. 

140. — Jonas, V., Dr. phil., Zahnarzt I. IL III. IV. 1893. Neue 

Taschenstr. 1 a. 

141. — Jünger, A., Buchhändler. III. V. VI. 1884. Breitestr. 1. 

142. — Juliusburger, Eduard, Dr. med. I. IL 1874. Neue 

Schweidnitzerstr. 17. 

143. — Junger, Ernst, Kunstgärtner. IV. 1872. Lehmdamm 34. 

144. — Just, Emil, Apotheker. III. IV. 1893. Matthiasplatz 2. 

145. — Kabierske, Dr. med. I. II. 1859. Klosterstrasse 81. 

146. — Kamm, M., Dr. med.. I. IL III. 1890. Matthiasplatz 1. 

147. — Käst, Dr. med., Professor, Director der medicinischen Klinik 

und Poliklinik. I. IL III. 1892. Neue Taschenstr. 32. 

148. — Kauffmann, S., Kaufmann und Fabrikbesiter. VI. 1887. 

Tauentzienplatz 3 a. 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

149. Herr Kayser, Dr. med. I. IL VI. 1884. Königsstr. 11. 

150. — Kayser, Johann, Dr. theol., Dompropst, Professor. V. VIII. 

1884. Domstr. 6. 

151. — Keil, Dr. jur., Staatsanwalt. V. VI. VIII. 1887. Augusta- 

strasse 51. 

152. — Keil, Fr., Geh. Baurath. VI. 1892. Kaiser Wilhelmstr, 81. 

153. — Kemna, Julius, Fabrikbesitzer. VI. 1880. Kaiser Wilhelm- 

strasse 64. 

154. — Kempner, Dr. med., Sanitätsrath. I. II. 1873. Tauentzien- 

platz 15. 

155. — Kiesewalter, Dr. med., Oberstabsarzt und Regimentsarzt. 

I. II. III. 1892. Grosse Feldstr. 11 e. 

156. — Kindel, W., Ober - Landesgerichtsrath. VI. 1892. Palm- 

strasse 30. 

157. — Kirchner, Dr. med., Generalarzt a. D. I. IL 1892. Kaiser 

Wilhelmstr. 118. 

158. — Kirsch, Oberst z. D. III. 1885. Moritzstr. 25. 

159. — Kleinwächter, W., Dr. med. I. II. III. 1893. Schweid- 

nitzerstadtgr. 27. 

160. — Kny, Dr. phil., Professor, Director des pflanzenphysiologischen 

Instituts der Universität und der landwirthschaftl. Hochschule 
in Berlin. Wilmersdorf bei Berlin. IV. 1869. 

161. — Kobligk, Staatsanwalt. V. VI. 1892. Sadowastr. 40. 

162. — Kobrak, Georg, Dr. med. I. II. 1892. Königsplatz 3b. 

163. — Köbner, Hugo, Dr. med. I. II. 1880. Schweidnitzerstr. 9. 

164. — Köhler, General -Major z. D. V. 1874. Am Oberschles. 

Bahnhof 24. 

165. — - Körber, W., Dr. phil., Gymnasial-Oberlehrer. V. 1883. 

Neudorfstr. 38. 

166. — Körner, Theodor, Dr. med. I. II. 1875. Claassenstr. 7. 

167. — Körner, Paul, Fabrikbesitzer. II. 1885. Kaiser Wilhelmstr. 42. 

168. — Kohn, Richard, Dr. med. I. II. 1884. Telegraphenstr. 9. 

169. — Kohn, S., Dr. med. I. II. III. 1893. Museumsplatz 10. 

170. — Kolaczek, Dr. med., Professor. I. IL 1875. Kaiser 

Wilhelmstr. 58. 

171. — Kolbenach, F., Staatsanwalt. VI. 1888. Nikolaistadt- 

graben 25. 

172. — Kopisch, Stadtrath und Kaufmann. III. IV. IX. 1889. 

Ernststr. 7. 

173. — von Korn, H., Stadtältester und Verlags -Buchhändler. IV. 

IX. 1853. Schweidnitzerstr. 47. 

174. — Krause, Robert, Dr. med. LH. 1890. Friedrich-Wilhelms- 

strasse 2 a. 



Mitglieder- Verzeichniss. 17 



175. Herr Krause, Max, Dr. med.. I. II. 1894. Bohrauerstr. 12. 

176. — Krebs, Dr. phil., Professor, Oberlehrer an dem Realgymnasium 

am Zwinger. V. 1873. Charlottenstr. 3. 

177. — Krienes, Hans, Dr. med., Stabsarzt. I. II. III. 1893. 

Victoriastr. 20. 

178. — Küntzel, Dr. med., Oberstabsarzt. I. II. III. 1892. Char- 

lottenstr. 16. 

179. — Küstner, Dr. med., Medicinalrath und Professor, Director 

der Geburtshilflichen Klinik. I. II. III. 1893. Maxstr. 5. 

180. — Kutzleb, Dr. phil., General-Secretair des Landwirthschaftl. 

Centralvereins. III. IV. VI. VI. IX. 1888. Matthiasplatz 6. 

181. — Kuznitzky, Dr. med. I. II. III. VI. 1892. Neue Taschen- 

Strasse 6. 

182. — Ladenburg, Dr. phil., Geh. Regierungsrath, Professor, Director 

des ehem. Instituts. IL III, VI. 1889. Kaiser Wilhelm- 
strasse 43. 

183. — Lange, Dr. med., Geh. Sanitätsrath. I. 1853. Ursuliner- 

strasse 5/6. 

184. — Land mann, Dr. med. I. IL 1890. Tauentzienstr. 10. 

185. — Landsberg, P., Dr. med. I. IL 1892. Gneisenauplatz 6. 

186. — Langer, Max, prakt. Stenograph. V. VI. 1892. Grünstr. 10. 

187. — Lasinski, Dr. med. I. IL 1874. Neue Taschenstr. 23. 

188. — Lasker, M.. Dr. med. I. II. 1892. Telegraphenstr. 3. 

189. — Leonhard, R., Dr. phil. III. 1893. Tauentzienstr. 22. 

190. — Lesser, Adolf, Dr. med., Professor, gerichtl. Stadt-Physikus, 

I. IL 1886. Teichstr. 3. 

191. — Limp rieht, G., wissensch. Lehrer an der evang. Realschule 

Nr. 2. IV. 1877. Palmstr. 29. 

192. — von Lippa, Lazer, Regierungs- Assessor. IL VI. 1893. 

Charlottenstr. 14. 

193. — Loewenhardt, Felix, Dr. med. I. IL III. 1892. Carlsstr. 1. 

194. — Luhe, W., Amtsgerichtsrath. V. VI. 1884. Bahnhofstr. 17. 

195. — Magnus, Hugo, Dr. med., Professor. I. IL 1882. Am 

Oberschles. Bahnhof 28. 

196. — Malachowski, E., Dr. med. I. IL 1889. Schweidnitzer- 

stadtgraben 12. 

197. — Mannowsky, Reichsbank - Director. IL III. VI. 1891. 

Wallstr. 11. 

198. — Markgraf, Dr. phil., Professor, Stadt-Bibliothekar u. Archivar. 

V. 1865. Rossmarkt 7/9. 

199. — Martius, Georg, Stadtrath. V. VI. 1887. Vorwerksstr. 29. 

200. — Martini, Dr. med. et phil., Sanitätsrath. IL III. 1871. 

Taschenstr. 25. 

2 



18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



201. Herr Maschke, Dr. phil., Medicinal-Assessor. II. III. IV. 1855. 

Tauentzienstr. 26. 

202. — Graf von Matuschka, Königl. Forstmeister a. D. III. IV. 

VII. IX. 1872. An der Kreuzkirche 4. 

203. — Meilly, Dr. med., Oberstabsarzt I. Kl., Garnisonarzt von 

Breslau. I. II. III. 1892. Forckenbeckstr. 4. 

204. — Meitzen, W., Geheimer Bergrath a. D. III. IV. V. 1892. 

Neue Taschenstr. 5. 

205. — Merkel, E., Lehrer am Realgymnasium zum heil. Geist. III. 

IV. 1884. Thiergartenstr. 43. 

206. — Methner, Alf., Dr. med., dirigirender Arzt bei Bethanien. 

I. II. III. 1891. Klosterstr. 86. 

207. — Meyer, O. E., Dr. phil., Professor, Geh. Regierungs-Rath, 

Director des physikalischen Cabinets. III. 1878. Schuh- 
brücke 38/39. 

208. — Meyer, S., Dr. med., Sanitätsrath , I. II. 1887. Tauentzien- 

platz 3. 

209. — Mez, Carl, Dr. phil., Privatdocent. IV, 1890. Monhaupt- 

strasse 1 c. 

210. — Michael, R. , Dr. phil., Assistent am mineralog. Museum. 

III. IV. 1893. Grünstr. 27 a. 

211. — Mikulicz, Dr. med., Geheimer Medicinalrath und Professor, 

Director der chirurgischen Klinik. I. II. III. 1890. Villa 
Sachs, Auenstr. 32. 

212. — Milch, Ludwig, Dr. phil., Privatdocent. III. IV. 1892. 

Tauentzienplatz 12. 

213. — Milch, Benno, Commissionsrath und Director der Breslauer 

Baubank. III. IV. VI. IX. 1863. Holteistr. 44. 

214. — Milch, H., Stadtrath. II. VI. IX. 1893. Tauentzien- 

platz 12. 

215. — Molinari, Leo, Geh. Commerzienrath, italienischer Consul. 

VI. 1888. Kaiser Wilhelmstr. 113. 

216. — Morgenstern, E., Verlagsbuchhändler. IL V. VI. 1861. 

Garvestr. 18. 

217. — Müller, Max, Verlagsbuchhändler. IV. IX. 1869. Teich- 

strasse 8. 

218. — Müller, Julius, Apotheker. I. II. III. 1873. Kaiser Wilhelm- 

strasse 17. 

219. — Müller, Ernst, Oberamtmann. VII. 1866. Matthiasplatz 13. 

220. — Müller, J., Dr. phil. II. III. IV. V. VII. 1893. Wilhelms- 

brücke 4. 

221. — Mündel, E., Rittergutsbesitzer. IL HL IV. V. VII. IX. 

1893. Kronprinzenstr. 38. 



Mitglieder-Verzeichniss. 19 



222. Herr Mugdan, Joachim, Kaufmann. III. IV. V. VI. VII. 1877. 

Ring 49. 

223. — Neefe, Dr. phil., Director des städtischen statistischen Amts. 

IL V. VI. 1887. Klosterstr. 24. 

224. — Neisser, Albert, Dr. med., Prof., Director der Universitäts- 

Klinik für Hautkrankheiten. I. II. IV. 1882. Museumsstr. 11. 

225. — Nesemann, Dr. med., Bezirks - Physikus. I. II. III. 1891. 

Kaiser Wilhelmstr. 54. 

226. — Neumeister, Dr. med. I. II. 1873. Klosterstr. 88. 

227. — Neustadt, L., Dr. phil. II. V. VI. VII. 1887. Sonnenstr. 17. 

228. — Niche, Edmund, Apotheker. III. IV. 1885. Charlottenstr. 10. 

229. — Nitsche, J., Dr. med., Sanitätsrath. I. II. III. 1893. 

Kaiser Wilhelmstr. 40. 

230. — Nitschke, Th., Kaufmann. III. 1889. Moritzstr. 24. 

231. — Freiherr Juncker von Ober-Conreut, Wirklicher Geh. 

Ober-Regierungsrath, Regierungs - Präsident. V. VI. VIII. 
1877. Königliche Regierung. 

232. — Opitz, Otto, Kaufmann und Fabrikbesitzer. II. III. 1888. 

Ohlauerstadtgr. 20. 

233. — Pannes, Dr. phil., Apotheker. II. III. 1874. Kaiser Wilhelm- 

strasse 44. 

234. — Partsch, Carl, Dr. med., Professor. I. II. 1880. Tauentzien- 

strasse 11. 

235. — Partsch, J., Dr. phil., Professor. III. 1893. Sternstr. 22. 

236. — Pax, Ferd., Dr. phil., Professor, Director des botanischen 

Gartens. III. IV. IX. 1892. An der Kreuzkirche 3. 

237. — Pfannenstiel, Dr. med., Privatdocent. I. IL 1891. Kloster- 

strasse 1 f. 

238. — P ei per, R., Dr. phil., Professor, Gymnasial-Oberlehrer. V. 

VII. 1867. Paulstr. 20. 

239. -— Pinno, H., Berghauptmann. II. III. V. 1892. Neue Taschen- 

strasse 2. 

240. — Plüddemann, Stadt-Baurath. IL 1887. Kaiser Wilhelm- 

strasse 58. 
24h — Pohl, J., Dr. med., Badearzt. I. IL III. 1893. Grosse Feld- 
strasse 10 c. 

242. — Poleck, Dr. phil., Geh. Regierungs -Rath und Professor, 

Director des pharmaceutischen Instituts. IL III. 1868. 
Schuhbrücke 38/39. 

243. — Ponfick, Dr. med., Geh. Medicinalrath, Professor, Director 

des pathologischen Instituts. I. IL 1878. Novastr. 3. 

244. — Poppe, Oscar, Rechtsanwalt und Notar. III. VI. 1887. 

Junkernstrasse 1/2. 

2* 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

245. Herr Prausnitz, G., Dr. phil. III. 1892. Ohlauerstadtgr. 2. 

246. — Pringsheim, Max, Kaufmann. III. VI. 1888. Garten- 

strasse 22 a. 

247. — Pringsheim, Fedor, Stadtrath. VI. 1892. Schweidnitzer- 

stadtgraben 10. 

248. — von Prittwitz und Gaffron, Regierungs-Referendar a.D., 

V. VI. VIII. 1873. Teichstr. 8. 

249. — Promnitz, F., Dr. phil., Fabrikbesitzer. II. IV. IX. 1892. 

Tauentzienstr. 66. 

250. — Graf von Pückler-Burghaus s, Königl. Wirkl. Geheimer 

Rath, Excellenz, Ober -Mundschenk, General- Landschafts- 
Director u. Königl. Kammerherr. V. VI. 1875. General- 
Landschaft. 
251» — Graf v. d. Recke-Volmerstein, General -Landschafts -Re- 
präsentant und Königl. Kammerherr. V. 1863. Kleinburg. 

252. — Reich, Carl, Dr. med. I. II. 1875. Neue Graupenstr. 14. 

253. — Reichelt, Const., Dr. med., Sanitätsrath. I. II. III. 1880. 

Matthiasplatz 17. 

254. — Reimann, Dr. phil., Professor, Director des Realgymnasiums 

zum heiligen Geist. V. 1847. Kaiserin Augustaplatz 1. 

255. — Reinbach, Dr. med. I. II. 1874. Freiburgerstr. 24. 

256. — Reitzenstein, Herrn., Amtsrichter. VI. 1891. Ohlauer- 

stadtgraben 17. 

257. — Ribbeck, General-Director. VI. 1893. Nikolaistadtgr. 12. 

258. — Richter, Emil, Dr. med., Medicinalrath, Professor. I. II. 

1872. Kaiser Wilhelmstr. 115. 

259. — Richter, Dr. med., Sanitätsrath. I. II. 1889. Gräbschner- 

strasse 5. 

260. — Richter, Bruno, Kunsthändler. III. IV. V. IX. 1886. Schloss- 

Ohle 1/3. 

261. — Richter, H., städtischer Garten -Inspector. IV. IX. 1887. 

Breitestr. 25. 

262. — Riegner, Oscar, Dr. med., Sanitätsrath, Primair-Arzt am Aller- 

heiligen-Hospital. I. II. III. 1874. 

263. — Riemann, Paul, Kaufmann. VI. IX. 1880. Kupferschmiede- 

strasse 8. 

264. — Riesenfeld, B., Dr. med. I. 1874. Ohlauerstadtgr. 28. 

265. — Riesenfeld, E., Dr. med. I. II. 1887. Tauentzienstr. 1. 

266. — Röhmann, Dr. med., Professor. I. II. III. 1888. Ohlauer- 

stadtgraben 16. 

267. — Röpell, M., Regierungsrath und Eisenbahn -Director. VI. 

1888. Berlinerplatz 20. 

268. — Rosemann, Dr. med. I. II. 1877. Hirschstr. 35. 



Mitglieder- Verzeichniss. 21 



269. Herr Rosen, F., Dr. phil., Privatdocent III. IV. IX. 1891. Kleine 

Domstr 7. 

270. — Rosenbach, Dr. med., Professor. I. II. III. 1878. Königsplatz 6. 

271. — Rosenfeld, Georg, Dr. med., Badearzt. I. II. 1886. Neue 

Oderstr. 13d. 

272. — Rosenstein, M., Dr. med. I. II. 1893. Gartenstr. 32c. 

273. — Rosenthal, Carl, Kaufmann. VI. 1887. Freiburgerstr. 34. 

274. — Rosenthal, J., Dr. med., Badearzt. I. II. 1892. Oberschi. 

Bahnhof 3. 

275. — Rüdiger, General-Director. V. VI. 1893. Bahnhofstr. 23. 

276. — Rügner, Dr. med., Sanitätsrath. I. II. 1870. Tauentzien- 

strasse 79. 

277. — Sachs, Emil, Kaufmann und Rittergutsbesitzer. V. VI. 

1888. Gartenstr. 9. 

278. — Sachs, E., Stadtrath a. D. III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. 

1889. Tauentzienstr. 74. 

279. — Sachs, H., Apotheker. II. III. 1892. Ohlauerstr. 3. 

280. — Sackur, Paul, Dr. med. I. 1894. Neue Taschenstr. 25. 

281. — Sandberg, Ernst, Dr. med., dirig. Arzt am Fränkel'schen 

Hospital. I. IL 1876. Junkernstr. 11. 

282. — Schäfer, Friedrich, Dr. med. I. II. 1881. Königsplatz 1. 

283. — Schieweck, Dr. phil., Professor, Oberlehrer an der evang. 

Realschule Nr. 1. V. 1875. Siebenhufenerstr. 32. 

284. — Schiff, Dr. phil., Oberlehrer am Johannes -Gymnasium. III 

IV. 1888. Mauritiusstr. 16. 

285. — Schlesinger, Ad„ Dr. med. I. IL 1881. Ring 57. 

286. — Schlesinger, Julius, Kaufmann. VI. 1887. Kaiser Wil- 

helmstr. 77. 

287. — Schmeidler, Dr. med., Sanitätsrath. I. II. 1870. Schweid- 

nitzerstadtgraben 21b. 

288. — Seh mi edel, Dr. med., Sanitätsrath, Bezirks -Physikus der 

Stadt Breslau. I. IL 1882. Tauentzienstr. 68 a. 

289. — Schnabel, Dr. med., Sanitätsrath, dirigirender Arzt des Barmh. 

Brüder-Hospitals. I. II. 1874. Taschenstr. 13/15. 

290. — Scholl er, Leopold, Geh. Commerzienrath. III. VI. 1874. 

Königsplatz 5 a. 

291. — Schollmeyer, Ober-Bergrath. III. 1890. Forckenbeck- 

strasse 9. 

292. — Schönborn, Dr. phil., Professor, Oberlehrer an dem Real- 

gymnasium zum heiligen Geist. V. VI. 1875. Paul- 
strasse 9. 

293. — Schottländer, Julius, Banquier und Rittergutsbesitzer. VI. 

1874. Tauentzienplatz 2. 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

294. Herr Schottländer, P., Dr. phil. IV. 1892. Tauentzienplatz 2. 

295. — Schröter, Dr. med., Professor, Ober-Stabs- und Regiments- 

arzt a. D. IV. IX. 1880. Kohlenstr. 12. 

296. — Schübe, Theodor, Dr. phil., Oberlehrer am Realgymnasium 

am Zwinger. IV. 1886. Tauentzienstr. 65. 

297. — Schulte, Dr. med., Oberstabsarzt und Regimentsarzt. I. II. 

III. 1892. Wallstr. 25. 

298. — Schulze, Dr. phil., Director der agriculturchemischen Ver- 

suchsstation des landwirtschaftlichen Centralvereins. II. 
III. IV. 1886. Matthiasplatz 14. 

299. — Schütze, J., Obergärtner. IX. 1892. Tauentzienstr. 86/88. 

300. — Schwahn, Dr. med., Sanitätsrath und Kreis -Physikus. I. 

II. III. 1883. Seminargasse 13. 

301. — Schweitzer, Hugo, Kaufmann. IL III. 1889. Höfchen- 

strasse 12. 

302. — Schweitzer, S., Particulier. V. VI. 1889. Gartenstr. 32b. 

303. — Seidel, Hermann, Fabrikbesitzer und Kaufmann. III. IV. IX. 

1872. Ring 27. 

304. — Senft leben, Dr. med., Sanitätsrath, Ober- Stabsarzt a. D. 

I. II. III. 1876. Kaiser Wilhelmstr. 13. 

305. — Serlo, W., Berg -Referendar. III. V. VI. 1893. Sadowa- 

strasse 54. 

306. — von Seydewitz, Dr., Königl. Wirklicher Geheimer Rath, 

Excellenz, Ober-Präsident der Provinz Schlesien u. Curator 
der Königl. Universität. I. III. V. VI. VII. VIII. 1880. 

307. — Silbermann, Dr. med. I. II. III. 1877. Tauentzienplatz 6. 

308. — Simm, Felix, Dr. med. I. II. 1876. Freiburgerstiv 42. 

309. — Simon, Hermann, Dr. med. I. II. 1885. Gartenstr. 17. 

310. — Skene, Carl, Kaufmann und Fabrikbesitzer. VI. 1880. 

Königsplatz 5 a. 

311. — S kutsch, Dr. med., Sanitätsrath. I. II. 1880. Tauentzien- 

strasse 26 b. 

312. — Soltmann, Dr. med., Professor, dirig. Arzt des Wilhelm- 

Augusta-Hospitats. I. II. 1873. Gartenstr. 29 a. 

313. — Sombart, Dr. phil., Professor. V. VI. 1890. Kaiser 

Wilhelmstr. 101. 

314. — Spiegel, Steindruckerei-Besitzer. II. 1868. Neue Schweid- 

nitzerstrasse 4. 

315. — Spitz, Baruch, Dr. med. I. II. 1890. Neue Schweidnitzer- 

strasse 1. 

316. — Steinitz, S., Dr. med. I. II. 1877. Ernststr. 7. 

317. — Steinschneider, Dr. med., Badearzt. I. II. 1890. Moritz- 

strasse 15. 



Mitglieder- Verzeichniss. 23 



318. Herr Stenzel, Dr. phil., Professor und Oberlehrer a. D. III. IV. 

1858. Ohlauerstadtgraben 26. 

319. — Stern, Emil, Dr. med., Sanitätsrath, Stadtkreis- Wundarzt. 

I. II. 1873. Tauentzienplatz 3. 

320. — Stern, R., Dr. med., Privatdocent. I. II. III. 1893. Lessing- 

strasse 9. 

321. — Steuer, Philipp, Dr. med., Stadtrath. I. II. 1873. Garten- 

strasse 32 b. 

322. — Stoll, G., Kgl. Oekonomierath. IV. 1866. Monhauptstr. 6. 

323. — Suermondt, William, Bergwerksbesitzer. III. VIII. 1892. 

Kaiser Wilhelmstr. 97. 

324. — Töplitz, Th., Dr. med. I. II. 1875. Teichstr. 2. 

325. — Trewendt, Ernst, Verlags - Buchhändler. II. V. VI. 1880. 

Tauentzienplatz 7. 

326. — - Tschackert, Dr. phil., Geh. Regierungs- und Provinzial- 

Schulrath, Professor. V. 1883. Garvestr. 13. 

327. — Uklanski, Walter, Regicrungs-Assessor. VI. 1893. Lessing- 

strasse 1. 

328. — Ulrich, Dr. med., Medicinal- Assessor u. Departements-Thier- 

arzt. I. IL III. 1873. Bahnhofstr. 23. 

329. — Viertel, Dr. med. I. II. 1875. Neue Schweidnifaerstr. 12. 

330. — Volkmann, W., Dr. phil., Oberlehrer. V. 1883. Goethestr.il. 

331. — Volz, Dr., Professor, Director des König!. Friedrichs -Gym- 

nasiums. II. III. V. 1893. Carlsstr. 29. 

332. — Wagner, E., Dr. phil., Mathematiker. III. VI. 1892. 

Augustastr. 40. 

333. — von Wallenberg-Pachaly, Gotth., Banquier und Consul 

von Schweden und Norwegen. VI. IX. 1887. Kaiser 
Wilhelmstr. 112. 

334. — Walter, Stadtrath und Rittergutsbesitzer. III. 1855. Auf 

Eisenberg. 

335. — Wandesieben, H., Ober - Bergrath. III. V. VIII. 1893. 

Garvestr. 6. 

336. — Weber, General - Major z. D. III. IV. VIII. IX. 1868. 

Tauentzienplatz 4. 

337. — Weiske, Dr. phil., Professor, Director des thierchemischen 

Instituts. III. 1881. Moltkestr. 18. 

338. — Weidemann, F., Kaufmann. IX. 1893. Kaiser Wilhelm- 

strasse 45. 

339. — Weile, Max, Dr. med. I. II. 1894. Gellhornstr. 12. 

340. — Weinhold, Friedr., Dr. med. I. II. III. 1892. Ring 52. 

341. — Weiss st ein, A., Dr. phil., Apothekenbesitzer. I. II. III. 

1878. Hintermarkt 4. 



24 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

342. Herr Werner, Hermann, Apotheker. III. IV. 1868. Ohlauufer 12. 

343. — W ernicke, C, Dr. med., Medicinalrath, Professor, Director 

der psychiatrischen Klinik und Poliklinik. I. II. III. 1885. 
Klosterstr. 87. 

344. — Werther, Adolf, Commerzienrath. VI. 1876. Museumsplatz 12. 

345. __ Werther, M., Dr. med. I. IL 1892. Tauentzienplatz 11. 

346. — Wiener, Max, Dr. med,, Professor. LH. 1879. Tauentzien- 

strasse 65. 

347. _ Wiskott, Theod., Commerzienrath. VI. 1872. Ohlauufer 6. 

348. — Wiskott, Max, Fabrikbesitzer und Kaufmann. III. V. VI. 

VIII. 1872. Kaiser Wilhelmstr. 69. 

349. — Wittschewsky, Redacteur der Schlesischen Zeitung. VI. 

1892. 

350. _ Wocke, Dr. med. IV. VII. 1847. Klosterstr. 87. 

351. — Wohltmann, F., Dr. phil., Professor. III. IV. VI. IX. 

1892. Matthiasplatz 12. 

352. — Wolff, Paul, Kaufmann. III. IX. 1870. Klosterstr. 86. 

353. — Wolff, Dr. med., Geh. Regierungs- und Medicinalrath. I. II. 

1865. Flurstr. 3. 

354. _ Wolff, Hugo, Fabrikbesitzer. III. IX. 1891. Forckenbeckstr. 8. 

355. _ Wolff, A., Dr. med. I. IL 1893. Neue Taschenstr. 3. 

356. — Wolffberg, Dr. med. I. IL III. 1887. Freiburgerstr. 9. 

357. — Wollner, Dr. med., Geh. Sanitätsrath. I. IL 1876. Schweid- 

nitzerstadtgraben 16 b. 

358. — Graf York von Wartenburg, Paul, Majoratsbesitzer. VI. 

1866. Klein-Oels. 

359. — Wutke, C, Dr. phil., Archiv - Assistent. V, VI. 1892. 

Ohlau-Ufer 31. 

360. — Zahn, A., Director. III. 1890. Brüderstrasse 3f. 

361. — Zopf, Professor, Oberlehrer an dem Realgymnasium zum heil. 

Geist. III. 1877. Lehmdamm 8. 

B. Wirkliche auswärtige Mitglieder. 

1. Herr Adelt, Dr. med., Sanitätsrath und Kreis-Physikus in Bunzlau. 

1893. 

2. — Adler, S., Dr., Sanitätsrath u. Kreis-Physikus in Brieg. 1890. 

3. — Alter, Dr., Sanitätsrath, Director der Provinzial- Irrenanstalt 

in Leubus. 1886. 

4. — Altmann, L., Kaufmann in Kattowitz. 1889. 

5. — Apfeld, Fabrikbesitzer in Neisse. 1888. 

6. — Becker, C, Dr. med., prakt. Arzt in Liegnitz. 1886. 

7. — vom Berge-Herrndorf, Major a. D. in Neisse. 1888. 

8. — Block, Salo, Kaufmann in Kattowitz. 1889. 



Mitglieder- Verzeichniss. 25 



9. Herr Bock, Louis, Kaufmann in Kattowitz. 1889. 

10. — Brand I., Hauptmann in Berlin im Kriegsministerium. 1888. 

11. — Braune, Ferd., Oekonomie-Rath und Rittergutsbesitzer auf 

Krickau bei Namslau. 1854. 

12. — C rey dt, Rittergutsbesitzer und Lieutenant d. Res. in Jauer. 1892. 

13. — Di eck, Dr. phil., Oberlehrer und Hauptmann a. D. in Gold- 

berg i. Schi. 1875. 

14. — Donders, Maschinen-Inspector in Kattowitz. 1889. 

15. — Dorn, Dr. med., Sanitätsrath, Stabsarzt z. D. in Jauer. 1892. 

16. — Dyhrenfurth, Walter, Rittergutsbesitzer in Jacobsdorf bei 

Kostenblut. 1889. 

17. — Dyhrenfurth, Felix, Dr. in Schockwitz bei Kattern. 1889. 

18. — Epstein, Rechtsanwalt in Kattowitz. 1889. 

19. — Färber, Dr. med., Sanitätsrath und Kreisphysikus in Katto- 

witz. 1889. 

20. — Feige, Julius, Mühlenbesitzer in Kattowitz. 1889. 

21. — Fernbach, Zeitungsbesitzer in Bunzlau. 1893. 

22. — Fiebig, Dr., Professor in Patschkau. 1887. 

23. — Franke 1, S., Dr. med., Rittergutsbesitzer in Neukirch bei 

Breslau. 1881. 

24. — von Frankenberg-Ludwigsdorf, General-Major z. D. auf 

Nieder-Schüttlau. 1870. 

25. — Freund, Dr. med., Sanitätsrath in Gleiwitz. 1889. 

26. — Fröhlich, Dr. med., prakt. Arzt in Bismarckhütte. 1892. 

27. — Gallinck, E., Rittergutsbesitzer in Krysanowitz. 1893. 

28. — Gläser, Dr. med., prakt. Arzt in Danzig. 1893. 

29. — Glaser, Dr. med., prakt. Arzt in Kattowitz. 1889. 

30. — Glaser, Hüttenmeister in Kunigundenhütte bei Kattowitz. 

1889. 

31. — Glaser, M., Mühlenbesitzer in Kattowitz. 1889. 

32. — Gössel, Major a. D. in Bunzlau. 1893. 

33. — von Gröbenschütz, Ober-Regierungsrath in Liegnitz. 1892. 

34. Gewerbe- Verein für Gleiwitz und Umgegend in Gleiwitz. 1872. 

35. Herr Grossmann, Dr. phil., Archivrath und Archivar des Königl. 

Haus-Archivs in Berlin. 1870. 

36. — Grotefend, Dr. phil., Archivrath in Schwerin i. M. 1872. 

37. — Guercke, Stadtrath und Buchhändler in Jauer. 1892. 

38. — Günter, Dr. med. in Jauer. 1892. 

39. — Haake, H., Fabrikbesitzer in Brieg. 1890. 

40. — Harttung, Helmuth, Apotheker und Stadtrath in Jauer. 1886. 

41. — Hasse, Georg, Dr. in Saarau. 1892. 

42. — Haupt, C. E., Königl. Gartenbau-Director in Brieg. 1890. 

43. — Heidborn, G., Erster Bürgermeister in Brieg. 1890. 



26 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur, 



44. Herr Hei mann, Max, Dr., Rittergutsbesitzer auf Wiegschütz bei 

Cosel OS. 1865. 

45. — Heintz, A., Dr., Director in Saarau. 1893. 

46. — von Hellmann, Dr. jur., Stadtrath und Rittergutsbesitzer auf 

Schloss Dalkau bei Quaritz. 1854. 

47. — Hennet, Dr. med., Ober-Stabsarzt in Görlitz. 1869. 

48. — Herrn stadt, Dr. med. in Reichenbach i. Schi. 1892. 

49. — Hirche, Apotheker in Landeck. 1881. 

50. — Freiherr von Huene, Major a. D. auf Mahlendorf bei Grüben. 

1865. 

51. — Jäkel. Otto, Dr. phil. in Neusalz a. 0. 1887. 

52. — Kahlbaum, Dr. med., Director der Heilanstalt in Görlitz. 

1882. 

53. — Kaluza, R., Gymnasial-Oberl ehrer in Kattowitz. 1889. 

54. — Kar au, G., Dr. phil. in Reinschdorf. 1892. 

55. — Kepp, Director der Zuckerfabrik in Alt-Jauer. 1892. 

56. — Kletschke, Landgerichtsrath in Schweidnitz. 1891. 

57. — Kleudgen, Dr. med., Sanitätsrath, Director der Irrenanstalt 

in Obernigk. II. 1881. 

58. — Knappe, 0., Banquier in Jauer. 1892. 

59. — Knauer, A. ; Pfarrer in Reinbeck bei Hamburg. 1881. 

60. — Koffmane, Gustav, Lic. theol., Pastor in Kunitz. 1881. 

61. — Kossmann, Landgerichtsrath in Liegnitz. 1886. 

62. — Kramsta, Richard, Rentier in Dresden. 

63. — von Kramsta, Georg, Rittergutsbesitzer in Frankenthal. 

1880. 

64. — Kreuschner, Rudolf, Steuerrath in Frankfurt a. M. 1886. 

65. — Krieg, Otto, Fabrikdirektor in Eichberg bei Schildau* 1874. 

66. — Kühn, Julius, Dr. phil., Geh. Regierungsrath und Professor in 

Halle a. S. 1858. 

67. — Kühn, Rechtsanwalt in Jauer. 1892. 

68. — von Kulmiz, Paul, Dr. phil. und Rittergutsbesitzer auf Con- 

radswaldau bei Saarau. 1864. 

69. — Kuznitzky, Ernst, Kaufmann in Kattowitz. 1889. 

70. — Landsberger, Ad., Banquier in Kattowitz. 1889. 

71. — Langenhan, A., Director in Liegnitz. 1881. 

72. — Langner, Dr. med. in Gnadenfrei i. S. 1891. 

73. — Latzel, J., Fabrikbesitzer in Barzdorf bei Schwammelwitz. 

1859. 

74. — Lehmann, Dr., Professor, Director in Kiel. 1884. 

75. — Limp rieht, Dr. phil., Kartograph in Berlin. 1890. 

76. — Lindemann, Bürgermeister a. D., Geh. Regierungsrath in 

Jauer. 1892. 



Mitglieder-Verzeichniss. 27 



77. Herr Loebinger, Dr. med., prakt. Arzt in Kattowitz. 1889. 

78. — Loewy, Dr. med. in Bunzlau. 1893. 

79. — Lüddecken, Ernst, Dr. med. in Liegnitz. 1886. 

80. — Mager, Stadtrath und Kaufmann in Jauer. 1892. 

81. — Mannigel, Dr. med., Ober-Stabsarzt I. Kl. in Glogau. 1888. 

82. — Mattheus, Banquier in Liegnitz. 1886. 

83. — Menzel, Bergmeister und Hütten -Director in Samuelglück. 

1889. 

84. — Metke, A., Hütten-Inspector in Baildonhütte bei Kattowitz. 1889. 

85. — Müller, General-Major a. D. in Bunzlau. 1893. 

86. — Münscher, Dr., Prorector und Professor in Jauer. 1892. 

87. — Neisser, Dr., Sanitätsrath in Berlin W., Matthäikirchstr* 13. 

1886. 

88. — Neisser, Clemens, Dr. med., Oberarzt a. D. in Leubus. 1889. 

89. — Nentwig, Erster Staatsanwalt in Beuthen OS. 1887. 

90. — Neutschel in Zabrze. 1889. 

91. — Noss, Dr. phil., Professor in Jauer. 1892. 

92. — Nothmann, Julius, Kaufmann in Kattowitz. 1889. 

93. — Nothmann, Max, Kaufmann in Kattowitz. 1889. 

94. — Oelsner, Ludwig, Dr. phil., Professor in Frankfurt a. M. 

1853. 

95. — Oertel, Ottomar, Oberbürgermeister in Liegnitz. 1886. 

96. — Ollendorff, Moritz, Kaufmann in Berlin SW., Königgrätzer- 

strasse 28. 1889. 

97. — Peltasohn, Justizrath, Rechtsanwalt und Notar in Liegnitz. 

1886. 

98. — Pfeiffer, Dr. phil., Apotheker in Steinau a/O. 1879. 

99. Philomathische Gesellschaft in Glatz. 1856. 

100. Philomathie in Reichenbach in Schi. 

101. Herr Presting, A., Apotheker in Domslau. 1893. 

102. — Pritsch, Landschafts-Syndikus in Jauer. 1892. 

103. Se. Durchlaucht der Herzog Victor von Ratibor, Fürst von 

Corvey, Prinz von Hohenlohe- Waidenburg-Schillingsfürst in 
Räuden. 1892. 

104. — Reinkober, Dr. med., Königl. Kreis - Physikus in Trebnitz. 

1887. 

105. — Richters, Dr. phil., Director der chemischen Fabrik in 

Saarau. 1874. 

106. — Richters, Th., Fabrikdirector in Woischwitz. 1893. 

107. — Rieger, Dr. med. in Brieg. 1892. 

108. — Röder r Dr. med., Geh. Sanitätsrath in Deutsch -Lissa bei 

Breslau. 1872. 

109. — Röhricht, W., Rechtsanwalt in Liegnitz. 1886. 



28 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

110. Herr Rose, H., Realgymnasial-Professor in Neisse. 1888. 

111. — Rüdenburg, B., Markscheider in Kattowitz. 1889. 

112. — von Salisch, Rittergutsbesitzer auf Postel bei Militsch. 1892. 

113. — Sander, Regierungs- und Schulrath in Bunzlau. 1893. 

114. — Freiherr von Schleinitz, Ober- Forstmeister in Liegnitz. 

1892. 

115. — Schmidt, Stadtrath in Brieg. 1891. 

116. — Schmidt, Dr. med. in Jauer. 1892. 

117. — Schmula, Landgerichtsrath a. D. in Oppeln. 1893. 

118. — Schneider, Dr., Ober-Stabsarzt a. D. in Mogwitz. 1888. 

119. — Schöffer, Kaufmann in Liegnitz. 1886. 

120. — Scholtz, Kreisthierarzt in Reichenbach in Schi. 1891. 

121. — Scholtz IL, Lehrer in Jauer. 1892. 

122. — Schüller, P., Dr. med. in Domslau. 1893. 

123. — Schumann, Carl, Dr. phil., Custos am Königl. botanischen 

Museum in Berlin. 1875. 

124. — Schwarz, Fr., Dr., Professor in Eberswalde. 1883. 

125. — Schwarz, C, Kaufmann in Liegnitz. 1886. 

126. — Sehlinke, Gustav, Fabrikbesitzer in Liegnitz. 1886. 

127. — Silberstein, Siegfried, Kaufmann in Kattowitz. 1889. 

128. — Sittka, Rechtsanwalt in Kattowitz. 1889. 

129. — Sperr, jun., Apotheker in Brieg. 1890. 

130. — Stahr, Dr., Sanitätsrath und Rittergutsbesitzer auf Wilxen 

bei Obernigk. 1881. 

131. — Staub, Dr. med., prakt. Arzt in Rosdzin OS. 1889. 

132. — Steinfeld, Siegm., Banquier in Liegnitz. 1886. 

133. — Graf von Stosch, Georg, Kreisrichter a. D. auf Hartau bei 

Langheinersdorf. 1871. 

134. — Strahl, Hauptmann und Lehrer an der Kriegsschule in Anclam 

(Pommern). 1888. 

135. — S trübe, Dr. med., Generalarzt I. Kl. in Carlsruhe in Baden. 

1885. 

136. — Süssbach, Dr. med., Sanitätsrath in Liegnitz. 1886. 

137. — von Tempsky, Hermann, Rittergutsbesitzer auf Baara bei 

Schmolz. 1872. 

138. — Tosnier, Dr. med. in Obernigk. 1892. 

139. — Trautmann, W., Apothekenbesitzer in Liegnitz. 1886. 

140. — Treu, Professor, Director in Potsdam. 

141. — Treumann, Julian, Dr. phil. in Hannover. 1889. 

142. — Troska, Albrecht, Dr. jur., Gerichts-Assessor a. D. in Leob- 

schütz. 1882. 

143. — Unverricht, H., Dr. med., Professor, Director in Magdeburg. 

1881. 



Mitglieder- Verzeichniss. 29 



144. Herr Völkel, Betriebsführer und Obersteiger in Kohlendorf bei 

Neurode. 1860. 

145. — Vogel, Hütten-Inspector in Rosdzin OS. 1889* 

146. — Voltz, Dr., Secretair des Berg- und Hüttenmännischen Ver- 

eins in Kattowitz. 1889. 

147. — Vüllers, A., Güter- und Bergwerks -Director in Paderborn. 

1886. 

148. — Wache, A., Regierungsrath in Kattowitz. 1889. 

149. — Waeber, R., Seminar-Director in Brieg. 1886. 

150. — Wagner, F., Dr. phil., Professor in Berlin NW. 1889. 

151. — Websky, Egmond, Dr., Geh. Commerzienrath in Wüste- 

waltersdorf. 1882. 

152. — Weltzel, Augustin, Dr., Geistlicher Rath und Pfarrer in 

Tworkau bei Kreuzenort. 1860. 

153. — Wilde, Dr., Stabsarzt in Peterswaldau. 1891. 

154. — Wolf, Amtsgerichtsrath in Bunzlau. 1893. 

155. — Zahn, Oberlehrer an der Landwirthschafts-Schule in Brieg. 1890. 

156. — Ziolecki, Königl. Baurath in Bunzlau. 1893. 

157. — Zwanziger, Eberhard, Fabrikbesitzer in Peterswaldau. 1891. 

C. Ehren - Mitglieder. 

1. Herr Beyrich, Dr. phil., Professor, Geh. Bergrath, Director der 

geologischen Landesanstalt in Berlin. 

2. — Bunsen, Dr. phil., Professor, Grossherzogl. Wirkl. Geheim- 

rath, Excellenz in Heidelberg. 

3. — Dudik, Dr., mährischer Landeshistoriograph in Brunn. 

4. — Freund, W. A., Dr. med., Professor in Strassburg i. E. 

5. — Fritsch, Dr. med., Professor, Geh. Medicinalrath, Director der 

geburtshilflichen Klinik in Bonn. 

6. — Geinitz, Dr. phil., Geh. Hofrath, Director des Königl. Mine- 

ralien-Cabinets in Dresden. 

7. — Grützner, Dr. med., Professor in Tübingen. 

8. — von Hauer, Franz, Dr., K. K. Hofrath und Intendant des 

K. K. naturhistorischen Hof-Museums in Wien. 

9. — Heine, Dr., Director der Ritter -Akademie und Domherr in 

Brandenburg a. H. 

10. — Hook er, Sir, J. D., Dr. in Bagshot bei London. 

11. — LeJolis, Aug., Dr., Director der Society nationale des sciences 

naturelles in Cherbourg. 

12. — Knoblauch, Dr., Geh. Regierungsrath und Professor, Präsi- 

dent der Kaiserlich Carolinisch - Leopoldinisch Deutschen 
Akademie der Naturforscher in Halle. 



30 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

13. Herr List er, Sir, Dr., Professor in London. 

14. — Loven, Dr. } Professor der Zoologie in Stockholm. 

15. — Menzel, Adolf, Professor, Mitglied des Senates der König]. 

Akademie der Künste in Berlin. 

16. — von Miaskowski, Dr., Geh. Hofrath, Professor in Leipzig. 

17. — Müller, Carl, Dr. phil. in Halle a. S. 

18. — Baron von Müller. Ferdinand, Dr., Gouvernements-Botaniker, 

Director der naturhistorischen Erforschungs-Commission für 
Australien in Melbourne. 

19. — Freiherr von Nordenfly cht, Königl. Ober- Präsident der 

Provinz Schlesien a. D, 

20. — Pringsheim, Dr. phil., Professor, Geh. Regierungsrath in 

Berlin. 

21. — Baron von Richthofe n, Ferdinand, Div, Professor in Berlin. 

22. — Schön wälder, Dr. phil., Professor in Görlitz. 

23. — Schwarz, Reichsgerichts-Rath in Leipzig. 

24. — v. St äff, genannt v. Reitzenstein, Kgl. General-Lieutenant 

a. D., Excellenz, auf Conradsreuth bei Hof in Bayern. 

25. — von Uechtritz-Steinkirch. Königl. Kammergerichts -Rath 

in Berlin. 

26. — Virchow, Dr., Geh. Medicinalrath und Professor in Berlin. 

27. — Waldeyer, Dr. med., Geh. Medicinalrath, Professor, Director 

der Anatomie in Berlin. 

28. — Wattenbach, Dr. phil., Geh, Regierungsrath und Professor 

in Berlin. 

29. — Willkomm, Dr., Professor, Director des botanischen Gartens 

in Prag. 

30. — Witte, Landgerichts-Präsident in Düsseldorf. 

D. Correspondirende Mitglieder. 

1. Herr Ab egg, Dr., Geh. Sanitätsrath, Director des Kgl. Hebammen- 

Lehrinstituts in Danzig. 

2. — AmoyMora, Don Marianna del, Dr.. Professor in Granada. 

3. — Ardissone, Francesco, Professor der Botanik an der land- 

wirtschaftlichen Akademie und Director des botanischen 
Gartens an der Brera in Mailand. 

4. — Arzruni, A., Dr. phil., Professor in Aachen. 

5. — A scher s on, P., Dr. phil., Professor der Botanik in Berlin. 

6. — Agustin, Wirklicher Geh, Ober-Finanzrath in Karlsruhe. 

7. — Freiherr v. Babo, A. W., Director der k. k. oenologischen 

und pomologischen Lehranstalt in Klosterneuburg bei Wien. 

8. — Bach mann, Dr., Privatdocent in Prag. 



Mitglieder- Verzeichniss. 31 



9. Herr Bail, Dr., Professor am Realgymnasium und Direcior der natur- 
forschenden Gesellschaft in Danzis;. 

10. — Blei seh, Dr. med., Kreis-Physikus u. Sanitätsrath in Strehlen. 

11. — Blümner, Dr. phil., Professor in Zürich. 

12. — Böttiger, Dr. phil., Professor und Hofrath in Erlangen. 

13. — Borzi, A., Dr., Professor der Botanik in Messina. 

14. — Bosshard, Adolf, Präses des Schweizerischen Obst- uud 

Weinbau- Vereins in Pfäffikon bei Zürich. 

15. — Briosi, Dr., Professor der Botanik in Pavia. 

IG. — Broca, Dr., Chirurgien des Höpitaux, Professeur aggrege in Paris. 

17. — Bürkli- Ziegler, Stadt-Ingenieur in Zürich. 

18. — Buhse, F., Dr. med., Secretair des naturhistorischen Vereins 

in Riga. 

V 

19. — Celakovsky, Ladislav, Dr., Professor der Botanik in Prag. 

20. — Claus, Dr., Professor der Zoologie in Wien, Director der 

zoologischen Station in Triest. 

21. — Conwentz, Dr., Professor, Director des Westpreussischen 

Provinzial-Museums in Danzig. 

22. — Danielssen, Dr., Chef- Arzt am Lungegaards- Hospital in 

Bergen (Norwegen). 

23. — Daubree, Dr., Mitglied des Instituts in Paris. 

24. — Debey, Dr. med. in Aachen. 

25. — von Doli er, Major, Vice -Präses des Karpathen- Vereins in 

Kesmark (Ungarn). 

26. — Dohrn, Anton, Professor Dr., Director der zoologischen Station 

in Neapel. 

27. — Dzierzon, Pfarrer in Karlsmarkt bei Stoberau. 

28. — Eitner, Robert, Redacteur der Monatshefte für Musikgeschichte 

in Berlin. 

29. — d'Elvert, k. k. Finanzrath in Brunn. 

30. — Freiherr v. Ettingshausen , Const., Dr., Professor in Graz. 

31. — Eulenberg, Dr., Geh. Ober-Medicinalrath und vortragender 

Rath im Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medi- 
cinal-Angelegenheiten in Berlin. 

32. — Favre, Alphonse, Dr., Professor in Genf. 

33. — Faye, F. C. Dr. med., Professor, Director der geburtshilfl. 

Klinik, Leibarzt Sr. Majestät des Königs von Schweden und 
Norwegen, Präsident der Societe de Medecine in Christiania. 

34. — Fiek, E., Apotheker in Cunnersdorf bei Hirschberg i. Schi. 

35. — Freiherr, von Fircks, Königl. Hauptmann a. D., Geheimer 

Regierungsrath in Berlin. 

36. — Fischer von Waldheim, Dr., Professor der Botanik und 

Director des botanischen Gartens in Warschau. 



32 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

37. Herr Friste dt, Dr., Professor in Upsala. 

38. — Freiherr von Friesen, Präses des Landes-Obstbau- Vereins 

für das Königreich Sachsen auf Rötha bei Leipzig. 

39. — Fritze, R., Gutsbesitzer auf Rydultau bei Czernitz OS. 

40. — Gerhardt, Oberlehrer in Liegnitz. 

41. — Freiherr von Gildenfeld, Präses des Vereins für Garten- 

bau für die Herzogthümer Schleswig-Holstein in Kiel. 

42. — Görlich, Pfarrer in Lieben thal. 

43. — Günther, Siegmund, Dr., Professor, Custos am naturwissen- 

schaftlichen Museum, South - Kensington, London. 

44. — Guhrauer, Dr. phil., Gymnasial-Director in Wittenberg. 

45. — Hagen, Dr. phil., Professor in Königsberg. 

46. — Hagen, Dr., Professor in Berlin. 

47. — Hartig, Robert, Dr., Ober-Forstrath, Professor in München. 

48. — Haszlinsky, Dr., Professor in Eperies (Ungarn). 

49. — Hellwig, Lehrer in Grünberg in Schi. 

50. — Hering, E., Dr. med., Professor in Prag. 

51. — Hernando y Espinosa, Don Benito, Dr., Professor in Granada. 

52. — Herzog, Dr. phil., Medicinal- Assessor, Apotheker in Braun- 

schweig. 

53. — Holmgren, Frithjof, Dr., Professor der Physiologie in Upsala. 

54. — Hoyer, Dr., Wirklicher Staatsrath, Professor, Excellenz in 

Warschau. 

55. — Jühlke, Hofgarten -Director der Königl. preussischen Gärten 

in Potsdam. 

56. — Kanitz, Dr., Professor, Director des botanischen Gartens in 

Klausenburg. 

57. — Kenngott, Dr. phil., Professor in Zürich. 

58. — Kerner, von Marilaun, Anton, Dr., Professor, Director des 

botanischen Gartens in Wien. 

59. — Kirchner, Dr. phil., Professor in Hohenheim. 

60. — Kleefeld, Dr. med., Sanitätsrath in Görlitz. 

61. — Klein, Dr. theol., Pfarrer in Gläsendorf bei Schreibendorf. 

62. — Knothe, Dr., Professor am Kadettenhause in Dresden. 

63. — Koch, R., Dr. med., Geh. Regierungsrath, Director des Instituts 

für Infectionskrankheiten in Berlin. 

64. — Köbner, Dr. med., Professor in Berlin. 

65. — Kr a atz, G., Dr. phil. in Berlin. 

66. — Kraus, J. B., k. k. Münz- und Bergwesens -Hof buchhaltungs- 

Official in Wien. 

67. — Krone, Hermann, Privatdocent der Photographie am Königl. 

sächsischen Polytechnikum in Dresden. 

68. — Kühne, Dr. med., Geh. Hofrath, Professor in Heidelberg. 



Mitglieder- Verzeichniss. 33 



69. Herr Leimbach, Dr., Professor, Präses der botanischen Gesell- 

schaft Irmischia in Arnstadt i. Thür. 

70. — Lichtheim, Dr. med., Professor in Königsberg. 

71. — Lindner, Dr. phil., Professor in Halle. 

72. — Litten, Dr. med., Professor in Berlin. 

73. — Lutter, R. , Dr., Professor, Director der Sternwarte in 

Düsseldorf. 

74. — Meyer, Alexander, Dr. jur. in Berlin. 

75. — Müller-Strübing in London. 

76. — Nawrocki, Dr., Professor in Warschau. 

77. — Neubert, Wilh., Dr. phil. in Stuttgart. 

78. — Neugebaue r, Dr. med., Professor in Warschau. 

79. — Neuland, Königl. preuss. Oberst a. D. in Berlin. 

80. — Neumann, Dr. med., Kreis-Physikus in Berlin. 

81. — Niederlein, Gustav, Inspector in Buenos-Aires, Argentinien. 

82. — Nothnagel, Dr., Hofrath, Professor in Wien. 

83. — Orth, A., Di\ phil., Professor in Berlin. 

84. — Peck, Dr. phil., Conservator des naturhistorischen Museums 

in Görlitz. 

85. — Penzig, Dr. phil., Professor und Director des botanischen 

Gartens und des Instituts Henburg in Genua. 

86. — Petzold, Dr. med., Wirklicher Staatsrath und Professor, 

Excellenz in Dorpat. 

87. — Pinzger, Dr., Gymnasial-Director in Saalfeld. 

88. — - Pistor, Dr., Regierungs- und Medicinalrath in Frankfurt a. O. 

89. — Ray er, Dr. med., Membre de Tlnstitut et de TAcademie de 

Medecine, President de la Societe de biologie in Paris. 

90. — Saccardo, P. A., Professor der Botanik in Padua. 

91. — von Sachs, J., Dr., Geh. Hofrath, Professor, Director des 

botanischen Instituts in Würzburg. 

92. — Sadebeck, R., Dr., Professor in Hamburg. 

93. — Sandberge r, Fridolin, Dr., Professor in Würzburg. 

94. — Saussure, Henri, Dr., Professor in Genf. 

95. — Schneider, Fritz, Dr. med., Stabsarzt der Niederländisch- 

Indischen Armee a. D. in Sarabaya (Java). 

96. — Schob el, Pfarrer in Ottmuth bei Gogolin. 

97. — Schomburg, R., Professor, Director des botanischen Gartens 

in Adelaide (West-Australien). 

98. — Schultz, Alwin, Dr. phil., Professor in Prag. 

99. — Seh wendener, Dr. phil., Professor in Berlin. 

100. — Senoner, Dr., Bibliothekar der k. k. geologischen Reichs- 

Anstalt in Wien. 

101. — Sonder egger, Dr., Sanitätsrath in St. Gallen. 



34 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

102. Herr Sorauer, Dr. phil., Professor in Proskau. 

103. — Stäche, Dr., k. k. Bergrath und Reichsgeologe in Wien. 

104. — Stevenson, J. J., Professor an der Universität New-York. 

105. — Strähler, Fürstlicher Oberförster a. D v Jauer. 

106. — Stur, k. k. Ober-Bergrath und Director der k. k. geologischen 

Reichsanstalt in Wien. 

107. — von Tichatscheff, Kaiserlich russischer Kammerherr in 

Paris. 

108. — Tempi e, Rudolf, Bureau -Chef der General -Assecuranz in 

Budapest. 

109. — Tietze, Dr. phil., Reichsgeologe in Wien. 

110. — Tsch ackert, Dr., Professor in Halle. 

111. — Verneuil, Chirurgien des Höpitaux, Professeur agr6ge in 

Paris. 

112. — Wartmann, Dr. ; Director in St. Gallen. 

113. — Weeber, k. k. Landes -Forstinspector und Forsttaxator in 

Brunn. 

114. — Wegehaupt, Gymnasial-Oberlehrer in Gladbach. 

115. — Weigert, Carl, Dr. med., Professor in Frankfurt a. M. 

116. — Wenck, Eduard, Dr., emerit. Pfarrer in Herrnhut, Sachsen. 

117. — Weniger, Dr., Gymnasial-Director in Weimar. 

118. — Wetschky, Apotheker in Gnadenfeld OS. 

119. — Wilckens, Dr. med., Professor an der Hochschule für Boden- 

cultur zu Wien. 

120. — von Wilmowsky, Geh. Justizrath in Berlin. 

121. — Wiesner, Dr., Professor und Director des pflanzenphysio- 

logischen Instituts der Universität in Wien. 

122. — Wittiber, Dr., Professor, Secretair der Philomathie in Glatz. 

123. — Wittmack, Dr., Geh. Regierungsrath, Professor, Custos des 

landwirtschaftlichen Museums in Berlin. 

124. — Wittrock, Dr., Director des Reichsmuseums in Stockholm. 

125. — Wood, Dr., Professor, Präsident der Philosophical Society 

in Philadelphia. 

126. — Freiherr von Zigno, Achilles, Podesta von Padua. 

127. — Zimmermann, Stadtrath in Striegau. 



Verzeichniss 

der 

Mitglieder der Section für Obst- and Gartenbau. 



Secretair: Herr Prof. Dr. Pax, Director des botanischen Gartens. 

Stellvertreter: Herr H. Richter, städt. Garten-Inspector. 

Verwaltungsvorstand: Herren Oberstabsarzt, Professor Dr. Schröter, 
Verlagsbuchhändler Max Müller, Kunstgärtner J. Schütze. 

A. Einheimische. 

1. Herr Agath, G., Kaufmann und Mitinhaber der Firma A. Friebe, 

Hummerei 18, 

2. — Beuchel, Jos., Obergärtner, Schweidnitzerstr. 37. 

3. — Blottner, Königl. Kanzlei-Rath a. D., Neue Junkernstr. 4b. 

4. — Bock, J. A., Fabrikbesitzer und Apotheker, Tauentzienstr. 12. 

5. — B rieger, Kunst- und Handelsgärtner, N. Tauentzienstr. 33/34. 

6. — Cohn, F., Dr. phil. et med., Geh. Regierungsrath, Professor, 

Director des pflanzenphysiologischen Instituts, Schweidnitzer- 
stadtgraben 26. 

7. — vonDrabizius, Baumschulenbesitzer, Kletschkaustr. 31. 

8. — Eckhardt, W., Kaufmann und Stadtrath, Albrechtsstr. 37. 

9. — Ehrlich, Eugen, Kaufmann und Fabrikant, Schweidnitzer- 

stadtgraben 16. 

10. — Frank, H., Rentier, Kaiser Wilhelmstr. 93. 

11. — Franke, L., Kunst- und Handelsgärtner, Neue Graupenstr. 10. 

12. — Friedländer, S., Hofbäckermeister, Ohlauerstr. 39. 

13. — Grüttner, 0., Kaufmann, Ring 41. 

14. — Guillemain, F., Kunst- und Handelsgärtner, Michaelisstr. 5. 

15. — Haase, E., Brauereibesitzer, Catharinenstr. 19. 

16. — Haber, Siegfr., Kaufmann, Neuegasse 13a. 

17. — Hanke, G., Eisenbahn-Betriebs-Secretair, Neue Junkernstr. 4a. 

18. — Heinrich, Th., Kaufmann, Alexanderstr. 22. 

19. — Heinze, E., Kunstgärtner, Parkstr. 37a. 

3* 



3G Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



20. Herr Hoelscher, Garten-Inspector im botanischen Garten. 

21. — Hulwa, F., Dr. phil., vereideter Chemiker, Tauentzienstr. 68. 

22. — Hüppe, Walter, Kaufmann, Reuschestr. 1. 

23. — Junger, H., Kunst- und Handelsgärtner, Lehmdamm 34. 

24. — Kärger. C. H. L., Kaufmann, Nikolaistadtgraben 24. 

25. — Kick heben, Verwalter des städt. Schulgartens in Scheitnig. 

26. — Kopisch, Stadtrath und Kaufmann, Ernststr. 7. 

27. — von Korn, H., Stadtrath und Verlags-Buchhändler, Schweid- 

nitzerstrasse 47. 

28. — von Korn, P., Rittergutsbesitzer, Tauentzienstr. 85. 

29. — Kutzleb, Dr. phil., General-Secretair des Landwirthschaftlichen 

Centralvereins, Matthiasplatz 6. 

30. — Marx, H., Canonicus, Domstr. 5. 

31. — GrafMatuschka, Königl. Forstmeister a. D., An der Kreuz- 

kirche 4. 

32. — Menzel, A., Garten-Ingenieur, Gartenstr. 21b. 

33. — Milch, B., Commissionsrath und Director, Holteistr. 44. 

34. — Milch, H., Stadtrath, Tauentzienplatz 12. 

35. — Möslinger, O., Particulier, Tauentzienstr. 37. 

36. — Mohr, Dr. phil., emer. Gymnasiallehrer, Messergasse 24. 

37. — Mrosowsky, C. , Kunstgärtner, Friebe'scher Eiskeller, 

Höfchenerweg. 

38. — Müller, Max, Verlagsbuchhändler, Teichstr. 8. 

39. — Mündel, Erd., Rittergutsbesitzer, Kronprinzenstr. 38. 

40. — Mündner, Heinrich, in Firma Oswald Hübner, Christophori- 

platz 5. 

41. — Nagel, C, Handelsgärtnereibesitzer, Lohestr., Nagelhaus. 

42. — Nedd ermann, C, Kaufmann u. Fabrikant, Am Rathhause 15. 

43. — Pax, Dr., Professor, Director des botanischen Gartens an der 

Kreuzkirche 3. 

44. — Pförtner v. d. Hölle, R., Generalland schafts -Repräsentant, 

Rittmeister a. D., Augustastr. 49. 

45. — Promnitz, F., Dr. phil., Fabrikbesitzer, Tauentzienstr. 66. 

46. — Graf von Pückler, Wirklicher Geheimer Rath, Excellenz, 

General-Landschafts-Director, Königlicher Kammerherr und 
Ober-Mundschenk. 

47. — Ranft, A., Handelsgärtnereibesitzer, Bohrauerstrasse. 

48. — Richter, H., städtischer Garten-Inspector, Breitestr. 25. 

49. — Richter, Bruno, Kunsthändler, Schloss-Ohle 1/3. 

50. — Riemann, Paul, Kaufmann, Kupferschmiedestr. 8. 

51. — Rosen, Dr. phil., Privatdocent, Kleine Domstr. 7. 

52. — Sachs, E., Stadtrath a. D., Tauentzienstr. 74. 

53. — Schmeisser, Garten-Ingenieur, Schillerst!*. 14. 



Mitglieder- Verzeichniss. 37 



54. Herr Schmidt, A., Kaufmann, Klosterstr. 74. 

55. — Scholtz, M., Apotheker, Paulstr. 36. 

56. — Schröter, Dr. med., Ober-Stabsarzt, Professor, Kohlenstr. 12. 

57. — Schütze, J., Obergärtner, Tauentzienstr. 86/88. 

58. — Seidel, H., Kaufmann, Thiergartenstr. 29. 

59. — Seidel, H., Landschaftsgärtner, Friedrich-Carlstr. 36. 

60. — Senzky, W., Kunst- und Handelsgärtner, Maxstr. 32 a. 

61. — St oll , G., Oekonomierath, Monhauptstr. 6. 

62. — Szmula, Ziegeleibesitzer in Grüneiche. 

63. — Techell, B., Kaufmann, Tauentzienstr. 78. 

64. — v. Wallenberg-Pachaly , G., Banquier, Consul von Schweden 

und Norwegen, Kaiser Wilhelmstr. 112. 

65. — Weber, Generalmajor z. D., Tauentzienplatz 4. 

66. — Weidemann, Franz, Kaufmann, Kaiser Wilhelmstr. 45. 

67. — Wink ler, F., Raths-Maurermeister, Bismarckstr. 20. 

68. — Wiskott, Th., Commerzienrath, Ohlauufer 6. 

69. — Wohltmann, Dr. phil., Professor, Matthiasplatz 12. 

70. — Wolff, P., Kaufmann, Klosterstr. 86. 

71. — Wolff, Hugo, Director, Forkenbeckstr. 8. 

72. — Zwicklitz, V., Fabrikdirector, Gräbschnerstr. 3. 

B. Auswärtige. 

1. Herr Behnsch, R f , Baumschulen-Besitzer in Dürrgoy bei Breslau. 

2. — Boring, J. G., Particulier in Poischwitz bei Jauer. 

3. — Bretzel, Obergärtner in Hartlieb bei Breslau. 

4. — Bürgel, Fürstlicher Garten -Director in Schloss Wittgenstein 

bei Bacau in Rumänien. 

5. — Freiherr von Czettritz-Neuhaus, Landesältester, Land- 

schafts-Director auf Kolbnitz bei Jauer. 

6. — Dubiel, E., Färber und Baumschulenbesitzer in Ohlau. 

7. — Eich ler, 0., Königl. Garten -Inspector, Stadtrath a. D. in 

Grünberg i. Schi. 

8. — Fischer, Obergärtner in Glogau. 

9. — Fitzner, W., Fabrikbesitzer in Laurahütte OS, 

10. — Galle, C, Kunst- und Handelsgärtner in Trebnitz. 

11. — Garbe, A., Lehrer und Cantor in Bahnhof Kohlfurt. 

12. Gartenbau-Verein in Ratibor. 

13. Herr Gireoud, H., Garten-Director in Sagan. 

14. — Goy, C. S., Kaufmann in Pitschen. 

15. — Grüger, A., Obergärtner in Pembowo, Posen. 

16. — Graf von Harrach, E., auf Klein-Krichen bei Lüben. 

17. — Haupt, C. E., Königl. Gartenbau-Director in Brieg. 



38 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

18. Herr Hei mann, M., Dr., Rittergutsbesitzer in Wiegschütz bei 
Cosel OS. 

10. — Reich sgraf zu Herb er st ein, S., Freiherr v. Neuberg und 
Guttenhaag, K. K. Kämmerer u. s w. zu Gratz, auf Grafen- 
ort bei Habelschwerdt. 

20. — Hiller, F. H., Lehrer in Brieg. 

21. — Graf von Hochberg, B., auf Rohnstock. 

22. — Hof mann, E., Fabrikbesitzer in Protschkenhain bei Mettkau. 

23. Se. Durchlaucht Hugo Fürst zu Hohenlohe-Oehringen, Herzog 

von Ujest auf Slawentzitz. 

24. Herr Freiherr von Humb rächt auf Rengersdorf. 

25. — Kaessler, Fr. Wilh., Inspector der Prov.-Zwangs-Erziehungs- 

Anstalt in Lublinitz. 

26. — Kam b ach, Rechnungsrath in Görlitz. 

27. — von Kessel, Rittergutsbesitzer auf Ober-Glauche bei Trebnitz. 

28. — Kittel jun., Obergärtner in Eckersdorf. 

29. — Klings, P., Hoflieferant in Berlin, Unter den Linden 19. 

30. — Klose, F., Baumschulenbesitzer in Spalitz bei Oels. 

31. — Kluge, Pfarrer in Nieder-Schönfeld, Reg.-Bez. Liegnitz. 

32. Fräulein v. Krams ta, M., Rittergutsbesitzerin aufMuhrau bei Striegau. 

33. Herr Kühn au, W., Kunstgärtner in Damsdorf bei Kuhnern. 

34. — Lauterbach, Dr., Rittergutsbesitzer in Stabelwitz bei Deutsch- 

Lissa. 

35. — Linz, Joh., Maschinenfabrik-Besitzer in Rawitsch. 

36. — Leschick, F., Fabrikbesitzer in Schoppinitz. 

37. — von Li er es und Wilkau, Rittergutsbesitzer auf Pastervvitz 

bei Wangern. 

38. — von Lieres und Wilkau, Rittergutsbesitzer auf Gnichwitz 

bei Canth. 

39. — Low, G., Apotheker in Stroppen bei Gellendorf. 

40. — Methner, P., Kaufmann und Fabrikbesitzer in Landeshut in 

Schlesien. 

41. — Müller, 0., Superintendent in Michelau bei Böhmischdorf. 

42. — von St. Paul, Corvetten-Capitain z. D., Hofmarschall in 

Fischbach in Schi. 

43. — Peicker, W., Hofgärtner in Räuden OS. 

44. — Perschke, städtischer Kirchhof- Inspector in Gräbschen bei 

Breslau. 

45. — PI o sei, J., Obergärtner in Falkenberg OS. 

46. — Graf von Praschma auf Schloss Falkenberg OS. 

47. Frau von Prittwitz und Gaffron auf Moisdorf bei Jauer. 

48. Herr Rad ler, Landesältester und Kreisdeputirter in Polnisch- Jägel 

bei Strehlen. 



■',') 



4'.). Herr Graf v. d. Recke-Volmerstein. B ter, Landesälte 

und Generalland -Repräi auf rlraschnitz. 

50. Praa 8 r & fi a R e i e h e n b a e b . geb. Gräfin Bethusy-Hnc, zu Pesten 

51. Herr Beil, Rittergutspächter in Choral Gogolin. 

52. — Reimann, Tb,, Gerbermeister in I J j 

53. — v. Reinersdorf-Paczensky, Rittmeister a. D 

auf Ober-Stradam bei m. 

54. — Rother, Garten-Director in Reisen, Posen. 

55. - Sachs, i\. Rittergui ßer in ^ iau hei Rothsürb' 

von Balisen, Rittergutsbesitzer auf Postel hei MiJitsc 

57. — Graf Behack Witten au. A.. gen. Graf ron Dankel- 

mann, in Beutben a. 0. 

58. — Graf von Schlabrendorf und Beppau, Erb -Ober -Land - 

baumeister, Majoratsherr auf : - bei Quaritz. 

Schnabel, R.. Baumschulen -Besitzer in Ohlgnt bei Ifftnster- 

berg« 
• l - Schönfelder. A.. Wirthschafts-Inspector ii i bei 

Wangern. 
61. — 6 tysek, J.. Pfarrer in Gros bei Gogolin. 

— Siegert, J.. Wanderlehrer in Liegnitz. 

63. — Stahr, Rittergutsbesitzer, prakt, Arzt, Dr, med. in Wi 

ernigk. 

64. — Stefke, E., Apotheker in Lissa bei Breslau. 

65. — Stephan, J.. Vorsteher der Prorinzial-Gärtner-Lel t in 

Kos eh min. Posen« 
Stittner, EL, Kunstgärtnei in bei 8 tz. 

67 Stranwald, EL, Kreis-Obergärtner in Oosel OS. 

68. — Sti :i. W,j B and Handels -Gärtner in Hasi 

Glatz. 
- itter, A.. Landes-Bauiuspector, Hauptmann a. D 
7 r >. — Teicher, ?,. Kunst- d. Hau in Pinna G. 1 

in Striegau. 
71. — von 1 i . H.. Ritte /.er auf B 

7 2. — Töpffer, C, E l a. 0. 

I I ' 

73. — • Trinke- B in Rzee 

74 . — T b c hapl o '■'»• i t z . Dr. p] in. 

75. Löbliche Verwaltung des von Lei 

Tsebirnau bei Reisen. 

Herr Wagner. Dr. med. in £ 
77. — von Wallenberg - Pachaly, G. . Ritterg 

— Walther. S -Xu a. D. und Ritl tzer au 

hei 



40 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

79. Herr Websky, E., Dr. phil., Geh. Commerzienrath in Wüstewalters- 

dorf. 

80. — Weikert, Pastor in Gross-Wandriss bei Mertschütz. 

81. — Weinhold, E., Kunst- und Handelsgärtner in Hirschberg. 

82. — Freiherr v. Welczeck, B., Kaiserl. Legations-Secretair a. D., 

Majoratsherr auf Laband OS. 

83. — Werner, F., Bergverwalter in Myslowitz. 

84. — von Zawadzky, F., Landesältester auf Jürtsch bei Canth. 



Sections- Versammlung in der Regel am zweiten Montage jeden Monats 

Abends um 7 Uhr. 



Die resp. Mitglieder dieser Section ersucht der Secretair dringend, ihm 
etwaige Veränderungen ihres Wohnortes anzuzeigen. 



Wanderversammlung 

der 

Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur 

zu Bunzlau 

Sonntag, den 2. Juli 1893. 



Am Sonntag, dem 2. Juli, also etwas später, als es sonst zu ge- 
schehen pflegte, unternahm die Schlesische Gesellschaft für vaterländische 
Cultur ihre diesjährige Wanderfahrt in die Provinz. Als Ziel hatte sie 
sich Bunzlau gewählt, wohin der um 6y 2 Uhr vom Märkischen Bahn- 
hofe abgehende Morgenzug etwa 50 Reisegenossen, Mitglieder der Ge- 
sellschaft und etliche Gäste, denen sich in Liegnitz noch mehrere Herren 
anschlössen, in etwas langsamer Fahrt beförderte. Das Wetter war 
prächtig; das den Himmel zum Theil bedeckende, leichte Gewölk dämpfte 
wohlthätig die sengende Gluth der Julisonne. Wenige Minuten nach 
9 Uhr war 'der Bunzlauer Bahnhof erreicht, wo das Ortscomite, an dessen 
Spitze der verdienstvolle Leiter der Königlichen Lehranstalten in Bunzlau, 
Herr Regierungs- und Schulrath Sander, stand, die Gäste mit herz- 
licher Begrüssung empfing. Zunächst ging es durch die Strassen des 
freundlichen, sauberen Städtchens nach dem am Ringe gelegenen Gasthof 
zum „Kronprinz von Preussen", in dessen Räumen eine allseitig sehr 
willkommen gebeissene leibliche Erquickung durch Speise und Trank 
geboten wurde. Mit einigem Widerstreben trennte man sich von der 
kühlen Erdbeerbowle und dem ausgezeichneten Münchener Bier, um 
unter kundiger Führung die Stadt zu durchwandern und deren Merk- 
würdigkeiten in Augenschein zu nehmen. 

Bunzlau, seit 1818 Kreisstadt und heute 13 000 Einwohner zählend, 
am rechten Boberufer anmuthig gelegen, soll 1190 von Herzog Boleslaw I. 
gegründet worden sein 5 für die fürstliche Tafel hatten seine slawischen 
Insassen den würzigen Honig aus den nahen Haidegebieten zu liefern. 
Man darf wohl annehmen, dass das nahe, rechts vom Flusse sich hin- 
ziehende Tillendorf die älteste Ansiedelung ist, die ihr Entstehen dem 



42 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Umstände verdankte, dass hier eine alte Handelsstrasse nach der Lausitz, 
Leipzig und dem Rhein den Bober überschritt. Drei Kretschame fanden 
sich da, von denen die „Drei Kränze" und die heute zum „Fürsten 
Blücher" gewordenen „Drei Linden" noch jetzt, wenn auch in veränderter 
Form, ihrem alten Zwecke dienen; um diese Einkehrstätten bildete sich 
allgemach ein grösserer Ort, der dann zu deutschem Rechte ausgesetzt 
wurde — wahrscheinlich bereits zu Anfang des 13. Jahrhunderts von 
Heinrich dem Bärtigen — während Alt-Bunzlau, das ältere slawische 
Dorf Boleslawicz, nach einem seiner Besitzer das Dorf des Tilo, Tillen- 
dorf, genannt ward. In der folgenden Zeit gehörte Bunzlau abwechselnd 
den Herzögen von Glogau, Löwenberg, Liegnitz und Schweidnitz, bis es 
1353 auf die Dauer ans Herzogthum Jauer fiel. Als dies nach dem 
Tode der Herzogin Agnes an die Krone Böhmen fiel, wurde das Burg- 
lehn Bunzlau 1392 an einen von Kreckwitz verpfändet, dem ein Zedlitz 
und dann die Gebrüder von Redern folgten. Fast das ganze 15. Jahr- 
hundert hindurch besass das Lehen die Familie von Raussendorf, die es 
durch die von SchellendorfT verwalten Hess, welche später selbst Herren 
von Bunzlau wurden. Nach ihnen kam es 1597 an den böhmischen 
Vicekanzler Dr. Mehl, 1594 aber erwarb die Stadt das Burglehn für 
sich. Das alte, heute leider sehr entstellte Wappen von Bunzlau zeigt 
zwei spitz bedachte Zinnenthürme über einer Mauer, zwischen denen 
ein hoher gothischer Giebel emporragt, in dessen Thoröffnung man den 
schlesischen Adlerschild erblickt. Bunzlau hat nur wenige Zeugen der 
Vergangenheit bewahrt, da es mit den meisten schlesischen Städten das 
Schicksal theilte, in Kriegsnöthen mehrfach ein Raub der Flammen zu 
werden. So steckten es 1428 die vor den Hussiten flüchtenden Bewohner 
selbst in Brand; am 18. Juni des nächsten Jahres versuchten sie sich 
der von Neuem ins Land brechenden böhmischen Horden zu erwehren, 
mussten dafür aber harte Strafe leiden: die Stadt wurde abermals ver- 
heert, die übrig gebliebenen Bürger aber schleppten die grimmen Gegner 
in die Gefangenschaft, aus der sie sich erst 1430 loskaufen konnten. 
1629 übten die Lichtensteiner unter dem „lebendigen Teufel" Vincenz 
de Solis, einem früheren Hechelmacher, ihr berüchtigtes „Seligmacher"- 
Handwerk hier aus; ein Jahrzehnt später verhängten die Schweden neue 
Plagen über den sich immer mehr entvölkernden Ort, und am 23. Sep- 
tember 1642 zerstörten ihn Torstenson's Schaaren von Grund aus. Nach 
dem Friedensschlüsse zählte Bunzlau, das früher über 3000 Einwohner 
gehabt hatte, deren nur noch 80. Auch der siebenjährige Krieg und 
die Befreiungskämpfe des Jahres 1813 brachten der Stadt viele Drang- 
sale; doch hat sie auch deren Nachwehen glücklich überwunden und 
sich zu einem blühenden, wohlhabenden Gemeinwesen entwickelt. 

Den fremden Gästen wurde zunächst das Rathhaus gezeigt, das 
gegenwärtig einem Umbau unterzogen wird. An die Südseite des im 



Wanderversammlung. 43 



Anfang des 16. Jahrhunderts erbauten, am Ende des vorigen in 
nüchternster Weise umgestalteten Renaissance-Gebäudes hat man neuer- 
dings ein reichverziertes Rundbogenportal vom Hause Niedermarkt Nr. 8 
versetzt. Bemerkenswerth ist der Rathskeller mit seinem kühn- 
geschwungenen Gewölbe und den eigenartig verschlungenen, zum Theil 
frei auslaufenden Rippen, ein Meisterstück des spätgothischen oder 
Flamboyant-Stiles, das dem berühmten Görlitzer Rathsbaumeister Wendel 
Rosskopf zugeschrieben wird. Dann ging es zur katholischen Pfarr- 
kirche, die, aus nachhussitischer Zeit stammend, viel Interessantes so- 
wohl in ihrem Bau wie in den zahlreichen Grabmälern aufweist. Be- 
sonders fiel ein Epitaph auf, dessen Mittelfeld mit der Opferung Isaaks 
durch die unbeholfene steife Darstellung an die altbyzantinischen Elfen- 
beinreliefs erinnert, während die Umrahmung, ein von Säulen getragenes 
dreitheiliges Gebälk mit Giebeldreieck, ein straffer Aufbau in guter 
Renaissance ist. Herr Geheimrath Grempler machte hier auf die an 
allen Seiten der Kirche in ziemlich gleicher Höhe in den Sandstein- 
quadern sich findenden Näpfchen und Rillen aufmerksam, über die er 
dann in seinem Vortrage sich näher auszulassen versprach. 

Auf dem weiteren Wege kam man zum Queckbrunnen, einem 
eingefriedeten, kleinen viereckigen Teiche, dessen klares Wasser die 
einzelnen Kiesel auf dem Grunde deutlich erblicken Hess. Das Wasser 
strömt hier in starkem Quell aus dem Boden und versorgt die Stadt, 
mit Ausnahme der Odervorstadt, seit Jahrhunderten mit köstlichem 
Trinkwasser. Martin Opitz hat auf den auch von anderen Dichtern in 
deutschen, lateinischen und sogar griechischen Versen besungenen 
Brunnen ein begeistertes Loblied verfasst, in dem er ihn „unerschöpfte 
Lust, Wohnhaus aller Freuden, Bad der Najaden und köstlichste 
Fontaine" nennt. Als 1837 beim Grundgraben für das neue Speisehaus 
des Waisenhauses der Quickborn plötzlich versiegte, kam es zu so 
schlimmen Auftritten mit der Bürgerschaft, dass der Oberpräsident von 
Merkel persönlich vermitteln musste, und die aufgeregten Gemüther be- 
ruhigten sich erst, als sich nach dem Bau der Grundmauern das Wasser 
wieder einstellte. Bei der Besichtigung des Brunnens wurde auch von 
kundiger Seite hervorgehoben, dass Bunzlau nächst den im 12. Jahr- 
hundert von Mönchen hergestellten Rieselanlagen in Mailand die ältesten 
Rieselfelder besitzt, die bis auf die im Anfange dieses Jahrhunderts 
in Edinburg eingerichtete Berieselung bekannt geworden sind. Im Jahre 
1531 wurde mit dem Bau der „Anzucht" (Aquaeductus) begonnen, d. h. 
der bis auf die Gegenwart erhaltenen und benutzten, im Innern der 
Stadt unterirdischen, gemauerten, begehbaren Kanäle zur Abführung der 
städtischen Abwässer vom Stadtkeller zum Stadtgraben und weiter bis 
in die nordwestlich von Bunzlau sich erstreckenden „Lohegärten". Die 
Kanäle liegen wie die Wasserleitungsröhren auf der Hinterseite der 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Häuser und bewässern die Gartenländereien der Niedervorstadt und die 
"Wiesen von Tillendorf. 

Auf der Promenade wurde darauf das vom Marktplatz hierher ver- 
setzte und jüngst völlig erneuerte Kutusow-Denkmal besichtigt. Der 
russische Feldmarschall starb hier in Bunzlau am 28. April 1813; seine 
Gebeine sind in dem nahen Tillendorf bestattet, auf dessen Höhen 
Blücher die nach der Schlacht an der Katzbach noch einmal vor- 
dringenden Franzosen wiederum siegreich zurückwarf. Der 12 Meter 
hohe Obelisk, auf dessen Sockel zwei Löwen ruhen, trägt auf olivgrünem 
Grunde echtvergoldete Inschriften in deutscher und russischer Sprache, 
in denen Friedrich Wilhelm III. seiner innigen, übrigens in so reichem 
Maasse von Kutusow nicht verdienten Dankbarkeit gegen den russischen 
Heerführer Ausdruck giebt. Hinter dem mit gärtnerischen Anlagen ge- 
zierten Denkmalsplatze zeigen sich noch Reste der alten Wehrbauten, 
ein Stück Stadtmauer mit vortretenden Streichwehren. Das letzte Ziel 
der Wanderung war der weitbekannte grosse Topf. Bunzlau ist be- 
kanntlich der Sitz einer alten Töpferei, die der Stadt weit über die 
Grenzen der Heimath hinaus einen berühmten Namen gemacht hat. Die 
hier verfertigten braunen Gefässe waren, wie Sinapius erzählt, einst im 
Auslande eben so geschätzt, wie der Breslauer Liqueur: in St. Peters- 
burg wie in Konstantinopel trank man den Kaffee aus Bunzlauer Krügen, 
und „diese gemeine Fayence wurde nicht selten dem schönsten englischen 
Steingut vorgezogen". Noch heute werden die 3 ,Punzel-Täppe a oder 
„das Bunschliche" nicht allein von den schlesischen Landfrauen in hohen 
Ehren gehalten. Jetzt bestehen neben den alten Töpfereien auch 
Fabriken mit Dampfbetrieb. Das Wahrzeichen Bunzlaus als „Athenäum 
der Töpfer" ist nun jener grosse Topf, der in einem kleinen Häuschen 
sorglich gehütet wird und von einem Culturhistoriker als ein charakte- 
ristisch schlesisches Seitenstück zu den Weinfässern von Heidelberg und 
Königstein bezeichnet worden ist. Meister Joppe fertigte dieses 
16 Scheffel messende, 7 Fuss hohe Gefäss aus ungebranntem Thon, das 
noch auf der Drehscheibe steht, auf der es angeblich aus einem Stück 
hergestellt worden ist. Der feine weisse Thon, der das Material zu den 
Bunzlauer Töpfer waaren liefert, kommt in grossen Lagern im Quader- 
sandstein vor, der an vielen Stellen, besonders bei Warthau, gebrochen 
wird und sich ausgezeichnet verarbeiten lässt. Vom grossen Topfe kehrte 
die Gesellschaft nach dem „Kronprinzen" zurück, um nach kurzer Rast 
sich nach dem Gymnasium zu begeben, in dessen Aula die wissenschaft- 
liche Sitzung um 11 Uhr beginnen sollte. Der Weg führte an dem aus 
einem alten Zeughaus entstandenen Theater vorüber, in dessen Nähe 
inmitten hübscher Anlagen sich die von Michaelis modellirte Büste von 
Martin Opitz von Bober feld auf einem Sockel von schlesischem 
Granit erhebt; jener, der „Vater und Wiederhersteller der Poesie", hat 



Wanderversammlung. 45 



1597 hier auf der Zollstrasse das Licht der Welt erblickt, das mit der 
Gedenktafel bezeichnete Gebäude ist aber, wie Dr. Wernicke, der ver- 
diente Chronist Bunzlaus, nachgewiesen hat, nicht das richtige Geburts- 
haus. 

Das 1864 mit einem Kostenaufwande von 70 000 Thalern von der 
Stadt erbaute, jetzt königliche Gymnasium in Bunzlau, in dessen Aula 
die wissenschaftliche Sitzung stattfand, ist ein schönes, monumentales 
Bauwerk in neugothischem Stil; nach allen Seiten frei gelegen, erfreut 
es sich einer ausserordentlichen Lichtfülle, und auch seine innere Ein- 
richtung ist mustergültig. Die prächtige Aula, deren Verzierungen eben- 
falls in gothischen Formen ausgeführt sind, hat eine getäfelte Decke; 
von den Wänden schauen die überlebensgrossen Medaillonbildnisse 
unserer grössten Denker und Dichter herab, und die 22 Fuss hohen 
Fenster der Kathederseite schmückt reichfarbige Glasmalerei. Der 
Director der Anstalt, Regierungs- und Schulrath Sander, ist gleich- 
zeitig auch Leiter des Waisenhauses, der segensreichen Stiftung des 
1705 in Tillendorf geborenen Bürgers und Maurers Gottfried Zahn. 
Dieser hatte, selbst früh verwaist, die traurige Lage elternloser armer 
Kinder von Grund aus kennen gelernt, und als er später von dem Ge- 
deihen des Francke'schen Liebeswerkes in Halle hörte, erwachte in ihm 
der Wunsch, eine ähnliche Anstalt zu gründen. Mit Hilfe milder Gaben 
kaufte er ein Grundstück, auf dem am 5. April 1755 der Grundstein 
für das Waisenhaus gelegt wurde. Neun Jahre später zählte dasselbe 
bereits 5 Lehrer, 12 Freischüler, 22 Waisenkinder und 84 Pensionaire. 
Eine von zwei Herren von Richthofen gemachte grössere Schenkung er- 
möglichte den sehr bald nothwendig werdenden Bau eines neuen Schul- 
und Pensionshauses. Später zog das Institut einen beträchtlichen Gewinn 
aus der 1767 errichteten Buchdruckerei, die auch 1774 die Herstellung 
der für die schlesische Culturgeschichte höchst werthvollen „Bunzlauischen 
Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen" übernahm. 1803 ging das 
Waisenhaus in den Besitz des Staates über; 1815 kam eine Mittelschule, 
1816 das Lehrerseminar dazu. Eine bedeutende Vermehrung erfuhr das 
Anstaltsvermögen vor einem Jahrzehnt durch die Vermächtnisse des 
Kreisgerichts-Directors Hilse in Lublinitz und seiner Gattin im Gesammt- 
betrage von 150000 Mark. 

Gegen 11 Uhr versammelten sich in der Gymnasialaula die Mit- 
glieder der Vaterländischen Gesellschaft, zahlreiche Gäste aus Bunzlau 
und Umgebung, darunter auch einige Damen, und viele Schüler, um die 
in Aussicht gestellten wissenschaftlichen Vorträge anzuhören. Die von 
einem Gitter gegen den Saal hin abgegrenzte Estrade mit dem Redner- 
pult war mit blühenden und immergrünen Gewächsen geschmackvoll 
decorirt. Vor dem Beginn der Sitzung wurde eine von dem Verleger 
des „Niederschlesischen Couriers", Herrn G. Wolf, gestiftete Festgabe 



46 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

vertheilt, ein Erinnerungsblatt mit lithographischen Abbildungen des 
Bunzlauer Rathhauses — aus dem 17. Jahrhundert und nach dem dies- 
jährigen Umbau — des Rathskellers, des bereits erwähnten Renaissance- 
portals und zweier Stadtsiegel von 1303 und 1353. Schon vorher hatte 
Sanitätsrath Dr. Adelt eine sehr interessante Abhandlung über die 
Canalisations- und Rieselanlagen der Stadt und deren Gesundheitsver- 
hältnisse den Theilnehmern an der Wanderversammlung als werthvolles 
Geschenk überreicht. Herr Regierungsrath Sander begrüsste zunächst 
„als Vogt und Verwalter dieses Hauses" das Directorium und die Mit- 
glieder der Vaterländischen Gesellschaft mit herzlichen Worten. Manche 
der Herren hätten wohl beim Hinaufgehen im Erdgeschoss die Inschrift 
gelesen: „Arx humanitatis deo, patriae, literis consecrata. a Eine ähn- 
liche Bestimmung habe auch die Vaterländische Gesellschaft. Allerdings 
sei der erste Punkt aus ihrem Programme ausgeschlossen, doch solle 
damit dnrchaus nicht eine gegnerische Stellung zur Religion ausgesprochen 
sein; die Pflege vaterländischer Gesinnung und wissenschaftlichen Strebens 
sei dagegen ebenfalls das Ziel der vor nunmehr 90 Jahren ins Leben 
gerufenen Vereinigung. Mit besonderer Freude hiess dann der Redner 
die in so stattlicher Zahl erschienenen Professoren und Docenten der 
Breslauer Universität willkommen, vor allen aber den Rector magnificus, 
Herrn Geheimrath Ponfick. Im Namen der Gesellschaft dankte Ge- 
heimrath Pol eck, dem als dem zweiten Generalsecretair die Vertretung 
derselben zugefallen war, da der Präses, Geheimrath Heiden hain, 
durch Reconvalescenz, der Vicepräses, Oberbürgermeister Bender, durch 
sein Verweilen im Herrenhause und der erste Secretair, Geh. Regierungs- 
rath Dickhuth, durch Krankheit verhindert worden waren, an dem 
Ausfluge sich zu betheiligen. Geheimrath Poleck bemerkte, dass sich 
die Gesellschaft um so lieber entschlossen habe, diesmal Bunzlau als 
Ziel der Sommerfahrt zu wählen, als ja gerade diese Stadt so viel des 
Interessanten biete, und theilte sodann mit, dass von der „Litteratur der 
Landes- und Volkskunde der Provinz Schlesien", die Prof. Dr. Partsch 
im Auftrage der Gesellschaft zu bearbeiten übernommen habe, nunmehr 
das zweite Heft erschienen sei. Er berief darauf zum Leiter der Sitzung 
Herrn Regierungsrath Sander, zu Beisitzern von Einheimischen die 
Herren Dr. h. c. Graf Arminius zur Lippe-Biesterfeld- Weiss en- 
feld auf Ober-Schönfeld und Generalmajor Müller, aus Breslau die 
Herren Geheimrath Ponfick und Stadtverordneten -Vorsteher Justizrath 
Freund, endlich zu Schriftführern die Privatdocenten Dr. Rosen und 
Dr. Pfannen stiel. Die Reihe der Vorträge eröffnete Privatdoccnt 
Dr. Ger lach mit Ausführungen zur „Währungsfrage", wobei er, an- 
knüpfend an die Schliessung der indischen Münze für die freie Silber- 
prägung, vornehmlich die Fragen erörterte: welchen Einfluss hat die 
Währung auf die Preisverhältnisse, und wie kommt es, dass das Welt- 



Wanderversammlung. 47 



handelsgebiet sich in ein Goldwährungs- und ein Silberwährungsgebiet 
scheidet, welche Missstände ergeben sich hieraus und welche Abhilfe 
erheischen sie? Seinen Vortrag ganz zum Abschluss zu bringen, war 
der Redner leider durch die Kürze der ihm zugemessenen Zeit ver- 
hindert. Auch Herr Geheimrath Ferd. Cohn musste seine höchst an- 
ziehenden Mittheilungen über „Selbstentzündung" zum allgemeinen Be- 
dauern sehr früh abbrechen; dieselben werden demnächst vollständig 
zur Veröffentlichung gelangen. Ausserdem sprachen : Geheimrath 
Grempler über „Altertümliches aus Bunzlau", Geheimrath Ponfick 
über „Rückgratsverkrümmungen", Professor Hintze über „Geologisches 
aus der Gegend von Bunzlau", Privatdocent Dr. Hürthle über den 
„Einfluss der Bewegungsnerven auf das Wachsthum der Muskeln und 
Knochen" und Dr. med. Kays er über ein nach seinen Angaben ge- 
fertigtes Kehlkopfmodell, das er vorzeigte. 

Alsbald nach dem Schlüsse der wissenschaftlichen Sitzung begab 
man sich nach dem „Kronprinz" zurück, in dessen Saal das Festmahl 
angerichtet war; gegen 80 Personen betheiligten sich daran. Das Tisch- 
präsidium bildeten Geh. Rath Pol eck, Graf zur Lippe und General 
Müller. An der Haupttafel hatte auch Prinz Heinrich XXV. Reuss 
auf Gross-Krauschen Platz genommen. Bei Beginn des Essens schlug 
Geh. Rath Po leck vor, dem Präses der Gesellschaft einen telegraphischen 
Gruss zu senden. Da aber bald darauf ein solcher von Geh. Rath 
Heidenhain selbst einlief, wurde die beabsichtigte Begrüssung in einen 
herzlichen Dank verwandelt. Die Reihe der Tischreden zwischen den 
einzelnen Gängen war wie gewöhnlich ziemlich lang. Zunächst brachte 
Geh. Rath Po leck das Hoch auf den Kaiser aus, wobei er daran er- 
innerte, dass es jetzt vor Allem gelte, den Nihilismus und den Pessi- 
mismus, die grössten Feinde jedes idealen Strebens, nachdrücklich zu 
bekämpfen, und dass in unseren Tagen in noch weit höherem Grade als 
sonst das Dichterwort zu beherzigen sei: „An's Vaterland, an's theure, 
schliess' dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen!" Graf zur 
Lippe widmete sodann mit geistvollen Worten sein Glas der Vater- 
ländischen Gesellschaft. Als Dritter feierte Geh. Rath Cohn die Bunz- 
lauer Gastfreunde. An Bunzlau knüpften sich, wie er humoristisch dar- 
legte, für die älteren Festgenossen so viele liebe Erinnerungen wie 
kaum an eine andere schlesische Stadt. Er denke dabei nicht an die 
vorgeschichtlichen Bunzlauer, auch nicht an den grossen Dichter, der 
den Namen seiner Heimathstadt in der deutschen Literaturgeschichte 
verewigt habe, sondern an die „brünetten Krügchen", die von den 
keramischen Künstlern Bunzlaus nun schon seit Jahrhunderten verfertigt 
würden, deren Modell die Lekythen der klassischen Griechen allerdings 
nicht gewesen seien. Doch aus diesen Krügen habe man zu seiner 
Jugendzeit allgemein Kaffee getrunken, der freilich mehr nach der „vater- 



48 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

ländischen u Cichorie geschmeckt habe als nach der aromatischen Bohne 
Arabiens. Dann erinnerte der Redner daran, dass Professor Kühn, ein 
Bahnbrecher auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Wissenschaft, 
einige Zeit im Kreise Bunzlau gewirkt habe, und dass erst im vorigen 
Jahre in demselben Saale die Forstleute Schlesiens getagt hätten. Hervor- 
ragend seien ferner die Verdienste, welche das Bunzlauer Lehrer-Seminar 
sich um Schlesien erworben habe; die wissenschaftliche Anregung, welche 
den Zöglingen des Seminars zu Theil geworden sei, habe bei Vielen 
weiter gewirkt, und namentlich die naturwissenschaftliche Erforschung 
der Heimath verdanke den einstigen Schülern des Seminars reiche 
Förderung. Geh. Rath Cohn schloss mit dem „botanischen" Wunsche: 
„Vivat, crescat, floreat Bunzlau!" Bürgermeister Dr. Schirm er Hess 
die Gäste aus Breslau hochleben; Geh. Rath Ponfick dankte dem Fest- 
ausschusse, der aus den Herren Graf zur Lippe, Reg.-Rath Sander, 
General Müller, Oberstlieutenant von Waldow, Major von Gössel, 
Sanitätsrath Dr. Adelt und Fabrikbesitzer Breuer bestand, für seine 
mit so schönem Erfolge belohnten Bemühungen. General Müller toastete 
Namens des Wissenschaftlichen Vereins auf die Alma mater Viadrina und 
deren Oberhaupt, Geh. Rath Ponfick. Nun wurde das Tischlied gesungen, 
das wiederum Oberstabsarzt Prof. Dr. Schroeter gespendet hatte und in 
welchem Bunzlaus Ruhm, vor Allem der Queckbrunnen und die Kaffee- 
kannen, mit erquicklichem Humor gepriesen wurde. Fabrikbesitzer 
Breuer, der Eigenthümer des Carlswerks in Bunzlau, brachte dem 
Dreibund von Gewerbe, Kunst und Wissenschaft ein Hoch und theilte 
gleichzeitig mit, dass in der Nähe von Bunzlau neuerdings eine Art 
Diorit entdeckt worden sei, aus welchem er in seiner Glashütte eine 
Glasart, Purpurin, hergestellt habe, die vollständig derjenigen gleiche, 
aus welcher ein ostasiatisches Gefäss bestehe, das im Londoner South- 
Kensington-Museum aufbewahrt werde. Er gestatte sich, der Vater- 
ländischen Gesellschaft ein Gefäss, das aus Bunzlauer Purpurin her- 
gestellt sei und die Inschrift trage: „Memoriae ergo!" als Andenken zu 
überreichen. 

Nach Beendigung des Mahles folgte als letzter Theil des Programms 
die übliche Ausfahrt in etwa 30 Wagen, die von ihren Eigenthümern in 
liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt worden waren. Das Ziel 
war das Gröbel -Vorwerk. Anfänglich ging die Fahrt am hohen Ufer 
des Bobers entlang, über den sich hier der mächtige, von Friedrich 
Wilhelm IV. persönlich eingeweihte Eisenbahnviaduct wölbt. Dann 
führte der Weg nach Rothlach-Eckersdorf, Uttig und zur Gröbelhöhe, 
von der aus der hübsche Waldparthien bietende lange Grund zu Fuss 
durchwandert wurde. Auf dem Vorwerk eröffnete sich eine prächtige 
Fernsicht auf den ganzen Zug des Riesen- und Isergebirges. Nachdem 
die lebhaft angeregte Gesellschaft bei einem guten Trunk schäumenden 



Wanderversammlung. 49 



Löwenbräus und einem kalten Imbiss — von dem Besitzer des Gutes, 
Herrn Heidrich, freundlichst dargeboten — unter den schattigen 
Bäumen des Gartens eine Stunde lang geweilt hatte, ward die Rück- 
fahrt durch den schönen Stadtforst und eine herrlich. duftende Lindenallee 
nach dem Bahnhofe angetreten, und bald führte der Abendzug die von 
den ihnen in Bunzlau gebotenen geistigen und leiblichen Genüssen hoch- 
befriedigten Gäste in die Heimath zurück. 

Vorträge. 

Geh. Rath Ponfick sprach 

lieber die Verkrümmungen der Wirbelsäule. 

Während die Wirbelsäule, die Stütze des Kopfes wie unserer auf- 
rechten Haltung in der Richtung von vorn nach hinten stets eine mehr- 
fache, die S-Form bedingende Krümmung zeigt, sind seitliche Krümmungen 
immer als krankhafte zu bezeichnen. Freilich kommt es in der Ent- 
wickelungszeit ungemein häufig zu dieser Störung. Bald wird sie nur 
durch unzweckmässige Haltung des Oberkörpers hervorgerufen, wie sie 
Kinder, besonders in den ersten Schuljahren, unter dem Einflüsse un- 
geeigneter Tische und Bänke, einer mangelhaften Beleuchtung des 
Zimmers und dergleichen unvermeidlich annehmen: vollends wenn ein 
schmächtiger Wuchs, ein Zurückbleiben im Wachsthum der Musculatur, 
vor allem des Rückens, eine schwächliche Gesammt-Constitution die 
Nachgiebigkeit der knöchernen Bestandteile des Brustrumpfes steigern. 
Bald liegt eine organische Veränderung der Wirbelsäule zu Grunde, die 
sich gewöhnlich als Theilerscheinung eines allgemeinen schweren Leidens 
des Skelettes darstellt, der sog. englischen Krankheit. Hierbei sind die 
meist 1 — 3 jährigen Kinder freilich sonst ganz wohl und täuschen 
dadurch, dass sie wohlgenährt, ja nicht selten blühender als gleich- 
altrige Genossen aussehen, ihre Umgebung über die drohenden Gefahren. 
In solchem weit ungünstigeren Falle bedarf es keineswegs jener groben 
Fehler in Sitz und Haltung, welche oben angeführt worden sind. Hier 
genügt vielmehr schon ein öfteres Aufsitzen des 1 — 2jährigen Kindes im 
Bette oder auf dem Spielstuhle, um eine meist nach rechts gewendete 
Verkrümmung sich entwickeln zu lassen. Steht es aber gar auf oder 
geht herum, so wird es nur allzu schnell stärkere Verschiebungen am 
Brustkorbe und zugleich die gefürchteten Missgestaltungen der Beine 
davontragen, welche wohl Jedem bereits aufgefallen sind. Beide Arten 
von Verkrümmung der Wirbelsäule wurden durch eine Reihe äusserst 
anschaulicher Knochenpräparate erläutert. An den der zweiten Form 
zuzuzählenden Beispielen wurde überdies gezeigt, wie tiefgreifend, den 
Grundplan des Thorax-Baues ins Gegentheil verkehrend die Umwand- 
lungen sind, die sämmtliche Bestandteile erleiden, welche diesen Rumpf- 

4 



50 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

abschnitt zusammensetzen. Aus letzterem Umstände erklärt sich auch 
die grosse Schwierigkeit, die auf solcher Grundlage erwachsenen Ver- 
krümmungen zu heilen. Denn nur einer sachkundigen, durch lange Zeit 
fortgesetzten Behandlungsweise kann es offenbar gelingen, unter An- 
wendung der stärksten technischen wie moralischen Mittel den in falsche 
Bahnen gelenkten Bau der Wirbelsäule nicht nur in die alte Richtung 
zurückzuführen, sondern auch die verfehlt angelegten Werksteine, die 
knöchernen Componenten, allmählich in ihren ursprünglichen Typus 
wieder umzumodeln. Zum Schlüsse schilderte der Vortragende kurz 
Wesen und Entstehungsweise des sog. runden oder Senkrückens der 
Kinder, der bei sonst günstiger Körperverfassung leichter beseitigt zu 
werden vermag. 

Der Vortrag des Herrn Privatdocenten Dr. Hürthle 

Ueber den Einfluss der Bewegungsnerven auf das Wachsthum der 

Muskeln und Knochen 

bildete in gewisser Beziehung eine Ergänzung zu den Demonstrationen 
des Herrn Geh. Rath Ponfick, insofern hier am lebenden Thiere ge- 
zeigt wurde, welch bedeutenden Einfluss die Thätigkeit der Muskeln 
auf das Wachsthum der Knochen ausübt. Herr Dr. Hürthle stellte 
nämlich ein Kaninchen vor, bei welchem sämmtliche Kopfmuskeln auf 
einer Seite gelähmt waren, sodass das Ohr, die Augenlider, das Maul 
auf dieser Seite nicht bewegt werden konnten. Ausserdem zeigte das 
Thier die auffallende Erscheinung, dass die Kopfknochen dieser Seite 
verkümmert und in der Entwickelung zurückgeblieben waren. Alle 
diese Erscheinungen waren hervorgerufen durch Durchschneidung eines 
einzigen Nerven, der beim Kaninchen nicht dicker ist als ein Zwirns- 
faden: des Bewegungsnerven der Gesichtsmuskeln. Und zwar war dieser 
Nerv ein Jahr vorher durchschnitten worden, als das Thier noch klein 
und nicht ausgewachsen war. Die Lähmung des Nerven hat zunächst 
zur Folge, dass die von ihm versorgten Muskeln nicht mehr willkürlich 
bewegt werden können. Besteht die Lähmung aber längere Zeit, so 
verlieren die Muskeln auch ihren normalen Bau und werden durch Ge- 
webe ersetzt, welches keiner Zusammenziehung fähig ist. Dieser Unter- 
gang der Muskeln ist eine directe Folge des Nichtgebrauchs und ist ein 
besonderer Fall eines in sämmtlichen Lebenswissenschaften geltenden 
Gesetzes, dass alle Organe durch Nichtgebrauch verkümmern und schliess- 
lich zu Grunde gehen. Noch interessanter an diesem Thiere war das 
Zurückbleiben des Knochenwachsthums und deshalb besonders merk- 
würdig, weil der durchschnittene Bewegungsnerv in gar keinem directen 
Zusammenhang mit den Knochen steht, sondern ausschliesslich die 
Muskeln versorgt. Der Einfluss des Nerven auf die Knochen kann daher 
auch kein directer sein, sondern wird durch die Muskeln vermittelt. 



Wanderversammlung. 5 1 



Wenn man sich diese Erscheinung erklären will, muss man zunächst 
eine Vorstellung fallen lassen, die sich bei der Betrachtung eines Knochens 
zunächst aufdrängt; nämlich die Vorstellung, dass die Knochen absolut 
feste und wenig veränderliche Theile des Körpers sind. Diese Vor- 
stellung trifft gar nicht zu. Denn es giebt nicht viele Organe, für welche 
sich so scharf und sicher wie bei den Knochen nachweisen lässt, dass 
sie sich den jeweiligen Anforderungen anpassen, nämlich bei gesteigerter 
Inanspruchnahme grösser und stärker werden, beim Nichtgebrauch aber 
schwinden. Zum Verständniss dieser Thatsache müssen wir bedenken, 
dass auch der Knochen ein lebendes Organ ist, der in seinen Höhlen 
lebendige Zellen beherbergt, welche für seine Ernährung sorgen und sein 
Wachsthum veranlassen, und dass dieses Organ wie andere mit Blut versorgt 
wird und versorgt werden muss, um seinen natürlichen Bau zu erhalten. 
♦Wenn nun Muskeln, welche vom Knochen entspringen oder sich an ihn 
ansetzen, ihre Bewegungsfähigkeit verlieren, so fallen damit die Reize 
fort, die den Knochen treffen, nämlich der Zug und der Druck, welchen 
die gesunden Muskeln bei ihrer Zusammenziehung auf den Knochen aus- 
üben. Man muss sich nun vorstellen, dass dieser Zug und Druck die 
lebenden Theile des Knochens zur Thätigkeit anregt und so das normale 
Wachsthum des Knochens veranlasst. Fällt dieser Reiz fort, so ist eine 
Verkümmerung des Knochens die Folge. Wir sehen also auch hier, 
dass nur der Gebrauch eines Organs eine Garantie dafür bietet, dass 
normales Wachsthum eintritt und der normale Bau erhalten bleibt. Der 
Zusammenhang zwischen der Durchschneidung des Bewegungsnerves und 
der Verkümmerung des Knochens ist demnach der, dass zunächst die 
Muskeln in Folge des Nichtgebrauches zu Grunde gehen und der Fort- 
fall der Muskelbewegung die Verkümmerung des Knochens zur Folge 
hat, und wir haben hier ein überzeugendes Beispiel für die gegenseitige 
Abhängigkeit der einzelnen Theile des Körpers. 

Dr. med. R. Kays er zeigte ein nach seinen Angaben gefertigtes, 
sehr vergrössertes 

Gypsmodell des Kehlkopfes 

vor. Es waren an demselben in naturgetreuer Nachbildung die drei 
Hauptknorpel des Kehlkopfes zu sehen ; die Muskeln waren durch Bänder 
genau den natürlichen Verhältnissen entsprechend so angebracht, dass 
durch Zug an ihnen alle möglichen Bewegungen der nachgebildeten 
Stimmbänder hervorgebracht und die bei krankhaften Störungen ver- 
änderten Formen der Stimmritze gezeigt werden können. Auf diese 
Weise ist es möglich, zu Zwecken des Unterrichts einer grösseren Zahl 
von Zuhörern complicirte Verhältnisse in einfach anschaulicher Weise 
vorzuführen. 



52 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Herr Privatdocent Dr. Gerlach sprach 

Ueber die Währungsfrage. 

In der Einleitung wies er auf die vielbesprochene Maassregel der 
indischen Regierung, die Münze der freien Prägung zu verschliessen, und 
den dadurch bewirkten colossalen Preissturz des Silbers hin- doch wolle 
er trotz des Interesses, das dieser Vorgang errege, nicht ihn zum Gegen- 
stände seines Vortrages machen, sondern einen der beiden Kernpunkte 
der heutigen Währungsfrage: den Einfluss der Währung auf den Güter- 
preis. Die Waarenpreise werden beeinflusst von den Angebots- und 
Nachfrage- Verhältnissen, und zwar sowohl auf Seiten der Waare, wie 
auf Seiten des Geldes, d. h. also durch den Werth der Waare wie durch 
den Werth des Geldes. Der Bedarf an Circulationsmitteln wird je nach 
der Ausbildung des Bank- und Creditsystems zum grösseren oder kleineren 
Bruchtheile durch die auf Credit beruhenden Zahlungsmittel gedeckt 
(Noten, Checks u. s. w.). Für den Restbedarf tritt das Geld ein. Auf 
Seiten des Geldes beeinflusst die Menge desselben seinen Werth bei 
Papierwährung und bei Metallwährung mit geschlossener Münze, d. h. 
wenn nur die Regierung das Recht zur Münzprägung besitzt. Doch ist 
bei letzterer im Metallwerth des Geldes eine untere Grenze für seinen 
Werth gegeben. In Metallwährungsländern mit freier Prägung hat jeder 
Privatmann das Recht, Metall in die Münze zu bringen und gegen eine 
bestimmte Entschädigung, den sogenannten Schlagschatz, zu Geld prägen 
zu lassen. Der Schlagschatz beträgt in Deutschland nur 6 Mark für ein 
Kilogramm Gold. Das Geld kann in Deutschland nicht weniger werth 
werden als das Gold-, es kann aber auch nicht höher steigen als das 
Gold, denn sobald dies eintreten würde, würde man das Gold zu Geld 
prägen lassen. Der Werth des Geldes ist daher nicht abhängig von den 
vorhandenen Zahlungsmitteln, sondern er schwankt je nach dem Werth 
des Metalls, also gegenwärtig des Goldes oder des Silbers. Dieser Werth 
hängt aber von den Productionsbedingungen dieser Metalle, sowie von der 
Nachfrage für monetäre und industrielle Zwecke ab, und zwar nicht allein 
von der Nachfrage eines einzelnen Landes, sondern von derjenigen der 
ganzen Welt, d. h. der Werth richtet sich nach dem Preise des Welt- 
marktes. Nachdem der Redner sodann die Eintheilung der Welt in ein 
Papier-, ein Gold- und ein Silberwährungsgebiet besprochen hatte, er- 
örterte er die veränderte Kaufkraft des Geldes seit 1850. Diese Kauf- 
kraft wird durch die Grosshandelspreise einer beträchtlichen Zahl der 
wichtigsten Waaren ungefähr bestimmt. Jene Preise sind nun bis zur 
Mitte der siebziger Jahre erheblich gestiegen, dann aber wieder stark ge- 
fallen. Die Steigerung ist aus der enormen Vermehrung der Gewinnung 
von Gold und Silber zu erklären. Während nämlich von 1493 bis 1850, 
also in etwa 350 Jahren, 4 851000 kg Gold und 149 827 000 kg 



Wanderversammlung. 53 



Silber producirt wurden, betrug die Gewinnung allein in den 35 Jahren 
von 1850—1885 6 383 000 kg Gold und 51564 000 kg Silber. Was 
den Preisfall anlangt, so hat man versucht, ihn ebenfalls durch Er- 
scheinungen auf Seiten des Geldes zu erklären: durch die spätere Ver- 
minderung der Goldproduction und den Uebergang zahlreicher Staaten 
zur Goldwährung. Der Beweis für diese Behauptung ist aber nicht 
direct zu erbringen, da man die monetäre Verwendung des Edelmetalls 
nicht direct festzustellen vermag. Auch aus der Ausdehnung des Gold- 
währungsgebietes lässt sich nicht mit Sicherheit auf eine vermehrte 
Nachfrage schliessen. Denn diejenigen Staaten, welche mit der Ein- 
führung der Goldwährung eben fertig werden, treten vom Markte als 
Nachfragende hinsichtlich grosser Mengen zurück, machen also anderen 
Platz, welche die Goldwährung neu einführen wollen. Ferner ist der 
Einfluss der hochentwickelten Creditwirthschaft, des Giro- und des 
Clearingverkehrs, auf die Verminderung des Bedarfs an Goldgeld für 
Zahlungszwecke in Betracht zu ziehen. Eine Verteuerung des Goldes 
ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil sich Knappheit an Gold zunächst 
in einem hohen Bankdiscont ausdrücken müsste. Dies ist aber nicht der 
Fall. Man braucht aber eine Wertherhöhung des Goldes gar nicht an- 
zunehmen, da auf Seiten der Waarenproduction sowohl in der Urproduction 
als in den Fabrikationen so gewaltige Umgestaltungen eingetreten sind, 
dass sie den allgemeinen Preisfall erklären. Eine Vertheuerung des 
Goldes ist also wohl nicht erweisbar und für die Erklärung des Preis- 
falles der Waare nicht heranzuziehen. Dagegen haben sicher die Preise 
von Waaren, bei denen Silberwährungsländer coneurriren, in Folge der 
Silberentwerthung gelitten. Dieses würde zu dem zweiten interessirenden 
Punkte der Währungsfrage führen: der Scheidung des Welthandels- 
gebietes in ein Gold- und ein Silberwährungsgebiet und den tiefgreifenden 
Folgen davon. Auch darauf näher einzugehen, war der Redner jedoch 
nicht in der Lage, da die ihm zugemessene Zeit weitere Ausführungen 
nicht gestattete. 

Herr Geh. Rath Dr. Grempler sprach 

Ueber Alterthümliches in Bunzlau. 

Zunächst gedachte er der Bedeutung dieser Stadt und ihrer Um- 
gebung für die vorgeschichtliche Forschung und erwähnte besonders die 
Erzeugnisse prähistorischer Töpferei, jene bemalten Gefässe, die nur in 
einem eng begrenzten Theile unserer Provinz hergestellt wurden. Sodann 
ging er, unter Hinweis auf den am Morgen der katholischen Kirche ab- 
gestatteten Besuch, auf die an den Mauern dieses Gotteshauses bemerk- 
baren Näpfchen und Rillen näher ein. Jene werden auch Rundmarken 
oder Grübchen, diese Schwedenhiebe genannt. Die Frage, wie diese 
Vertiefungen entstanden sind und welchen Zwecken sie gedient haben, 



54 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



hat bereits seit Jahren die Forschung beschäftigt und eine umfangreiche 
Litteratur in's Leben gerufen. Diese Näpfchen und Rillen werden nur 
an solchen Kirchen gefunden, die vor dem 16. Jahrhundert erbaut sind, 
und zwar vornehmlich auf der West- und der Südseite und gewöhnlich 
nur an einer Seite des Hauptportals in gleicher Höhe. Die Bunzlauer 
Kirche macht allerdings davon eine Ausnahme, denn hier finden sich die 
Rillen und Gruben an sämmtlichen Seiten, etwa in Manneshöhe. Eine 
befriedigende Erklärung dieser Vertiefungen ist bisher noch nicht ge- 
geben worden. Der Vortragende führte nicht weniger als zwölf Deutungs- 
versuche an. So hat man geglaubt, die Näpfe seien Kugelspuren \ doch 
dem widerspricht die häufig durchaus regelmässige Anordnung derselben. 
Dann hielt man sie, ebenfalls durchaus unzutreffend, für Erzeugnisse 
eines Kinderspiels, des noch heute beliebten „Titschens" mit metallenen 
Marken, oder für Marken von Ziegelstreichern; die letzterwähnte An- 
nahme wird schon dadurch hinfällig, dass sich jene Zeichen, wie grade 
in Bunzlau, auch an Steinmauern finden. Ferner wurden sie für Markt- 
standszeichen erklärt, doch kommen sie nicht blos in Städten, sondern 
auch in Dörfern, die doch keine Marktgerechtigkeit besassen, vor. Auch 
die Vermuthung, dass es Erkennungszeichen für Maurer aus fremden 
Bauhütten des Mittelalters seien, lässt sich nicht halten. Ausserdem hat 
man die Näpfchen mit dem Aberglauben in Verbindung gebracht. Alles, 
was mit der Kirche zusammenhängt, ruft in der Volksseele wunderbare 
Gefühle hervor, als wenn eine übernatürliche Macht in der Kirche walte. 
Man hat daher angenommen, dass die Näpfchen gemacht worden seien, 
um das Fieber in die Kirche zu blasen, oder dass man Krankheitsträger 
hineingeklebt habe in das Innere der Kirche, die ein Feind alles Bösen 
sei, oder endlich, dass man durch diese Vertiefungen die Kinder, die vor 
der Taufe gestorben waren, der Kirche „angesagt" habe, um dadurch 
die Nothtaufe zu ersetzen. In manchen Gegenden werden die Löcher, 
die durch drehende Bewegungen des Daumens eingerieben worden sein 
sollen, dahin gedeutet, dass mit einer Kirchenbusse belastete Personen 
sie zum Zeugniss der vollzogenen Busse an der Mauer des Gotteshauses 
hinterlassen haben. Eine weitere Erklärung nimmt auf die sogenannten 
Seuchenfeuer Bezug, die zur Vertreibung von Seuchen dienen sollten. 
Für diesen Zweck musste das Feuer möglichst rein sein, und deshalb 
wurde es an der Kirche angerieben, wodurch die Näpfchen entstanden 
sein sollen. Schliesslich behauptet man, die Näpfchen hätten zur Be- 
festigung von Lichtern gedient oder sie seien erzeugt worden durch das 
Anreiben von Feuer für die bei Processionen gebrauchten Kerzen. Die 
Rillen sollen durch Wetzen entstanden sein. Wie es alte Volkssitte 
war, einen neuen Rock zum ersten Male bei einem Gange zur Kirche 
zu tragen, so wurden Messer, Sensen u. s. w. das erste Mal an der Kirchen- 
wand oder sonstigen geweihten Gegenständen geschliffen. So stand noch 



Wanderversammlung. 55 



1650 in Forst i. L. ein Steinkreuz, das schliesslich zusammenbrach, weil 
die Leute durch das Wetzen ihrer Werkzeuge den unteren Theil des 
Stammes durchgeschliffen hatten. Die Rillen können jedoch nicht auf 
diese Weise entstanden sein, da sie sich mitten in der Mauer befinden. 
Der Redner legte an einzelnen, sehr interessanten Beispielen dar, dass 
sich diese Näpfe und Rillen fast in allen Gegenden und zwar bis in 
die frühesten vorgeschichtlichen Zeiten hinein finden. So auf den noch 
heute vom Volke zu heimlichen Opfern benützten Druiden- oder Elfen- 
steinen Skandinaviens, an der bekannten schwarzen Säule in Cordova, auf 
den megalitischen Monumenten Grossbritanniens und in der Bretagne, im 
Kaukasus, in Indien und in Aegypten, wo die Fellahweiber noch jetzt, 
um männliche Nachkommenschaft zu erzielen, mit einem Stein auf der 
Tempelwand reiben und jenen dann rückwärts über die rechte Schulter 
werfen. Das Salben der Steine bei Gelübden, das auch gegenwärtig 
noch in Schweden vorkommt, wo die Näpfchen mit Fett ausgeschmiert 
oder mit Bändern und Püppchen gefüllt werden, um die Elfen günstig 
zu stimmen, wird bereits im ersten Buch Mosis mehrmals erwähnt. Das 
Werk von D6sor: „Les pierres ä 6cuelles" enthält eine Zusammen- 
stellung der in der Schweiz, in Deutschland, Skandinavien und England 
auf Geschiebeblöcken und Felsen entdeckten Näpfchen. Ein besonderes 
Interesse haben dieselben dadurch gewonnen, dass kürzlich ein Herr 
Rivett Carnac sie nicht nur auf Geschieben in Indien bei Nagpore und 
Chandeshwar in den Gebirgen von Kamaon aufgefunden hat, wo sie 
Mahadeo heissen, sondern auch an den Felswänden der erwähnten Ge- 
birge von Kamaon, zwölf englische Meilen von der Militairstation 
Ranikhaet. Man gelangt dahin durch eine enge Schlucht, an deren Ein- 
gang sich ein Tempel des Mahadeo befindet, bei dem die Pilger, welche 
zu dem berühmten Heiligthum von Midranath sich begeben, Halt zu 
machen pflegen. Etwa 150 Meter vom Tempel entfernt sind die Fels- 
wände mit Reihen von Näpfchen bedeckt. Der alte buddhistische Priester 
wusste über ihre Entstehung und Bedeutung nichts. Er hielt sie für 
Werke der Riesen oder der Hirten. Zum Schluss bat Geh. Rath 
Grempler die Anwesenden, falls einer von ihnen irgendwo Näpfchen 
und Rillen entdecke, ihm davon Mittheilung zu machen und auch bei 
alten Leuten über etwaige Sagen und Gebräuche, die sich an jene 
Zeichen knüpfen, Nachfrage zu halten. 

Herr Professor Dr. Hintze sprach im Hinblick auf die bekannte 
Bunzlauer Thonwaaren-Industrie 

Ueber die geologische Bildung von Thonlagern und die mineralogische Natur 
des specifischen Thon-Minerals Eaolinit. 

Die Bunzlauer Thonschichten gehören dem obersten Gliede der 
Kreideformation, dem Senon, an und enthalten stellenweise Blattabdrücke, 



56 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

mit denen sich der verewigte Ferdinand Roemer in seiner (von einigen 
noch späteren kurzen Mittheilungen abgesehen) letzten Arbeit beschäftigt 
hat. Durch die Güte der verwittweten Frau Geh. Rath Roemer in 
Breslau war der Vortragende in der Lage, eine grössere Zahl von Exem- 
plaren jener letzten Arbeit Ferd. Römer' s, die in der „Zeitschrift der 
Deutschen Geologischen Gesellschaft" von 1889, durch eine Tafel mit 
Abbildungen erläutert, erschienen ist, zum Andenken an den berühmten 
Gelehrten unter die Anwesenden vertheilen zu können. 



-««■•*- 



Schleslsche Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



71. 

Jahresbericht. 

1893. 



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I. Abtheilung. 
Medicin. 

a. Medicinische Section. 



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Sitzungen der medicinischen Section im Jahre 1893. 



1. Sitzung vom 13. Januar 1893. 
Vorsitzender: Herr Prof. Born. Schriftführer: Herr Dr. Gaupp. 

Vor der Tagesordnung demonstrirt Herr Dr. C. S. Freund an 
einem Fall von 

doppelseitiger Ulnarislähmung 
die physiologische Bedeutung der von diesen Nerven versorgten 
Musculi Interossei und Lumbricales. 

Ihr Ausfall verursacht beträchtliche Störungen in der Stellung der 
Fingerglieder während der Muskelruhe • die Hand nimmt in dem Intervall 
zwischen den willkürlichen Bewegungen die Gestalt einer Klaue ein: 
die ersten Phalangen stellen sich in eine Stellung, die dem Mittelhand- 
knochen fast parallel ist und die anderen verharren in einem Zustande 
forcirter Beugung. Hieraus folgt, dass genannte Muskeln die „tonischen 
Moderatoren" (Duchenne) des Extensor communis und der Extensores 
proprii für die ersten Phalangen und des Flexor sublimis und profundus 
für die zwei letzten sind. Sie sind die einzigen Beuger der ersten 
Phalangen und die einzigen Strecker der beiden letzten Phalangen. 
Ausserdem bewirken sie die Abductions- und Adductionsbewegungen der 
Finger. Für alle feineren Verrichtungen der Hand ist die Intactheit der 
Interossei unbedingt erforderlich. Beim Schreiben z. B. wird die Füh- 
rung des Striches nach vorn ausschliesslich von ihnen geleistet. — 

Im vorliegenden Falle betrifft die Lähmung einen 7jährigen Knaben* 
die durch dieselbe veranlasste leichte Krallenstellung der Hände ist erst 
vor 4 Wochen ganz zufällig durch die fehlerhafte Fingerhaltung beim 
Schreiben bemerkt worden. Die Musculi interossei und der adductor 
pollicis sind atrophisch und zeigen elektrische Entartungsreaction. Sensi- 
bilität durchaus normal. Schmerzen fehlen. Am übrigen Körper, ins- 
besondere an den Schultermuskeln und der Halswirbelsäule normale Ver- 
hältnisse. Pathogenese durchaus unklar. Keine acute, mit Fieber einher- 
gegangene Entwickelung des Leidens. Während der bisherigen 14tägigen 

1 



2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Beobachtungszeit Status idem. Das Fehlen von Sensibilitätsstörungen 
und Schmerzen spricht gegen den peripheren Sitz der Krankheit. Mög- 
licherweise handelt es sich um eine Poliomyelitis auterior (?). 

(Nachträgliche Anmerkung bei der Correctur : Unter Jodkaligebrauch 
und localer Faradisation der Musculi Interossei resp. Lumbricales hat 
sich innerhalb zweier Monate die Beweglichkeit der Finger langsam aber 
völlig wiederhergestellt, zugleich hat sich die Atrophie der Muskeln zur Norm 
zurückgebildet. Mitte März war die elektrische Erregbarkeit — abge- 
sehen von einer geringen Herabsetzung bei faradischer Reizung — wieder 
normal. — Im Februar Phlyctaenen der Conjunctiva bulbi am rechten 
Auge. — ) 

Discussion: 

Herr Dr. Silbermann: Ist Fieber dem Eintritte der Krankheit 
vorhergegangen? 

Herr Dr. Freund: Nein. 

Herr Dr. Silbermann: Lues? 

Herr Dr. Freund: Mindestens nicht nachzuweisen. Mehrere Ge- 
schwister gesund. 

Alsdann demonstrirt Herr Dr. Kaufmann Präparate von einer 
frischen Sublimatvergiftung und bespricht die Veränderungen im Dick- 
darm und in den Nieren. 

Herr Dr. Silbermann: Die primären Schädigungen des Blutes, die 
bei Sublimatvergiftung zweifellos sind, sind oft sehr schwer zu erkennen 
und daher wohl noch von manchen Seiten bestritten. Die Veränderungen 
besonders in der Lunge, brauchen gar nicht gross zu sein, um den Tod 
zu bedingen. — Zustandekommen der Nekrosen in der Niere : Verlegung 
von Gefässen im kleinen Kreislauf. Die Ablagerungen von Kalk sind 
Folgen der Blutschädigung. Der Kalk fällt aus dem Blut aus. 

Discussion: 
Herr Prof. Born, Herr Dr. Buchwald. 

Tagesordnung: 
Herr Dr. Troj e: 

Ueber das Vorkommen und die Bedeutung der Megaloblasten Ehrlich's. 
Der Vortrag wird an anderer Stelle veröffentlicht werden. 

2. Sitzung vom 3. Februar 1893. 
Vorsitzender i. V.: Herr Prof. Born. Schriftführer: Herr Dr. Drewitz. 

Vor der Tagesordnung theilt Herr Dr. Adler 

Ueber die Innervation des Gaumensegels 
mit, dass er in einem von ihm Anfang Januar c. a. im physiologischen 
Verein vorgestellten Falle von Syringomyelie des Halsmarks links- 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 



seitige Gaumensegel- und Kehlkopflähmung beobachtet habe. 
Der Befund an Gaumensegel und Kehlkopf war nach den Notizen der 
Herren Prof. Dr. Gottstein und Dr. Kays er folgender: Das linke 
Gaumensegel ist fast völlig gelähmt, das linke Stimmband ist gelähmt, 
steht in Cadaverstellung, ist atrophisch und excavirt; bei der Phonation 
tritt der rechte Aryknorpel vor den linken, zugleich wird der ganze 
Kehlkopf nach rechts verzogen. 

Die Combination von gleichseitiger Gaumensegel- und Kehlkopf- 
lähmung ist schon einige Male bei Syringomyelie beobachtet worden: so 
von J. Hoffmann 1 ) und von Bernhardt. 2 ) 

Da in dem Hoffmann'schen Falle Heiserkeit und Schlingbeschwerden 
zu gleicher Zeit auftraten, so zieht Ho ff mann daraus den Schluss, 
dass „die Centren der motorischen Gaumensegel- und der Kehlkopf- 
nerven, wenn nicht zusammen, wenigstens nahe bei einander liegen"^ 
Die gewöhnliche Annahme ist bekanntlich die, dass die Gaumensegel- 
muskulatur vom N. facialis (Gangl. genicul. — N. petrosus super- 
ficialis major — gangl. sphenopalatin. — N. palatinus posterior) innervirt 
werde. 

Discussion: 

Herr Prof. Born: Wie kommen Fasern vom accessorius dahin? 

Herr Dr. Adler: Accessoriusfasern könnten vom plexus pharyng. 
aus zum Gaumensegel gelangen. 

Tagesordnung: 

Herr Dr. Kays er: 

I. Ueber Rhinosklerom. 

Dieses von Hebra zuerst (1870) als eigenartige Krankheitsform 
erkannte und aus dem Bereich der Syphilis ausgeschiedene Leiden bezieht 
sich auf eigenthümliche Veränderungen der Haut und Schleimhaut 
des Naseneingangs und der angrenzenden Gegenden (Oberlippe, Nasen- 
rachenraum). Charakteristisch ist die Bildung mehr oder minder circum- 
scripter Knoten von ausserordentlicher Härte, glatter Oberfläche, bräun- 
lich-rother Farbe, die zu einer auffallenden Missgestaltung der Nasenform 
und Stenosirung des Nasenluftweges führen. 

Das Leiden zeigt einen sehr chronischen, über Jahre und Jahrzehnte 
sich erstreckenden Verlauf, niemals zerfallen die Knoten ulcerös, es 
bilden sich nur zuweilen Excoriationen und Krusten, wohl aber kommt 
es im Laufe der Zeit zu narbiger Schrumpfung. Alle innerliche Modi- 
cation, insbesondere antiluetische Mittel erweisen sich erfolglos und 



1 ) Zur Lehre von der Syringomyelie. Deutsche Zeitschrift für Nervenheil- 
kunde, Bd. III, Heft 1, 1892. 

2 ) Arch. f. Psychiatrie XXIV. 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

gegenüber operativen Eingriffen besteht eine hartnäckige Neigung zu 
Recidiven. 

Die weitere Forschung hat ergeben, dass das Leiden sich an allen 
Punkten des oberen Respirationstracts bis zur Luftröhre entwickeln kann. 
Lieblingssitze sind: die äussere Nasenöffnung, der Nasenrachenraum 
und die Gegend unterhalb der Stimmbänder (der subglottische Raum). 
Die Nase kann unter Umständen ganz frei sein, das Leiden kann an 
einer der beiden anderen Praedilectionsstellen beginnen oder auf eine 
Stelle überhaupt beschränkt bleiben. Demnach ist die Bezeichnung: 
Rhinosklerom nicht mehr ganz zutreffend ; es sind auch andere Namen 
wie: Sklerom der oberen Luftwege oder Skieroma respiratorium oder 
gar Gleosklerom vorgeschlagen worden. 

Histologisch charakterisirt sich das Rhinoskleromgewebe als klein- 
zellige, die ganze Schleimhaut durchsetzende Infiltration, zwischen den 
einzelnen Infiltrationsherden finden sich besonders in älteren Geweben 
bindegewebig-sklerotische Züge, das Epithel ist stark gewuchert und aus 
Cylinder- in Plattenepithel umgewandelt. Von besonderer Wichtigkeit sind 
die von Mikulicz beschriebenen grossen, hellen aufgequollenen Zellen 
mit schwachen Contouren und fehlendem oder schwer sichtbarem Kern 
(Mikulicz'sche Zellen). 

Auch Hyalinbildungen sind ziemlich constant gefunden worden. Im 
Secret sowie im Gewebe sind beim Rhinosklerom eigenartige Bacterien 
(zuerst von Frisch) nachgewiesen worden. Sie gleichen bis auf ge- 
ringe Abweichungen (schwächere Virulenz, weniger üppiges Wachsthum) 
fast vollkommen den Friedlander'schen Pneumoniecoccen. Impfungen 
unter die Haut oder in's Blut waren ohne specifischen Erfolg, nur bei 
Einimpfung in die vordere Augenkammer ist von Stepanow eine dem 
Sklerom ähnliche Bildung beobachtet worden. 

Aus den bis jetzt veröffentlichten Fällen von Rhinosklerom, deren 
Zahl 100 nicht beträchtlich übersteigt, ergiebt sich, dass die Krankheit 
hauptsächlich im südwestlichen Theil Russlands, den östlichen Provinzen 
Oesterreichs und in Centralamerika vorkommt. 

An den einzelnen Punkten des Respirationstractus beobachtet man 
beim Rhinosklerom folgende Eigen thümlichkeit: in der Nase sitzt die 
skleromatöse Verdickung fast immer am vorderen Ende der unteren 
Muschel und im vorderen Theil der Nasenscheidewand und des Nasen- 
bodens. Es kommt sehr häufig zur Bildung festhaftender und übel- 
riechender Borken mit einem der genuinen Ozaena ähnlichem Bilde. 
Am Gaumen und im Rachen ist Knoten- und Narbenbildung, besonders 
narbige Verwachsung des Gaumensegels mit der hinteren Rachenwand, 
ähnlich wie bei der Syphilis, vorherrschend. Im Kehlkopf documentirt 
sich das Sklerom meistens als wulstförmige, das Lumen stenosirende 
Verdickung unterhalb der Stimmbänder. Fast immer tritt die Erkrankung 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 



auf beiden Seiten symmetrisch auf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die 
meisten, wenn nicht alle Fälle der früher als Laryngitis hypoglottica 
chronica oder Chorditis vocalis infer. chron. geschilderte Fälle zum Rhino- 
sklerom zu rechnen sind. Ebenso gehören wohl manche Fälle der sog. 
Störk'schen Blennorrhoe hierher. Man kann sich des Eindruckes nicht 
erwehren, dass die genuine Ozaena, die Störk'sche Blennorrhoe und das 
Rhinosklerom eine Gruppe verwandter Krankheitszustände bilden. 

In der Gottstein'schen Poliklinik sind nun im Winter 1892 fol- 
gende zwei Fälle von mir beobachtet worden: 

1. Agnes Janucha, 26 Jahre alt, aus dem Kreise Zülz in Ober- 
schlesien, nahe der österreichischen Grenze, ohne hereditäre Belastung, 
hat als Kind mehrfache Drüseneiterungen am Halse durchgemacht, ist 
aber sonst stets gesund gewesen. Seit über 2 Jahren besteht Verstopfung 
der Nase und Heiserkeit. Die letztere verschlimmerte sich im Laufe 
der Zeit und seit einiger Zeit macht sich Luftbeengung bemerkbar, 
neben der Heiserkeit besteht massig starker Husten ohne Auswurf, das 
Allgemeinbefinden hat dabei nur sehr wenig gelitten. Die im Ganzen 
wohlgenährte Patientin zeigte im November 1892 eine ziemlich ausge- 
prägte Sattelnase, die aber äusserlich überall weich anzufühlen ist. Im 
Innern der Nase ist das vordere Ende der unteren Nasenmuschel beider- 
seits umgewandelt in einen harten, dicken, halbmondförmigen Wulst, welcher 
auf den Nasenboden übergreift. Dicht hinter diesen, den Naseneingang 
ringförmig verengenden Wülsten sitzt eine Vertiefung, die mit harten, 
gelblichen, schwer loslösbaren Borken von bräunlicher Farbe bedeckt 
ist. Die tieferen Theile der Nasenhöhle sind von ziemlich grossen 
Massen solcher übelriechender Borken erfüllt, die Schleimhaut der unteren 
und mittleren Muschel ist stark atrophisch. Im Nasenrachenraum findet 
sich zäher Schleim, die Choanen erscheinen eng, der hintere Theil 
der Scheidewand verdickt höckerig, auch in der Gegend der Rachen- 
mandel zeigt sich eine Verdickung. Sonst ist der Rachen und Gaumen 
frei. Im Kehlkopf erblickt man beiderseits unterhalb der Stimmbänder 
eine röthliche Geschwulst von der vorderen Commissur bis zur hinteren 
Larynxwand, nach hinten sich verbreiternd und links stärker entwickelt 
als rechts. Dadurch ist unterhalb der Stimmbänder ein Ring mit einem 
ziemlich engen, ovalen, unveränderlichen Spalt gebildet. Die Stimm- 
bänder sind als weissliche Streifen auf dem röthlichen Polster aufliegend zu 
erkennen und beweglich. Die ringförmige Geschwulst reicht anscheinend 
ziemlich tief in die Trachea hinab, hat eine unebene, leicht höckrige 
Oberfläche. In der Tiefe der Trachea sieht man reichliche, gelbliche, 
ausserordentlich fest haftende Borken. Die Taschenbänder sind etwas 
verdickt, die Aryknorpel und die Epiglottis normal. Häufig sieht man 
die Stimmbänder bei ruhiger Inspiration in lebhaften, sehr raschen, kleinen 
zitternden Bewegungen. Schmerzen sind nicht vorhanden, dagegen be- 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



steht heiserer Husten, etwas stenotisches Athmen und sehr starke 
Heiserkeit. 

Am äusseren Halse sieht man einzelne Narben, Herz und Lungen 
sind frei, in dem spärlichen Auswurf keine Tuberkelbacillen nachweisbar. 
Die Kranke wurde zuerst ohne jeden Erfolg mit Jodkali, dann mit 
Schroetter'schen Bougies behandelt, wodurch der Glottisspalt etwas er- 
weitert und die Athmung freier wurde. Zu einer eingreifenden Operation 
wollte sich die Kranke nicht entschliessen. 

2. Marie Wannek, 26 Jahre, aus dem Kreise Leobschütz in Ober- 
schlesien, nahe der österreichischen Grenze, erschien im Mai 1892 in 
der Gotts tein'schen Poliklinik. Von ihren Geschwistern ist ein Bruder 
im Alter von 32 Jahren an Tuberculose gestorben. Mit 6 Jahren zog 
sie sich einen Gelenkrheumatismus zu, an dem sie — mit Unterbrechungen 
— über 1 Jahr laborirte, sie ist aber schliesslich vollkommen genesen. 
Schon in früher Kindheit hatte sie öfter sehr heftiges Nasenbluten, 
später trat erschwerte Luftdurchgängigkeit der Nase auf. Seit dem 
14. Jahre datirt eine Schwerhörigkeit, besonders stark auf dem rechten 
Ohre. Seit 1 1 / 2 Jahren besteht eine an Intensität wechselnde, im Ganzen 
aber zunehmende Heiserkeit ohne Husten und ohne Abmagerung. Im 
August. 1892 wurde folgender Befund aufgenommen: schlanker Körper- 
bau, etwas bleiches Aussehen, die äussere Nase zeigt keine Abnormität. 
In der Nasenhöhle erscheint das vordere Ende beider unteren Muscheln 
höckrig und mit bräunlich-gelben, fest anhaftenden Borken bedeckt, die 
sich auch nach vorn zu an der Aussenwand fortsetzen. Im Uebrigen 
ist in der im Ganzen etwas engen Nase nichts Abnormes zu sehen, der 
Nasenrachenraum ist mit zähem Schleim erfüllt, die rechte Tubenöffnung 
und zum Theil auch die rechte Choane durch weich anzufühlende Masse 
verdeckt, der übrige Rachen und der Gaumen sind frei. Im Kehlkopf 
zeigen die Taschenbänder eine unebene, körnige Oberfläche, die Stimm- 
bänder sind grau-röthlich, verdickt mit unebenem Rande. Unter dem 
hinteren Ende des linken Stimmbandes tritt eine halbkugelige, blass- 
röthliche Geschwulst hervor, in der Mitte etwas eingekerbt, bei der 
Phonation unter den Stimmbändern verschwindend. Auch unter dem 
rechten Stimmbande ist eine, aber nur gerinfügige Verdickung sichtbar; 
die Stimmbänder sind frei beweglich, bewirken aber bei der Phonation 
keinen genügenden Schluss der Glottis. Beide Trommelfelle sind ein- 
gezogen und getrübt, der rechte zeigt im hinteren unteren Quadranten 
eine atrophische Stelle, das Gehör ist beiderseits erheblich vermindert. 
Lunge und Herz sind gesund. 

Bei der Kranken, die 8 Monate lang in unserer Beobachtung war, 
wurden mehrfach Stücke aus der Kehlkopfgeschwulst mit der Zange 
excidirt, auch eine galvanokaustische Zerstörung vorgenommen, jedoch 
zeigte die Geschwulst nach einigen Wochen wieder die alte Grösse, 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 



Die Heiserkeit wechselte, dagegen war in der Nase nach Aus- 
kratzung der mit Borken bedeckten Partien eine andauernde Besserung 
hergestellt. 

In beiden mitgetheilten Fällen, besonders im ersten (Fall Janucha), 
schien schon aus dem klinischen Bilde — unter Ausschluss von Tuber- 
culose und Lues — der Verdacht auf Rhinosklerom gerechtfertigt. Zur 
Sicherstellung der Diagnose wurden bei beiden Kranken sowohl aus den 
Geschwulstbildungen im Kehlkopf wie in der Nase Stücke excidirt und 
einer sorgfältigen mikroskopischen und bacteriologischen Untersuchung 
unterworfen, welche Herr cand. med. Georg Gottstein ausgeführt hat. 
Das aus der Nase entnommene Gewebe zeigt, wie aus den demonstrirten 
Präparaten zu ersehen ist, bei beiden Kranken eine kleinzellige Infil- 
tration mit bindegewebigen Zügen. Die Kehlkopfstückchen, die natur- 
gemäss näher der Oberfläche entnommen sind, lassen die Wucherung des 
Epithels zum Theil in zapfenförmiger Weise gut erkennen. Mikulicz'sche 
Zellen gelang es nicht aufzufinden. Dagegen zeigen sich vereinzelte 
colloide Zellen. Im Gewebe selbst waren nur an einzelnen Stellen wenig 
zahlreiche Bacillen zu Gesicht zu bringen. Dagegen gelang es, aus dem 
Gewebssaft der mit allen Cautelen behandelten und durchschnittenen 
Stückchen, auch aus den Kehlkopfgeschwülsten, Culturen anzulegen, die 
sich sofort als Reinculturen erwiesen. Sie haben in Gelatine die be- 
kannte Nagelform, auf Agar-Agar die Opalescenz, und erwiesen sich 
unter dem Mikroskop äusserst ähnlich dem Friedlander'schen Pneumonie- 
coccus. Wir haben auch mit den aufgeschwemmten Culturen Impf- 
versuche vorgenommen. Einspritzungen unter die Haut und in die 
Nasenschleimhaut blieben resultatlos. Dagegen brachte eine Einimpfung 
in die vordere Augenkammer eines Kaninchens eine entzündliche Gewebs- 
bildung zu Stande. Zum Vergleiche wurde einem anderen Kaninchen 
eine Cultur von Friedlander'schen Pneumoniecoccen in die vordere Augen- 
kammer eingeimpft, wobei eine andersartige, viel heftigere Entzündung 
zu Tage trat. Beide Thiere sind noch am Leben und soll später über 
das definitive Resultat berichtet werden. 

Jedenfalls hat die mikroskopische und bacteriologische Untersuchung 
bei beiden Fällen wenn auch nicht sämmtliche für das Rhinosklerom 
bisher als erforderlich erachtete Befunde, doch so viele dieser Krankheit 
eigenthümliche Merkmale ergeben, dass die schon durch das klinische 
Bild gerechtfertigte Auffassung der beiden Fälle als Rhinosklerom da- 
durch eine wesentliche Unterstützung erhält. 

II. Ein Fall von hysterischer Stummheit. 
Dieser einen 23jährigen Artilleriegefreiten betreffende Fall bietet 
durch die eigenartige, erst nach der Vorstellung des Falles eingeschlagene 
erfolgreiche Therapie ein besonderes Interesse und wird anderweitig aus- 
führlich veröffentlicht. 



8 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

III. Papillome des Larynx. 

Ein 31 jähriger Klempner J., der bereits als Kind einmal längere 
Zeit heiser war, in der Jugend ein ulcus molle mit Drüseneiterung durch- 
gemacht hatte, sonst aber stets gesund und kräftig war, wurde im 
Sommer 1891 heiser. Er kam im Juni 1891 in die Gottstein'sche 
Poliklinik wegen einer acuten Mittelohrentzündung, die in kurzer Zeit 
heilte. Dagegen erwies sich als Ursache der Heiserkeit eine massige 
Röthung der Stimmbänder und auf dem vorderen Ende des linken Stimm- 
bandes eine grauweissliche, halbbohnengrosse Geschwulst von glatter 
Oberfläche, dem Stimmbande breit aufsitzend. Die Geschwulst wurde von 
mir operativ entfernt. Jedoch zeigte sich kurze Zeit darauf nicht bloss 
an derselben Stelle ein Recidiv, sondern es traten jetzt auch am vorderen 
Ende des rechten Stimmbandes ähnliche Geschwulstbildungen auf. Durch 
Operation derselben wurde immer nur eine vorübergehende und gering- 
fügige Besserung erzielt; zeitweise trat sogar nach der Operation eine 
so heftige Reaction auf, dass die Stimmbildung noch schlechter war. 
Es wucherten nun neue Knötchen an den Taschenbändern und im 
hinteren Theil nahe den Aryknorpeln. Im Sommer 1892 zeigten sich 
auch mehrere Knötchen auf der laryngealen Fläche der Epiglottis. Ob- 
wohl immer wieder die Knötchen mit der Zange excidirt, mehreremal 
nachher galvanokaustisch oder mit Chromsäure geätzt wurden, wuchsen 
sie doch wieder nach und neue schössen in die Höhe. Es gab Zeiten, 
wo 8 oder 10 Knötchen im Kehlkopf zu sehen und beide Stimmbänder 
in dicke Masse umgewandelt waren bei vollkommener Stimmlosigkeit. 
Bis Anfang des Jahres 1893 ging dieser Kampf zwischen operirender 
Zange und nachwachsender Geschwulst fort. Da auf einmal blieb die 
erstere Sieger. Ohne nachweisbare Ursache hörte im Januar 1893 das 
Nachwachsen der Geschwulst auf, die Stimmbänder nahmen wieder ihr 
natürliches Aussehen an und der Kranke fing wieder an laut zu sprechen« 
Allerdings ist auch jetzt (April 1893) der Kehlkopf noch nicht ganz frei, 
auf der Mitte des rechten Stimmbandes sitzt noch ein ganz kleines 
Knötchen und ein etwas grösseres vor dem rechten Aryknorpel, es scheint 
aber, dass diese Reste spontan zurückgehen werden. 

Im Ganzen hat der Kranke in 1 3 / 4 jähriger Behandlung, während 
welcher er seine Berufsthätigkeit nicht unterbrach, 27 Operationen 
durchgemacht, es sind ihm ca. 50 kleinere oder grössere Knötchen ent- 
fernt worden. Mehrere der entfernten Stücke wurden zu mikroskopischer 
Untersuchung verwendet, die stets das deutliche Bild eines Papilloms 
resp. einer Pachydermia verrucosa ergab. 

Es ist seit lange bekannt, dass gerade die multiplen Papillome des 
Larynx sich durch grosse Recidivirungsneigung auszeichnen. Anderer- 
seits ist wiederholt beobachtet worden, dass diese Papillome sich spontan 
zurückbilden, in einzelnen Fällen, nachdem vorher wegen Erstickungs- 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 



gefahr die Tracheotornie gemacht worden war. Man kann diese an- 
scheinend widersprechende Eigenschaften, die auch in dem mitgetheilten 
Falle zu Tage traten, durch die Annahme erklären, dass viele Papillome 
eine natürliche, allerdings in weiten Grenzen schwankende Lebensdauer 
haben, die sich aus drei Phasen zusammensetzt: Beginn, üppiges 
Wachsthum, Rückbildung. Sieht man doch, wie auch Thost bemerkt, 
bei den histologisch ähnlichen, im Kindesalter so häufigen Haut- 
warzen, dass sie erst allen Einwirkungen zum Trotz immer wieder 
wachsen und in späterem Alter von selbst verschwinden. Natürlich darf 
man bei den Kehlkopfpapillomen nicht im Vertrauen auf spontane Rück- 
bildung von allen operativen Eingriffen absehen. Denn es passirt häufig, 
dass im Stadium des üppigen Wachsthums das ganze Kehlkopfinnere 
von Geschwülsten erfüllt und Erstickungsgefahr vorhanden ist. Gerade 
der vorliegende Fall beweist, dass, wenn Patient und Arzt nur Geduld 
haben, man den Kranken durch fortgesetzte Operationen, immer Schritt 
für Schritt den wachsenden Geschwülsten folgend, länger als 1 Jahr leistungs- 
fähig erhalten kann, bis die Wachsthums- und Bildungsneigung der 
Papillome verschwunden ist und der Kehlkopf zur normalen Beschaffenheit 
zurückkehrt. 

3. Sitzung vom 17. Februar 1893. 

Vorsitzender: Herr Geh. Rath F ritsch. Schriftführer: Herr Dr. R. Asch. 

Vor der Tagesordnung demonstriren Herr Dr. Martini und Herr 

Dr. Adler Muskelpräparate makroskopisch und mikroskopisch von einem 

auf der Abtheilung des Herrn Dr. Buchwald beobachteten Falle von 

multipler Sarkombildung des Gehirnes und Rückenmarkes. 

Discussion : 
Herr Buchwald, Herr Adler. 

Tagesordnung: 
Herr Geh. Rath Fritsch: 

Ueber Extrauterinschwangerschaft. 
Der Vortragende spricht sich für eine operative Behandlung der 
Extrauteringravidität in allen Zeiten der Schwangerschaft aus und be- 
gründet diese Anschauung durch Hinweis auf die neuerdings von allen 
Seiten berichteten guten Erfolge. 

4. Sitzung vom 3. März 1893. 
Vorsitzender: Herr Dr. Buchwald. Schriftführer: Herr Dr. Martini. 
Vor der Tagesordnung demonstrirt 

1) Herr Dr. Martini Präparate von tuberculös afficirten Knochen, 
und zwar 

a. Schenkelhals eines 2jähr. Mädchens. Derselbe zeigt einen aus- 
gedehnten käsigen Herd, der in das Gelenk perforirt ist. 



10 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

b. Wirbelsäule eines 5jährigen Knaben, bei welcher ausgedehnte 
tuberculöse Zerstörung von Wirbelkörpern vom 5. bis 8. Brust- 
wirbel gefunden wurde. Störungen von Seiten des Rückenmarkes 
haben nicht vorgelegen. 

2) Herr Dr. R. Stern: 

Demonstration eines Haematoporphyrin-haltigen Urins. 

Der Urin ist von sehr dunkler, bläulich-rother Farbe, welche an 
die Färbung von Burgunder oder des Saftes von schwarzen Kirschen 
erinnert, von stark saurer Reaction und einem eigenthümlichen, harz- 
artigen Geruch. Derselbe ist frei von Blut, enthält in verschiedenen 
Portionen theils gar kein, theils minimale Spuren von Eiweiss, keinen 
Zucker. Bei geeigneter Behandlung zeigt derselbe die charakteristischen 
Spectra des Haematoporphyrins in saurer und alkalischer Lösung, daneben 
den Streifen des Urobilins (Demonstration). 

Der Harn stammt von einer kürzlich verstorbenen, 70jährigen Dame 
(aus der Praxis eines Collegen), die an einer Psychose litt und wegen 
anhaltender Schlaflosigkeit 4 — 5 Monate hindurch — allerdings mit 
Unterbrechungen, erst 1 gr, später, als diese Dosis nicht mehr wirkte, 
2 gr Sulfonal (von Riedel) bekommen hatte. Im Ganzen sind etwa 
— die genaue Menge Hess sich nicht mehr feststellen — 120 — 150 gr 
Sulfonal verbraucht worden. Etwa 8 Tage vor dem Tode fiel dem be- 
handelnden Arzte die eigenthümliche, dunkle Färbung des Urins auf, die 
der Vortragende als durch Haematoporphyrin bedingt nachweisen konnte. 
Daraufhin wurde das Sulfonal ausgesetzt. Die Patientin, deren psychische 
Verwirrung und körperliche Schwäche in den letzten Wochen erheblich 
zugenommen hatten, verfiel wenige Tage darauf in vollständiges Coma, 
welches nach fast 48 stündiger Dauer mit dem Tode endete. 

Die von Herrn Privatdocenten Dr. Kaufmann ausgeführte Autopsie 
ergab im Wesentlichen : Sehr fettreiche Leiche, geringer Icterus, Herz 
mit Fett bedeckt, sehr brüchig, Muskulatur bräunlich-gelb, weich, zer- 
reisslich. Starke Sklerose der Kranzarterien. Oedem und massiges 
Emphysem der Lungen. Hypostase und Atelectase beider Unterlappen. 
Milz und Nieren (abgesehen von Altersveränderungen der letzteren) ohne 
makroskopische Veränderungen. Leber stark verfettet. Alte Chole- 
lithiasis. Harnblasenschleimhaut von röthlich-violetter Färbung. Der in 
der Blase sich vorfindende Harn sehr sark haematoporphyrinhaltig. Die 
grösseren Hirngefässe leicht sklerosirt; das Gehirn bietet nichts Abnormes. 

Der makroskopische Sectionsbefund ergab somit nichts, was als 
toxische Wirkung des Sulfonals hätte aufgefasst werden können. 1 ) (Die 



x ) Der leichte, auch intra vitam beobachtete Icterus ist jedenfalls auf die 
Cholelithiasis [grosser Stein in der Gallenblase; mehrere, ältere Narben im ductus 
cysticus] zu beziehen. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 1 1 

mikroskopische Untersuchung, besonders der Nieren und Leber, steht 
noch aus.) Die schweren Veränderungen der Kranzarterien und des 
Herzmuskels würden eine ausreichende Todesursache darstellen. 

Trotzdem ist es mit Rücksicht auf die schon vorliegenden Beob- 
achtungen sehr wahrscheinlich, dass in unserem Falle das Sulfonal toxisch 
gewirkt hat; ein Symptom dieser toxischen Wirkung ist in dem Auf- 
treten der Haematoporphyrinurie zu erblicken. 

Die Mehrzahl der Fälle von Haematoporphyrinurie, die bisher be- 
schrieben sind, wurden nach Sulfonal-Gebrauch beobachtet, so von Sal- 
kowski, Hammarsten u.m.A. Ein zufälliges Zusammentreffen erscheint 
hierbei ausgeschlossen. Es handelte sich hierbei durchweg um Frauen, 
die längere Zeit hindurch Sulfonal gebraucht hatten und bei denen meist 
sehr hartnäckige Obstipation bestand; (auch in unserem Falle war diese 
vorhanden). Das Auftreten von Haematoporphyrin im Harn bei Sulfonal- 
gebrauch muss als eine prognostisch ungünstige Erscheinung betrachtet 
werden. Die meisten Patientinnen, bei denen diese Beobachtung gemacht 
wurde, — im Ganzen sind diese Fälle trotz der ausgedehnten An- 
wendung des Sulfonals offenbar selten — zeigten gleichzeitig schwere 
Störungen seitens des Centralnervensystems und gingen, falls das Mittel 
nicht bald ausgesetzt wurde, zu Grunde. Wenn auch der Zusammen- 
hang zwischen Sulfonalgebrauch und dem Erscheinen jenes eigentüm- 
lichen Farbstoffes noch nicht aufgeklärt ist, so lehren doch die vor- 
liegenden klinischen Beobachtungen, dass man bei länger dauernder 
Anwendung von Sulfonal sorgfältig auf die Farbe des Harns 
achten und bei etwaigem Auftreten von Haematoporphyrin 
sofort das Mittel aussetzen muss. 

Discussion: 

Herr Dr. Buchwald fragt, von welcher Firma das Sulfonal bezogen 
sei, da man Verunreinigungen beschuldigt habe für event. auftretende 
Intoxicationserscheinungen. 

Herr Dr. Stern: Das Sulfonal stammte aus der RiedePschen Fabrik. 

Tagesordnung: 
1) Vortrag des Herrn Dr. Kuznitzky: 

lieber Asymmetrie (halbseitige Atrophie) des Thorax und Contractur der 
Wirbelsäule nach Kinderlähmung und Chorea. 
Im October 1892 wurde dem Vortragenden von San.-Rath Schmeidler 
ein Fall von Chorea zur medico-mechanischen Behandlung überwiesen. 
Nach Angabe der Mutter ist Patientin asphyctisch geboren worden und 
hat ein halbes Jahr lang den rechten Arm nicht gebraucht. Nach einer 
Mittheilung des Med.-Raths Dr. Long, des früheren Hausarztes der 
Familie, handelte es sich um eine lähmungsartige Schwäche der ganzen 
rechten Körperhälfte, die auch in ihrer Entwickelung zurückblieb. Die 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Zuckungen, d. h. klonische Krämpfe, bestanden seit dem 2. Lebensjahr 
auf der ganzen rechten Seite, Gesicht, Schultermuskeln, Arm und Bein. 
Im Laufe der Jahre hatten dieselben im Gesicht, Schulter und Bein be- 
deutend nachgelassen, so dass jetzt hauptsächlich der rechte Arm afficirt 
war, während das rechte Bein in Spitzfussstellung stand und nach- 
geschleift wurde. Ausserdem hatten sich seit Kurzem Zuckungen im 
linken Arm und linken Facialis hinzugesellt. Ob die Zuckungen im 
Schlafe aufhörten, wussten die Eltern nicht anzugeben, wohl aber er- 
klärten sie bestimmt, dass bisweilen kleine Pausen einträten. In den 
ersten Tagen der Behandlung konnte festgestellt werden, dass die 
Zuckungen hauptsächlich bei intendirten Bewegungen sich einstellten. 
Seit einiger Zeit war noch schwere Chlor-Anaemie mit Herzklopfen, 
grosser Müdigkeit, Appetitlosigkeit, häufigen Kopfschmerzen, Schwindel- 
gefühl etc. hinzugekommen. Die rechte Hand stand in Flexions- und 
Abductionsstellung, und es zeigte sich auch, dass die klonischen Krämpfe 
rechts die Flexoren und Abductoren betrafen, während an der linken 
Hand hauptsächlich die Extensoren in Mitleidenschaft gezogen waren. 
Patellarreflex rechts erhöht. Druckpunkte und Sensibilitätsstörungen 
waren nicht nachzuweisen. Die elektrische Erregbarkeit war auf der 
ganzen rechten Seite herabgesetzt; ebenso zeigte sich der Umfang des 
rechten Arms, Beins und der rechten Thoraxhälfte bis 2 cm geringer 
als links. Endlich zeigte sich eine totale linksseitige Scoliose. Die 
linke Schulter stand höher, das linke Schulterblatt nach hinten und 
aussen gedreht, die Wirbelsäule machte einen langgezogenen Bogen mit 
der Convexität nach links, der aber sofort verschwand, sobald man die 
Patientin sich nach vorn über beugen Hess, wobei sich auch kein 
Rippenbuckel zeigte, ein Beweis, dass noch keine Fixation und Torsion 
vorhanden war. 

Die Diagnose lautete: Hemiplegia infantil, spastica (cerebrale Kinder- 
lähmung) mit nachfolgender Chorea minor, halbseitige Atrophie der 
ganzen rechten Seite, insbesondere der rechten Thoraxhälfte, Scoliosis 
totalis simitra. 

Später bekam Vortragender noch 2 Fälle zu Gesicht, bei denen, 
abgesehen von der Chorea, sich im Grossen und Ganzen ähnliche Ver- 
hältnisse zeigten. Ausserdem erschien in Nr. 44 des Centralbl. f. Chirurgie 
1892 ein Aufsatz von Messner, der, auch abgesehen von der Chorea, 
Aehnliches behandelt. Er spricht aber nur im Allgemeinen von Kinder- 
lähmung, ohne diese näher zu präcisiren, und kommt zu dem Ausspruch, 
dass dieselbe auch bei Bildung von Contracturen der Wirbelsäule, bei 
der Scoliose sehr zu berücksichtigen ist. Er berichtet über 8 Fälle 
und hält folgende Punkte für die paralytische Scoliose, wie er sie nennt, 
für charakteristisch 1) dass sich diese ebenso, wie die statische, sehr 
spät oder gar nicht fixirt, was bei den habituellen resp. rhachitischen 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 13 

Formen ohne Behandlung in viel kürzerer Zeit eintritt; 2) bildet sich 
trotz jahrelangen Bestehens selten ein Rippenbuckel und 3) ist die Con- 
vexität des Bogens nach der gesunden Seite gerichtet. 

Sofern M. die spinale Kinderlähmung meint, ist ihr Zusammenhang 
mit Scoliose nichts Neues. Erb hat dies schon in Ziemssen's Hand- 
buch vom Jahre 1878 ausdrücklich erwähnt. Dagegen führt er 1, c. 
pag. 711 bei der Differentialdiagnose zwischen spinaler und cerebraler 
Kinderlähmung für die letztere besonders an „keine Scoliose". Nach 
privater Mittheilung von Professor Hirt hat dieser mehrere derartige 
Fälle gesehen, die sich hier im Armenhaus befinden. Auf den Ab- 
bildungen in seinem Lehrbuch sind die Scoliosen deutlich sichtbar. Im 
Text jedoch findet Vortragender ebensowenig wie sonst in der Literatur 
eine Erwähnung derselben. Es scheint aber daraus hervorzugehen, dass 
beide Arten von Kinderlähmung in ätiologischer Hinsicht eine bedeut- 
same Rolle für die Scoliose spielen. Ausserdem sind diese Fälle für 
die Theorie der Scoliose interessant. Beweisen sie doch, dass auch die 
myopathische Theorie entgegen vielfachen Zweifeln für eine Anzahl von 
Fällen ihre Berechtigung hat. Denn dass in obigen Fällen die Muskel- 
wirkung der gesunden Seite die Ursache für die Scoliose gewesen ist, 
wird wohl Niemand leugnen. 

Es ist dies aber für Prognose und Therapie sehr wichtig. Sofern 
nicht die Rückenmuskulatur schon seit Jahren total gelähmt ist und 
Entartungsreaction besteht, ist die Prognose bei geeigneter Behandlung 
günstig. Die Behandlung besteht in schwed. Heilgymnastik, Massage, 
kalten Abreibungen und event. Elektricität. M. hat von 8 Fällen bei 3 
völlige Heilung, bei 4 wesentliche Besserung und nur in 1 total ge- 
lähmten Falle keinen Erfolg erzielt. Der oben beschriebene Fall ist 
völlig geheilt und bei den beiden anderen dasselbe zu erwarten. Auch 
die Chorea ist fast völlig verschwunden, ebenso wie die Chlor-Anaemie 
mit ihren Symptomen. 

Für die Behandlung der Chorea durch Mechano-Therapie lag im 
obigen Falle noch eine besondere Indication vor. Wie schon früher 
erwähnt, befanden sich rechts die Flexoren und Abductoren und links 
die Extensoren im Krampfzustand, während die Antagonisten äusserst 
schwach functionirten. 

Dieser eigenthümliche Zustand erinnerte den Vortragenden an 
Schreibkrampf, bei dem es sich in letzter Linie auch um einen Krampf- 
zustand einzelner Muskelgruppen und eine Parese der Antagonisten 
handelt. 

Nun ist man bei der medico-mechanischen Behandlung im Stande, 
einerseits einzelne Muskelgruppen, gesondert von ihren Antagonisten, in 
Action zu bringen und durch Widerstand zu kräftigen, andererseits die 
Erregbarkeit von Nerven, resp. Muskeln herabzusetzen. Auf dieser 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Basis wurde die Behandlung geleitet und hatte, wie schon oben gesagt, 
guten Erfolg. 

Discussion: 

Herr Dr. Loewenhardt bemerkt, dass die citirte Messner'sche 
Arbeit vielfache Widersprüche enthalte. 

Herr Dr. Kuznitzky, Herr Dr. Freund, Herr Sanitäts - Rath 
Schmeidler. 

2) Vortrag des Herrn Dr. R. Stern: 

TJeber pathogene Wirkung des Colon-Bacillus beim Menschen. 

Vortragender bespricht die in der Literatur vorliegenden Angaben 
über pathogene Wirkung des sogenannten „bacteriurn coli commune 
(Escherich) cc beim Menschen. Es handelt sich hier offenbar nicht um 
ein-e Bacterienart, sondern um eine Gruppe von morphologisch und 
bezüglich ihres Verhaltens in Culturen u. s. w. ähnlichen Bacillen. Im 
Anschluss hieran theilt er einen Fall aus der medicinischen Klinik mit: 
alte Cholelithiasis, die zu einer ausgedehnten eitrigen Pylephlebitis und 
Allgemein-Infection mit eitriger Meningitis geführt hatte. Im Eiter aus der 
Leber und in dem meningitischen Exsudat, ebenso in der stark ver- 
größerten, weichen Milz fand sich massenhaft und in Reincultur ein 
Bacillus, der dem EschericrTschen sehr ähnlich ist, jedoch nicht 
völlig mit demselben identificirt werden kann. Er gehört jedenfalls 
zur „Gruppe des Colon-Bacillus". Bei Versuchsthieren (weissen Mäusen, 
Kaninchen, Meerschweinchen) bewirkt er Eiterung oder resp. und septische 
Allgemein-Infection. (Der Vortrag wird in der Deutschen medicinischen 
Wochenschrift ausführlich veröffentlicht.) 

Discussion: 
Herr Partsch, Herr Riegner, Herr Stern. 

5. Sitzung vom 17. März 1893. 
Vorsitzender: Herr Geh. Rath Mikulicz. Schriftführer: Herr Dr. Martini. 

Vor der Tagesordnung demonstrirt 

1) Herr Dr. Riegner eine eingekeilte Schenkelhalsfractur, die ge- 
nügende Festigkeit durch die Einkeilung bot, so dass Extension weder 
nöthig noch förderlich gewesen. 

2) Herr Dr. Kader führt eine Patientin vor, bei welcher die 
Larynxfissur wegen Sklerom gemacht war und welche jetzt geheilt ist. 
Behandlung mit den Glascanülen von Mikulicz, später mit Schröter- 
schen Dilatatoren. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 15 



Tagesordnung: 
1) Primairarzt Dr. 0. Riegner stellt vor 

einen Fall von Trepanation wegen subduralen Blutergusses mit späterem 
osteoplastischen Ersatz des Schädeldefects nach König. 
M. H. ! Dieser jetzt 7 y 2 jährige Knabe (Georg Andermann) 
stürzte am 1. October 1891 aus dem 1. Stockwerk aufs Pflaster und 
wurde bald darnach auf meine Abtheilung gebracht. Er war voll- 
kommen bewusstlos, hatte einen vollen auf 60 Schläge verlangsamten 
Puls, über der linken Schläfe ein starkes handtellergrosses Hämatom, 
ein kleineres von etwa Pflaumengrösse auf dem rechten Scheitelbein. 
Es bestand ausgesprochene Parese der rechten Körperhälfte (des facialis 
und beider Extremitäten). Am nächsten Tage war dieselbe bereits in 
merklichem Rückgange, auch die Bewusstseinsstörung geringer. Der 
Knabe reagirte auf Anrufen, sprach jedoch gar nicht. Am 4. Tage 
waren die Hämatome soweit resorbirt, dass man in der linken Schläfen- 
gegend 2 Finger breit vor dem äusseren Gehörgang eine etwa 2 mm 
breite senkrecht bis zur Sagittallinie aufsteigende Fissur im Schädel 
fühlen konnte. Es stellten sich klonische Zuckungen im rechten Facialis- 
gebiet, am nächsten Tage auch in beiden rechtsseitigen Extremitäten 
ein, welche mit Unterbrechungen stundenlang andauerten. Gleichzeitig 
wurde beginnende Stauungspapille constatirt. Das Bewusstsein hatte 
sich noch weiter aufgehellt, das Unvermögen zu sprechen bestand jedoch 
noch immer. Die schon vorher erwogene Annahme eines localen intra- 
craniellen Blutergusses über der linken Stirn- und der vorderen Central- 
windung war jetzt gesichert. Ich glaubte, dass es sich, wie gewöhnlich 
in solchen Fällen, um eine Zerreissung der arteria meningea med., also 
um ein Hämatom zwischen dura und Schädel handele und machte daher 
am 6. Tage die Trepanation von der durch einen senkrechten Schnitt 
freigelegten Fissur aus an der üblichen Stelle. Es wurde ein etwa 3 cm 
breites und 5 cm langes Knochenstück herausgemeisselt. Zwischen 
Schädel und dura fand sich aber kein Blut. Die harte Hirnhaut war 
unverletzt, prall gespannt und bläulich durchscheinend, ohne Pulsation. 
Ich schnitt sie daher kreuzweise ein, wonach sich reichlich theils flüssiges, 
theils geronnenes Blut vermischt mit zertrümmerten Hirnmassen entleerte. 
Bald nach Entleerung des subduralen Blutergusses stellte sich die Hirn- 
pulsation wieder ein. Es wurde locker mit Jodoformgaze tamponirt, die 
Hautwunde nur theilweise genäht. Der Wundverlauf war normal und 
fieberlos. Die klonischen Zuckungen der rechten Körperhälfte sistirten 
sofort nach der Operation und kehrten nicht wieder. Die Stauungs- 
papille bildete sich zurück. Das Bewusstsein wurde bald ganz klar. 
Der Knabe wurde sehr lebhaft und munter. Schon nach 14 Tagen 
konnte er das Bett verlassen und mit den andern Kindern spielen. Nur 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

die Sprache fehlte ihm weiter vollkommen. Er verstand Alles, wählte 
unter mehreren vorgelegten Gegenständen den ihm bezeichneten immer 
richtig aus etc. Das Sprachverständniss war also vorhanden, dagegen 
war das spontane Sprechen und die Fähigkeit des Nachsprechens ver- 
loren gegangen. Es handelte sich demnach um cortical-motorische 
Aphasie. Erst nach etwa 3 Wochen kamen die ersten Laute ich! und 
ach! zum Vorschein, die er nun bei jeder Gelegenheit anbrachte. Ende 
October wurde der Knabe mit gut granulirender Wunde auf Wunsch 
der Eltern vorläufig entlassen. Als er nach 4 Wochen wieder für einige 
Tage aufgenommen wurde, um durch Thi er seh' sehe Transplantationen 
eine raschere vollständige Vernarbung der immer noch nicht ganz ge- 
schlossenen Wunde herbeizuführen, hatte er schon eine ganze Reihe 
leichter Worte, wie Anna, Mama u. s. w. sprechen gelernt. Jedes gelungene 
Wort machte ihm sichtlich Freude, hingegen wurde er traurig, wenn er 
etwas nachsprechen sollte und es nicht fertig bringen konnte. Auf die da- 
mals schon dringend vorgeschlagene Operation behufs knöchernen Schlusses 
des Schädeldefects wollten die Eltern zunächst nicht eingehen. Erst Mitte 
vorigen Monats, also etwa anderthalb Jahre nach dem Unfall, brachten 
sie mir den Knaben zu diesem Zwecke wieder in's Hospital, da sie 
inzwischen sich wohl überzeugt hatten, welcher beständigen Gefahr er 
durch die grosse Lücke im Schädel ausgesetzt war. Dieselbe hatte sich 
auch gar nicht verkleinert, wie man nach sonstigen Erfahrungen viel- 
leicht hätte hoffen können. Im Gegentheil war sie entsprechend dem 
Wachsthum des Schädels entschieden etwas breiter geworden (grösste 
Breite 3y 2 cm bei 5 cm Länge), und ihre Ränder ganz scharf durch- 
zufühlen. Sie war bedeckt von einer dünnen narbigen Haut, welche 
starke pulsatorische und noch ausgedehntere respiratorische Schwingungen 
zeigte. Der längsovale, vertical gestellte Defect lag mit seiner unteren 
Spitze in der Höhe des oberen Randes der Ohrmuschel, 1 */ 2 cm vor der 
letzteren. 

Der Knabe hatte sich im Uebrigen in den anderthalb Jahren körper- 
lich und geistig sehr gut entwickelt. Er ist aussergewöhnlich lebhaft 
und nimmt an allen Vorgängen um ihn regen Antheil. Die Sprache hat 
er wieder vollkommen erlernt. Seine Aussprache ist deutlich, nur ersetzt 
er, wie Kinder in der ersten Zeit des Sprechens dies zu thun pflegen, 
das G und K durch D und T. Ebenso spricht er fast immer im In- 
finitivum. Schwere Worte, wie z. B. Chloroform, kann er im Zu- 
sammenhange auch jetzt noch nicht ordentlich nachsprechen, wenn er 
auch die einzelnen Silben richtig wiedergiebt. Seinen Namen schreibt er 
richtig aber mit unsicheren, unregelmässigen Buchstaben. Vor dem Unfall 
soll er schon besser geschrieben haben. Lesen hat er noch nicht gelernt. 

Heut vor 4 Wochen (am 16. Februar) wurde nun die Knochenlücke 
nach dem Verfahren von König osteoplastisch geschlossen. Zunächst 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 17 

* 
wurde der Ersatzlappen nach vorn von dem Defect und doppelt so 

gross wie dieser aus der Stirnhaut umgeschnitten mit nach oben ge- 
richtetem 3 cm breitem Stiel. Das Periost wurde im ganzen Umfange 
mit durchtrennt, die Knochenschale jedoch nur in der dem Defect ent- 
sprechenden Grösse und Gestalt abgemeisselt. Dann erst wurde die 
Schädellücke umschnitten mit nach unten gerichtetem bis an den Or- 
bitalrand reichenden Stiel und zwar so, dass zwischen beiden Lappen 
ein 1 y 2 cm langer, 1 cm breiter Sporn stehen blieb. Die narbige, 
dünne Haut Hess sich nur schwer von der darunter liegenden dura ab- 
lösen. Letztere riss an einigen Stellen ein und es entleerte sich etwas 
Cerebrospinalflüssigkeit. Die beiden Lappen wurden nun in der be- 
kannten (auf der Tafel veranschaulichten) Weise vertauscht. Der Ersatz- 
lappen legte sich gut und ohne Spannung in den Defect, den er voll- 
kommen deckte, und an dessen Ränder er mit einigen Nähten fixirt 
wurde. Die von der Knochenlücke abgetrennte Narbenhaut deckte die 
durch Ablösung des Ersatzlappens gesetzte Wundfläche jedoch nur etwa 
zur Hälfte. Der Rest wurde mit Hautläppchen aus dem Oberschenkel 
bepflanzt. Der Heilungsverlauf war subjectiv und objectiv ganz ungestört. 
Erst nach 14 Tagen wurde der Verband und die Nähte entfernt. Es 
war überall prima intentio eingetreten, die Hautläppchen bis auf 
eine Fünfpfennigstück grosse Partie auf dem Knochen aufgeheilt. An 
der Stelle der früheren Schädellücke sieht man noch schwache Pul- 
sation, doch zeigt sich der Defect bei der Palpation im ganzen Bereich 
knöchern geschlossen. Der Knabe war schon am 5. Tage nach der 
Operation nicht mehr im Bett zu halten und ist, wie sie sehen, sehr 
lebhaft und bei gutem Befinden. 

Lassen Sie mich nur noch mit kurzen Worten auf das Interesse 
hinweisen, welches der Fall für die Hirnphysiologie hat. Die voll- 
ständige sofort vorhandene und anhaltende Aphasie deutete — zumal 
bei Berücksichtigung der Localität der Verletzung — auf eine wesentliche 
Zerstörung der dritten linken Stirnwindung. Die im Anfang vorhandene 
Parese der rechten Körperhälfte sprach für eine gleichzeitige Betheili- 
gung der angrenzenden vorderen Central windung, in welcher, wie Sie 
wissen und wie Ihnen die Abbildung veranschaulicht, die motorischen 
Rindencentren für Gesicht, Arm und Bein liegen. Das rasche Ver- 
schwinden der Lähmungserscheinungen und das Ersetztwerden derselben 
durch solche der Reizung (klonische Zuckungen) liess indess annehmen, 
dass der lobus central, ant. nur durch eine vorübergehende Ursache, 
durch Druck seitens ergossenen Blutes, geschädigt sei. In der That 
hörten die Convulsionen sofort nach Entleerung des subduralen Hämatoms 
auf, auch die Stauungspapille wurde rückgängig. Dagegen fand sich 
die Broca'sche Windung zum Theil zerstört, aus ihr stammten die ent- 
leerten zahlreichen Hirntrümmer. Es war nach diesem Befunde anfangs 

2 



18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

sehr zweifelhaft, ob sich die vollständige motorische Aphasie je wieder 
ausgleichen und der Knabe das Sprachvermögen vollkommen wieder er- 
langen würde. Der weitere Verlauf hat indess zu seinen Gunsten ent- 
schieden. Wenn man also nicht zu der durch sonstige Beobachtungen, 
soviel mir bekannt ist, nicht sicher gestützten Hypothese greifen will, 
dass die rechte Stirwindung vicariirend eingetreten ist, so muss man 
wohl annehmen, dass nur ein Theil des motorischen Sprachcentrums 
zerstört worden und die Function desselben von den restirenden Fasern 
und Ganglienzellen allmählich übernommen worden ist. Immerhin zeigt 
dieser Fall sehr schön, dass das kindliche Hirn sehr leicht im Stande 
ist, die verloren gegangenen Sprachbewegungsvorstellungen sich neu zu 
bilden im Gegensatz zu dem des Erwachsenen, bei welchem bekanntlich 
die Prognose der durch Schädigung der Broca'schen Windung entstandene 
Aphasie eine sehr schlechte ist. 

2) Vortrag des Herrn Dr. Spitzer: 

Die rationellen Grundlagen und Indicationen der Karlsbader Trinkcur 
mit besonderer Berücksichtigung der Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Der Vortragende referirt zunächst über die bezüglichen Unter- 
suchungen J aworski's, Ewald's und du Mesnil's und berichtet des 
Genaueren über die nach Einführung des Karlsbader Thermalwassers 
und des Sprudelsalzes constatirten Veränderungen der Magensaftsecretion, 
der motorischen Thätigkeit und der Verdauungsfähigkeit (sowohl inner- 
halb des Magens selbst, als auch in künstlichen Verdauungsgemengen), 
über die Bedingungen — Quantität, Temperatur, Zeitdauer zwischen Auf- 
nahme des Thermalwassers und der darauf folgenden Nahrung etc* — , 
unter denen einerseits eine, meistens sehr wesentliche, Steigerung des 
Chemismus, andererseits eine Depression desselben im gesunden und 
kranken Magen erzeugt wird. 

Es wird die Wirkungsart der einzelnen Componenten des Thermal- 
wassers besprochen und besonders darauf Werth gelegt, dass der bei 
den verschiedenartigen Erkrankungen des Magendarmtractes sich meistens 
einstellende Circulus vitiosus zwischen fehlerhafter Resorption, Secretion 
u. s. w., zwischen fehlerhafter Magen- und Darmthätigkeit durch die 
Combination von Aleali und Glaubersalz von verschiedenen Seiten aus 
in Angriff genommen wird. Den ungünstigen Erfahrungen Jaworski's 
bezüglich längeren Gebrauchs des Karlsbader Wassers — Depression 
der verdauenden Kraft bei vorher normalem oder schon herabgesetztem 
Chemismus — werden die exaeteren Untersuchungen Ewald's mit ent- 
gegengesetztem Resultate gegenübergestellt; mit Rücksicht auf die — zu- 
gegebene — Möglichkeit einer Schädigung wird excessiver Gebrauch und 
zu lange Dauer der Cur dringend widerrathen, exaete Diagnosenstellung 
und Controle der Cur durch Untersuchung des Mageninhalts — wenn 
sonst nicht möglich — empfohlen. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 19 

Bezüglich der Indicationen stellt Vortragender in die erste Reihe 
die Magenstörungen mit Steigerung des Chemismus : Hyperacidität, Hyper- 
secretion etc. — , wozu auch Ulc. ventr. zu rechnen ist. Bei Herab- 
setzung der Saftsecretion und des Chemismus — Anacidität auf nervöser, 
anäm. Basis, Atonie, chron. Katarrh etc. treten die Kochsalzquellen mit 
in Concurrenz. Bei der nervösen Dyspepsie wird im Anschluss an die 
Erfahrungen von Ewald, Boas u. a. Vorsicht empfohlen. 

Zum Schluss wird die rationelle Trinkcur bezüglich der Temperatur, 
Quantität, Dauer, Diät etc. besprochen. Die letztere betreffend wird 
hervorgehoben, dass es eine „Karlsbader Diät u nicht giebt, dass jede 
Form einer Magendarmkrankheit, jeder Grad der Intensität eine eigene 
Diät, dass ganz besonders die Individualität ihr Recht zu fordern hat. 

6. Sitzung vom 21. April. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. Born. Schriftführer: Herr Dr. Gaupp. 

Tagesordnung: 

1) Herr Dr. Buchwald stellt 

einen typischen Fall von Acromegalie 
vor. Es handelt sich um einen 39jährigen Mann, bei dem, ohne nach- 
weisbare Ursache, sich im Laufe von 10 Jahren die charakteristischen 
Zeichen entwickelt haben. Hände und Füsse, namentlich der Unter- 
kiefer sind enorm vergrössert, der sagittale Durchmesser der Brust 
ist auffallend vergrössert. Es besteht ferner Stauungspapille, träge 
Pupillenreaction und reflectorische Pupillenstarre, neben linksseitiger 
Hemiopie. Ausserdem sind Störungen in der elektrischen Erregbarkeit 
von Muskeln und Nerven vorhanden. Die Zahl der rothen Blutzellen 
ist vermindert. Der Vortragende giebt die Differentialdiagnose zwischen 
Acromegalie und ähnlichen Erkrankungen resp. Anomalien. Die ausführ- 
liche Beschreibung des Falles wird in der Deutschen medic. Wochen- 
schrift erfolgen. 

Discussion: 

Herr Dr. Adler: Elektrische Erregbarkeit war herabgesetzt, dies 
zeigt, dass es sich um eine zweifellose „Krankheit" handelt (entgegen 
F reund-Strassburg), nicht „Entwicklungsverschiebung" oder dergl. Die 
Aetiologie der Krankheit ist absolut unklar. 

Herr Dr. Stern: Die einseitige hemiopische Pupillarreaction lässt 
auf Tractuserkrankung schliessen. 

2) Herr Geh. Rath Heidenhain: 

Ueber die Resorption im Dünndarm. 
Die Lehre von der Diffusion, deren heutige Gestaltung der Vor- 
tragende kurz bespricht, sagt aus: 1. Zwischen zwei wässrigen Lösungen, 

2* 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

welche durch eine Diffusionsmembran von einander getrennt sind, findet 
ein Wasserstrom nicht statt, wenn die osmotische Spannung beiderseits 
gleich ist; 2. bei Ungleichheit der beiderseitigen osmotischen Spannungen 
geht der Wasserstrom von der Seite der geringeren zu der Seite der 
höheren Spannung; die Triebkraft für den Wasserstrom ist gleich dem 
Unterschiede der Spannungen. 

Vergleicht man den Inhalt dieser Sätze mit den Thatsachen der 
Wasserresorption im Dünndarm, so ergiebt sich mit zweifelloser Sicher- 
heit, dass die letztere nicht auf Osmose beruhen kann. 

1. Wenn man in den Dünndarm des Hundes Blutserum desselben 
Thieres bringt, wird dieses mit Leichtigkeit aufgesogen, obschon die 
osmotische Spannung zu beiden Seiten der vermeintlichen Diffusions- 
membran (Epitheldecke) gleich ist. Während der Resorption nimmt die 
Concentration des Serums stetig zu, zum Beweise, dass der Aufsaugung 
nicht etwa eine Verdünnung durch Drüsensecretion voraufgeht. 

2. Ebenso leicht findet Resorption einer Kochsalzlösung von 1 pCt. 
statt, deren osmotische Spannung (gemessen durch die Gefrierpunkts- 
erniedrigung) gleich der des Hundeserums ist. (Viel schwieriger werden 
Lösungen von schwefelsaurem Natrium , schwefelsaurem Magnesium, 
Magnesiumchlorid bei gleichem Gefrierpunkte aufgesogen.) 

Da in diesen Fällen die osmotische Triebkraft gleich Null ist, muss 
die Ueberführung der Flüssigkeit aus dem Darme in das Blut durch 
Kräfte anderer Natur geschehen. 

3. Wird in den Darm ein in vacuo concentrirtes Serum oder eine 
Kochsalzlösung von 1,5 pCt. (Gefrierpunkt rund — 0,9, während der 
des Hundeserums rund — 0,6 ist) gebracht, so ist damit eine osmotische 
Triebkraft im Sinne eines Wasseraustrittes aus den Bluteapi Haren in den 
Darm gesetzt. Trotzdem findet glatte Resorption jener Lösung statt, 
die osmotische Triebkraft wird also durch eine in entgegengesetzter 
Richtung wirksame Triebkraft für die Flüssigkeit überwunden. 

Dem Gefrierpunkte von — 0,9 entspricht ein osmotischer Druck 
von rund 109 Meter Wasser, dem Gefrierpunkte von — 0,6 ein 
Druck von 73 Meter Wasser. Die osmotische Triebkraft, welche durch 
die Resorptionskraft überwunden wird, ist also gleich 109 — 73 = 36 Meter 
Wasser oder 3,5 Atmosphären. 

Geht man mit der Concentration der Kochsalzlösung noch weiter 
in die Höhe, so tritt ein Punkt ein, wo die Wasserresorption aufhört 
und statt dessen Transsudaten in den Darm eintritt. Diese Grenze liegt 
ungefähr bei einem Kochsalzgehalt, von 2 pCt. (Gefrierpunkt rund 
-1,2).*) 



l ) Vielleicht findet auch schon bei geringeren Concentrationen Transsudation 
statt, die aber durch die Resorption übertroffen wird, sodass das Flüssigkeits- 
volumen dennoch stetig sinkt. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 21 

Die Quelle für die Triebkraft der Wasserresorption liegt jedenfalls 
in den anatomischen Elementen der lebenden Darmwand. Bekanntlich 
kann die Thätigkeit der Drüsen durch vorübergehende Unterbrechung 
ihres arteriellen Blutstromes zeitweise unterdrückt werden. Dasselbe 
gilt von der Wasserresorption. Ist die Brustaorta 1 / 2 — 1 Stunde ge- 
schlossen gewesen, so fehlt nach Wiedereröffnung derselben in der ersten 
halben bis ganzen Stunde jede Resorption des Serums oder einer 
0,6 — 1 procentigen Kochsalzlösung. Allmählich stellt sie sich wieder her. 

Unter den Elementen der Darmwand ist natürlich zunächst an das 
Epithel zu denken. Seine Zerstörung (z. B. durch Fluornatrium) hebt 
die Resorption der Flüssigkeit auf. Aber es scheint, dass die Epithel- 
zellen den Vorgang der Flüssigkeitsresorption nicht allein herstellen, 
denn sie könnten die Flüssigkeit doch nur in das Zottenstroma hinüber- 
schaffen, dem sie unmittelbar aufsitzen. Das resorbirte Hundeserum 
geht aber nachweislich in die Blutcapillaren über, denn der Lymphstrom 
im ductus thoracicus nimmt während der Resorption von einigen hundert 
Kubikcentimetern Hundeserum nicht zu. Ein Uebergang des Serums aus 
dem Stroma in die Capillaren ist aber durch die Diffusion kaum er- 
klärlich, weil im Innern der Capillaren und ausserhalb derselben in den 
mit dem resorbirten Serum erfüllten Zottenräumen die gleiche end- 
osmotische Spannung herrscht. Vielleicht wirken hier die Capillarzellen 
als active Resorptionsorgane, — eine weiterer Untersuchung bedürftige 
Frage. 

In dem Bisherigen ist nur die Resorption der Flüssigkeit besprochen 
worden. Sehr verwickelt sind die Erscheinungen, welche die Resorption 
der gelösten Bestandtheile betreffen. Mit der Untersuchung dieses Gegen- 
standes ist der Vortragende noch beschäftigt. Vorläufig haben sich 
folgende Thatsachen feststellen lassen, die jedoch zur Aufstellung all- 
gemeiner Sätze noch nicht genügen. 

Bei der Resorption des Serums bleibt ein Theil der Albuminate des- 
selben im Darm zurück, so dass der Gesammtgehalt des im Darm ent- 
haltenen Serums an festen Theilen steigt. Da aber die Eiweisskörper 
die endosmotische Spannung des Serums sehr wenig beeinflussen, ändert 
sich der Werth der letzteren Grösse während der Resorption ebenfalls 
sehr wenig. 

Fast ungeändert bleibt der Spannungswerth der mit dem Blutserum 
isotonischen einprocentigen Kochsalzlösung. Während der Aufsaugung 
einer 1, 5 procentigen Kochsalzlösung sinkt deren endosmotische Spannung, 
weil das Salz in stärkerem Verhältnisse aus dem Darm verschwindet, 
als das Wasser. Umgekehrt steigt bei der Resorption verdünnterer Koch- 
salzlösungen die endosmotische Spannung, weil das Wasser schneller 
resorbirt wird, als das Salz — Thatsachen, welche frühere Befunde von 
Gumilewski bestätigen. Man kann also allgemein sagen, dass Kochsalz- 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

lösungen während der Resorption sich der Isotonie mit dem Serum an- 
nähern, was auf Mitwirkung von Diffusion bei der Resorption des Salzes 
hinzuweisen scheint. Doch werden sich weitere Einblicke erst aus der 
Fortsetzung der Untersuchungen ergeben. 

D i s c u s s i o n : 

Herr Auerbach: Ist nicht schon die Aufnahme der gelösten Sub- 
stanzen an sich ein Beweis, dass es sich bei der Resorption um keinen 
Diffusionsprocess handelt? 

Herr Heidenhain: Natürlich. 

7. Sitzung vom 5. Mai 1893. 

Vorsitzender: Herr Dr. Buchwald. Schriftführer: Herr Dr. Drewitz. 

Tagesordnung: 

Herr Dr. Rosen fei d: 

Ueber experimentelle Erzeugung von Fettleber. 

Da die Kritik Lebedeffs und Pflügers die Lehre der Entstehung 
von Fett und Eiweiss erschüttert hat, so war die Gelegenheit, auf eine 
neue Art Fettlebern zu erzeugen, ein willkommnes Object, um diese Lehre 
daran zu prüfen. Fettlebern zu erzeugen gelang nämlich durch Ver- 
wendung von Phloridzin, welches nach folgendem Modus verfüttert wurde. 

Hunde von 3 — 5 Kilo Gewicht wurden 5 Tage auf Hunger gesetzt, 
dann erhielten sie am 6. und am 7. Tage je 10 gr Phloridzin und wurden 
am Vormittage des 8. Tages getödtet : mit vollendeter Regelmässigkeit 
ergaben sich Fettlebern, die denen der Phthisiker, wie auch der Gänse- 
stopfleber völlig glichen. Der Fettgehalt dieser Lebern ergab sich zu 
25 pCt. bis 75 pCt. 

Mikroskopisch fanden sich zwar die Zellen dicht von Fetttröpfchen 
erfüllt, aber Kern, Kernkörperchen und Protoplasma waren normal färb- 
bar. Während der Kern eine normale Structurirung aufwies, war die 
Structur des Protoplasma nur insofern nicht ganz normal, als zwischen 
seinen Bälkchen die Fetttröpfchen lagen und sie so mechanisch aus- 
einander gedrängt waren. Es erwies sich demnach die Zelle als 
anatomisch nicht degenerirt. — Auch die Functionen der Zelle, Gallen- 
bildung und Glykogenie konnten als vorhanden erwiesen werden. 

Wurde den Thieren am 6. und 7. Versuchstage Phloridzin mit Fleisch 
oder Zucker gegeben, so trat die sonst sicher zu erzielende Verfettung 
der Leber ebenso sicher nicht auf. Während demgemäss Fleisch und 
Kohlehydrate das Zustandekommen der Fettleber verhinderten, wurde sie 
nur noch intensiver, wenn zu dem Phloridzin anstatt Fleisches etc. Fett 
(Butter, Speck etc.) gegeben wurde. 

Um zu sehen, was denn aus dieser Fettleber schliesslich würde, 
wenn die Thiere weiter lebten, wurden sie statt am 8. Tage erst am 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 23 

9., 10., 11. Tage getödtet und es ergab sich, dass die Fettleber in 
24 Stunden schon verschwinden kann. Sicher in dieser Zeit schwindet 
das Fett aus der Leber, wenn den Thieren nach Acquisition der Fett- 
leber Fleisch oder noch besser Fleisch und Zucker gegeben wird. Dann 
fällt der Fettgehalt der Lebern unter denjenigen der Lebern von Hunden, 
die 7 Tage gehungert haben (10 pCt.). 

Wenn man nun die gewonnenen Facta verstehen will, so wird zu- 
nächst die Frage der Herkunft des Fettes zu erledigen sein: Ist es 
durch Infiltration in die Leber gewandert, oder ist es in loco durch 
Degeneration des Ei weisses zu Fett entstanden? Gegen letztere Deutung 
spricht eindringlich der mikroskopische Befund und das Erhaltensein der 
Leberfunctionen, auch die Abheilung der Fettzellen zu gesunden Leber- 
zellen. — Nähme man trotzdem die Entstehung des Fettes durch Degene- 
ration des Protoplasmaeiweisses an, so müsste ja die Leber, quantitativ 
untersucht, an Eiweiss ärmer sein, als die Leber eines Hundes, der 
7 Tage gehungert hat. In der That ergiebt sich, dass die Phloridzin- 
leber zwar procentualisch nicht, wohl aber pro Kilo Thier berechnet, 
um ca. 0,2 gr N ärmer ist, als die Hungerleber. Aus diesem Minus 
von 0,2 N aber die grosse Quantität Fett abzuleiten, die maximal 18 gr 
pro Kilo beträgt, ist einfach unmöglich. — Betrachtet man ausserdem 
die N -Ausscheidung, so ergiebt sich die gleiche Unmöglichkeit: wenn 
ein Thier von 3 Kilo 51 gr Fett mehr in seiner Leber hat, als ein 
Hungerthier, so müsste es statt ca. 4 gr N an Harn ca. 33 gr N aus- 
scheiden, oder pro Tag 900 gr, in 2 Tagen ca. 1800 gr Fleisch zer- 
setzen, was bei einem Gewicht von 3 Kilo absolut undenkbar ist. 

Ist somit die Unmöglichkeit der degenerativen Bildung des Fettes 
erwiesen, so lässt sich die Infiltration schon dadurch als möglich dar- 
stellen, dass es gelingt, einem Thiere, welches 5 Tage gehungert hat, 
durch einfache Fettdarreichung am 6. und 7. Tage die Leber stark mit 
Fett zu infiltriren. Die sonst 10 pCt. enthaltende Leber weist dann 
einen Fettgehalt von 25 oder 26 pCt. Fett auf. Von diesem Fett lässt 
sich auch erweisen, dass es zum Theil das eingeführte Fett ist, wenn 
man erst die Leber recht fettarm macht. Ist es somit möglich, die 
Massenanhäufung von Fett in der Phloridzinleber durch Infiltration zu 
erklären, so lässt sich diese Möglichkeit zur Thatsache in folgender 
Weise erheben. Wenn man ein junges Thier durch langes Hungern 
seines Fettes beraubt und es dann mit Fleisch und Hammeltalg füttert, 
so deponirt sich im Unterhautbindegewebe, im Omentum, um die Nieren 
herum und auch in der Leber Hammeltalg. Lässt man nun das Thier 
7 Tage hungern, so bleibt überall der Hammeltalg in den Depots, nur 
aus der Leber verschwindet er. Wird dieses Thier nun mit Phloridzin 
vergiftet, so muss, wenn bei der Phloridzinleber nur das Fett aus den 
Depots in die Leber transportirt war, das im vorliegenden Falle in die 



24 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Leber einwandernde Fett, das Fett der Depots nämlich Hammelfett sein. 
In Wahrheit ergiebt sich, wenn der Versuch derart angestellt wird, dass 
sich in der Leber grössere Mengen von Hammelfett anhäufen. 

So ist für die Phloridzinfettleber erwiesen, dass die Anhäufung des 
Fettes durch Wanderung des Fettes aus den Fettdepots in die Leber 
geschieht, und dass es sich nicht um einen degenerativen Vorgang handelt. 

Discu ssion: 

Herr Dr. Röhmann: Die Idee, dass ein Transport von Fett aus 
dem Fettdepot des Körpers nach der Leber stattfindet, ist schon von 
Lebedeff zwar angedeutet, aber von Rosen feld wirklich strict durch- 
geführt. Solche Transporte finden auch auf anderen Gebieten statt, z. B. 
Glycogen zu den Muskeln bei vermehrter Muskelarbeit. Dieser Vor- 
gang ist noch nicht erklärt. Möglichkeiten giebt es zwar, aber mehr 
sind wir hier noch auf Speculation angewiesen. 

Herr Buchwald: Reagiren nur 3 — 5 Kilo schwere Hunde so 
und verhalten sich etwa grössere anders? 

Herr Rosen feld: Nein, sondern die obigen Dosen sind nur an 
3 — 5 Kilo schweren Hunden ausprobirt worden und zwar lediglich aus 
praktischen Gründen. 

8. Sitzung vom 9. Juni 1893. 
Vorsitzender: Herr Geh. Rath Fritsch. Schriftführer: Herr Dr. Pfannenstiel. 

Vor der Tagesordnung berichtet Herr Dr. Kümmel über einen Fall 
von Schussverletzung des Rückenmarkes aus der Klinik des Herrn Geh. 
Rath Mikulicz. Wegen Lähmungen im Bereich der unteren Körper- 
hälfte, u. A. auch Blasenlähmung, ferner wegen zunehmender Körper- 
schwäche wurde zur Operation geschritten: temporäre Resection der 
Wirbelbögen des 10. — 12. Brustwirbels. Es zeigte sich Verletzung des 
Rückenmarkes. Die Kugel konnte nicht extrahirt werden. Theilweise 
Naht, Jodoformgazetamponade. Anfangs leidliches Wohlbefinden. 
Später wegen Unmöglichkeit, die Blase zu katheterisiren: Blasenpunktion. 
Dann zunehmende Inanition und Meningitis cerebrospinalis und Tod am 
13. Tage nach der Operation. 

Herr Hildebrandt demonstrirt das anatomische Präparat dieses 
Falles. Derselbe demonstrirt ein Herz mit Aorteninsufficienz in Folge 
von Aortenerweiterung, die ihre Ursache in Sklerose hat. 

Dr. P. Stolper demonstrirt ein Präparat: vollständiger Verschluss 
des Rectums einer 34 Jahr alten Frau durch Mastdarmgeschwüre, 5 cm 
oberhalb der Analöffnung. Der Patientin, welche früher Puella publica, 
wurde vor 10 Jahren wegen stricturirender sogenannter syphilitischer 
Mastdarmgeschwüre ein Anus praeter naturalis nach Littre angelegt. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 25 

Interessant ist das Verhalten des ausgeschalteten, functionslosen Darm- 
stückes zwischen Colostomiefistel und der Geschwürsnarbe. Die Musku- 
latur des Darmes, der bis auf Fünfpfennigstückgrösse geschrumpft ist, 
ist stark verfettet und das Lumen desselben vollständig obliterirt. 
Mikroskopisch sind noch Reste von Schleimhaut erkennbar. Die Patientin 
ist an allgemeiner amyloider Degeneration zu Grunde gegangen. 

Tagesordnung: 
Vortrag des Herrn Dr. Viertel: 

Einiges aus dem Gebiete der Cystoskopie. 

Im Anschluss an die im vorigen Jahre stattgehabte Demonstration 
eines durch das Cystoskop entdeckten und später durch Sectio alta 
glücklich entfernten Blasentumors zeigte der Vortragende zunächst zwei 
weitere Fälle von Blasentumoren, die er gleichfalls mittelst des Cysto- 
skopes entdeckt und gleichfalls glücklich operirt hatte. 

Sodann demonstrirte er das Nitze'sche „Kinder"cystoskop, das einen 
Durchmesser von nur 5 Millimetern hat, in Folge dessen die Ausübung 
der cystoskop. Untersuchung auch bei Kindern ermöglicht ist. 

Ausserdem berichtet er über einige Sondirungen resp. Katheterisi- 
rungen der Ureteren, welches unter Leitung des Cystoskopes ohne 
vorhergehende Operationen mögliche, schonende und sichere Verfahren 
er in Breslau wohl zuerst geübt hat. Vorderhand stehen uns nur die 
Nitze-Lei t er' sehen, von v. Brenner modificirten Cystoskope für die 
Frau zur Verfügung. Die praktischen Consequenzen waren in allen 
Fällen von grosser Tragweite für die weitere Behandlung, durch das 
Verfahren allein konnte eine genaue Diagnose gestellt werden. So wird 
in der That das Cystoskop zum Bindeglied zwischen Orificium urethrae 
externum und Nierenbecken. 

Sodann stellte er an der Hand eigner farbiger Zeichnungen mehrere 
besondere Fälle von vesicaler Hämaturie verschiedenen Ursprungs, die 
er selber beobachtet, sowie den Befund einer „Narbenblase", deren 
Schleimhaut sich vor Monaten im puerperium in toto abgestossen hatte, 
vor; sodann das Bild des zweiten, von ihm beobachteten „hängenden 
Symphysensteines" nach einer gynäkologischen Operation. 

Der grösste Theil des Vortrages soll später in extenso veröffent- 
licht werden. 

Discussion: 

Herr Geh. Rath F ritsch bestätigt die Notwendigkeit und Wichtig- 
keit der Cystoskopie, insbesondere in der Gynäkologie und berichtet 
über den einen von Herrn Viertel erwähnten Fall von Ureterfistel 
nach Localexstirpation des carcinomatösen Uterus. In diesem Falle 
würde sich Herr Fritsch zur Exstirpation der Niere auf der Fistelseite 



26 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



entschlossen haben, wenn nicht Herr Viertel durch Cystoskopie nach- 
gewiesen hätte, dass auf der anderen Seite die Niere krank sei (Pyelo- 
nephritis). Auch bei Blasenpapillomen und bei Blasenblutungen hält er 
die Cystoskopie für die Diagnose für wichtig und für schonender, als die 
früher übliche Urethra- Dilatation. Auch die Simon' sehe Methode der 
Ureteren-Sondirung war eine rohe Methode, an deren Stelle die Son- 
dirung bei Cystoskopie zu treten hat. 

Herr Professor Fränkel bestätigt gleichfalls die Wichtigkeit der 
Cystoskopie unter Anführung einiger Beispiele aus seiner Praxis, be- 
sonders als Controle der Simon' sehen Blasenuntersuchung, sowohl wo 
es sich um positive Befunde handelt, als auch bei negativen Befunden. 

Herr Fritsch meint, dass die Dilatation der Urethra beim Weibe 
überhaupt zu verwerfen sei und dass an ihre Stelle die Cystoskopie zu 
treten hat, da die Dilatation der Urethra nicht ohne Gefahren ist. 

Herr Fränkel glaubt, dass diese Gefahren durch genaues Anwenden 
der Simon' sehen Vorschriften zu vermeiden sind und hält hierbei die 
Incision der äusseren Urethraöffnung für besonders wichtig. Die brusque 
Dilatation ohne Incision hat öfter Incontinenz im Gefolge gehabt. 

Herr Viertel erwähnt, wie er selber in der voreystoskopischen 
Zeit Täuschungen unterworfen gewesen sei, selbst bei der Palpation der 
Blase (von einer Oeffnung vom Damme aus). 

9. Sitzung vom 7. Juli 1893. 
Vorsitzender: Herr Geh. Rath Mikulicz. Schriftführer: Herr Dr. Ginsberg. 

1) Herr San. -Rath Dr. Jacobi macht die Mittheilung, dass er seit 
dem 3. April d. J. drei Fälle von 

Meningitis cerebro-spinalis epidemica 
in einem räumlich beschränkten Bezirke der Oder-Vorstadt in Breslau 
beobachtet habe. Zwei dieser Fälle seien zu vollkommener Genesung 
gelangt, nur in einem der Tod eingetreten. Diese Beobachtung sei auf- 
fällig, weil seit dem Jahre 1889 Erkrankungen an epidemischer Genick- 
starre in Breslau nicht bekannt geworden seien. 

2) Herr Prof. Kolaczek: Vorstellung seines Kranken mit operativ 
geheiltem Leberabscess. Junger Mann. Beginn der Erkrankung im Februar 
dieses Jahres; zuerst als Perityphlitis behandelt. Bald traten Schüttel- 
fröste, Kräfteverfall und Leberschwellung hinzu. Im Krankenhause 
wurde vom Vortragenden ein Glutaealabscess eröffnet, später ein zweiter 
Abscess unter dem linken Deltoideus. Diese vom Vortragenden gedeutet 
als Metastasen des Leberabscesses. Probepunction im VII. Intercostal- 
raum bleibt erfolglos, ergab im IX. ockergelben Eiter. Incision durch 
den Pleuralraum. Wegen des schlechten Allgemeinzustandes des Kranken 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 27 

wird beschlossen, die Operation zweizeitig auszuführen. Nach 8 Tagen 
Entfernung des Gazetampons- mit dem Trokar nicht sogleich Eiter in 
der Leber wiedergefunden. Durch! rennung des Lebergewebes dem Trokar 
entlang mit dem Paquelin. Nach der Eitermenge wird der Abscess auf 
Orangengrösse geschätzt. Alsbald sichtliche Besserung. Durch das 
eingelegte Drain entleert sich in den nächsten 3 Wochen alle Galle, 
was aber keinen Einfluss auf Appetit und Allgemeinbefinden hatte. 
Das noch bestehende massige Fieber auf wahrscheinlich embolische 
Lungenprocesse zurückzuführen. 

Epikritisch: Besprechung der Aetiologie. Wahrscheinlich secundärer 
Abscess (nach Perityphlitis); Sitz des Abscesses ziemlich in der Mitte 
der Leber. Kolaczek meint, dass, wenn in unserem Klima von sehr 
grossen Eitermengen bei Leberabscessen berichtet werde, es sich um 
perihepatitische Abscesse gehandelt habe. Bericht über einen früheren 
derartigen Fall. — Das klinische Bild des vorliegenden Falles von dem 
sonst typischen nur unterschieden: 1) durch das Erhaltenbleiben des 
Appetits, 2) durch Fehlen des Icterus. Die Prognose war wegen des 
pyaemischen Charakters eine sehr ernste. Er hätte auch einzeitig operirt, 
(nur erschien grade hier wegen der Prostration der Kräfte die zwei- 
zeitige Operation mehr am Platze), zumal von Kartulis der Leber- 
abscess-Eiter für unschuldig angesehen wird. 

Demonstration des noch ziemlich schlecht aussehenden Kranken; 
durch schnellen Fettansatz unter der Haut auffallend viele Striae am 
Körper des Kranken. 

Discussion: 

Herr Prof. Neisser fragt an, ob es sich bei den tropischen Leber- 
abscessen und deren chocoladenfarbenem Inhalte wirklich um Eiter 
handle. Wichtigkeit dieser Sache für den Operationsplan. 

Herr San.-Rath Riegner fragt an, ob nicht allen den genannten 
A bscessen, also auch dem Leberabscesse, Pyaemie zu Grunde gelegen 
haben könnte. 

Herr Geh. Rath Mikulicz fragt an, ob der Eiter bacteriologisch 
untersucht worden sei. 

Herr Prof. Kolaczek bespricht noch einmal die aetiologische Seite 
des Falles. 

Herr Prof. Richter wendet Herrn Kolaczek ein, dass auch in 
unserem Klima sehr grosse Leberabscesse (Section) vorkommen. 

3) Herr Prof. Neisser: Vorstellung von 3 Kranken, 
a. Fall von Xanthoma multiplex tuberosum. 

Solitäres Xanthom ist nicht so selten, z. B. am Augenlid, multiple 
Xanthomgeschwülste sind aber selten. Leube hat einen Fall von 
Xanthom des Endocards beschrieben. 



28 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Die Xanthom-Zellen sind Zellen bindegewebigen Charakters mit 
limpomatöser Umwandlung. Die verschiedenen Bilder dieser Krankheit 
haben bei ihr auf eine Diathese recurriren lassen. Korach-Köln hat 
die Ansicht aufgestellt, dass universelle Xanthombildung mit Icterus und 
Lebererkrankung zusammen vorkomme; dies hier auch der Fall. Auch 
bei Diabetes ist Xanthombildung beobachtet; doch liegt hier auch kein 
Diabetes vor. Sodann ist familiäre Xanthombildung beobachtet. Com- 
bination von Xanthom und Angiom. Hier in diesem Falle besonders 
erschienen befallend die Streckseite des Armes und die Streckseite 
des Kniees. 

b. Vitiligo. 

Die weissen Stellen umgeben von auffällig rothen Höfen, 
c. Cancroid des Gesichts, 
seit 13 Jahren bestehend, ohne Arsenbehandlung stellenweise immer gut 
verheilt. (Zum Vergleiche ein Fall von ulcuröser Lues.) 

Herr Dr. Jadassohn zeigt ebenfalls ein Cancroid des Gesichts. 

4) Herr Dr. Braem: Vorstellung eines Kranken mit sehr breitem, 
ringförmigem, linksseitigem Unterschenkelgeschwür, das geheilt ist — 
nachdem alle anderen Methoden, auch Jodkalibehandlung fehlgeschlagen 
— durch Lappen-Transplantation: gestielter Hautlappen, brückenförmig 
von der Hinterfläche des rechten Oberschenkels, unter der Brücke der 
Unterschenkel durchgesteckt, Lappen durch einige Nähte fixirt; die Po- 
sition der Beine, die eine sehr unbequeme, durch Gypsanschienung er- 
halten; nach 18 Tagen wurde der Lappen abgeschnitten, der am Rande 
etwas geschrumpft und nekrotisirt erschien. Der Rest vom Oberschenkel 
nach Thiersch implantirt. Sehr bedeutender Heilerfolg. 

5) Herr Geh. ßath Mikulicz spricht über eine Modification seiner 
osteoplastischen Fussgelenkresection. Vereiterung mit nachfolgender 
Ankylosirung des linken Fusses in Spitzfussstellung, verbunden mit einer 
tiefen Ulceration der ganzen Reg. tendin. Achilleae. Während bei der 
ursprünglichen Methode Talus, Calcaneus und die ganze Fersenhaut 
wegfallen, wurde hier die noch intacte Haut der Ferse und des hinteren 
Theils der Planta erhalten; durch die Operation sehr gutes Resultat. 

10. Sitzung vom 3. November 1893. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. Born. Schriftführer: Herr Dr. Gaupp. 

Tagesordnung: 
Herr Dr. C. S. Freund: 

Nervöse Folgeerscheinungen einer Contusion der oberen Brustwirbel 
(mit Kranken vorstel lung). 

Da das Befinden unseres Patienten sich in den letzten Wochen 
wesentlich gebessert hat, sind heute nicht mehr alle Symptome demon- 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 29 

strirbar, welche die Diagnosenstellung ermöglichten. Indessen lassen 
sich die früheren Verhältnisse an der Hand von Photographien 
veranschaulichen und bietet sich gegenwärtig die seltene Gelegenheit 
zur Beobachtung von Phänomenen, welche wahrscheinlich innerhalb 
Nerven sich abspielende Regenerationsvorgänge klinisch zum Aus- 
druck bringen. Bei der Beurtheilung des Falles habe ich mich in 
einen Gegensatz zu den beiden Vorgutachtern gestellt, von denen der 
eine einen Bluterguss in die rechte Grosshirnhemisphäre annahm, 
während der andere das Bestehen einer traumatischen Neurose ver- 
muthete. Schon aus der Anamnese wird ohne Weiteres klar, dass die 
vorhandenen Krankheitserscheinungen unmöglich durch cerebrale Vor- 
gänge bedingt sein können. 

Am 6. Juli 1893 fiel Patient, ein 28jähriger Kaufmann, beim Reck- 
turnen (beim „Wellgrätschabschwung mit Kammgriff'-) mit grosser Ge- 
walt auf die Turnmatratze und zwar grade auf die Scheitelhöhe, so 
dass der Kopf gegen den Rumpf zusammengedrückt wurde. Ohnmacht 
von nur ganz momentaner Dauer. Kein Blutverlust. Unmittelbar her- 
nach konnte Patient ohne Mühe und ohne merkliche Störung sprechen, 
hatte aber das Gefühl, als ob er alle Glieder verrenkt und gebrochen 
hätte; auch den Kopf konnte er nicht bewegen, „als ob er sich das 
Genick verrenkt habe". In einem Korbe musste er nach Hause ge- 
tragen werden. Am nächsten Tage konnten die Beine etwas bewegt 
werden, in minimalerem Grade auch die Arme und zwar der rechte 
Arm ein wenig besser als der linke. Auch im Folgenden besserte sich 
der rechte Arm schneller als der linke. Den Kopf konnte Patient im 
Bette nicht von selbst erheben, den erhobenen Kopf indessen in sitzen- 
der Stellung von selbst hochhalten. Eine Störung im Uriniren war nie 
— auch nicht am Tage nach dem Unfall — bemerkt worden. Indessen 
hat sich seit dem Unfälle eine Retardation des früher stets regelmässigen 
Stuhlganges geltend gemacht. Nach 8 Tagen war Patient im Stande, 
für kurze Zeit das Bett zu verlassen und ein wenig, aber mit grosser 
Mühe, zu laufen. Seit Anfang August ist die Gehfähigkeit zur Norm 
zurückgekehrt; ebenso hat sich seitdem an den Zehen ein anfänglich 
vorhanden gewesenes, taubes, pelziges Gefühl verloren. Auch die Kraft 
der Arme hat sich ganz beträchtlich vermehrt, hat aber angeblich noch 
nicht ihre frühere Stärke erreicht; es sollen auch andauernd Paraesthesien 
an den Armen, besonders an den Fingern, bestanden haben. 

Status im Beginn meiner Beobachtung. (Ende August 1893.) 
Grosses schlankes Individuum. Grade Körperhaltung. Keine auf- 
fallende Blässe der sichtbaren Schleimhäute. An den unteren Extremi- 
täten normale Motilitäts- und Sensibilitäts-Verhältnisse. Von Seiten der 
Brust- und Bauchorgane kein abnormer Befund. Normale Blasenfunction, 
indessen auffällig retardirter Stuhlgang (zeitweilig Hämorrhoidalknoten). 



30 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Keine Zeichen von Aphasie oder Anarthrie. Keine psychischen Ano- 
malien, insbesondere keine Gedächnissschwäche, keine tiefere melan- 
cholische resp. hypochondrische Verstimmung, freilich eine gewisse, in 
physiologischen Grenzen liegende Verstimmung, die aber in den ersten 
Tagen seines Hierseins sich verliert, nachdem er die Ueberzeugung ge- 
wonnen hat, dass die zuvor (s. o.) auf ein Gehirnleiden gestellte Dia- 
gnose irrthümlich ist. 

Es bestehen folgende Krankheitserscheinungen : 

1) Schmerzen im Genick, welche von einer bestimmten Stelle der 
Wirbelsäule an der Nacken-Rückengrenze ausgehen sollen und längs der 
Nackenschulterlinie (regio supraspinata) in die Arme ausstrahlen. Im 
Gegensatz zu den übrigen Wirbeln sind die beiden obersten Brust- 
wirbel, in geringem Grade auch der dritte Brustwirbel und 
der unterste Halswirbel, auf Druck schmerzempfindlich, 
insbesondere in der Höhe der Querfortsätze (linkerseits 
stärker als rechts). Eine steife Haltung des Halses fällt auf; 
dementsprechend ist die active Beweglichkeit des Kopfes — ins- 
besondere bei Drehbewegungen — deutlich beschränkt, nach links in 
höherem Grade. — An den Armen treten nur an der Vorder- 
fläche Paraesthesien auf; dieselben beschränken sich auf 
den Verbreitungsbezirk der Hautäste der Nervi ulnaris und 
medianus. Dem Gebiete dieser Nerven entsprechend besteht nur an 
der vorderen Fläche der Finger und am Handrücken nur im Bereich 
der untersten Phalangen ein Gefühl von Kriebeln und Pelzigsein, speciell 
an den Nägeln, als ob sie gequetscht seien und „heruntergehen" wollten. 
An der linken Hand sind die Paraesthesien hochgradiger, besonders am 
Zeigefinger, als ob er „zusammengeschnürt" sei. Dementsprechend 
findet sich an der den Nägeln dicht angrenzenden Zone der 
Fingerkuppen eine Abstumpfung des Druck-, Schmerz- und 
Temperaturgefühls. Ein gleiches Verhalten scheint an vereinzelten 
inselförmigen Bezirken der Vorderfläche der Arme zu bestehen, doch 
lassen sich diese Stellen nicht scharf und nicht constant abgrenzen. Die 
active Beweglichkeit der Finger- und Armmuskeln ist nicht gestört, nur 
zeigen sich die Finger der linken Hand — wegen des starken Taubheits- 
gefühls — in der Ausführung feinster Verrichtungen, z. B. beim Zu- 
knöpfen der Kleider, ungeschickt. Die Druckkraft — am Dynamometer 
gemessen — beträgt an der rechten Hand 115 Pfund, an der linken 
90 Pfund, doch soll die linke Hand von jeher weniger kräftig ge- 
wesen sein. 

2) Patient führte wiederholt die eigenthümliche Klage, dass bei 
längerem Gehen der linke Arm ermüde und zwar viel früher 
wie die Beine. Anfänglich ignorirte ich diese Beschwerden, da die 
Muskulatur des linken Armes normal aussah und normal functionirte. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 31 



Auch am Schultergürtel wurde bei Ausführung activer Contractionen 
kein sichtbarer Unterschied im Muskelrelief der beiden Körperhälften 
bemerkt: das Achselzucken, das Zurücknehmen der Ellbogen, das seit- 
liche Erheben der Arme über die Schulterhöhe hinaus bis an den Kopf 
wurde ohne merkliche Difformität ausgeführt. Indessen wurde bei ge- 
nauerem Zusehen beobachtet, dass bei ruhig herabhängenden 
Armen der untere Winkel des linken Schulterblattes etwas 
vom Thorax absteht und etwas nach innen gedreht ist-, das 
ganze linke Schulterblatt steht etwas höher als das rechte, daher ver- 
läuft die Nackenschulterlinie rechts etwas gestreckter. Auch bei nach 
vorn gehobenen Armen steht der innere Rand des linken Schulterblattes 
etwas vom Thorax ab. Bei den übrigen Stellungen ist — wie er- 
wähnt ■ — keine Difformität bemerkbar. — Obwohl das Abstehen des 
Schulterblattes den Verdacht auf eine Schwäche des linken Ser- 
ratusmuskels berechtigte, Hess sich eine solche durch die elektrische 
Prüfung nicht objectiviren. Die für die Serratusmuskelwirkung charak- 
teristische Schulterblattbewegung Hess sich erzielen, wenn der Muskel 
vom Nerven aus — sowohl in der Oberschlüsselbeingrube als auch in 
der Achselhöhle — gereizt wurde und war kein Unterschied in der elek- 
trischen Erregbarkeit zwischen rechts und links zu bemerken. (Dass 
die einzelnen Zacken des Muskels bei directer elektrischer Reizung 
nicht erregt werden können, liegt wohl daran, dass sie an dem lang- 
gestreckten Thorax unseres Patienten nur schwach entwickelt sind.) 
Es könnte deshalb nur eine rein functionelle Schwäche des linken 
Serratusmuskels in Frage kommen. — Hingegen zeigten sich die 
unteren Partien des linken Cucullarismuskels auf elek- 
trische Reizung unerregbar. Statt ihrer wird stets der Muse, 
Rhomboideus in Contraction gesetzt und zwar in Gestalt eines nach 
oben innen verlaufenden Wulstes ; seine Contraction verläuft langsam 
und schwindet sehr allmählich, so dass für einen Moment eine Art von 
Muskeltonus besteht. 

3) Schliesslich wurden folgende Symptome von Seiten der 
Augen beobachtet: eine Ungleichheit der Pupillen (die linke 
Pupille war grösser), eine Differenz in den Lidspalten (die linke 
Lidspalte war weiter), sowie eine Ungleichheit in der Prominenz 
der Augäpfel (der linke Bulbus schien ein wenig prolabirt zu sein). 
Alle diese Differenzen waren nur in massigem Grade vorhanden. — 
Sie haben sich im Laufe der Zeit allmählich zurückgebildet. Zu Beginn 
meiner Beobachtung waren sie etwas ausgeprägter wie auf der Ihnen 
vorliegenden Photographie, welche erst am 11. October aufgenommen 
ist, aber bei genauem Zusehen die beschriebenen Verhältnisse noch 
deutlich erkennen lässt. — Gegenwärtig sind diese oculopupillären 
Symptome fast gänzlich geschwunden und nur zeitweilig — vornehmlich 



32 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

nach vorangegangenem Aufenthalte im Dunkeln — wird eine Differenz 
in der Weite der Pupillen und der Lidspalten bemerkt. Da diesbezüg- 
liche Schwankungen nur am linken Auge zu beobachten sind, so ist 
man wohl berechtigt, die vorliegenden Störungen als Reiz er seh ei- 
nungen von Seiten des linken Augensympathicus aufzufassen. 

Im Laufe der Beobachtung und unter eingehender Behandlung 
(täglich Galvanisation der Schulterblattmuskel und der Arme, sowie 
Faradisation der Finger; täglich für mehrere Stunden Kataplasmen auf 
die oberen Brustwirbel; öfters Dampfbäder) ist eine erhebliche Besserung 
eingetreten. Die Anaesthesie an den Fingerkuppen hat sich allmählich 
verloren, die „Müdigkeit im linken Arme" tritt nur noch selten und 
zwar nur nach grösseren körperlichen Anstrengungen , z. B. nach 
1 y 2 stündigem Spaziergange, auf. 

Seit ungefähr 10 Tagen befindet sich Patient in einem Zustande 
allgemeiner erhöhter Erregbarkeit, die sich in seinem 
allgemeinen Befinden äussert, besonders deutlich aber durch eine 
cutane Hyperaesthesie an den Armen und in der Gegend der 
oberen Brustwirbel, und durch eine gesteigerte Erregbarkeit des 
linken Rhomboideus zum Ausdruck gelangt. Beim Beugen des 
Kopfes zieht von den obersten Abschnitten der Brustwirbelsäule aus 
ein „summendes" Gefühl über die Wirbelsäule nach abwärts bis in die 
Füsse herunter, längs der Halswirbelsäule bis zum Hinterkopf und zu- 
gleich bandförmig um den Brustkorb herum nach der Magengegend. 
Bei tiefer Rumpfbeugung stellt sich leichtes Zittern der Beine und ein 
momentan andauerndes Schwindelgefühl ein. Zeitweilig drückende 
Kopfschmerzen in den Schläfen, Ohrensausen. Am ganzen Körper er- 
höhte mechanische Muskelerregbarkeit; gesteigerte Patellarreflexe. In 
der Gegend der oberen Brustwirbel — vorzüglich in der Höhe der 
Querfortsätze — längs der Nackenschultergrenze (im Niveau der Fossa 
supraspinata), an einzelnen inselförmigen Partien der Oberarme, z. B. 
an der Arm-Brustgrenze, am ganzen Handteller, sowie an allen Finger- 
spitzen besteht ein sehr starkes Jucken mit Neigung zum Kratzen; an 
den Fingerkuppen — insbesondere an der den Nägeln angrenzenden Zone 

— ein sehr unangenehmes, schmerzhaftes Gefühl beim Berühren spitzer 
Gegenstände, eine Ueberempfindlichkeit gegen Nadelstiche. Der 
linke Rhomboideus geräth nicht nur auf elektrischen Reiz, sondern 
schon nach an entfernteren Körperstellen, z. B. linke Bauchhälfte, appli- 
cirten Nadelstichen und besonders leicht — schon bei geringem Druck 

— von der Gegend des linken Querfortsatzes der oberen Brustwirbel 
aus reflectorisch in einen langandauernden Tonus. Durch Galvanisation 
werden die vorhandenen Reizerscheinungen gesteigert. Als wirksam er- 
weisen sich Bettruhe, laue Vollbäder und Bromnatrium. Die dadurch 
schon bis heute erzielte Besserung bestärkt mich in der Annahme, dass 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 33 

dieser Reizzustand nur von vorübergehender Dauer sein wird und 
den klinischen Ausdruck von Regenerationsvorgängen innerhalb der 
Nerven darstellt. 

(Anmerkung bei der Correctur: Seit Anfang December be- 
stehen annähernd normale Sensibilitätsverhältnisse. Die reflectorische 
Erregbarkeit des linken Rhomboideus **hat sich verringert. Hingegen 
sind die unteren Abschnitte des linken Cucullaris noch immer elektrisch 
unerregbar.) 

Nach Ablauf der anfänglichen Allgemeinerscheinungen hat auf der 
Höhe der Krankheit in unserem Falle folgende Symptomentrias 
vorgelegen: 

1) Druckempfindlichkeit der oberen Brustwirbel (vorzüglich in der 
Gegend der linken Querfortsätze) mit ausstrahlenden Sensibili- 
tätsstörungen im Bereich der Hautäste der Nervi ulnaris und 
medianus. 

2) Deutliche — wenn auch nicht vollständige — Atrophie der un- 
teren Abschnitte des linken Cucullarismuskels (möglicher Weise 
combinirt mit einer — - lediglich functionellen — Schwäche des 
linken Serratusmuskels). 

3) Reizerscheinungen von Seiten des linken Augensympaticus. 
Diese Symptomentrias hat man unbedingt als Folgeerscheinungen der 

durch den Unfall veranlassten Erschütterung der Wirbelsäule und zwar als 
die Residuen des anfänglich allgemeiner verbreiteten spinalen Shoques 
anzusehen. Für ihre genauere Localisation im Nervensystem ist ein un- 
gefährer Anhalt in der Druckempfindlichkeit der oberen Brustwirbel und 
des untersten Halswirbels gegeben. Auf den nämlichen Höhenabschnitt 
werden wir durch Folgendes hingelenkt : Die Hautäste der Nervi ulnaris 
und medianus entspringen aus den unteren Wurzeln des Plexus brachialis, 
nämlich aus dem VIII. Halsnerven resp. I. Dorsalnerven. Die oculo- 
pupillären Phänomene lassen sich auf eine Mitbetheiligung des Ramus 
communicans der I. Brustwurzel zurückführen. Denn die von Mme. 
Dejerine-Klumpke angestellten Experimente, durch welche ein ana- 
tomisches Substrat für die Lähmung der unteren Wurzeln des Plexus 
brachialis aufgedeckt und sichergestellt worden ist, ergaben als Resultat: 
„La section ou l'arrachement des nerfs du plex. brachial ne s'accom- 
pagnent de phenomenes oculo-pupillaires que lorsque le rameau com- 
municant du premier nerf dorsal est interesse." 

Schwieriger gestaltet sich der Versuch, für die Atrophie im unteren 
Abschnitte des linken Cucullinarismuskels eine anatomische Grundlage 
aufzustellen. Anfänglich veranlasste mich die ausgesprochene circum- 
scripte Druckempfindlichkeit im Bereich des linken Querfortsatzes des 
II. und III. Brustwirbels zu der Annahme der Läsion der zugehörigen 

3 






34 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Brustnervenwurzel. Es war mir zwar sehr wohl bekannt, dass derCucullaris- 
muskel vom Nervus Accessorius versorgt wird und dessen unterste 
Wurzelfasern schon in der Höhe des V. Cervicalnerven aus dem Rücken- 
mark austreten. Doch glaubte ich, in meiner Hypothese mich auf die That- 
sache stützen zu dürfen, dass die oberen Abschnitte des Cucullaris ausser 
von dem N. accessorius noch . von anderen Cervicalnerven versorgt 
werden. Könnten nicht in analoger Weise die unteren Abschnitte des 
mächtigen, in seinen Ursprüngen bis zum XII. Brustwirbel herabreichen- 
den Cucullarismuskels aus Brustwurzeln Auxiliärnerven erhalten? In 
diesem Falle würde für die obige Symptomentrias eine einheitliche ana- 
tomische Grundlage in der Annahme einer Zerrung resp. Quetschung der 
oberen Brustnervenwurzel gefunden sein. 

Indessen hat Herr Privatdocent Dr. Gaupp, welcher die Freund- 
lichkeit hatte, die gesammte, ihm zugängliche Literatur bezüglich dieser 
Specialfrage zu untersuchen, keine Notiz aufdecken können, welche zu 
der Annahme berechtigt, dass ausser dem Accessorius noch andere 
Nerven, insbesondere Dorsalnerven, an der Nervenversorgung der unteren 
Cucullarisabschnitte betheiligt sind. 

In Folge dessen bin ich genöthigt, — allerdings sehr ungern — die 
Annahme eines einheitlichen Krankheitsprocesses für die Componenten 
der Symptomentrias aufzugeben. Es liegt dann wohl am nächsten, die 
beobachtete Cucullaris- Atrophie auf eine intramedulläre Erweichung 
und zwar innerhalb zum N. accessorius gehöriger Ganglienzellen oder 
intramedullär verlaufender Nervenfasern zurückzuführen. Diese — circum- 
scripte — Erweichung könnte sich sehr wohl im Höhenniveau der oberen 
Brustwirbel befinden, da von einigen Autoren (Clarke, W. Krause) das 
Seitenhorn sogar in der ganzen Länge des Rückenmarkes als Ursprungs- 
gebiet des N. accessorius angesehen wird. 

Discussion: 

Herr Dr. Gaupp: Die Lähmung des linken Serratus lässt sich 
zwar elektrodiagnostisch in dem betr. Falle nicht nachweisen, muss 
aber doch auf Grund des Abstehens der linken Scapula angenommen 
werden. Die Lähmung der unteren Partien des Cucullaris besteht aber 
daneben auch. Die Gesammt-Diagnose ist jedenfalls unsicher. 

Herr Prof. Käst: Sind die einzelnen Zacken des Serratus bei 
Reizung sichtbar gewesen ? 

Herr Dr. Freund: Nein. — Ein Unterschied zwischen rechts und 
links bei indirecter elektrischer Reizung des Serratus war jedenfalls 
nicht zu constatiren. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 35 

2) Herr Prof. H. Cohn: 

Transparente Sehproben. 

Der Vortrag erscheint in No. 47 der Berliner klinischen Wochen- 
schrift. 

Der Vortragende demonstrirt noch zwei Blickfixatoren, d. h. Visir- 
zeichen, die durch einen Brillenbügel neben das Ohr des Arztes gebracht 
werden ; dieselben erleichtern sowohl dem Lernenden als auch dem 
Geübteren beim Augenspiegeln von Kindern und unverständigen Patienten 
das Auffinden der Papille. 

3) Herr Geh. Rath Ponfick: 

TJeber Fettnekrose des Panoreas. 

Obwohl die im Jahre 1878 von meinem damaligen Assistenten Dr. 
Wilhelm Baiser gelieferte erste Beschreibung der von uns als „Fett- 
nekrose" bezeichneten Erkrankungsform der Bauchspeicheldrüse zur Ver- 
öffentlichung einer ziemlichen Reihe ähnlicher Beobachtungen Anlass ge- 
geben hat, so ist die zu Grunde liegende Affection doch auch heute noch 
in nur beschränktem Maasse Allgemeingut der ärztlichen Welt geworden. 

So sehr ich seit jenen ersten, in meinem Göttinger Institute er- 
hobenen Befunden gewohnt bin, auf das nach Ursprung, wie Anfangs- 
Stadien noch so dunkle Leiden fort und fort mein Augenmerk zu richten, 
so bin ich in den letzten Jahren doch nicht selber so glücklich ge- 
wesen, neue oder wenigstens voll ausgeprägte Veranschaulichungen der 
damaligen Bilder zu gewinnen. Dagegen ist mir jüngst ein Object be- 
hufs Prüfung und Beurtheilung zugegangen, deren Ergebniss so recht 
danach angethan ist, zu zeigen, von welcher Tragweite gerade in praktisch- 
diagnostischer Hinsicht die Kenntniss der Eigentümlichkeiten des in 
Rede stehenden Processes werden könne. 

Herr San.-Rath Dr. Schnabel schickte mir nämlich ein kleines 
Stückchen Fettgewebe, vom Netze herstammend, welches er bei einer 
wegen „Ileus" unternommenen explorativen Laparatomie resecirt hatte. 
Der übersandte Abschnitt des Netzes war ihm dadurch aufgefallen, dass 
er mehrere blendendweisse Fleckchen enthielt, die in das sonst ganz 
normal aussehende Fettgewebe als scharf gesonderte Körner eingelagert 
waren. — Sobald ich dieser kaum stecknadelkopfgrossen Körner an- 
sichtig wurde, sprach ich meine Ueberzeugung dahin aus, dass hier ein 
Fall jener Fettnekrose des Pancreas vorliegen müsse. Die bald danach 
ausgeführte Section und das von Herrn Schnabel eingeschickte Prä- 
parat der schwer veränderten Bauchspeicheldrüse lehrte in der That, 
dass einerseits das Omentum noch eine weitere Zahl ähnlicher kleiner 
Herde umschloss, andererseits ein Theil der Bauchspeicheldrüse 
durch einen bereits weit vorgeschrittenen nekrosirenden Vorgang 
in beträchtlicher Ausdehnung zerstört war. Auch an letzterer Stelle 

3* 



36 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

musste er, nach meinen früheren Erfahrungen, offenbar auf die gleiche 
Quelle zurückgeführt werden. 

Dass sich hiermit hämorrhagische Infiltration nicht nur des 
Pancreas-Parenchyms selber verbinden kann, sondern auch des anstossen- 
den subserösen Gewebes vom Gekröse und den benachbarten Bauchfell- 
Duplicaturen, alles das habe ich schon bei früherer Gelegenheit hervor- 
gehoben. (Dieser Jahresbericht 1890, S. 15). Es verdient aber deshalb 
von Neuem betont zu werden, weil unstreitig manche der ehedem so 
dunkelen Fälle von Blutungen der Bauchspeicheldrüse und deren 
Umgebung, ebenso wie ein wahrscheinlich bedeutender Bruchtheil der 
„Hämatome" und der mit verändertem blutigem Inhalte gefüllten „Cysten" 
des Pancreas in eben jener Fettnekrose ihren Ursprung finden. 

Zuweilen gesellen sich zu der parenchymatösen Blutung auch freie 
Ergüsse in die Bauchhöhle: ein Ereigniss, welches den bis dahin 
schleichenden und oft völlig versteckten Verlauf des Leidens urplötzlich 
in einen höchst acuten verwandelt und gewöhnlich unter den Er- 
scheinungen einer allgemeinen Peritonitis rasch zum Tode führt. 

Discussion : 

Herr San.-Rath Schnabel giebt eine Ergänzung des klinischen 
Bildes. 

Herr Prof. Käst hat im Hamburger allgemeinen Krankenhause einige 
ähnliche Fälle beobachtet. 

Herr Geh, Rath Ponfick: Zenker hat früher (1874) auf Blutungen 
im Pancreas aufmerksam gemacht, die wahrscheinlich auf ähnlicher 
Basis beruhen. 

Herr Dr. Silber mann: Finden sich in der Monographie von Seitz 
nicht ähnliche Fälle? 

Herr Geh. Rath Ponfick: In den beobachteten Fällen war jeden- 
falls von Entzündung keine Rede. Doch ist es möglich, dass einige der 
Seitz'schen Fälle ähnlich sind. 

Herr Dr. Silber mann: Die Symptome sind mindestens die 
gleichen. 

11. Sitzung vom 17. November 1893. 
Vorsitzender: Herr Dr. Buchwald. Schriftführer: Herr Dr. Drewitz. 

Tagesordnung: 
1) Herr San.-Rath Dr. O. Riegner: 

Ein Fall von totaler Scalpirung durch Thiersch'sche Hautimplantationen 

geheilt. 
Die 16jährige Arbeiterin A. Leander wurde am Abend des 7. April 
1893 auf meine Abtheilung gebracht. Kurz vorher hatte der Riemen 
einer Transmissionswelle ihren Haarzopf erfasst und ihr die Kopfhaut 



I. Abtheilung. Medicinische Sectioii. 37 

total abgerissen. Der Scalp, den Sie hier sehen, wurde uns erst eine 
halbe Stunde später nachgebracht. 

Die Patientin hatte furchtbare Schmerzen, bot aber keinerlei Shok- 
erscheinungen. Die ganze Schädeloberfläche lag blos, nur vom peri- 
cranium bedeckt. Es blutete nur wenig aus den Rändern der Risswunde. 
Vorn verlief dieselbe von der Nasenwurzel aus nach links dicht ober- 
halb, nach rechts etwas unterhalb der Augenbrauen, seitlich jederseits 
am oberen Rande des Jochbogens, dann dicht über dem Ansatz der 
Ohrmuscheln zum hinteren unteren Rande des Warzenfortsatzes ab- 
steigend, hinten in einer horizontalen Linie, etwa der Höhe der protu- 
berantia occipitalis externa entsprechend. An der rechten Seite ging 
der Riss noch in den Ansatz der Ohrmuschel hinein und hatte dieselbe 
etwa zur Hälfte durchtrennt. 

Es wurde sofort in Chloroformnarkose der vordere obere und seit- 
liche Theil des riesigen Defects mit aus den Oberschenkeln der Patientin 
entnommenen Thiersch'schen Hautstreifen bedeckt, welche zum Theil 
eine Länge von 15, eine Breite von 4 cm hatten und deren Grenzen 
Sie namentlich vorn an der Stirn noch deutlich unterscheiden können. 

Der Versuch, Hautstücke aus der rasirten und gereinigten Kopf- 
schwarte zur Implantation zu verwenden, wurde bald wieder auf- 
gegeben, da sich dieselben wegen ihrer Rigidität nicht geeignet erwiesen 
und schlecht anlegten. Es sind auch nur wenige von ihnen angeheilt. 
Auf die ßepflanzung des hinteren Defecttheiles mussten wir zunächst 
verzichten, weil bei der dazu notwendigen Drehung und Haltung des 
Kopfes die bereits angesaugten, vorderen Hautstücke sich zu verschieben 
drohten. Zudem wollten wir die Narkose, welche bereits über eine 
Stunde dauerte, nicht noch länger ausdehnen. 

Die zum Theil abgerissene rechte Ohrmuschel wurde selbstverständ- 
lich sofort genäht. 

Der Verband bestand in Bedeckung mit Jodoformgaze und aseptischem 
Mull. Antiseptica waren bei der Operation ganz vermieden worden. 
Der Verlauf war bis auf geringe Temperatursteigerung in den ersten 
beiden Tagen ungestört. Die heftigen Schmerzen waren schon am 
nächsten Tage fast geschwunden. Beim ersten Verbandwechsel nach 
10 Tagen zeigte sich der überwiegende Theil der Hautpflanzen ange- 
heilt. Beim zweiten Verbandwechsel, am 18. Tage, erfolgte die Be- 
deckung der noch wund gebliebenen hinteren Schädelpartie nach Ab- 
schabung der inzwischen gebildeten Granulationen durch Hautstücke, 
welche den Armen entnommen wurden. Einzelne kleine, wieder defect 
gewordene Stellen wurden bei Gelegenheit der Verbände wieder be- 
pflanzt. Schliesslich ist es uns, wie Sie sehen, gelungen, der Patientin 
eine ganz neue Kopfhaut zu verschaffen, auf deren Glätte und gute 
Verschieblichkeit ich Sie besonders hinweisen möchte. Von ihrem Kopf- 



38 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

haar hat sie freilich nur ein Büschel an der rechten Schläfengegend 
und einen Haarkranz im Nacken zurückbehalten, doch verdeckt sie die 
Glatze durch eine kunstvoll gearbeitete Perrücke, deren Form (Titus- 
kopf) sie selbst ausgewählt hat und auf welche sie nicht wenig stolz zu 
sein scheint. Seit etwa 4 Monaten ist das Mädchen wieder in ihrer 
früheren Fabrik beschäftigt. Interessant ist, dass der Anfangs natürlich 
sehr erhebliche und entstellende Niveauunterschied an der Grenze der 
dicken Gesichts- und Halsweichtheile einerseits und der neuen nur aus 
dünnen Hauttheilchen bestehenden Bedeckung der Kopfschwarte anderer- 
seits sich jetzt fast vollkommen ausgeglichen hat. 

Die Prüfung der Sensibilität der neugebildeten Kopfhaut ergiebt, 
dass dieselbe bis auf eine schmale an den Riss grenzende Uebergangs- 
zone vollkommen anaesthetisch ist. Diese Zone ist an den Schläfen am 
breitesten (3 Querfinger), verschmälert sich nach der Stirn (2 Querfinger) 
und nach der Warzenfortsatzgegend (1 Querfinger); am Hinterhaupt 
fehlt sie ganz, hier fällt die Grenze der Anaesthesie mit der Narbengrenze 
genau zusammen. Die Schmerzempfindung ist nur in dem postauricu- 
lären Theil dieser Uebergangszone in geringem Grade vorhanden, im 
übrigen fehlt sie ganz. Der Drucksinn der Haut allein lässt sich nicht 
prüfen, weil der Druck durch das intact gebliebene pericranium zur 
Perception kommt. Alle anderen Qualitäten der Sensibilität, Tast-, 
Raum-, Druck- und Temperatursinn, haben sich im ganzen Bereich des 
erwähnten Grenzbezirkes wieder hergestellt, sind aber ziemlich stark 
herabgesetzt. Es wird von Interesse sein zu beobachten, ob noch eine 
weitere allmähliche Verbreiterung dieser partiell empfindlichen Zone er- 
folgen wird. 

Dieser Fall stellt wohl einen der schönsten und segensreichsten 
Erfolge der Thiersch' sehen Implantationsmethode dar. Ich kann mir 
nicht denken, dass es durch irgend welche Plastik gelungen wäre, den 
enormen Defect so vollständig und rasch zu ersetzen. 

Disc ussion: 

Herr Dr. Drewitz fragt, ob sich sensible Störungen event. in der 
Localisation bemerkbar machen? 

Herr San.-Rath Riegner will darüber noch weitere Untersuchungen 
anstellen. 

2) Herr Dr. C. S. Freund: 

Zur Beurtheilung meiner neulichen Krankenvorstellung, betreffend eine 

Contusion der oberen Brustwirbel. 

Herr Privatdocent Dr. Ernst Rem ak in Berlin, welchem ich wegen 
seiner grossen Erfahrungen auf dem Gebiete der isolirten Nerven- und 
Muskellähmungen einen genauen Bericht über meine neuliche Kranken- 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 39 



Vorstellung eingesandt habe, will trotz des Gegenargumentes des Herrn 
Gaupp die Diagnose einer Brustnervenwurzel-Er krankung („mehr- 
fache Quetschung resp.Zerrung derWurzeln im Höhenniveau 
der oberen Brustwirbel") aufrecht erhalten sehen und macht mich 
auf eine in Gowers' Lehrbuch der Nervenkrankheiten Bd. I. S. 222 
(deutsche Uebersetzung) aufgestellte Tabelle aufmerksam, welche das 
Verhältniss der spinalen Nerven zu den motorischen, sensorischen und 
reflectorischen Functionen des Rückenmarks zeigen soll. In dieser 
Tabelle nimmt Gowers an, dass der untere Theil des Musculus 
Trapezius von Seiten der II. — XII. Dorsalnerven versorgt 
wird. Indem ich mich auf diese von so hervorragender Seite ver- 
tretene Anschauung stütze, welche sicher wohl auf genaue Special- 
studien gegründet ist, nehme ich keinen Anstand, meine anfängliche 
Diagnose aufrecht zu erhalten, alle Componenten der von mir beobach- 
teten Symptomentrias — inci. der Cucullarisatrophie — auf eine Brust- 
nervenwurzel-Erkrankung zu beziehen. 

3) Herr Dr. Mann: 

Ein Fall von doppelseitiger Cucullaris-Lähmung. 

Bei dem Patienten, welchen ich Ihnen hier vorstelle, bemerken 
Sie, dass die Plastik des Halses und der oberen Rückenpartien in auf- 
fallender Weise verändert ist. 

Die durch die oberen Partien der Cucullares gebildeten, vom 
Nacken nach den Schultern zu abfallenden Wülste fehlen vollständig; 
der obere Schulterblattrand ist dadurch der Oberfläche näher gekommen 
und dem zufühlenden Finger leicht erreichbar. Die fossae supraspinatae 
sind tief eingesunken, die inneren Ränder der Schulterblätter, welche 
normalerweise 6 cm von der Wirbelsäule abstehen, sind hier 8 cm 
von derselben entfernt, verlaufen übrigens senkrecht. 

Schon in Ruhestellung des Patienten sieht man beiderseits vom 
inneren Schulterblattrande nach der Medianlinie zu aufsteigend einen 
starken Muskelbauch vorspringen, welcher offenbar dem Rhomboideus 
entspricht. Oben in der Nackengegend werden ebenso deutlich an ihrer 
nach dem inneren Schulterblattwinkel absteigenden Richtung erkennbar 
die Levatores anguli scapulae sichtbar. 

Lässt man den Patienten die Adduction (welche bei ihm stets mit 
einer leichten Hebung verbunden ist) resp. die Erhebung der Schultern 
ausführen, so springen die Rhomboidei resp. Levatores anguli sehr 
kräftig hervor. 

Es handelt sich demnach um einen völligen Schwund beider Cu- 
cullares, wodurch die sonst von ihm verdeckte Muskulatur subcutan 
geworden ist. 



40 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Auch durch faradische Reizung lässt sich dies nachweisen; man 
erhält bei derselben eine lebhafte Contraction der sonst vom Cucullaris 
verdeckten Muskeln, aber keine Spur von dem letzteren. 

Nur bei galvanischer Reizung und bei Beklopfen kann man einige 
Fascikel desselben mit exquisit träger Zuckung reagiren sehen. 

Bei Betrachtung des Halses von vorn bemerkt man auf der linken 
Seite ein Fehlen des vom Sterno-cleido-mastoideus gebildeten Wulstes. 
Am deutlichsten wird der Ausfall dieses Muskels, wenn man den Pat. 
tief inspiriren lässt. Dabei springt der genannte Muskel auf der rechten 
Seite sehr stark hervor, während er auf der linken bis auf einige ge- 
ringe Fasern seiner inneren Portion gänzlich geschwunden ist. 

Sonst findet sich keinerlei Schwund an der Muskulatur vor; ins- 
besondere ist zu bemerken, dass der Serratus anticus beiderseits völlig 
intact ist, wie sich sowohl durch das sehr schöne Hervorspringen seiner 
Zacken, als auch durch faradische directe und indirecte Reizung zu er- 
kennen giebt. 

Unter diesen Umständen ist es sehr interessant, dass Pat. einen 
erheblichen Functionsdefect bei der Bewegung der Oberarme zeigt. Lässt 
man ihn nämlich die Arme in seitlicher (abducirter) Richtung er- 
heben, so vermag er dies nicht über die Horizontale auszuführen, also 
nicht weiter, als die Function seiner Deltoidei ausreicht. In der Rich- 
tung nach vorn dagegen gelingt die Hebung mit guter Kraft bis zur 
verticalen Richtung. 

Es scheint aus diesem Verhalten hervorzugehen, dass der (hier 
nachweislich völlig intacte) Serratus ant. die ihm zugeschriebene Function 
der Hebung des Armes über die Horizontale zwar in der Richtung nach 
vorn allein auszuführen im Stande ist, dass er aber bei seitlicher 
Führung der Mitwirkung des Cucullaris bedarf. 

Der Fall besitzt aber noch ein weiteres Interesse. Er ist nämlich 
geeignet, einen Beitrag zur Frage nach der Innervation des Cucullaris 
zu bieten, welche von Herrn Freund in der vorigen Sitzung 
angeregt wurde und dies war eigentlich die Veranlassung zu meiner 
heutigen Demonstration. 

Aus den Angaben des Pat. geht nämlich hervor, dass sein jetziger 
Zustand unmittelbar nach einer Operation aufgetreten ist, welche er im 
August d. J. durchgemacht hat. 

Es wurden ihm damals zu beiden Seiten des Halses faustgrosse 
Drüsenpaquete exstirpirt, wovon jetzt noch zwei lange an den hinteren 
Rändern der Sterno-cleido-mastoidei verlaufende Narben sichtbar sind. 
Unmittelbar nach der Operation will Pat. ausser heftigen Schmerzen 
(welche auch noch jetzt bestehen) den vorliegenden Defect in der Be- 
weglichkeit seiner Arme bemerkt haben. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 41 

Es kann nach dem Ort der Operation nur eine Läsion der nn. 
accessorii für den Zustand verantwortlich gemacht werden. Da nun 
auch die unteren Portionen der Cucullares total geschwunden sind, so er- 
giebt sich, dass auch für diese der n. accessorius die alleinige Innervation 
abgeben muss, und dass nicht, wie Herr Freund, gestützt auf Remak 
und Gowers, annimmt, Aeste der Thoracalnerven zu der Versorgung 
dieser unteren Partien beitragen. Zum mindesten kann nach dem vor- 
liegenden Falle das von Herrn F. supponirte Verhalten kein con- 
stantes sein. 

Discussion: 

Herr Dr. C. S. Freund: Ich verkenne durchaus nicht die neuen 
Schwierigkeiten, welche durch die Krankenvorstellung des Herrn Collegen 
Mann meiner Diagnose einer Brustnervenwurzel-Erkrankung erwachsen. 
Indessen geniesst Gowers einen so unbestrittenen und allgemein an- 
erkannten Ruf eines zuverlässigen wissenschaftlichen Forschers, dass ich 
mich für vollkommen berechtigt halte, die von Gowers gegebene Tabelle 
als Grundlage bei Aufstellung meiner Diagnose zu benutzen. 

Zur Klärung der vorliegenden Verhältnisse halte ich es für empfehlens- 
werth und zweckdienlich, Herrn Prof. Gowers ein genaues Referat 
über die von mir und Dr. Mann vorgestellten Fälle einzusenden und 
ihm die Frage vorzulegen, ob er auch nach Kenntniss des Mann'schen 
Falles an seiner Anschauung, betreffend die Versorgung der unteren 
Abschnitte des Cucullaris durch Brustnerven festhält. Im Hinblick 
auf die in dieser Richtung ergebnisslosen Literaturstudien des Herrn 
Gaupp würde es von principieller Bedeutung sein, in Erfahrung zu 
bringen, auf Grund welcher anatomischer Thatsachen resp. klinischer 
und experimenteller Beobachtungen jene Tabelle aufgestellt worden ist. 

4) Herr Dr. Jadassohn: 

Ueber einen Fall von universeller schuppender Hauterkrankung mit 

Schrumpfung der Haut, ohne Verwachsung mit den tiefer liegenden 

Schichten. (Pityriasis alba atrophicans.) 

Der Vortragende stellt einen Fall vor, zu dem er in der Literatur 
ein Analogon bisher nicht hat auffinden können und der in den Rahmen 
irgend eines der genau charakterisirten Krankheitsbilder nicht passt, 
trotzdem Verlauf und Symptomencomplex den Eindruck des Eigenartigen 
zweifellos hervorrufen. 

Der 30 Jahre alte Patient, der hereditär nach keiner Richtung 
belastet ist, war bis zu seinem 7. Jahr gesund. Dann bildeten sich zuerst 
an den Seitentheilen der Brust grosse, dünne, locker aufsitzende 
Schuppen, angeblich ohne jede Röthung, aber unter starkem Jucken 
— innerhalb eines halben Jahres breitete sich die Schuppung über den 



42 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

ganzen Körper aus, zuletzt auch auf Gesicht und Kopf; Jucken und 
Schuppung nahmen in den nächsten Jahren sehr zu, der Kranke kratzte 
sich vielfach wund, das Allgemeinbefinden aber war normal, wenn der Knabe 
auch klein und schwächlich blieb. Blasen oder „Blattern" sind nie auf- 
getreten. Die Schuppung hat sich zuerst im 15./16. Lebensjahre im 
Gesicht und am Kopf zurückzubilden begonnen, erst um das 22. Jahr 
auch an den Händen, um das 27. Jahr am Körper. Zugleich mit dem 
Aufhören der Schuppung an den Händen wurde die Haut derselben 
allmählich dünner und mehr gespannt, aber erst seit 1 y 2 — 2 Jahren tritt 
dieses Symptom so in den Vordergrund, dass es den Kranken — er ist 
Stubenmaler — verhindert zu arbeiten. Seit dieser Zeit begann auch 
sein Lungenleiden — eine typische tuberculöse Phthise — um derent- 
willen der Patient wiederholt das Hospital aufsuchte. Er ist seitdem 
wesentlich magerer geworden. Die Schuppung ist dann auch am Körper 
geringer, die Schrumpfung an Händen und Füssen wesentlich stärker 
geworden. 

Das in möglichster Kürze die Anamnese. Aus dem Status des 
Patienten sei hier nur Folgendes hervorgehoben: 

Der sehr kleine (1,35 m) schwächlich gebaute Mann klagte, als er 
auf die Station kam, wesentlich nur über das Jucken, das die Nachtruhe 
störe, starke Empfindlichkeit gegen Kälte, Behinderung in den Bewegungen 
der Hände. Der Panniculus ist sehr schwach ausgebildet, Kopf und 
Gesicht fast normal, dagegen am ganzen Körper die Haut in verschiedener 
Stärke krankhaft verändert. Auf den ersten Blick macht der Kranke 
wohl den Eindruck einer leichten Ichthyosis. Fast überall ist die 
Haut des Rumpfes und der Extremitäten mit kleinen weissen Schuppen 
bedeckt, die fest aufliegen und die normale Felderung der Haut 
besonders an den Extremitäten auffallend deutlich erscheinen lassen ; 
nur die Cubitalbeugen sind frei. Die Haut ist an den oberen Extremitäten 
in nach unten zunehmendem Maasse verdünnt; bei weitem am stärksten 
ist die Verdünnung an den Händen; hier ist auch die Schrumpfung 
der Haut am ausgeprägtesten und hier sind die Bewegungen augenschein- 
lich durch die Hautspannung sehr hochgradig behindert, besonders 
an der rechten Hand. Noch stärker sind die Veränderungen an den 
Unterschenkeln, die von erstaunlicher Dünne sind, und an den Füssen, 
an denen sich — ebenso wie an den Händen — die Haut kaum noch 
in Falten aufheben lässt — trotzdem aber lässt sie sich auf den 
überall durchscheinenden Sehnen noch, wenn auch nur in geringem 
Grade, hin- und herbewegen, so dass eine Verwachsung mit tiefer- 
liegenden Organen auszuschliessen ist. — Auch an den Seitentheilen des 
Thorax ist die Haut leicht verdünnt und geschrumpft. Efflorescenzen 
sind jetzt nirgends vorhanden. Die Farbe der Haut ist, von den 
weissen hornigen Massen abgesehen, fast normal, nur ganz leicht gel!'. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 43 

Haare sind in massig starker Ausbildung vorhanden, Nägel normal. Die 
oberflächlich gelegenen Lymphdrüsen sind überall ganz leicht vergrössert. 

Schleimhäute normal. — Lungenphthise massiger Ausdehnung. 
Sensibilität überall erhalten. Auch sonst hat die Untersuchung des 
Nervensystems Abnormitäten nicht auffinden lassen. 

Seit der Patient auf der Abtheilung ist, hat sich sein Allgemein- 
zustand gehoben; das Jucken ist geringer geworden — eine wesentliche 
Veränderung aber in der Beschaffenheit der Haut ist nicht eingetreten. 
Es gelingt durch Bäder und Salben leicht, die Schuppen zu entfernen. 
Verhältnissmässig langsam — im Verlauf einiger Wochen — aber ist 
die Schuppendecke wieder gebildet. 

Das also ist in kurzen Zügen das Bild der Krankheit: Eine im 
Kindesalter beginnende, schnell universell werdende und bis 
in dieMitteder zwanziger Jahre ziemlich constant bestehende 
Erkrankung der Haut mit den Hauptsymptomen einer zuerst 
lamellösen und sehr copiösen, später mehr pityriasiformen 
und geringeren Schuppung, mit unerträglichem Jucken und 
Neigung zu Frösteln, und weiterhin zu einer starken Ver- 
dünnung und Spannung der Haut führend — andererseits 
aber (z. B. im Gesicht) ohne Atrophie zur Norm zurück, 
kehrend, ohne Röthung weder in dem augenblicklichen 
Stadium, noch (wenn man den Angaben des recht gut beob- 
achtenden Kranken glauben darf) während des früheren 
Verlaufs, ohne die Ausbildung irgend welcher Efflorescenzen, 
ohne Erscheinungen im Bereich des Nervensystems. 

Die histologische Untersuchung eines aus dem Arm excidirten Haut- 
stückchens hat ergeben: Minimalste Ansammlung von Rundzellen an den 
Gefässen des Pupillarkörpers, Verdünnung des Rete, Erhaltensein des 
Keratohyalin und Eleidin, reichliche Ausbildung des elastischen Fasernetzes. 

Bei der Besprechung der Diagnose dieses Falles wird berücksichtigt: 

1. Ichthyosis (leicht auszuschliessen wegen des acuten Beginns, der zuerst 
ausserordentlich reichlichen Schuppung, des sehr starken Juckreizes, der 
Hautschrumpfung). 

2. Sclerodermie. Hände und Füsse erinnern in der That am meisten 
an das atrophische Stadium dieser Erkrankung; aber schon die Ver- 
schiebbarkeit der Haut über den tieferliegenden Organen spräche gegen 
diese Diagnose, wenn nicht alles Andere (Anamnese, Fehlen des hyper- 
trophischen Stadiums, Schuppung) sie unmöglich machte. 

3. Die diffuse idiopathische Hautatrophie, welche erst in wenigen 
Fällen beobachtet worden ist, verläuft weder mit Jucken, noch mit 
Schuppung, noch ist sie universell — kurz ihr Bild ist toto coelo von 
dem vorgestellten verschieden. 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

4. So bleibt denn nur noch eine Erkrankung übrig, welche zu einem 
Vergleich auffordert: die Pityriasis rubra Hebrae. Auch sie ist eine 
generalisirte, stark schuppende, ohne Efflorescenzenbildung, aber oft mit 
starkem Jucken und mit Empfindlichkeit gegen Kälte einhergehende, 
sehr chronische, schliesslich zu Hautverdünnung und Schrumpfung 
führende Dermatose, die übrigens, wie der Vortragende hat nachweisen 
können, in einer besonders grossen Anzahl von Fällen mit Tuberculose 
combinirt ist, meist aber in kürzerer Zeit zum Exitus führt. 

Ein sehr wesentliches Symptom jedoch fehlt bei dem demonstrirten 
Patienten und hat wohl auch immer gefehlt — nämlich die Röthung der 
Haut, welche Hebra sogar zur Namengebung bei der Pityriasis rubra 
gedient hat. Wohl kann die Röthung in den letzten Stadien der 
Pityriasis rubra geringer sein; aber dann zeugt für ihr früheres Vor- 
handensein die Anwesenheit reichlichen Pigments im Papillarkörper, das 
der Vortragende in zwei verhältnissmässig kurz dauernden Fällen in 
grosser Menge hat nachweisen können. Im vorliegenden Falle ist es, 
wie die klinische und mikroskopische Untersuchung der Haut erweist, 
kaum vermehrt. 

Auch sonst spricht der histologische Befund nicht für Pityriasis 
rubra — es fehlen die bei dieser, wie bei jeder mit schneller Schuppen- 
erneuerung einhergehenden Dermatose zahlreich vorhandenen Mitosen in 
der Epidermis; es fehlen auch die Zeichen der „Parakeratose", der ab- 
normen Verhornung (Mangel von Keratohyalin und Bestehenbleiben färb- 
barer Kerne im Stratum corneum), sodass jetzt, da die eigentliche reichliche 
Schuppenbildung bereits längst vorüber ist, histologisch der Process 
mehr den Eindruck einer „Pityriasis tabesentium", einer Abschuppung auf 
Grund von schlechter Ernährung der Haut, macht. Die Reichlichkeit 
des elastischen Netzes ist wohl durch das Zugrundegehen zwischen- 
liegender collagener Fasern bei der Schrumpfung der Haut zu erklären, 
also nur eine relative. 

Ist es also nicht möglich, den Fall als Pityriasis rubra Hebrae zu 
diagnosticiren, so kann man auch auf die Complication mit Tuberculose 
und auf die geringe Vergrösserung der oberflächlichen Drüsen keinen 
Werth legen. In dem Rahmen irgend einer der anderen universellen 
Exfoliationskrankheiten der Haut passt die vorliegende Erkrankung wegen 
der fehlenden Röthe ebensowenig — und da auch das Nervensystem 
uns eine Handhabe zur Erklärung des merkwürdigen Krankheitsprocesses 
nicht giebt, so bleibt vor der Hand nichts übrig, als denselben unter 
einem rein symptomatischen Namen, etwa „Pityriasis alba atrophicans" 
zu registriren. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 45 

5) Herr Dr. Buchwald besprach die beiden besten hier bekannt 
gewordenen Fälle von 

Kohlenoxydgas-Intoxicationen. 

Letztere sind, Dank den Verordnungen, wonach alle Ofenklappen 
entfernt sein müssen, selten geworden, kommen jedoch, wie vorliegende 
Fälle zeigen, auch ohne bisher nachweisbare Ursache vor. Der eine 
Fall verlief tödtlich, der zweite Vergiftete (gemeinsame Intoxication) 
wird sich erholen. Vortragender erwähnt, wie schwer es in diesem 
Falle war, die Diagnose zu stellen, weil die Blutuntersuchung negative 
Resultate gab, frühzeitig Trismus und Tetanus auftrat, die Temperatur 
nicht verändert war und eine combinirte Vergiftung nicht aus- 
geschlossen schien. Hervorgehoben wurde noch die auffallende Irrita- 
bilität der Haut. 

Der Fall wird anderwärts ausführlich veröffentlicht werden. 

12. Sitzung vom 1, December 1893. 
Vorsitzender: Herr Geh. Rath Mikulicz. Schriftführer: Herr Dr. Tietze. 

Vor der Tagesordnung: 

1) Herr Dr. R. Stern demonstrirt einen Patienten mit einer eigen- 
artigen Sensibilitätsstörung: 

periodischen Schwankungen der Sensibilität. 

Einen ähnlichen Fall hat Vortr. bereits im Sommer d. J. bei einem 
klinischen Abend vorgestellt (referirt Deutsche medicinische Wochen- 
schrift 1893 Nr. 44); im Uebrigen ist diese Störung seines Wissens 
bisher noch nicht beschrieben worden. Den heute vorzustellenden 
zweiten Fall dieser Art verdankt der Vortr. der Freundlichkeit des 
Herrn Collegen Mann. Bei dem vorher gesunden Arbeiter traten 
kurze Zeit, nachdem ihm im Mai d. J. ein schweres Gewicht auf den 
Kopf gefallen war, häufige klonische Zuckungen in verschiedenen 
Muskeln, besonders der oberen Extremitäten auf, symmetrisch und gleich- 
zeitig auf beiden Seiten; ihre Häufigkeit und Intensität wechseln mit dem 
augenblicklichen psychischen Zustande des Patienten, im Schlafe cessiren 
sie ganz. Die Hautsensibilität zeigt periodische Herabsetzungen : übt man 
einen Reiz von gleichbleibender nicht sehr erheblicher Stärke (z. B. 
Berührungen, massig starke faradocutane Reizung u. s. w.) aus, so 
wird derselbe abwechselnd empfunden und dann wieder nicht gefühlt. 
— Die Perioden des Empfindens und Nichtempfindens dauern je 
2 — 4 Secunden. Sämmtliche Sinnesorgane: Sehen und Hören, Ge- 
ruchs- und Geschmacksvermögen zeigen die gleichen Schwankungen, 
synchron mit denjenigen der Hautempfindlichkeit. Demonstration dieser 
Schwankungen für faradocutane Reizung, Seh- und Hörschärfe, Geruchs- 



46 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

vermögen; Demonstration des Gesichtsfeldes, das dementsprechend eben- 
falls Schwankungen zeigt, sowie von graphischen Registrirungen, die an 
einem Kymographion im physiologischen Institut aufgenommen wurden, 
um Dauer und Periodicität der Schwankungen für die verschiedenen 
Sinnesorgane festzustellen. Eine Coincidenz mit den klonischen Zuckun- 
gen findet nicht statt. Von Reflexen zeigten nur diejenigen gleich- 
zeitige Schwankungen, bei denen gleichzeitig mit dem Reflex Gemein- 
gefühle ausgelöst werden: so der Würg-Reflex und der Plantar-Stich- 
Reflex. 

Die Art und das Verhalten der klonischen Zuckungen lassen es als 
sicher erscheinen, dass es sich in dem vorgestellten Falle um eine 
functionelle Neurose (nach Trauma) handelt. Die eigenartige 
Sensibilitätsstörung dürfte auf periodische Schwankungen der Erregbar- 
keit der Grosshirnrinde zurückzuführen sein. Keinesfalls ist sie ein 
Ermüdungs-Phänomen. Die Feststellung dieser Störung hat nicht nur 
theoretisches Interesse, da derartige Patienten bei summarischer 
Sensibilitätsprüfung den Eindruck erwecken können, als machten sie 
ungenaue und widersprechende Angaben. 

(Die beiden Beobachtungen werden später an anderer Stelle ausführlich 
mitgetheilt werden.) 

2) Herr Prof. Neisser stellt ein 6 jähriges Mädchen vor, welches 
in sehr typischer Weise die Erscheinungen der 

Hebra'schen Prurigo 

aufweist: mehr oder weniger zerkratzte, derbe, klein-papulöse oder flach- 
quaddelige Efflorescenzen von hellrother Farbe, localisirt wesentlich 
auf der Streckseite, in viel geringerem Grade auf der Beugeseite der 
unteren und oberen Extremitäten, mit absolutem Freibleiben der Gelenk- 
beugen; der Rumpf ist nur sehr wenig in Mitleidenschaft gezogen. 
Ausserdem constatirt man durch Tasten und Faltenbildung eine elastisch- 
teigige Verdickung der Haut der Extremitäten, welche in ihrer Intensität 
vollkommen der Massenhaftigkeit der geschilderten Efflorescenzen ent- 
spricht. 

Der Fall, so typisch er erscheint, ist nach zwei Richtungen sehr 
interessant. Einerseits stellt er eine Ausnahme von der Hebra'schen 
Regel dar, dass alle Prurigofälle im ersten, spätestens im zweiten Lebens- 
jahr beginnen. Bei diesem Kinde ergiebt die bestimmte, ohne jeden 
Rückhalt und trotz allen Inquirirens immer wiederholte Angabe der sehr 
intelligenten Mutter, dass das Kind bis vor 3 Wochen nicht die 
geringsten Hauterscheinungen irgend welcher Art aufgewiesen, 
sondern dass das gegenwärtige Bild an ein jetzt nicht mehr definirbares } 
mit Fieber einhergehendes „acutes Exanthem 1 ' sich angeschlossen hat. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 47 

Diese typische Prurigo besteht also erst seit 3 Wochen und hat im 
6. Lebensjahr begonnen. 

Es ist schon von verschiedenen Seiten betont worden, dass es Aus- 
nahmen von der Hebra'schen Angabe über den Beginn der Erkrankung 
giebt. Auch der Vortragende kennt Fälle, bei denen typische Prurigo 
sich erst im 12., 13. Lebensjahr entwickelt hat. Aber das sind seltene 
Ausnahmen und der Vortragende betont ausdrücklich, dass er durchaus 
den Standpunkt vieler französischer Autoren, welche oft über derartige 
Ausnahme-Fälle berichten, dabei aber nicht das typische von Hebra 
charakterisirte „Prurigo u -Krankheitsbild zu Grunde legen, verwerfe. 

Viel interessanter noch ist ein zweiter Gesichtspunkt, der sich bei 
Betrachtung dieses Falles aufdrängt, nämlich die Möglichkeit, in aus- 
gezeichneter Weise den Urticariacharakter der Prurigoknötchen 
zu demonstriren. Der Vortragende vertritt seit Jahren die Anschauung, 
dass die Prurigo, wie die Urticaria und neben der Urticaria, zu den- 
jenigen Neurosen der Haut zu rechnen sei, bei denen Sensibilitäts- 
Störungen (Paraesthesien) und vasomotorische Störungen Hand in Hand 
mit einander gehen, und zwar hält er nicht bloss die kleinen Prurigo- 
knötchen für „Urticaria-Knötchen", entstanden durch Transsudation in 
Folge vasomotorischer Gefässalterationen, sondern auch die diffusen 
im Unterhautbindegewebe und Corium sich ausbildenden teigigen ödema- 
tösen Verdickungen. In den gewöhnlichen Prurigofällen, die man meist 
erst nach jahrelangem Bestehen zu sehen bekomme, ist es unmöglich, 
die primären durch vasomotorische Neurose entstandenen Hautver- 
änderungen zu trennen von den secundären , in Folge des Juckens 
künstlich erzeugten Kratzeffecten. In dem vorgestellten Falle dagegen 
ist es bei dem kurzen Bestehen der ganzen Erkrankung möglich, die 
rein primären Hautveränderungen und zwar als „Urticaria" zu demonstriren. 

Der Vortragende weist ferner hin auf die Unterschiede, welche 
zwischen den typischen flachen Quaddeln bei gewöhnlicher Urticaria und 
den kleinen Efflorescenzen bei diesem wie bei anderen Prurigofällen 
bestehen. Erstere sitzen, wie es scheint, in tieferen Lagen der 
Haut, so dass eine Alteration von Epithel und Hornschicht gewöhnlich 
ausbleibt, wie ja auch durch Kratzen kaum je eine sichtbare Excoriation 
zu Stande kommt. Bei den Prurigo - Efflorescenzen aber — übrigens 
ebenso wie bei dem sogenannten Liehen urticatus sive Strophulus der Kinder 
■ — scheinen auch oberflächlichere und entzündliche Läsionen vorhanden 
zu sein, wie die so leicht, — auch bei den kleinsten Kindern, die 
zweifellos mit geringer mechanischer Gewalt kratzen — zu Stande 
kommenden Excoriationen beweisen. 

Die Schwellung der subinguinalen Drüsen ist bei dem demonstrirten 
Kinde vor der Hand nur leicht angedeutet. 



48 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Was die eigenartige Legalisation bei der Prurigo, speciell das 
Freibleiben der Gelenke betrifft, so weist der Vortragende kurz auf die 
Auspitz'sche Hypothese hin, die in dem Fehlen von grossen Wurzelhaaren 
und entsprechenden arrectores pilorum und den in Folge dessen ebenfalls 
fehlenden „gänsehaut a -ähnlichen Prominenzen an den Gelenkbeugen die 
Ursache ihres Intactbleibens sehen wollte. Der Vortragende kann sich 
zwar dieser Erklärung nicht anschliessen, denn die Prurigoknötchen ent- 
sprechen eben nicht der „Cutis anserina", d. h. den durch Krampf der 
arrectores pilorum erzeugten Hervortreibungen der Haut, sondern sie sind 
kleinste Urticariaknötchen. Doch glaubt auch er in der erwähnten ana- 
tomischen Differenz die Ursache des Erkrankens und Freibleibens der 
verschiedenen Hautpartien suchen zu müssen. Es ist wohl denkbar, 
dass der viel grössere Nerven- und Gefässreichthum an behaarten und 
mit reichlichen Hautmuskeln versehenen Partien sowohl für die Sensibilitäts- 
Störungen wie für die vasomotorischen Processe in Betracht kommt. 

Ob der späte Beginn der Erkrankung bei dem vorgestellten Kinde 
eine günstigere Prognose betreffs des Ablaufs der Krankheit gestattet, 
kann jetzt natürlich noch nicht festgestellt werden. Es muss betont 
werden, dass. auch die Hebra'sche Regel: „Prurigo ist unheilbar" nicht 
immer zutrifft; typische Prurigofälle freilich heilen nur äusserst selten, aber 
für beginnende Erkrankungen ist die Prognose — schwere von vornherein 
mit hochgradigster Verdickung einhergehende Fälle ausgeschlossen, — 
wesentlich abhängig von der Pflege und Behandlung des Kindes. Daher 
kommt es wohl, dass Kinder besserer Stände, die mit chronischer 
Urticaria und Strophulus sive Liehen urticatus uns zugeführt werden, fast 
regelmässig durch zweckmässige und sorgsame Pflege geheilt werden und 
nur höchst selten zu wahren Pruriginösen sich entwickeln, während die 
letzteren fast immer der ärmeren, schlechter gepflegten Kinderklasse 
angehören. — 

3) Herr P. Stolper demonstrirt die Brustorgane eines Mannes, der 
an einem klinischen Abend von Herrn Kollegen Hamburger mit der 
Diagnose Tricuspidalinsufficienz vorgestellt worden ist. Die Section be- 
stätigte dieselbe. 

Patient, ein 55 jähriger Arbeiter, hatte vor ca. 40 Jahren eine 
schwere Pleuritis und Pericarditis durchgemacht. Die damals gesetzten 
Schädigungen haben allmählich zu einer seeundären Tricuspidalinsuffi- 
cienz geführt. An der Leiche fand sich starke Asymmetrie des Thorax, 
Starrheit der linken Hälfte und Depression in der Rippenknorpelgrenze, 
Schwartenbildung an der Pleura dieser Seite, starke Schrumpfung der 
linken Lunge und endlich eine Obliteration des ganzen Herzbeutels. 

Das Herz ist nun im Ganzen erheblich vergrössert, weniger durch 
Hypertrophie der Wände, als durch hochgradige Erweiterung der beiden 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 49 

Kammern und Vorhöfe. Das Ostium venosum dextrum, dessen Klappen, 
segel durchaus zart und unverändert, ist nun, wie man an einem ein- 
gelegten Tampon messen kann, reichlich doppelt so gross, wie man es 
bei dem Herzen eines kräftigen Mannes erwarten kann. Die intra vitam 
so stark pulsirenden Halsvenen, die Jugularis communis und deren Aeste 
sind ebenfalls besonders auf der rechten Seite ausserordentlich er- 
weitert: Die v. jugularis com. dext. misst, aufgeschnitten, in der Höhe 
der Schilddrüse 4,2 cm. Dadurch ist natürlich auch die Jugularklappe 
relativ insufficient geworden. 

Die Herzmuskulatur zeigt durch ihre blasse Farbe sowie ausge- 
sprochene Schilderhauszeichnung an den Trabekeln stärkere Verfet- 
tung an. 

Discussion: 

Herr Dr. Hamburger: Was in klinischer Hinsicht an diesem 
Fall unser Interesse in erster Linie in Anspruch nahm, und was auch 
Herrn Dr. Buchwald veranlasst hat, den Kranken vor einigen Wochen 
Ihnen durch mich vorstellen zu lassen, war der Umstand, dass der Ge- 
danke an eine Tricuspidalinsufficienz nahe gelegt wurde, einzig und 
allein durch ein Symptom, dem man für gewöhnlich erst in zweiter 
Reihe Beachtung schenkt, bei vollkommenem Fehlen der für patho- 
gnostisch geltenden Merkmale. In selten schöner Weise ausgesprochen 
war der Jugularvenenpuls, so dass an jenem Abend auch die entfernter 
sitzenden Herren mit Leichtigkeit die Gefässbewegungen verfolgen 
konnten; in nicht unbeträchtlichem Grade, wenn auch nicht in einem Um- 
fange, wie man jetzt beim Anblick des Organs vermuthen sollte, Hess 
sich percutorisch die Hypertrophie des R. Ventrikels nachweisen, da- 
gegen fehlte jedes Geräusch am Herzen. In den vielen Wochen, in 
denen der Patient auf der Abtheilung lag, waren alle Herztöne stets 
laut und von absoluter Reinheit. Es fehlte ferner der Lebervenenpuls, 
im Augenhintergrund war Pulsation nur durch Druck auf den Bulbus zu 
erzielen und von einer Herabsetzung der Stärke des zweiten Pulmo- 
naltons, oder wie es neuerdings beschrieben worden ist, des R. Radia- 
listonus war gar keine Rede. In Folge dessen glaubten wir differential- 
diagnostisch auch eine blosse Insuffizienz der Jugularvenenklappe ohne 
gleichzeitige Tricuspidalinsufficienz in Erwägung ziehen zu müssen, wenn 
wir auch die letztere für wahrscheinlicher hielten. Zur Erklärung für 
das Fehlen jedes Geräusches müssen wir auf den ganz enormen Grad von 
Dilatation zurückgreifen, den das Ostium hier erreicht. Der Fall gleicht 
in dieser Hinsicht einigen von französischen Autoren beschriebenen, in 
denen auch bei Tricuspidalinsufficienz wegen der riesigen Erweiterung 
die Bedingungen für eine Wirbelbildung und damit für das Entstehen 
von Geräuschen fehlten. 

4 






50 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Tagesordnung: 

1 ) Antrag des Herrn Geh. Rath Mikulicz: Die Demonstrationen an den 
klinischen Abenden bezw. in den ordentlichen Sitzungen dürfen nicht 
länger als 10 Minuten dauern. Nach dieser Zeit hat der Vorsitzende 
das Recht, den Vortragenden aufmerksam zu machen, dass die Zeit 
abgelaufen sei, eventuell hat er ihm noch 5 Minuten zu gewähren. 

Nachdem Herr Dr. Riegner und Dr. Silbermann in der Debatte 
gesprochen, wird der Antrag folgendermaassen formulirt: 

„Die Demonstrationen an den klinischen Abenden bezw. die 
Demonstrationen vor der Tagesordnung an den ordentlichen 
Sitzungen dürfen nicht länger als zehn Minuten dauern. Ebenso 
darf in der Discussion nach Vorträgen nicht länger als zehn 
Minuten und in der Discussion nach Demonstrationen nicht länger 
als fünf Minuten von dem jedesmaligen Redner gesprochen 
werden." 

Der Antrag wird einstimmig angenommen. 

2) Wahl der Secretaire. 

Herr Geh. Rath Mikulicz schlägt vor, die durch Weggang des 
Herrn Geh. Rath Fritsch erledigte Secretairstelle nicht mehr zu be- 
setzen. Ferner sollen von den vier Secretairen immer zwei im Jahre 
ausscheiden, welche in demselben Jahre nicht mehr wählbar sind. 
Diesmal sollen die ausscheidenden Secretaire durch das Loos bestimmt 
werden, später soll dies nach einem bestimmten Turnus geschehen. 

Auf Antrag des Herrn Geh. Rath Ponfick wird die Discussion 
über den Gegenstand bis zur nächsten Sitzung, in der auch die Neuwahl 
vorzunehmen sei, verschoben. 

3) Herr Dr. H. Herz: 

lieber Alkoholneurosen. 

Der Vortragende führt aus, dass bei den Störungen der Motilität 
und Sensibilität, die an den Extremitäten der chronischen Alkoholisten 
beobachtet werden, die Unterscheidung des centralen oder peripheren 
Ursprungs, der anatomisch nachweisbaren oder functionellen Natur des 
Leidens nicht mit der Schärfe möglich sei, mit welcher manche Forscher, 
z. B. Freyhan, dies glauben. Denn einerseits finden sich anatomisch 
periphere und centrale Veränderungen nicht selten in demselben Falle 
vereinigt, anderseits sind klinisch rein periphere neuritische mit cen- 
tralen „neurasthenischen" (Frey h an) Symptomen so gemischt, dass eine 
Unterscheidung unmöglich ist, besonders wenn man auch kleinere Ab- 
weichungen des einen Typus nach dem anderen hin beachtet. 

Es erscheint daher wünschenswerth, diese mannigfachen Erschei- 
nungen als ein klinisches Gesammtbild unter einem möglichst wenig 
vorwegnehmenden Namen, z. B. als Alkoholneurosen, zu bezeichnen. 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 51 



Die beobachteten Symptome sind theils Reiz-, theils Ausfalls-Er- 
scheinungen. 

Zu den ersten gehören auf motorischem Gebiete das Zittern, die 
Uebererregbarkeit der Muskulatur, endlich gewisse Krampfformen, auf die 
bis jetzt wenig geachtet ist. Theils handelt es sich nur um ein schmerz- 
haftes Krampfgefühl mit erhöhtem Tonus der Muskulatur, theils um 
isolirte Muskelkrämpfe (Wadenkrämpfe!), theils endlich um ausgebreitetere 
Krämpfe, deren periphere Natur dann in Frage gezogen werden muss 5 
wenn andere periphere Krankheitssymptome zugleich vorliegen. Solche 
Krämpfe finden sich bei zwei demonstrirten Kranken. Der erste zeigt 
in eclatanter Weise eine Mischform des organischen und des functio- 
nellen Krankheitstypus, da die oberen Extremitäten eine deutliche 
Neuritis alcoholica darboten, die unteren dagegen durchaus Zeichen 
einer anscheinend functionellen Alkohol-Erkrankung; dieser Patient zeigt 
in den Armen Krämpfe, die, ohne Bewusstseinsstörung, durch Beklopfen 
der Bicepssehne hervorrufbar, mit Zittern begannen und durch ein klo- 
nisches Stadium bis zum Tonus sich steigerten. Der zweite Kranke, 
mehr der hyperaesthetischen Form (Leudet) angehörend, zeigte Beuge- 
krämpfe der Arme und Beine. 

Ausserdem gehören zu den Reizerscheinungen mannigfache Paraesthesien, 
Hyperaesthesien, Steigerung der Sehnenreflexe (z. B. selbst Steigerung 
der Patellarreflexe bei deutlicher Atrophie und Parese der Oberschenkel- 
Muskulatur mit Herabsetzung der elektrischen Erregbarkeit). 

Zu den Ausfallserscheinungen sind zu rechnen die leichte Ermüd- 
barkeit der Muskeln, ferner Lähmungen, die typisch an den peripheren 
Theilen der Extremitäten beginnen, nicht selten aber auch die oberen 
Theile derselben zuerst befallen; zuweilen finden sich ganz isolirte 
Alkohollähmungen. Ferner gehören hierher Fehlen der Sehnenreflexe, 
sehr verschiedenartige, feinere und gröbere Ausfallserscheinungen von 
Seiten der Sensibilität, endlich die alkoholische Ataxie, die von den 
niedersten bis zu den höchsten Graden nicht selten beobachtet wird. 
Es kann der Gang der Alkoholiker dem tabischen ähnlich werden, doch 
fehlt ihm nach Charcot das Schleudernde, ferner sollen diese Kranken 
wegen Schwäche der Peronealmuskulatur erst mit dem Aussenrande des 
Fusses, dann mit der Ferse auftreten. Ein demonstrirter, im Ganzen 
typischer Fall von Pseudotabes alcoholica zeigt zwar in seinem Gange nicht 
so sehr das Stampfende, wie manche Tabiker, tritt aber deutlich mit 
der Ferse zuerst auf. 

Nur wenn man alle diese Symptome als einheitliches Ganzes über- 
schaut, versteht man die vielen Abweichungen, die sich von den alt- 
bewährten klinischen Bildern, der Alkoholparaplegie, der Pseudotabes 
u. s. w. ergeben. 

(Eine ausführlichere Wiedergabe des Vortrages wird anderweitig erfolgen.) 



52 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Discussion : 

Herr Prof. Käst erwartet einen Fortschritt von der anatomischen 
Untersuchung. Auch Redner steht auf dem Standpunkte, dass es sich 
nicht immer um periphere Störungen handelte, sondern dass häufig auch 
das Centralorgan ergriffen ist. 

Herr Dr. Adler erinnert an das Auftreten ähnlicher Symptome 
bei der Hysterie, die doch von je als Krankheit centralen Ur- 
sprungs gelte. 

4) Herr Dr. Silbermann spricht: 

„Zur Theorie des Verbrennungstodes" 
und weist zunächst darauf hin, dass trotz der so zahlreich vorliegenden 
Untersuchungen über die nach Verbrennungen auftretenden klinischen 
und anatomischen Störungen, eine einheitliche Auffassung über die 
Pathogenese dieses Processes bis vor wenigen Jahren nicht bestand. — 
So erklärt sich nur zu leicht, dass eine ganze Reihe von Theorien über 
die hier in Frage kommenden Vorgänge aufgestellt worden sind, von 
denen nur die wichtigsten jetzt genannt sein mögen. Eine der älteren 
Anschauungen, vertreten durch Edenbuizen, Billroth, Mendel, erklärt den 
Tod nach Verbrennungen durch Störung der Hautperspiration und der 
dadurch bedingten Resorption giftiger Substanzen (kohls. Ammoniak). 
Foä nimmt einen von der verbrannten Haut erfolgenden Uebertritt von 
Fibrinferment ins Blut an. Die von Edenbuizen, Billroth und Anderen 
vertretene Ansicht ist in neuester Zeit von der Wiener Schule wieder 
aufgenommen worden und zwar treten Kaposi und Lustgarten für eine 
von der verbrannten Haut ausgehende Resorption von Toxinen mit muscarin- 
ähnlicher Wirkung ein, während Reiss und Hock die Aufnahme brenz- 
licher Producte ins Blut für den Tod der Verbrannten verantwortlich 
machen. — Wiederum eine andere Theorie, aufgestellt von Sonnenburg, 
und sehr verbreitet bei den Chirurgen, leitet das tödtliche Ende von 
der Einwirkung der Hitze auf den Gefässtonus ab, dieselbe soll reflec- 
torisch Gefässlähmung mit consecutiver Herzparalyse hervorrufen. Ganz 
im Gegensatze hierzu steht diejenige Anschauung einer grossen Anzahl 
von Forschern (M. Schulze, Wertheim, Klebs, Ponfick, v. Lesser), welche 
vor Allem in der durch die Verbrennung bedingten, schweren Schädigung 
des Blutes, besonders der rothen Blutscheiben, die Todesursache er- 
blickt. Dieselbe Ansicht, wie die soeben genannten Forscher, entwickelt 
auch Tappeiner, nur verlegt er die Alteration des Blutes nicht in die 
körperlichen Elemente desselben, sondern in eine Eindickung desselben 
in Folge bedeutender Verluste an Serum. — Von den bisher genannten 
Theorien hat diejenige, welche in der Blutkörperchenschädigung des Ver- 
brannten das Hauptmoment des Todes erblickt, zur Zeit die allge- 
meinste Anerkennung gefunden und zwar wohl deshalb, weil sie am 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 5 3 



besten durch klinische, anatomische und experimentelle Beobachtung 
gestützt wird. — Die Schädigung der Erythrocyten bei Verbrannten ist 
heute eine allgemein feststehende Thatsache und sie ist es auch, welche 
für alle das Wesen des Verbrennungstodes bedingenden pathologischen 
Vorgänge die einheitliche Basis bildet. Diese Blutkörperchen-Alteration 
besteht nun einmal in Quellung, Theilung, Fragmentirung und Aus- 
laugung der rothen Scheiben, also in einer schweren morphologischen 
Veränderung derselben, zweitens aber bewirkt sie, indem die Blut- 
körperchentrümmer in die verschiedensten Organe fortgeschwemmt 
werden, Gefässverstopfung und in Folge dessen parenchymatöse Entartung 
lebenswichtiger Gewebe. Eine weitere Schädigung endlich verursacht 
die Einwirkung der Hitze dadurch, dass sie. wie zuerst v. Lesser ge- 
zeigt, eine Beschränkung resp. Aufhebung der Functionsfähigkeit der 
Erythrocyten herbeiführt. Die hier eben geschilderten, in den rothen 
Blutkörperchen der Verbrannten gefundenen pathologischen Vorgänge 
stellen den Stand unserer Kenntnisse über diesen Process bis zum 
Jahre 1889 dar. In diesem Jahre wurden von Welti und mir fast 
gleichzeitig, aber ganz unabhängig von einander, weitere Untersuchungen 
über die Ursachen des Verbrennungstodes angestellt, welche einmal die 
bereits bekannten Veränderungen, id est Schädigungen, der Erythro- 
cyten, völlig bestätigen konnten, ausserdem aber den so wichtigen 
Nachweis führten, dass jene Schädigungen der rothen Blutscheiben zur 
Verklebung mit den Blutplättchen und zur Bildung zahlreicher Thrombosen 
in Lungen, Magen, Niere, Darm etc. Veranlassung geben. Mit dem 
Auffinden dieser Thatsache war aber erst ein völliges Verständniss für 
die nach Hautverbrennungen auftretenden klinischen und anatomischen 
Störungen geschaffen. Während nun aber Welti seine Befunde nur an 
thierischen und menschlichen Leichen erhoben hat, gingen wir zunächst 
an das Studium der functionellen Schädigung der Blutscheiben ver- 
brannter Thiere. Es ergab sich hierbei bei Anwendung der Methode 
von Maragliano eine sehr wesentliche Resistenzverminderung der Erythro- 
cyten verbrannter, im Vergleiche zu jener gesunder Thiere, und zwar 
bei Erhitzung, Trocknung, Druck, Kochsalzbespülung und Methylviolett- 
färbung des schnell und unter allen Cautelen dem Körper entnommenen 
Blutes. An diese Experimente schlössen sich solche der Organ- 
Untersuchung der verbrannten und zu einem gewünschten Zeitpunkte 
vivisecirten Thiere; hier ergaben sich je nachdem die Versuchsobjecte 
bald nach der Verbrennung oder einige Stunden resp. Tage darnach 
secirt wurden, sehr verschiedene anatomische Bilder. Bei unmittelbar 
nach der Verbrennung, die stets in tiefster Chloralnarkose erfolgte, vor- 
genommener Section zeigte sich starke Hyperämie der Lungen, Leber, 
Niere, des Magens und Darmkanals, der Cava, Pfortader und der ge- 
sammten abdominellen kleineren Venen und Capillaren. Ferner war 



54 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



stets eine auffallende Blutfülle und Dilatation des rechten Herzens 
vorhanden, während das linke eng und blutleer erschien. Hatten die 
Versuchsthiere hingegen die Verbrennung schon mehrere Stunden (4 — 8) 
hinter sich, so boten die genannten Organe insofern ein etwas ver- 
ändertes Aussehen dar, als ihre Hyperämie nicht mehr eine ganz 
gleichmässige war, sondern stellenweise mit blasseren Gewebspartien 
abwechselte; waren ein paar Tage seit der Combustion verstrichen 
und dann erst die Thiere (Hunde und Kaninchen) getödtet worden, so 
erschien die Hyperämie der Organe noch ungleicher vertheilt und gleich- 
zeitig fanden sich starke Blutungen in den Lungen, den Nieren, der 
Leber und der Schleimhaut des Magen-Darmkanals. Niere und Leber 
zeigten endlich sehr oft parenchymatöse Veränderungen, bestehend in 
Nekrobiose, Nekrose und Verfettung der Zellen. Die mikroskopische 
Untersuchung der Organe ergab als Ursache der Hyperämie, der ungleichen 
Blutvertheilung, Blutungen und der parenchymatösen Gewebsveränderung 
eine gemeinsame Ursache, nämlich ganz bestimmte Circulations- 
störungen, Stasen, Thrombosen und Thrombo-embolien, bedingt durch 
Verklebung der rothen Blutscheiben, Blutfragmente und Schollen mit 
Blutplättchen und Leukocyten. Am häufigsten fanden sich diese Gefäss- 
verschlüsse, wie auch Welti bestätigt, in Lungen und Nieren, dann im 
Digestionstracte, und in der Leber, selten im Hirn und Unterhautzellgewebe. 
Diese Gefässverlegungen sind intravital entstanden, wie die zum Zwecke 
dieses Nachweises von uns ausgeführten Autoinjectionen der Versuchs- 
thiere mit Farbstofflösungen (Indigokarmin und ganz besonders Eosin) 
aufs evidenteste bewiesen. Die Frage, ob die nach Hautverbrennungen 
auftretenden klinischen Krankheitserscheinungen mit den obigen patho- 
logischen Organbefunden im Einklänge stehen, muss ganz entschieden 
bejaht werden, denn die einzelnen Symptome: die Dyspnoe, die Cyanose, 
die Anurie, das Koma, das Erbrechen, die blutigen Diarrhöen, das 
Duodenalgeschwür, die subnormale Hauttemperatur, vor allem aber das 
tiefe Sinken des Aortendruckes erklären sich ganz ungezwungen aus 
den zahlreichen Gefässverschlüssen, die in erster Reihe sich in den 
Lungengefässen etabliren und damit einerseits allgemeine venöse Stauung 
und andererseits schwere arterielle Anämie bedingen. Dass die 
Lunge vor allem, und zwar auch beim Menschen, der Hauptort jener 
so verhängnissvoüen Circulationsstörungen ist, geht unter Anderem auch 
aus einer von Schjerning und Seeliger gelieferten Statistik hervor, wo 
bei 125 Obductionen von Verbrannten, 87 Mal ein Lungenbefund der 
oben beschriebenen Art (55 mit Pneumonien) sich vorfand. Bezüglich 
der nach Verbrennung auftretenden Nephritis sei noch ausdrücklich be- 
merkt, dass wir dieselbe ebenfalls von den allgemeinen Circulations- 
störungen abhängig machen, die ihrerseits secundär das Parenchym 
schädigen. Die von Welti und uns erhobenen anatomischen Befunde 



I. Abtheilung. Medicinische Section. 55 



sind später von Salvioli, Birch-Hirschfeld, Schmor], Hock und Kijantzin 
völlig bestätigt worden und dürften demnach als unzweifelhaft erwiesen 
gelten. Bezüglich der Therapie bei Verbrennungen plaidirt der Vor- 
tragende für die centrale arterielle Transfusion von Kochsalzlösungen 
mit einem von ihm construirtem Apparat und zwar nach erfolgter 
Venaesection und Prüfung des Verhaltens der Injectionsflüssigkeit gegen- 
über einer Blutprobe des Kranken. Die Kochsalzlösung muss gegenüber 
den rothen Blutkörperchen des Verbrannten isotonisch sein. 

(Eine ausführlichere Publication des Vortrages wird an anderer 
Stelle erfolgen.) 

13. Sitzung vom 15. December 1893. 

Vorsitzender: Herr Geh. Rath Ponfick. 

Vor der Tagesordnung legt Herr Ponfick mehrere Wirbelsäulen 

vor, um Störungen in deren Beweglichkeit zu erläutern, wie sie bei 

einem jugendlichen, am letzten klinischen Abend vorgestellten Individuum 

beobachtet worden waren. 

Tagesordnung: 

1) Herr Dr. Silber mann zeigt, in Ergänzung seines neulichen 
Vortrages, den von ihm angegebenen Transfusionsapparat vor. Keine 
Discussion. 

2) Herr Geh. Rath Mikulicz: Ueber die chirurgische Behandlung 
der Bauehfell-Tubereulose. (Der Vortrag wird an anderer Stelle ver- 
öffentlicht werden.) Discussion: Herr Käst, Richter, Küstner, 
Ponfick. 

3) Zu dem von Herrn Mikulicz gestellten Antrage alljährlichen 
Ausscheidens zweier Secretaire unter Ausschluss der sofortigen 
Wiederwahl bemerkt Herr Toeplitz, dass im Hinblick auf die Stetig- 
keit der Leitung an dem alten Modus festgehalten werden und die Ver- 
sammlung sich darauf beschränken möge, die durch den Abgang des 
Herrn F ritsch entstandene Lücke durch Neuwahl auszufüllen. 

Nachdem dieser Vorschlag fast einstimmig angenommen, werden zu 
Secretairen für 1894/95 gewählt die Herren Mikulicz (mit 37), Born 
(35), Buchwald (32), Ponfick (29), Neisser (28 Stimmen). Auf 
Herrn Käst waren 18 Stimmen gefallen. 



Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



71. 

Jahresbericht. 

1893. 



I. Abtheilung. 

Medicin. 

b. Hygienische Section. 



(SLi nnfrsa ±& 



Sitzungen der hygienischen Section im Jahre 1893. 

1. Sitzung am 6. Januar 1893. 

Tagesordnung: 

Herr Professor Dr. Hermann Colin: 

Ueber künstliche Beleuchtung nebst Vorzeigung der neuen Hrabowski'schen 
Reflectoren für Oberlicht und Seitenlicht. 

Der Vortragende stellte folgende hygienische Forderungen an das 
künstliche Licht: es darf 1) nicht erhitzen, 2) nicht zucken, 3) nicht 
unzureichend sein und 4) nicht blenden. Er schildert die Nachtheile, 
welche die Luft durch Gas und Petroleum erfährt; bei einer Helligkeit 
von 100 Kerzen geben diese 2140, resp. 800 Gramm Wasser gegenüber 
Gramm bei elektrischem Lichte und 1300 resp. 950 Liter Kohlensäure 
gegenüber Liter bei elektrischem Lichte. Während eine brauchbare 
Luft nach Pettenkofer nur l°/ 00 Kohlensäure enthalten darf, fand 
Renk in den Hörsälen zu Halle bei Gaslicht 2 bis 3°/ 00 , obgleich gar 
keine Zuhörer anwesend waren. Dagegen nahm die Kohlensäure an 
Menge noch nicht um 5 2°/ O o zu im hygienischen Institute zu Halle, wo 
vier Regenerativlampen brannten, in denen die Gase fortgeleitet werden. 
Der Vortragende fand bei Gaslicht im Auditorium I der Universität 
Breslau nach einer Stunde 25,8°, eine für Schüler und Lehrer gleich 
ermattende Temperatur. Wenham- und Butzke-Lampen verderben zwar 
die Luft nicht, sind aber wegen der Hitze-Ausstrahlung beim Arbeiten 
unerträglich. Heisse Flammen bewirken eine zu schnelle Verdunstung 
der Feuchtigkeit der Bindehaut, es tritt ein Gefühl von Trockenheit 
im Auge ein; der Kopf wird warm und es entsteht Kopfschmerz, der 
am weiteren Arbeiten hindert. Der Vortragende fand bei Messungen, 
die er mit Thermometern und Thermosäulen gemeinsam mit dem Director 
der Gasanstalt, Herrn Schneider, vornahm, dass die Erhöhung der 
Temperatur nach 10 Minuten in einer Entfernung von 20 Centimeter 
von einer Gasflamme doppelt so gross ist, als 20 Centimeter von einer 
gleich hellen Glühlampe entfernt. Die Empfindlichkeit des Auges gegen 
Wärme ist übrigens sehr verschieden. Der Vortragende untersuchte 

1 






2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

vor 25 Jahren 132 Schriftsetzer und erfuhr bei einer Abstimmung, 
dass nur 60 Oel oder Petroleum dem heissen Gase vorzogen. Dagegen 
sprachen sich von 72 Uhrmachern, die ihre Lupenarbeit in 25, selbst 
in 18 Centimeter Entfernung von der Flamme vornehmen müssen, 54 für 
Oel oder Petroleum aus. Gewiss kann man die Hitzewirkung ver- 
ringern, wenn man die Flammen höher über dem Kopfe anbringt; allein 
bekanntlich nimmt die Helligkeit nicht wie die Entfernung, sondern 
wie das Quadrat der Entfernung ab. Zweifellos verdient also das 
elektrische Licht wegen seiner Kühle den Vorzug. 2) Das Licht 
soll nicht zucken. Früher flatterte das Gas in offenen Flammen in 
allen Schulen; erst 1866 wurden in der Universität Cylinder und Schirme 
angeschafft; im Elisabet-Gymnasium und anderen Schulen waren noch 
vor acht Jahren viele offene Flammen vorhanden. Wenn eine Flamme 
zuckt, so wechselt ihre Intensität sehr schnell; unsere Netzhaut ist für 
diese Unterschiede höchst empfindlich, was jeder weiss, der an einem 
von der Sonne beleuchteten Staketenzaune vorüber gegangen. Die Arbeit 
ist bei zuckenden Flammen auf die Dauer unmöglich. Nur die Albo- 
carbon flamme zuckt nicht, da das Gas durch die Naphthalindämpfe 
an specifischem Gewicht zunimmt. Sie giebt ein sehr schönes Licht; 
allein erst nach einer Viertelstunde wird sie hell, auch muss sie oft 
regulirt werden, da sie sonst russt; daher ist sie leider für Hörsäle und 
Schulen nicht verwendbar. Das Zucken war vor zehn Jahren, als der 
Vortragende beim hygienischen Congress in Berlin das Referat über 
Beleuchtung vortrug, noch ein grosser Fehler der elektrischen Be- 
leuchtung. Allein die Fortschritte der Technik sind seitdem so gross, 
dass bei Glühlampen gar keine, bei Bogenlampen nur noch selten 
Zuckungen vorkommen. Bei Accumulatoren, denen doch die Zukunft 
gehört, werden sie gewiss ganz ausbleiben. 3) Das Lichtsoll nicht un- 
zureichend sein. Der Vortragende bespricht zunächst die verschiedenen 
Arbeiten, die von Tobias Mayer 1754, von Aubert 1860, von Alber- 
totti, von Sons, von Carp und von ihm selbst geliefert worden sind, 
um den Zusammenhang von Lichtintensität und Schärfe zu ergründen. 
Die Resultate differiren jedoch so sehr, dass von einem Gesetze noch 
keine Rede sein könne. Fest stehe nur, dass bei Abnahme der Be- 
leuchtung die Sehschärfe ebenfalls abnehme. Man muss sich der Arbeit 
um so mehr nähern, je geringer die Beleuchtung wird. Diese Annäherung 
ruft bei vielen Menschen, namentlich bei den Schulkindern, Kurzsichtig- 
keit hervor oder vermehrt den Grad derselben, wie aus den im Jahre 
1866 veröffentlichen Untersuchungen des Vortragenden hervorgeht, welche 
jetzt an 300 000 Kindern in der civilisirten Welt bestätigt worden sind. 
Verschiedene Theorien sind natürlich aufgestellt worden, um die Ursache 
der Verlängerung der Augenachse be^m Naheblick, welche eben die Kurz- 
sichtigkeit zur Folge hat, zu erklären; die Erblichkeit, die Accomodation, 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 



die Convergenz der Augen wurde beschuldigt. Eine der traurigsten, weil 
folgenschwersten Verirrungen aber war das vor 5 Jahren mit grosser 
Emphase verkündigte sog. „Naturgesetz" von Stilling, welches lautete: 
„Niedrige Augenhöhle ist die Bedingung für Kurzsichtigkeit, hohe 
Augenhöhle für Uebersichtigkeit." Die Myopie sei also nur eine Rassen- 
frage. Die vom Vortragenden begonnene Opposition gegen diese Hypothese 
wurde von vielen Autoren unterstützt und die gänzliche Haltlosigkeit der 
Stilling'schen Ansicht ist jetzt von Schmi dt - Rimpler, Kirchner, 
Seggel, Fizia und anderen erwiesen. Eben ist eine Arbeit von 
Rymsza in Dorpat erschienen, welche nachweist, dass die Esthen, 
welche besonders niedrige Augenhöhlen und sehr breite Gesichter haben, 
nicht allein nicht mehr, sondern sogar noch weniger Myopen zeigen, als 
andere Rassen. Die Stilling'sche Lehre hatte, wie Redner bemerkt, den 
Nachtheil, dass durch sie die hygienischen Verbesserungen der Unter- 
richtsräume unnöthig erschienen, da nicht die Naharbeit, sondern der 
Bau der Augenhöhle die Myopie verschulden sollte. Jetzt, wo Stilling's 
Theorie begraben ist, werde man daher doppelt eifrig für die hygienischen 
Vervollkommnungen der Schulen sorgen müssen. Während die Sehschärfe 
sinkt bei schlechter Beleuchtung, so wird sie nach den Untersuchungen, 
die der Vortragende im physikalischen Cabinet vorgenommen hat, erhöht, 
namentlich für Farben, durch elektrisches Licht. (Hiervon konnten sich 
die Anwesenden bei Betrachtung einer farbigen Kreidezeichnung bei 
Bogenlicht überzeugen.) Wir müssen für hygienische Zwecke das Licht 
rasch messen können. Der Vortragende zeigt das Lambert'sche und 
das Bunsen'sche Photometer vor, sowie das neue, sehr geistreich 
ersonnene Lummer-BrodhunTsche Prisma, das man scherzweise 
auch den „idealen Fettfleck" genannt hat. Letzteres ist jetzt in dem 
vortrefflichen Photometer von Leonhard Weber (früher Professor in 
Breslau, jetzt in Kiel) angebracht. Mit Weber's Instrument kann man 
in einer Secunde die Helligkeit eines Arbeitsplatzes bestimmen. 
Es ist das Verdienst Webers vor 8 Jahren bereits den Begriff der 
Meterkerze (MK) eingeführt zu haben. Unter einer Meterkerze ver- 
steht er die Helligkeit einer Fläche, welche einen Meter gegenüber von 
einer Normalkerze aufgestellt ist. Für die Hygieniker handelt es sich 
nicht darum, wie hell es oben in einer Flamme ist, sondern wie hell 
es auf dem Arbeitstische ist, und dies kann nun leicht in Meterkerzen 
angegeben werden. Die Frage jedoch, welches Minimum der Be- 
leuchtung des Arbeitsplatzes von der Augenhygiene noch gestattet werden 
kann, war schwer zu entscheiden. Der Vortragende machte zur Fest- 
stellung dieser Zahl Versuche über die Schnelligkeit, mit welcher 
bei verschiedenen Beleuchtungen die Petitschrift der Zeitungen in ein 
Meter Entfernung laut gelesen wird. Am Fenster bei 300 MK Tages- 
licht liest das gesunde Auge durchschnittlich 16 Zeilen, ebenso bei 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

50 MK künstlichen Lichts. Bei 2 MK werden nur sechs Zeilen, bei 
4 MK acht Zeilen, bei 8 MK zehn Zeilen, bei 10 MK zwölf Zeilen, 
also 3 / 4 so viel als bei gutem Tageslicht, gelesen. Gute Beleuchtung 
würde also bei 50 MK stattfinden, als Minimum schlug nun der Vor- 
tragende vor acht Jahren 10 MK vor, eine Zahl, die jetzt allgemein 
angenommen ist. Diese nöthigen 10 MK sind aber kaum unter einer 
Gasflamme zu finden, wohl aber unter Glocken und Schirmen, die freilich, 
wie der Vortragende in seiner Schrift „über den Beleuchtungswerth der 
Lampenglocken" gezeigt hat, nur die Plätze dicht unter der Flamme 
glänzend oder hinreichend beleuchten, die ferneren Plätze aber dunkel 
lassen. Wenigstens ergaben seine Messungen in den Universitäts-Hörsälen, 
dass viele Plätze nur 1 — 2 MK statt 10 MK zeigten, und dabei ist noch 
gar nicht der Schatten der schreibenden Hand und des Körpers mit in 
Rechnung gezogen. Aehnliche Verhältnisse fand neuerdings Renk in 
Halle. Wie es in dieser Beziehung mit der Gasbeleuchtung in den 
Schulen steht, weiss der Vortragende, wie er bemerkt, nicht. Es seien 
Schulärzte, welche photometriren könnten, nöthig, um die Curatoren 
zunächst von der Helligkeit auf den Tischen in den Abendschulen in 
Kenntniss zu setzen; da aber im Winter auch in den Morgenstunden 
Gas gebrannt wird, so seien die anderen Schulen ebenfalls auf diesen 
Punkt zu prüfen. Ein Schularzt ohne Photometer gleiche einem Arzt 
ohne Fieber-Thermometer. Die neueste Technik habe sich nun auch 
bemüht, durch geeignete Reflectoren eine bessere Lichtvertheilung 
auf den Tischen zu erzielen und zugleich die Blendung durch die 
Flammen abzuschneiden. 4) Das Licht soll nicht blenden! Bekanntlich 
wurden früher die Verbrecher durch Vorhalten eines glühenden Beckens 
geblendet. Directes Sonnenlicht in Thieraugen geleitet, ruft eine Ge- 
rinnung des Eiweisses in der Netzhaut und Zerstörung der Sehzellen 
hervor. Eben solche Zerstörungen wurden nach Beobachtungen von 
Sonnenfinsternissen bei vielen Personen beobachtet; auch der Blitz kann 
grauen Staar und Vertrocknung des Sehnervs hervorrufen. Bei Heizern, 
Glasbläsern, Schmieden, Eisengiessern, welche der Wirkung des blen- 
denden Lichtes viel ausgesetzt sind, wurde oft Entzündung und Ver- 
trocknung des Sehnerven beobachtet. Der Vortragende behandelte an 
letzterer einen Schlosser, der in einer Zuckerfabrik jahrelang allnächtlich 
ohne schwarzes Glas das elektrische Bogenlicht oft zu reguliren hatte. 
Nachtblindheit, Entzündung und Schwellung der Bindehaut, Lichtscheu, 
Lidkrampf und enge Pupillen wurden in anderen ähnlichen Fällen be- 
obachtet, ebenso wie nach Schneeblendung. Heut wird kaum Jemand 
Nachtheil vom Bogenlicht haben, da dasselbe automatisch regulirt wird. 
Verschiedene Personen sind freilich gegen elektrisches Licht verschieden 
empfindlich. So hört man häufig Klagen über Blendung durch die sehr 
niedrig vor den Schaufenstern hängenden Bogenlampen in Alabaster- 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 



glocken, während andere wieder die Bogenlampen auf dem Ringe für 
zu hoch und zu weit entfernt angebracht halten, da auf dem Bürgersteige 
der Hauptseiten des Ringes nicht genug Licht sei. Jedenfalls müssen 
die Flammen selbst dem Auge entzogen werden; allein alle Glocken 
nehmen 7 3 bis % ^es Lichtes. Man bemühte sich daher neuerdings, die 
Flammen zu verhüllen und doch mit möglichst wenig Lichtverlust das 
Licht besser zu vertheilen. Erismann in Moskau versuchte im Jahre 
1888, da er gefunden hatte, dass der Schatten des Kopfes des Schrei- 
benden fast die Hälfte, der Schatten der Hand fast 4 / 5 d es Lichtes raubt, 
undurchsichtige Schirme unterhalb der Lampen in einem Schul- 
zimmer anzubringen und das Licht nach der weissen Decke zu reflectiren, 
von wo es diffus herabkam. Allein dadurch wurde unten eine solche 
Finsterniss erzielt, dass die Tische nur noch 6 MK hatten. Renk 
versuchte im vorigen Jahre ebenfalls, unter die Regenerativbrenner 
trichterförmige Metallreflectoren mit einem Oeffnungswinkel von 120 Grad 
anzubringen, deren Licht nach der Decke ging. Dabei betrug der Licht- 
verlust auf den Tischen aber 60 pCt., die Helligkeitsunterschiede* an den 
verschiedenen Plätzen waren jedoch unbedeutend geworden. Ein Papier- 
schirm minderte den Lichtverlust auf 53 pCt., ein Schirm von über- 
fangenem Glase auf 35 pCt., Hess aber wieder bedeutende Differenzen 
auf den einzelnen Plätzen entstehen; auch traten wieder dunklere 
Schatten auf. Die neueste Errungenschaft sind die interessanten Reflec- 
toren des Ingenieurs Hrabowski in Berlin, welche demonstrirt werden. 
1) Der Oberlicht reflector. (Das Patent besitzen Siemens u. Halske. 
Preis 100 — 120 Mark.) Hrabowski studirte die eigenthümliche Ver- 
theilung des Lichtes von Bogenlampen; er fand die Menge Licht, die 
unter einem Winkel von mehr als 20 Grad über der Horizontalen nach 
oben geht, ganz unbedeutend, ebenso die, welche mehr als 70 Grad 
unter der Horizontalen ausgesendet wird, weil da die Kohlenschatten 
stören. Die Lichtmenge aber, welche von 25 bis 45 Grad ausgesendet 
wird, beträgt 42 pCt. Nun construirte Hrabowski den Reflector so, dass 
über eine sehr grosse, weiss gestrichene concave Decke, die fest mit 
der Bogenlampe verbunden ist, ein Drahtgestell gestülpt wird, welches 
mit weissem Stoff überzogen ist. An dieser Decke hängt ein verstell- 
barer prismatischer Glasring, der die Flamme umgiebt, und unter 
der Flamme hängt eine Blende aus Opalglas. Die Lichtstrahlen, die 
von oben bis 25° Neigung kommen, werden direct von dem conischen 
Reflector aufgefangen und nach unten geworfen, sie enthalten 40 pCt. 
des Lichts; diejenigen von 25 — 45° müssen den Glasring durchlaufen 
und werden von ihm auf den Mantel von weissem Stoff reflectirt und 
dann hinabgeworfen; die Strahlen von 45 — 70° treffen auf die Opal- 
glasblende, gehen zum Theil nach unten durch, zum Theil abermals 
nach dem Reflector und fallen dann auf den Boden. Im Glasring gehen 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

10 pCt. Licht verloren; trotzdem trifft noch fast 2 / 3 des Lichtes den 
Reflector. So entsteht im Hörsaale und auf den Tischen ein sehr gleich- 
massiges, diffuses Licht, die Flamme ist vollkommen verdeckt, die 
Schatten sind bedeutend heller. Einige Messungen, die der Vortragende 
vornahm, ergaben, dass in der Mitte unter dem Reflector bei 68 Volt 
und 15 Ampere: 65 MK anf dem Tische waren. Unter einer einfachen 
Bogenlampe ohne Reflector fand er nur 17 Kerzen. Im Schatten einer 
die Decke tragenden Säule waren ohne Reflector nur 1,5 MK, mit 
Reflector aber 2,8 MK. In einer Entfernung von etwa 5 Meter von der 
Lampe war die Beleuchtung trotz des Reflectors ebenso hell als ohne 
Reflector, so dass keine Verdunkelung durch den Apparat in der Ferne 
eintrat: also ein grosser Fortschritt gegenüber den Versuchen von 
Erismann und Renk. 2) Der Seitenlichtreflector. (Das Patent 
besitzt die Allgem. Elektricitätsgesellschaft, Preis 200 — 250 Mark.) Der 
Apparat besteht aus zwei schräg an der Wand und excentrisch zu 
einander angeordneten Reflectoren. Der Hauptreflector hat die Grösse 
eines Atelier-Fensters. Der kleinere, in dessen Mitte sich der Brenn- 
punkt befindet, besteht aus verschiedenem transparenten Material. Die 
Hälfte des Lichts geht nach einmaliger Reflection vom Hauptreflector 
auf die zu beleuchtenden Objecte, die andere Hälfte, welche auf den 
kleineren Reflector fällt, wird theils durchgelassen, theils wieder nach dem 
grossen zurückgeworfen. Durch Einlegung transparenter Glasscheiben kann 
die Helligkeit dieser Stellen beliebig verändert werden, so dass der Künstler 
oder Lehrer sich selbst die Schatten beliebig hart oder weich machen 
kann. Das Licht ist diffus und blendet nicht, es ist moderationsfähig 
und gleichmässiger vertheilt als das Tageslicht. Denn während es am 
Fenster 100 Mal heller ist als an einer 10 Meter gegenüber liegenden 
Wand, wurden hier bei diesem Reflector in 2 Meter Entfernung 11,6 MK, 
bei 10 Meter aber 1,3 MK, also nur 9 Mal weniger Licht gefunden. 
Der Apparat wird in Berlin im Kunstgewerbe-Museum, in der technischen 
Hochschule und in der Handwerkerschule bereits benützt und ist in der 
That für Zeichensäle sehr zu empfehlen, wohl auch für Bildergalerien. 
Dr. Heilborn in Berlin hat auch bei 12 Minuten Expositionszeit sehr 
gute Photographien mit diesem Reflector aufgenommen, welche vorge- 
legt werden. Der Oberlichtreflector ist gewiss für alle Hörsäle und für 
Concertsäle, in denen die Logenbesucher durch die Bogenlampen ge- 
blendet werden, zu empfehlen. Das elektrische Licht — so fasst 
der Vortragende seine Ausführungen schliesslich zusammen — ist jedem 
anderen vorzuziehen, weil es nicht erhitzt, kaum zuckt, nicht blendet, 
sehr hell ist und gleichmässig vertheilt werden kann. Möchten die 
Techniker nur Methoden finden, um es billiger zu liefern! 

Die Sitzung fand im Hörsäle des physikalischen Cabinets statt. 

Eine Discussion fand nicht statt. 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 



2. Sitzung am 24. Januar 1893. 
Tagesordnung: 

1) Herr Physikus Sanitäts-Rath Dr. Jacob i: „Ueber den Unter- 
leibstyphus in Breslau". (Der Vortrag soll an anderer Stelle in extenso 
veröffentlicht werden.) 

2) Herr Dr. Walter Kruse: 

Ueber den Nachweis der Typhus-Bacillen. 
Redner hält es für nöthig, auseinanderzusetzen, welchen Werth es 
für den praktischen Hygieniker haben muss, die Methoden zum Nachweis 
des Typhus-Bacillus zu kennen. Ueber die aetiologische Bedeutung des 
letzteren beim Typhus besteht heut kein Zweifel mehr; darum haben 
einfache chemische Untersuchungen z. B. eines verdächtigen Wassers 
keinen Sinn mehr; denn ein chemisch noch so sehr verunreinigtes 
Wasser erzeugt nie den Typhus, sondern nur dasjenige, das den speci- 
fischen Bacillus enthält. Diesen zu finden, vermag nur die bacteriologische 
Analyse. — Viele glauben zwar, die letztere sei eine leichte Sache, 
nach Ansicht des Redners dagegen gehört sie zu den schwersten Auf- 
gaben der Hygiene. Dieser Satz wird durch eine genaue Besprechung 
der einzelnen für die Diagnose des Typhus-Bacillus in Frage kommenden 
Bacterien bewiesen. Redner schlägt zum Schluss eine neue Methode 
zur Isolirung des Typhuserregers vor, die möglichst allen Schwierigkeiten 
der Aufgabe gerecht zu werden sucht. 

3. Sitzung am 24. Februar 1893. 

Tagesordnung: 

Herr Professor Dr. Flügge: 

Ueber die Wasserversorgung von Breslau. 

Die Frage, ob Grund- oder Flusswasser zur Wasserversorgung 
benutzt werden soll, ist zu verschiedenen Zeiten verschieden beantwortet. 
Früher bevorzugte man im Allgemeinen das Grundwasser wegen seines 
besseren Geschmacks, seiner gleichmässig kühlen Temperatur und seiner 
Klarheit. Dann aber wurde das Grundwasser in Misscredit gebracht. 
In England war man auf die Vermuthung gekommen, dass am Ursprung 
der Seuchen vor Allem Schmutz und Abfallstoffe des menschlichen 
Haushalts betheiligt seien, und man war daher bestrebt, Wasser, Luft 
und Boden von Schmutz möglichst zu befreien. Auch in dem städtischen 
Grundwasser fand man mit Hilfe von chemischen Reagentien allerlei 
Schmutzstoffe, und man erklärte es deshalb für infectionsverdächtig und 
ungeniessbar. Zwar konnte diese gefährliche Rolle der Schmutzstoffe 



8 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



durchaus nicht bewiesen werden, da man bezüglich des Infectionsvorgangs 
und der Infectionserreger noch ganz auf Hypothesen angewiesen war. 
Aber trotzdem glaubte man gern an die Gefährlichkeit eines im chemischen 
Sinne unreinen Wassers und versuchte höchstens noch das Grundwasser 
zu benutzen, das man in der unbewohnten Umgebung der Stadt geschöpft 
und von da in Leitungen eingeführt hatte. Da aber stellte sich in 
mehreren Städten eine neue Calamität heraus. Das Grundwasser enthielt 
zeitweise gelöstes Eisenoxydul, das durch reducirend wirkende Stoffe 
aus Eisenoxydverbindungen im Boden entstanden war. Das Wasser war 
dann unmittelbar nach der Entnahme klar, trübte sich aber bald durch 
Flocken von Eisenoxydhydrat und wurde dadurch unappetitlich und für 
verschiedene Zwecke unverwendbar. Diese Erfahrungen führten dazu, 
dass dem Grundwasser Flusswasser vorgezogen wurde, das bei einiger 
Auswahl der Entnahmestelle wenig gelöste Verunreinigungen und kein 
Eisen enthält, und das von den suspendirten Bestandteilen durch Fil- 
tration befreit werden kann. 

Nun ist aber seit etwa zwölf Jahren eine vollständige Umwälzung 
in unseren Anschauungen über die Aetiologie der Infectionskrankheiten 
vor sich gegangen. Die Auffindung und das directe Studium der 
Infectionserreger belehrte uns darüber, dass nicht Schmutz und Abfall- 
stoffe die Seuchen hervorrufen, sondern specifische Erreger, die mit den 
Fäulnisserregern nicht identisch sind, sondern sogar durch Fäulniss 
geschädigt und oft zu Grunde gerichtet werden. Jetzt musste man 
fragen, wie steht es mit der Verbreitung dieser specifischen Infections- 
erreger? Gelangen sie leichter in das Grundwasser oder in das Fluss- 
wasser? und welches von beiden Wässern ist von diesem vorzugsweise 
maassgebenden Gesichtspunkte aus das gefährlichere? Zahlreiche Ver- 
suche haben als Antwort hierauf ergeben, dass in das Grundwasser 
durch den Boden hindurch keine Krankheitserreger gelangen. Die Nieder- 
schläge bewegen sich durch den Boden enorm langsam hindurch; dabei 
werden alle Mikroorganismen sicher abfiltrirt, auch wenn der Boden mit 
enormen Mengen organischer Stoffe verunreinigt ist. Entnimmt man 
mittels besonderer Methoden Grundwasser aus ganz verunreinigtem 
Untergrunde, ohne dass bei der Entnahme ein Eindringen von Erd- 
partikelchen aus den oberflächlichen Bodenschichten stattfinden kann, so 
enthält das Grundwasser niemals Bacterien. Nur auf einem Wege 
können Krankheitserreger in Grundwasserbrunnen gelangen: durch Un- 
dichtigkeit der Brunnenanlage, welche es ermöglicht, dass Rinnsale von 
der Oberfläche oder vom Schlammfange aus direct in den Brunnenschacht 
gelangen. Ist ein Fall von infectiöser Krankheit in der Nähe eines 
solchen Brunnens, so können mit dem Spülwasser der Wäsche oder der 
Gefässe, die vom Kranken benutzt waren, Krankheitserreger in das 
Brunnenwasser gerathen. Chemische Verunreinigungen kommen auf 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 9 

diesem directen Wege in viel geringerer Menge ins Grundwasser als 
vom Boden aus* deshalb sagt auch die Menge der in einem Grundwasser 
gefundenen chemischen Verunreinigungen nichts aus über die Infections- 
gefahr. Das Grundwasser ist nach diesen Erfahrungen zur Wasserver- 
sorgung sehr empfehlenswerth. Wenn nur der Brunnen gut abgedichtet 
ist und keine oberflächlichen Einlaufe stattfinden können, so ist Infections- 
gefahr nicht vorhanden. Einen gewissen Grad von chemischer Ver- 
unreinigung kann man dann ruhig in Kauf nehmen. Freilich wird man 
darin nicht zu weit gehen. Man wird nie ein nahezu fauliges und 
unappetitliches Wasser empfehlen. Aber jedenfalls entspricht ein Grund- 
wasser aus der Peripherie der Stadt leicht diesen Anforderungen. Dazu 
kommen die sonstigen guten Qualitäten des Grundwassers; und selbst 
ein etwaiger Eisengehalt braucht uns jetzt nicht mehr zu schrecken, da 
Methoden gefunden sind, um das Eisen künstlich aus dem Wasser zu 
entfernen. Man lässt das Wasser zuerst einen sog. Lüfter passiren , in 
dem das Eisenoxydul in unlösliche Rostflocken verwandelt wird, und 
dann ein Filter aus grobem Kies, das die letzteren zurückhält. Dabei 
wird das Wasser im Uebrigen gar nicht verändert; auch die Aenderung 
der Temperatur beschränkt sich auf höchstens 1 bis 2 Grad. Fluss- 
wasser dagegen wird sehr leicht durch Infectionserreger verunreinigt, die 
theils von der Erdoberfläche abgeschwemmt werden, theils auf Schiffer 
und Flösser zurückzuführen sind, die auffallend häufig an Typhus und 
Cholera erkranken. Bisher hat man zwar geglaubt, dass die Filtration 
solche Keime sicher zurückhält. Die Erfahrungen mit den Typhus- 
Epidemien in Liegnitz, in Altona, in Berlin, ferner zahlreiche Versuche 
haben uns aber darüber belehrt, dass die Filtration durchaus keinen 
sichern Schutz gewährt. Wir müssen , um das nöthige Wasserquantum 
zu liefern, immer relativ schnell filtriren, und dann passiren stets ziemlich 
zahlreiche Keime das Filter, besonders wenn gereinigte Filter frisch 
angelassen werden, oder wenn Hochwasser auftritt. Das ist auch hier 
in Breslau nicht anders, obwohl der ganze Betrieb so gut wie nur 
möglich gehandhabt wird. Eine Aenderung des Filterbetriebes in der 
Art, dass einigermaassen Garantie gegen den Durchtritt von Keimen 
gegeben würde, müsste enorme Kosten durch Vergrösserung der Filter- 
flächen, Umbau der alten Filter etc. verursachen. Dazu kommen immer 
noch die übrigen Nachtheile des Flusswassers : seine schwankende Tem- 
peratur, namentlich die hohe Temperatur im Sommer, wo es der ärmeren 
Bevölkerung unmöglich ist, sich einen erfrischenden Trunk zu ver- 
schaffen; ferner die unappetitliche Trübung bei Hochwasser u. a. m. 

Daher müssen wir auch hier in Breslau, wie das jetzt in vielen 
Städten geschieht, die Möglichkeit in Erwägung ziehen, Grundwasser 
unserem Wasserhebewerk zuzuführen, statt des ungeeigneten und nament- 
lich zu Epidemiezeiten nie ganz unbedenklichen Oderwassers. Schon 



10 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

seit drei Jahren ist mit Rücksicht hierauf zunächst das Grundwasser in 
der Stadt Breslau selbst genauer untersucht worden. Dasselbe ist zwar 
da, wo es durch tadellose Brunnenanlagen geschöpft wird, so gut wie 
frei von Bacterien; aber oft ist es schlecht von Geschmack, unappetitlich 
und durch Eisen getrübt. Wir müssen daher jedenfalls vor die Stadt 
gehen, und da finden sich namentlich zwischen Oder und Ohle, bezw. 
am rechten Oderufer in der Nähe des Wasserwerks, grosse Grundwasser- 
massen, die vielleicht zur Wasserversorgung geeignet sind. Das soll 
durch Bohrversuche zunächst festgestellt werden. Der Ausfall derselben 
ist noch völlig zweifelhaft. Wenn sie aber gelingen, dann bekommen 
wir ein erfrischendes, wohlschmeckendes Wasser ohne jede Infections- 
gefähr für weit geringere Kosten, als wir sonst für die Filteranlagen 
noch aufwenden müssten. Und durch diese Perspective sind jene Vor- 
versuche jedenfalls gerechtfertigt. 

Es fand keine Discussion statt. 



4. Sitzung am 9. März 1893. 

Tagesordnung: 

1) Bei der Besprechung über die Veröffentlichung der Sitzungs- 
berichte in den Zeitungen wird beschlossen, dass der Schriftführer die 
Redactionen ersuchen solle, keine Berichte zu bringen, die ihm nicht 
vorher vorgelegt wurden. 

2) Vortrag des Herrn Geh. Rath, Professor Dr. Pol eck: 

TJeber Wasserversorgung von Breslau 
im Anschluss an den Vortrag des Herrn Professor Dr. Flügge. 

Professor Dr. Flügge hatte die Wasserversorgung von Breslau auf 
Grundlage der neuesten bacteriologischen Forschungen und mit specieller 
Berücksichtigung der vorjährigen Cholera- Epidemie zum Gegenstand 
eines überaus interessanten Vortrages gewählt. Er machte in demselben 
die Salubrität eines Trinkwassers einzig und allein abhängig von der 
An- oder Abwesenheit pathogener Bacillen, indem er mit scharfer Be- 
tonung es aussprach, dass der Gehalt von Schmutz- und AbfallstofTen in 
einem Wasser dasselbe nur dann vom Gebrauch als Trinkwasser aus- 
schliesse, wenn dasselbe in die Sinne fallende ekelerregende Eigen- 
schaften, schlechten Geschmack, fauligen Geruch, trübes Aussehen besitze. 
Die Fäulniss- und Verwesungsproducte der Organismen im Wasser seien 
in gesundheitlicher Beziehung von keiner Bedeutung und daher selbst 
der Untergrund grosser Städte, ihr Grundwasser zur Versorgung mit 
brauchbarem Trinkwasser geeignet, sofern dasselbe nur obigen Bedin- 
gungen entspräche. Daraufhin gründete Professor Flügge seine Vor- 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 11 

schlage, erneute Versuche mit der Benutzung des Grundwassers von 
Breslau und seiner unmittelbaren Umgebung zu machen, denn dieses 
Grundwasser sei frei von Bacillen, während das Wasser der Oder, wie 
das Verhalten der Elbe bei Hamburg gezeigt habe, pathogene Bacillen, 
Cholera- und Typhus -Bacillen enthalten und dann die gegenwärtige 
Wasserversorgung aus der Oder zu einer ernsten Gefahr für Breslau 
werden könne. Bei vollster Anerkennung der glänzenden Resultate der 
bacteriologischen Forschung der letzten Jahrzehnte und ihrer Verwerthung 
zum Schutz des Landes bei hereinbrechenden Epidemien, konnte der 
Vortragende, Professor Pol eck, doch nicht zugeben, dass sie allein 
ausreiche, um über die Brauchbarkeit eines Trinkwassers zu entscheiden, 
er war vielmehr der Ansicht, dass die von Professor Flügge vertretenen 
Sätze, den seit mehr als 2000 Jahren seit Erbauung des ersten Aquäducts 
im alten Rom durch Appius Claudius im 4. Jahrhundert v. Chr. geltenden 
Ansichten über ein gutes Trinkwasser geradezu widersprächen und daher 
nicht ohne Erwiderung bleiben dürften. Der Vortragende hielt es daher 
für geboten, der ausschliesslich bacteriologischen Auffassung gegenüber, 
diesen Gegenstand auch von der anderen Seite her zu beleuchten, indem 
er Folgendes ausführte: 

Das Wasser gehört als Trinkwasser zweifellos zu den notwen- 
digsten, unentbehrlichsten Lebensbedürfnissen. Der menschliche Körper 
besteht aus etwa 70 pCt. Wasser; ohne Schädigung seiner Gesundheit 
kann dies Verhältniss nicht geändert werden. Ein Erwachsener scheidet 
in 24 Stunden ungefähr 2,5 Liter Wasser durch seine Organe aus, dieser 
Verlust muss durch Einfuhr einer gleichen Menge gedeckt werden, und 
zwar, wie allseitig zugegeben werden dürfte, doch wohl durch Wasser 
von normaler Beschaffenheit. Die Frage, was normales Trinkwasser sei, 
ist zwar nicht so leicht zu beantworten, und doch hat der Mensch sie 
gewissermaassen instinctiv entschieden. Das beweisen die gewaltigen 
Monumentalbauten der Römerzeit, von den Aquäducten der Aqua Appia 
im 4. Jahrhundert und der vom Prätor Marcius im 2. Jahrhundert v. Chr. 
erbauten Aqua Marcia, deren erste Anlage 180 Millionen Sestertien, das 
sind ungefähr 40 Millionen Mark, gekostet haben soll, bis zu den 
14 Aquäducten der späteren Kaiserzeit, die das vorzügliche Quellwasser 
des Sabinergebirges Rom zuführten , das beweisen die zahlreichen unter 
römischer Herrschaft und später in Spanien, Gallien und Deutschland 
erbauten Aquäducte, die in gleicher Weise den Städten die Quellgebiete 
des Gebirges zugänglich machten. Hier auf den Bergen springt uns in 
der That das süsse Wasser in jugendlicher, ungetrübter Frische entgegen, 
es entspricht in allen seinen unmittelbar in die Sinne fallenden Eigen- 
schaften unseren Begriffen eines guten, normalen Trinkwassers; wir 
trinken es mit Behagen, es ist für uns der Maassstab zum Vergleich mit 
dem Wasser der Ebene, dem Brunnenwasser der grossen Städte. Diesem 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Behagen, womit wir es trinken, entspricht auch die chemische Zusammen- 
setzung, die allerdings nicht unabhängig von der geologischen Formation 
ist, in der es seinen Ursprung nimmt. 

Eine relativ geringe Menge von festen Bestandtheilen, unter diesen 
vorwiegend kohlensaurer Kalk neben noch kleineren Mengen von Alkali- 
chloriden und schwefelsauren Salzen charakterisiren es und bedingen 
neben einem Gehalt an freier Kohlensäure seine Qualität als Trink- 
wasser, denn destillirtes Wasser ist kein normales Trinkwasser. Vor 
Allem aber fehlen in ihm organische Fäulniss- und Verwesungsproducte. 
Diesen Maassstab für ein normales Trinkwasser hat man überall angelegt, 
wo es sich um die Wasserversorgung grosser Städte handelte, wie dies 
die Beschlüsse der betreffenden Commission in Wien, der Congress in 
Brüssel etc. beweisen, und wenn sich diese nicht, wie in Wien, durch 
Quellwasser ermöglichen Hess, so hat man zum Wasser der benachbarten 
Flüsse oder zu Tiefbrunnen in ihrer unmittelbaren Nähe seine Zuflucht 
genommen. 

Als vor ungefähr 20 Jahren die wichtigen Fragen der Beseitigung 
der Abfallstoffe gleichzeitig mit der Wasserversorgung an die Stadt 
Breslau herantraten, wurden die Vorarbeiten und definitiven Beschlüsse 
auf denselben Grundlagen gewonnen. Eine besondere Commission und 
in ihr eine hygienische Subcommission, der die naturwissenschaftlichen 
Professoren der Universität angehörten, leiteten diese Arbeiten, Dr. 
Hulwa führte die chemischen Untersuchungen aus. Breslau trat muthig 
an das grossartige Experiment seiner Kanalisation und die Anlage der 
Rieselfelder heran und hat jetzt wohl Ursache, sich über das Gelingen 
zu freuen. Gleichzeitig ergab die auf Veranlassung des Magistrats und 
des Polizei -Präsidiums veranlasste Untersuchung der Brunnen in der 
Stadt, dass diese mit wenigen Ausnahmen kein normales Trinkwasser 
lieferten. Von 150 untersuchten Brunnen lieferten nur 15 ein annähernd 
brauchbares und nur 3 ein tadelloses Wasser. Die Versuche, solches 
durch artesische Brunnen zu gewinnen, waren schon früher erfolglos 
geblieben, ausgiebige Quellen in der Nähe waren nicht vorhanden, das 
Gebirge zu entlegen, und wenn diese Entfernung auch nicht abgeschreckt 
hätte, so waren damit die Schwierigkeiten der Erlangung genügender 
Wassermengen doch nicht beseitigt. Man entschloss sich daher, das 
nothwendige Wasser der Oder zu entnehmen und durch Filtration zu 
reinigen. Die chemische und mikroskopische Untersuchung des Oder- 
wassers oberhalb der Stadt lehrte, dass es sich vorzüglich für diesen 
Zweck eigne, da seine Zusammensetzung sich innerhalb der üblichen 
Grenzwerthe bewegte und nur minimale Mengen organischer Zersetzungs- 
producte sich vorfanden. Diese treffliche Beschaffenheit das Oderwassers 
erklärt sich daraus, dass die Oder selbst und ihre bedeutendsten Neben- 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 13 

flüsse, die Oppa und Neisse, ihren Ursprung aus krystallinischen Gebirgs- 
formationen ableiten, so dass, wenn nicht seitliche Zuflüsse aus den an 
ihnen liegenden Ortschaften hinzuträten, die Oder gewissermaassen als 
ein Aquäduct normalen Gebirgswassers angesehen werden könnte. Diese 
heterogenen Zuflüsse sind aber nicht von grosser Bedeutung, da keine 
volkreichen Städte oberhalb Breslaus liegen und ihre Kanalwässer der 
Oder zuführen, andererseits die hineingelangenden organischen Stoffe 
durch die sogenannte Selbstreinigung der Flüsse zum grössten Theil 
wieder verschwinden. 

Auch dafür wurde hier in Breslau der experimentelle Beweis er- 
bracht. Als im Jahre 1877 durch ministerielle Verfügung, und zwar 
auf Grund eines Gutachtens der wissenschaftlichen Deputation des 
Medicinalwesens den Städten Frankfurt a. M., Köln, Elbing, Posen, 
Stettin die Einführung des Kanalwassers in die betreffenden Ströme 
untersagt wurde, war es von Bedeutung, den Einfluss der Schwemm- 
kanalisation auf die Beschaffenheit der Oder kennen zu lernen. Bei 
dieser durch Dr. Hulwa wiederholt ausgeführten Untersuchung stellte 
es sich heraus, wie der Vortragende an einer graphischen Darstellung 
dieser Verhältnisse zeigte, dass das Wasser der Oder unterhalb der 
Stadt schon bei Masselwitz nahezu dieselbe Beschaffenheit besass, wie 
das oberhalb der Stadt vor dem Wasserwerk geschöpfte Wasser. Es 
wurden hier durch die chemische Analyse und namentlich durch die 
Bestimmung der organischen Substanzen dieselben Resultate erzielt, wie 
zu derselben Zeit in Paris an der Seine, wo der Sauerstoff der Luft 
des Wassers vor Einfluss der Kanäle bestimmt wurde, derselbe sich 
beträchtlich verminderte nach Einfluss derselben und in nicht grosser 
Entfernung unterhalb Paris wieder die normale Grösse von 32 pCt. in 
der Luft des Wassers erreicht hatte. Damit war die Theilnahme des 
atmosphärischen Sauerstoffes an der Oxydation der organischen Stoffe 
ausser Zweifel gestellt. Dieselben auch für das Wasser der Oder 
beabsichtigten Analysen unterblieben aus Mangel an Zeit. 

Auf Grund dieser umfangreichen, vorbereitenden Erwägungen und 
Untersuchungen war die Wasserversorgung der Stadt Breslau durch 
filtrirtes Oderwasser beschlossen und ausgeführt worden. Die chemische 
Beschaffenheit des Oderwassers oberhalb Breslaus Hess nur wenig oder 
nichts, der Untergrund der Stadt und die von ihm gespeisten Brunnen 
dagegen Alles zu wünschen übrig. Hierin liegt der Cardinalpunkt für 
die Differenz der Ansichten der Vertreter der ausschliesslich bacteriolo- 
gischen Ansichten und jener des Vortragenden. Die ersteren halten die 
organischen Fäulniss- und Verwesungsproducte im Wasser nicht für 
gesundheitsschädlich und daher ein damit inficirtes Wasser für brauchbar, 
während der Vortragende sich auf den hygienischen Standpunkt des 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Gesetzes vom 14. Mai 1879 stellte, nach welchem nur Nahrungsmittel 
von normaler Beschaffenheit in die Hände des Publikums gelangen sollen. 
Zweifellos gehört das Wasser in dieselbe Kategorie. Wir dürfen daher 
ein Wasser, in welchem sich noch Fäulnissprocesse vollziehen, nicht in 
Gebrauch ziehen. Die darin enthaltenen kleinen Mengen von Ammoniak, 
Albuminoid - Ammon , salpetriger Säure sind als solche gewiss nicht 
schädlich, sie sind aber die Indicatoren, dass sich in dem Wasser noch 
anomale Processe abspielen. Genau dasselbe ist es, wenn wir die Luft 
von Schul- oder Hospitalräumen mit i / lQ pCt. Kohlensäuregehalt für 
anormal und gesundheitsschädlich erklären, obwohl diese geringe Menge 
Kohlensäure von gar keinem Einfluss auf die Gesundheit ist, sie verräth 
uns aber, dass sich in dieser Luft gleichzeitig gesundheitsschädliche 
Substanzen befinden, deren Natur uns vorläufig noch ebenso unbekannt 
ist, wie die Wirkung des fortdauernden Gebrauchs eines durch Schmutz, 
faulende organische Substanzen verunreinigten Wassers. Sollte es denn 
so ganz gleichgültig sein, ob bei der beständigen Benutzung eines so 
verunreinigten oder bei jener eines normalen Wassers Cholera -Bacillen 
in den Organismus gelangen? In der am 15. Februar 1893 dem Reichstag 
und dem Abgeordnetenhause vorgelegten Denkschrift über die im vorigen 
Jahre gegen die Cholera getroffenen Maassregeln heisst es wörtlich : Mit 
fast völliger Sicherheit ist es anzunehmen, dass lediglich wegen der 
besseren Art der Wasserversorgung der Stadt Altona hier die Cholera 
eine verhältnissmässig geringe Anzahl von Opfern etc. gefordert hat. 
Wir können daher wohl auch bei unserer guten Wasserversorgung einer 
kommenden Epidemie mit grösserer Ruhe entgegensehen. Sollte es 
nach den Vorschlägen des Herrn Professors Flügge gelingen, auf dem 
Terrain zwischen Oder und Ohle oberhalb Breslaus durch Brunnen ein 
normales Trinkwasser in genügender Menge zu gewinnen, so würde ja 
dessen Benutzung durch unser Wasserwerk nichts entgegenstehen, und 
würden wir dies mit Freude begrüssen können. Auf die Gefahr hin, 
dass Cholera -Bacillen in die Oder gelangen könnten, ein gutes Trink- 
wasser aufgeben und ein weniger gutes dafür einzutauschen, könnte 
doch nur dann nothwendig werden, wenn diese Bacillen sich dauernd in 
unseren Flüssen ansiedeln sollten, was doch wohl nicht zu erwarten ist« 
Vertrauen wir daher den energischen Maassregeln, mit denen unsere 
Regierung im vorigen Jahre der Weiterverbreitung der Cholera so 
glücklich entgegengetreten ist, beherzigen wir aber auch das Wort, das 
uns, als vor Jahren Cholera und Pest Europa bedrohten, hier in diesem 
Raum von maassgebender Seite (Biermer) zugerufen wurde: „Haltet 
euren Magen in Ordnung, ein gesunder Magen wird mit den Bacterien 
fertig." Man kann hinzufügen : sorgt für die Reinheit des Trinkwassers 
und des Bodens eurer Stadt und ihr könnt ohne Furcht einer heran- 
nahenden Epidemie ins Auge schauen! 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 15 



Dem Vortrage des Herrn Geh. Rath Po leck folgte eine lebhafte 
Debatte, welche von Professor Dr. Flügge eröffnet wurde. Er könne 
sich, so äusserte sich dieser, mit den interessanten Ausführungen des 
Professors Pol eck nicht in allen Punkten einverstanden erklären. Er 
möchte zunächst hervorheben, dass die alten Römer nicht aus hygienischen 
Motiven ihre grossen Wasserleitungen angelegt haben. Ob das Quell- 
wasser derselben nicht auch organische Substanzen enthalten hat, wissen 
wir nicht. Ihr Leitmotiv war nur der erfrischende Geschmack; sie 
trieben einen Luxus damit. Wenn wir soviel Mittel hätten, wie die 
alten Römer hatten, könnten wir das auch thun ; aber wir müssen spar- 
sam sein. Wir müssen in Städten gewisse Abnormitäten immer in Kauf 
nehmen. In unseren Wohnungen haben wir auch keine normale Luft 
und kein normales Licht. Wenn wir gegen Abnormitäten vorgehen 
wollen, so müssen wir uns zunächst gegen die erwiesenen Schädlichkeiten 
wenden. Wir fragen also: Sind die chemischen Verunreinigungen im 
Trinkwasser nachweislich schädlich? Wenn das ist, würde ich natürlich 
dagegen Front machen. Professor Pol eck meinte, es könne erstens 
eine directe Schädlichkeit vorhanden sein in den organischen Stoffen des 
Wassers, die möglicherweise giftige Amine enthalten. Allein in 1 Liter 
Wasser sind nur 100 — 200 Milligramm organische Substanzen, und man 
muss schon Kilogramme faulender Substanz in Untersuchung nehmen, 
um die Amine überhaupt zu finden. Ferner sind Versuche darüber 
angestellt worden von Emmerich und von Fodor. Sie haben Wasser 
mit vielen organischen Stoffen Menschen und Thieren in grossen Dosen 
ohne jeden deutlichen Effect einverleibt. Jetzt kann man diese Versuche 
noch vollkommener machen; man eliminirt die Bacillen und nimmt allein 
die organischen Stoffe. Ich habe früher solche Versuche begonnen; jetzt 
setzt sie Dr. Kruse fort Wir filtriren die schlechtesten Wässer durch 
Chamberland - Filter und halten dadurch die Bacterien zurück ; die 
organischen Stoffe aber gehen sämmtlich durch; nun wird im Vacuum 
bei 30 ° eingedampft und dann, wenn ein Liter auf 20 Kubikcentimeter 
concentrirt ist, wird diese Flüssigkeit Thieren, z. B. Meerschweinchen, 
in die Bauchhöhle gespritzt; das ist ^ als ob auf einen Menschen 200 Liter 
Wasser auf einmal einwirkten. Und doch ist niemals eine Spur von 
Krankheit durch solche Injectionen entstanden. Es ist also bisher keine 
toxische Substanz im Wasser gefunden und die directe Schädlichkeit der 
chemischen Verunreinigungen ist absolut unerwiesen. Zweitens meinte 
Professor Pol eck, dass die chemischen Verunreinigungen im Wasser 
die pathogenen Bacterien zum Wachsthum veranlassen könnten. Aber 
auch diese Versuche sind negativ ausgefallen. Vermeidet man es, beim 
Experiment selbst aus der Cultur kleine Mengen guten Nährsubstrats in 
das Wasser zu bringen, so findet keine Vermehrung pathogener Bacterien 
statt, selbst wenn das Wasser reich an organischen Stoffen ist. Wenn 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

sich die Bacterien längere Zeit im Wasser halten und vermehren, so 
findet das stets an schwimmenden Partikelchen, die an der Oberfläche 
haften, statt; aber gelöste chemische Verunreinigungen haben keine 
Bedeutung. Drittens war Herr Professor Po leck der Ansicht, dass die 
organischen Stoffe symptomatische Bedeutung für Infectionsgefahr haben. 
Solche Indicatoren verwenden wir allerdings zuweilen in der Hygiene; 
wir dürfen das aber nur, wenn sie richtig anzeigen. Und das thun die 
chemischen Verunreinigungen des Wassers in Bezug auf die Infections- 
erreger nicht, weil beide für gewöhnlich auf verschiedenen, mit einander 
gar nicht harmonirenden Wegen ins Wasser gelangen. Die chemischen 
Verunreinigungen gehen durch den Boden, die Infectionsstoffe aber durch 
Defecte in der Brunnenanlage. Beide Wege können einmal harmoniren, 
da wo ein schmutziges Quartier ist, wo sowohl der Boden verschmutzt, 
als auch die Brunnenanlage defect ist. Dann sind die chemischen Ver- 
unreinigungen ein Indicator der Infectionsgefahr; aber sie hören auf, 
richtig anzuzeigen, sobald die Brunnenanlage gut ist. Wenn wir in 
solchen verunreinigten Untergrund Abyssinier- Brunnen treiben, haben 
wir dasselbe chemische Wasser, aber keine Infectionsgefahr; das ver- 
unreinigte Wasser kann dann ohne Gefahr genossen werden. Anderer- 
seits aber sehen wir wieder, dass die chemischen Verunreinigungen sehr 
gering sein können und trotzdem Infectionen stattfinden. Der Untergrund 
und das Grundwasser z. B. in der Peripherie der kanalisirten Städte sind 
meist sehr rein, aber die Brunnen sind oft schlecht angelegt und defect, 
und wir sehen dann Typhus-Epidemien dadurch entstehen, dass Typhus- 
erreger mit oberflächlichen Zuflüssen in die schlecht schliessenden Brunnen 
gelangen. Wir haben also keine Thatsache, welche für eine Schädlich- 
keit der chemischen Verunreinigungen spricht. Das Wesentliche und 
Ausschlaggebende für die Beurtheilung eines Trinkwassers ist daher: 
Sind Infections-Erreger da oder nicht? Daraufhaben wir in erster Linie 
zu prüfen. Und in dieser Beziehung ist das Oderwasser nicht einwand- 
frei. Wenn die Oder sich selbst reinigt, so betrifft das nicht die Bacillen, 
sondern wesentlich die chemischen Theile; und eine Beschaffenheit wie 
ein „normales Quellwasser" bekommt sie auch in dieser Beziehung nicht 
wieder. Ganz zweifellos aber bekommen wir, wenn Schiffer in der 
Nähe des Wasserwerkes liegen und Cholera- oder Typhus -Dejectionen 
in die Oder bringen, Cholera- oder Typhuserreger in das Wasser hinein. 
Wie gefährlich gerade die oberflächlichen Wasserläufe sind, das ist 
neuerdings wiederholt nachgewiesen. Im Eibwasser, im Saalewasser bei 
Nietleben, bei Trotha, im Duisburger Hafen im Rhein sind die Komma- 
bacillen aufgefunden worden. Der Nachweis derselben wird jetzt in 
ganz anderer Weise geführt als früher. Man nahm früher nur Tropfen; 
jetzt wird ein ganzer Liter Wasser untersucht und daraus die einzelnen 
etwa vorhandenen Bacillen gezüchtet. Wo Verdacht vorlag, hat man in 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 17 

letzter Zeit auch die Bacillen im Wasser gefunden-, die chemische 
Beschaffenheit desselben war ganz gleichgültig dabei. Was endlich die 
von Geh. Rath Poleck hervorgehobenen Verhältnisse in Altona betrifft, 
so hat diese Stadt trotz der Filtration schwere Typhus-Epidemien durch- 
gemacht, die auf das dortige Wasser zurückzuführen sind. Auch die 
Cholerafälle, die jetzt im Winter nach Ablauf der Hamburger Epidemie 
in Altona vorkamen, sind wahrscheinlich auf das filtrirte Wasser zurück- 
zuführen. Es kommen eben überall Perioden vor, in denen der Filter- 
betrieb Störungen erleidet; und dann können auch Krankheitserreger 
die Filter passiren. Dieses Bedenken ist so wichtig, dass wir versuchen 
müssen, unsere Wasserversorgung zu verbessern. Während des Sommers 
wurde hier überall das Wasser abgekocht und durch Hausfilter filtrirt; 
das sind doch ganz abnorme Zustände. Wir wollen ein Wasser haben, 
das auch in Epidemiezeiten mit vollem Vertrauen getrunken werden 
kann, und das können wir erreichen, indem wir entweder viel langsamer 
filtriren oder aber — und das wäre vermuthlich das billigere — indem 
wir Grundwasser einführen, das dann auch viel erfrischender schmeckt, 
günstige Temperaturverhältnisse hat, nicht zeitweise Trübungen aufweist 
und dergl. mehr. 

Hierauf sprach Professor Dr. Rosenbach Folgendes: Auch ich bin 
der Ansicht, dass chemisch nachweisbare Substanzen im Wasser die 
Ursache plötzlicher Krankheitserscheinungen oder allmählicher Ernährungs- 
störungen im menschlichen Körper bilden können. Der Umstand, dass 
es bis jetzt nicht gelungen ist, durch die aus dem Wasser gewonnenen 
organischen Rückstände beiThieren experimentell Vergiftungserscheinungen 
hervorzurufen, ist nur ein Beweis für die Unsicherheit des pathologischen 
Experiments, und ich gebe zu bedenken, dass, wenn man daraus die 
absolute Ungiftigkeit des Wassers folgern wollte, man auch auf bac- 
terioWischer Seite die Unschädlichkeit des Kommabacillus zugeben 
müsste, weil die experimentelle Aufnahme desselben bis jetzt sogar beim 
Menschen nicht das Bild der Cholera hervorgebracht hat. Auf keinem 
Gebiet sind die Forderungen für die Praxis so abhängig von der herr- 
schenden Theorie, wie auf dem der Beschaffung eines normalen Trink- 
wassers, und deshalb lassen sich auch nirgends die Forderungen der 
Theoretiker und die Einwände gegen sie so scharf zusammenfassen, als 
wenn man sich bei der Besprechung der Trinkwasserfrage auf den streng 
bacteriologischen Standpunkt stellt. Wer pathogene Bacterien als 
Ursache gewisser Krankheiten ansieht, der muss eben absolute Keim- 
freiheit des Wassers fordern , und es können keine Anstrengungen zu 
gross sein, um diese Forderung durchzuführen. Der Vertreter dieser 
Theorie muss aber dann auch beweisen, 1) dass die von ihm angeschul- 
digten kleinsten Lebewesen auch wirklich die alleinige Ursache der 
Erkrankung sind und dass sie hauptsächlich durch das Trinkwasser 






18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

aufgenommen werden, 2) dass durch Brunnen, die nur das Grundwasser 
benützen, auch wirklich alle solche Verunreinigungen mit Sicherheit 
ausgeschlossen werden und 3) dass nicht durch die Erfüllung der For- 
derung der absoluten Keimfreiheit wieder Schädlichkeiten erwachsen, 
die die Vortheile des Ausschlusses pathogener Organismen reichlich 
aufwiegen. Ich will hier auf den ersten Punkt nicht eingehen, da wir 
ihn ja in einer Sitzung des vorigen Sommers reichlich erörtert haben, 
und möchte hier nur hervorheben, dass ich, obwohl ich nicht leugne, 
dass es Krankheiten giebt, die durch kleinste Lebewesen verursacht 
werden, mich gerade bezüglich der beiden Krankheiten, die man vor- 
zugsweise auf den Genuss schädlichen Trinkwassers zurückführt, nämlich 
des Typhus und der Cholera, zu der Ansicht bekenne, dass hier die 
sogenannten specifischen Bacillen keine oder nur eine recht nebensäch- 
liche Rolle spielen. Ich leugne weder, dass durch Trinkwasser ab und 
zu typhusähnliche Erkrankungen hervorgerufen werden, noch bestreite 
ich, dass schlechtes Trinkwasser in Zeiten, die der Entwickelung der 
Cholera günstig sind, eine Schädigung der Darmthätigkeit bewirken 
kann, aber auf Grundlage meiner Erfahrung bestreite ich*, dass in der 
überwiegenden Mehrzahl der Fälle das Trinkwasser die wirkliche Ursache 
des Typhus und der Cholera, ihrer Endemien und Epidemien, ist. Der 
Umstand, dass man das Wasser stets als solche Ursache anschuldigt und 
die Abnahme der Erkrankungen nach der gewöhnlich erst auf der Höhe 
der Epidemie erfolgten Schliessung eines Brunnens auf diese sanitäts- 
polizeiliche Maassnahme zurückführt, kann für mich und viele Andere 
nicht die Stelle eines wissenschaftlichen Beweises für den ätiologischen 
Zusammenhang vertreten. Nun muss man weiter fragen: Garantiren 
denn Brunnen, auch neuester Construction, wirklich die Unmöglichkeit 
einer Verunreinigung und ist die absolute Sicherheit gegeben, dass das 
Grundwasser stets ein in jeder Beziehung besseres Wasser liefert, als 
unsere treffliche Wasserleitung, die selbst im heissen Sommer dieses 
Jahres nicht versagt hat? Ich glaube, dass diese Frage nicht ohne 
Weiteres bejaht werden kann; denn Brunnen können an ihrer Ausfluss- 
öffnung verunreinigt werden und dem Grundwasser können unter beson- 
deren Umständen ebenfalls Verunreinigungen zuströmen, die dann in den 
Brunnen übergehen; auch ist, wenn ein Brunnen verunreinigt ist, die 
Gefahr für den Consumenten grösser, als wenn eine Verunreinigung in 
den viel mächtigeren Strom des Flusswassers gelangt, dessen Filter ja 
noch ausserdem einen gewissen Schutz gewähren. Auch wenn man auf 
dem Standpunkte steht, dass die Infection durch Trinkwasser, sei es 
nun einem Brunnen oder einer Wasserleitung entnommen, eine wesent- 
liche Rolle spielt, auch wenn man, wie ich, überhaupt kein Gegner des 
Brunnenwassers ist, so fragt es sich doch, ob man, einer Theorie zu 
Liebe, ohne Rücksicht auf die grossen Kosten, jetzt wieder eine neue 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 19 

Wasserversorgung anrathen und möglicherweise zugleich in der Bevöl- 
kerung Zweifel an der Güte unserer Wasserversorgung erwecken soll. 
Auch hat ja gerade das Schlagwort von der Brunnenvergiftung in erregten 
Zeiten immer einen grossen Einfluss geübt. Endlich möchte ich drittens 
gegenüber der herrschenden Strömung, Alles keimfrei zu gestalten, noch 
dem ärztlichen Bedenken Ausdruck geben, ob denn die Erzielung keim- 
freier Nahrungsmittel nicht auch einige Nachtheile im Gefolge hat, da 
sie einen völligen Verzicht auf die nützliche Thätigkeit der Microbien 
bedingt. Und eine solche giebt es ja unzweifelhaft; denn wir kennen 
die grosse Rolle der Arbeitstheilung in der Natur und wissen jetzt, dass 
die sogenannte Symbiose, der Zustand, in dem zwei Formen von Lebe- 
wesen für ihre Existenz auf einander angewiesen sind , überall eine 
grosse Rolle spielt. So kann kaum ein Zweifel sein, dass die normale 
Verdauungsthätigkeit im Darmkanal in weitem Umfange von einer Sym- 
biose abhängt, indem die mit der Luft und der Nahrung aufgenommenen 
kleinsten Lebewesen die Spaltung der Nahrungsmittel im Darmkanal 
einleiten und unterhalten und somit die eigentliche Arbeit der Gewebe 
des Körpers wesentlich erleichtern. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass 
der Organismus, namentlich zu Zeiten angestrengter Thätigkeit, der 
Beihilfe dieser Bacterien nicht entbehren kann und Störungen zeigen 
muss, sobald ihm diese Mitarbeiter durch die Methode der Sterilisirung 
völlig entzogen werden. Mag also auch gewissen Individuen der Genuss 
sterilisirter Nahrung nützen, so schadet er ebenso sicher anderen, und 
der Arzt muss auch hier streng individualisiren. Ich möchte deshalb 
nicht verfehlen, hier hervorzuheben, dass eine Reihe von Beobachtungen 
von mir und Anderen dafür zu sprechen scheint, dass z. B. die sterilisirte 
Milch, deren Nutzen ich nicht verkenne, bei manchen Kindern Ver- 
dauungsstörungen bewirkt, die entweder von einer besonderen Veränderung 
der Eiweisskörper beim Sterilisiren oder, was wahrscheinlicher ist, von 
der Abtödtung sämmtlicher, auch der nützlichen, Mikroorganismen der 
Milch abhängen; auch möchte ich darauf hinweisen, dass der Genuss 
abgekochten Wassers, selbst wenn es genügend gekühlt ist, nicht immer 
wohlthätige Folgen für die Verdauung hat, namentlich wenn es sich um 
die Aufnahme von grösseren Mengen im heissen Sommer und bei Individuen 
mit schwächeren Verdauungsorganen handelt. Alle solche Erwägungen 
verdienen Beachtung, bevor man sich in einseitiger Verfolgung bac- 
teriologischer Forderungen für eine kostspielige Umänderung der Trink- 
wasserversorgung entscheidet; sie scheinen mir besonders wichtig, weil 
die ohnehin ängstliche Bevölkerung durch den Hinweis auf die, durchaus 
nicht zu beweisende, Mangelhaftigkeit und Gefährlichkeit unserer bis- 
herigen Wasserversorgung besonders erschreckt wird. 

Professor Po leck erwiderte auf die Ausführungen des Professors 
Flügge etwa Folgendes: In Bezug auf Gesundheitsschädlichkeit kann ich in 

2* 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

keinen Kampf eintreten. Allein ich erinnere daran, dass es acute und 
chronische Vergiftungen giebt, so bei Blei- und Nicotinvergiftungen. Da 
scheint es doch nicht ganz gleichbedeutend , ob ein stark verunreinigtes 
Wasser in der kurzen Zeit eine schlechte Wirkung ausübt, oder ob ein 
solches Wasser lange Zeit von der ganzen Stadt getrunken wird. Ferner 
bemerke ich: Wir sprechen vom Luftkubus in Krankenhäusern und 
Schulräumen. Wir bestimmen die Schädlichkeit nach der Kohlensäure- 
menge. Wenn diese 1 / 10 pro Mille übersteigt, so entspricht die Luft 
nicht mehr den Anforderungen. Hier ist auch die Kohlensäure der 
Indicator. Wir vermuthen, dass, wenn diese Menge überstiegen ist, 
andere schädliche Stoffe der Luft beigemengt sind. Dann muss ich mich 
auch auf meinen Standpunkt betreffs des Nahrungsmittelgesetzes zurück- 
ziehen, welches verlangt, dass der Mensch nur normale Genussmittel 
bekommt, ferner auch aus ästhetischen Gründen. Denn wenn die Unter- 
suchung gezeigt hat, dass da Verwesung und Fäulniss, Dejectionen von 
Gesunden und Kranken ins Wasser gelangt sind, so ist schon der 
Gedanke dem Genüsse widerstrebend. Das Maass eines normalen Wassers 
ist das Verhalten unserer Gebirgsquellen. Dass wir dies nicht immer 
erreichen können, ist bedauerlich; aber wir haben in der That in der 
Oder ein gutes Quellwasser, und es fragt sich, ob die Gefahr eine so 
grosse ist, wenn einmal ein Cholerastuhl in die Oder kommt. 

Professor Flügge: Ich will ja gar nicht ein unreines Wasser in 
die Stadt einführen, auch nicht ein chemisch unreines; ich will ein ganz 
reines und appetitliches einführen, das aber nebenbei auch keine Infec- 
tionserreger hat. Das Grundwasser zwischen Ohle und Oder habe ich 
untersucht; es enthält Procent Ammoniak, Procent salpetrige Säure 
und nur Spuren von Salpetersäure. Dieses chemisch vorzügliche Wasser 
möchte ich seiner sonstigen guten Qualitäten wegen in die Stadt ein- 
führen an Stelle des Oderwassers, das doch namentlich zu Hochwasser- 
zeiten von einem Quellwasser sehr weit entfernt ist. Für ganz gleich- 
gültig halte ich das chemische Verhalten gar nicht. Der Gehalt an 
organischen Stoffen darf nicht so steigen, dass das Wasser der Fäulniss 
nahe steht oder unappetitlich ist. Aber früher wurde das Hauptgewicht 
auf die chemische Beschaffenheit gelegt, heute kommt es in erster Linie 
an auf eine sachverständige Inspection der Brunnenanlage; dann auf den 
Gehalt an Bacterien und sonstigen Organismen; drittens auf die chemischen 
Bestandteile. In Bezug auf letztere braucht man nicht mehr so rigoros 
zu sein wie früher; aber ein stark mit gelösten Verunreinigungen durch- 
setztes Wasser, das jeden Augenblick völlig unappetitlich werden kann, 
wird nie zu empfehlen sein. Auch die weitaus meisten der städtischen 
Brunnen sind viel zu unrein. Betreffs der chronischen Vergiftungen 
bemerke ich, dass wir bei unseren Experimenten allerdings nicht auf 
jahrelange Wirkungen warten können. Dafür steigern wir aber die 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 21 

Dosen, wir eoncentriren das Wasser so, dass wir 100 Liter und mehr 
zugleich zur Einwirkung bringen, und dann müssen wir acute Wirkungen 
bekommen, wenn überhaupt Gifte da sind. Bis jetzt sind aber selbst 
mit so concentrirten Wässern noch keine Vergiftungs- Erscheinungen 
beobachtet worden. Gegenüber Professor Rosenbach bemerke ich, 
dass man die Brunnen ganz gedeckt und geschützt anlegen kann- durch 
unseren feinkörnigen Boden dringen bis in eine Tiefe von 4 — 5 Meter 
absolut keine Bacterien ein. Die Brunnen haben ferner nur spärliche 
und kleine Luft- und Lichtöffnungen und können sehr viel leichter 
bewacht werden, als unsere jetzigen grossen Filterflächen, welche that- 
sächlich manchmal böswilliger Weise verunreinigt werden. 

Professor Rosenbach: Ich kenne die Construction der neuen 
Brunnen sehr gut und bin trotzdem der Ansicht, dass sie durch Zufall 
oder durch böswillige Hand verunreinigt werden können, da man sie ja 
mit Leichtigkeit aufschrauben kann und da sie zudem kleine Oeffnungen 
besitzen, zumal man ja in aufgeregten Zeiten nicht bei jedem Brunnen 
polizeiliche Bewachung installiren kann. Ausserdem kann durch tiefe 
Risse und Sprünge, die von der Oberfläche her den Boden durchsetzen, 
sehr wohl eine Verunreinigung des Grundwassers erfolgen. 

Professor Flügge: Das Grundwasser ist, wo es in feinporösem 
Boden untersucht ist, stets bacterienfrei gefunden worden, wenn es unter 
2 Meter Tiefe entnommen wurde. Bei einer centralen Grundwasser- 
versorgung würden wir sogar 4 — 5 Meter tief gehen; bis in diese Tiefe 
dringen sicher keine Risse, keine Maulwurfsgänge u. s. w., durch welche 
gelegentlich einmal Bacterien hineingelangen könnten. 

Professor Rosenbach: Ich habe bei meinem Einwurfe nicht gerade 
an die Leistung der Maulwürfe gedacht, sondern an die Einwirkung- 
stärkerer Naturkräfte. Gerade nach den Erfahrungen eines heissen 
Sommers, wie es z. B. der des vergangenen Jahres war, ist diese Möglich- 
keit sehr actuell geworden; denn es kann keinem Zweifel unterliegen, 
dass namentlich bei einer gewissen Beschaffenheit des Bodens, in sehr 
trockenen Sommern, wenn die Austrocknung unter Sinken des Grund- 
wasserstandes sehr beträchtlich ist, grosse Risse und Sprünge im Boden 
entstehen, die bei einer nachfolgenden Ueberfluthung mit Regenwasser 
den Eintritt aller Unreinlichkeiten der Oberfläche nach dem Grundwasser 
hin mit Leichtigkeit gestatten. Ich glaube nicht, dass irgend Jemand 
eine solche Verunreinigung des Grundwassers ausschliessen kann; jeden- 
falls würde ich meine Bedenken nur dann als widerlegt ansehen, wenn 
Grundwasseruntersuchungen, die an den verschiedensten Stellen gerade 
zu Zeiten solcher abnormer klimatischer Verhältnisse angestellt sind, 
annähernde Keimfreiheit des Grundwassers ergeben. 

Professor Flügge: Solche Untersuchungen sind angestellt; sie haben 
ergeben, dass in unserem Boden zur Zeit des Hochsommers überhaupt 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

nichts, kein Wasser und auch keine Bacterien zum Grundwasser 
durchtritt. 

Oberlehrer Dr. Kunisch macht darauf aufmerksam, dass in lehmigem 
Boden, der im Allgemeinen als undurchlässig für Wasser angesehen 
werden muss, zur Zeit grosser und andauernder Hitze und Trockenheit 
nicht unbeträchtliche Risse entstehen. Letztere dürften bei plötzlichem 
Regeneintritt unter gewissen Umständen, insbesondere wenn die obere 
Lehmlage von geringer Mächtigkeit ist und von grobem Kies unterlagert 
wird, geeignet sein, eine schnelle Versenkung des Oberflächenwassers 
und somit eine unmittelbare Verunreinigung des Grundwassers von oben 
her zu ermöglichen. 

Professor Hermann Cohn erinnert daran, dass nach den Unter- 
suchungen von Professor Flügge die Filter in Breslau zeitweise ausser- 
ordentlich viel Bacterien durchlassen; es entstehe daher die sehr wichtige 
praktische Frage, ob man nicht das Abkochen des Wassers wieder 
empfehlen solle. 

Bezirksphysikus Dr. Nesemann: Zu der Frage, ob die chemischen 
oder die bacteriellen Verunreinigungen des Trinkwassers als Krankheits- 
erreger anzusehen seien, möchte ich mir noch einige Bemerkungen 
erlauben. In den letzten zwei Jahren sind in meinem hiesigen Physikats- 
bezirke mit einer Einwohnerzahl von über 100 000 Einwohnern etwa 
40 Typhusfälle gemeldet worden. Untersucht man diese Fälle einzeln 
auf ihren etwaigen Ursprung, so findet man, dass zunächst etwa acht zu 
eliminiren sind, welche nachweisbar eingeschleppt wurden. Von den 
übrigen sind wieder etwa sechs Fälle zu scheiden, welche in nicht an 
Kanalisation und Wasserleitung angeschlossenen Grundstücken vorkamen. 
Vier dieser Fälle gehörten zu einer kleinen Hausepidemie an der Berliner 
Chaussee, bei welcher sich übrigens die Schliessung eines verdächtigen 
Brunnens zu bewähren schien, da nachher keine weitere Erkrankung 
daselbst erfolgte. Es bleiben nun noch die übrigen, wenn auch nicht 
zahlreichen Erkrankungen. Bei diesen muss es auffallen, dass sie über 
den ganzen Bezirk verstreut, fast immer vereinzelt oder, falls mehrere 
Fälle eine Haushaltung betrafen, hintereinander, nicht nebeneinander 
auftraten. Befallen wurden Leute aus den verschiedensten Altersklassen 
und Ständen, welche theilweise unter günstigen hygienischen Verhältnissen 
lebten. Da andere Infections- Quellen bei der Sachlage auszuschliessen 
sind, liegt es nahe, für diese Erkrankungen das Leitungswasser ver- 
antwortlich zu machen. Giebt man aber die Möglichkeit einer Infection 
auf diesem Wege zu, so kann in Anbetracht der Art des Auftretens 
der Erkrankungen die Infection nicht durch chemische Verunreinigungen 
des Wassers erfolgt sein, da bei der gleichmässigen Vertheilung der 
chemischen Beimengungen im Wasser stets eine Anzahl Personen gleich- 
zeitig hätte erkranken müssen. Es können die Krankheitserreger viel- 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 23 

mehr nur bacterieller Natur sein, da die bacteriellen Krankheitskeime 
auch sehr vereinzelt im Wasser vorkommen können. 

Sanitätsrath Dr. Jacobi: Ich stehe auch auf dem Standpunkt, dass 
ich jede Flusswasserleitung aus den Gründen, die Herr Flügge ent- 
wickelt hat, für mangelhaft und eine gute Grundwasserleitung für besser 
halte. Ich bin daher dankbar dafür, dass der Magistrat auf die Anregung 
des Herrn Flügge Vorarbeiten in dieser Richtung in Angriff nimmt. 
Inzwischen aber weise ich zur Beruhigung allzu ängstlicher Gemüther 
darauf hin, dass bisher seit 1871 keine Thatsache vorliegt, welche 
unsere Leitung als gesundheitsschädlich erscheinen Hesse. Der Darm- 
typhus ist bei uns immer seltener geworden, so selten wie nur irgendwo, 
und niemals mehr haben wir Epidemien davon gesehen, wie sie in 
anderen Städten noch in dem letzten Jahrzehnt vielfach vorgekommen 
sind. Dass vereinzelte Fälle gerade von unserem Trinkwasser herrühren 
sollen, ist durch nichts zu erweisen, die Quellen der Ansteckung sind 
ja sehr mannigfaltig. Ich glaube daher, dass wir unser Leitungswasser 
in gewöhnlichen Zeiten ohne Besorgniss ungekocht weiter trinken 
dürfen, 

Stadtrath Dr. Steuer: Ich rathe dringend davon ab, das Publikum 
dadurch in Unruhe zu versetzen, dass man ihm jetzt den Rath ertheilt, 
das Trinkwasser nur abgekocht zu geniessen. Es liegt kein Grund hierzu 
vor. Von keiner Seite droht eine Gefahr der Cholera -Einschleppung. 
Ausserdem bietet das Wasserhebewerk durch die seit vorigem Jahre 
erhöhte Leistungsfähigkeit desselben und den der Jahreszeit entsprechend 
geringen Consum an Wasser die Sicherheit allmählicher und somit wirk- 
samster Filtrirung. 

Professor Flügge: Auch ich bin nicht dafür, die Gefahr, die uns 
durch unser jetziges Wasser droht, zu übertreiben. Wir müssen gegen- 
über allen Schädlichkeiten in unserer Umgebung mit Chancen rechnen. 
Die Chancen, dass Jemand durch unser Wasser jetzt Krankheitskeime 
aufnimmt, halte ich für äusserst gering. Ich bin daher weit davon 
entfernt, jetzt ein Abkochen oder sonstige Vorsichtsmaassregeln zu em- 
pfehlen. Die Chancen, dass Infectionen zu Stande kommen, werden sich 
aber sehr steigern, wenn eine Choleraepidemie in Oberschlesien ausbricht 
oder wenn unter den Schiffern und Flössern einmal Typhus- oder 
Cholerafälle vorkommen. Mit Rücksicht auf diese Eventualität müssen 
wir uns nach einer Verbesserung unseres Wassers umsehen, so dass es 
auch in Epidemiezeiten uns vollen Schutz gewährt. Und da das Oder- 
wasser auch sonst erhebliche Nachtheile hat durch seine wechselnde 
Temperatur und seine Trübung und Unreinlichkeit bei Hochwasser, so 
ist es umsomehr angezeigt, die Zufuhr von besserem Wasser wenigstens 
in Erwägung zu ziehen. Das habe ich anregen wollen. 



24 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

5. Sitzung am 24. März 1893. 

Tagesordnung: 

Herr Oberrealschul-Oberlehrer Dr. Kunisch: 

Ueber artesische Brunnen in Beziehung der Wasserversorgung 

von Breslau. 

In der Wasserfrage sind bis jetzt der Hauptsache nach zwei Mei- 
nungen zum Ausdrucke gelangt: An erster Stelle hat Herr Professor 
Dr. Flügge die Versorgung der Stadt mit filtrirtem Oderwasser für 
den Fall einer Massenerkrankung an Cholera oder Typhus aus bacterio- 
logischen Gründen beanstandet und dafür die Herbeischaffung von Grund- 
wasser aus der Umgebung der Stadt in Vorschlag gebracht, welches auf 
Grund hiesiger und auswärtiger Erfahrungen als frei von krankheits- 
erregenden Keimen angesehen werden kann, vorausgesetzt, dass es nicht 
in der Nähe seiner Gewinnung durch unmittelbare Vermischung mit 
unreinem Oberflächenwasser verdorben, insbesondere mit pathogenen 
Bacterien inficirt worden ist. Darauf hat Herr Geh. Rath Professor 
Dr. Pol eck seine Ansicht dahin kundgegeben, dass er den Werth der 
bacteriologischen Wasseruntersuchung wohl anerkenne, aber die Ver- 
nachlässigung der chemischen Beschaffenheit des Wassers bezw. seiner 
gelösten Beimengungen als einen unhaltbaren Missgriff erachten würde. 
Aus der angeknüpften Debatte ergab sich, dass die einseitige Unter- 
suchung unseres gegenwärtigen und zukünftigen Trinkwassers weder 
erwünscht, noch auch von irgend einer Seite ausschliesslich geplant sei. 
Bis jetzt sind nur in Betracht gezogen worden das Oderwasser und das 
Grundwasser, d. i. dasjenige Wasser, welches im Erdboden in der Tiefe 
von einigen Metern angetroffen zu werden pflegt und den verschiedenen 
Arten der Flachbrunnen zur Speisung dient. Der Besprechung harren 
noch die Tiefenwässer, d. h. diejenigen Wasseransammlungen, welche in 
erheblich grösseren Tiefen der Erdkruste aufgefunden, durch Tief- 
bohrungen angezapft und in Tiefbrunnen oder artesischen Brunnen als 
Springquellen über Tage gefördert werden können. Derartige Brunnen- 
anlagen habe Breslau und nächste Umgebung im Laufe der letzten zehn 
Jahre nicht weniger als 25 entstehen sehen. Sämmtliche mir genauer 
bekannt gewordenen hiesigen Tiefbohrungen haben wasserführende Erd- 
schichten angetroffen, aus welchen Wasser unter eigenem Druck in mehr 
oder minder grossen Mengen (bis 3000 Liter in der Minute) zu Tage 
trat. Die Erfahrung hat somit den Beweis dafür geliefert, dass der 
Untergrund von Breslau in seinen tieferen Schichten ungeheure Wasser- 
massen enthält und zu liefern im Stande ist. Die zahlreichen Beobachtungen 
der hiesigen Tiefbohrungen, als deren theilweise Beläge die ansehnliche 
Menge der vorgelegten Bohrproben und die Profile (insbesondere von 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 25 

Schöller's Zuckerfabrik in Gross -Mochbern, Elisabetinerinnen- Kloster, 
Gräbschnerstrasse 109 — 127, Kipke's Brauerei, Langegasse 29 — 33, 
Tuchmacher -Innung, Seminargasse 3, und Schöller's Zuckerfabrik in 
Rosenthal) dienen mögen, haben ergeben, dass der Untergrund von 
Breslau zusammengesetzt ist, wie folgt: Von der Erdoberfläche bis etwa 
10 m Tiefe aus Dammerde und Alluvium, bestehend aus Kies, Sand und 
Lehm in verschiedener Mächtigkeit und Lagerung (beispielsweise in 
Gräbschen Lehmgrube hinter der Brauerei von Hopf & Görcke, bei der 
Kürassier -Kaserne Kiesgruben, bei Oltaschin Sandbaggerung für die 
Umgehungsbahn, im Südpark meist Sand, daneben aber auch Lehmboden). 
Annähernd von 10 — 45 m Diluvium in Form von Geschiebelehm, von 
etwa 45 m bis zu unbekannter Tiefe tertiäre Schichten, Braunkohlen- 
gebirge, bestehend aus verschieden gefärbten Thonen, welche Braunkohle 
in bis meterdicken Lagen führen und durch eingelagerte Sandschichten 
unterbrochen werden. Letztere sind mehr oder minder wasserhaltig. 
Grössere Wassermengen sind in den Tiefen von 60 — 80 m und 95 — 120 m 
angetroffen worden. (Genaueres über den Untergrund von Breslau findet 
sich im „Führer zum V. Allgemeinen Deutschen Bergmannstage" und in 
von Rosenberg -Lipinsky's „Verbreitung der Braunkohlenformation im 
nördlichen Theile der Provinz Schlesien".) Die Frage, ob die allmähliche 
Abnahme in der Ergiebigkeit und das schliessliche Versiegen hiesiger 
artesischer Brunnen in geologischen Verhältnissen seine Ursache habe, 
glaube ich verneinen zu müssen. Dass die Schuld lediglich technischen 
Unvollkommenheiten der Brunnen zuzuschreiben ist, beweist die That- 
sache, dass nach vorgenommener Reinigung (Auslöffelung, Ausspritzung, 
Erneuerung des Filters) die Leistungsfähigkeit zurückkehrte. Als Beläge 
möchte ich ausser Anderem Auszüge aus zwei in hiesigen Zeitungen 
veröffentlichten Zeugnissen anführen. Herr C. Kipke erklärte unter dem 
11. Januar 1889: „Gern bescheinige ich Ihnen hierdurch, dass mein 

artesischer Brunnen , welcher mir seit Jahr und Tag nicht den 

geringsten Nutzen geschaffen hat, heute in jeder Beziehung zufrieden- 
stellend functionirt." Die Actien-Gesellschaft für Eisen- und Stahlindustrie 
Archimedes bescheinigte am 1. December 1888 einem Bohrunternehmer, 
„dass derselbe ein auf unserem Grundstücke hergestelltes Bohrloch von 
100 m, welches in Folge Sandzuströmung versagte, mit sehr gutem 
Erfolge wieder aufgeräumt und ein Filter eingesetzt hat. Nachdem Herr . . . 
diese Arbeit gestern beendigt hat, springt das Wasser aus dem Bohr- 
loche krystallklar u. s. w. u Bei dem gegenwärtigen Stande meiner 
praktischen Erfahrung und Literaturkenntniss gebe ich zur Vermeidung 
von Fehlerquellen unter den bei unseren Bodenverhältnissen anwendbaren 
Bohrmethoden, wenn es sich um die Anlage eines Tiefbrunnens handelt, 
der Freifallbohrung ohne Wasserspülung den Vorzug, weil durch selbige 
ein senkrechtes und cylindrisches Bohrloch von beträchtlichem Quer- 



26 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

durchmesser am sichersten gewährleistet wird. Die Drehbohrmethode 
verwerfe ich, weil dabei die Abweichung des Bohrloches von der Loth- 
linie am leichtesten eintritt und dadurch kaum zu überwindende Schwierig- 
keiten für die Verrohrung geschaffen werden, und wegen verhältnissmässig 
häufigen Eintritts von Gestängebruch. Wasserspülung möchte ich, 
trotzdem sie am schnellsten und billigsten arbeitet, vermieden wissen, 
weil dabei das Bohrloch vielfach von der cylindrischen Gestalt abweicht, 
was verschiedene Gefahren für den sicheren Bestand des Bohrloches 
bezw. des dereinstigen Tiefbrunnens mit sich bringt. Falls ein Bohrloch 
lediglich zur Erforschung des Untergrundes niedergebracht werden soll, 
ist an erster Stelle die Drehbohrung zu empfehlen, weil sie unveränderte 
Proben der Untergrundsschichten liefert, nicht zermalmtes und geknetetes 
Material (wie die Freifallbohrung) und nicht Schlemmungsproducte (wie 
die Spritzbohrmethode). Die Verrohrung des Bohrloches muss wasser- 
dicht sein. Deshalb müssen genietete Rohre und Röhrentouren abgelehnt 
und in erster Reihe Mannesmannröhren mit Gewindeverbindung empfohlen 
werden. Die Verrohrung muss derartig sein, dass sämmtliche Röhren- 
touren aus der Tiefe bis an die Bohrlochoberkante heranreichen. Die 
Verrohrung mittelst verlorener Röhrentouren, welche an die Wandung 
eines ausgezogenen Fernrohres erinnert, ermöglicht zwischen den einzelnen 
Röhrentouren einen seitlichen Wasseraustritt und ist demnach als undicht 
zu verwerfen. Die Futterrohre dürfen nicht von Eisen sein, sondern 
aus einem nicht rostenden Metalle oder einer derartigen Metalllegirung. 
Als das geeignetste Material muss wegen der überaus grossen mechanischen 
und chemischen Widerstandsfähigkeit bezeichnet werden die Aluminium- 
bronze. Voraussichtlich dürfte sich auch das Siemens'sche Glas mit 
Drahtgeflechteinlage für diesen Zweck eignen. Jeder Bohrbrunnen muss 
mit einem Filter aus Aluminiumbronze unten abgeschlossen werden. Das 
verrohrte Bohrloch muss am unteren Ende im Lichten wenigstens einen 
Durchmesser von 20 cm besitzen. Sämmtlichen aufgestellten Forderungen 
entspricht meines Wissens kein einziges Bohrloch in Breslau und 
Umgegend. Am meisten stimmt mit ihnen überein der 255 m tiefe 
artesische Brunnen an der Zuckerfabrik des Herrn vom Rath in Kraika 
(17 km südlich von Breslau), welcher im Jahre 1876 angelegt worden 
ist und bis zum heutigen Tage in der Minute etwa 200 1 brauchbares 
Wasser geliefert! Das Wasser unserer artesischen Brunnen muss vom 
bacteriologischen Standpunkte als einwandsfrei erachtet werden. Es 
wird demnach der Chemiker das endgiltige Urtheil über seine Gebrauchs- 
fähigkeit zu fällen haben. Der schwache schwefelwasserstoffartige 
Geruch, der grosse Gehalt an kohlensaurem Eisenoxydul und an Kalk- 
salzen Hesse sich durch längeres Stehen oder in kürzerer Zeit durch 
Lüften und Filtriren des Wassers beseitigen. In Anbetracht der ver- 
schiedenen Beurtheilung unserer Tiefenwässer durch verschiedene Chemiker 



I. Abtheihmg. Hygienische Section. 27 

beabsichtige ich von jetzt ab, auch der chemischen Seite dieser Frage 
näherzutreten. 

In der sich an diesen Vortrag anschliessenden Discussion erwiderte 
Dr. Kunisch auf die Frage des Vorsitzenden, Professor Hermann 
Cohn, wie warm das Wasser der artesischen Brunnen sei, dass durch- 
schnittlich 9° gefunden worden seien. 

Dr. Cramer: Bei den Vorträgen, die an dieser Stelle über das 
Thema der Wasserversorgung Breslaus gehalten worden sind, ist die 
praktische Frage bisher nicht discutirt worden, ob es überhaupt möglich 
ist, auf eine der angeregten Arten — sei es durch Grundwasserversorgung 
oder durch Anlage artesischer Brunnen — die wirklich nothwendige 
Menge Wassers beizubringen. Die Hygiene rechnet etwa als täglichen 
Gesammtwasserverbrauch für den Kopf 150 Liter ; 120 Liter auf den 
Kopf sind thatsächlich im vorigen Jahre an einem Tage erreicht worden 
(an einem Tage des August 1892: 42 242 cbm Wasserverbrauch). Das 
entspricht einem in einem Tage zu liefernden Wasserkubus von etwa 
35 m Seite. Mir scheint es unmöglich, von einem räumlich nicht sehr 
weit ausgedehnten Gebiete und mittels einer nicht sehr erheblichen 
Anzahl von Grundwasserhebestellen ein solches Wasserquantum als 
Grundwasser zu Tage zu fördern. — Ob ein solches Wasserquantum 
aus einer grösseren Anzahl artesischer Brunnen, die alle auf demselben 
verhältnissmässig begrenzten Gebiete eingetrieben werden, zu beziehen 
möglich ist, möchte ich gleichfalls bezweifeln; praktische Erfahrungen 
liegen hierüber nicht vor; bei den grossen Kosten der Anlage ist die 
Probe darauf doch sehr gewagt. 

Dr. Kunisch: Aus der Peripherie von Breslau kann eine solche 
Menge von Wasser wohl gewonnen werden. Auch sind die Leistungen 
der artesischen Brunnen ganz ungeheuerlich; so kamen aus dem Brunnen 
bei Kipke in der Minute drei Kubikmeter Wasser. Die Feuerwehr 
musste wegen der Ueberschwemmung herbeigerufen werden. Ich möchte 
nur anregen, dass die Idee nicht ganz verlassen wird, falls man für 
irgend eine Stelle der Stadt, sei es der Schlachthof oder sonst ein Platz, 
Wasser braucht. 

Professor Neisser: Es handelt sich nur darum, für gewisse Noth- 
fälle auch ein anderes als Leitungswasser zur Verfügung zu haben. Man 
kann gegen Grundwasser und gegen artesische Brunnen nichts sagen. 
Die Quantität des Grundwassers ist nicht in Frage zu ziehen; es wird 
vielleicht nicht schön, aber doch gesund sein; auch die Filter sind ja 
nicht sicher. Den Brunnen kann man von oben und aussen schützen. 
Wo man gebohrt hat, hat man auch bei artesischen Brunnen Wasser 
gefunden; wenn es nicht der Fall war, hatten die Brunnen Versuchs- 
fehler. Man muss wissen, ob die hier gebohrten artesischen Brunnen 



28 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

noch brauchbar sind und wie hoch sich die Kosten belaufen. Einen 
Streit zwischen Chemikern und Bacteriologen verstehe ich nicht; keiner 
von beiden ist überflüssig; ob das Wasser gut oder schön, wird der 
Chemiker — ob es gesund, wird der Bacteriologe entscheiden. 

Geh. Rath Pol eck: Ich habe den Gegensatz nicht betont; ich sage 
auch nicht: schmutziges Wasser ist nicht schädlich; aber es ist kein 
normales Trinkwasser. Auch was Herr Dr. Kunisch über die Beschaffen- 
heit des Wassers aus den artesischen Brunnen gesagt hat, widerspricht 
den Wünschen nach gutem Trinkwasser. Der üble Geruch braucht nicht 
von Schwefelwasserstoff herzurühren, er kann auch von Sumpfgasen 
kommen. In Neisse wurde eine Schwefelquelle entdeckt, sie roch nach 
faulen Eiern, und doch enthielt sie keine Spur Schwefelwasserstoff. Aber 
wenn das Wasser riecht, ist es eben kein Trinkwasser. Die Zersetzungs- 
producte sind noch nicht genau genug bekannt. Die kleine Menge der 
Zersetzungsproducte hält der Chemiker nicht für schädlich, sie sind nur 
Zeichen dafür, Indicatoren, dass dort Fäulniss- und Verwesungsprocesse 
vor sich gehen. Die Arbeiten, die hier vor 15 Jahren gemacht worden 
sind, gingen davon aus, dass das Breslauer Brunnenwasser kein normales 
Trinkwasser sei, und dass man eine andere Quelle suchen müsse. Zu 
jener Zeit wurden die Closets eingeführt, und für diese langte das 
Brunnenwasser gewiss nicht; man wendete sich daher damals zur Oder. 
Die Blässe sind durch den atmosphärischen Sauerstoff der Selbstreinigung 
unterworfen; ob sie mit den Bacillen fertig werden, kann ich nicht 
entscheiden. Gewisse Gifte werden aber unschädlich durch Verdünnung, 
und diese ist doch in den Flüssen sehr gross. 

Dr. Kunisch: Ein Bohrloch von 120 m Tiefe, verrohrt mit Röhren 
aus Aluminiumbronze, würde 15 000 Mark kosten. 

Dr. Hulwa weistauf den in der letzten Stadtverordneten-Versamm- 
lung eingebrachten Antrag hin, der den Magistrat ersucht, die im Stadt- 
gebiet vorhandenen öffentlichen und, wenn irgend angängig, auch privaten 
Brunnen einer periodisch fortgesetzten Controle zu unterziehen, um 
festzustellen, ob und in wie weit diese Brunnen für den Nothfall uns 
ein gesundes Trinkwasser zu liefern vermögen. Wir haben mit diesem 
Antrage keineswegs den bewährten Gebrauch des Leitungswassers beein- 
trächtigen wollen. Wir hoffen, dass uns die Leitung mit ihrer ausgiebigen 
reichlichen Wasserversorgung nicht einmal gesperrt wird; es liegt dafür 
auch geringe Wahrscheinlichkeit, jedoch immerhin die Möglichkeit vor, 
und dieser Möglichkeit gegenüber müssen wir gerüstet sein. Bei unserem 
Antrage handelt es sich hauptsächlich um den Ersatz des Trinkwasser- 
bedarfs, den die vorhandenen Brunnen wohl auch zu bestreiten vermögen. 
Es dürfte Wenigen bekannt sein, dass selbst jetzt noch über 700 in 
den verschiedensten Stadttheilen gelegene Brunnen existiren, welche, 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 29 

meist im Privatbesitz befindlich, zum Trinkwassergebrauch dienen. Die 
Wässer dieser Brunnen zu controliren, erscheint doch als sanitäre Pflicht, 
um zu ermitteln, welcher Art das Trinkwasser sei, auf welches wir für 
den Fall einer Sistirung des Wasserwerkes allein angewiesen wären. 
Das vom Wasserwerk gelieferte Trinkwasser bildet den Mindertheil des 
gelieferten Wassers. Wir werden also mit dem anderen Gebrauch- 
wasser, in dessen Verwendung wir einen gewissen Luxus üben, uns in 
der Zeit der Bedrängniss erheblich einschränken müssen. Von Herrn 
Dr. Kunisch sei früher einmal darauf hingewiesen worden, dass der 
Diluvial-Thon unseres Untergrundes wasserführende Kiesschichten auf- 
weist, welche schon mehrfach aufgeschlossen seien. Es dürfte der Mühe 
werth sein, zu ermitteln, welche Beschaffenheit dieses in 20 bis 35 m 
Tiefe erbohrte Wasser besitzt und ob nicht der eine oder der andere 
unserer Brunnen solches Wasser liefert, bezw. in welcher beständigen 
Menge. Die Frage der Beschaffung der erforderlichen Mengen von 
Gebrauchwasser, speciell auch für das auf Pöpelwitzer Terrain zu 
errichtende Schlachthaus (wo bis 2000 cbm täglich in Betracht kommen 
können), habe den Redner auf die Tiefbrunnenanlagen, also das heutige 
sehr interessante Vortragsthema geführt. Es sei von dem Herrn Dr. 
Kunisch dabei der Kipke'sche Tiefbrunnen erwähnt worden. Gerade 
die Geschichte dieses Brunnens habe bewirkt, dass in den Kreisen der 
städtischen Verwaltung wenig Meinung für die Anlage artesischer 
Brunnen obwalte. Man wisse zwar, dass bei Tiefbohrung sich Anfangs 
reichlich Wasser fände; diese Wassermengen lassen aber später nach 
und reduciren sich endlich auf Null. Bei diesem geförderten Wasser 
war allerdings ein Hauptvorzug die niedrige Temperatur, welche den 
Schlachthof- bezw. Kühlzwecken sehr zu Nutzen komme. Es herrsche 
übrigens die Meinung, dass auf Pöpelwitzer Terrain kein Wasser zu 
finden sei. Dies müsse als ein Uebelstand mit Bezug auf das dort zu 
errichtende Schlachthaus angesehen werden, und es erheische die Not- 
wendigkeit, den beträchtlichen Wasserbedarf mit immerhin erheblichem 
Kostenaufwand von anderwärts, also hier vom Wasserwerk zu beziehen. 
Nun hätte man in neuester Zeit auf eine in der Schraubenfabrik Archi- 
medes an der Märkischenstrasse und in der Nähe des zukünftigen 
Schlachthofes gelegene Tiefbrunnen-Anlage aufmerksam gemacht. Der- 
selbe soll bei einer Tiefe von 114 m stündlich 25 bis 30 cbm Wasser 
liefern. Zur Gewinnung der für den Schlachthof erforderlichen Wasser- 
menge würden demnach 4 bis 5 Brunnen nothwendig sein. Kennt der 
Herr Vortragende den oben erwähnten Tiefbrunnen, liefert derselbe 
ebenfalls ein stark eisenhaltiges hartes und nach Schwefelwasserstoff 
riechendes Wasser, und ist die Förderung noch heute die gleiche wie 
vordem? Läge nicht zudem die Gefahr vor, dass bei Anlage mehrerer 
solcher Brunnen in bestimmtem Umkreise der eine dem anderen die 



30 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Förderung des Wassers schmälert oder ganz entzieht? Es wäre wohl 
von hohem Interesse, diesen Fragen näher zu treten. 

Polizei-Präsident Dr. Bienko: Die Vorträge in den letzten Sitzungen 
sind ja von grossem Interesse und von grosser praktischer Bedeutung 
und bringen Beruhigung in die Bevölkerung Angesichts der Cholera- 
Gefahr. Nun wurde in der Stadtverordneten- Versammlung auf Herrn 
Dr. Hulwa's Vorschlag eine Untersuchung der Brunnen beantragt. Eine 
solche wird aber seit Jahren schon regelmässig auf Veranlassung des 
Polizei-Präsidiums vorgenommen, d. h. vom chemischen Standpunkte. 
Auf Grund dieser Untersuchungen ist ein grosser Theil der Brunnen als 
Trinkwasserbrunnen gesperrt worden. Gerade dies ist mir und meinem 
Vorgänger von Herrn Professor Flügge stets zum Vorwurf gemacht 
worden, da es ganz ungerechtfertigt sei; denn die chemische Unter- 
suchung habe keinen Werth. Man sagte mir, polizeilicherseits wäre 
nichts nöthig, als nachzusehen, ob von Aussen in den Brunnen Uneinig- 
keiten hineinkommen können; wenn dies nicht der Fall, könnte der 
Brunnen wieder geöffnet werden. Ich konnte mich aber dazu nicht 
entschliessen; ich halte die alte chemische Methode nicht für verwerflich. 
Ich sehe nach Herrn Professor Pol eck das Wasser für ein Nahrungs- 
mittel an und meine, dass, so lange wir gutes Wasser haben, wir 
solches, welches schlecht riecht und schlecht schmeckt, nicht zum Genüsse 
zulassen dürfen. Wenn mir das chemische Untersuchungsamt der Stadt 
sagt: das Wasser enthält chemische Bestandtheile, die es für den Genuss 
nicht geeignet machen, dann sperre ich den Brunnen und lasse es nicht 
trinken. Hieraus braucht man Besorgnisse für den Fall, dass unser 
grosses Wasserwerk sich einmal als nicht mehr geeignet erweisen sollte, 
nicht herzuleiten; denn eventuell lässt sich das Oeffnen der Brunnen in 
wenig Tagen bewirken. Die Brunnen mit übelriechendem oder übel- 
schmeckendem Wasser aber schon jetzt freizugeben, liegt m. E. kein 
Grund vor; ich verbleibe vielmehr bei der bisherigen Praxis. 

Dr. Kunisch meint, dass in der Umgegend von Breslau genügend 
Grundwasser vorhanden sei, um die ganze Stadt im Nothfalle mit Trink- 
wasser zu versorgen. Er ist auch der Ansicht, dass die gegenseitige 
Beeinflussung ganz nahegelegener Tiefbrunnen wahrscheinlich sei, aber 
bei unseren Verhältnissen die Entfernung von 1 km völlig dazu aus- 
reichen dürfte, zwei Tiefbrunnen von einander unabhängig zu machen. 

Dr. Cramer: Wenn Herr Dr. Hulwa meinte, es handle sich ja 
nicht um die Beschaffung des gesammten Verbrauchswassers, sondern 
um die Beschaffung ausschliesslich des Trinkwassers, so habe ich doch 
Herrn Professor Fl ügge anders verstanden, der davon sprach, dass das 
aus der Nähe des städtischen Wasserhebewerkes entnommene Grund- 
wasser diesem zugepumpt und in unseren für die Gesammtwasser- 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 31 



Versorgung der Stadt vorhandenen Leitungsröhren weitergeführt werden 
solle. Falls aber eine besondere Quelle ausschliesslich für Trinkwasser 
geschaffen werden soll, so ist diese meiner Ansicht nach nur dann von 
Werth, wenn auch dieses Trinkwasser allen Haushaltungen zugeführt 
wird. Es würde sich also dann um die Herstellung einer zweiten 
Wasserleitung neben der bisher bestehenden handeln müssen. Wie Herr 
Prof. Flügge hervorhob, besteht der Hauptmangel einer Filteranlage 
darin, dass das durch ein frisch aufgeräumtes Filter zuerst durchfiltrirende 
Wasser stets schlecht filtrirt ist wegen des Fehlens der durch den 
Filtrationsprocess erst sich absetzenden feinen Schlammschicht, welche 
dann erst einigermaassen keimfreies Wasser liefert. Diesem Uebel- 
stande könnte dadurch abgeholfen werden, dass das durch ein solches 
frisches Filter gegangene Wasser fürs erste so lange noch durch ein 
zweites, älteres Filter geschickt wird, bis der Absatz der Schlammschlicht 
in dem frischen erfolgt ist. 

Prof. N ei ss er: Niemand will die Filter discreditiren; aber wir 
dürfen doch nicht die ßacterien-Untersuchung unterlassen, ebensowenig 
wie die chemische. Auch das chemisch beste Wasser kann Bacterien 
enthalten; ob sie gefährlich oder ungefährlich, kann nur die Bacterien- 
forschung entscheiden. Ich würde nicht so weit gehen und ohne weiteres 
die Brunnen öffnen. Aber man muss sie erneut darauf prüfen, ob sie 
vom bautechnischen Standpunkte sicher sind, und ob man sie von Ver- 
unreinigungen von Aussen schützen und sie überwachen kann. Ob man 
das aber in wenigen Tagen gerade, sobald es Noth thut, bewerkstelligen 
kann, das weiss ich nicht. 

Dr. Hulwa will auch hier die Fürsorge des Königlichen Polizei- 
Präsidiums und der städtischen Verwaltung in Sachen der Wasser-Ver- 
sorgung anerkennen. Es sei mit grossem Dank zu begrüssen, dass in 
den verflossenen Jahren fortgesetzt Brunnenwasser-Untersuchungen statt- 
gefunden hätten; wenn diese Untersuchungen oft untaugliches, verseuchtes 
Wasser ergeben haben, so kann dies nicht auffallen, da ja wohl die 
meisten Brunnen längere Zeit vorher geschlossen und ausser Gebrauch 
gewesen seien. Diese bisher vorgenommenen Untersuchungen schlössen 
deshalb die Forderung nicht aus, die Controle der Brunnen fortzusetzen 
und zwar in periodisch wiederholter und organisirter Weise. Besonders 
wäre hierbei auf eine Probe-Entnahme der Brunnenwässer durch Sach- 
verständige Rücksicht zu nehmen. Eine richtige Probenahme sei von 
maassgebender Bedeutung für den Ausfall der Untersuchung. Die ange- 
stellten Untersuchungen dürften wohl einen gewissen Procentsatz brauch- 
barer Brunnen ergeben haben. Dem sicher berechtigten Wunsche der 
Bevölkerung entsprechend, im Sommer einen frischen Trunk gesunden 
Wassers zu haben, müsse man diese Brunnen auch ferner pflegen und 
zwar durch Revision bezw. Renovirung der Brunnen-Einrichtung, durch 



32 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Schutz gegen seitliche und oberirdische Schmutz-Zuflüsse, durch fort- 
gesetztes Auspumpen, zu welchem Zweck aus einigen Mannschaften der 
Feuerwehr eine Brunnen-Revisions-Colonne zu bilden und zu erhalten 
wäre, endlich durch eine chemische, mikroskopische und bacteriologische 
Untersuchung des Wassers. Nach der Ansicht des Redners müsse bei 
Entscheidung der Frage, ob ein Brunnenwasser trink- oder gebrauchs- 
fähig erscheint, die chemische und mikroskopische Untersuchung nach 
wie vor beibehalten werden. Ein vom chemischen und mikroskopischen 
Standpunkt ungünstig beurtheiltes Wasser könne niemals als gesundes 
gutes Trinkwasser gelten, auch nicht, wenn es sonst keine pathogenen 
Bacterien enthielte. Andererseits könnte wieder ein Wasser, welches 
einen günstigen chemischen und mikrospischen Befund aufweise, dennoch 
bei der bacteriologischen Prüfung als bedenklich und gesundheitsschädlich 
sich herausstellen. Die bacteriologische Prüfung sei nach dem jetzigen 
Stande der Wissenschaft als eine unerlässliche Bedingung für die richtige 
und vollkommene Beurtheilung eines Trinkwassers zu erachten. Darum 
haben wir beantragt, die Brunnenwässer auch bacteriologisch untersuchen 
zu lassen, zumal solche Untersuchung früher, also in den Jahren 1876 
bis 1881, noch nicht ausgebildet war. 

6. Sitzung am 2 8. April 1893. 
Tagesordnung: 
Herr Professor Dr. H. Cohn: 

Ueber Lichtmessungen im Magdalenen-Gymnasium und dem neuen 

Kanonenhof-Schulhause. 

Je dunkler ein Arbeitsplatz, desto mehr muss das Auge der Schrift 
genähert werden; diese Annäherung führt namentlich bei disponirten 
Augen zur Kurzsichtigkeit. Obgleich diese Thatsachen schon längst 
bekannt waren, blieben in den alten Schulen die schlechten Lichtver- 
hältnisse, da die Lehrer nicht auf Abänderungen drangen und die Aerzte 
sich um die Schulen nicht kümmerten. Vor 28 Jahren begann der Vor- 
tragende hier Untersuchungen der Schulzimmer und machte Vorschläge 
zur Verbesserung der Beleuchtung derselben, welche von der Schlesischen 
Gesellschaft angenommen und den Behörden in einem Promemoria 1866 
zugesendet wurden. Es gab damals noch kein Photometer, es hatte sich 
aber gezeigt, dass, wenn das Verhältniss der Fenster zur Bodenfläche 
wie 1 : 5 war, und wenn nicht hohe und nahe gegenüberliegende Häuser 
das Licht nahmen, die Beleuchtung gut erschien. Daher empfahl schon 
damals die Denkschrift, dass „die Verlegung der Schulzimmer aus engen 
Gassen auf freie Plätze oder breite Strassen dringend geboten sei, und 
dass zur Errichtung neuer Schulhäuser nur solche Plätze zu wählen 
seien, denen früher oder später durch angrenzende Neubauten das nöthige 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 33 

Licht nie entzogen werden kann". Javal in Paris stellte bereits 1878 
den beherzigenswerthen Satz auf, dass der Abstand eines Schulhauses 
von den gegenüberliegenden Häusern doppelt so gross sein müsse, als 
die Höhe dieser Häuser. Im Jahre 1882 bestimmte eine vom fran- 
zösischen Unterrichts -Ministerium eingesetzte Commission, dass jeder 
Schüler ein Stück Himmel sehen müsse, das mindestens 30 cm vom 
oberen Ende der Glasscheibe des oberen Fensters entspräche. Professor 
Förster wünschte 1884, dass der Oeffnungswinkel, d. h. der Winkel, 
welchen auf dem Schultische die Dachkante des gegenüberliegenden 
Hauses mit der obersten Fensterkante bildet, nicht weniger als 5° 
betrage. Erst mit der Erfindung des Weber'schen Photometers, 1883, 
kam die Tageslichtfrage der Schulen aus dem Phasengebiete heraus. 
Jetzt erst konnte man bestimmen, wie viel Meterkerzen ein Schülerplatz 
habe. Der Vortragende untersuchte 1883 mit dem Photometer alle 
70 Klassen des Magdalenen-, Elisabet- und Johannes -Gymnasiums und 
der katholischen Bürgerschule; in den erstgenannten beiden Anstalten 
fand er in 13 Klassen, dass an einer Anzahl von Plätzen die Kinder 
um 11 Uhr Vormittags weniger als 1 Meterkerze Licht hatten, und dass 
24 bezw. 28 pCt. der Schüler überhaupt kein Stück Himmel von ihrem 
Platze aus sehen konnten. Der Vortragende theilt hierauf die Versuche 
mit, die ihn veranlassten, 10 Meterkerzen als die geringste Beleuchtung 
eines Arbeitsplatzes anzunehmen, eine Zahl, die jetzt von allen Forschern 
acceptirt ist. Da die Beleuchtung des Platzes wesentlich von der Grösse 
des Himmelstückes abhängt, welches den Platz beleuchtet, so ist die 
Messung jener Grösse nothwendig. Leonhard Weber hat auch diese 
Messung durch Erfindung seines sinnreichen Raumwinkelmessers sehr 
erleichtert. Der Vortragende legt Modelle vor, welche er bei Optikus 
Heidrich hat anfertigen lassen, um die schwierigen stereometrischen 
Verhältnisse des Raumwinkels und seiner Quadratgrade leichter ver- 
ständlich zu machen. Mit Weber's Apparat hat er in denselben Anstalten 
an allen Plätzen, an denen er bei trüben und hellen Tagen das Licht 
gemessen, auch die Raumwinkel gemessen; die Zeichnungen wurden 
vorgelegt. Es ergab sich aus Hunderten von Messungen, dass an Plätzen, 
welche weniger als 50 Quadratgrade Raumwinkel zeigten, bei trübem 
Wetter weniger als 10 Meterkerzen Helligkeit vorhanden gewesen sind. 
Daher wählte er als Minimum des Raumwinkels für einen Schüler 
50 Quadratgrad; auch dieses Minimum ist jetzt allgemein angenommen. 
Nach diesen Erörterungen der Methodik legte Professor Cohn 
zunächst die Pläne der Klassen des Magdalenäums vor, in welchen alle 
Plätze schraffirt waren, an denen er den Oeffnungswinkel kleiner als 5° 
gefunden. Da zeigte sich denn, dass von den 5 Parterreklassen 4 un- 
brauchbar waren; in 2 Klassen war nur y 5 — V 6 , in einer nur y s und 
in der vierten war gar nichts benutzbar; denn selbst ganz vorn am 

3 






34 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Fenster war der Oeffnungswinkel ö nur 3°. Von den 7 Klassen im 
1. Stock waren 5, von den 6 Klassen im 2. Stock waren 3 unbrauchbar, 
indem 2 / 3 , 5 / 6 , 2 / 3 , V 2 des Zimmers den Winkel ö kleiner als 5° zeigten. 
Im Ganzen also waren von 18 Klassen 12 zu finster. Dieser Fehler ist 
nicht zu beseitigen durch Anlegung grösserer und breiterer Fenster, da 
stets das Kirchendach (das mindestens 40 m hoch ist) und die drei- 
stöckigen Häuser der engen Schuhbrücke einem dort errichteten Schul - 
hause das Himmelslicht entziehen müssen. Selbst im 3. und 4. Stock 
würde die Beleuchtung der nach Norden gelegenen Zimmer nicht aus- 
reichend sein; es fragt sich auch, ob die Fundamente einen 3. und 4. Stock 
tragen würden. Hier hat sich die Nichtbefolgung des 1866 von der 
Schlesischen Gesellschaft den Behörden ertheilten Rathes, Schulen nicht 
dicht an hohe Kirchen zu bauen, bitter gerächt. Ueber dem Portale des 
Magdalenäums prangen die Worte: „An dieser Stelle von Grund aus 
neu aufgebaut 1867". Diese Inschrift ist ein Hohn auf die moderne 
Schulhygiene. Der beste Wunsch zum 250jährigen Jubiläum der Anstalt 
ist der, dass sie an einen hellen Platz verlegt werde! Es giebt noch 
gute Plätze für Schulen in der Stadt, z. B. das Grundstück von Weber- 
bauer in der Zwingerstrasse, das Zadig'sche Haus, Breitestrasse 26, und 
die alte Börse am Blücherplatz. Hier ist die Entfernung der gegenüber- 
liegenden Häuser mehr als doppelt so gross als ihre Höhe; die Zimmer 
müssen also hell genug werden. In den Vorstädten fehlt es auch keines- 
wegs an geeigneten Plätzen. Mögen die Stadtkinder jeden ^Tag vor das 
Thor zur Schule spazieren! Aber an die Magdalenen- und Elisabet- 
Kirche gehören keine Gymnasien! 

Hierauf legte der Vortragende die Pläne des neuen Kanonenhof- 
Schulhauses an der Taschenstrasse vor. Er rühmt die grossen und 
breiten Fenster, von denen jedes 3,5 qm Fläche habe, er findet auch 
eine Anzahl Zimmer vortrefflich beleuchtet, aber leider freilich nicht 
alle genügend. In dem Plane jeder Klasse wurden zwei Schraffirungen 
vorgenommen, eine dunkle an den Plätzen, wo gar kein Himmel gesehen 
wurde, und eine hellere, wo der Raumwinkel kleiner als 50 Quadrat- 
grade war. Die Parterreräume vorn heraus nach der Taschenstrasse 
wurden verständigerweise zu Läden eingerichtet. Zwei Klassen aber, 
die nach Süden gehen, sind für die Töchterschule bestimmt; von diesen 
ist der dritte Theil des einen unbrauchbar. Zwei nach Norden gelegene 
Zimmer, auf dem Plane ursprünglich als Klassen, jetzt aber als „reservirt" 
bezeichnet, sin4 ganz unbrauchbar, da bis 3 m von der Wand gar kein 
Himmel sichtbar, bis 4,5 m nicht 50 Quadratgrade vorhanden sind. 
Solche Reservezimmer sind sehr bedenklich, da sie in ähnlichen Fällen, 
wenn Ueberfüllung eintrat, doch zu Klassen benutzt wurden. Sie müssten 
ein für alle Mal nicht als „reservirt", sondern als „kassirt", als 
unbrauchbar für Unterrichtszwecke bezeichnet werden. Im 1. Stock 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 35 



sind 13 Klassen, darunter 7 schlechte, bei denen nur */ 2 bis l / z brauchbar 
ist. Ein sehr helles Bibliothekzimmer könnte besser als Klasse benutzt 
werden. Schlecht sind die drei Zimmer gegenüber dem dreistöckigen 
Hause Taschenstrasse No. 1 und 2 (altes Theater); sehr gut dagegen 
die gegenüber von No. 3, welches nur einen Stock hoch ist. In letzterem 
hat der dunkelste Platz noch immer 81, statt 50 Grad. Ein Zimmer, 
das nach Süden, nach der Liebichshöhe sieht, zeigt sogar 91 Quadrat- 
grade am dunkelsten Platze. So müssen Schulzimmer aussehen! Im 
2. Stock sind von den 14 Klassen leider auch fünf zur Hälfte und mehr 
unbrauchbar. Im 3. Stock sind von 14 Zimmern 11 sehr schön; das 
auf dem Plane mit No. 270 bezeichnete Zimmer hat am finstersten 
Platze sogar 160 Quadratgrade statt 50. Aber leider sind drei Vorder- 
zimmer nach der Taschenstrasse, unter ihnen der siebenfenstrige Zeichen- 
saal, zu Y4 — V 3 ungenügend beleuchtet. Ein helles Conferenzzimmer 
sollte besser als Klasse verwendet werden. Unter 45 Klassen dieses 
neuen Gebäudes sind also im Ganzen mindestens neun nicht hinreichend 
hell, d. h. der fünfte Theil. Der Vortragende meint, dass sich dies 
voraus berechnen Hess. Denn die Taschenstrasse ist nicht doppelt so 
breit, als das alte Theater, das drei Stockwerke und Dachstuhl enthält 
und mindestens 25 m hoch ist; sondern sie ist an der Stelle des Schul- 
hauses nur 13,5 bis 13,8 m breit. Wenn man den 1. Stock benutzen 
wollte, so hätte die Entfernung des Schulhauses vom gegenüberliegenden 
Hause 38 statt 14 m, bei Benutzung des 2. Stockes 26 statt 14 m, bei 
Benutzung des 3. Stockes 18 m statt 14 m betragen, das Schulhaus 
also um 24 oder 12 oder 4 m zurückgerückt werden müssen. Nun aber 
sind die sieben Zimmer, welche dem hohen Hause gegenüberliegen , für 
immer geschädigt, das lässt sich nicht ändern. Aber dasselbe Geschick 
droht leider noch acht Zimmern, die nach der Taschenstrasse gehen, 
sobald das jetzt niedere einstöckige Haus No. 3 ebenfalls einen Aufbau 
bis /um 3. Stock erhalten wird. Damit wenigstens diese Gefahr 
abgewendet werde, muss das Haus No. 3 baldigst von der Stadt angekauft 
werden; sonst werden die jetzt sehr hellen Zimmer ebenso finster wie 
ihre Nachbarn. Auch war bei der Schmalheit des Kanonenhofes und 
der Höhe der Hinterhäuser der Ohlauerstrasse vorauszusehen, dass die 
diesen gegenüberliegenden sechs Zimmer, die nach Norden sehen, im 
1. und 2. Stock zu dunkel werden würden. Es wird meist gesagt: der 
einjährige Aufenthalt in einer dunklen Klasse sei nicht schädlich, wenn 
die anderen Jahre nur in hellen Räumen verbracht werden. Der Vor- 
tragende bemerkt, dass er sich bei seinen eigenen Kindern vom Gegen- 
theil überzeugt habe. Es sei sehr zu wünschen, dass in den Anstalten, 
deren früher gute Parterrezimmer durch vorgezogene Neubauten jetzt 
geschädigt worden, die Rectoren ins Parterre zögen und ihre hellen 
Räume in den oberen Stockwerken den Schülern überliessen. Bedauer- 

3* 



36 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

lieh findet der Vortragende auch die Anschaffung von lackirten Blech- 
schirmen für die Lampen der neuen Kanonenhofschule. Vor 8 Jahren 
habe er bereits nachgewiesen, dass unter diesem Schirme die Helligkeit 
nur 9 Meterkerzen, dagegen unter einem ebenso grossen polirten Blech- 
schirme 64 Kerzen betrage. Zudem ist letzterer noch 60 Pf. billiger 
als der lackirte. Vielleicht Hesse sich diese Bestellung noch rückgängig 
machen. Bei aller Anerkennung vor den baulichen Leistungen und dem 
offenbaren Bestreben der Baumeister, etwas Gutes auf dem gegebenen 
Platze zu liefern , scheint es dem Vortragenden doch , als wären die 
Pläne vor dem Bau nicht gründlich genug in Bezug auf das Licht geprüft 
worden. In die enge Taschenstrasse gehört, seiner Ansicht nach, ein 
neues Schulhaus ebensowenig, als vor die hohen Kirchen der Stadt. Die 
Zuziehung von sachverständigen Schulärzten werde in Zukunft bei Schul- 
bauten unerlässlich sein. 

7. Sitzung am 2. Juni 189 3. 

Tagesordnung: 

Herr Dr. Schneidemühl: 

Heber die wissenschaftlichen Grundlagen und die praktische Regelung 

der Fleischbeschau 
mit Demonstrationen. 

Ausführlich veröffentlicht in der „Deutschen Medicin. Wochenschrift" 
1893, 9/XI u. f. 

8. Sitzung am 10. November 189 3. 

Tagesordnung: 

1) Herr Sanitätsrath Dr. Jacobi: 

Ueber Fleischvergiftungen. 

So reich die Literatur über Fleischvergiftungen auch ist, verdient 
noch jeder neue Fall eingehende Untersuchung und Veröffentlichung, 
weil unsere Kenntnisse auf diesem Gebiete sehr lückenhaft sind und 
dieser Mangel an Wissen für die allgemeine Fleischbeschau die Haupt- 
schwierigkeit bildet. — Vom 14. bis 16. October d. J. erkrankten in 
Breslau 86 Personen in 26 Haushaltungen an heftigem acutem Magen- 
darmkatarrh, zum Theil mit Fieber, Herpes, Schwindel, Hinfälligkeit und 
langsamer Reconvalescenz, aber ohne Lähmungserscheinungen, nachdem 
sie 3 bis 16 Stunden vorher rohes gehacktes Rindfleisch genossen hatten. 
Alle ohne Ausnahme, die, wenn auch noch so wenig, von diesem rohen 
gehackten Fleische gegessen hatten, erkrankten; alle Familienmitglieder, 
die nicht davon gegessen hatten, blieben gesund. In den 26 Haus- 
haltungen ist das Fleisch nur roh genossen worden, ob in anderen 
gekocht oder gebraten, ist nicht bekannt. Im Ganzen entsprach die 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 37 



Schwere der Erkrankung der Quantität des Genossenen. Das Meiste, 
was ein kräftiger Erwachsener verzehrt hatte, waren ca. 125 Gramm 
(für 20 Pf.); sonst betheiligten sich an einer solchen Masse bis 6 Per- 
sonen! Wahrscheinlich verdanken wir es dieser Massigkeit, dass Keiner 
gestorben ist. Das Fleisch hatte schön frisch -roth ausgesehen, nicht 
gerochen, aber Einigen schlecht geschmeckt. Es wurde ermittelt, dass 
dieses Fleisch hier bei zwei hiesigen Wurstmachern und von diesen am 
13. October von einem Händler gekauft worden war, der es vom Lande 
hereingebracht hatte. Jetzt kommen wir an einen Punkt, der der 
gerichtlichen Erörterung überlassen bleiben muss, nämlich die Frage: 
Stammte das Fleisch von einer Kuh, die, weil sie einige Tage nach dem 
Kalben nicht gesund war, geschlachtet, aber von einem Thierarzt für 
geniessbar erklärt worden war, oder — in Folge einer Verkettung von 
Umständen — von einer zweiten Kuh, die thierärztlich verworfen wurde, 
weil sie eine kranke Leber und wässerige Muskeln zeigte? Tertium 
non datum. Arsenik wurde in dem Fleische nicht gefunden. Das Con- 
servesalz (Meat preserve), das dem Fleische das täuschende frisch-rothe 
Aussehen gab, schweflig-saures Natron, ist an sich wohl giftig, nicht 
aber in den sehr geringen Mengen, die hier genossen wurden. Dagegen 
wurde in dem hiesigen hygienischen Institute in dem Fleische ein 
pathogener Bacillus gefunden. — Von den früheren Fleischvergiftungen 
verliefen viele genau so wie diese oder ähnlich. Andere wieder zeigten 
Lähmungserscheinungen, Pupillen - Erweiterung, Accommodations- und 
Gaumenlähmung. In seltenen Fällen sah man auch Hautausschläge mit 
Abschuppung. Offenbar entstehen die Fleischvergiftungen entweder durch 
ein Leichengift, oder durch ein Krankheitsgift, oder durch beides zusammen, 
zumal da das Fleisch kranker Thiere vielfach schneller der Zersetzung 
anheimfällt. Die Lähmungen werden wahrscheinlich durch ein Leichen- 
gift veranlasst, die gefährlichsten Vergiftungen sind die der dritten Art. 
Die Erkrankungen der Menschen erfolgen durch Intoxication oder durch 
Infection oder durch beides vereint. Ptomaine und Toxine werden durch 
Kochen nicht zerstört, daher sind selbst Vergiftungen durch Fleischbrühe 
beobachtet worden, indessen steht fest, dass die allermeisten Erkran- 
kungen überall durch den Genuss von rohem oder halbrohem Fleisch 
veranlasst worden sind, und dass diejenigen, die das giftige Fleisch 
gekocht oder gebraten assen, oft gesund blieben, während diejenigen, 
die es roh oder halbroh verzehrten, fast alle erkrankten. — Mehr als 
die Hälfte der Fälle von Fleischvergiftungen ist durch das Fleisch von 
kranken Kühen herbeigeführt worden, und sicher ist, dass die puerperalen 
Erkrankungen (Metritis, Mastitis) hierbei die gefährlichsten sind. Dem- 
nächst, aber schon viel weniger, war Kalbfleisch die Ursache. Kühe, 
die nach dem Kalben fieberhaft erkrankt sind, sollten deshalb ohne 
Ausnahme für ungeniessbar erklärt werden. 



38 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Wie können wir uns gegen solche Gefahren schützen? In unserem 
öffentlichen Schlachthause wird zuverlässige Controle geübt, aber noch 
heute werden in Breslau privatim jährlich ca. 18 000 Stück Vieh 
geschlachtet, wovon allein die ca. 12 500 Schweine der Fleischbeschau 
unterliegen. Wir werden ein neues Schlachthaus bekommen, und damit 
werden die Privatschlachtstätten verschwinden. Aber das neue Schlacht- 
haus bleibt eine unvollkommene Einrichtung, wenn nicht auch gesunde 
controlirte Fleischverkaufshallen, also Markthallen, bestehen. Und ferner 
wird immer noch von ausserhalb ausgeschlachtetes Fleisch eingeführt 
werden (gegenwärtig in Breslau wie in Berlin ein Sechstel des Consums), 
das nicht controlirt werden kann, weil Fleisch nur zu begutachten ist, 
wenn das Thier vor dem Schlachten und unmittelbar nach dem Schlachten 
untersucht wird. Hier hilft nichts als die obligatorische allgemeine 
Fleischbeschau, die von allen Seiten gewünscht, in vielen Staaten 
Deutschlands bereits eingeführt und bewährt, auch für Preussen bereits 
seitens der Ministerien in Aussicht genommen ist. Indessen hat sie ihre 
Bedenken. Sie kann das Fleisch vertheuern. Das Fleisch muss aber 
nicht nur gesund, sondern auch billig sein. Das Budget der Arbeiter- 
Familien hat nach einer Enquete des Vortragenden in Breslau für die 
ganze Woche nur 75 Pf., 1 Mark 20 Pf., 1 Mark 50 Pf. und höchstens 

2 bis 3 Mark für Fleisch übrig. Daher sind nothwendige Correlate der 
allgemeinen Fleischbeschau die Freibank oder eine ähnliche Einrichtung, 
Schlachtviehversicherung, möglichste Ausnutzung des Verworfenen durch 
Reformen im Abdeckereiwesen, genaue Directiven für die Fleischbeschauer 
und Ausführungsbestimmungen zu § 5 alin. 3 des Nahrungsmittelgesetzes. 
Die letzteren Fortschritte werden gleichzeitig zur Folge haben, dass 
Willkür und Ungleichmässigkeit bei der Begutachtung des Fleisches 
aufhören, und dass verworfenes Vieh in den Verkehr nicht mehr zurück- 
gebracht werden kann. 

Im Anschluss an diesen Vortrag des Herrn Sanitätsrath Jacobi 
theilte Herr Professor Flügge Einiges über seine Versuche von Ver- 
fütterung dieses giftigen Fleisches an Mäuse mit; die Thiere bekamen 
starke Diarrhöen und starben nach 2 bis 3 Tagen. Im Darme derselben 
fand sich eine Reincultur von Bacterien, die ähnlich dem Bacterium coli 
waren. Aus dem Darminhalt und aus den inneren Organen der Mäuse 
wurden dieselben Bacterien isolirt, die aus dem vergifteten Fleische 
gewonnen waren. Etwas von den Reinculturen wurde auf Weissbrot 
gebracht und neuen Mäusen gegeben; auch diese gingen nach 2 bis 

3 Tagen unter gleichen Symptomen zu Grunde und zeigten im Innern 
ihrer Organe wieder dieselben Bacterien. Bei Injection unter die Haut 
und in die Bauchhöhle kamen sie massenhaft im Blut und in den Organen 
vor und die Thiere starben schon nach 20 bis 24 Stunden. Diese Bac- 
terienart vermehrt sich also sehr schnell im Organismus und wirkt 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 39 



schliesslich durch ein Toxin ; denn die Menge der Bacterien ist nicht 
so massenhaft, dass sie mechanisch wirken könnte. Die Schnelligkeit 
des Verlaufs beim Menschen zeigt auch, dass ein Toxin gebildet wird 
schon nach 3 Stunden. — Das Fleisch selbst sah übrigens ganz unver- 
ändert aus , hatte keinen üblen Geruch und schien ganz unverdächtig. 
Zur Sicherheit wurde noch eine Reihe von Control-Versuchen gemacht; 
verfütterte man faules Fleisch, so entstand eine andere Krankheit, die 
Mäuse -Sepsis. Die specifische Wirkung jener Bacterien ist also fest- 
gestellt, sie waren die Krankheitserreger bei den Menschen. Interessant 
wird es nun sein, das Gift, das Ptomain oder Toxalbumin selbst zu 
untersuchen. 

Herr Stadtrath Dr. Steuer wünscht zu wissen, ob auch Versuche 
mit gekochtem Fleische gemacht worden, ob es auch trotz des Kochens 
seine Giftigkeit behalten. 

Herr Professor Flügge erklärt, dass bisher nur rohes Fleisch zu 
Thier versuchen verwendet wurde, dass die Versuche aber noch nicht 
abgeschlossen seien und auch mit gekochtem Fleische werden vor- 
genommen werden. 

2) Herr Schulrath Dr. Hipp auf: 

Ueber seine verbesserte Schulbank. 

Herr Schulrath Dr. Hippauf aus Ostrowo erläuterte seine neuver- 
besserte Schulbank- Construction unter Vorführung eines 2 m langen, 
d. i. viersitzigen Modells in natürlicher Grösse. Die Vorzüge dieses 
vervollkommneten, in erster Linie für die Bedürfnisse der öffentlichen 
Volksschule bestimmten Systems bestehen in folgenden Punkten: 
A. Die Sitzplatte ist im Ganzen beweglich und kann mittelst des 

eisernen, leicht functionirenden Hebelwerkes in drei verschiedene 

Lagen gebracht werden, und zwar: 

1. Vorderlage — Minusdistanz — Schreibstellung; hinter der Bank 
ein Gang für den Lehrer zur Controle der schriftlichen Beschäf- 
tigung der Schüler; 

2. Hinterlage — einfache Plusdistanz — Sitzen mit Anlehnung an 
das nächste Pult — Raum zum Stehen beim Einzellesen und 
Antworten ; 

3. Aufklappung der Sitzplatte — erweiterte Plusdistanz, Raum zu 
längerem bequemen Stehen beim Gesang und zur Vornahme 
turnerischer Freiübungen behufs Aufmunterung der Schüler bei 
eingetretener Ermattung und Erschlaffung. 

B. Wiewohl die Ansichten über die Bedeutung und den Werth einer 
sogenannten Kreuzlehne, welche bei der Schreibhaltung des Schülers 
zur Geltung kommen soll, um zu weites Rückwärtsrücken des 
Kreuzes und damit zusammenhängendes zu weites Vorwärtsbeugen 



40 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



des Oberkörpers zu verhüten, bei Lehrern und Aerzten noch aus- 
einandergehen, hat der Vortragende doch den Beweis erbracht, dass 
die Forderung auch einer solchen Ausrüstung bei seinem Schulbank- 
System auf keine mechanischen Schwierigkeiten stösst. Er hat 
daher eine Kreuzlehne derartig eingerichtet, dass sie für Schreiben 
(Vorderlage der Sitzplatte) hochgestellt, beim übrigen Unterricht 
(Hinterlage der Sitzplatte) heruntergelassen, endlich vor Aufklappung 
der Sitzplatte gänzlich ausgehoben und bei Seite (unten auf die 
Schwelle der Bank) gelegt werden kann. 

Die ohne jegliche Schwierigkeiten innerhalb der Schulbank vor- 
zunehmenden turnerischen Freiübungen hat Herr Dr. Hipp auf für Ober-, 
Mittel- und Unterstufe der Volksschule zusammengestellt und in gedruckter 
Anleitung vorgelegt. 

Nachdem mit einigen Kindern Sitzversuche an der Hippaufschen 
Bank vorgenommen worden, bemerkt Herr Dr. Silbermann, dass ihm 
die Höhe der Rückenlehne zu gering erscheine, da dieselbe nicht bis 
zu den Schulternblättern reiche. Ferner weist er darauf hin, dass die 
bei den schriftlichen Arbeiten benützte Kreuzlehne keine genügende 
Stütze für die gesammte Rumpf-Muskulatur biete, denn erfahrungsgemäss 
ermüden muskelschwache oder gar schon etwas schiefe Schüler ohne 
genügende Rückenstütze leicht nach kurzer Zeit, beugen sich stark nach 
vorn und fallen in sich zusammen. 

Auch Herr Dr. Kuznitzky kann sich principiell mit der Kreuz- 
lehne nicht einverstanden erklären; auch er wünscht volle Kreuz- und 
Rückenlehne. Hält man aber das Princip der Kreuzlehne für richtig, 
so sei wenig an der Hippaufschen Schulbank auszusetzen. Zunächst 
wäre eine Wölbung des Sitzes, die nach hinten abfällt, dem geraden 
Sitze vorzuziehen, weil bei letzterem die Kinder leicht auf die vordere 
Kante rutschen. Dann wäre ein Ausschnitt für die Brust an dem Tische 
wünschenswerth. Dadurch würde jeder Druck auf die Brust wegfallen 
und die Bank könnte nur für die von Anfang an bestimmte Zahl von 
Kindern benutzt werden. 

Herrn Professor Rosenbach scheint das Fussbrett etwas zu schmal, 
so dass die Fersen beim Stehen darüber hinausragen. 

Herr Schulrath Hippauf betont, dass an jedem Modell die für die 
betreffende Grösse des Kindes richtige Breite des Fussbretts gearbeitet 
wird; eines der hier vorgeführten Kinder sei zu gross für das mit- 
gebrachte Modell. 

Der Vorsitzende, Herr Professor Hermann Cohn, bemerkt, dass 
bis in die neueste Zeit wohl alle Aerzte einig waren über den Nutzen 
der Kreuzlehne, wie sie aus anatomisch -physiologischen Gründen von 
Professor Hermann Meyer in Zürich 1867 in Virchow's Archiv 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 41 

empfohlen worden. Erst in den letzten Jahren hätten einige Orthopäden 
diese Unterstützung nicht ausreichend gefunden, sondern zur Kreuzlehne 
noch eine Rückenlehne verlangt. Gewiss sitzt man so noch bequemer 
zum Ausruhen-, ob man aber in dieser Stellung lange Zeit schreiben 
kann, sei noch nicht nachgewiesen. Jedenfalls sei die Frage noch eine 
offene, und es empfehle sich, in der nächsten Sitzung, in der er selbst 
einige neuere Schreibtische zeigen werde, diese theoretischen Fragen zu 
erörtern. Hier handle es sich doch nur darum, festzustellen, ob die 
von Herrn Dr. Hipp auf angegebene Technik der Kreuzlehne gut, billig 
und bequem sei, und da müsse er denn sagen, dass dies wohl der Fall. 
Freilich sei es bedauerlich, dass nicht jeder Schüler die Sitzplatte für 
seinen Sitz allein verschieben könne und seine eigene Kreuzlehne habe, 
sondern dass immer nur 4 Kinder zugleich diese Veränderungen vor- 
nehmen können. Es sei dies um so mehr bedauerlich, als Herr Schulrath 
Dr. Hipp auf mitgetheilt, dass in einer Volksschulklasse meist 80 Kinder 
zusammensitzen; dann werden natürlich, da Sitz und Lehne gemeinsam 
seien, bei Platzmangel gewiss mehr Kinder in dieselbe Bank gestopft, 
als zulässig. Indessen man dürfe nicht vergessen, dass es sich meist 
um Dorfschulen handle, in denen die Anstrengung der Kinder keine 
grosse sei, und man müsse daher dankend anerkennen, dass ein Schul- 
mann sich die Mühe gegeben, eine praktische Kreuzlehne an seinem 
Subsellium anzubringen, die den Forderungen der Mehrzahl der Aerzte 
entspräche und sicher besser sei, als gar keine. 



9. Sitzung am 22. December 1893. 

Tagesordnung: 

1) Herr Geh. Rath Ferdinand Cohn: 

Ueber Antisepsis und Desinficirung durch Formaldehyd. 

Der Vortrag des Herrn Geh. Rath. Ferdinand Cohn ist in Ver- 
bindung mit einer von dem Vortragenden am 16. November in der 
botanischen Section gemachten Mittheilung „über Formaldehyd und seine 
physiologische Bedeutung" in den Verhandlungen der botanischen 
Section abgedruckt. 

An den Vortrag des Herrn Geh. Rath Ferdinand Cohn schloss 
sich eine kurze Debatte. 

Herr Professor Flügge setzt keine grossen Hoffnungen auf die 
Anwendung des Formalins bei der Desinfection im Grossen. Dazu 
müssen wir ein durchaus sicheres Mittel haben, das in kürzester 
Zeit alle Krankheitskeime völlig abtödtet, auch im Inneren der 
Objecte, der Kleider, der Betten. In dieser Beziehung haben die Ver- 
suche von Professor Lehmann ergeben, dass das Formalin nicht aus- 



42 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



reichte; er brachte Bündel von Kleidern in kleine Kisten, setzte diese 
den Formalindämpfen aus; allein auf den inneren Flächen der Kleider 
wurden noch nicht getödtete Keime gefunden. Die Abtödtung war selbst 
nach langer Einwirkung noch nicht ganz sicher, bei Milzbrand z. B. noch 
nicht nach 40 Stunden. Auch hatten die herausgenommenen Kleider 
einen stark reizenden Geruch, so dass sie davon erst wieder durch 
Ammoniak befreit werden mussten. Dagegen könnte das Formalin, wie 
auch Lehmann meint, sehr wohl beschränkte praktische Anwendung 
finden bei Objecten, die man nicht in strömendem Wasserdampfe 
behandeln kann, z. B. bei Ledersachen, bei Kämmen, Bürsten und anderen 
Dingen der Friseure; aber auch hier ist eine mindestens einstündige 
Dauer der Einwirkung des Dampfes nöthig. Ferner gelingt die Des- 
infection von Büchern bisher noch recht schwierig; aber leider dringt 
auch Formalindampf nicht recht zwischen die Blätter der Bücher ein. 
Also im grossen Ganzen dürfen wir nicht viel Hoffnungen auf das 
Formalin als Desinficiens setzen, wenn auch die Conservirung von 
Pflanzen- und Thiertheilen für den Unterricht recht dankenswerth ist. 

Herr Sanitätsrath Dr. Richter bemerkt, dass Formalin zu 0,1 g 
innerlich gegeben, wirkt wie Antifebrin, äusserlich wie Cocain. 

Herr Dr. Jadassohn berichtet im Anschluss an die vom 
Vortragenden mitgetheüten Ergebnisse über Versuche, welche Herr 
Dr. Haurwitz auf seine Veranlassung im Laboratorium der Der- 
matologischen Abtheilung des Allerheiligen-Hospitals angestellt hat; die- 
selben beweisen wohl, dass jedenfalls in kleineren Verhältnissen das 
Formalin eine wesentliche Bereicherung unserer Desinfectionsmittel 
darstellt. 

Manche Kathetersorten, speciell die „grünseidenen" Katheter, welche 
wegen ihrer ausgezeichneten Elasticität sehr gern und viel angewendet 
werden, sind nur sehr schwer so zu desinficiren, dass sie sicher steril 
sind und zugleich längere Zeit unversehrt erhalten werden können. 
Trotz aller Experimente, welche von der Guyon'schen Schule über die 
Desinfection solcher Instrumente gemacht worden sind, ist noch keine 
wirklich bequeme und unschädliche Methode gefunden worden. Herr 
Haurwitz hat Stücke von solchen Kathetern und von Nelatons mit 
Bouillonculturen verschiedener Bacterien (Bacterium coli, Staphylococcen, 
Milzbrand-, Cholera-, Typhus-, Pyocyaneus) inficirt und sie dann in einen 
einfach durch Pergamentpapier verschlossenen Topf gebracht, in welchem 
ein kleines Schälchen mit Formalin aufgestellt war. Meist schon nach 
y a Stunde waren die Bacterien getödtet. — Von den Katheterstücken, 
die mit sterilisirtem Wasser zur Entfernung der Formaldehyddämpfe 
gründlich abgespült wurden, wuchsen auf neuem Nährboden keine Cul- 
turen mehr. Controlversuche - — Abspülung der inficirten Stückchen 
bloss mit sterilem Wasser — ergaben naturgemäss fast immer Wachs- 



I. Abtheilung. Hygienische Seetion. 43 

thum der betreffenden Keime. In Bezug auf Milzbrandsporen sind die 
Versuche noch nicht abgeschlossen. Dagegen ist durch tägliches Abwischen 
eines ganzen Katheters mit feuchter Watte und tägliches Einbringen 
desselben in eine auf die beschriebene Weise hergestellte Formaldehyd- 
atmosphäre (durch 24 Stunden) der Nachweis erbracht, dass sich solche 
Katheter (bisher 5 bis 6 Wochen hindurch) ganz unversehrt erhalten haben. 
Das Arbeiten mit dem Formalin hat unter den beschriebenen Verhält- 
nissen zu irgendwelchen Unzuträglichkeiten nicht geführt. 

Diese Desinfectionsmethode, die jedoch auch noch für viele andere 
medicinische Instrumente, welche durch andere Desinfectionsmethoden 
leiden (auch Messer scheinen dabei gar nicht zu leiden), verwerthbar 
ist, stellt jedenfalls für die Patienten, denen der Arzt den Katheter 
selbst in die Hand geben muss, einen wesentlichen Fortschritt in Bezug 
auf Sicherheit, Bequemlichkeit und Billigkeit dar. 

2) Herr Dr. Kuznitzky: 

Ueber ein neues Arbeitspult. 

Nach den bahnbrechenden Untersuchungen von Meyer, Professor 
Hermann Cohn u. A. sind schon so viele Pulte construirt worden, 
dass man billig fragen könne, wozu noch ein neues Pult demonstrirt 
werden solle. 

Der Vortragende hat aber in seiner Thätigkeit als Orthopäde so 
viele schiefe und krummsitzende Kinder auch in den neuesten Pulten 
beobachtet, dass er die Construction eines neuen Pultes, in dem die 
Kinder grade sitzen müssen und können , als durchaus nothwendig 
empfunden. 

Schon Meyer wies darauf hin, dass die Kinder beim Gradesitzen 
sich in einer sehr labilen Gleichgewichtslage befinden, die sie bei der 
Beweglichkeit der Hüftgelenke nur durch angespannte Muskelthätigkeit 
erhalten können. Da dies in kurzer Zeit zur Ermüdung führt, müssen 
sie nach hinten (hintere Sitzlage), oder nach vorn (vordere Sitzlage) 
fallen. Beim Schreiben geschieht natürlich das letztere, wobei der Körper 
von der Tischkante gewissermaassen aufgefangen wird. 

Das Beugen nach vorn und die Krümmung der Wirbelsäule wird 
noch begünstigt durch die positive Distanz und durch eine horizontale 
Tischplatte, da in diesem Falle behufs ordentlichen Sehens der Kopf 
gesenkt werden muss, was die weitere Vorbeugung des Rückens unbedingt 
nach sich zieht. Man hat deshalb schon lange die negative Distanz und 
eine schiefe Neigung der Tischplatte gefordert. Ausserdem wurde die 
Bank nach hinten ausgeschweift und verlangt, dass die Kinder in der 
hinteren Sitzlage (Rectinationslage) sitzen sollen. Dazu muss aber die 
Neigung der Tischplatte und die negative Distanz so bedeutend werden, 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

dass ein ordentliches Schreiben kaum möglich ist. Zugegeben muss 
aber werden, dass zum Ausruhen die hintere Sitzlage die rationellste 
ist. Es musste daher die Lehne so beschaffen sein, dass sie sowohl die 
hintere Sitzlage, als auch das Gradesitzen beim Schreiben und Lesen 
gestattet, oder vielmehr das letztere erleichtert und ermöglicht. Dazu 
eignet sich die Stütze von Kuhn (nach von Reuss), da dieselbe in 
einem gewissen, leicht zu bestimmenden Grade die Beweglichkeit der 
Lehne nach hinten und vorn gestattet und ausserdem durch zwei Arm- 
stützen die Wirbelsäule vollkommen entlastet. Entgegen den Befürch- 
tungen, die auch ich zum Theil früher hegte, hat mir eine fünfjährige 
Praxis bewiesen, dass diese Stütze gerade wegen der Beweglichkeit der 
Lehne den Kindern nicht die mindeste Unbequemlichkeit bereitet und 
andererseits durch völlige Entlastung der Wirbelsäule das Gradesitzen 
ohne Muskelanstrengung ermöglicht. 

Endlich muss noch erwähnt werden, dass sehr viele Kinder die 
Neigung haben, den Körper auf dem Becken nach rechts oder links 
(Inflexion) zu verschieben und demgemäss das Buch auch nach rechts 
oder links legen. Diesem Beginn der Rückgratsverkrümmung arbeite 
ich dadurch entgegen, dass auf beiden Seiten der Tischplatte zwei Reihen 
von Löchern gebohrt sind, eine innere und eine äussere. Dazu gehören 
zwei Zapfen, die je nach Erforderniss auf der einen Seite in ein äusseres 
und auf der andern Seite in ein inneres Loch hineingesteckt werden. 

Auf diese Weise wird der Spielraum auf einer Seite eingeengt und 
das Kind gezwungen, mit dem Körper sich nach der andern Seite, wo 
jetzt mehr Spielraum vorhanden ist, zu beugen. 

Nach obigen Principien kann die Tischplatte, die zum Spielen 
horizontal liegt, mit Leichtigkeit in die negative Distanz und in schiefe 
Neigung gebracht und in dieser Stellung erhalten werden. Der Mecha- 
nismus ist hierbei, wie auch sonst, so einfach, dass eine etwa not- 
wendige Reparatur auch in der kleinsten Stadt besorgt werden könnte. 
An der hinteren Tischkante ist noch ein runder Ausschnitt zu erwähnen, 
damit die Brust nicht gedrückt werden kann. Am Tisch ist auch ein 
grosser verschliessbarer Raum für Schulmappe und Bücher vorhanden, 
so dass ein Bücherschrank dadurch überflüssig wird. Endlich kann der 
Tisch durch eine Kurbel mit grosser Leichtigkeit nach Belieben höher 
oder niedriger gestellt werden. Die Sitzplatte ist vorn höher und nach 
hinten ausgeschweift; das Fussbrett reicht vom Sitz bis zum Tisch 
schräg nach oben, so dass die Füsse auf demselben unbedingt stehen 
müssen. Dass auch die oben erwähnte Stütze von Kuhn für alle Grössen 
zu stellen ist, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. 

Erwähnen möchte ich noch, dass die Tischplatte auch nach dem 
hinteren Tischrande zu schräg gestellt werden kann, um event. im Stehen 
zu schreiben oder zu zeichnen. 



I. Abtheilung. Hygienische Section. 45 

Auch lässt sich die Vorrichtung für die Vorlagen umstellen, so dass 
sie auch als Notenpult benutzt werden kann. 

Das ganze Pult ist zu haben bei Tischler Schaker, Weiden- 
strasse No. 5. 

Im Anschluss an den Tisch von Dr. Kuznitzky demonstrirte 
Professor Hermann Cohn den Schindler'schen Stehsitz; derselbe 
scheint wohl sehr originell, aber nicht empfehlenswerth, da 1) die labile 
Befestigung des Sitzes der Jugend vielen Anlass zur Zerstörung geben 
dürfte, da 2) die Tische sehr hoch sein müssten, damit der Ellenbogen 
in der Stehstellung die Tischplatte erreichen könne und da 3) offenbar 
durch den eigentümlichen Reitsitz die Genitalien gerieben und somit 
die schon so verbreitete Onanie noch vermehrt werden würde. 

Hierauf fand die einstimmige Wiederwahl der bisherigen Secretäre 
Flügge, Jacobi und H. Cohn für die nächsten 2 Jahre statt. 



Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



71. 

Jahresbericht. 

1893. 



IL Abtheilung. 
Naturwissenschaften. 

a. Naturwissenschaftliche Section* 



Sitzungen der naturwissenschaftlichen Section im Jahre 1893. 



Sitzung am 31. Januar 189 3. 

Ueber neue geologische Schriften und Kartenwerke. 

Von 
Geh. Bergrath Althans. 

Der Vortragende legte mehrere, neu erschienene geologische Schriften 
und Kartenwerke vor. Das 2. Heft von Ed. Reyer's geologischen und 
geographischen Experimenten bringt, im Anschluss an die im 1= Hefte 
behandelten Faltungen geschichteter Gesteine durch Gebirgsschiebungen 
in horizontaler Richtung, zahlreiche Abbildungen von Umbildungen 
verschieden gefärbter plastischer Massen, welche durch Einwirkungen 
eines von unten kommenden Druckes auf mehr oder minder feste 
Schichten wie bei vulkanischen und Massen-Eruptionen künstlich in 
grösster Mannigfaltigkeit und Uebereinstimmung mit der Natur hervor- 
gebracht sind. • — Der früher in Grünberg, jetzt in Görlitz wohnende 
Bergrath v. Rosenberg-Lipinsky hat im Jahrbuche der Preussischen 
Geologischen Landesanstalt für 1891 aus dem Actenmaterial des ihm 
unterstellten Bergreviers und nach eigenen und früheren Beobachtungen 
eine sehr werthvolle Schrift „Die Verbreitung der Braunkohlenformation 
im nördlichen Theile der Provinz Schlesien" veröffentlicht. Er be- 
handelt darin den landschaftlichen Charakter, die Schichten-Faltungen 
und Zerstörungen in den als „Katzengebirge" bekannten Höhenzügen: 
Trebnitz- Winzig, Raudten-Gross-Kauer, Dalkau-Freistadt-Naumburg a./B., 
sowie in dem daran anschliessenden Höhenzug: Reichenau-Grünberg- 
Saabor. Die zahlreichen, nur ausnahmsweise erfolgreichen Bergbauver- 
suche und Schürfbohrungen nach Braunkohlen ergeben für das Katzen- 
gebirge einen auf 25 Meilen Erstreckung übereinstimmenden Verlauf 
der vielfach steil aufgerichteten Braunkohlenlager von Ost-Süd-Ost nach 
West-Nord-West. Dagegen verlaufen die Grünberger Braunkohlenlager 
mit ihren Mulden und Sätteln abweichend von West-Süd-West nach 
Ost-Nord-Ost. 

1 



. 



2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Verfasser schildert dieses Hügelland als der Moränen-Landschaft der 
bairischen Hochebene typisch ähnlich, ohne jedoch auf dessen eiszeitliche 
Entstehung näher einzugehen. Der Vortragende bemerkte hierzu ab- 
weichend von der Auffassung des Verfassers, dass die Gleichförmigkeit 
des Streichens der Lager und deren vielfältige Zusammenschiebung zu 
zerfetzten Sätteln und Mulden durch die Schubwirkung der Gletscher- 
ströme der Eiszeiten hervorgebracht sein müsse. Die Faltung der 
Grünberger Braunkohlenlager liegt quer zur Richtung des skandinavischen 
Eisstroms der älteren Haupteiszeit, welche von Schonen über das Haff 
längs der Oderniederung nach Grünberg gehend anzunehmen ist. Sie ist 
durch die Einwirkungen der jüngeren Haupteiszeit, deren Strömung von 
Livland und Kurland her durch die Danziger Bucht, die Weichsel- 
niederung und die Brüche der Obra und Wartha nach Niederschlesien 
gerichtet war, anscheinend wenig verändert, weil der Schreitgletscher 
dort nicht weit genug reichte. Das Katzengebirge ist dagegen als die 
stark aufgepresste Endmoräne der jüngeren Eiszeit zu betrachten. Die 
Faltungen der älteren Eiszeit erscheinen hier quer zu der abweichenden 
Druckrichtung der jüngeren Eiszeit umgefaltet und daher auch umso- 
mehr zerrüttet und zerfetzt. 

Die vorliegende mühevolle Zusammenstellung der bisher gemachten 
Gebirgsaufschlüsse, die wir dem Verfasser verdanken, wird weitere 
Studien über eiszeitliche Verhältnisse jedenfalls sehr wesentlich er- 
leichtern. Unternehmungen zur Ausbeutung von Braunkohlen-Ab- 
lagerungen werden durch die Arbeit wenig ermuthigt. 

In den Jahren 1872 — 1885 waren seitens der Preussischen Berg- 
behörde im oberschlesischen Industriebezirke bergbauliche Kartirungen 
unternommen worden, wobei das Entgegenkommen der Russischen Berg- 
behörde gestattete, diese Arbeiten auch auf den nach Polen hinüber- 
reichenden Theil des oberschlesischen Kohlenbeckens auszudehnen. 
Eine im Jahre 1885 gebildete Commission der russischen Bergbehörde 
hat im engen Anschluss an die vorausgegangenen preussischen Arbeiten 
das bergbaulich bedeutende polnische Grenzgebiet bis nach Olkuscz hin 
topographisch, geologisch und bergbaulich aufgenommen und kartirt. 
Die Specialkarte im Maassstabe 1 : 10 000 ist noch im Druck begriffen. 
Die Uebersichtskarte im Maassstabe 1 : 50 000 liegt mit der Erläuterungs- 
schrift des Leiters der Commission, Bergingenieur Lempicki von dem 
Bergdepartement in Petersburg veröffentlicht vor. Die überaus werth- 
volle Arbeit ist dem deutschen Leserkreise durch den Generaldirector 
der Gewerkschaft Graf Renard, Herrn Louis Mauve in Sielze zu- 
gänglich gemacht worden. 

Die Uebersichtskarte reicht in Oberschlesien bis Zabrze, ' in Polen 
bis Olkuscz, in Galizien bis Jaworzno und Siercza. Sie stützt sich im 
preussischen Gebiet auf die im Jahre 1888 erschienene schöne Karte 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 



des Markscheiders Küntzel zu der Festschrift Kosmann's „Ober- 
schlesien, sein Land und seine Leute". Die Arbeiten Römer's und 
Degenhardt's auf polnisch-galizischem Gebiete und die unter Leitung 
des Vortragenden dort unternommenen bergbaulichen Kartirungen haben 
durch das russische Bergdepartement eine überaus werthvolle Vervoll- 
ständigung erhalten. Der in dortiger Gegend geologisch und bergbaulich 
vorzüglich bewanderte, durch liebenswürdige Gastlichkeit den Fach- 
genossen bekannte Uebersetzer hat zweifellos auch an dem Inhalte des 
Werkes hervorragenden Antheil. 

Hocherfreulich ist der enge topographische Anschluss an unsere 
früher begonnenen preussischen Kartenwerke sogar in der Netzein- 
theilung und in der Orientirung der Sectionen nach Parallelen des 
Meridians des Trockenbergs bei Tarnowitz. Die beiderseitigen geolo- 
gischen und bergbaulichen Aufschlüsse können daher ohne weiteres von 
den russischen auf die preussischen Blätter und umgekehrt übertragen 
und an den Landesgrenzen in Verbindung gebracht werden. 

Die Karte nebst Erläuterung ist für 6 Rubel durch Kreisingenieur 
K. Kondratowitsch, Dombrowa, Station der Warschau-Wiener Bahn, 
zu beziehen. 

Der Vortragende schloss daran noch Bemerkungen über die bei 
G. Siwin na in Kattowitz erschienene, geologisch und bergbaulich höchst 
werthvolle Schrift des Markscheiders Gaebler „Ueber Schichten-Ver- 
jüngung im oberschlesischen Steinkohlengebirge" von Mährisch-Ostrau 
bis Poln.-Dombrowa und zwar für dessen untere Abtheilung (unter dem 
Sattelflötz) von 4 auf y 2 Kilometer Dicke, sowie ferner über das volks- 
wirtschaftlich wichtige Ergebniss der vor 2 Jahren von dem Minister 
für Handel und Gewerbe angeordneten Erhebung über den Kohlenvor- 
rath der Ablagerungen in den Becken des preussischen Staates und ins- 
besondere der Provinz Schlesien. Dieses Ergebniss ist in der Schrift 
des Geheimen Bergraths Nasse „Die Kohlenvorräthe der europäischen 
Staaten, insbesondere Deutschlands und deren Erschöpfung" übersichtlich 
niedergelegt und mit den Ergebnissen gleichartiger Erhebungen in 
anderen Staaten Europas sowie in Nordamerika verglichen. Danach 
mag Deutschland wohl noch reichlich 500 Jahre aus seinen Steinkohlen- 
schätzen die Lebenskraft für Handel und Gewerbe entnehmen, Ober- 
schlesien aber erscheint von den deutschen Gebieten bei weitem am 
besten für die Zukunft versorgt. 

Ueber den geologischen Bau des transkaspischen Gebiets. 

Von 
dem Kaiserl. Russ. Wirkl. Staatsrath, Professor Dr. von Trautschold. 
Im letzten Bande der Verhandlungen der Petersburger mineralogischen 
Gesellschaft ist eine „kurze Skizze des geologischen Baus des trans- 

1* 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

kaspischen Gebietes von Muschketow" enthalten, aus welcher ich hier 
das Wesentliche mittheilen will, da der Inhalt der Schrift von Interesse 
ist und überdies den westeuropäischen Geologen wegen der Sprache 
(die Abhandlung ist russisch) meist unzugänglich sein dürfte. 

Das jenseits des kaspischen Meeres gelegene Land war bis zu den 
siebziger Jahren dieses Jahrhunderts fast ganz unbekannt, da es nur 
wenigen Reisenden wie z. B. Murawjöw und Vambery gelungen 
war dort einzudringen. Nach dem Feldzuge von Chiwa 1873 wurde 
der Zugang zu jenem Gebiete erleichtert, aber erst nachdem Geok-Tepe 
erobert und Merw zu Russland geschlagen war, traten dort friedliche 
Zustände ein, welche den Reisenden Sicherheit gewährten. Also erst 
während der letzten zwanzig Jahre konnten dort wissenschaftliche 
Forschungen ausgeführt werden. Ganze Expeditionen wurden ausge- 
rüstet, unter ihnen auch geologische, und die Ehre, der erste Pionier in 
dieser Richtung gewesen zu sein, gebührt dem Bergingenieur Kon schin. 
Aber die wenig gastlichen Wüsten würden auch dann noch alle Be- 
mühungen zu Schanden gemacht haben, wenn nicht besondere Umstände, 
namentlich der Bau der transkaspischen Eisenbahn, eine ökonomische 
Umwälzung in jenen Ländern hervorgebracht hätte. Nach der Schilderung 
Muschketow' s war das Land nach Verlauf von 7 — 8 Jahren nicht 
wiederzuerkennen. Noch im Jahre 1879 lief man Gefahr, dort vor 
Hunger oder unter dem Säbel der Tekinzen und Afghanen umzukommen, 
und selbst bei Tschardschui waren die Ufer des Amu-Üarja so wüst, 
dass es schwer hielt sich Lebensunterhalt zu verschaffen. An demselben 
Orte aber fand Muschketow im Jahre 1887 mechanische Werkstätten, 
elektrische Beleuchtung, Dampfschiffe, Eisenbahnzüge, Heliograph, Telephon, 
Brückenbau, ein Gewimmel von Arbeitern und völlige Sicherheit für 
Exkursionen nach allen Seiten hin. Nicht geringer waren die Ver- 
änderungen in Aschabad und Merw und alles das war ins Leben ge- 
rufen durch die vom General Annenkov ausgeführte Eisenbahn, er 
hatte alle Schwierigkeiten, die ihm vor Allem der Flugsand bereitete, 
zu besiegen gewusst. Dem General Annenkov ist auch die Anregung 
zur geologischen Untersuchung des Landes zu verdanken, denn es war 
für ihn von der grössten Bedeutung, Kenntniss von der Verbreitung des 
Flugsandes und von dem Horizont wasserführender Erdschichten zu er- 
langen. Mit der Leitung dieser Untersuchungen wurde im Jahre 1886 
Muschketow betraut. Die specielle Durchforschung des Kopet-Dagh 
oder des turkmeno - chorassanschen Gebirgszuges bis zum Eiburs in 
Persien wurde dem Bergingenieur Bogdanowitsch übertragen, dem 
Bergingenieur Oboutschew die Durchforschung des Flachlandes. Ihnen 
gelang es im Verlauf von drei Jahren, ein so vollständiges Material zu 
sammeln, dass man eine geologische Karte des ihnen zugewiesenen 
Gebietes im Maassstabe von 20 Werst auf den Zoll herzustellen ver- 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 



mochte. Zur Vervollständigung des Ganzen wurden noch Arbeiten aus- 
geführt an der Ostküste des kaspischen Meeres zwischen Mangischlak 
und Krasnowodsk, und der Geolog Grisebach, welcher der englischen 
Commission zur Bestimmung der russisch-afghanischen Grenze zugeordnet 
war, machte Mittheilungen über diesen Landstrich. Da indessen die 
Mittel zur Herstellung einer grossen Karte noch nicht flüssig gemacht 
werden konnten, so musste sich Muschketow begnügen, seiner 
„Skizze" eine geologische Karte im Maassstabe von 100 Werst auf den 
Zoll beizugeben. 

Den grössten Theil des transkaspischen Gebietes nehmen nach 
Muschketow Sande ein, von denen er verschiedene Arten unter- 
scheidet, nämlich Dünensand, reihenartig geordnete, hüglige Erhöhungen 
und die eigentliche Steppe mit unregelmässig vertheilten Flecken eines 
mit Salz durchtränkten Sandes. Hier und da findet sich auf diesem 
Boden Pflanzenwuchs. Diese Sandbildungen reichen nicht ganz bis zum 
Kopet-Dagh, sondern werden von ihm durch einen Streifen thonigen Lösses 
getrennt, obgleich der herrschende Nordostwind den Flugsand dem Gebirge 
zutreibt. Der Umstand, dass ein Streifen Culturland frei bleibt vom 
Flugsande, findet seine Erklärung darin, dass die Nordostwinde senk- 
recht auf den von Nordwest nach Südost ziehenden Kopet-Dagh stossen. 
Durch diesen Rückstoss gezwungen nach den Seiten auszuweichen, tragen 
sie auch den mitgeführten Sand fort. Bogdanowitsch hat ähnliche 
Verhältnisse an der Nordseite des Kwen-Lun beobachtet. Typischer Löss 
findet sich nur im mitl leren Laufe des Murghab, des Serawschan und 
auf den Hochebenen zwischen den Ketten des Turkmeno-Chorassan'sehen 
Gebirges. Eine dritte Bodenart stellt sandiger Lehm dar, der zusammen 
mit dem Löss den Culturboden liefert, auf dem sich auch die Cultur- 
Centren von Transkaspien entwickelt haben. 

Zu den jüngsten Meeresabsätzen gehört die Aralo-Caspische Formation, 
welche durch Adacne edentula, Cardium trigonoides, Dreissena polymorpha, 
Cardium edule und Neritina liturata charakterisirt ist. Sie zieht sich als 
schmaler Streifen am Ostufer des Caspischen Meeres 200 Werst lang 
hin, und ist weiter im Inneren des Festlandes wahrscheinlich auch vor- 
handen, aber durch den Flugsand den Augen entzogen. Die Aralo-Caspische 
Formation, deren Fauna der jetzigen kaspischen sehr ähnlich ist, geht 
unmerklich in die Absätze der letzteren über. 

Pliocän mit dem Leitfossil Cardium intermedium ist in geringem 
Umfange nachgewiesen bei Krasnowodsk. Miocän ist in grösserer Ver- 
breitung nachgewiesen zwischen Krasnowodsk und Mangischlak, auf dem 
Usturt, auch am nordöstlichen Rande des Kopet-Dagh und im Nord- 
osten des Flusses Tedshen. Verschiedene Höhenzüge, aus miocänen 
Ablagerungen bestehend, ziehen sich bis zur Befestigung DusAlum hin. 
Das Material ist grüngrauer Thon und Mergel, weisser und gelblicher 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Kalk und die charakteristischen Formen seiner Fauna sind Cardium ob- 
soletum, C. protractum, C. plicatum, Tapec gregaria, Mactra ponderosa 
und M. podolica. Grisebach hat dieselbe Fauna nachgewiesen im 
nördlichen Afghanistan bis zu den Vorbergen des Pamir, und nach den 
Beobachtungen von Muschketow findet sie sich auch im südlichen 
Buchara und auf der rechten Seite des Amu-Darja; Gyps führende 
Schichten wurden derselben Formation zugewiesen. 

Die sogenannte sarmatische Formation breitet sich als eine ausge- 
dehnte horizontale Decke nördlich von Krasnowodsk, auf dem Kuba- 
Dagh und auf dem Usturt aus. Sie schliesst auf der Halbinsel Tjub- 
karagan Ervillia podolica, Spaniodon, Unio, Nassa, Murex etc. ein, und 
wird für eine den Koym'schen und kaukasischen Absätzen analoge 
gehalten. Von grosser ökonomischer Bedeutung ist das Miocän durch 
Lager von Gyps und Steinsalz in Buchara bei Kelif, im nördlichen 
Afghanistan und in Persien- auch Schwefellager sind vorhanden, wie 
bei dem Brunnen Schiich. Nicht minder wichtig ist das Vorhandensein 
von Süsswasser in diesen Schichten, wie auf dem Usturt und dem nörd- 
lichen Abhänge des Kopet-Dagh. Bei Aschabad hofft man durch artesische 
Brunnen Süsswasser zu erhalten. 

Das Eocän hat im transkaspischen Gebiete geringere Verbreitung 
als das Miocän. Es findet sich in Form von Nummulitenkalk in den 
westlichen Ausläufern der Bergkette von Sultan-Maidan, dann südlich 
von Maaden und im Quellgebiet des Görgen. Nummulina laevigata, N. 
Brongniarti, Ostrea longirostriformis sind in diesem Kalk von Bogda- 
no witsch nachgewiesen. Derselbe Forscher fand auch unter den 
Nummulitenschichten Gryphaea Kaufmanni, was auf Verwandtschaft 
der Fergon' sehen Gryphäenschichten mit dem Eocän hinweist. 

Die Kreideformation ist stark vertreten auf der Höhe, das Massiv 
des Turkmeno-Chorassan'schen Gebirges besteht aus Kreideabsätzen; 
Kreidesedimente sind die höheren Schichten des Mangischlack und die 
Ufergelände des Karabugas. Im Turkmeno-Chorassan-Gebirge ist besonders 
Gault entwickelt. Albica und Aplica enthält gut erhaltene Ver- 
steinerungen wie Hoplites Deshayesi, splendens etc. Am Tadschen liegt 
über dem Cenoman Turon mit Inoceramus Cripsii, Spondylus spinosus, 
Ananchytes ovata, Micraster coranguinum etc. Neocom, Gault und das 
untere Cenoman haben kalkigthonige Beschaffenheit, das obere Cenoman 
besteht aus glaukonitischen Massen und Phosphoriten, darüber folgt 
Kreidemergel, dann weisse Kreide und nach oben schliesst die Kreide- 
formation ab mit Bryozoenkalk und glaukonitischem Sandstein. Auf 
Mangischlak und auf dem Usturt liegen die Schichten der Kreideformation 
horizontal; auf dem Kopet-Dagh sind sie gestört. Während der tertiäre 
Muschelkalk sich sehr nützlich beim Bau der transkaspischen Eisen- 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 



bahn erwies, fanden die Kalksteine der Kreideformation fast nur Ver- 
wendung zum Kalkbrennen. 

Die Juraperiode ist hauptsächlich vertreten im Karatau auf der 
Halbinsel Mangischlak, doch kennt man ihre Absätze auch im Osten von 
Karabugas und im Kubadagh. Nach Andrussov sind die untersten 
Schichten Thone und Sandsteine, zwischen welchen sich Schmitzen von 
Braunkohle finden, darüber folgen aschgraue Sandsteine mit Schichten 
von Braunkohle, die nicht dicker als einen halben Meter sind. Beide 
Schichtencomplexe werden dem Lias und dem braunen Jura zugetheilt. 
Ueber den kohlenführenden Schichten folgen rothe Sandsteine und 
schiefrige Thone, die für Kelloway gehalten werden, da sich Rhyn- 
chonella varians, Pholadomya Murchisoni und Gryphaea dilatata darin 
finden. Höher folgen Thone mit Alestryonia hastellata und Ostrea 
gregaria, für Oxford und Kimmeridge gehalten. Als oberstes Glied der 
Juraformation gilt ein Nerineenkalk. Im Kopet-Dagh fehlt Jura ganz. 
Im Quellgebiet des Gürgen giebt es thonige Kalksteine mit Phylloceras 
tatricum, die zum Tithon gezogen sind. Oxford mit PeltocerasCimammatum 
und Perisphinctes plicatitis sind am nordwestlichen Abhänge des Ogron 
gefunden. Jurassische Kohle ist gut entwickelt im Eiburs mit Asplenium 
tohibbyense, Pologamites lanceolatus und Cycadites longifolius. Dieselben 
Ablagerungen sind auch vorhanden in Herat und Badakschan, wo sie im 
Alaunschiefer mit Zwischenschichten von Braunkohle auftreten, so wie 
auch im südlichen Buchara und im Kreise Serawschan. 

Zur Trias gehören die schwarzen Kalke und Dolomite Afghanistans 
und des östlichen Chorassan, welche nach Grisebach stellenweise 
Halobia Lommeli und Monotis salinaria enthalten. 

Bergkalk ist vorhanden an vielen Orten Afghanistans und Bucharas. 
Oberes Devon mit Spirifer Archiaci, Rhynchonella cuboides und Atrypa 
reticularis findet sich auf dem Eibursgebirge zwischen Giljan und dem 
Quellgebiet des Gürgen. Silurische Sedimente sollen südlich von Schachrud 
vorkommen. 

In dem südlichen Theile des Kopet-Dagh kommen krystallinische 
Schiefer, Thonschiefer, Quarzite und Quarzconglomerate vor. Ausser- 
dem sind dort entwickelt Granit, Gneiss, Felsit, Quarz- und 
Feldspatporphyr, Diabas, Gabbro, Melaphyr, Trachyt, Liparit und 
Andesit. In diesen Gebirgsarten haben Contact- und Dynamometa- 
morphismus eine grosse Rolle gespielt, deren Wirkungen sich auf 
bedeutende Entfernungen erstreckt und zur Bildung von Talk-, Serpentin-, 
Epidot- und Glimmerschiefern geführt haben. 

Die krystallinischen und metamorphischen Gebirgsarten sind von 
vielen Adern zum Theil nützlicher Mineralien durchzogen, so z. B. der 
Gneissgranit von Bombud von Quarzadern mit Kupfergrün mit Gold. 
Geringhaltige Kupfererze kommen vielfach vor, wie z. B. bei Mis-Maaden. 



8 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Das berühmte Türkislager am südlichen Abhänge der Berge Ali-Mirsa 
unweit Nischapur wird schon seit mehr als tausend Jahren ausgebeutet. 
Der Türkis findet sich dort in kleinen Adern und eingesprengt in stark 
metamorphosirten, breccienartigen Zechstein, der von Felsitporphyr 
begleitet ist. Ein anderer Fundort befindet sich auf russischem Gebiet 
bei der Stadt Chodshent und ein dritter ist vor nicht langer Zeit von 
Obrutschev im Gebirge Karatuba, 50 Werst südlich von Samarkand 
entdeckt worden. Im Gebirge Kara-Tuba kommt auch Graphit in 
krystallinischem Kalk und in Granit vor; indessen ist auf sehr ergiebige 
Quellen nutzbarer Mineralien im transkaspischen Gebiete überhaupt nicht 
zu rechnen, mit Ausnahme vielleicht von Schwefel (bei dem Brunnen 
Schiich) und Naphta im Naphtaberge. Die werthvollsten Schätze von 
Türkis, Steinsalz, Kupfer und Bleierzen befinden sich innerhalb Persiens, 
sind also für die russische Industrie vorläufig unerreichbar. 

Obgleich im Ganzen genommen die Uebersicht der geologischen 
Gebilde im transkaspischen Gebiete noch nicht auf Vollständigkeit An- 
spruch machen darf, kann man immerhin aus dem Angeführten schon 
interessante Schlüsse ziehen über seine geologischen Verhältnisse, über 
Tektonik und Schichtenfolge, was alles noch vor zehn Jahren unmöglich 
war. Der flüchtigste Blick auf die geologische Karte dieses Landstrichs 
zeigt, dass dreierlei Bildungen nicht bloss orographisch, sondern auch 
geologisch gut zu unterscheiden sind : der erste Theil ist eine 700' hohe 
horizontale ausgebreitete Hochebene, die aus miocänen Ablagerungen 
besteht (der sarmatische Schichtencomplex der tertiären Formation) der 
unter dem Namen Usturt = hohe Steppe längst bekannt ist. Im Süden 
fällt bei Usboi und Ungus dieses Hochland steil ab. Die orographische 
und geologische Einförmigkeit wird nur durch die kesseiförmige Ver- 
tiefung des Ssary-Kamusch unterbrochen, die im Mittel 15 Meter tiefer 
als das kaspische Meer und mit neueren aralo-caspischen Absätzen 
gefüllt ist. Westlich davon erhebt sich der Bergzug des Mangischlak 
und des südlichen Uferlandes Karabugas, wo inmitten der miocänen 
Sedimente eocäne Ablagerungen inselartig auftauchen, daneben auch 
Kreide, Jura, sogar paläozoische und krystallinische Gesteine wie Quarz- 
und Dioritporphyr, letztere freilich nur bei Krasnowodsk in sehr geringem 
Umfange. Alle diese Gebilde zeichnen sich durch eine von NW. nach 
SO. ziehende Faltung aus und ist Muschk etow der Ansicht, dass diese 
Faltung sich zwischen dem Ende der Kreidezeit und dem Anfang der 
Miocänperiode vollzogen habe, da die sarmatischen Absätze vollkommen 
horizontal sind, discordant und sogar stellenweise auf den Schichten- 
köpfen der mesozoischen Bildungen liegen. Verwerfungen in dem er- 
wähnten Faltenzuge haben übrigens noch nach der Miocänperiode oder 
kurz vor ihrem Ende stattgefunden, und der südliche Absturz des 
Usturt kann möglicher Weise auch einer solchen Verwerfung zu- 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 



geschrieben werden. In der Plioeänzeit d. h. zur Zeit der Bildung des 
Aralo-Caspischen Beckens stellte der Usturt eine grosse Halbinsel dar, 
die nur durch eine schmale Meerenge zwischen dem kleinen und grossen 
Balchang von dem übrigen Continent getrennt war. 

Der zweite oder mittlere Theil des transkaspischen Gebietes liegt 
im Süden des Usturt und bildet eine ausgedehnte Tiefebene, die von 
äolischen, sowie von Süsswasserabsätzen bedeckt ist und die man die 
turkmenische Tiefebene nennen kann. Sie hat die negative Höhe von 
40 Meter und stellt wahrscheinlich einen grossen Graben dar d. h. eine 
zwischen Verwerfungsspalten hinabgesunkene Ebene. Spalten, die 
beobachtet sind längs des Kopet-Dagh und die vorausgesetzt werden 
längs der südlichen Grenze des Usturt. Danach könnte man annehmen, 
dass diese Tiefebene sich zu Ende der Miocänperiode gebildet hätte. 
Die turkmenische Tiefebene zeigt viel grössere Unebenheiten als der 
Usturt. Obgleich der grössere Theil eine wirkliche Wüste darstellt, so 
sind doch einige Stellen anbaufähig wie z. B. der schon erwähnte Streifen 
längs des Kopet-Dagh. Im nördlichen Theile der turkmenischen Tief- 
ebene nahe dem Usturt befindet sich eine von Lessar entdeckte Ein- 
senkung, grösser als die des Ssary-Kamusch, welche der Entdecker für 
die Aria palus der alten Geographen hält. Sie ist dreimal so tief als 
die des Ssary-Kamusch, denn sie liegt 44,6 Meter tiefer als das Niveau 
des Kaspischen Meeres. Von dem Umfange dieser Aria palus ist nur 
bekannt, dass ihre Breitenerstreckung 100 Werst ist, und zwar zwischen 
den Brunnen Schiich und Damly. Im Westen ist sie begrenzt von 
80 Meter hohen und im Osten von fast 200 Meter hohen Erhebungen. Es 
ist sehr wahrscheinlich, dass diese Tiefebene früher ein umschlossenes 
Becken darstellte, in das sich der Tadshen und der Murgal, vielleicht 
auch Abzweigungen des Amu-Darja ergossen. Die Entdeckung so 
grosser Tiefebenen wie Aria palus und Ssary-Kamusch, einst Betten 
grosser Wasseransammlungen, erklärt die Entstehung der trockenen 
Flussbetten, welche augenscheinlich nicht dem Amu-Darja allein an- 
gehörten, sondern seinen Ausläufern und anderen Flüssen. Der Ueber- 
schuss dieser Wasserbecken und besonders des Ssary-Kamusch, floss 
nach dem Kaspischen Meere ab und bildete das Thal des Usboi, welches, 
obgleich es erst bei KalaTschem anfängt, für das alte Bett des Amu- 
Darja gehalten wurde. Diese irrige Meinung gab zu vielen Hypothesen 
über eine vermeintliche Schwenkung des Amu-Darja Anlass, die jetzt 
keinen Sinn mehr haben, seitdem man weiss, dass die Abzweigungen 
des Amu-Darja sich in verschiedenen Becken verloren, und der Amu- 
Darja kaum jemals sein Wasser dem Kaspischen Meere zugeführt hat. 

Der dritte oder südliche Theil von Transkaspien umfasst das 
Gebirge Kopet-Dagh oder die Turkmeno-Chorassan'schen Berge, so 
genannt, weil sie zwischen dem früheren Turkmenien und Chorassan 



10 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

liegen. Diese Bergzüge streichen von NW. nach SO. allmählich an 
Höhe abnehmend bis zum Tadshan, ziehen in westöstlicher Richtung 
weiter allmählich in das System des Hindukusch übergehend, der weiter 
östlich seine Richtung in eine nordöstliche umsetzt. Am nordwestlichen 
Ende vereinigt sich das Turkmeno-Chorassan'sche Gebirge mit einer 
ganzen Reihe von Süden herankommender Bergzüge, die zum System 
des Eiburs gehören, und zieht niedriger werdend nach NO., wo es 
am Ufer des Kaspischen Meeres sich in sandige und salzige Hügel auf- 
lösend, ein Ende nimmt. Das Eibursgebirge endigt im Osten mit den 
Bergen von Nischapur und hat ein Streichen von NO. nach SW., 
südlich davon liegen die abgeflachten Bergzüge der Wüste Kebir, die 
ein Streichen von 0. nach W. haben, beide Gebirge, sowohl der 
Eiburs wie die Kebirberge befinden sich bereits im Gebiete des 
persischen Reiches. ■ — Das Turkmeno-Chorassan'sche Gebirge stellt eine 
ganze Reihe mehr oder weniger paralleler Falten dar, die der Haupt- 
sache nach aus Schichten der Kreideformation bestehen mit dem 
Streichen nach NW. Am nordöstlichen Abhänge erscheinen nicht selten 
Längsbrüche mit südlichem Einfallen, weshalb die nördlichen Abhänge 
steiler aufragen, als die südlichen. Die Entstehung des Kopet-Dagh 
fällt wahrscheinlich mit dem Absatz der oberen Kreidegebilde zusammen, 
da hier, im Gegensatz zu Mangischlak, die oberen Kreideschichten dis- 
cordant auf den unteren ruhen. — Während im Norden beim Karabugas 
und Mangischlak Faltenbildung vor sich ging zu Anfang der Tertiär- 
periode, beruhigte sich diese Bewegung vor dem Absatz der miocänen 
Gebilde, die, wie gesagt, horizontal liegen, während da, wo der Kopet- 
Dagh liegt, sich bis zum Ende der Miocänperiode ein Meer befand; erst 
nach der Ablagerung des Miocän trat die intensive Bewegung ein, die 
das Faltengebirge hervorbrachte und ihm seine gegenwärtige Gestalt 
gab. Diese Bewegung der Erdrinde hängt augenscheinlich mit der 
grossartigen Bewegung zusammen, welche zu Ende der Tertiärperiode 
den ganzen asiatischen Continent ergriff und die Faltensysteme des 
Thianschan und Himalaja aufwarf. Im nördlichen Persien war die 
Bewegung schwächer als in Mittelasien, da der Thianschan, Pamir und 
Himalaja um 10 — 12 000 Fuss gehoben wurden, während die Berge im 
nördlichen Persien nur ausnahmsweise die Höhe von 3000' erreichen 
und das Turkmeno-Chorassan'sche Gebirge nur um ungefähr 2000' ge- 
hoben wurde. 

Wenn man die Beziehungen des Kopet-Dagh zu den benachbarten 
mächtigeren Gebirgssystemen Asiens in Betracht zieht, ergiebt sich, dass 
die neueren Forschungen in Transkaspien die von Muschketow ge- 
äusserte Voraussetzung (s. sein „Turkestan" und auch seine „Physische 
Geologie") bestätigen, dass der Kopet-Dagh oder das Turkmeno- 
Chorassan'sche Gebirge in enger Verbindung mit dem Hindukusch steht, 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 1 1 

und dass er mit ihm ein selbständiges bogenförmiges Faltensystem dar- 
stellt, das einer ganzen Reihe ähnlicher bogenförmiger Gebirgszüge 
analog ist, die das ausgedehnte System des Thianschan zusammensetzen. 
Aus dem Vorgetragenen zieht Muschketow den Schluss, dass 
die durch ihn gesonderten drei Theile des transkaspischen Gebietes : der 
flache Usturt, die turkmenische Tiefebene und der Kopet-Dagh sich 
scharf von einander unterscheiden nicht nur durch den Charakter, sondern 
auch durch die Geschichte ihrer Entstehung. Jeder Theil entstand selb- 
ständig und erlitt Veränderungen verschieden von denen der benach- 
barten Gebiete zu einer und derselben geologischen Periode, und doch 
war die Ursache ihrer Besonderheit eine und dieselbe. 

Paläontologische Mittheiiungen. 

Von 
Privatdocent Dr. Gürich. 

Der Vortragende sprach zunächst über die Cephalopoden des pol- 
nischen Mittel- und Oberdevon. Diese Schichten enthalten vorherrschend 
Brachiopoden, von denen über 80 Arten* festgestellt werden konnten, 
und Korallen, über 50 Arten; die Cephalopoden treten nur stellenweise 
auf, sind aber für die Altersbestimmung von grösster Wichtigkeit. Aus 
dem Mitteldevon stammt ein Gyroceras aus den Calceolamergeln von 
Skaly und ein Aphyllites, dem Goniatites evexus L. v. B. nahestehend, 
aus den Brachiopodenmergeln von Schniatka. Im Oberdevon sind die 
Funde reichlicher. Im Hangenden des an Brachiopoden reichen Korallen- 
kalkes mit Rhynchonella cuboides an der Kadzielnia bei Kielce wurde 
ein Horizont mit Manticoceras intumescens Beyr., Gephyroceras calcu- 
liforme, Beyr. und Tornoceras auris Ouenst. aufgefunden. Darüber folgt 
bei Lagow eine an Goniatiten, Gomphoceras etc. reiche Schicht mit 
Tornoceras simplex und circumflexus, Parodiceras saeculus, Arten von 
Maeneceras und Sporadoceras sowie einer dem Goniatites lentiformis 
Kays, für welchen wohl eine neue Gattung zu errichten ist, nahestehen- 
den Art. Die jüngsten Schichten sind diejenigen mit Clymenia Hum- 
boldti Pusch bei Kielce und darüber diejenigen mit Clymenia laevigata 
und annulata Münst, ebenfalls bei Kilce. 

Derselbe Vortragende besprach sodann Goniatites (Aphyllites) 
Vanuxemi Hall und evexus L. v. B. an der Hand zweier ausgezeichneter 
Exemplare des Breslauer mineralogischen Museums. Das Exemplar von 
G. evexus aus der Eifel hatte einen Durchmesser von 250 mm und 
unterscheidet sich von der ersten Art einmal durch den etwas breiteren 
Rücken und namentlich durch den weiteren Nabel. 

Desgleichen demonstrirte der Vortragende ein Exemplar aus der 
Eifel von „Orthoceras demissum" Saemann. Letzterer hatte diese Art 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

unrichtig reconstruirt*, das Breslau er Exemplar entspricht genau dem 
von ihm gezeichneten gekammerten Theile des Gehäuses, hat aber eine 
Gomphoceras-artige aufgeblähte Wohnkammer. Diese Art zeigt auch 
sonst einige bemerkenswerthe Eigentümlichkeiten, nämlich einen 
niedrigen, flachdreigipfligen Sattel auf der einen — der siphonalen — 
Breitseite und einen höheren flach zweitheiligen Sattel auf der gegen- 
überliegenden Seite und je einen flachen Laterallobus; die Theilung des 
Sattels hängt mit der stark ausgeprägten Normallinie zusammen. Vor- 
läufig ist diese Art zu Gomphoceras zu stellen und mag als Gomph. 
Saemanni bezeichnet werden, während der Name Orthoceras demissum 
für die von Saemann gezeichnete Wohnkammer gelten kann. 

Ueber das Vorkommen des Gypsspates. 

Von 
Oberrealschul-Oberlehrer Dr. Kunisch. 

Der Vortragende erweiterte die Kenntniss über das Vorkommen des 
Gypsspates, indem er vorlegte: 

1) grauen tertiären Thon mit zahlreichen eingewachsenen Gyps- 
kryställchen von einigen Millimetern Durchmesser aus dem Unter- 
gründe (153 m) von Gleiwitz; 

2) stern- bis kugelförmige Gruppirungen von graulich-weissen, bis 
15 mm grossen Gypskrystallen aus dem Torfmoore von Nimkau, 
Kreis Neumarkt; 

3) eine prächtige Druse wasserheller Gypskrystalle von 3 — 6 cm Länge 
aus dem Salzbergwerke von Inowrazlaw bei Bromberg, welche dem 
Vortragenden von dem dortigen königlichen Steiger Herrn Harlandt 
zur Bekanntmachung freundlichst überlassen worden ist. Durch das 
Auftreten einer die Verticalaxe nahezu rechtwinklig schneidenden, 
etwas gekrümmten Endfläche haben die Krystalle grosse Aehnlichkeit 
mit denen von Bex im Kanton Waadt (Schweiz). 

Derselbe Vortragende sprach unter Vorlegung eigener photographischer 
Aufnahmen über das am linken Ufer der Lomnitz am sogenannten 
Kesseltump zwischen Krummhübel und Brückenberg (etwa 12 Minuten 
oberhalb des Waldhauses) gelegene Strudelloch, wies unter Vorlegung 
von daraus entnommenen Reibsteinen darauf hin, dass man hier den 
Vorgang einer derartigen cylindrischen Gesteinsaushöhlung sehr bequem 
beobachten könne, und erklärte schliesslich, dass er sich keineswegs 
veranlasst sehe, den Entstehungsanfang dieses Riesentopfes mit irgend 
einer Gletscherwirkung in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. — 

Derselbe Redner legte Eisenkiesknollen und Braunkohle mit Pyrit 
vor, welche von ihm bei der Beobachtung von Tiefbohrungen aus dem 
Untergrunde von Breslau aus der Tiefe von 60 — 125 m entnommen 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 13 

worden sind, und meinte, das Vorkommen von Schwefeleisen in den 
wasserführenden und den benachbarten Erdschichten an erster Stelle als 
die Ursache des schwachen Geruches nach Schwefelwassertoff und der 
grossen Eisenschüssigkeit des Wassers unserer artesischen Brunnen an- 
sprechen zu müssen. 

lieber neue Eisenlegirungen. 

Von 
Geh.-Rath Professor Dr. Poleck. 
Der Vortragende legte eine Anzahl neuer Eisenlegirungen vor, die 
aus Biermanns Metall-Industrie in Hannover bezogen worden waren. Es 
waren dies Legirungen von Eisen mit Wolfram und Molybdän in ver- 
schiedenen Procentsätzen, ferner Ferro-Mangan, Ferro-Chrom, Ferro- 
Nickel, Ferro-Aluminium, Ferro-Titan, Manganbronze, Nickelbronze, 
Phosphorbronze, Silicium-Kupfer, Mangankupfer. Der Vortragende be- 
hielt sich das nähere Eingehen auf einzelne dieser Legirungen für eine 
spätere Sitzung vor. 

Zum Schluss vertheilte der Vortragende Musterbücher der „Ersten 
deutschen Glanz-Staniol-Fabrik von E. F. Ohles Erben in Breslau", die 
ihm vom Besitzer derselben, Herrn Anderssohn, in liebenswürdigster 
Weise zur Verfügung gestellt worden waren. Ihr Inhalt fand durch 
den Glanz und die Mannigfaltigkeit der Farben dieser überaus dünnen 
Blättchen allgemeinen Beifall. 



Sitzung am 22. März 1893. 



o 



lieber Isoconiin und den asymmetrischen Stickstoff. 

Von 
Geh. Rath Professor Dr. Ladenburg. 

Im Anschluss an die im letzten Jahresbericht abgedruckte Abhandlung 
sind neuerdings die folgenden Beobachtungen gemacht worden. 

Zunächst konnte der Nachweis geführt werden, dass das Isoconiin, 
das bisher nur durch trockene Destillation des d Coniinchlorhydrats mit 
Zinkstaub erhalten worden war, sich bisweilen auch in dem im Handel 
vorkommenden d Coniin findet. Während nämlich im Allgemeinen der 
Drehungswinkel des Coniins über 11° gefunden wird, zeigte ein Präparat, 
das ich kürzlich von E. Merck in Darmstadt bezog, nur noch eine 
Drehung von 8°,60, obwohl es den richtigen Siedepunkt besass und bei 
der Analyse auch genau auf die Formel C 8 H 17 N stimmende Zahlen 
lieferte. Ich verwandelte eine abgewogene Menge davon in Platinsalz 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

und behandelte dieses mit Aether- Alkohol. Erst nach tagelangem 
Schütteln und Waschen konnte ein nahezu farbloses Filtrat erhalten 
werden. Die aus dem Rückstand dargestellte Base gab den Drehungs- 
winkel 6°.98 des Isoconiins. Bei dieser Gelegenheit wurde die Be- 
obachtung gemacht, dass das Isoconiinplatinsalz sowohl in rhombischen 
wie in monoklinen Formen krystallisirt, deren Schmelzpunkte bei 175° 
resp. bei 160° liegen. 

Für die Frage nach der Constitution des Isoconiins war es von 
Bedeutung, darüber ins Klare zu kommen, ob die Isomerie desselben 
mit dem Coniin auch in den Derivaten erhalten bliebe. Zu diesem 
Zweck wurde die Benzoylverbindung beider Basen untersucht. 

Das Benzoyl-Coniin C 8 H 16 N C 7 H 5 wurde nach der Methode 
von Schotten-Baum dargestellt. Es bildet ein farbloses Oel, das zur 
Reinigung im luftverdünnten Raum destillirt wurde. Das Drehungsver- 
mögen ergab die Zahl 

a D == 37°,7 

Das in gleicher Weise gewonnene Benzoyl-Isoconiin besitzt bei 16° 
fast das gleiche spec. Gewicht wie jenes, nämlich 1,0623 statt 1,0534, 
während das Drehungsvermögen wesentlich geringer als das des Benzoyl- 
Coniins nämlich zu 29°,1 gefunden wurde. 

Ein Vergleich der Drehungsvermögen der beiden Benzoylverbin- 
dungen gestattet den Nachweis, dass das Isoconiin nicht als Gemenge von 
d Coniin mit racemischem Coniin betrachtet werden kann, der allerdings 
in der ersten Abhandlung schon in anderer Weise erbracht werden konnte. 

Wäre nämlich das Isoconiin ein solches Gemenge, so müsste es von 

8,2 
der inactiven Base -75-5- =? 59,4 pCt. enthalten. Das Drehungsver- 

13,8 

mögen der benzoylirten Base, welche doch voraussichtlich ein gleiches 
Verhältniss von activer und racemischer Verbindung enthalten müsste, 
würde dann nur 22°,4 betragen, während in Wirklichkeit ein um etwa 
30°/ höherer Werth constatirt wurde. 

Weiterhin sind eine Reihe von Versuchen ausgeführt worden, um 
optisch active Körper herzustellen aus Verbindungen, welche kein 
asymmetrisches Kohlenstoffatom, wohl aber ein asymmetrisches Stick- 
stoffatom in dem schon früher definirten Sinn enthalten und in welchem 
2 der 3 Stickstoffvalenzen einem Ring angehören, also gewissermaassen 
festgelegt sind. 

Von diesen Versuchen seien hier namentlich die mit Tetrahydro- 
chinolin ausgeführten erwähnt. Dieses wurde in Bitartrat verwandelt 
und so ein so gut krystallisirtes Salz erhalten, welches wiederholt um- 
krystallisirt wurde. Es krystallisirte bis auf den letzten Rest, und die 
einzelnen Krystallisationen erwiesen sich als von gleicher Löslichkeit. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 



15 



Die aus dem Tartrat in vorsichtigster Weise abgeschiedene Base war 
optisch ganz inactiv. 

Obgleich aus diesen negativen Versuchen ein positiver Schluss mit 
Sicherheit nicht gezogen werden kann, so musste doch die Frage auf- 
geworfen werden, ob die Isomerie zwischen Coniin und Isoconiin 
nicht auch ohne Annahme eines asymmetrischen Stickstoffatoms 
eine Erklärung finden könne. Eine solche ist nun allerdings möglich, 
wenn auch nicht gerade sehr wahrscheinlich. Doch will ich hier zum 
Schluss diese Hypothese noch mittheilen. 

Man kann sich nämlich, selbst wenn die 3 Valenzen des Stickstoffs 
mit dem Atom in einer Ebene, der Ringebene, liegen, 2 Lagen für die 
dritte dem Ring nicht angehörende Valenz des Stickstoffs vorstellen. In 
der einen steht sie ausserhalb des Rings wie in Fig. 1, in der andern 
innerhalb, so dass dem Coniin und Isoconiin die 2 folgenden Formeln 

CH a CIL 




C 3 H 7 




entsprechen würden. Das verschiedene Drehungsvermögen der beiden 
Verbindungen findet hier dadurch eine Erklärung, dass der optische 
Schwerpunkt der beiden Moleküle offenbar nicht die gleiche Lage hat. 



Mineralogische Mittheilungen. 

Von 
Professor Dr. Hintze. 

Der Vortragende besprach das Gestein, welches zum Sockel der im 
Mineralogischen Museum zu Breslau aufgestellten Marmorbüste des ver- 
ewigten Ferdinand Roemer Verwendung gefunden hat. Charakteristisch 
für das Gestein sind seine in lebhaften, besonders blauen und grünen 
Farben schillernden Feldspath-Individuen, welche im Farbenspiel an den 
als Labradorit bezeichneten Kalknatronfeldspath erinnern. Deshalb 
pflegt das jetzt vielfach verarbeitete Gestein von Laien als „Labrador" 
oder „Labradorgranit" bezeichnet zu werden, aber durchaus mit Unrecht; 
denn erstens ist sein Feldspath, wie schon angedeutet, kein Labradorit, 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



sondern ein Kalifeldspath, der mit mikroskopisch feinen Lamellen von 
Natronfeldspath durchwachsen ist, und zweitens gehört das Gestein nicht 
zu den (Quarz-führenden) Graniten, sondern zu den (Quarz-freien) Syeniten, 
es ist ein sogenannter Augitsyenit aus dem südlichen Norwegen, 
aus der Gegend von Laurvik. Der blau schillernde Feldspath bietet, 
wie der Vortragende eingehender ausführte, wegen seiner optischen und 
krystallographischen Eigenthümlichkeiten ein ganz besonderes Interesse 
dar. — ■ Sodann legte Professor Hintze vor und besprach einige an das 
Mineralogische Museum durch Herrn Bergschullehrer Dr. Breitfeld in 
Tarnowitz freundlichst eingesandte Markasit-Stufen, welche auf einer 
Eisenerzförderung, den sogenannten Pingeschächten bei Bobrownik in 
der Nähe von Tarnowitz gefunden worden waren. Der Markasit, die 
rhombisch krystallisirende Modification des Eisenbisulfids, sitzt auf den 
Stufen als zusammenhängende Kruste in bis 1 cm langen flachprismatischen 
Krystallen der gewöhnlichen Form auf derbem und erdigem Brauneisen- 
erz auf, ist selbst aber vollkommen in Brauneisenerz umgewandelt, so 
dass nur die Krystallgestalt der Pseudomorphosen das ursprüngliche 
Mineral erweist. 

Ueber Korallen-Dünnschliffe aus dem Mitteldevon der Eifel. 

Von 
Privatdocent Dr. Gürich. 

Der Vortragende legte Dünnschliffe und zahlreiche Exemplare von 
Duncanella pygmaea Schlüter, der kleinsten Koralle aus dem Mitteldevon 
der Eifel, vor. Dieselben sind z. Th. seit längerer Zeit im Besitze des 
Mineralogischen Museums, waren aber bisher nicht bestimmt worden. 

Diese sowie die ebenfalls vorliegende Duncanella borealis Nich. 
aus dem Ober-Silur von Nord- Amerika sind dadurch ausgezeichnet, dass 
der Kelch am unteren Ende offen ist, sodass die Septen unten frei hervor- 
ragen- es ist dieser Fall unter den Korallen einzig dastehend. Diese 
Eigenschaft muss auch eine besondere biologische Bedeutung haben \ 
vermuthlich waren die Korallen mit ihren unteren Enden in den Weich- 
theilen anderer Thiere befestigt. 

Ueber die Strahlsteinschiefer des Eulengebirges. 

Von 
Privatdocent Dr. Milch. 

Der Vortragende berichtete über eine Arbeit des kgl. Landesgeologen 
Herrn Dr. E. Dathe: „Die Strahlsteinschiefer des Eulengebirges" (Jahr- 
buch der kgl. preussischen geologischen Landesanstalt für 1891, Berlin 
1893). Dathe erklärt die Strahlsteinschiefer, die im Eulengebirge kleine 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 17 

wenig mächtige und kurze linsenförmige Theillager in Serpentinen oder 
Amphiboliten bilden, für ursprüngliche Gesteine, die nicht nur ihre 
mineralische Zusammensetzung, sondern auch ihr Gefüge gleichzeitig bei 
ihrer Entstehung empfangen haben müssen. Nach einer ausführlichen 
Darstellung der Beobachtungen Dathes und seiner Folgerungen gab der 
Vortragende seiner Ueberzeugung Ausdruck, dass die von Dathe mit- 
getheilten Thatsachen keineswegs jede andere Erklärungsweise auszu- 
schliessen scheinen; er hält nach wie vor fest an der Auffassung dieser 
und ähnlicher Gebilde als Gesteine, deren ursprüngliche Structur und 
Mineralzusammensetzung durch den Gebirgsdruck, d. h. durch Ver- 
schiebungen in der festen Erdrinde und durch den Druck der auf diesen 
Gesteinen lastenden jüngeren Gebilde, verändert sind. 

Für einen späteren Vortrag über die verschiedenen Erklärungsver- 
suche der Eigenthümlichkeiten in Structur und Mineralbestand der so- 
genannten krystallinen Schiefer behielt sich der Referent vor, auf die 
von Dathe in dieser Arbeit vorgetragenen allgemeinen Erörterungen 
einzugehen. 



Sitzung am 3. Mai 1893. 

Ueber optische Versuche aus dem Gebiet der Polarisation. 

Von 
Professor Dr. Rosenbach. 
Der Vortragende demonstrirte eine Reihe optischer Versuche, zu 
denen er folgendes bemerkte: Die hier vorgeführten Beobachtungen 
aus dem Gebiete der Polarisation des Lichtes lassen sich mit den ein- 
fachsten Hilfsmitteln anstellen und sind daher besonders geeignet, einige 
wichtigere Erscheinungen zu Unterrichtszwecken vorzuführen. Da die 
hierher gehörenden Versuche zum Theil des polarisirten Himmelslichts 
bedürfen und um so bessere Resultate geben, je grösser die Menge des 
horizontal oder vertical polarisirten Himmelslichtes ist, so lässt sich an 
dem Ergebniss der Versuche in sehr einfacher Weise die Art der Polari- 
sation des einfallenden Lichtes, sowie der Einfluss, den Bewölkung 
und Stand der Sonne auf die Polarisationsebenen haben, demonstriren. 
So ist ein Theil der Erscheinungen (Gruppe 1. 2 und 6) am schönsten 
bei völlig heiterem Himmel, bei Tiefstand der Sonne und in der Nord- 
südrichtung sichtbar; ja, wenn die Sonne in der Nähe des Horizontes 
steht, also am Morgen und Abend, sind die zu beobachtenden Er- 
scheinungen gerade dann am deutlichsten, wenn eine durch die Mitte 
des Objectes und den Beobachter gelegte Sagittalebene annähernd in 
der Richtung der Magnetnadel sich befindet. (Dies entspricht der 
bekannten Thatsache, dass das Maximum der Lichtpolarisation 90° von der 
Sonne auftritt.) 






18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Zur Anstellung der Versuche bedarf man nur einer Platte von ge- 
wöhnlichem, dunklem (violettem, rothem oder blauem) Glase, an dessen 
Stelle man übrigens auch jede andere schwarze, polirte Platte (Ebonit, 
Metall etc.) nehmen kann, einer dünnen Glimmer- und Gypsplatte, eines 
der überall käuflichen Würfel von geschliffenem Glase*), einer Quarz- 
platte und eines grösseren Kalkspathkrystalls ; es ist aber anzurathen, 
die ersten Versuche mit dem Glaswürfel (Gruppe 1) in den Vormittags- 
oder Abendstunden und bei nicht zu stark bewölktem Himmel anzustellen. 

Im Anschlüsse an diese Bemerkungen demonstrirt der Vortragende, 
der sich eine theoretische Erörterung für später vorbehält, folgende Er- 
gebnisse seiner Versuche: 

1) a. Die an Glaswürfeln und Körpern aus schnell gehärtetem Glase 
zu beobachtenden Polarisationserscheinungen, nämlich schwarze und 
weisse Kreuze von verschiedener Form, blaue, rothe und gelbe, regel- 
mässig geformte Flecken, die sich unter bestimmten Beleuchtungsver- 
hältnissen an den verschiedenen Flächen des Objectes event. unter Zu- 
hilfenahme einer zweiten dunklen Platte erzielen lassen. (Demonstration 
der Entstehuug der Kreuzfiguren aus Lemniscaten.) 

1) b. Ferner den Einfluss einer horizontal über das Object ge- 
breiteten vertical oder geneigt hinter dasselbe gestellten dünnen Glimmer- 
platte, die die erwähnten Erscheinungen viel deutlicher und bei be- 
stimmter Drehung noch unter besonders schönen, oft complementär- 
farbigen Phänomen hervortreten lässt, auch die Entstehung der Arme 
des Kreuzes aus Lemniscaten veranschaulicht. 

2) Die Bedingungen der Entstehung lebhafter, oft complementärer, 
Farbenerscheinungen in dem auf der dunklen Glasplatte hervorgerufenen 
Spiegelbilde von Gyps- oder Glimmerplättchen, namentlich bei Anwendung 
gewisser Hilfsmittel, wie z. B. einer dickeren Glimmertafel oder bei 
Benutzung eines Glaswürfels, wobei eine Doppelspiegelung wirksam ist. 

3) Das Auftreten von regelmässigen, senkrechten, farbigen und 
schwarzen Streifen in dem Spiegelbilde eines Glimmercylinders oder 
einer convex gebogenen (nicht etwa gebrochenen) dünnen Glimmerplatte. 
(Hervorhebung der besonderen Bedeutung der schwarzen Streifen.) 

4) Die Bildung von complementär gefärbten, breiten Säumen um 
das Spiegelbild von Objecten, das durch einen doppelbrechenden Kalk- 
spath und eine vor denselben gehaltene (rechts oder links drehende) 
Quarzplatte hindurch auf der polarisirenden dunklen Platte entworfen 



*) Körper aus „schnell gekühltem" Glase zeigen alle Erscheinungen schöner 
als die gewöhnlich käuflichen Glaskörper, die hier benützt sind; aber es ist doch 
kein Zweifel, dass ein grosser Theil dieser billigen Objecte ganz ähnliche Eigen- 
schaften besitzt, wie das viel theuerere, „schnell gekühlte" Glas. So sind selbst 
kleine Glaspfropfen von parallelepipedischer Gestalt zu allen Versuchen zu 
gebrauchen. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 19 

wird. Demonstration der Abhängigkeit der farbigen Säume von der 
Form und Begrenzung des Objectes, sowie von der Neigung des mit 
der Quarzplatte verbundenen Doppelspathes und von dem Gange des 
sogenannten ausserordentlichen Strahls. (Umkehrung des Versuchs ohne 
Benutzung des Spiegelbildes.) 

5) Nachweis der grossen Verschiedenheit in dem Verhalten des in 
einem gewöhnlichen Spiegel oder auf einer dunklen Glasplatte 
erzeugten und unter einem Winkel von 45° betrachteten (Spiegel-) 
Bildes eines durchleuchteten Turmalins. Das letzterwähnte Bild ver- 
schwindet bei verticaler Stellung der optischen Achse des sich gleich- 
zeitig verdunkelnden Turmalins, während das erste bei keiner Lage dieser 
Achse seine Intensität wesentlich ändert. 

6) Demonstration zweier Methoden, die in einfacher Weise die 
Haidinger'schen Lichtbüschel sichtbar machen und zugleich ermöglichen, 
ein (umgekehrtes) Nachbild von ihnen zu erhalten. Bei Fixation der 
(eine Wolke reflectirenden) dunklen Glasplatte durch eine schräg ge- 
haltene Glimmer- oder Quarzplatte hindurch, erblickt man die (gelben) 
Büschel scheinbar auf der Quarz- oder Glimmerplatte und projicirt sie, 
nach Hinwegnahme dieser Platte, unter einer scheinbaren Drehung um 
90° in Folge des Farbencontrastes in voller Deutlichkeit auf die schwarze 
Platte. Die Büschel sind um so grösser, je weiter entfernt vom Be- 
obachter sich die schwarze Platte befindet. 

Professor Dr. Hintze knüpfte an den vorhergehenden Vortrag die 
Mittheilung an, dass ihm die schon vor einiger Zeit gütigst mitgetheilten 
Versuche des Herrn Professor Rosenbach die Anregung zu Versuchen in 
anderer Richtung gegeben haben. Nämlich die von Herrn Rosenbach 
demonstrirten Erscheinungen, w r elche Glaswürfel und andere verschieden- 
artig geformte Glaskörper im Spiegelbilde einer Glasplatte oder einer 
anderen spiegelnden Ebene zeigen, sind genau identisch mit denjenigen 
Erscheinungen, welche dieselben Glaskörper bei der Beobachtung mit 
irgend einem Polarisationsapparat (in der Turmalinzange oder zwischen 
zwei Nicol'schen Prismen) zeigen. Es werden diese den „gekühlten 
Gläsern" eigenthümlichen Erscheinungen dadurch hervorgebracht, dass 
diese Gläser nicht wie die isotropen Körper im Innern nach allen 
Richtungen gleiche Elasticität besitzen, sondern verschiedene, in Folge 
eines Spannungszustandes, also eine gewisse Analogie mit doppelbrechenden 
Krystallen erlangt haben. Dass nun das Himmelslicht an sich stets bis 
zu einem gewissen Grade polarisirt ist, das heisst aus Lichtstrahlen be- 
steht, welche zum grossen Theil ihre Schwingungen in nur einer Ebene 
ausführen, das ist eine bekannte Thatsache. Die von Herrn Professor 
Rosenbach angestellten Versuche zeigen aber, dass unter Umständen die 
Polarisation eine so vollkommene ist, dass der Himmel an sich die eine 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Hälfte eines Polarisationsapparats (den „Polarisator") liefert, während 
dann die andere Hälfte (der „Analysator") durch die spiegelnde Platte 
ersetzt wird, indem ja alles reflectirte Licht auch mehr oder weniger 
vollkommen polarisirt wird. Für den Vortragenden lag nun der Gedanke 
nahe, diese Umstände zur Erzeugung auch der complicirteren Er- 
scheinungen zu verwerthen, welche an Platten doppelbrechender Krystalle 
im Polarisationsapparat, resp. zwischen parallelen oder gekreuzten 
Nicols zu beobachten sind, z. B. an optisch einachsigen Krystallen in 
Platten senkrecht zur optischen Achse oder an zweiachsigen senk- 
recht Halbirenden des spitzen Winkels der optischen Achsen. 
Der Vortragende glaubte Anfangs, dass zur Hervorbringung der 
optischen Interferenz-Erscheinungen im convergenten polarisirten Licht 
die Hinzunahme von Sammellinsen erforderlich wäre, doch zeigte sich, 
dass auch ohne Linsen und alle weiteren Hilfsapparate, lediglich mit 
Himmelslicht und einer reflectirenden Glastafel an Krystallplatten die 
Erscheinungen des Kreuzes mit Ringen resp. von Hyperbeln mit Lem- 
niscaten in schöner Deutlichkeit gezeigt werden können und zwar in 
folgender Weise. Man hält die zu untersuchende Krystallplatte etwa 
45° gegen die spiegelnde Glasplatte so geneigt, dass das Himmelslicht 
nach dem Durchgang durch die Krystallplatte von der Glastafel aus in 
das Auge des Beobachters reflectirt wird; dann erblickt derselbe in dem 
von der Glastafel reflectirten Spiegelbilde der Krystallplatte die dieser 
eigenthümliche optische Interferenz-Erscheinung, und zwar, wie schon 
oben angedeutet, deshalb, weil der massig stumpfe Kegel polarisirter 
Himmelslicht-Strahlen nach dem Durchgang durch die Krystallplatte ver- 
möge der polarisirenden Reflection an der Glastafel wieder auf eine 
Schwingungsebene zurückgebracht (analysirt) wird. Die Polarisations- 
ebene der von der Glastafel reflectirten Strahlen ist immer dieselbe, 
dagegen wechselt die Polarisation sebene des Himmelslichts mit dem 
Stande der Sonne gegen den Beobachtungsort, sodass man auf diese 
Weise ebenso gut die Erscheinungen zwischen parallelen wie zwischen 
gekreuzten Nicols hervorbringen kann. 

lieber Mineral-Vorkommnisse aus der Gegend von Reichenbach. 

Von 
Herrn Bezirksbevollmächtigten A. Langenhan. 

Der Vortragende legte einige silurische Geschiebe (Orthocerenkalk 
mit Trilobiten-Schwanzschildern etc.), sowie verschiedene Mineralvor- 
kommnisse aus der Reichenbacher Gegend vor, welche er zum Theil 
der Güte des Gymnasial-Oberlehrers H. Lehmann in Reichenbach ver- 
dankt, zum Theil selbst auf einer Excursion mit diesem Herrn sammelte. 
Die zwischen den Serpentin- und Gabbro-Erhebungen des Zobtengebirges 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 21 

und dem Gneisstocke des Eulengebirges vereinzelt in der Reichenbach- 
Frankensteiner Ebene auftretenden Gneisshügel und Rücken sind an ver- 
schiedenen Stellen durch Basalt durchbrochen und bieten Bemerkens- 
werthes in landschaftlicher wie geologischer Beziehung. Ebenso wie 
östlich von Langenbielau, wie auch bei Peilau und Gnadenfrei, konnten 
auf dem (in der Mitte zwischen Reichenbach und Nimptsch) gelegenen 
Verlorensberge pegmatitische Gänge im Gneiss nachgewiesen werden, 
welche zwar nur vorübergehend aufgeschlossen wurden, aber als neue 
Fundgelegenheit für Andalusit, Beryll und Turmalin anzusehen sind. Die 
Berylle kommen nur in kleineren Krystallen weit seltener als Turmalin 
vor und erreichen bei Weitem nicht die Grösse der riesigen Peilauer 
Krystalle. Die langsäulenförmigen Turmaline sind tiefschwarz, glänzend, 
in Quarz und Feldspath eingewachsen, und zeigen nicht selten die deut- 
lich ausgebildeten Rhomboeder-Endflächen 1. und 2. Ordnung. — Etwas 
nördlich vom Verlorensberge erhebt sich aus dem Gneiss der malerisch 
gelegene Girlachsdorfer Basaltkopf. Der Basalt dieses Hügels wird seit 
Jahren zu Chausseebauzwecken abgetragen, so dass seine Höhe sehr 
bald beträchtlich vermindert sein wird. In der Nähe der südlichen Ein- 
fahrtstelle zu dem Basaltbruche ist deutlich die Contactstelle des 
Basaltes mit dem Gneiss aufgeschlossen, wie eine vorgelegte Zeichnung 
näher erläutert. Auf der nördlichen Seite des Hügels sind noch Gruppen 
schlanker Basaltsäulen von 4 bis 6 Meter Höhe erhalten, was ebenfalls 
durch eine Zeichnung erläutert wird. Sie werden aber sehr bald ab- 
getragen sein, worüber man mit Rücksicht auf die Seltenheit gut aus- 
gebildeten Säulenbasalts in Mittelschlesien nur Bedauern empfinden kann. 
In dem Girlachsdorfer Basalte sind Hohlräume mit verschiedenen 
Mineraleinschlüssen, und zwar neben Calcitkrystallen solche von lang- 
stengligem, seidenglänzendem Natrolith, ferner Phillipsit, Chabasit u. s. w. 
zu finden. Dr. Traube führt in seinem Werke: „Die Minerale 
Schlesiens" nur Natrolith von Girlachsdorf an. Der Vortragende knüpft 
hieran noch einige Bemerkungen über Einschlüsse des Granits bei 
Geppersdorf unweit Strehlen, sowie namentlich auch über die leider 
ziemlich verschwundene Fundstelle von Granatkrystallen im Granatfels 
des ausgebeuteten Kalkbruches von Geppersdorf und erläuterte an der 
Hand von Zeichnungen gewisse Unterschiede in der äusseren Erscheinung 
verschiedener Urgesteine und sedimentärer Ablagerungen. 

lieber Mineralien aus Mandelräumen d. Basaltes von Girlachsdorf. 

Von 
Privatdocent Dr. Milch. 
Der Vortragende berichtete über die von Herrn Bezirksbevoll- 
mächtigten Langenhan dem Mineralogischen Museum der Universität 
Breslau gütigst überlassenen Mineralien aus den Mandelräumen des 
Basalts von Girlachsdorf bei Reichenbach in Schlesien. 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Der Basalt erwies sich unter dem Mikroskop als ein hypokrystallin 
porphyrischer Feldspathbasalt, in dem sich ausser der Glasbasis drei ge- 
trennte Bildungsperioden der Gemengtheile nachweisen Hessen. Trotz 
seiner grossen Frische sind die Mandelräume des Gesteins mit zahlreichen 
Mineralneubildungen erfüllt, unter denen Zeolithe das meiste Interesse 
beanspruchen. 

Es fand sich: Natrolith in weissen seidenglänzenden Nadeln, die zu 
zierlichen Kugeln und pelzartigen Ueberzügen zusammentreten, 

Phillipsit in weissen scharf ausgebildeten Krystallen, 

Chabasith in wasserhellen stark glänzenden s Rhomboeder-ähnlichen 
Krystallen. 

Von anderen Mineralien wurde Kalkspath derb und in Krystallen, 
kieselige Substanz und ein eigenthümliches dunkelgraugrünes, fett- 
glänzendes Magnesium-Silikat nachgewiesen. 

Wenn Zeolithe mit anderen der genannten Mineralien zur Aus- 
füllung der Mandelräume zusammentreten, sind die Zeolithe stets die 
ältesten Neubildungen und sitzen als solche unmittelbar an der Wand 
des Mandelraums. Ein eingehenderer Bericht über den Basalt und die 
in ihm auftretenden Mineralien wird an anderer Stelle veröffentlicht werden. 



Sitzung am 7. Juni 1894. 

Ueber die von A. Raps construirte selbsttätige Otuecksilber- 

1 uftpumpe. 

Professor Dr. Dieterici demonstrirte diese sinnreich construirte Pumpe 
im Betriebe. 

Ueber einige neue physikalische Apparate. 

Von 
Geh. Rath Professor Dr. 0. E. Meyer. 

Der Vortragende erläuterte zunächst im Anschluss an den vorher- 
gehenden Vortrag den von Puluj angegebenen und von Ca s tag na in Prag 
ausgeführten Fallapparat. Eine mit einer Quecksilber -Luftpumpe voll- 
kommen leergepumpte Glasröhre enthält ausser einem eisernen Kügelchen 
eine Federfahne, in der ein Stückchen Eisen steckt. Ein aussen an- 
gebrachter Elektromagnet hält beide im oberen Ende der Röhre fest. 
Wird der elektrische Strom unterbrochen und dadurch Kugel und Feder 
gleichzeitig losgelassen, so fallen beide genau gleich schnell herab. Der 
Versuch gelingt mit der Kolben-Luftpumpe nur mangelhaft. 

Ferner zeigte derselbe Vortragende einen von 0. Lodge angegebenen 
Versuch über die Beseitigung von Rauch und Dunst durch Elektricität, 
welche aus Spitzenkämmen in die mit Rauch erfüllte Luft ausströmt. Es 
wurde dazu ein von Lejeune und Ducretet in Paris gebauter Apparat benutzt. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 23 

Ueber einen neuen Encrinus aus dem oberschles. Muschelkalk. 1 ) 

Von 
Dr. R. Michael. 
Der Vortragende legte eine Encrinus - Krone vor, welche Herr 
Grund ey in Chorulla OS. gefunden hatte. Das Exemplar stammt aus 
der oberen Abtheilung des unteren Muschelkalkes, den Schichten von 
Gorasdze, und zeigt zehn Arme in selten schöner Erhaltung mit durchweg 
zweizeilig angeordneten scharfen Dornen auf den Armgliedern, deren 
langen gegliederten Anhängen und einer scharfen Kante zwischen Seiten- 
und Aussenflächen. Diese Merkmale unterscheiden die Art von der be- 
kannteren Encrinus liliiformis Lam. Aber auch mit E. aculeatus H. v. M. 
kann die Krone wegen ihrer Grösse und der Armgliederung nicht vereinigt 
werden; sie gehört einer neuen Art an, die Encrinus spinosus zu 
benennen ist. 

Ueber ein Vorkommen tertiärer Thone bei Breslau. 

Von 
Dr. R. Michael. 

Der Vortragende berichtete über ein Vorkommen tertiärer Thone 
südlich von Breslau. Dieselben, von blaugrauer Farbe, mager, glimmer- 
reich, mit Kalkconcretionen , treten von rostrothen Sanden bedeckt, 
allenthalben in einer ca. 8 ha grossen, 3 — 4 m tiefen Ausschachtung zu 
Tage, die westlich Krietern in der Nähe des Kinderzobtenberges gelegen, 
das Material für die dortige Strecke des Dammes der neuen Breslauer 
Umgehungsbahn geliefert hat. An den Rändern sieht man Geschiebe- 
lehme und geschichtete Geschiebesande mit zahlreichen nordischen Gra- 
niten, Gneissen und Granitporphyren, von denen grössere bis 1 cbm 
enthaltende Blöcke auf dem vom Grundwasser theilweise bedeckten 
Boden über 700 an der Zahl verstreut liegen; häufig sind, namentlich 
in den Sanden, Feuersteine und Braunkohlenstücke, selten Kalke mit 
Versteinerungen, weit verbreitet, wie überhaupt im Diluvium der Um- 
gegend Breslaus die sogenannten Dreikantner. Das Vorkommen der oben 
erwähnten Thone ist aus dem Grunde bemerkenswerth, weil dadurch zum 
ersten Male Schichten der Tertiärformation nördlich der Lohe bekannt werden. 

Ueber tertiäres Amylphenol. 

Von 
Dr. B. Fischer, 

Director des chemischen Untersuchungsamts der Stadt Breslau. 

Der Vortragende berichtete über ein von ihm in Gemeinschaft mit 
Dr. B. Grützner, Assistent am pharmaceutischen Institut, dargestelltes 
und untersuchtes Phenol. 



x ) Vgl. Michael, Zeitschrift d. deutsch, geolog. Gesellschaft. 1893 p. 500 ff. 



24 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Die Reihe der homologen Phenole mit einer aliphatischen Seiten- 
kette zeigt noch manche Lücke. Allerdings hat A. Liebmann yor 
mehreren Jahren gezeigt, dass es gelingt, durch Condensation von Phenol 
und gewissen Alkoholen mit Hilfe von Chlorzink ziemlich glatt zu homo- 
logen Phenolen zu gelangen, indessen blieben seine Mittheilungen auf das 
Isobutylphenol und das Isoamylphenol beschränkt. 

Seit etwa 5 Jahren ist nun ein früher nur schwierig zu beschaffender 
Alkohol, das „üimethyläthylcarbinol" oder „Amylenhydrat" im Zustande 
vollkommener Reinheit im Handel zu haben (von C. A. F. Kahlbaum- 
B erlin dargestellt). Unsere Versuche, von diesem tertiären Amylalkohol 
ausgehend nach dem von Lieb mann angegebenen Verfahren das „tertiäre 
Amylphenol" darzustellen, haben ein günstiges Resultat ergeben« 

Tertiäres Amylphenol, C 6 H 4 .OH (C.CH 3 .CH 3 .C 2 H B ). 

Zur Darstellung wurden 100 Th. Phenol in 90 Th. tertiärem Amyl- 
alkohol gelöst und unter Zusatz von 240 Th. geschmolzenem Chlorzink 
am Rückflusskühler im Paraffinbade auf 180° C. erhitzt. Zur Erzielung 
einer guten Ausbeute empfiehlt es sich, nicht zu allmählich mit dem 
Erhitzen vorzugehen. Nach beendigter Reaction scheidet sich die Flüssig- 
keit in zwei Schichten, von denen die untere eine concentrirte Chlor- 
zinklösung darstellt. Man versetzt mit Wasser, hebt nach dem Erkalten 
den ausgeschiedenen Krystallkuchen ab und löst ihn nach öfterem 
Abwaschen mit Wasser in Natronlauge. Diese alkalische Lösung wird 
nunmehr der Destillation mit Wasserdampf unterworfen. Man erhält 
hierbei im Destillat ein angenehm aromatisch riechendes Oel, welches 
noch nicht näher untersucht worden ist, voraussichtlich aber aus äther- 
artigen Verbindungen besteht. Aus der im Destillationsrückstand hinter- 
bleibenden alkalischen Lösung scheidet man das Phenol durch Zusatz 
von Salzsäure ab. Die nach dem Erkalten resultirende Krystallmasse 
wird mit Wasser gewaschen und schliesslich der Destillation unterworfen. 
Man erhält so etwa 65 pCt. der theoretischen Ausbeute von dem erwarteten 
Amylphenol. 

Dasselbe ist noch nicht völlig rein. Zur Reindarstellung empfiehlt 
es sich, die Verbindung aus heissem Petroleumäther umzukrystallisiren. 
Beim Erkalten scheidet es sich in Form langer, verfilzter, glänzend 
weisser Kry stallnadeln aus. Ueberlässt man die Mutterlaugen der frei- 
willigen Verdunstung, so lassen sich spiessige Krystalle bis zu 10 cm 
Länge gewinnen. 

In reinem Zustande schmilzt das tertiäre Amylphenol bei 93 — 94° C. 
und siedet (Thermometer ganz in Dampf!) bei 265 — 267° C. Es ist in 
Wasser ausserordentlich wenig löslich, dagegen mit Wasserdämpfen 
flüchtig; in Alkohol und nn Aether ist es leicht löslich. Der besonders 
beim Erwärmen zu Tage tretende Geruch ist angenehm Weihrauch- und 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 25 

thymolartig. Durch Eisenchlorid wird weder die wässrige, noch die 
alkoholische Lösung gefärbt. Die Analyse ergab nachfolgende Werthe: 

Analyse: Ber. für C^H^O. 

Procente: C 80.49, H 9.75. 

Gef. * * 80.26, 80.31, 80.70, * 10.13, 9.98, 9.96. 

Diese Zahlen, sowie die Darstellung der nachfolgenden Derivate 
beweisen, dass in der That ein Phenol der Zusammensetzung C^H^O 
vorliegt. 

Anrylphenol-Natrium, C^H^ .ONa. Dieses Salz bildet sich leicht, 
wenn man das Phenol in lOprocentiger Natronlauge unter Erwärmen 
löst. Beim Erkalten erstarrt die Flüssigkeit zu einem Magma rein- 
weisser, schuppenförmiger Krystalle. 

Analyse: Ber. für C^H^ONa. 

Procente: Na 12.36. 
Gef. * = 10.07, 11.84, 8.20. 

Dieses Natriumsalz ist in kaltem Wasser schwer, leichter in heissem 
Wasser löslich, durch Einwirkung von viel Wasser scheint es zum Theil 
zersetzt zu werden. Aus der Luft zieht es ungemein leicht Kohlensäure 
an. Auf diese Complicationen dürften die Differenzen bei den Bestim- 
mungen III und I zurückzuführen sein. 

Aus einer stark verdünnten Lösung wurde einmal zufällig ein 
Natriumsalz in derben prismatischen Krystallen erhalten, welche sich nicht 
klar in Wasser lösten. Gefunden wurden in diesem Salze 7.72 pCt. Na. 
Es ist daher nicht unmöglich, dass eine Verbindung C n Hj 5 ONa . C^HjgO 
vorliegt, für welche sich 6.57 pCt. Na berechnen. 

Acetylamylphenol , C 6 H 4 . CgH^ . OC 2 H 3 0, entsteht durch mehr- 
stündiges Kochen des Phenols mit einem Ueberschuss von Essigsäure- 
anhydrid. Das Reactionsproduct wird in Wasser gegossen, später mit 
ammoniakalischem Wasser gewaschen, schliesslich destillirt. Ein klares, 
farbloses Oel, welches bei 264 — 266° siedet und einen schwach wanzen- 
artigen Geruch besitzt. 

Analyse: Ber. für C 13 H 18 2 . 

Procente: C 75.72, H 8.73. 

Gef. = * 75.58, 75.64, * 8.91, 8.82. 

Mit Rücksicht darauf, dass der Siedepunkt der Acetylverbindung 
demjenigen des Phenols sehr nahe liegt, wurde dieselbe starken Kälte- 
mischungen ausgesetzt. Indessen trat keine Abscheidung einer krystalli- 
sirten Verbindung ein- selbst in einer Kältemischung aus fester Kohlen- 
säure und Aether erstarrte das Acetylproduct nicht krystallinisch, sondern 
es wurde nur gelatinös. Durch Natronlauge wird die Acetylverbindung 
übrigens schon in der Kälte leicht zerlegt. Mit Rücksicht darauf wurde 



26 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

versucht, den Essigsäuregehalt der Verbindung durch Verseifen mit 
Normal-Kalilauge zu bestimmen. 

Analyse: Ber. für C 2 H 4 2 . 

Procente: 29.12. 
Gef. * 29.33. 

Mithin kann es einem Zweifel nicht unterliegen, dass wir die ge- 
suchte Acetylverbindung unter den Händen hatten, und zwar — nach 
dem übereinstimmenden Ergebniss mehrerer Darstellungen — in analysen- 
reinem Zustande. 

Amylanisol, C 6 H 4 . C 5 E lt . OCH 3 . Der Methyläther des Amylphenols 
wurde in der üblichen Weise dargestellt durch Erhitzen von Amylphenol 
mit berechneten Mengen Kalihydrat und einem Ueberschuss von Jod- 
methyl in methylalkoholischer Lösung im geschlossenen Rohr bei 100°. 
Das Reactionsproduct wurde mit Natriumsulfit entfärbt, alsdann mit 
"Wasserdampf destillirt. Zur Trennung von unverändertem Phenol wurde 
das übergegangene Oel wiederholt mit dünner Natronlauge geschüttelt, 
alsdann mit Wasser gewaschen und destillirt. In reinem Zustande bildet 
das Amylanisol ein schwach anisolartig riechendes Oel, welches bei 
240—241° siedet. 

Analyse: Ber. für C 12 H 18 0. 

Procente: C 80.9, H 10.1. 

Gef. = , 80.42, 80.57, 80.71, , 10.26, 10.32, 10.27. 

Auch dieser Aether wird durch concentrirte Natronlauge leicht 
wieder in seine Bestandtheile zerlegt. 

Es wurde nun versucht, zu entscheiden, in welcher Stellung die 
eingetretene Amylgruppe, C 5 H n , vorhanden ist. Wahrscheinlich ist es 
ja, dass sich dieselbe, nach Analogie des Isobutyl- und Isoamylphenols, 
in der Para- Stellung befindet. Indessen könnte der Beweis hierfür 
zunächst nur durch ein Studium der Oxydationsproducte erbracht werden. 

Die Versuche, das freie Phenol zu oxydiren, schlugen, wie voraus- 
zusehen, fehl. Dasselbe wurde zwar in alkalischer Lösung durch Kalium- 
permanganat sehr schnell oxydirt, aber die Oxydationsproducte Hessen 
sich bisher nicht in krystallisirtem Zustande gewinnen. — Das Amylanisol 
dagegen erwies sich bisher als eine gegen Oxydationsmittel ausserordent- 
lich resistente Verbindung. 

Wir gedenken die Untersuchung des tertiären Amylphenols weiter 
fortzusetzen und die Einführung der tertiären Amylgruppe auch bei 
anderen Phenolen bezw. deren Derivaten zu versuchen. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 27 

Sitzung am 26. Juli 1893. 

Ueber die Lichtmühle. 

Von 
Professor Dr. Rosenbach. 

Der Vortragende theilte die Ergebnisse seiner Versuehe mit der 
Lichtmühle mit. 

Diese Versuche müssen im Hintergrunde des Zimmers oder an einem 
durch Vorhänge vor dem Eindringen des Lichtes geschützten Platze vor- 
genommen werden, da ein empfindliches Radiometer, selbst bei bedecktem 
Himmel, in der Nähe des Fensters in Gang geräth. 

I. 

1. Wenn man eine Lichtmühle, die in einem Glasgefässe voll- 
ständig von Wasser umgeben ist, im Wasserbade erhitzt, so fängt sie ge- 
wöhnlich an, sich bei einer Temperatur von etwa 40° Celsius langsam (etwa 
eine Umdrehung in der Minute) aber gleichmässig zu bewegen, um etwa 
bei 55 — 60° still zu stehen, und wird dann auch bei Zunahme der 
Temperatur nicht mehr in Gang gesetzt. Auch wenn das Radiometer 
lange Zeit im kochenden Wasser steht, findet keine weitere Be- 
wegung statt. 

Kleine Bewegungen werden nur durch die Stösse des siedenden 
Wassers ausgelöst, und die Bewegung des Radiometers hört auf, sobald 
die Flamme entfernt oder verkleinert wird. 

Auch muss der Kochapparat so eingerichtet sein, dass die Flamme 
nicht hoch hinaufschlägt, da sonst Bewegungen des Radiometers durch 
directe Strahlung ausgelöst werden. 

2. Bringt man eine hell brennende Lampe, ein brennendes Licht 
(oder auch ein brennendes Streichholz) dicht an die Aussenwand des 
Gefässes, in dem die Lichtmühle steht, so geräth sie in Bewegung, die 
um so schneller ist, je heller die betreffende Flamme brennt. Wenn 
das Ansteigen der Dämpfe des Wasserbades (zwischen Lichtquelle und 
Lichtmühle) sehr stark ist, so wird die Bewegung etwas vermindert. 

3. Die Bewegung wird so stark, wie bei einem freistehenden 
Radiometer, wenn man vermittelst eines Spiegels einen Sonnenstrahl 
durch das siedende Wasser hindurch auf die Flügel der Mühle wirft; 
sie wird am stärksten, wenn man die Sonne direct durch das Wasser 
auf die Mühle, wenn auch nur momentan, scheinen lässt. 

4 a. Bringt man die Mühle in den gut verschliessbaren Koch- oder 
Wärmeraum eines geheizten Ofens, so dass kein Lichtschein oder Schein 
der Flamme auf sie fällt, so bewegt sie sich schnell, wenn die Innen- 
temperatur etwa 40° beträgt; sie bleibt aber nach wenigen (etwa 5 — 10) 
Minuten, auch wenn die Temperatur nach Verschluss des Raumes 80° 



28 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

überschreitet, stehen, um nicht eher wieder in Bewegung zu kommen, 
als bis man Licht auf sie fallen lässt oder sie in einen kühleren Raum 
bringt. 

4 b. Stellt man die Lichtmühle in einen Kreis von brennenden 
Lampen, so bewegt sie sich mit rasender Geschwindigkeit und kommt, 
obwohl ihre Wandung sehr heiss wird, nicht eher zum Stillstande, als 
bis man die Lampen auslöscht ; dann tritt, trotz der Wärme der Glas- 
wandung, auffallend schnell Stillstand und retrograde Drehung ein. 

5. Füllt man das Glasgefäss, in dem die Lichtmühle steht, mit Eis- 
stückchen, so dass sie vollständig mit Eisstücken und Wasser von etwa 
5° umschichtet ist und lässt nun einen Sonnenstrahl, durch einen Spiegel 
oder direct, auf das Radiometer fallen, so bewegt es sich fast mit der- 
selben Geschwindigkeit, wie wenn die Temperaturerniedrigung nicht 
vorhanden wäre. Ebenso erhält man Bewegung, wenn man eine Kerzen- 
flamme oder Lampe in der vorhin beschriebenen Weise der Mühle nähert 
(Die Licht- oder Wärmequelle wirkt also durch die Eis- und Wasser- 
schicht hindurch.) 

IL 

6. Wenn man einen Schirm von Holz oder Pappe so vor die Licht- 
mühle hält, dass die directen oder durch einen Spiegel reflectirten 
Sonnenstrahlen nur auf die hellen Flächen der Flügel fallen, so wird die 
stehende Mühle sofort in umgekehrte Drehung versetzt, d. h. die 
schwarzen Flächen gehen voran, während die in normaler Bewegung 
befindliche Mühle unter deutlichen Stössen zum Stillstande kommt und 
nach einigen Augenblicken der Beleuchtung ebenfalls eine umgekehrte 
Bewegung annimmt. Lässt man dagegen das Licht nur auf die schwarzen 
Flächen fallen, so bewegt sie sich mit grosser Geschwindigkeit normal; 
die weissen Flächen gehen voran. Je genauer die Strahlen nur die 
hellen Flächen treffen, desto stärker ist die umgekehrte Bewegung. 

7. Der Versuch lässt sich sehr einfach so anstellen, dass man eine 
Halbkugel des Radiometers mit einem Ueberzuge von schwarzem Stoffe 
umgiebt und nun durch verschiedene Drehungen des Apparates bald die 
weisse, bald die schwarze Fläche der Flügel beleuchten lässt, wobei 
man jede gewünschte Form der Bewegung erzielen kann. 

Wenn die weisse Fläche nicht vom directem Sonnenlichte, sondern 
vom diffusem Tageslichte getroffen wird, so erhält man, wie immer, 
normale Bewegung, die durch den ersten Strahl directen Sonnenlichtes 
in die umgekehrte Richtung übergeführt wird. So kann man die schein- 
bar paradoxe Erscheinung demonstriren, dass die, unter dem Einflüsse 
des indirecten Lichtes oder bei bedecktem Himmel, sich schnell in nor- 
maler Richtung bewegende, Mühle beim directen Auffallen eines Sonnen- 
strahls zu einer Umkehrung der Gangart gezwungen wird. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 29 

Während der Beleuchtung durch die Sonne erwärmt sich die mit 
dem schwarzen Ueberzuge versehene Hälfte beträchtlich, während die 
andere auffallend kühl bleibt. 

Wenn die Lichtmühle sich unter der Einwirkung der Sonne rück- 
wärts bewegt, so genügt die Annäherung eines brennenden Lichtes oder 
eines erwärmten Metallstücks, um die Bewegung zum Stillstande zu 
bringen und alsbald in die entgegengesetzte überzuführen. Man kann 
so, wie mit einer Waage, die verschiedene Grösse der beiden Energie- 
quoten bestimmen. 

Die eben geschilderten Bewegungserscheinungen w r erden in ganz 
derselben Weise hervorgerufen, wenn die Lichtmühle sich in kaltem 
oder warmem Wasser befindet. 

Mit einer Lampen- oder Kerzenflamme lassen sich diese Erschei- 
nungen viel schwerer demonstriren, und zwar um so schwerer, je mehr 
Wärme die Lichtquelle ausstrahlt. Bei sehr vorsichtigem Manipuliren 
vermittelst einer, allmählich genäherten Streichholzflamme kann man es 
aber erzielen, dass die Mühle bei Beleuchtung der weissen Flächen still 
steht, während sie, wenn die Beleuchtung der schwarzen aus derselben 
Entfernung erfolgt, in deutliche Bewegung versetzt wird. 

8. Bringt man die, in kochendem Wasser oder in dem heissen 
Kochraum eines Ofens völlig unbeweglich stehende Mühle in Zimmer- 
temperatur, ohne sie durch Erschütterung in Bewegung zu versetzen, so 
beginnt sofort eine, immer mehr zunehmende, rückläufige Bewegung, die 
um so stärker zu sein scheint, je grösser die Temperaturdifferenz des 
früheren und des späteren Standortes ist; wir haben retrograde Be- 
wegung von 5 — 10 Minuten Dauer beobachtet. 

Stellt man nun den Apparat an den früheren Standort zurück, so 
beginnt sofort, auch wenn z. B. das Wasser bereits beträchtlich abge- 
kühlt ist, die rechtläufige Bewegung, um bei Herausnahme der Mühle 
wieder retrograd zu werden, und man kann durch Wiederholung der eben 
beschriebenen Maassnahmen noch eine recht lange Zeit die normale oder 
umgekehrte Bewegung hervorrufen. 

Auch wenn die Mühle längere Zeit dem Sonnenlicht oder einer 
Flamme ausgesetzt war, schliesst sich an den Stillstand der Bewegung 
gewöhnlich noch eine retrograde Bewegung an. Die hier geschilderte 
retrograde Bewegung ist continuirlich und dadurch von der, durch Er- 
schütterung erzeugten, bei der die Flügel sich zuckend und schwankend 
bewegen, deutlich unterschieden. 

Aus diesen Beobachtungen glaubt der Vortragende folgende Schlüsse 
ziehen zu können, deren eingehende Begründung er an einem anderen 
Orte geben wird : 

1. Die Erscheinungen sind durch den Stoss der verschieden er- 
wärmten (residualen) Luftmoleküle des Radiometers nicht zu erklären. 



30 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

2. Die normale Bewegung erfolgt nach dem Princip des Segner- 
schen Wasserrades; die Bewegung bei den Versuchen, wo Sonnen- 
strahlen nur auf die weissen Flächen fallen, ist die einer Windfahne. 

3. Die Bewegung wird nicht durch Licht- und Wärmequellen her- 
vorgerufen. 

4. Es liegen Anhaltspunkte für die Annahme vor, dass ein Strom 
materieller Theilchen, die von einem erhitzten, namentlich einem 
glühenden, Körper mit grosser Schnelligkeit ausgesandt werden, die Be- 
wegung auslöst. 

5. Die Lichtmühle ist eine Waage für sehr beschleunigte Materie. 

III. 

Gelegentlich der Untersuchungen über die Bewegung des Radio- 
meters hat der Vortragende noch einige Beobachtungen gemacht, die in 
psycho-physischer Beziehung beachtenswerth erscheinen, da sie einen 
Beitrag zur Lehre vom binocularen Sehen und zur Frage von der 
Ueberführung optischer Eindrücke in Bewegungsvorstellungen liefern, 

Lässt man in einem dunklen Zimmer ein Radiometer vor einer, am 
besten mit weisser Glocke versehener, Lampe schnell rotiren, so kann 
man folgende bemerkenswerthe Erscheinungen beobachten: 

1. Fixirt man, wenn sich die horizontale Visirebene in der Höhe 
des Radiometers befindet, das Radiometer einige Zeit, so scheint nach 
etwa 5 bis 6 Secunden das Radiometer seine Bewegung umzukehren und 
verharrt in dieser Bewegung, bis nach etwa 2 bis 3 Secunden wieder 
ein Umschlag erfolgt, ein Vorgang, der sich dann in immer kürzeren 
Intervallen wiederholt. 

2. Dieselbe Umkehr der Bewegungsrichtung erhält man, wenn man 
das Radiometer nur mit einem Auge betrachtet; aber diese Umkehr tritt 
dann bereits nach 2 — 3 Secunden ein, und auch hier wiederholt sich der 
vorher beschriebene Vorgang der periodischen Umkehr. Wenn man bei 

entspannter Accommodation durch die Flügel hindurch binocular auf den 
Lampenschirm blickt, so tritt nach einer gewissen Zeit ebenfalls der 
Wechsel der Bewegung ein. 

3. Fixirt man das Radiometer von oben herab, so beginnen sich 
die Flügel in der Verticalebene, nach Art eines Mühlrades, zu bewegen, 
ohne die normale Richtung, also z. B. von links nach rechts, aufzugeben. 
Nach einigen Augenblicken der Beobachtung erfolgt dann wieder die 
Umkehr der Bewegung, aber nicht in der Verticalebene, sondern in der 
Horizontalebene, so dass also bei diesem Versuche die Bewegung in 
zwei verschiedenen Ebenen, aber in derselben Richtung, vor sich geht. 

4. Die Lage der Drehungsebene ist von dem Winkel, den die 
Visirebene mit der Horizontalebene bildet, abhängig. Wenn der Winkel 
45° beträgt, steht die Drehungsebene senkrecht auf der Horizontalebene 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 31 

und bildet mit der Visirebene einen Winkel von 45°. Bei jeder ge- 
ringeren Neigung erfolgt die Drehung in einer Ebene, die sich immer 
mehr zur Horizontalebene neigt, bis, beim Zusammenfall der Visirebene 
mit der Horizontalebene, nur noch die Drehung in der letzteren be- 
obachtet wird. 

5. Auffallend ist es, dass die Drehung bei binocularer Fixation der 
Flügel viel schneller und gleichmässiger erscheint, als wenn nur mit 
einem Auge oder unter Entspannung der Accommodation beobachtet wird. 
So wird, namentlich bei der ersten Umkehr der Bewegungsrichtung, der 
Gang der Flügel etwas schleppend und stossend. 

6. Wenn man in diesen Beobachtungen einige Uebung gewonnen 
hat, so kann man leicht constatiren, dass die Umkehr der Bewegung 
sich mit einem eigenthümlichen starken Stosse, den die Flügel der 
Mühle zu erfahren scheinen, einleitet und wenn man weniger dieser Be- 
obachtung der äusseren Phänomene, als dem Vorgange im eigenen Auge 
Beachtung schenkt, so erfährt man, dass der scheinbare Stoss in der 
Lichtmühle identisch ist mit einer zuckenden Bewegung des fixirenden Auges. 

Hat man diese Thatsache einmal festgestellt, so nimmt man leicht 
weiter wahr, dass die Umkehr der Bewegung mit einer Verschiebung 
der Blickrichtung verbunden ist und man kann auch bei anderen 
Personen, die man die Wahrnehmung der Umkehr durch ein Zeichen 
ankündigen lässt, den Nachweis liefern, dass die Umkehr der Bewegung 
mit einer Verschiebung der Blicklinie verbunden ist. 

7. Wenn man mit einem Blicke auf die sich bewegenden Flügel 
der Lichtmühle ihre Zahl abzuschätzen versucht, so hat man stets den 
Eindruck, dass fünf Flügel vorhanden sind und man kann sich selbst 
bei längerer Beobachtung diesem Eindrucke so lange nicht entziehen, 
als der Gang der Mühle nicht zu sehr beschleunigt wird. 

Aus diesen Thatsachen, deren weitere Bearbeitung für specielle 
Fragen aus dem Gebiete der Lehre vom Sehen der Vortragende sich 
vorbehält, lässt sich der Schluss ziehen, dass es sich bei diesen Vor- 
gängen um Ermüdungsphänomene in den Augenmuskeln handelt, und 
dass beim binocularen Fixiren die beiden Netzhautbilder nicht zu 
gleicher Zeit, sondern discontinuirlich, allerdings in ausserordentlich 
kleinen Intervallen, zum Bewusstsein kommen und zu einem Eindruck 
verschmolzen werden. Diese discontinuirliche Erregung wirkt der Er- 
müdung entgegen. Beim Fixiren mit einem Auge (und bei längerem 
Fixiren mit beiden) bewirkt die Ermüdung, dass nach einem gewissen 
Intervall die Augenachse abgelenkt wird, so dass die Netzhaut nun die 
Eindrücke in umgekehrter Reihenfolge empfängt und die Vorstellung 
einer Umkehr der Bewegungsrichtung auslöst. 

Dem Vortrag folgte eine lebhafte Discussion, an der sich vorzugs- 
weise Herr Geheimrath Professor Dr. 0. E. Meyer betheiligte. 



32 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Ueber fossile Fische aus dem oberschlesischen Keuper. 

Von 
E. Gallinek auf Krysanowitz. 

Der Vortragende legte eine grössere Anzahl fossiler Fische aus dem 
oberschlesischen Keuper vor. Der Vortragende fand dieselben in einem 
Thoneisensteinschachte in der Nähe von Neudorf im nordöstlichen Theile 
des Kreises Rosenberg; die 1 m mächtige Thoneisenstein- und Sphäro- 
sideritlage, in der die Fische vorkommen, ist von einer 21 m mächtigen 
Schichtfolge von Sanden, eisenschüssigen Sandsteinen und grauen Letten 
bedeckt; die Sande und Sandsteine gehören dem sogenannten Kostczelitzer 
Sandsteine an, den Römer als eines der tieferen Glieder des braunen 
Jura betrachtet, die Letten dagegen mit den^Sphärosideritlagen noch dem 
Rhät, der obersten Stufe des Keupers, den sogenannten Hellewalder 
Estherienschichten, wie das Auftreten des kleinen Schalenkrebses, der 
Estheria minuta beweist. In Anbetracht des Umstandes, dass die orga- 
nischen Einschlüsse nicht nur im oberschlesischen, sondern auch im 
übrigen Keuper sehr ärmliche sind, verdient der Fund eine ganz be- 
sondere Bedeutung, zumal auch die Erhaltung der Fische eine selten 
schöne genannt werden kann, vor allem der Abdruck der schönen 
grossen rhombischen Schuppen, der Kopf mit allen seinen Knochen, die 
Zähne und die Flossen mit Ausnahme leider der Schwanzflosse, deren 
Fehlen nicht erkennen lässt, ob der Fisch heterocercal oder homo- 
cercal gewesen sei. Der Fisch dürfte wahrscheinlich der Gattung Lepi- 
dotus oder Semionotus angehören, doch wird Näheres aus dem Ergebniss 
der wissenschaftlichen Bearbeitung, die Herr Dr. Michael, Assistent am 
hiesigen Mineralogischen Museum, übernommen hat, hervorgehen. 

Herr Professor Dr. Frech dankte Herrn Gallinek für die in 
dankenswerther Weise der paläontologischen Abtheilung des Museums 
überwiesenen kostbaren Objecte und wies auf die Bedeutung hin, welche 
der Fund für die geologische Kenntniss unserer Provinz und die Ent- 
wicklungsgeschichte der Thierwelt besitzt. Der Fisch gehört vermuthlich 
einer neuen, Lepidotus nahestehenden Gattung, sicher einer neuen Art 
an, welche zu Ehren des Entdeckers benannt werden wird. 

lieber Gesteine aus Paraguay. 

Von 
Privatdocent Dr. Milch. 

Der Vortragende berichtete über Gesteine von Paraguay. Obwohl 
Gesteine eine eingehende Untersuchung in der Regel nur im Zusammen- 
hange mit ihrem geologischen Auftreten verdienen, wurde die von Herrn 
Dr. Lindner, früher Professor der Naturwissenschaften in Asuncion, dem 
Museum gütigst überwiesene Gesteinssuite einer Bearbeitung unterzogen, 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 33 

da Paraguay geologisch ziemlich unbekannt und daher auch ein kleiner 
Beitrag nicht werthlos ist. Dazu kommt, dass Herr Lindner seine 
Aufsammlungen im Westen und im Centrum von Paraguay gemacht hat, 
während die von Pohl mann beschriebenen Gesteine dem Norden, die 
von Hibsch untersuchten dem Süden von Paraguay entstammen. 

Ein rother quarzitischer Sandstein aus der Umgebung des Cerro 
Tacumbü bei Asuncion del Paraguay ist dadurch interessant, dass er 
unter dem Mikroskop deutlich ein Fortwachsen seiner Quarzkörner er- 
kennen lässt. Jedes Quarzkörnchen war ursprünglich randlich von einer 
dünnen Haut von Eisenhydroxyd umgeben und hebt sich durch diesen 
farbigen Rand deutlich von der farblosen Grundmasse ab; bei gekreuzten 
Nikols erkennt man aber, dass auch jenseits des Randes die optische 
Orientirung der dasCaement bildenden Quarzsubstanz die gleiche ist, wie die 
des Quarzkorns, dass also die allohigenen Quarzkörnchen nachträglich 
durch authigene Quarzsubstanz verkittet und in ihr weiter gewachsen sind. 
In diesem rothen Sandstein setzt im Cerro Tacumbü ein dunkles, 
gelb anwitterndes Eruptivgestein auf, das dem unbewaffneten Auge 
grössere Olivinanhäufungen zeigt und sich u. d. M. als ein Limburgit, 
d. h. ein von feldspathigen Gemengtheilen freier Basalt erweist. Hervor- 
zuheben ist bei sonst normaler Zusammensetzung des Gesteins die un- 
gleichmässige Vertheilung des Glases in der Grundmasse, die hier bei 
der ungewöhnlichen Frische des Gesteins sehr gut studirt werden kann. 
Die Absonderung des Gesteines ist vorzüglich säulenförmig. 

Ein gelbbrauner Phonolith von Sapucäy, einem Höhenzuge im 
Districte von Ibitimi, ist dadurch bemerkenswerth, dass er neben Sanidin, 
Nephelin, einem Gliede der Hauyn-Noseanreihe und einem natronreichen, 
dem Aegirin nahestehenden Pyroxen unter den Einsprengungen grüne 
Hornblende und braungelben Glimmer besitzt, die randlich ungewöhnlich 
deutlich magmatische Resorption, d. h. Umbildung in andere Minerale, 
aufweisen. Durch die grosse Zahl von Salzsäure angreifbarer Com- 
ponenten gelatinirt das Gesteinpulver sehr rasch mit Salzsäure. 

Ein grauer Sandstein mit kieseligem Caement, ein hellgelber Sand- 
stein mit thonigem Caement und ein blaugrauer Kalk bieten zu be- 
sonderen Beobachtungen keinen Anlass. Ein Vergleich der vorliegenden 
Gesteine mit den von Pohl mann und Hibsch beschriebenen zeigt die 
weite Verbreitung des rothen quarzitischen Sandsteins in Paraguay und 
das Herrschen der natronreichen Reihe unter den jüngeren Eruptivgesteinen. 

Ueber eine Höhle im Marmorbruche des Mühlbergs bei Kauft ung 

in Schlesien. 

Von 
Privatdocent Dr. Milch. 
Derselbe berichtet ferner über eine Höhle im Marmoibruehe des 
Mühlberges bei Kauffung (Kreis Schönau) in Schlesien. Herr Major 

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34 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

von Bergmann auf Kauffung theilte Herrn Professor Dr. Hintze im 
Frühjahr 1893 mit, dass in seinem Marmorbruch am Mühlberge eine 
Höhle aufgefunden sei und erbot sich in dankenswerther Weise, bis die 
Untersuchung der Höhle erfolgt sei, dieselbe zu erhalten und in un- 
berührtem Zustande zu belassen. Die Untersuchung wurde von 
Professor Hintze seinen Assistenten, Herrn Dr. Michael und 
dem Vortragenden übertragen. Dabei wurden in der Höhle die 
Sinterbildungen in ihren verschiedenen Stadien beobachtet und 
eine ungewöhnlich vollständige Entwickelungsreihe der Stalaktiten und 
Stalagmiten gesammelt. An diesen Stücken wurde vom Vortragenden 
die Entstehung der Tropfsteingebilde erläutert und auf Grund der mit 
freundlicher Unterstützung des Herrn Revier Verwalters Gottwald in 
Kauffung vorgenommenen Vermessung an der Hand eines Grundrisses 
und eines Profiles durch die Höhle die Entstehung der Höhle durch Er- 
weiterung einer Spalte in Folge Lösung des kohlensauren Kalkes durch 
die Sickerwässer dargethan. Eine ausführliche Darstellung der ge- 
wonnenen Resultate wird vorbereitet. 



Sitzung am 8. November 189 3. 

Die Farbensirene und Bemerkungen über die Entstehung 

der Farben. 

Von 
Professor Dr. Bosenbach. 
Wenn die Empfindung des Lichtes (des Hellen) darauf beruht, dass 
unter Einwirkung einer bestimmten Menge und Form von kinetischer 
Energie eine Veränderung des Gleichgewichtszustandes der Theilchen 
des Sehnerven hervorgerufen wird, wenn also die Elemente gegenüber 
dem individuellen Gleichgewichtszustande, den wir als Grenze der Erreg- 
barkeit bezeichnen, eine bestimmte Verschiebung erlitten haben, so muss 
Dunkel die Empfindung des Ueberganges in den entgegen- 
gesetzten Gleichgewichtszustand bedeuten. Wenn also ein Licht- 
eindruck bei Einwirkung einer bestimmten Menge von Bewegungsenergie 
entsteht, bei der die Theilchen in der Richtung des Stosses aus ihrer Gleich- 
gewichtslage gebracht werden, so muss die Empfindung des Dunkeln dann 
eintreten, wenn dieselbe Menge von entgegengesetzt gerichteter Energie in 
entsprechender Zeit die Theilchen in ihre frühere Lage wieder zurückführt. 

Die Entstehung der Empfindung Schwarz ist also ebenso der Aus- 
druck einer Arbeitsleistung in der Retina, die für die Herstellung des 
früheren Gleichgewichtszustandes der kleinsten materiellen Elemente 
(nicht der geweblichen Gebilde) nolhwendig ist, wie die (Arbeitsleistung 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Sectio n. 35 

für die) Empfindung des Hellen schon der Ausdruck der Verschiebung 
aus einem primären (mittleren) Gleichgewichtszustande ist. Die (qua- 
litativ) verschiedenen Empfindungen sind nur der Ausdruck der Perception 
der verschiedenen räumlichen Beziehungen der Theilchen zu einer 
individuellen intermolekularen Gleichgewichtslage, die als Maass für 
die Entfernung oder Annäherung zweier Theilchen und somit für die 
Schwingungsrichtung und Grösse der Schwingung dient. 

So sind Licht und Dunkel oder genauer Weiss und Schwarz die 
beiden Grenzwerthe der vom Gehirn als besondere Gleichgewichts- 
zustände unterschiedenen Stellungen der Retinaelemente, und somit müssen 
sich alle Formen der Farbenempfindung als Qualitäten aus den zwei 
wesentlich, d. h. nicht bloss durch die Summe von Energie, sondern 
durch ihre Richtung unterschiedenen Formen von Bewegung ableiten 
lassen. Der Vergleich der Wirkung gleichgerichteter Energiesysteme 
liefert nur die Grundlage für die Empfindung der Quantität, während die 
Empfindung der Richtungsdifferenz der Energie, also das Be- 
wusstwerden einer ungleichen Schwingungsrichtung der 
getroffenen Theilchen, zur Entstehung des Qualitätsbegriffes Ver- 
anlassung giebt. 

Mit anderen Worten: Die Farbenempfindungen und schon die ihnen 
am nächsten stehenden qualitativen Kategorien des Schwarzen und 
Weissen müssen sich durch eine Mischung der Empfindungen von Licht 
und Dunkel hervorrufen lassen. Nun ist aber die Empfindung der ab- 
soluten Helligkeit unmöglich, weil Licht aus physikalischen Gründen 
nicht ungeschwächt (unverändert) zur Retina gelangen kann, und ebenso 
giebt es keine Empfindung der absoluten Dunkelheit, weil der Begriff 
der Erregbarkeit bereits die Empfindung des Hellen involvirt-, 
denn die Theilchen des erregbaren Gewebes befinden sich auch bei 
fehlender äusserer Reizung in einer Gleichgewichtslage, die einer minimalen 
Helligkeitsempfindung entspricht. 

Also sind die G rund emp findungen bereits Schwarz und Weiss, 
d.h. dasGehirn mischt aus den differenten Erregungszuständen derElemente 
der Retina, nämlich hell und dunkel, die Farben Schwarz und Weiss, 
und bildet aus den verschiedenen Proportionen der Empfin- 
dung von Schwarz und Weiss die Farben zweiter Ordnung 
(die einfachen Spectralfarben), aus denen dann wieder durch neue 
Mischung die Farben dritter Ordnung hervorgehen. (S. u.) 

Man kann nun annehmen, dass undurchsichtige Platten, die durch 
verschieden gestaltete Oeffnungen den Strahlen einer Lichtquelle Zutritt 
gestatten, bei verschieden schneller Drehung um eine möglichst central 
gelegene Achse Farbenerscheinungen um so deutlicher zeigen werden, 
wenn die dem Beschauer zugewendete (von der Lichtquelle abgewendete) 
Seite der Scheibe ganz dunkel (schwarz) erscheint, wenn der Hinter- 

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36 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

grund eine gleichmässig beleuchtete weisse Fläche ist, und wenn 
Blendung und Lichtreflexion ausgeschlossen sind. 

Wenn wir eine mit Oeffnungen versehene Scheibe aus Pappe vor 
einer Lampenglocke von Milchglas oder vor einem Schirm von weissem, 
beöltem Papier schneller oder langsamer rotiren lassen und somit, je 
nach der Grösse der Oeffnungen in der Scheibe, eine verschieden schnelle 
Aufeinanderfolge von Eindrücken von Weiss und Schwarz erhalten, so 
wird in derThat die Empfindung des Farbigen erregt und wir können so 
die verschiedensten Farben beliebig erzeugen. Wir haben also 
in einem Apparat, der gestattet, weissfarbiges Licht mit Schatten (Schwarz) 
zu mischen, eine optische oder Farbensirene 1 ) vor uns, durch 
deren Vermittelung wir ebenso eine Farbenscala erhalten, wie durch die 
akustische Sirene eine Scala der Töne. 

Man kann auf diese Weise sämmtliche Farben des Spectrums, so- 
wie Grau und hellstes Weiss hervorbringen, indem man entweder die 
Oeffnungen vergrössert oder die Umdrehungsgeschwindigkeit ändert. 
Sämmtliche Farben stellen sich natürlich als schmälere oder breitere 
Ringe dar, und die Art der Farbe des Kreises hängt von der Menge 
des Lichts, die auf eine benachbarte, undurchsichtige Stelle fällt, ab, wobei 
zu bemerken ist, dass die Peripherie der Scheibe an und für sich schon 
von einer Zone stärkster Helligkeit begrenzt ist. 

Man ruft Roth am besten hervor, wenn die Oeffnung möglichst 
schmal ist, also wenn man einen schmalen Spalt vom Rande der Scheibe 
bis in die Nähe des Drehpunktes führt. Je breiter der Spalt wird, 
desto mehr bildet sich Röthlichgelb und Grün, bei einer grossen Spalt- 
öffnung Blau und Violett aus. Die Schnelligkeit der Umdrehung 
modificirt die Farben dergestalt, dass schnelle Drehung Roth in Gelb, Gelb 
in Grün verwandelt, während Grün durch langsame Drehung in Gelb, 
Roth und Schwarz zurückverwandelt werden kann. Blaugrün wird 
durch schnellste Drehung hellgrün, bei langsamer Drehung blau, dann 
blauviolett. 

Aus diesen und anderen später mitzutheilenden Versuchen und Er- 
wägungen lassen sich folgende Schlüsse ziehen : 1) Die specifische quan- 
titative Empfindung des Sehnerven ist nicht, eine Farbe (weiss), sondern 
Licht-, Weiss ist bereits eine (specifische) Qualitätsempfindung. 2) Schwarz 
ist eine Farbenempfindung, die darauf beruht, dass maximale Arbeit 
für die Entfernung der Elemente von einander und aus der individuellen 
Gleichgewichtsstellung (dem normalen Tonus) geleistet wird, während 



*) Herr Fabrikant Kleinert hat einen solchen Apparat nach meinen Angaben 
construirt; doch kann man die Drehung der Scheibe um eine beliebige Achse 
(Stricknadel) auch durch kleine Schläge, die man ihr periodisch ertheilt, 
bewirken. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 37 

bei der Empfindung von Weiss (Hell) die Theilchen ihre relativ grösste 
Annäherung (eine Verstärkung ihres Tonus) erreichen. 3) Der Grund 
für die qualitative Empfindung und somit für die Bildung der Farben 
liegt in der Verschmelzung der entgegengesetzten Erregungen, die durch 
das Auftreten verschiedener (d. h. der Richtung nach verschiedener) 
Energieformen (nicht Energiemenge n) hervorgerufen werden. Diese 
Formen von kinetischer Energie (Wellensysteme von entgegengesetzter 
Richtung) werden erst in den von einem Lichtstrahl durchlaufenen (durch- 
sichtigen) Medien gebildet, d. h. die primäre Schwingungsform und 
Energie der Stromtheilchen wird modificirt und sie werden dann, ent- 
sprechend ihrer eigenen Schwingungsform, die gleichschwingenden Theile 
des Sehnerven zur verstärkten, die ungleichartig schwingenden zu einer 
Umformung (Umkehrung oder Veränderung der Bewegungsrichtung) ver- 
anlassen. 4) Alle Farben können aus einer Combination von Schwarz 
und Weiss gebildet werden. 5) Als Substrat der Lichtenergie, wie der 
Wärmeenergie dienen dieselben materiellen Theilchen, die je nach der 
Art ihrer Bewegung, Schnelligkeit und Richtung — die wir aus den 
Wellenbewegungen der von ihnen passirten Medien erschliessen — , 
von uns als Bewegung, Licht, Wärme, Elektricität, latente, strahlende 
Wärme, wägbare Materie classificirt werden. 

6) Die Emissions- und Undulationstheorie schliessen sich nicht aus, 
sondern ergänzen sich. Wir können annehmen, dass das Substrat des 
Licht- und Wärmestrahls materielle Theilchen sind, die sich aber nur 
durch die Wellenbewegungen, die sie in anders bewegter Materie er- 
regen, unseren Sinnesorganen bemerkbar machen. Der Strom der 
Energie muss wie jeder Strom aus materiellen Theilchen bestehen; nur 
an der Oberfläche, also bei Fortpflanzung der Bewegung auf andere 
Medien, entstehen jene Spannungsdifferenzen, die wir Wellen nennen. 

Wir glauben also annehmen zu können, dass sich rings um die 
Oberfläche eines als Substrat von Wärme, Licht oder Bewegung dienenden 
Theilchens in den angrenzenden Medien Wellensysteme bilden, die getreu 
die Eigenbewegung des Theilchens wiedergeben. Alle Theilchen werden 
nur scheinbar in gerader Linie fortbewegt; wahrscheinlich beschreiben 
sie unter dem Einflüsse der Kräfte, die wir Gravitation, Schwere, 
Reibung etc. nennen, mehr oder weniger grosse Kreise in den durch die 
Fortpflanzungsrichtung zu legenden Ebenen. Erfolgt die Drehung des 
Theilchens z. B. um eine mit der Fortpflanzungsrichtung identische 
Achse, so werden in jedem Punkte der Peripherie, die das Theilchen 
beim Rotiren durchmisst, Wellensysteme erregt, die wir als Licht 
empfinden; erfolgt die Drehung in der dazu senkrechten Ebene, so be- 
zeichnen wir die jetzt erregten, senkrecht zu den ersten stehenden, 
ebenfalls radienförmig ausstrahlenden Wellensysteme als dunkle Wellen. 
Als polarisirte Strahlen bezeichnen wir die Wellensysteme, deren 



38 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Schwingungsebene eine constante Neigung gegen die Ebene der Fort- 
pflanzung hat und nennen polarisirende Medien solche, die nur Wellen- 
systemen, die in einer bestimmten Richtung schwingen, den Durch- 
gang gestatten. 

Nur wenn wir diese Rotation eines materiellen Theilchens um 
die Achse der Fortpflanzungsrichtung resp. um einen Punkt der 
Achse als Mittelpunkt annehmen, wird es erklärlich, dass ein Lichttheilchen 
Erregungswellen nach allen Richtungen aussendet, die sich uns in ihrer 
Gesammtwirkung als Lichtkegel, dessen Mantel durch die fortschreitende 
Rotation des Theilchens gebildet wird, darstellen. Eine glühende Kohle 
kann nur einen leuchtenden Kreis liefern, wenn sie bei schnellster 
Rotation von allen Punkten der Peripherie aus Wellensysteme aussendet. 

7) Was wir Wärmebildung, Lichtabsorption, Farbenbildung nennen, 
ist nur die Umwandlung der Bewegungsform der Theilchen selbst (oder 
von Wellen, die sich in schnell fortschreitender Bewegung befinden). 
Wenn man annimmt, dass der die grösste Energie besitzende Theil aus 
seinem Energievorrath nicht bloss die Arbeit für die Bewegung in 
fortschreitender Richtung bestreitet, sondern noch Energie für 
Rotation der Theilchen um ihre eigene Achse oder um die 
Achse der Bewegungsrichtung verwendet, so besteht die Ver- 
minderung der Energie darin, dass diese Rotationsenergie 
immer geringer wird, und dass schliesslich Energie nur für die 
(immer langsamer werdende) Fortbewegung übrig bleibt. 

8) Ein (Licht) absorbirender, durchsichtiger, farbiger Körper bewirkt 
die Abschwächung und Umformung der Energie für Lichtstrahlen, d. h. 
e r sendet gleichzeitig Theilchen, deren Wucht nach der hier gegebenen 
Erklärung grösser oder geringer ist, und Theilchen, deren Rotations- 
ebenen oder Wellen, deren Schwingungsebenen sich kreuzen, aus. (Zu- 
mischung von dunklen Strahlen.) 

9) Die Schatten undurchsichtiger Körper entstehen dadurch, dass 
die an den Begrenzungsflächen eines Körpers vorbeipassirenden Licht- 
strahlen eine so beträchtliche Schwächung ihrer Energie erleiden, dass 
die am meisten geschwächten auch am meisten abgelenkt werden, und, 
vor dem Körper zusammentreffend, einen Complex schwarzer Strahlen 
bilden, die wir als Kernschatten bezeichnen, während der Halbschatten 
ein Gemisch von hell und dunkel wirkenden Wellen darstellt und all- 
mählich in die Zone der, überhaupt nicht geschwächten, hellen Strahlen 
übergeht. Auch die (farbigen) Dispersionserscheinungen an den Rändern 
der Körper entstehen durch die Umformung der Bewegung der Licht- 
materie in dunkle Materie und durch die Vermengung hellster und 
dunkelster Theilchen (resp. des entsprechenden Wellensystems). 

10) Die Farben durchsichtiger Körper sind innere Schatten der 
betreffenden Körper, d. h. sie sind die Resultate der durch den Wider- 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 39 

stand des farbigen Körpers hervorgebrachten Richtungsänderung der auf- 
treffenden Wellen; sie entsprechen der Mischung von Wellen gekreuzter 
Schwingungsrichtung. Je dünner die Schicht des Körpers wird, d. h. 
je geringer seine Einwirkung (Zumischung von dunklen Strahlen), desto 
eher geht die Grundfarbe in die nächst helle über (gelblichweiss in weiss, 
rothgelb in gelb, blau in weiss); je weniger er vermag, die Rotationsform 
der Theilchen des Lichtstrahles zu ändern, desto farbloser erscheint er. 

11) Das Maximum von schwarzen Strahlen ist im Roth, das 
Minimum im Weiss, das wir noch als Farbe bezeichnen, enthalten. 

12) Im Sonnenlicht befindet sich an und für sich kein 
schwarzer und auch kein farbiger Strahl. Die schwarzen Strahlen 
entstehen erst, wenn Körper getroffen werden, die innen oder aussen Schatten 
bilden, d. h. wenn durchsichtige (farbige) und undurchsichtige Körper durch 
innere oder äussere Widerstände (sogenannte Absorption oder Brechung 
an den Kanten) die Schwingungsrichtung der Theilchen oder der Wellen, 
die die Helligkeitsempfindung in der Netzhaut auslöst, in die darauf 
senkrechte überführen, die die Empfindung des Dunkeln bewirkt. 

13) Sowohl bei der Diffraction als bei der Dispersion, beim 
Passiren des Lichtes durch prismatische Körper oder durch feine Spalt- 
öffnungen (an scharfen Kanten) werden die Farben nur dadurch erzielt, 
dass durch verschiedenartige Beeinflussung der Wucht- und Schwingungs- 
richtung der einzelnen Lichttheilchen resp. Wellen helle Strahlen in ver- 
schiedenen Verhältnissen in schwarze Strahlen übergeführt werden. Bei 
Anwendung von Glasprismen werden auch noch die stets auf das Prisma 
fallenden schwarzen (dunklen, farbigen) Strahlen im Prisma gebrochen, 
wie sich aus dem Auftreten eines Regenbogens ergiebt, der 
an der total reflectirenden Fläche die Grenze bildet zwischen 
dem Gebiete der hellen und dem Gebiete der dunklen 
Strahlen, das eine rauchgraue Farbe hat. Diese Fähigkeit der 
Prismen, dunkle (Wärme) Strahlen zu bilden oder gleichzeitig mit den 
Lichtstrahlen zu brechen, ist auch die Ursache der verschiedenen Wärme 
der Spectralfarben, die ja ihre Farbenqualität der Bildung dieser inneren 
Schatten im Prisma selbst verdanken. 

14) Die Fraunhofer'schen Linien sind Ganz- und Halbschatten, die 
durch die Begrenzungsflächen des vor dem Prisma befindlichen Spaltes 
entstehen und sie müssen um so zahlreicher sein, je enger der Spalt ist, 
wie ja auch die Zahl und Breite der schwarzen Linien, die innerhalb 
eines gegen einen hellen Hintergrund gerichteten Spaltes sichtbar sind, 
proportional der Enge des Spaltes zunimmt. 

15) Man kann auch die polarisirten schwarzen Strahlen als innere 
Schatten bezeichnen, da sie die Lage der Theilchen des polarisirten 
Körpers zu der Bewegungsrichtung der einfallenden Lichtwellen, d. h. 
die in einer bestimmten Achsenrichtung erfolgende Einwirkung auf die 



40 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Schwingungsebene anzeigen. Je mehr ein prismatischer Körper die 
Eigenschaften der Polarisation besitzt, desto schönere Farben vermag er 
zu bilden (Doppeltbrechung und Polarisation an schnell gekühlten Glas- 
körpern, bei denen die Wirkung eines Prismas mit einem besonders 
grossen Widerstände des Glases in bestimmten Ebenen combinirt ist). 

16) Die farbige Photographie ist nur zu ermöglichen, wenn es ge- 
lingt, vor der (möglichst dünnen) lichtempfindlichen Schicht eine dunkle 
Strahlen bildende einzuschalten oder die empfindliche Schicht aus einer 
für helle und dunkle Strahlen empfindlichen Substanz zusammenzusetzen. 

17) Die Farbenscala besteht aus zwei Grundfarben: Schwarz und 
Weiss, die bei Verschmelzung der Eindrücke des Hellen und Dunkeln 
im Gehirn entstehen, sowie aus den drei Farben zweiter Ordnung: 
Roth, Gelb, Blau, die aus der Verschmelzung der durch die Farben Schwarz 
und Weiss gesetzten Eindrücke resultiren. Alle sonstigen Farben und 
natürlich auch die übrigen Farben des Spectrums sind Mischfarben, 
Farben dritter Ordnung, und zwar besteht Grün aus blau und gelb, 
Indigo aus blau und schwarz, Violett aus blau und roth (und schwarz). 
Die Reihenfolge der Farben nach ihrem Aufbau ist: Schwarz, roth, 
gelb, weiss, blau, grün, indigo, violett. Ueber die Entstehung des Blau 
soll an einer anderen Stelle gehandelt werden; hier mag nur bemerkt 
werden, dass die Empfindung des (hellen) Blau aus Weiss dann resultirt, 
wenn dem Auge schwarze Strahlen nicht mehr zugeführt, sondern ent- 
zogen werden (kalte Farbe), so dass die Schwingungsgrösse der Elemente 
überhaupt reducirt wird. Blau setzt somit die Erregbarkeit herab. 

18) Die totale Farbenblindheit besteht in der völligen Un 
fähigkeit, die zwei Grundfarben zu bilden, d. h. aus Hell und 
Dunkel die Empfindungen Schwarz und Weiss zu schaffen; 
dem total Farbenblinden erscheint alles in der Farbe der Dämmerung. Bei 
der partiellen Farbenblindheit besteht nur Unmöglichkeit oder 
Seh wierigkeit, die seeundären Farben zu verschmelzen. Des- 
halb muss hier neben der Grünblindheit (Unmöglichkeit Blau und Gelb 
zu verschmelzen) auch meist eine Schwäche für die Empfindung des Roth 
(Verschmelzung von Schwarz und Weiss in bestimmter Pro- 
portion) eine häufige Erscheinung sein. Es wird Gelb und Blau gut 
empfunden, aber die Mischfarbe von Blau und Gelb (Grün) nicht gebildet; 
ebenso wird häufig weder orange, noch roth sicher unterschieden. Es ist 
einleuchtend, dass bei Unfähigkeit zwei oder mehrere Ein- 
drücke seeundärer Farben cerebral zu verschmelzen, auch 
die feinste Unterscheidung von Blau und Gelb nicht zur 
Bildung von Grün verhilft, wie ja auch bei einer Augenmuskel- 
lähmung zwar jedes Bild genau gesehen wird, aber die Vereinigung der 
Doppelbilder zu einem Eindrucke unmöglich ist, weil die Empfindungen 
der Bewegung beider Augen allzu differente Grössen repräsentiren. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 41 

Der Verfasser hat bereits früher zu beweisen versucht, dass die 
Verschmelzung der Netzhautbilder nicht von einer Deckung der Bilder 
oder von der Anlage identischer Netzhautpunkte herrühren 
könne, sondern dass wir uns durch Uebung gewöhnt haben, die bei 
gleichen Muskelimpulsen entstehenden Netzhautbilder als 
eins zu betrachten. Daher bestehen bei frühzeitig entstan- 
denem Schielen keine Doppelbilder. 

19) Natürlich soll hier nicht gesagt sein, dass die Farbenblindheit 
ausschliesslich auf einer mangelhaften Function des Gehirns beruhe- 
denn die Erregung des Gehirns wird ja erst durch die Veränderungen 
in der Retina ausgelöst, und eine wesentliche Verlangsamung der 
Schwingung ihrer Theilchen (eine Mangelhaftigkeit der Arbeits- 
leistung in der Retina) genügt natürlich, die Erregung des Gehirns auf 
ein Minimum herabzusetzen, das die Reizschwelle nicht erreicht (schnelles 
Anschwellen und Abschwellen des erregenden Stroms ist ja ein Haupt- 
erforderniss für die Wirksamkeit der Reizung). 

Indessen liegt doch der Hauptgrund für die Farbenblindheit in 
einer mangelhaften Combination der Eindrücke im Gehirn; denn da 
selbst von total Farbenblinden hell und dunkel empfunden wird, so kann 
eben die Unfähigkeit, die weiteren Mischungen auszuführen, nur auf 
einer ähnlichen Functionsanomalie des Gehirns beruhen, wie die, die es 
unmöglich macht, Klänge zu Tonbildern und Linien zu höheren Form- 
einheiten zu verbinden (Mangel an Associationsfähigkeit). 

Zur Erklärung der Farbenerscheinungen ist die Annahme einer 
specifischen Sehsubstanz, die dissimilirt und assimilirt wird (Hering), 
nicht unbedingt nothwendig, Die Annahme einer gesonderten Perception 
der Differenzen in der Richtung der Verschiebung der retinalen Elemente 
genügt, die Farbenerscheinungen als Qualitätserscheinungen ebenso zu 
erklären, wie sich die Qualitätsempfindungen an anderen Sinnesnerven 
aus dem Bewusstwerden der (entgegengesetzten) Verschiebung ihrer 
Theilchen ableiten lassen (Empfindung des Lauen, d. h. des Warmen 
und Kalten, des Säuerlich-Süssen, des Salzigen). 

20) Die Einwendungen Goethes gegen die Newtonsche Farbentheorie 
sind wohlberechtigt und bisher nicht widerlegt. 

Weitere Untersuchungen über die Lichtmühle. 
In einer früheren Mittheilung hat der Vortragende u. A. gezeigt, 
dass es gelingt, eine retrograde Bewegung der Lichtmühle zu erzielen, 
wenn man eine Halbkugel so mit einem schwarzen Stoffe überzieht, dass 
die Sonnenstrahlen nur die weissen Flächen der Mühle treffen, und er 
hatte daraus und aus anderen Versuchen den Schluss gezogen, dass die 
Wirkung der Lichtmaterie oder ihrer Wellen von der der Wärme- 
theilchen ihrer kinetischen Leistung nach völlig zu trennen sei. Auch 
hatte er weiter gefolgert, dass die bisherigen Erklärungen für die Be- 



42 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur 

wegung, die sich auf Erwärmung der residualen Gasmoleküle gründet, 
nicht haltbar sein können. 

Durch Versuche mit einem Radiometer ohne geschwärzte Flächen, 
das er der Freundlichkeit des Herrn Professor Hermann Cohn ver- 
dankt, hat sich nun diese Differenz zwischen Licht- und Wärmeenergie 
noch deutlicher nachweisen lassen. 

1) Wenn man diese Lichtmühle gleichzeitig mit anderen an einem 
kalten Tage einem schwachen Tageslicht aussetzt, so zeigt sich nur die 
Lichtmühle ohne geschwärzte Flächen als wahre Lichtmühle; denn ob- 
wohl ihre Flügel weitaus grösser sind, also eine grössere Arbeitsleistung 
bei der Bewegung erfordern, bewegt 'sie sich, während die anderen stehen. 

2) Wenn man den Radiometern einen rothglühenden Bolzen nähert, 
so bewegen sich alle gleichmässig. Wenn der Bolzen nicht mehr roth- 
glühend ist und im dunklen Räume keine Lichtstrahlen mehr aussendet, 
so bewegen sich bei seiner Annäherung die Lichtmühlen mit ge- 
schwärzten Flächen noch sehr deutlich , während die mit un- 
geschwärzten Flächen keine Reaction zeigen. 

3) Umgiebt man einige Lichtmühlen mit einem undurchsichtigen, aber 
fürWärme durchlässigen Stoffe und setzt sie einer Licht- und Wärme quelle, 
z. B. einer hellen Lampe, aus, so fangen die Radiometer gewöhnlicher 
Art an, sich ausserordentlich lebhaft zu bewegen, während das Radio- 
meter, das nur weisse Flächen besitzt, auch bei stärkster 
Erwärmung des Ueberzuges und der Glaskugel keine Be- 
wegung zeigt. 

Die Bewegung der gewöhnlichen Radiometer erfolgt häufig zuerst 
stossweise, wenn die Erwärmung der Umhüllung resp. der Glaswand 
noch nicht beträchtlich ist oder unregelmässig fortschreitet; sie wird 
continuirlich und sehr schnell, wenn die Wärmeabgabe gleichmässig ist. 
Besteht die Umhüllung z. B. aus mehreren Schichten von schwarzer 
Seide, zwischen denen sich Luft befindet, so kann man deutlich wahr- 
nehmen, wie die Luft als schlechter Wärmeleiter verzögernd auf die 
Bewegung der Lichtmühle wirkt und aperiodische Bewegung auslöst. 

Aus diesen Versuchen lässt sich der Schluss ziehen, dass die Mühle 
ohne geschwärzte Flächen eine wahre Lichtmühle ist, 
während die andern Wärmemühlen sind, und dass die Energie des Lichtes 
von den weissen gegen die schwarzen, die der Wärme von den schwarzen 
gegen die weissen Flächen wirkt. Die weissen Flächen sind also 
Isolatoren gegenüber dem Strom der Wärmeenergie, die 
schwarzen Isolatoren gegenüber den Lichtstrahlen. 

Nach unseren schon früher mitgetheilten Versuchen kann es sich 
hier nicht etwa um Differenzen in der Grösse der Wellen handeln; 
denn einmal lässt sich nicht einsehen, warum ein bestimmtes Medium 
gegen die kinetische Energie einer grossen Welle sich anders verhalten 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 43 

sollte, wie gegen die in derselben Zeiteinheit ihre zufliessende gleiche 
Quantität, die sich aus einer Zahl von kleinen Wellen zusammensetzt; 
andererseits zeigt sich, dass auch die grössteMenge vonLichtenergie 
eine schwarze Fläche nicht zu verschieben vermag, die aber wieder 
durch eine geringe Menge von Wärmeenergie in Bewegung gesetzt 
wird. Es müssen hier also qualitative Differenzen bestehen, die wohl 
darin zu suchen sind, dass die Schwingungsebene der Wärme- 
wellen (der dunklen Wellen) senkrecht steht zu der der ent- 
sprechenden Lichtwellen, (S. o.) Weiss und Schwarz lassen nur 
Wellensysteme von entsprechend gekreuzter Schwingungsrichtang passiren. 

Ueber einen krystallisirten Bestandteil der Früchte von 
Picramnia Camboita Engl. 

Von 

Dr. Bruno Grützner, 

Assistent am pharmaceutischen Institut der Universität. 

Auf den Gebirgen der tropischen Staaten, besonders häufig auf dem 
Orgelgebirge, gedeiht ein unter dem Volksnamen „Camboita" bekannter 
Baum, Picramnia Camboita Engl., aus der Familie der Simarubeen. 
Seine getrockneten und gepulverten Früchte werden als Specificum gegen 
Sumpffieber gerühmt. Zufolge dieser therapeutischen Eigenschaft unter- 
suchte der durch Entdeckung mehrerer Glycoside bekannte Forscher 
Dr. Peckolt, Apotheker in Rio de Janeiro, sowohl die Früchte, wie 
auch Rinde und Blätter dieses Baumes, welche gleichfalls medicinische 
Verwendung finden. Es gelang ihm, aus den Früchten einen krystalli- 
sirten Körper abzuscheiden, welchen er, wohl in der Annahme, dass ein 
Glycosid vorliege, mit dem vorläufigen Namen „Picramnin" bezeichnete. 
Durch freundliche Vermittelung des Redacteurs der „Chemiker-Zeitung", 
Dr. G. Krause, gelangte der fragliche Pflanzenstoff in das Breslauer 
pharmaceutische Institut zu näherer Charakterisirung und wurde mir die 
Untersuchung überlassen. 

Peckolt erhielt das Picramnin nur aus den getrockneten und ge- 
pulverten Früchten, nicht aus Rinde und Blättern durch Ausziehen mit 
Petroläther. Der nach dem Verdunsten des Lösungsmittels zurück- 
gebliebene gelbe krystallinische Rückstand wurde mit Alkohol vom spec. 
Gew. 0,830 so lange gewaschen, bis sich derselbe nicht mehr färbte. 
Der so vom Harz befreite Rückstand wurde in siedendem Alkohol gelöst 
und heiss filtrirt. Nach dem Erkalten schied sich das Picramnin in 
Krystallen aus. Die Ausbeute betrug nur 2,843 pCt. reines Picramnin. 

Die zur Untersuchung vorliegende Substanz war noch gelb gefärbt 
und wurde nach Peckolt's Angabe durch Umkrystallisiren aus absolutem 
Alkohol rein weiss erhalten. Das Krystallmagma, zwischen Fliesspapier 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultui. 

ohne Anwendung von Wärme getrocknet, bildete rein weisse, verfilzte, 
seidenglänzende Krystallnadeln, welche sich fettig anfühlten. Sie sind 
geruch- und geschmacklos; ihr Schmelzpunkt liegt bei 50,5°. Auf Platin- 
bleck vorsichtig erhitzt, schmelzen die Krystalle zu einer klaren, farb- 
losen Flüssigkeit, welche nach dem Erkalten wieder krystallinisch er- 
starrt. Bei Steigerung der Temperatur verbrennt die Substanz mit 
russender Flamme, wobei der Geruch nach verbranntem Fett auftritt. 
In Wasser ist sie unlöslich; Alkohol vom spec. Gewicht 0,830 bis zum 
absoluten Alkohol, desgleichen Methylalkohol und Amylalkohol lösen nur 
in der Siedhitze und geben beim Erkalten wieder krystallinische Aus- 
scheidung. Eisessig löst erst bei gelindem Erwärmen und lässt nach 
dem Abkühlen die Substanz wieder ausfallen. Leichte Lösung erfolgt 
hingegen in Schwefelkohlenstoff, Aether, Petroläther, Benzol, Chloroform, 
Tetrachlorkohlenstoff. Aus seiner kochenden Lösung in Aether scheidet 
sich das Picramnin nach dem Erkalten in glänzenden Kryställchen ab. 
Stickstoff ist nicht vorhanden. Die vollständig neutral reagirende al- 
koholische Lösung wird durch ammoniakalische Silberlösung nicht reducirt, 
desgleichen trat mit Eisenchlorid keine Reaction ein. Eine Lösung in 
Chloroform erwies sich als optisch inactiv. Fehling'sche Lösung wird 
nicht reducirt, ebensowenig führten Spaltungsversuche mit Säuren und 
Alkalien zu einem Resultat; Glycosid-Reactionen blieben gleichfalls aus. 

Nach den vorliegenden Reactionen zeigte der fragliche Körper die 
den Fettsäuren charakteristischen Merkmale : Unlöslichkeit im Wasser, 
löslich in den den Fetten eigenen Lösungsmitteln etc. Die neutrale 
Reaction der alkoholischen Lösung spricht dafür, dass die Fettsäure als 
Triglycerid an Glycerin gebunden ist. Um zu entscheiden, ob eine ge- 
sättigte oder ungesättigte Fettsäure vorliegt, Hess ich Jod und Brom auf 
eine Lösung in Tetrachlorkohlenstoff einwirken. Beide Halogene wurden 
absorbirt. 

Durch Verbrennen der über Schwefelsäure getrockneten Substanz 
(Picramnin) im Sauerstoffstrom erhielt ich in drei Analysen 

im Mittel: 75,94 pCt. C 
11,24 , H. 

Die gefundenen Zahlen stimmen gut überein mit denen, welche das 
Triglycerid einer ungesättigten Säure von der Zusammensetzung C 18 H 32 2 
verlangt. 

Gefunden: Berechnet auf C 3 H 5 (C 18 H 31 2 ) 3 : 

77,94 pCt. C . . . . 77,90 pCt. C 
11,24 , H . . . . 11,16 = H. 

In neuester Zeit gelang es A. Arnaud, 1 ) durch Verseifen des 
Fettes der Samen von Picramnia Sow. oder Tariri, einer Simarubee 



l ) Compt. rend. 1892. 114, 79; Chem.-Ztg. Repert. 1892. 16, 30. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 45 

Guatemalas, eine Säure von der Zusammensetzung C 18 H 32 2 zu erhalten, 
welcher er den Namen Taririsäure (Acide taririque) gab. Sie ist isomer 
der Stearolsäure, welche Overbeck aus der Oelsäure dargestellt hat, 
und unterscheidet sich durch Schmelzpunkt, Krystallform, Löslichkeit der 
Salze und durch die Eigenschaften ihres Di- und Tetrabromderivates. 

Die Beantwortung der Frage, ob die aus den Früchten von Picramnia 
Camboita Engl, isolirte Substanz das Triglycerid der erst durch Arnaud 
bekannt gewordenen Taririsäure oder das der Stearolsäure ist, musste 
bis zur Erlangung grösserer Mengen des Untersuchungsmaterials ver- 
schoben werden. Durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. Peckolt 
gelangte ich- bald in den Besitz einer ausreichenden Menge Picramnins, 
für dessen Ueberlassung ich an dieser Stelle Herrn Dr. Peckolt meinen 
verbindlichsten Dank ausspreche. 

Das durch Umkrystallisiren aus absolutem Alkohol rein weiss er- 
haltene Fett stimmte in seinen Eigenschaften vollständig mit denen der 
ersten Sendung überein. Zur Darstellung der Säure wurde das Fett mit 
alkoholischer Kalilauge verseift, nach dem Verdunsten des Alkohols der 
Seifenleim im warmem Wasser gelöst und durch Salzsäure zerlegt. Die 
nach dem Erkalten als krystallinischer Kuchen sich abscheidende Säure 
wurde — nach mehrmaligem Umschmelzen mit warmem Wasser — in 
Alkohol gelöst und filtrirt- die klare Lösung wurde dann mit soviel 
Wasser versetzt, als keine bleibende Trübung entstand. Aus dieser 
Lösung krystallisirt die Säure in kleinen Schüppchen vollständig unge- 
färbt aus. Der Schmelzpunkt der zwischen Fliesspapier ohne Anwen- 
dung von Wärme getrockneten Fettsäure liegt bei 50,5°. Derselbe 
bleibt constant, selbst nach mehrmaligem Umkrystallisiren. In Wasser 
ist die Säure unlöslich, leicht löslich dagegen in Aether, Chloroform, 
Benzol, Petroläther, heissem Alkohol und ähnlichen Lösungsmitteln. 
Beim Erhitzen zeigt sie grosse Beständigkeit, indem sie zum grösseren 
Theil unzersetzt destillirt werden kann. 

Die Elementaranalyse der über Schwefelsäure getrockneten Säure 
ergab im Mittel folgende Daten: 76,99 pCt. C, 11,61 pCt. H. Für die 
Formel C 18 H 32 2 berechnen sich 77,14 pCt. C, 11,43 pCt. H. Eine 
Glycerin-Bestimmung ergab die einem Triglycerid entsprechende Menge 
Glycerin. Die Ausführung geschah nach der Methode von J. A. Wanklyn 
und W. Fox 1 ), welche nach den Versuchen von R. Benedikt und 
R. Zsigmondy 2 ) gute Resultate liefert. Sie beruht auf der Ueber- 
führung des durch Verseifung des Fettes erhaltenen Glycerins in Oxal- 
säure mittelst Kaliumpermanganat in alkalischer Lösung nach der Glei- 
chung : C 3 H 8 3 + 6 = C 2 4 H 2 + C0 2 + 3 H 2 0. Die Oxalsäure wird 



*) Chem. News 53. 15. 
2 ) Chem.-Ztg. 1885. 9, 975. 



46 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

durch Chlorcalcium in der mit Essigsäure angesäuerten Lösung gefällt 
und mit Kaliumpermanganat maassanalytisch bestimmt. Es wurden 
auf diese Weise 10,92 pCt. Glycerin berechnet} für die Formel 
C 3 H 5 (C 18 H 31 2 ) 3 berechnen sich 10,47 pCt. Von Salzen der Fettsäure 
wurden das Silber- und das Baryumsalz dargestellt. 

Das Silbersalz erhielt ich durch Zusatz von alkoholischer Silber- 
lösung zu der in Alkohol gelösten Säure. Die anfangs klare Flüssigkeit 
lässt allmählich fettsaures Silber zu Boden fallen, welches unter dem 
Mikroskop feine Nadeln zeigt. Durch vorsichtiges Neutralisiren mit 
Ammoniak kann man die Bildung des Silbersalzes beschleunigen und 
auch grössere Ausbeute erzielen. Das bei 100° im Dunkeln getrocknete 
Salz ist noch vollständig weiss, auch färbt es sich am Licht nur sehr 
langsam dunkler. Beim Erhitzen rindet der Beginn der Zersetzung erst 
bei 160° statt. Durch Reiben wird das Silbersalz stark elektrisch. Im 
Wasser ist es unlöslich. Die Analyse ergab: 27,92 bezw. 27,86 pCt. Ag; 
berechnet auf C 18 H 31 Ag0 2 = 27,91 pCt. Ag. 

Baryumsalz. Die Säure wurde in Ammoniak gelöst, der Ueber- 
schuss des letzteren zum grösseren Theil durch Erwärmen auf dem 
Wasserbade verdampft, und durch Ausfällen mit Chlorbaryum-Lösung das 
Baryumsalz gewonnen. Dasselbe ist amorph, krystallwasserfrei, wird 
beim Reiben elektrisch und erhält sich beim Erhitzen sehr beständig. 
Erst bei 180° zeigt sich der Beginn der Zersetzung durch Gelbfärbung 
an. In kochendem starken Alkohol ist die Verbindung nur sehr wenig 
löslich. Die Baryum-Bestimmungen ergaben 19,62 bezw. 19,64 pCt. Ba; 
berechnet auf Ba(C 18 H 31 2 ) 2 = 19,71 pCt. Ba. 

Brom-Derivate. Durch Einwirkung von Brom auf die Fettsäure 
wird ein Di- und ein Tetrabrom-Derivat erhalten. Fügt man zu der in 
Chloroform gelösten Fettsäure in kleinen Portionen Brom, und zwar 
2 Atome auf 1 Mol. der Säure, unter Vermeidung von Erhitzung, so er- 
hält man nach dem freiwilligen Verdunsten des Lösungsmittels eine 
etwas gelbliche, feste, krystallinische Masse, welche in Chloroform, 
Alkohol und Aether leicht löslich ist. Das Ende der Einwirkung lässt 
sich leidlich gut erkennen. Eine Entwicklung von BromwasserstofT findet 
nicht statt. Die Reinigung des Bromadditionsproductes geschah durch 
Verseifen mit wässriger Kalilauge und Zersetzen des Seifenleimes mit 
Salzsäure. Die ausgeschiedene Säure wurde durch Umschmelzen in 
Wasser von der anhaftenden Chlorwasserstoffsäure befreit, in absolutem 
Alkohol gelöst und zur freiwilligen Verdunstung bei Seite gestellt. Die 
hierdurch erhaltene weisse, krystallinische Masse hatte einen Schmelz- 
punkt von 32°. Die Brombestimmungen nach Carius zeigen folgende 
Resultate: 36,20 bezw. 36,39 pCt. Br. Die Formel C 18 H 32 Br 2 2 ver- 
langt 36,36 pCt. Br. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 47 

Das Tetrabrom-Derivat der Fettsäure entsteht durch Einwirkung von 
4 Atomen Brom auf ein Molecül der gepulverten Säure. Man setzt das 
Brom, welches man in geringem Ueberschusse anwendet, in kleinen 
Mengen zu, und eine neue Portion immer erst dann, wenn die braune 
Farbe verschwunden ist. Gegen Ende der Operation wird die Reaction 
durch Erwärmen auf dem Wasserbade unterstützt. Eine Entwicklung 
von Bromwasserstoffsäure tritt nur in sehr geringem Maasse auf und 
dürfte wohl einem secundären Zersetzungsprocesse zuzuschreiben sein. 
Wird das auf gleiche Weise, wie das Dibromderivat, gereinigte Tetra- 
bromid in heissem absoluten Alkohol gelöst, so scheiden sich beim Er- 
kalten kleine glitzernde Kryställchen ab, die nach dem Trocknen rein 
weiss erscheinen. Der Schmelzpunkt liegt bei 138°. Sie enthielten 
nach der Analyse: 53,45 bezw. 53,67 pCt. Br. Für die Verbindung 
C 18 H 32 Br 4 2 berechnet sich: 53,33 pCt. Br. Ein anderes Präparat 
enthielt 52,75 pCt. Br. 

Nach A. Arnaud liegt der Schmelzpunkt des Tetrabromids bei 
125°. Es gelang mir von vier Versuchen nur bei einem, eine für die 
quantitative Brombestimmung leider nicht ausreichende Menge einer bei 
125° schmelzenden Verbindung zu erhalten. Für die Beschaffenheit des 
Endproductes war es gleichgültig, ob zur Fettsäure das Brom zugesetzt 
oder umgekehrt verfahren wurde. Versuche, durch Umkrystallisiren aus 
absolutem Alkohol den Schmelzpunkt von 138° zu erniedrigen, blieben 
erfolglos. Durch langsames Verdunsten einer ätherischen Lösung erhielt 
ich Krystalle von dem gleichen Schmelzpunkte, doch ohne die von 
Arnaud angegebene eigene wachsartige Consistenz. 

Herr Privatdocent Dr. L. Milch, welcher die Güte hatte, die 
krystallographische Bestimmung zu übernehmen, beschreibt die Krystalle 
folgendermaassen: Die nach einer Fläche ganz dünn tafeiförmig ausge- 
bildeten Krystalle sind für eine goniometrische Untersuchung durchaus 
ungeeignet. Die optische Untersuchung ergab folgendes Resultat: Auf 
der Tafelfläche tritt die erste optische Mittellinie und zwar Achse der 
grössten Elasticität aus, somit ist der optische Charakter des Krystalls 
negativ. Da an den beobachteten Krystallen die Trace der Ebene der 
optischen Achsen keiner Krystallkante parallel geht und die Mittellinie 
doppelt schief austritt, so ist das Krystallsystem als asymmetrisch zu 
bezeichnen. 

Aus obigen Daten geht hervor, dass die untersuchte Fettsäure 
identisch ist mit der von Arnaud zuerst beschriebenen und mit dem 
Namen Taririsäure belegten isomeren Verbindung der Stearolsäure. So- 
mit ist das Vorkommen des Triglycerids der Taririsäure auch in den 
Früchten der Picramnia Camboita Engl, erwiesen. 

Die Beständigkeit an der Luft und beim Erhitzen, sowie die Un- 
fähigkeit, nascirenden Wasserstoff zu binden, obgleich sie in die Reihe 



48 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

der ungesättigten Säuren von der Zusammensetzung C n H 2n _ 4 2 gehört, 
hat die Taririsäure mit der Stearolsäure gemeinsam. Sie unterscheidet 
sich jedoch durch Schmelzpunkt (Stearolsäure schmilzt nach Overbeck 
bei 48°), Krystallform, die Löslichkeitsverhältnisse ihrer Salze und die 
Eigenschaften ihrer Brom-Derivate von der isomeren Stearolsäure. 

Zur Kenntniss der Wismuthsalze. 

Von 

Dr. Bruno Grützner, 

Assistent am pharmaceutischen Institut der Universität. 

Der Vortragende berichtete über eine gemeinsam mit dem Director 
des Chemischen Untersuchungsamtes der Stadt Breslau Dr. Bernhard 
Fischer ausgeführte Arbeit bezüglich der Darstellung einiger Wismuth- 
salze. 

Basische Wismuthsalze werden in der Regel durch Zersetzung der 
neutralen Salze mittelst viel Wasser gewonnen. Es ist eine bekannte 
Thatsache, dass die auf diesem Wege erhaltenen Präparate in der Regel 
nicht einheitlicher Natur sind, dass vielmehr meist Gemische verschiedener 
Zusammensetzung erhalten werden. 

Im Nachstehenden berichten wir über Versuche, welche wir ange- 
stellt haben, um basische Wismuthsalze constanter Zusammensetzung zu 
erzielen. Wir beginnen zunächst mit einigen organischen Wismuthsalzen, 
welche zur Zeit medicinisch-pharmaceutische Verwendung finden. Ueber 
andere, bereits durchgearbeitete basische Wismuthsalze werden wir in 
einer zweiten Abhandlung Mittheilung machen. 

Das Princip der von uns zu beschreibenden Darstellungsweise ist 
ein sehr einfaches. Es besteht lediglich darin, dass wir auf frisch ge- 
fälltes Wismuthhydroxyd die betreffenden Säuren in theoretisch berech- 
neten Mengen einwirken lassen. Unter diesen Bedingungen bilden zwar 
nicht alle, aber doch eine ganze Anzahl organischer Säuren wohl- 
charakterisirte Wismuthsalze von constanter Zusammensetzung. 

a) Bismuthum salicylicum. 

Dieses Salz wurde als basisches Wismuthsalicylat von Vulpian 
und später von Solger zur therapeutischen Anwendung empfohlen und 
dabei ein Salz mit rund 63% Wismuthoxyd ins Auge gefasst. Ueber 
die Darstellung desselben liegen bis jetzt sichere Mittheilungen nicht vor. 

Wir überzeugten uns bald, dass die von Jaulet und Ragouci 1884 
gegebenen Darstellungsmethoden ebensowenig wie die von Wolff und 
später von Beckurts, Causse und Goldmann veröffentlichten Vor- 
schriften Präparate von constanter Zusammensetzung gaben und dass die 
im Handel bezogenen Präparate neben ihrer schwankenden Zusammen- 
setzung auch erhebliche Verunreinigungen enthielten. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 49 

Dagegen waren die durch die chemischen Fabriken Dr. v. Heyden's 
Nachfolger und von E. Merck in den Handel gebrachten Präparate von 
constanter Zusammensetzung, ohne dass jedoch über deren Bereitung 
etwas verlautete. 

Es ist uns nun auf dem Eingangs dieser Arbeit angedeuteten Wege 
gelungen, das basische Wismuthsalicylat von constanter Zusammensetzung 
in krystallisirtem Zustande mit grosser Leichtigkeit darzustellen, und 
wir hoffen, dass diese Darstellungsvorschrift den von Goldmann ge- 
stellten Forderungen genügen wird. 

Darstellung: 

Man löst eine Molekel krystallisirtes Wismuthnitrat (486 g) in der 
annähernd vierfachen Gewichtsmenge verdünnter Essigsäure, 1 ) verdünnt 
mit der ungefähr 40 fachen Gewichtsmenge Wasser und fällt in der 
Kulte durch Ammoniak Wismuthhydroxyd. Der Niederschlag wird durch 
Decantiren so lange gewaschen, bis im Waschwasser die Reaction auf 
Salpetersäure ausbleibt, dann in eine Porzellanschale gebracht, mit 
Wasser angeschlemmt und eine Molekel Salicylsäure (138 g) zugesetzt. 
Die Einwirkung der Säure auf Wismuthhydroxyd erfolgt fast augen- 
blicklich. Nach einiger Zeit des Erhitzens auf dem Wasserbade ver- 
binden sich beide Componenten zu einem Krystallmagma von basischem 
Wismuthsalicylat. Man saugt nun mit der Wasserluftpumpe ab, trocknet 
zunächst auf Thonplatten, dann im Luftbade bei 70 — 75°. 

Der Umsetzungsprocess findet in der Gleichung 

Bi (OH) 3 + C 7 H 6 3 = Bi 0. C 7 H 5 3 + 2 H 2 
seinen Ausdruck. 

Das so erhaltene basische Wismuthsalicylat ist ein weisses, trockenes, 
elektrisches, leichtes Pulver, welches unter dem Mikroskop prismatische 
Krystalle zeigt. Das mikroskopische Bild lässt darüber keinen Zweifel, 
dass eine absolut reine Substanz vorliegt, denn im Gesichtsfelde ist eben 
immer nur eine Art sehr wohl ausgebildeter, charakteristischer Krystalle 
sichtbar. Die Analysen des bei 70 — 75° getrockneten Pulvers gaben 
folgende Zahlen : 

gefunden berechnet für Bi O C 7 H 5 3 

63,90% bi 2 3 64,46% Bi 2 3 

64,15% Bi 2 3 
Bringt man eine Probe des so dargestellten Wismuthsalicylates auf 
angefeuchtetes blaues Lackmuspapier (von E. Dieterich), so erweist sich 
dieselbe zunächst als indifferent. Erst nach einiger Zeit beginnt sich 
eine äusserst geringe Röthung zu zeigen, selbst wenn man durch Ver- 



x ) Wir empfehlen diesen Jtfodus, Wismuthnitrat in verdünnter Essigsäure auf- 
zulösen, für kleinere präparative Arbeiten auf das Angelegentlichste. 



50 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

reiben mit einem Glasstabe für energische Einwirkung des Salzes auf 
den Lackmusfarbstoff sorgt. — Zieht man das Präparat unter Schütteln 
mit kaltem Wasser aus, so ist das Filtrat gegen Lackmus neutral, auch 
entsteht durch Zusatz von Eisenchlorid keine Violettfärbung. Kocht 
man es dagegen mit Wasser und filtrirt heiss, so sind im Filtrat Spuren 
von Wismuth und von Salicylsäure nachzuweisen, und zwar ist das frisch 
gefällte, noch nicht getrocknete Präparat leichter in heissem Wasser 
löslich als das getrocknete. — Zieht man das Präparat mit kaltem Al- 
kohol (von 96 pCt.) aus, so hinterlässt das Filtrat beim Verdunsten 
einen äusserst geringen Rückstand, in welchem Salicylsäure und Wismuth, 
letzteres in Spuren, nachweisbar sind. 

Wir versuchten nun nach dem gleichen Verfahren Wismuthsalicylate 
darzustellen, welche in der Molekel mehr als einen Säurerest enthalten, 
indem wir nach oben beschriebener Methode auf 1 Molekel Wismuth- 
nitrat, bezw. Wismuthhydroxyd 2 und 3 Molekeln Salicylsäure einwirken 
Hessen. Das Resultat war ein negatives, es entstand nur das Subsalicylat 
von der Zusammensetzung Bi C 7 H 5 3 mit einem Gehalt von durch- 
schnittlich 64,40 pCt. Bi 2 3 . 

b) Bismuthum subgallicum. 
(Dermatol.) 

Die Verbindung wurde schon 1841 von Bley dargestellt und von 
Heinz und Liebrecht im Jahre 1891 als Ersatz des Jodoforms 
empfohlen. 

Bei der Durchprüfung des Originalpräparates fanden wir, dass das- 
selbe in Natronlauge löslich war. Auf Grund dieses damals noch nicht 
beobachteten Verhaltens hielten wir es für möglich, dadurch zu einem 
Wismuthgallat zu gelangen, dass wir dessen Bildung in alkalischer 
Lösung vor sich gehen Hessen. Der Versuch bestätigte die Richtigkeit 
dieser Annahme. 

Bringt man 1 Molekel eines neutralen oder basischen Wismuthsalzes 
oder 1 Molekel Wismuthhydroxyd mit 1 Molekel Gallussäure oder 
1 Molekel eines Gallates und soviel Aetznatron in wässriger oder al- 
koholischer Flüssigkeit zusammen, dass Auflösung eintritt, so kann aus 
dieser Lösung durch Neutralisiren bezw. Ansäuern Wismuthsubgallat ge- 
fällt werden. Die Bildung in alkalischer Lösung erfolgt zweckmässig 
unter Abschluss von Luft oder bei Gegenwart eines indifferenten Gases. 

Weitere Versuche zeigten, dass statt der Aetzalkalien mit gleichem 
Erfolge die Carbonate der Alkalien sowie auch Ammoniak Verwendung 
finden können. 

Wesentlich einfacher noch als in alkalischer Lösung geht die 
Bildung des Wismuthsubgallates vor sich, wenn man 1 Molekel eines 
Gallates auf 1 Molekel Wismuthhydroxyd b*ei Anwesenheit von wenig 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 51 

Wasser oder Alkohol einwirken lässt. Unter Zugrundelegung des 

Natriumgallates verläuft die Reaction wie folgt: 

Bi (OH) 3 + C 6 H 2 (OH) 8 COO Na = Na OH -f C 6 H 2 (OH) 3 C0 2 . Bi (OH) 2 

Da hierbei Natriumhydroxyd in Freiheit gesetzt wird, so ist gegen Ende 

der Reaction die Flüssigkeit zweckmässig zu neutralisiren bezw. schwach 

anzusäuern. 

Wir gingen nun weiter und versuchten, ob sich auch freie Gallus«. 
säure mit Wismuthhydroxyd im Sinne vorstehender Gleichung umsetzt, 
indem wir ganz analog wie bei Bismuthum salicylicum verfuhren, also 
1 Molekel Gallussäure auf 1 Molekel Wismuthhydroxyd einwirken 
Hessen. Es zeigte sich, dass sofort nach dem Zusatz der Säure zu dem 
in etwas Wasser vertheilten Wismuthhydroxyd letzteres citronengelbe 
Farbe annahm und dass nach Unterstützung der Reaction durch Er- 
wärmen auf dem Wasserbade bei Innehaltung der durch die Gleichung 
gegebenen Gewichtsverhältnisse im Filtrat Gallussäure weder durch Gold- 
chlorid noch Eisenchlorid nachzuweisen ist. Die Gleichung für diese 
glatte Umsetzung ist: 

Bi (OH), + C 7 H 6 6 = C 6 H 2 (OH), CO, . Bi (OH), + H,0. 
In Gewichtsverhältnissen ausgedrückt würde die Vorschrift zur Dar- 
stellung des Wismuthsubgallates lauten: 10 g krystallisirtes Wismuth- 
nitrat werden in ca. 40 g verdünnter Essigsäure gelöst, mit ca. 400 g 
Wasser verdünnt und mit Ammoniak gefällt. Dem ausgewaschenen und 
mit Wasser angeschlemmten Wismuthhydroxyd fügt man 3,5 g Gallus- 
säure zu und erwärmt auf dem Wasserbade. Das abfiltrirte Wismuth- 
subgallat wird zunächst auf Thonplatten, dann im Luftbade bei 60 — 70° 
getrocknet. Das erhaltene Pulver ist von schön schwefelgelber Farbe, 
absolut frei von Nitrat und anderen Verunreinigungen und in Natron- 
lauge ohne Rückstand löslich. Freie Gallussäure ist weder durch Aus- 
ziehen mit Alkohol, noch mit heissem Wasser nachzuweisen. Die Be- 
stimmungen des Wismuthoxydgehaltes gaben folgende Zahlen: 

gefunden berechnet für C 7 H 5 5 . Bi (OH) 2 

56,19% Bi 2 3 56,65% Bi 2 3 

56,22% Bi 2 3 
56,34% Bi 2 3 

Versuche, Wismuthgallate mit 2 oder 3 Säureresten in der Molekel 
durch Einwirkung von 2 oder 3 Mol. Gallussäure auf 1 Mol. Wismuth- 
hydroxyd darzustellen, misslangen. Nach dem Auswaschen der unver- 
bundenen Gallussäure mit warmem Wasser oder Alkohol, bis zum Ver- 
schwinden der sauren Reaction im Filtrat, zeigte der Rückstand die 
Zusammensetzung des Monogallates nach der Formel C 7 H 5 5 Bi (OH) 2 , 
wie aus den Bestimmungen des Wismuthoxydgehaltes hervorging. 

4* 



52 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Zur Auffassung des Grundgebirges. 

Von 
Privatdocent Dr. Milch. 

Nach Besprechung der chemischen und physikalischen Gründe, die 
gegen die behauptete Entstehung der tiefsten Glieder der bekannten Erd- 
rinde als Ausscheidungen aus einem Urmeere geltend zu machen sind 
und nach Zurückweisung der Behauptung, dass in diesen Gesteinen un- 
veränderte Theile der ursprünglichen Erstarrungskruste vorliegen, gelangten 
diejenigen Theorieen zur Darstellung, die in dem Grundgebirge metamorpho- 
sirte Gesteine erblicken. Zu grosser Bedeutung gelangten diese Theorieen, 
als Lossen die Uebereinstimmung der Gesteine des Grundgebirges mit 
jüngeren, nachweislich durch die Aufthürmung der Gebirge veränderten 
Gesteinen zeigte und Rosenbusch das gesammte Grundgebirge von diesem 
Standpunkte aus zusammenfassend darstellte. Der durch die Meta- 
morphiker geführte Nachweis, dass Druck und Wärme die wichtigsten 
Agentien für die stofflichen und structurellen Umwandlungen sind, 
durch die aus den verschiedenen, normal gebildeten Gesteinen, die 
krystallinen Schiefer des Grundgebirges hervorgehen, rief in dem Vor- 
tragenden die Ueberzeugung hervor, dass bei einem Theil der krystallinen 
Schiefer die Annahme einer Lagerungsstörung zur Erklärung der Ent- 
stehung nicht unbedingt erforderlich sei, sondern für sie der Druck der 
normal auf ihnen lagernden Gesteine für die Umwandlung genüge, eine 
Ansicht, die früher von E. de Beaumont und Bischof auf anderer, 
jetzt veralteter Grundlage vertreten und ungerechtfertigter Weise auf 
alle krystallinen Schiefer ausgedehnt wurde, später aber unter der 
Wucht der Lossenschen Untersuchungen vielleicht zu eilig völlig aufge- 
geben wurde. 

Durch Beantwortung der Frage, ob ein Gestein aus Componenten 
besteht, die ursprünglich sind, oder ob deren Stoffe früher einem 
anderen Gestein angehört haben, in Verbindung mit der Untersuchung, 
ob die Componenten ihre gegenwärtige Gestalt bei der Bildung des 
vorliegenden Gesteins oder früher erhalten haben, gelangte der Vor- 
tragende zu einer einheitlichen Systematik der anorganogenen Gesteine, 
deren Entwickelung an anderer Stelle erfolgen soll. 



Sitzung vom 22. November 1893. 

lieber elektrische Eisenbahnen 

von 
Professor Dr. 0. E. Meyer. 
Der Vortragende sprach über elektrische Eisenbahnen, und zwar 
nicht allein über ihre Einrichtung, sondern auch über die störenden Ein- 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 53 



Wirkungen, welche der Betrieb der Breslauer Bahn auf magnetische und 
galvanische Messapparate ausübt. 

Er begann mit den einfachsten Versuchen über die Entstehung 
elektrischer Ströme in Drahtrollen, wenn ihnen ein Magnet genähert 
wird oder wenn sie sich unter der Einwirkung eines Magnets 
oder eines Elektromagnets bewegen, also solcher Ströme, welche man 
inducirte nennt. Eine Drahtrolle mit Eisenkern im Wirkungsfelde 
eines Elektromagnets diente als Erklärung des von Werner Siemens 
erfundenen Apparats mit Doppel-T-Anker. An diesem Apparat er- 
kannte Siemens 1867 das Princip der dynamo-elektrischen Maschinen, 
die so eingerichtet sind, dass der in dem Anker durch Induction ent- 
standene Strom, durch die Windungen des inducirenden Elektro- 
magnets geleitet, diesen verstärkt und dadurch die inducirende Kraft 
selber vergrössert. Damit ist die Möglichkeit gegeben, elektrische 
Ströme beliebiger Stärke bloss durch mechanische Arbeit zu erregen. 
Auf demselben Verfahren beruht die Wirkung des Grammeschen 
Ringes in der gebräuchlichen Gleichstrom-Maschine; der einzige Unter- 
schied besteht nur darin, dass der Anker hier nicht die Form eines 
doppelten T, sondern die zweckmässigere Gestalt eines mit einer end- 
losen Drahtspirale besponnenen Ringes hat. Solche Maschinen wurden 
in verschiedener Ausführung vorgeführt und an allen der durch Drehung 
des Ringes entstehende Strom nachgewiesen. 

Alle diese Maschinen sind nicht auf den alleinigen Zweck be- 
schränkt, dass sie, durch mechanische Kraft bewegt, elektrischen Strom 
liefern; sie können auch umgekehrt, wenn ein elektrischer Strom durch 
ihre Elektromagnete geleitet wird, dazu dienen, dass sie durch elektrische 
Kraft mechanische Arbeit verrichten; denn, wenn eine solche Maschine 
von einem Strome durchflössen wird, so wird sie durch dieselben Kräfte, 
welche bei den zuerst erwähnten Experimenten einen Strom hervor- 
riefen, in Bewegung versetzt. Auch diese Erscheinung wurde an den 
aufgestellten Maschinen gezeigt. 

Durch diese zwiefache Verwendbarkeit der Maschinen wird eine 
Kraftübertragung auf elektrischem Wege möglich. Man setzt eine 
Maschine in rasche Umdrehung und leitet den von ihr gelieferten Strom 
durch die Drahtwindungen einer zweiten Maschine. Dann beginnt 
auch diese, wie durch mehrfache Versuche gezeigt wurde, sich zu drehen 
und vermag dadurch andere Maschinen zu treiben. Diese Art der Kraft- 
übertragung gelingt selbst bei ziemlich weiter Entfernung der beiden 
Maschinen von einander. 

Auch die elektrische Eisenbahn wird durch eine solche Kraft- 
übertragung betrieben. Die Motorwagen enthalten, wie an einem 
kleinen Modell erläutert wurde, dynamoelektrische Maschinen, welche 



54 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

mit den Wagenrädern in Verbindung stehen und dadurch den Wagen 
fortbewegen. 

Bei dem vorgeführten Modell geschah die Zu- und Ableitung des 
Stromes durch die beiden Schienen der Bahn. Das ist aber bei der 
hiesigen Strassenbahn anders eingerichtet. Die Zuleitung der positiven 
Elektricität erfolgt hier von der blanken Drahtleitung, welche in der 
Luft über den Geleisen der Bahn ausgespannt ist; nachdem der Strom 
durch die Maschinen der Wagen geflossen ist, geht die Elektricität an 
die im Strassenpflaster liegenden Schienen über und lliesst zur Kraft- 
station zurück. 

Eine Folge dieser Einrichtung ist, dass die elektrische Bahn störend 
auf die Magnete und Galvanometer des physikalischen Cabinets einwirkt. 
Da die Bahn unmittelbar vor dem Hause, in welchem dieses Institut 
untergebracht ist, vorüberführt, so ist es leicht möglich, die Einwirkung 
eines jeden vorüberfahrenden Motorwagens nachzuweisen. Zu diesen 
Versuchen diente der Glockenmagnet eines Siemens sehen aperiodischen 
Galvanometers, dessen Bewegungen durch einen Spiegelreflex auf einer 
an der Wand befestigten Skala den Zuhörern sichtbar gemacht wurden. 
Jeder von Südosten her sich nähernde Wagen brachte eine Ablenkung 
des Nordpols nach Osten hervor; wenn sich dann der Wagen nach 
Westen zu entfernte, so folgte eine Ablenkung des Nordpols nach 
Westen, welche mit der Stärke des Stromes veränderlich ist, also von 
der Fahrgeschwindigkeit und von der Belastung des Wagens abhängt, 
und welche bis zu 10 Bogenminuten betragen kann. 

Diese Ablenkungen sind nach Grösse und Richtung leicht zu er- 
klären. Sie rühren nicht von den horizontalen Theilen der Leitung 
her, weder von dem Erdkabel, noch von der über den Schienen 
hängenden Arbeitsleitung, noch von den Schienen; wenigstens haben 
diese Theile der Leitung nur sehr geringen Antheil an den beschriebenen 
Wirkungen. Die wichtigste Ursache bilden die mit den Wagen be- 
weglichen Theile der Stromleitung, also die von der Arbeitsleitung 
durch den Wagen nach der Erde fliessenden Ströme. Auch die im 
Motor des Wagens liegenden Magnete kommen nicht in Betracht. 

Weit lästiger, als diese von den einzelnen Wagen herrührende, 
bald vorübergehende Einwirkung auf die Magnetnadel, wird eine 
andere Störung magnetischer Messungen empfunden. Es zeigt sich auch 
eine dauernde Ablenkung der Magnetnadel aus dem Meridian, welche 
von früh bis spät, so lange als die elektrische Bahn im Betriebe ist, 
anhält. Beobachtet man den Stand der Magnetnadel erst in der Nacht 
und dann am Tage, so findet man am Tage eine deutliche Ablenkung 
des Nordpols nach Westen. 

Das ist freilich eine längst bekannte Erscheinung, welche auch ohne 
eine elektrische Eisenbahn durch die regelmässigen täglichen Verände- 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 55 

rungen der erdmagnetischen Kraft bewirkt wird. Aber diese natür- 
lichen Schwankungen der Magnetnadel sind viel kleiner, als die seit 
Eröffnung der Bahn wahrgenommenen ; die natürlichen Schwankungen 
machen kaum die Hälfte der jetzt beobachteten Werthe aus. Man 
kann das deutlich durch Vergleichung der hiesigen Messungen mit den 
Aufzeichnungen der Magnetwarte in Beuthen O.-S. erkennen. Zieht man 
die dort beobachteten Schwankungen von den Breslauer Messungen ab, 
so ergiebt sich, dass der Betrieb der elektrischen Bahn eine dauernde 
Missweisung der Magnetnadel bewirkt, welche ebenfalls etwa 10 Minuten 
beträgt. 

Diese dauernde Ablenkung ist zuerst von Professor Dorn in Halle 
bemerkt worden-, er hat auch ihre Ursache richtig erkannt. Er bat 
nachgewiesen, dass sie nicht in den metallischen Leitungen der Bahn 
zu suchen ist, sondern in den Strömen, welche von den Bahnschienen 
in das feuchte Erdreich übertreten. Der von den Wagen an die 
Schienen abgegebene Strom folgt bei seiner Rückkehr zur Maschinen- 
station nicht ganz den Geleisen der Bahn, sondern es zweigt sich ein 
grosser Theil der Ströme ab, um durch den feuchten Boden oder durch 
die Gasröhren und die Wasserleitungen auf kürzerem oder auch 
längerem Wege sein Ziel zu erreichen. 

Wenn diese Erdströme wirklich vorhanden sind, so müssen sie sich 
in unserem Falle besonders stark bemerklich machen. Denn sie würden 
fast genau von Norden nach Süden unter dem Hause durch fliessen, also 
gerade in der Richtung, welche für die Wirkung auf die Magnetnadel 
am günstigsten ist. 

Um diese Ströme unmittelbar nachzuweisen und um sie den Zu- 
höhrern sichtbar darzustellen, waren zwei gleiche Metallplatten in die 
Erde vergraben worden. Die eine liegt den Bahnschienen möglichst 
nahe im Keller des Hauses hart an der Grundmauer der Strassenfront 
vergraben, die andere im Hofe des Gebäudes an der gegenüberliegenden 
Grenze des Grundstücks; sie sind 32 Meter weit von einander entfernt. 
Von diesen Platten waren Leitungsdrähte in den Hörsaal geführt. Als 
diese mit dem Galvanometer verbunden wurden, zeigte das Instrument 
in der That einen Strom deutlich an. Dieser Strom aber rührt nicht 
ganz von der elektrischen Bahn her; denn er ist auch in der Nacht, 
wenn der Betrieb ruht, vorhanden. Es ist also ein galvanischer Strom, 
der aus Ungleichheit der Platten, der Bodenbeschaffenheit, oder des 
Grundwassers entsteht. Er zeigt sich jedoch des Nachts in geringerer 
Stärke, und daraus dürfen wir schliessen, dass ein Theil von der Bahn 
herrührt. Da der Stand des Galvanometers in der vorhergegangenen 
Nacht markirt worden war, so konnte man die Stärke des von der Bahn 
herrührenden Antheils leicht beurtheilen. Mit unverkennbarer Deutlich- 



56 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

keit verrieth sich der Ursprung dieses Stromes aus dem Bahnbetriebe, 
als jedesmal, wenn ein Motorwagen vorüberfuhr, der Plattenstrom eine 
beträchtliche Vermehrung aufwies, welche mit der Entfernung des 
Wagens wieder verschwand. Das Dasein der von den Schienen der 
Bahn sich abzweigenden Erdströme ist somit zweifellos nachgewiesen. 

Diese Erdströme sind für physikalische Messungen auf dem Gebiete 
des Magnetismus oder Galvanismus sehr störend. Man kann sich ihrer 
Wirkung nur entziehen, wenn man in der Nacht beobachtet. Das ge- 
schieht auch sehr häufig. Aber immer ist das nicht möglich, so z. B. 
wenn es gilt, das Gesetz der täglichen Aenderung der erdmagnetischen 
Kraft von Mitternacht bis Mittag und wieder bis zur Mitternacht zu ver- 
folgen. Erdmagnetische Untersuchungen sind also hier im Breslauer 
Institut nicht mehr möglich. 

Für diesen beklagenswerthen Zustand würde die elektrische Eisen- 
bahn verantwortlich gemacht werden müssen, wenn nicht schon vorher 
das Gebäude des physikalischen Instituts für derartige feine Messungen 
ungeeignet gewesen wäre. Die Mängel dieses Hauses beruhen zum 
Theil auf den Fehlern, welche beim Bau begangen worden sind ; theils 
entstanden sie später, als die Stadt die Burgstrasse von der Universitäts- 
brücke bis nach der Schuhbrücke verlängerte und pflastern Hess. Eine 
Besserung des jetzigen Zustandes ist nur durch eine Verlegung des 
physikalischen Instituts in einen anderen Stadttheil zu erreichen. 

Die Universität hätte beim Bau der elektrischen Bahn das Recht 
gehabt, gegen den Bau Einspruch zu erheben und ihn verbieten zu 
lassen. Aber von diesem Rechte ist kein Gebrauch gemacht worden, 
weil das Verkehrsinteresse der Stadt Breslau wichtiger erschien, als 
die Schonung eines wissenschaftlichen Instituts, das schon seit Jahren als 
mangelhaft erkannt ist und auf jeden Fall über kurz oder lang in einen 
Neubau verlegt werden muss. 

Um aber in Zukunft ernstere Schädigungen wissenschaftlicher An- 
stalten zu vermeiden, wird der Staat von den elektrischen Bahnen ver- 
langen müssen, dass sie für eine bessere Rückleitung des Stromes zur 
Kraftstation sorgen. Wenn die eisernen Schienen nicht genügen, um 
den ganzen Strom aufzunehmen, so ist vielleicht zu empfehlen, dass 
starke Kupferleitungen daneben gelegt werden. Noch besser wäre es, 
wenn die Bahnverwaltung sich entschliessen möchte, sich auf den Betrieb 
durch Akkumulatoren einzurichten; dann würde auch das hässliche 
spinnennetzartige Gewirr von Drähten über den Strassen und Plätzen 
der Stadt verschwinden können. 

Die wissenschaftlichen Grundlagen für vorstehende Mittheilungen 
sind in der folgenden Abhandlung enthalten. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 57 



Ueber die Störungen physikalischer Beobachtungen durch 
eine elektrische Strassenbahn. 

Von 
0. E. Meyer und K. Mützel. 1 ) 

Vor dem Gebäude der Kgl. Universität zu Breslau, in welchem das 
physikalische Cabinet untergebracht ist, führt eine elektrische Eisenbahn 
vorüber. Um die Störungen, welche magnetische und elektrische 
Messungen durch die Bahn erleiden, genauer beurtheilen zu können, 
haben wir zahlreiche Beobachtungen angestellt, über welche wir hier 
ausführlicher berichten wollen, als es in dem Jahresbericht der Universität 
für 1892/93 geschehen konnte. 

Die Bahn, welche nur in einer Richtung befahren wird, umkreist 
das Gebäude auf einem Bogen; sie nähert sich ihm von Südosten her, 
läuft dann nach einer kleinen Wendung zur Linken auf der Burgstrasse 
der Hauptfront des Gebäudes parallel, wendet sich darauf stärker nach 
links und entfernt sich in westlicher Richtung vom Hause. Die Mitte 
des Geleises liegt im Fahrdamm der Burgstrasse 9,0 m von der Wand 
des Hauses entfernt. Der blanke Siliciumbroncedraht, welcher den 
Motorwagen die positive Elektricität zuführt, ist in einer Höhe von 
5,7 m über dem Pflaster ausgespannt. Die Rückleitung geschieht durch 
die im Pflaster liegenden Schienen. Die Spannung der Elektricität be- 
trägt nach den Messungen in der Maschinenstation etwa 400 V. Die 
für einen einfachen Motorwagen erforderliche Stromstärke wird von der 
Bahnverwaltung auf 10 A geschätzt; für einen Motorwagen mit Anhänge- 
wagen bei voller Belastung werden wir etwa 25 A annehmen dürfen. 2 ) 

Bei den ersten Beobachtungen, die wir anstellten, verfolgten wir 
nur die Absicht, die Stärke der Fernwirkung zu bestimmen, welche ein 
vorbeifahrender Motorwagen auf magnetische Apparate ausübt. Diese 
Messungen stellten wir in zwei Zimmern des Hauses an, in einem 
Vorderzimmer, dessen Fenster theils nach dem Universitätsplatz, theils 
nach der Burgstrasse hinausgehen, also in einem der Bahn möglichst 
nahe gelegenen Zimmer, und zweitens in einem weiter entfernten 
Hinterzimmer des Gebäudes. Zu den Beobachtungen benutzten wir 
nicht allein den Stabmagnet eines Gauss sehen erdmagnetischen Appa- 
rates, sondern auch den glockenförmigen Magnet eines aperiodischen 
Sie mens sehen Galvanometers. 



x ) Aus der elektrotechnischen Zeitschrift 15. Jahrg. 1894, H. 3 S. 33 mit 
gütiger Erlaubniss des Herausgebers abgedruckt. 

a ) Derselbe Werth wird in einer Abhandlung angenommen, welche die 
Assistenten am Königsberger Elektricitätswerk Dr. A. Hartwich und Dr. P. Cohn 
in der elektrotechn. Zeitschr. 1893 S. 669 veröffentlicht haben. Ihre Ergebnisse 
stimmen mit unseren so gut überein, dass wir an unserer bereits vor dem Er- 
scheinen jener Arbeit abgeschlossenen Abhandlung nichts zu ändern brauchten. 



58 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Der Stabmagnet, der 195 mm lang und 10 mm dick ist, hängt in 
dem Vorderzimmer des Hauses in 5,9 m Entfernung von der Aussen- 
wand* sein horizontaler Abstand von der Arbeitsleitung der Bahn be- 
trägt also 14,9 m. Er hängt 7,1 m hoch über dem Fahrdamm der 
Strasse. Seine Schwingungszeit beträgt 15 Sekunden. 

Seit der Eröffnung der elektrischen Bahn sind die Schwingungen 
dieses Magnetes noch weit unruhiger geworden, als sie es in Folge des 
Wagenverkehrs auf der stark befahrenen Burgstrasse früher schon waren. 
Der Magnet kommt am Tage niemals ganz zur Ruhe, sondern macht 
fortwährende Schwingungen, deren Amplitude zwischen 0,2 und 3,8° 
schwankt. Die Dauer einer Schwingung hat sich dagegen kaum ge- 
ändert. 

Ein sich nähernder Motorwagen lenkt den Nordpol des Magnetes 
nach Osten ab; ist der Wagen vorübergefahren und entfernt sich dann 
weiter vom Hause, so bewegt sich der Nordpol über seine Ruhelage 
hinaus nach Westen zu. Diese Ablenkungen betragen bis zu 10 Bogen- 
minuten. 

Weit leichter und sicherer kann man diese Einwirkungen der 
Motorwagen erkennen, wenn man statt des schweren Gauss sehen 
Magnetes den kleinen glockenförmigen Magnet eines Siemens sehen 
aperiodischen Galvanometers beobachtet. Er folgt augenblicklich jeder 
auf ihn wirkenden Kraft und kommt in Folge der vorzüglichen 
Dämpfung, welche das Instrument besitzt, sofort ohne Schwingungen zur 
Ruhe. Die Beobachtungen an diesem Magnet ergaben denselben Werth 
der Ablenkung, bis zu 10 Minuten. 

Diese beobachtete Ablenkung des Magnetes lässt sich nach Grösse 
und Richtung einfach aus den bekannten Gesetzen der Elektrodynamik 
erklären. Die horizontalen Theile in den Leitungen der elektrischen Bahn 
können zu diesen Kraftäusserungen nicht viel beitragen ; denn die Leitung, 
welche den Strom zuführt, liegt nahezu in gleicher Höhe wie der Magnet, 
daher ist nach der Ampere sehen Regel die horizontale Komponente 
ihrer Wirkung sehr klein; die in der Erde liegenden Leitungen aber 
sind weiter entfernt und üben deshalb ebenso eine geringe Wirkung aus. 

Demnach kommt nur das Stück der Leitung in Betracht, welches 
von dem in der Luft ausgespannten Broncedraht, von der sogenannten 
Arbeitsleitung, durch den Wagen zum Schienengel eise hinabführt. Statt 
dieser vielfach gewundenen und gebogenen Leitung können wir bei der 
Berechnung der ausgeübten Kraft einen gerade und senkrecht verlaufen- 
den Leiter setzen, da bekanntlich eine Zerlegung in Komponenten ge- 
stattet ist. 

Wir dürfen ausserdem die von einem vorbeifahrenden Wagen 
ausgeübte Kraft so berechnen, als wenn der Wagen still stände. Die 
Wagen fahren freilich so schnell, dass sie in einer Stunde einen Weg 



TL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 59 

von 7 bis 9 km zurücklegen würden. Daraus folgt aber für 1 Sekunde 
eine Orts Veränderung von nur 2 bis 2,5 m, und diese geringe Ver- 
änderung bedingt keine erhebliche Aenderung des Abstandes, um welchen 
der vorbeifahrende Wagen vom Magnet entfernt ist. 

Die Richtung der Ablenkung lässt sich leicht nach der Am per e- 
schen Regel angeben. Nähert sich der Wagen, so befindet er sich auf 
der südöstlichen Seite des Magnetes; da der Strom im Wagen von oben 
nach unten fliesst, muss er den Nordpol des Magnetes nach rechts vom 
fahrenden Wagen, also nach Osten zu ablenken, wie es beobachtet 
wurde. Ist dann der Wagen an eine Stelle gekommen, die genau öst- 
lich vom Magnet liegt, so würde er nach derselben Regel den Nordpol 
nach Norden, den Südpol nach Süden treiben; der Strom kann also hier 
den Magnet nicht mehr ablenken. Fährt der Wagen weiter nach 
Westen zu. so lenkt der Strom den Nordpol nach der westlichen Seite 
ab; seine grösste Wirkung übt er aus, wenn der Wagen sich gerade 
nördlich vom Magnet befindet. Daraus ist zu erklären, dass die west- 
liche Ablenkung gewöhnlich grösser als die vorausgegangene östliche 
beobachtet wird. 

Wollen wir jetzt die Stärke der Kraft berechnen, welche das als 
gerade und senkrecht angenommene Stück der Strombahn ausübt, so 
haben wir von der bekannten Formel 

jds 



».2 



sin (r, d s) 



K = jx I - __ j 



r 

auszugehen, welche Biot und Savart für die Wirkung aufgestellt 
haben, die ein Stück ds eines Stromes von der Stärke j auf einen 
Magnetpol von der Stärke 1 in der Entfernung r ausübt, wenn die 
Richtungen von d s und r den Winkel (r, d s) mit einander einschliessen. 
In unserem Falle haben wir, um die gesammte gegen r und ds senk- 
recht gerichtete Kraft zu finden, den Werth des Integrals 

. r dz 

auszurechnen, in welchem x die horizontal gemessene Entfernung des 
Magnetes von dem Orte des Wagens, z i die Höhe des Magnetes über 
der Arbeitsleitung der Bahn und z 2 seine Höhe über ihren Schienen 
bedeuten. 

Den Zahlenwerth dieses Integrals berechnen wir für den Ort des 
Wagens, an welchem er sich in der kleinsten Entfernung vom Magnet 
befindet. Wir setzen also die oben angegebenen Werthe ein, zunächst 

i = 25 A == 2,5 C. G. S.-Einheiten, 

d. h. auf Centimeter, Gramm und Sekunden bezogene Einheiten, ferner 



Vx^+z* ' x \ Vx*+z\ " Vx*+z\ 



60 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

x = 1490, 

z 2 == 710, 

*, = 710—570 = 140 

Centimeter, so finden wir die auf den Magnetpol ausgeübte Kraft 

K = 0,00056 

in C. G. S.-Einheiten. 

Um die durch diese Kraft bewirkte Ablenkung des Magnetes zu 

erhalten, müssen wir ihre Stärke mit der Horizontalkomponente des 

Erdmagnetismus vergleichen; diese hat in denselben Einheiten den Werth 

T = 0,19. 

Folglich ist der absolute Werth des Ablenkungswinkels, den wir 

seiner Tangente gleich setzen dürfen, 

0,00056 

== 0,003 



0,19 

oder =10 Bogenminuten, 

wie er beobachtet wurde. 

Bei dieser Rechnung ist vielleicht die Stromstärke in einem Motor- 
wagen, die wir bei starker Besetzung des Motorwagens mit seinem 
Anhängewagen auf 25 A geschätzt haben, etwas zu hoch angenommen 
worden. Wenn das zutrifft, so werden wir, um die Uebereinstimmung 
zwischen Rechnung und Beobachtung aufrecht zu erhalten, nur zu 
berücksichtigen haben, dass die Wirkung der Maschinenströme im Motor 
durch die Eisenkerne der Spiralen noch verstärkt wird. 

Mit demselben Galvanometer haben wir auch in einem Zimmer 
beobachtet, welches an der Rückseite des Gebäudes gelegen und deshalb 
um 10,5 m weiter von der elektrischen Bahn entfernt ist. In diesem 
Zimmer fanden wir die Ablenkung, welche ein vorbeifahrender Motor- 
wagen bewirkt, geringer und zwar gleich etwa 4 Minuten. Denselben 
Werth liefert die Berechnung nach der vorstehenden Formel, wenn wir 

x = 2540 cm 
setzen. 

Demnach sind die beobachteten Einwirkungen der vorüberfahrenden 
Motorwagen auf Magnete leicht und einfach aus den bekannten Gesetzen 
der Elektrodynamik zu erklären. Nach denselben Gesetzen wäre auch 
leicht zu berechnen, welche Entfernung zwischen einem physikalischen 
Institut und einer elektrischen Eisenbahn mindestens eingehalten werden 
müsste, um das Institut vor den Einwirkungen der Bahn sicher zu stellen. 

Verlangt man z. B. eine Genauigkeit der Ablesungen bis auf 
0,1 Bogenminute, so würde daraus, dass in einer Entfernung von rund 
15 m eine Ablenkung von 10 Minuten beobachtet wurde, nach dem 
Gesetze, dass die Kraft im umgekehrten Verhältniss des Quadrates der 
Entfernung abnimmt, zu schliessen sein, dass eine Entfernung von 150 m 
genüge, um vor diesen Störungen sicher zu sein. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 61 



Aber so einfach liegt die Sache nicht, da der elektrische Bahn- 
betrieb ausser den rasch vorübergehenden Einwirkungen des fahrenden 
Wagens noch eine andere störende Wirkung auf magnetische Apparate 
ausübt. Diese Störung dauert den ganzen Tag an, sie beginnt früh 
Morgens, sobald der Strom in die Leitung eingelassen wird, und endigt 
am späten Abend mit der Heimkehr des letzten Wagens. Man kann 
ihr also nur durch nächtliche Beobachtungen entgehen. 

Es wurde schon erwähnt, dass seit der Eröffnung des Bahnbetriebes 
ein Magnet gar nicht mehr zur Ruhe kommt. Verfolgt man seine 
Schwingungen genauer, so sieht man bei dem Versuche, aus ihnen die 
Ruhelage des Magnetes abzuleiten, bald ein, dass diese Ruhelage steten 
Aenderungen unterworfen ist. Nicht allein, dass sie häufig, auch wenn 
kein Wagen in der Nähe ist, ganz plötzlich und stossweise bald nach 
Osten, bald nach Westen hin- und hergeworfen wird, sie zeigt auch im 
Laufe des Tages eine langsam und gleichmässig vor sich gehende Ver- 
änderung. 

Bekanntlich ändert auch unter normalen Verhältnissen eine Magnet- 
nadel in ziemlich regelmässiger täglicher Periode fortwährend ihren 
Stand. Die magnetisehe Deklination hat in den frühen Vormittags- 
stunden ihren kleinsten Werth, nimmt bis zum Mittag stetig zu, erreicht 
gegen 2 Uhr ihren grössten Werth, nimmt dann bis zum Abend wieder 
ab und sinkt die Nacht hindurch langsam bis zu ihrem Minimum am 
Morgen herab. 

Ein ganz ähnliches Verhalten zeigt der unter dem Einflüsse der 
elektrischen Bahn schwingende Magnet, wenn er einen ganzen Tag lang 
von früh Morgens um 5 Uhr an bis gegen 12 Uhr Mitternachts 
beobachtet wird. Es wurden über 1200 Umkehrpunkte seiner Schwin- 
gungen abgelesen und aus diesen die wechselnden Gleichgewichts- 
stellungen für die verschiedenen Tageszeiten abgeleitet. Von 5 bis 
5*/ 2 Uhr blieb die Ruhelage des Magnetes vollkommen konstant. Als 
dann um 5 Uhr 40 Min. der Strom in die Leitung eingelassen wurde, 
entstand eine sehr rasch zunehmende Ablenkung des Nordpols nach 
Westen, welche um 6 Uhr bereits 3 Min. 40 Sek. betrug. Als um 
6 Uhr 40 Min. der erste Wagen vorüberfuhr, war die westliche Ab- 
lenkung auf 1 Min. 35 Sek. gesunken. In dieser Höhe etwa erhielt sie 
sich bis gegen 8 Uhr, stieg dann rasch an, sodass sie um 9*/ 4 Uhr 
schon 5 Min. 20 Sek., um 10% Uhr bereits 10 Min. 40 Sek. und um 
11 Uhr 20 Min. sogar 16 Min. 40 Sek. betrug. In den Mittagstunden 
bis gegen 3 Uhr blieb die Ablenkung in nahezu gleicher Grösse bei 
mehrfachen Schwankungen zwischen 14 Min. und 17 Min. 50 Sek. 
Nachmittags nahm sie dann allmählich wieder ab, betrug um 7 Uhr 
20 Min. nur 6 Min. 10 Sek., stieg dann abermals bis 10 Uhr 30 Min. 



62 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

an bis zu dem Betrage von 8 Min. 40 Sek. und sank von da an rasch 
ab, sodass sie kurz vor 12 Uhr, als der Bahnbetrieb eingestellt wurde, 
verschwunden war. 

Der Verlauf hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem täglichen Gange 
der normalen Variation der magnetischen Deklination, und es mag sein, 
dass manche der beobachteten Schwankungen die Folge einer Verände- 
ung der erdmagnetischen Kraftrichtung war, so z. B. die Abnahme der 
Ablenkung in der Zeit von 6 Uhr 20 Min. bis 8 Uhr Morgens. Es sind 
aber andererseits unverkennbare Anzeichen dafür vorhanden, dass die 
Ströme der elektrischen Bahn mit dazu beitrugen, den Magnet in der 
beobachteten Weise abzulenken. Dies ergiebt sich einmal aus der 
Thatsache, dass die Zeiten, zu denen die Ablenkung Morgens eintrat 
und Abends wieder verschwand, genau mit dem Beginne und dem 
Schlüsse des Bahnbetriebes übereinstimmten. Ferner aber muss die be- 
deutende Grösse der beobachteten Ablenkungen auffallen, wenn wir sie 
mit den normalen täglichen Variationen der erdmagnetischen Deklination 
vergleichen. Nach den Beobachtungen der hiesigen Sternwarte 1 ) ändert 
sich im Monat September, in welchem unsere Beobachtungen angestellt 
worden sind, die Deklination im Laufe eines Tages durchschnittlich um 
9,1 Min., also nur ungefähr um den halben Betrag der beobachteten 
Schwankungen. Diese können also nicht durch die regelmässigen täg- 
lichen Aenderungen der erdmagnetischen Deklination erklärt werden. 

Dass sie auch nicht auf anomale Variationen zurückzuführen sind, 
erkennen wir durch eine Vergleichung mit den Aufzeichnungen des 
selbstregistrirenden Magnetometers im magnetischen Observatorium 2 ) zu 
Beuthen O.-S. Die Mittheilung der Beuthener Kurventafeln verdanken 
wir dem Königlichen Oberbergamt zu Breslau. Folgende Tabelle enthält 
unsere Beobachtungen mit Angabe des Tages und der Tageszeit der 
Ablesung. Daneben stehen die aus den Kurven hergeleiteten Werthe 
der Aenderung der magnetischen Deklination in Beuthen; die erste ent- 
hält die auf einen willkürlichen Nullpunkt bezogenen Ablesungen, die 
zweite ihre Differenzen. 



*) Galle, Mittheilungen der Königl. Universitäts-Sternwarte zu Breslau. 1879. 
S. 161 und 93. Die tägliche Variation im September beträgt 14,92 Skalentheile, 
1 Skalentheil 0,611 Minuten. 

2 ) Magnetwarte der Oberschlesischen Steinkohlenbergbau-Hilfskasse, verwaltet 
vom Markscheider Penkert zu Scharley. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 



63 



Mittel- 
europäische 
Zeit 



Breslau 



Beuthen 



12. September 



11. September 

12. September 
14. 

12. 
11. 
14. 



11. September 
14. 

12. 



Uhr Min. 



1 



30 

40 





6 20 
6 40 



30 



10 



10 30 

11 20 

12 20 







1 
1 

2 
3 
4 
5 
6 
7 



20 
20 
20 
10 


20 

8 40 

9 20 
10 30 
10 40 

10 50 

11 
11 10 
11 20 



Min. 
0,0 

1,7 

3,7 

1,7 
1,6 

1,2 

1,6 

5,3 

10,7 

16,7 

14,6 

16,0 

17,7 

14,4 

14,0 

14,8 

10,8 

11,4 

9,8 

6,2 

8,3 

7,9 

8,6 

5,6 

5,2 



4,0 
4,0 
3,0 



Min. Diff. 
0,0 

-0,3 

—0,6 

—0,8 

-1,2 

-2,2 

-2,4 

0,4 

3,4 

5,7 



23,6 
23,3 
23,0 
22,8 
22,4 
21,4 
21,2 
24,0 
27,0 
29,3 
29,8 
30,1 
30,8 
29,9 
30,0 
30,1 
28,0 
24,0 
27,0 
25,6 
24,7 
23,7 
23,0 
23,0 
22,6 



22,9 
23,9 
23,1 



6,2 
6,5 
7,2 
6,3 
6,4 
6,5 
4,4 
0,4 
3,4 
2,0 

1,1 
0,1 

—0,6 

—0,6 

-1,0 

-0,7 

0,3 

—0,5 



° =3 S 
V A3 ® 
U ( — . -3 

£> * tä 

Q CO CQ 



Min. 
0,0 

2,0 

4,3 

2,5 

2,8 

3,4 

4,0 

4,9 

7,3 

11,0 
8,4 
9,5 

10,5 
8,1 
7,6 
8,3 
6,4 

11,0 
6,4 
4,2 
7,2 
7,8 
9,2 
6,2 
6,2 

4,7 
3,7 
3,5 



Die letzte Zahlenreihe dieser Tabelle lehrt, dass die in Breslau 
beobachteten westlichen Ablenkungen des Magnetes durchweg erheblich 
grösser sind als die in Beuthen aufgezeichneten. Während des grössten 
Theiles des Tages zeigt sich ein Unterschied von 6 bis 11 Bogenminuten, 
den wir in runder Zahl durchschnittlich auf 10 Minuten schätzen dürfen. 
Diese Ablenkung kann nur von der elektrischen Bahn herrühren, da sie 
sich nur während der Stunden ihres Betriebes zeigt, 

Da die Ablenkung ziemlich constant ist, so kann ihre Ursache 
nicht in den veränderlichen Einwirkungen der fahrenden Wagen gesucht 



64 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

werden, sondern nur in den festliegenden elektrischen Strömen, welche 
den Wagen die Elektricität zuführen oder sie wieder ableiten. Man 
könnte zunächst an das Erdkabel denken, welches den gesammten 
Strombedarf zuführt, dann an die sogenannte Arbeitsleitung, d. h. den 
in der Luft ausgespannten blanken Siliciumbroncedraht, der den Wagen 
Strom zuführt, und endlich an die Rückleitung, die durch die Schienen 
erfolgt. Aber bei näherer Ueberlegung erscheinen diese Vermuthungen 
wenig wahrscheinlich, weil die drei genannten Theile des Leitersystemes 
in unserem Falle alle nahezu rechtwinklig gegen den magnetischen 
Meridian horizontal verlaufen; sie können daher einen Magnet aus seiner 
Ruhelage nicht stark in horizontaler Richtung ablenken. 

Die wahre Ursache der beobachteten Ablenkung haben wir, wenigstens 
der Hauptsache nach, in den elektrischen Strömen zu suchen, welche 
von den Schienengeleisen der Bahn in den Erdboden übertreten. Prof. 
Dorn in Halle hat zuerst bemerkt und in seiner Eingabe an den Staats- 
secretär des Reichs-Postamtes hervorgehoben, dass die Elektricität, 
welche aus den Motorwagen in die Schienen übertritt, bei ihrem Rück- 
fluss zur Kraftstation nicht ganz den Schienen folgt, sondern dass ein 
Theil Zweigströme bildet, die durch den feuchten Erdboden auf möglichst 
geradem Wege der Station zufliessen. 

Wenn solche Zweigströme in der Erde wirklich fliessen, so müssen 
sie sich in unserem Falle ganz besonders stark bemerklich machen. 
Denn die Maschinen der Bahn stehen am Luisenplatz, welcher beinahe 
südlich von dem Gebäude des physikalischen Cabinetes gelegen ist. Es 
werden daher diese Zweigströme von den Bahnschienen unter dem Hause 
durch in der Richtung von Norden nach Süden fliessen, also nahezu der 
Magnetnadel parallel. Diese Richtung ist für ihre Wirkung, welche in 
einer westlichen Ablenkung des Nordpoles der Magnetnadel bestehen 
wird, die denkbar günstigste. 

Dass solche Erdströme, selbst wenn sie sehr schwach sein sollten, 
in ihrer Gesammtheit eine erhebliche Wirkung auf einen Magnet aus- 
üben, erkennen wir, wenn wir die Summe der Wirkungen bilden, welche 
ein den ganzen Erdboden erfüllendes System von parallelen elektrischen 
Strömen auf einen Magnetpol ausübt. Wir suchen zunächst den Werth 
der Kraft, mit welcher ein von Norden nach Süden fliessender linearer 
Strom von der Stärke 1 auf den Pol wirkt. Dazu führen wir recht- 
winklige Koordinaten #, y, z ein, deren Anfangspunkt senkrecht unter 
dem Magnetpol in der Erdoberfläche liegt; die Richtung von x verlaufe 
nach Norden, y nach Osten, z senkrecht nach unten, H sei die Höhe 
des Magnetes über dem Erdboden. Dann ist die gesuchte Kraft durch 
die Formel 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. G5 



00 

ff 



dx (H+z) H+ z 



^i + yt + tff + a)! ' V 2 + V 1 + »y 



00 



dargestellt. Aus dieser Wirkung eines linearen Stromes, der in der 
Tiefe z unter der Erdoberfläche und um den Abstand y östlich von der 
Magnetnadel entfernt fliesst, erhalten wir die gesammte Wirkung aller 
im Erdboden fliessenden Ströme durch einfache Summirung. 

Vorher aber haben wir die horizontale Componente der ausgeübten 
Kraft zu bilden. Da die Richtung der Kraft mit der horizontalen West- 
richtung einen Winkel bildet, dessen Cosinus 

H -f z 

Vy* + (H + zy 
ist, so ist jene Componente 

(g + «)' 

Yy* + (B + z)' 

für die Stromstärke 1. Nennen wir nun J die Summe der Stromstärken, 
welche durch den Querschnitt 1 lliessen, so ist J dy dz die Stärke 
des in einem unendlich engen Canal von der Weite dy dz fliessenden 
Stromes; und es wird die Summe der Kräfte, welche von allen Erd- 
strömen auf den Pol einer horizontal beweglichen Nadel ausgeübt werden, 

Z » Z 



r P d y p 

2/ dzJ(H + z) 2 t-J===z = 4 / 



J d z . 



00 

Um das letzte sehr einfache Integral ausrechnen zu können, müssen 
wir wissen, in welcher Weise die Stärke der Erdströme von der Tiefe 
abhängt. 

Aber auch ohne hierüber Klarheit zu haben, können wir aus der 
Formel entnehmen, dass die von den Erdströmen auf die Magnetnadel 
ausgeübte Kraft einen recht merklichen Werth besitzen kann. In der 
Formel ist nämlich die Entfernung der Ströme vom Magnet gar nicht 
mehr enthalten. Daraus folgt, dass die Ströme jeder Horizontalschicht 
gleiche Wirkung auf die Nadel ausüben müssen, ein Ergebniss, welches 
auch ohne Rechnung leicht einzusehen ist, sobald die horizontale Aus- 
dehnung der mit Strömen erfüllten Schicht als unbegrenzt angenommen 
werden darf. Somit wirken alle diese Ströme so stark, als flössen sie 
sämmtlich in der Erdoberfläche oder in noch grösserer Nähe am Magnet 
vorüber. 

Den Zahlenwerth des Integrals können wir auf Grund der Beobach- 
tung berechnen, dass die Ströme eine Ablenkung von etwa 10' hervor- 

5 



^/. 



66 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

bringen. Hieraus folgt, dass der Werth der von den Strömen aus- 
geübten Kraft zu der Intensität der horizontalen Componente des Erd- 
magnetismus T === 0,19 in einem durch 

tg 10' = 0,003 

bestimmten Verhältnisse stehen muss. Wir erhalten also für das In- 
tegral folgenden Zahlenwerth 

Z 



/■ 



0,19.0,003 Ä ™« B 

Jdz= —2- — ' = 0,00015, 



welcher Gramm, Centimeter und Secunden als Einheiten enthält. 

Der Zahlenwerth erscheint nicht im mindesten unwahrscheinlich. 
Nehmen wir, um eine Schätzung möglich zu machen, an, dass die Ströme 
in überall gleicher Stärke bis zur Tiefe Z vorhanden wären, so würde 



das Integral 



JZ = 0,00015. 



Da die Tiefe Z mindestens einige Meter, also mehrere hundert 
Centimeter beträgt, so würde folgen, dass die Stärke des Stromes J, 
welche durch 1 cm 2 Querschnitt im Erdreich fliesst, nur sehr gering 
angenommen zu werden braucht, um die beobachteten Wirkungen zu 
erklären. 

Wir haben auch versucht, das Dasein dieser Erdströme noch un- 
mittelbarer nachzuweisen. Zu dem Zwecke Hessen wir blanke Metall- 
platten, und zwar zwei gleiche Weissblechtafeln von 0,2 m 2 Fläche, in 
die Erde eingraben und verbanden sie durch Leitungsdrähte mit dem 
bereits erwähnten Galvanometer. Die eine Platte wurde im Keller des 
Hauses hart an der Aussenwand auf der Seite der Burgstrasse so tief 
vergraben, dass wir sicher sein konnten, sie liege im feuchten Erdreich \ 
die andere wurde ebenso in dem hinter dem Hause liegenden Hofe 
an der Grenzmauer des Nachbarhauses 32 m weit von der ersten entfernt 
eingegraben. 

Als wir diese Platten durch Kupferdrähte mit dem Galvanometer 
verbanden, zeigte es einen Strom an, dessen Intensität, bei einem Wider- 
stände von 115 42 0,00005 A war. Die Richtung dieses Stromes verlief 
in der That von der nördlich gelegenen Erdplatte durch den Draht zur 
südlichen. Trotzdem dürfen wir nicht glauben, dass dieser Strom in 
seiner vollen Stärke von der elektrischen Bahn herrühre; denn er zeigt 
sich auch in der Nacht, wo der Betrieb der Bahn ruht. Wir haben es 
also mit einem galvanischen Strom zu thun, der aus einer ungleichen 
Beschaffenheit der beiden Platten, des benachbarten Erdreichs oder des 
Grundwassers entsteht. 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 67 

Dennoch ist die beschriebene Einrichtung vortrefflich geeignet, die 
von der Bahn herrührenden Erdströme nachzuweisen. Denn der Magnet 
des Galvanometers steht, wenn die Erdleitung eingeschaltet ist, nur in 
der Nacht still, bei Tage aber keineswegs. Jeder Motorwagen setzt 
den Magnet in Bewegung, bei Annäherung des Wagens vergrössert sich 
der Ausschlag des Instrumentes, um nach dem Vorüberfahren des Wagens 
wieder abzunehmen. Damit ist unzweideutig bewiesen, dass jeder Wagen 
einen elektrischen Zweigstrom in das Erdreich entsendet. Es fliessen 
also von allen Punkten der Bahn durch die Erde Ströme nach der 
Maschinenstation zurück, und wir müssen schliessen, dass der ganze 
Untergrund der Stadt von solchen Strömen erfüllt ist. Durch Wieder- 
holung der Beobachtungen in einer anderen Stadtgegend haben wir uns 
überzeugt, dass dieser Schluss in der That richtig ist. 

Die Stärke der beobachteten Veränderung, welche der Plattenstrom 
durch einen vorüberfahrenden Motorwagen erfährt, ist nicht gross. Die 
grösste Ablenkung, welche wir beobachtet haben, lässt schliessen, dass 
die Stärke der von dem Motorwagen sich abzweigenden, von einer 
Platte zur anderen fliessenden Ströme den Betrag von 0,0000035 A 
erreicht. Da nun die Anzahl der Wagen, welche gleichzeitig auf dem 
weiter als das Institutsgebäude von der Kraftstation entfernten Theile 
der Bahn laufen, in der Regel 8 bis 10 sein mag, so wird der gesammte 
Strom, der in Folge des Bahnbetriebes durch die Erdplatten getrieben 
wird, merklich grösser sein. Eine Bestimmung seiner Stärke ist schon 
deshalb nicht möglich, weil sie fortwährenden Veränderungen unter- 
worfen ist. Jedes Anhalten eines Wagens, jede Aenderung der Fahr, 
geschwindigkeit auf der weiter von der Kraftstation entfernten Strecke 
verändert die Stärke der Ströme. In dieser Veränderlichkeit liegt der 
Grund, weshalb sie für physikalische Beobachtungen sehr störend sind. 

Aus der Stärke des zwischen einem Plattenpaar beobachteten 
Stromes auf die Gesamrntsumme der auf die Magnetnadel wirkenden 
Erdströme zu schliessen, erscheint auch deshalb bedenklich, weil an der 
Leitung dieser Ströme wahrscheinlich die Gas- und Wasserröhren der 
Stadt mehr betheiligt sind als der Boden selbst. 

Nach den vorstehenden Schilderungen steht zweifellos fest, 
dass in dem jetzigen Gebäude des physikalischen Instituts feinere 
Messungen magnetischer oder galvanischer Kräfte jetzt nur zur Nachtzeit 
angestellt werden können. Eine Bestimmung des Werthes, den die 
magnetische Deklination bei Tage annimmt, ist unmöglich, ebenso alle 
Beobachtungen, deren Genauigkeit so gross ist, dass auf die Veränder- 
lichkeit der erdmagnetischen Kraft Rücksicht zu nehmen ist. Sogar 
manche der sogenannten Nullmethoden, wie z. B. das von Wheatstone 
erdachte Verfahren der Widerstandsmessung, können nur mit Vorsicht 
angewandt werden , weil eine geringe Bewegung der Galvanometer- 

5* 



08 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur, 



nadel sowohl von der Versuchsbatterie, als auch von der elektrischen 
Bahn herrühren kann. 

Für diesen bedauerlichen Zustand kann indess die Verwaltung der 
elektrischen Bahn nicht verantwortlich gemacht werden; denn schon 
vor dem Bau der Bahn waren feine Messungen wegen des geräusch- 
vollen Wagen Verkehrs auf der Burgstrasse in dem gegen Erschütterungen 
nicht hinlänglich gesicherten Hause unmöglich. Durch Veröffentlichung 
unserer Erfahrungen wollen wir also keine Klage erheben. Wir 
wünschen nur für später vorkommende Fälle Nutzen zu stiften und das 
Urtheil über die Frage zu erleichtern, welche Bedingungen einerseits 
bei dem Neubau wissenschaftlicher Institute, andererseits bei der Anlage 
elektrischer Bahnen eingehalten werden müssen, wenn derartige Störungen 
ausgeschlossen sein sollen. 



Sitzung am 6. December 1893. 

lieber die Fabrik ätherischer Oele von Schimmel & Co. 

in Leipzig. 

Von 
Professor Dr. Poleck. 

Die Besitzer der grossartigen Fabrik ätherischer Oele von Schimmel 
u. Co. in Leipzig, die Gebrüder Fritzsche, haben sich nicht blos durch 
die Liberalität, womit sie von jeher alle auf ihr Fabrikationsgebiet 
fallenden chemischen Untersuchungen unterstützt, sondern sich auch 
durch die werthvollen Arbeiten, die aus dem chemischen Laboratorium 
ihrer Fabrik hervorgegangen sind, um die Wissenschaft hoch verdient 
gemacht. Der Vortragende legte ein vor wenigen Monaten erschienenes 
Album der inneren Einrichtung der Fabrik in Leipzig und ihrer Filialen 
in Prag und New-York vor, ein kostbares Geschenk der Herren Fritzsche, 
das noch ein besonderes Interesse dadurch beansprucht, dass es durch 
eine wissenschaftlich überaus interessante Abhandlung über die Geschichte 
und die Bereitung der ätherischen Oele von Professor Flückiger in 
Bern erläutert wird. 

Wenn die Ungeheuer von Destillirblasen, die 60000 Liter fassen 
und auf einmal mit 40000 Liter Kampheröl beschickt werden, unser 
Erstaunen erregen, wenn wir erfahren, dass in anderen Destillirapparaten 
2500 kg Kümmel im Laufe eines halben Tages an Oel erschöpft werden, 
so wendet sich doch jetzt ein besonderes Interesse der von Herrn Fritzsche 
mit Erfolg ins Leben gerufenen Destillation deutschen Rosenöls und den 
8 km von Leipzig entfernten, in Gross-Miltitz angelegten Rosengärten 
zu. Diese umfassen jetzt bereits ein Areal von 35 ha und liefern 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 69 



während der ßlüthezeit täglich 5 — 20 000 kg ßlüthen, die sofort in der, 
mitten in den Gärten neu eingerichteten Fabrik verarbeitet werden. In 
dieser ist allen Vorsichtsmaassregeln und einer peinlichen Reinlichkeit 
Rechnung getragen, um ein tadelloses Fabrikat von feinstem Wohlgeruch 
zu erzielen. Jede Destillirblase nimmt 1500 kg Rosen auf, 5000 kg 
Rosen liefern im Durchschnitt ein kg Oel. — Ein Theil ausgesuchter 
und von den Kelchen befreiter Rosenblätter giebt seinen feinsten Wohl- 
geruch in sinnreich construirten Apparaten an flüssiges Fett ab und kann 
dieser Pomade durch Behandeln mit Alkohol entzogen werden. Diese 
Lösung findet dann zur Bereitung der französischen Extraits Verwendung. 
Da in Gross-Miltitz auch bereits Felder mit Veilchen zu demselben Zweck 
bebaut werden ; so sind damit die Anfänge einer bis jetzt ausschliesslich 
südfranzösischen Industrie in das Herz Deutschlands verpflanzt. 

Der Vortragende legte schliesslich eine Suite von Verbindungen vor, 
die in derselben Fabrik durch Synthese dargestellt und zum Theil iden- 
tisch sind mit den Wohlgerüchen des Bergamott- und Lavendelöls, wie 
das Linalylacetat, ferner das Bornylacetat in den Tannennadeln, das 
Bornylvalerat im Baldrian u. a. Alle diese Verbindungen sind unzersetzt 
nicht flüchtig, sie müssen im Vacuum destillirt werden, wie es ja auch 
bekannt ist, dass die ätherischen Oele der Litnonen, Bergamotten und 
Mandarinen durch mechanisches Auspressen gewonnen werden, weil sie 
bei der Destillation einen Theil ihres Wohlgeruches einbüssen. 

Ueber den Grund des Aussterbens von Thiergruppen der 

geologischen Vorzeit. 

Von 
Professor Dr. Frech. 
Der Vortrag wird später im Druck erscheinen. 

Ueber Kupfererzlagerstätten und einen Cycadeenstamm. 

Von 
Privatdocent Dr. Gürich. 
Der Vortragende berichtet über die Kupfererzlagerstätte im Roth- 
liegenden von Wernersdorf bei Radowenz in Böhmen. An der Hand 
von Profilen und Kartenskizzen erläuterte er die daselbst herrschenden 
geologischen Verhältnisse und von dem gutartigsten der dort auftretenden 
Erze, dem sog. Nierenerze, wurden Proben vorgelegt. Die oxydischen 
Erze des Ausgehenden sind in den alten Bauen früherer Jahrzehnte ab- 
gebaut- der jetzige Bergbau gewinnt ausschliesslich die sulfidischen Erze, 
die in geringer Tiefe erreicht werden. Fein eingesprengter Kupferglanz tritt 
daselbst in verschiedenen Horizonten des Rothliegenden auf. Die Nierenerze 
sind flache nierenförmige Concretionen von Kupferglanz und Schwefel- 



70 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

kies-, sie enthalten bis 14 pCt. Kupfer. Dieselben treten in flötzartiger 
Lagerung ausschliesslich an der unteren Grenze des mittleren Roth- 
liegenden auf. 

Derselbe berichtete sodann über einen im Diluvium Schlesiens ge- 
fundenen Cycadeenstamm*, derselbe wurde bei Gelegenheit der Oder- 
Regulirungs- Arbeiten bei Brieg durch Herrn Wasserbau -Inspector 
Wegen er aufgefunden. Der etwa centnerschwere knollenförmige Stamm 
von elliptischem Querschnitt wurde zunächst nach dem Mineralogischen 
Museum gebracht. Derselbe bietet ein grösseres Interesse deshalb, weil 
er zur Aufklärung eines früheren ähnlichen Fundes dient. Bei Gleiwitz 
war im vorigen Jahrhundert ein viel kleineres Stammfragment gefunden 
worden, das Göppert seiner Zeit als Raumeria Schulziana beschrieb. 
Letzteres gehört, wie Graf Solms nachwies, zu der aus dem Oberen 
Jura und der Unteren Kreide Englands bekannten Gattung Bennettites 
Carruthers. Zu dieser selben Gattung gehört auch der neue Fund. Da 
die diluviale Lagerstätte des letzteren ausser Frage steht, so wird die- 
selbe auch für den ersten Fund bestätigt. Beide Stämme sind also aus 
dem Norden hertransportirt und rühren wahrscheinlich aus den Schichten 
des weissen Jura her. die aus Polen nordwestwärts über Posen hinaus 
streichen und in der Tiefe anstehen. 



lieber Fischzähne aus den turonen Kalksteinen von Oppeln. 

Von 
Dr. Richard Michael. 

Der Vortragende legte eine Reihe wohlerhaltener fossiler Fischzähne 
der Gattung Ptychodus aus den turonen Kalksteinen von Oppeln vor, 
unter diesen zwei durch seltene Schönheit ausgezeichnete Gesteinsstufen 
voller Zähne und sprach über die systematische Stellung dieser für die 
mittlere und obere Kreideformation charakteristischen Knorpelfisch-Familie. 
Die Gattung Ptychodus wurde von Agassi z 1839 für grosse polster- 
förmige Zähne von rechteckigem bis annähernd quadratischem Umriss 
aufgestellt, die als einzige erhaltene Reste dieser Familie in den turonen 
und senonen Kreideablagerungen von Deutschland, Frankreich, Russland 
Nordamerika und besonders England ziemlich verbreitet sind. Je 
nach der grösseren oder geringeren Convexität der schönen, schmelz- 
glänzenden Kronen oder je nach Art und Anordnung der die Oberfläche 
derselben durchsetzenden Querfurchen oder je nach der Beschaffen, 
heit des glatten, runzligen oder gekörnelten Randes der Kronen 
oder der kleinen niedrigen Wurzel hat man viele besondere Zahn- 
formen unterschieden, für die man eben so viel Arten aufgestellt hat. 
Wie weit sich die Zahl dieser Arten vermindern lassen wird, insofern 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 71 



als Zähne verschiedener Gestalt nur zu einer Art gehören mögen 
und nur an verschiedenen Stellen des Maules ihren Sitz haben, müssen 
weitere Funde erst noch lehren. Das aus Oppeln vorgelegte Material, 
übrigens erst im Laufe der letzten Jahre gefunden, zeigt zwischen den 
Arten: Ptychodus mamillaris Ag., Ptychodus decurrens Ag., Ptychodus 
P°lygy rus Ag. eine ganze Reihe deutlicher Uebergangsformen, die man alle 
am besten vielleicht mit Ptychodus polygyrus Ag. vereinigen dürfte, während 
die grosse, durch wenige weit von einander abstehende Falten auf der 
Oberfläche ausgezeichnete Art: Ptychodus latissimus Ag. von dieser zu 
trennen ist. Die Zähne haben ursprünglich in Querreihen gestanden; ge- 
naueres ist freilich über ihre Anordnung nicht bekannt, da sie fast 
immer vereinzelt, ohne erkennbaren Zusammenhang gefunden werden. 
Der Zahnbau lässt eine Verwandtschaft der Gattung Ptychodus unter 
den lebenden Fischen mit den Familien der Rochen vermuthen, die ein 
pflasterförmiges Zahngebiss besitzen. 

lieber eine neue Lepidosteiden-Gattung aus dem oberen 

Keuper Oberschlesiens. 

Von 
Dr. Richard Michael. 

Im vorigen Sommer hatte Herr Gallinek auf Krysanowitz in einem 
seiner Thoneisensteinschächte in der Gegend von Neudorf bei Lands- 
berg O.-Schl., unmittelbar am russischen Grenzflüsschen Prosna, zufällig 
einen fossilen Fisch gefunden 1 ) und dann, dadurch aufmerksam gemacht, 
nach sorgfältiger Ausbeute der gesammten ca. 10 000 Centner Sphaerosi- 
derite betragenden Förderung des betreffenden Schachtes noch 6 weitere 
Exemplare erhalten. Der interessante Fund wurde mir in liebenswürdiger 
Bereitwilligkeit zur Bearbeitung angeboten. 

Wenn auch Fischreste in der Keuperformation überhaupt nicht sehr 
zahlreich sind und sich zumeist auf heterocerke Ganoiden der Gattungen: 
Semionotus, Tetragonolepis, Pholidophorus, Ischypterus 
beschränken, so haben andererseits doch einige Fundpunkte durch die 
Reichhaltigkeit der angetroffenen Reste eine gewisse Berühmtheit erlangt ; 
mit Ausnahme der rhätischen Asphaltschiefer von Seefeld in Tirol 
aber gehören dieselben meist dem unteren und mittleren Keuper an, 
letzterem z. B. die durch das Vorkommen prächtiger Semionotus-Reste 
bekannten Sandsteine von Koburg und der Stubensandstein von Stuttgart. 

Die oberschlesische Fundstelle der oben erwähnten Fische dagegen 
gehört den höchsten Schichten des oberen Keupers an, den Hellewalder- 
Estherienschichten, die mit den sie unterlagernden Wilmsdorfer Schichten 



l ) Vgl. diesen Jahresbericht p. 32. 



72 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

von Ferdinand Roemer seiner Zeit als Aequivalente der rhätischen 
Stufe ausgeschieden wurden:, der Beweis dafür wurde, da die petro- 
graphische Entwickelung von dem typischen Rhät des mittleren Deutsch- 
lands völlig abweicht, durch die charakteristische rhätische Flora der 
Wilmsdorfer Schichten erbracht. Eine starke Diluvialbedeckung entzieht 
diese Schichten zwar der unmittelbaren Beobachtung, doch sind sie 
durch den Eisenerzbergbau, der die zahlreichen Sphaerosiderite beider 
Glieder gewinnt, genauer bekannt} ihre Verbreitung ist auf die beiden 
nördlichsten Kreise Oberschlesiens, Kreuzburg und Rosenberg, beschränkt. 
Während die Wilmsdorfer Schichten in den Sphaerosideriten durchweg 
pflanzliche Reste aus den Ordnungen der Cycadeen, Farne und Equise- 
taceen enthalten, sind die glimmerreichen, weissen Sandsteine und thonigen 
Sphaerosiderite der Hellewalder Ablagerungen auf ihren Schichtflächen 
stellenweise mit den zusammengedrückten Schalen eines kleinen Schalen- 
krebses, der Estheria minuta Alb. bedeckt. Ausser diesem Fossil 
war in der Literatur aus ihrem Bereiche bislang nichts bekannt* ihnen 
entstammen nun auch die schön erhaltenen Fische. 

Es konnte sofort nach dem Eintreffen der Fische in Breslau fest- 
gestellt werden, dass ein seit etwa 15 Jahren in der Schausammlung des 
Mineralogischen Museums der hiesigen Königl. Universität mit der Be- 
zeichnung Dapedius, Rhät, Kreuzburg ausgestellter Fisch mit denen des 
neuen Fundes vollkommen ident war, es gelang auch durch einen glück- 
lichen Zufall, noch nachträglich den genauen Fundort dieses bis dahin 
wenig berücksichtigten Exemplares zu ermitteln, ebenso wie auch die 
Uebereinstimmung eines nach Goeppert 1845 angeblich bei Wilmsdorf 
gefundenen grossen Fisches, der gegenwärtig im Besitze des Königlichen 
Museums für Naturkunde in Berlin sich befindet, mit den übrigen nach- 
gewiesen werden konnte. 

Man darf den Erhaltungszustand der Fische einen ganz eigenartig 
schönen und guten nennen, wenn auch überwiegend nur Negative der 
(Schuppen-) Innenseiten, nie Schuppen oder Knochen selbst vorliegen. 
Alle Theile befinden sich noch in ihrer ursprünglichen Anordnung- 
manchmal ist allerdings die eine Seite namentlich in der Kopfgegend 
etwas concav eingedrückt, bei der überwiegenden Mehrzahl der Fische 
kann man aber beide Seiten, überall die durchgehends unversehrte 
Bauchgegend beobachten; auch Theile des inneren Skeletes lässt ein 
Exemplar erkennen. Die Insertions-Stellen der mit starken Fulkren be- 
setzten Flossen sind überall, Brust-, Bauch- und Analflosssen selbst meist 
zu sehen-, die Rückenflosse fehlt, ebenso wie leider auch das hintere 
Körperende aller Fische fortgebrochen ist. Die allgemeine Form er- 
innert an einen gut genährten Karpfen, nur sind die im Verhältniss zur 
Lange und Höhe des Körpers auffallend grossen Dimensionen des zur 
breiten Maulöffnung massig steil abfallenden Kopfes bemerkenswert!!:, 



IL Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 73 

seine Höhe steht der grössten Körperhöhe, die ungefähr ein Drittel der 
Gesammtlänge ausmacht, nur um weniges nach. 

Die Gestalt der Schuppen wechselt nach der Körpergegend ungemein; 
der feste Zusammenhang der einzelnen Schuppenreihen ist erhalten ge- 
blieben; für jede einzelne Schuppe mit Ausnahme von denen der hinteren 
Körpergegend ist charakteristisch ein nach oben gerichteter, dem Zahne 
einer Säge gleicher spitzer Sporn, dem eine Vertiefung der nächst oberen 
Schuppe entspricht, ebenso wie zwei lange starke Fortsätze, die vom 
vorderen Theile derselben ausgehen. Ausserdem weisen die einzelnen 
Schuppen in ihrer Mitte noch eine Vertiefung auf, die einer Wölbung 
der Innenseite entspricht und dadurch sowie durch den Umstand, dass 
die einzelnen Reihen öfters gestaucht sind und dachziegelartig über- 
einander liegen, gewährt die Oberfläche ungefähr das Bild eines scharfen 
Reibeisens. 

Die Erhaltung der Schädelpartie ist eine so vorzügliche, dass man 
mit annähernder Sicherheit die Innenseiten mit den einzelnen Kopfknochen 
identificiren kann; ihre Anordnung entspricht der bei der Gattung Lepidotus 
vorhandenen mit Ausnahme scheinbar der Schädelplatten, von denen hier 
nur die beiden Frontalia und die kleineren Parietalia wahrzunehmen sind, 
ausser diesen noch undeutlich sichtbar ein den Superscapularplatten 
jedenfalls entsprechender Abdruck, während Supra- und Posttemporalia 
zu fehlen scheinen und die Rückenschuppen unmittelbar an die Super- 
scapularplatten heranreichen. Ausserdem ist besonders hervorzuheben? 
dass, wo Zähne aus irgend einem Theile der Maulpartie durch Abdruck 
gewonnen werden konnten, sie nie halbkugelige, sondern griffeiförmige, 
meist überhaupt spitze Form hatten. 

Von der Ordnung der Lepidosteiden, dem die oberschlesischen 
Ganoiden jedenfalls angehören, waren für einen näheren Vergleich ledig- 
lich die Gattungen Semionotus und Lepidotus heranzuziehen. 

Die eingehendere Untersuchung ergab aber, dass weder die für die 
erstere Keuper-Gattung charakteristische länglich eiförmige Gestalt, noch 
der hohe gewölbte Rücken, noch der auf diesem durch stachlige unpaare 
Schuppen gebildete Kamm, noch die gleichgrossen oder besser gleich 
kleinen Flossen der Bauchseite den vorliegenden Fischen eigen sind. 

Grösser erscheint im Anfange ihre Verwandtschaft mit der ver- 
breitetsten und wichtigsten Gattung der Lepidosteiden, mit Lepidotus 
selbst zu sein; z. B. zeigt die Anordnung der Kopfknochen Aehnlichkeit 
mit der bei Lepidotus Elvensis aus dem schwäbischen Lias, und die 
Gestalt der Innenseiten der Schuppen erinnert an gewisse Lepidotus- 
Arten, z. B. Lepidotus minor aus dem Wealden. 

Aber trotz mancher unverkennbarer Beziehungen lässt sich die vor- 
liegende Gattung auch mit Lepidotus nicht vereinigen, ganz abgesehen 
davon, dass echte Keuper-Lepidoten noch nicht bekannt sind und die 



74 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. * 

Hauptentwickelung dieser Gattung erst in den Jura und Wealden fällt; 
denn die noch in der Literatur aus dem Keuper von Seefeld in Tirol 
und Perledo in der Lombardei angeführten Arten sind nach Branco's 
Untersuchungen von Lepidotus zu trennen. Lepidotus besitzt eine andere 
Körpergestalt, der Rücken ist gewölbter, die Höhe im Vergleich zur 
Länge geringer, die Anordnung der Flossen eine andere, das Kopfprofil 
fällt steiler ab, die Augenhöhle ist kleiner. Vor allem fehlen den ober- 
schlesischen Keuperfischen kugelige Pflasterzähne, die eigentlich das 
Hauptmerkmal nicht nur der Gattung Lepidotus, sondern auch der ge- 
sammten Familie der Sphaerodontiden sind. 

Sie gehören also einer neuen Gattung der Lepidosteiden an, welche 
vorläufig der Familie der Stylondontidae (in den mesozoischen For- 
mationen hauptsächlich vertreten durch Semionotus, Heterolepidotus 
Dapedius, Tetragonolepis) einzureihen ist, unter ausdrücklicher 
Betonung ihrer durch gewisse Merkmale bedingten Verwandtschaft zu 
den Sphaerodontidae, speciell zu Lepidotus. 

Ich schlage für die Fische den Namen Prolepidotus Gallineki 
nov. gen. non sp. vor. 1 ) 

Ueber Natriumsuperoxyd. 

Von 
Professor Dr. Poleck. 

Der Vortragende legte das aus der chemischen Fabrik von 
de Haen in Hannover bezogene Natriumhyperoxyd vor und erläuterte 
an einer Anzahl von Versuchen die überaus grosse Reactionsfähigkeit 
dieses Körpers, die jene des Wasserstoff- und Baryumhyperoxyds bei 
weitem übertrifft. Mit Wasser entwickelt es stürmisch Sauerstoff, Eis- 
essig und Benzaldehyd entzündet es sofort unter Entflammung und Zer- 
trümmerung des Gefässes, die Glastrümmer zeigen am Rande Schmelzung. 
Mit Kohlenpulver gemischt und gelinde erhitzt reagirt es heftig unter 
Feuererscheinung und Zerschmetterung des Gefässes. Diese Versuche 
waren bereits im Februar d. J. in der chemischen Gesellschaft zu Heidel- 
berg von Herrn Prof. Dr. V. Meyer ausgeführt worden. 

Der Vortragende berichtete nun weiter über eigene Versuche. Schon 
beim Auspacken einer grösseren Menge zeigte sich die Gefährlichkeit 
dieses Körpers, indem eine verschüttete kleine Menge desselben Säge- 
späne entzündete. Aethyl-Aether entflammte sich sofort, während Alkohol 
sich indifferent verhielt, so dass in Alkohol gelöste organische Verbin- 
dungen bei vorsichtigem Zusatz von Natriumhyperoxyd in ihre nächsten 
Oxydationsproducte übergeführt werden konnten. 



*) Vgl. Michael, Zeitschr. d. deutsch, geol. Ges. 1894. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 75 

Auf Grund dieser vorläufigen Versuche hatte der Vortragende seine 
beiden Assistenten, Herrn Höhnel und Herrn Kassner, veranlasst, die 
Einwirkung des Natriumhyperoxyds und ihre analytische Verwerthung 
für eine Anzahl Verbindungen näher zu studiren, und theilte nun die be- 
treffenden Resultate mit. 

Herr Höhnel hatte die Einwirkung auf Kiese und Blenden, auf Blei- 
oxyd und Jod studirt. 

Die Aufschliessung von Kiesen und Blenden zum Zweck ihrer 
Analyse war schon von verschiedenen Seiten versucht und ihr Verlauf 
beschrieben worden. Die Oxydation derselben geht bei Anwendung von 
gleichen Theilen Natriumhyperoxyd und Soda vollständig und glatt vor 
sich und würde eine vortreffliche analytische Methode abgeben, wenn 
die Wahl der Gefässe nicht Schwierigkeiten machte. Ganz abgesehen vom 
Porzellan, werden Silber-, Platin- und Nickeltiegel dabei stark angegriffen 

Bei der Einwirkung von Natriumhyperoxyd auf Bleioxyd entsteht 
das bereits bekannte Metableisaure Natrium, als ein weisses mikro- 
krystallinisches Pulver, das durch Alkohol von überschüssigem Natron 
befreit werden kann, in Wasser zwar unlöslich ist, aber bei längerem 
Stehen an dieses Natron abgiebt, zunächst gelb und dann braun wird, 
indem sich schliesslich das Blei als Bleihyperoxyd, Pb0 2 , (Anhydrid 
der Orthobleisäure) abscheidet. Diese Abscheidung geschieht sofort 
durch Salpetersäure, während keine Spur Blei in Lösung geht. Die 
Analyse bestätigte die Zusammensetzung Pb0 3 Na 2 -|- 4H 2 0. Die ortho- 
bleisauren Salze der alcalischen Erden Pb0 4 Ca 2 wurden von Pro- 
fessor Dr. Kassner in Münster während seiner früheren Thätigkeit im 
Breslauer pharmaceutischen Institut entdeckt. 

Wenn 4 Theile Jod und 10 Theile Natriumhyperoxyd gemischt und 
langsam im Tiegel bis zum beginnenden Glühen erhitzt werden, so geht 
die Reaction nach Entfernung der Flamme von selbst weiter, ohne dass 
Joddämpfe auftreten. Wenn die Schmelze mit Wasser ausgelaugt wird, 
so gelangen Jodnatrium und jodsaures Natrium in Lösung, überjodsaures 
Natrium bleibt zurück. Die Identität wurde durch seine Schwer- 
löslichkeit, sein Verhalten gegen Schwefelsäure, Schwefelwasserstoff, 
gegen Blei, Baryum und Silbersalze festgestellt. Durch Behandeln des 
Silbersalzes mit Brom, Eindampfen bei 60° und schliesslich im Vacuum 
wurde die Ueberjodsäure dargestellt. 

Jodnatrium giebt mit Natriumhyperoxyd auch Ueberjodsäure, doch ist 
die Ausbeute geringer. Die Behandlung des Jod's mit Natriumhyperoxyd 
ist daher eine bequeme Darstellungsmethode der überjodsauren Salze. 

Herr Kassner studirte zunächst das Verhalten des Natriumhyper- 
oxyds gegen Metallsalze und gründete darauf analytische Methoden zur 
Trennung von Chrom, Mangan und Eisen einerseits und von Arsen, 
Andimon und Zinn anderseits. 



76 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Fussend auf die früher von Kassner und Kwasnik im pharma- 
ceutischen Institut der Universität ausgeführten Arbeiten über die Ein- 
wirkung von Wasserstoff- und Baryumhyperoxyd auf Metallsalze beob- 
achtete er bezüglich des Natriumhyperoxyds, wie vorauszusehen war, ein 
ganz analoges Verhalten. Quecksilber-, Silber- und Goldsalze werden 
unter Entwicklung von zum Theil ozonisirten Sauerstoffs zu Metall re- 
ducirt, Platin erst dann, wenn seine Verbindung PtCl 6 H 2 durch ein Silbersalz 
zerlegt ist, dann aber findet sowohl die Reduction des Platinchlorids, 
PtCl 4 zu Metall, sowie jene des Chlorsilbers sofort statt. 

Aus Eisenoxydul- und Oxydsalzen wird durch Natriumhyperoxyd 
Eisenhydroxyd gefällt, dagegen aus Mangan- und Cobaltsalzen sofort 
Manganhyperoxyd Mn0 2 und Cobaltoxyd Co 2 3 , Uebermangansäure wird zu 
Mn0 2 reducirt, Chromoxyd wird zu Chromsäure, Uransalze geben 
Natrium peruranat U 2 8 Na 4 -J- 8H 2 0, letzteres wird durch Alkohol aus- 
gefällt und durch Salzsäure unter Chlorentwicklung zersetzt. Wird die 
gelbe Lösung dieses Uransalzes längere Zeit gekocht, so wird sie wein- 
roth, dann entwickelt sich bei weiterem Kochen Sauerstoff, und es 
scheidet sich das in Wasser unlösliche Natriumuranat U 2 7 Na 2 ab. 
Wismutydroxyd und seine Salze werden rasch zu Wismutsäure oxydirt. 

Gegen Ferridcyankalium verhält sich Natriumhyperoxyd wie die ent- 
sprechende Wasserstoff- und Baryumverbindung, sie reducirt es energisch 
zu Ferrocyankalium und stellt sich dies Verhalten damit der von Pro- 
fessor Kassner zuerst publicirten Methode der maassanalytischen Be- 
stimmung dieser Körper zur Seite. So wurden in dem zur Untersuchung 
verwandten Natriumhyperoxyd 83,62 pCt. der reinen Verbindung gefunden. 

Die Trennung und quantitative Bestimmung von Eisen und Chrom 
einerseits und von Mangan und Chrom andererseits vollzieht sich leicht 
und glatt und giebt gute Resultate. 

Eisen wird als Hydroxyd, Mangan als Hyperoxyd gefällt, Chrom 
geht als Chromsäure in Lösung, wird dann durch Alkohol reducirt und 
als Chromoxyd gewogen. So wurde in einem Versuche in einer Mischung 
von Ammonferrosulfat und Chromalaun 99,81 pCt. des ersteren und 
99,93 pCt. des letzteren Salzes und bei einer Mischung von Mangansulfat 
und Chromalaun wurden 99,96 pCt. der ersteren und 99,67 pCt. der 
letzteren Verbindung wiedergefunden. 

Die Analyse und Trennung von Zinn, Antimon und Arsen vollzieht 
sich sehr leicht in den durch Schwefelwasserstoff gefällten und dann in 
Schwefelammonium gelösten Schwefelmetallen. Die letztere Lösung wird 
verdampft, um das überschüssige Schwefelammon zu entfernen, die rück- 
ständigen Schwefelverbindungen werden dann in einem hohen Becherglase 
mit Wasser übergössen und Natriumhyperoxyd in kleinen Mengen so lange 
zugesetzt, bis die Farbe der Schwefelmetalle verschwunden ist. Nach be- 
endigter Einwirkung ist die Flüssigkeit trüb von antimonsaurem Natrium. 



IL Abtlieilunff. Naturwissenschaftliche Section. 



77 



Sie wird eingedampft, der Rückstand im Silbertiegel geschmolzen, mit ver- 
dünntem Alkohol aufgenommen und ausgewaschen und in dem Rückstand 
das Antimon in bekannter Weise als antimonsaures Antimonyd bestimmt. 

In dem Filtrat werden Zinn und Arsen in gewohnter Weise getrennt. 

So wurden in 2 Versuchen mit ihrem Gehalt nach bekannten Mischungen 
von Brechweinstein, Zinn und arseniger Säure in salzsaurer Lösung 
99,67% u. 99,86% des Brechweinsteins, 
99,64% u. 99,91% des Zinns und 
99,83% u. 99,75% d es Arsens wiedergefunden. 

Diese Methode der Oxydation der Schwefelmetalle hat in dem ge- 
gebenen Falle vor jener durch Salpetersäure auch den Vorzug, dass sie 
bei toxikologischen Untersuchungen sofort die Anwendung des Marsh'schen 
Apparats zum Nachweis des Arsens gestattet. 

Die Untersuchung der weiteren Verwendung des Natriumhyperoxyds 
in der chemischen Analyse wird fortgesetzt. 



Allgemeine Uebersicht der meteorologischen Beobachtungen auf 
derKönigl. Universitäts-Sternwarte zu Breslau im Jahre 1893. 

Mitgetheilt von Geh. Rath Professor Dr. Galle. 1 ) 

Höhe des Barometers über Normal-Null des Meeresspiegels == 147,03 m. 



1893. 


I. Barometerstand, 

reducirt auf 0° Celsius, 
in Millimetern. 


II. Temperatur 

der Luft in Graden nach 
Celsius. 


Monat 


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Januar 
Februar . . . 

März 

April 

Mai 

Juli 

August 
September . 
October . . . 
November . 
December . 


19 

4 

4 

9 

5 

17 

24 

8 

12 

19 

12 

29 


mm 

762,0 
67,2 
59,9 
58,8 
56,5 
54,4 
52,8 
55,2 
57,2 
58,1 
61,8 
69,8 


14 

22 
17 
27 
17 
24 
14 
31 
17 
3 
19 
21 


mm 

736,0 
24,9 
38,3 
42,5 
42,1 
36,5 
39,9 
41,4 
36,4 
36,7 
28,6 
37,7 


mm 

749,19 
44,33 
49,12 
51,51 

48,64 
47,72 
46,34 
49,35 
46,69 
47,61 
47,35 
52,28 


31 

28 
16 
27 
24 
28 
11.27 
20 
17 

6 

4 
14 


o 

4,6 
10,5 
14,9 

18,6 
26,6 
28,1 
30,6 
32,1 
27,0 
24,8 
13,4 
8,0 


15 
5 

20 

14 

5. 6 

2 
5 
29 
13 
19 
10 
7 


o 

— 22,0 

— 17,7 

— 5,0 

— 5,5 

— 0,4 
6,7 
8,0 
9,1 
3,7 
1,6 

— 6,0 

— 9,5 




— 8,95 

1,31 

4,05 

8,31 

13,12 

17,56 

19,55 

17,89 

13,91 

11,57 

2,21 

1,00 


Jahr 


1 Dec. 
1 29. 


769,8 


Febr. 

22. 


724,9 


748,34 


Aug. 
20. 


32,1 


Jan. 
15. 


— 22,0 


8,46 



*) Zusammengestellt von Herrn G. Rechenberg. 



78 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



1893. 



Monat 



III. Feuchtigkeit der Luft. 



a. absolute, 
in Millimetern. 



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2 






b. relative, 
in Procenten. 









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IV. Wolken- 
bildung und 
Niederschläge. 



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bß 



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Tage. 



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Januar . . . 
Februar . . 

März 

April 

Kai 

Juni 

Juli 

August . 
September 
October . . 
November 
December 

Jahr 





mm 




mm 


mm 


















31 


5,0 


15 


0,7 


2,15 


19.20 


100 


9 


5786,2 


3 


11 


17 


20 


6,9 


4.5 


1,1 


4,32 


120.22 


98 


7 


4981,6 


1 


9 


18 


14 


7,6 


28 


1,8 


4,27 


21 


95 


28 


20 69,3 


3 


20 


8 


4 


7,0 


12 


1,4 


4,12 


4. 8 


90 


12 


18 51,8 


6 


17 


7 


18 


11,6 


5 


3,6 


7,21 


6. 7 


98 


15 


27 


64,6 


5 


16 


10 


29 


14,1 


2 


3,5 


8,20 


29 


89 


2.16 


25 


55,9 


6 


12 


12 


28 


15,5 


6 


4,5 


9,66 


28. 31 


93 


7. 8 


23 


58,6 


5 


14 


12 


24 


14,6 


26.30 


6,6 


9,72 


11 


96 


22 


29 


64,8 


4 


15 


12 


7 


12,4 


2.25 


4,5 


7,61 


18 


95 


6 


31 


64,8 


5 


14 


11 


8. 9 


12,0 


19 


3,4 


7,35 


16 


96 


3 


41 


71,0 


3 


15 


13 


29 


6,9 


10.28 


2,8 


4,48 


12 


100 


6 


55 


81,8 


1 


7 


22 


14 


6,8 


31 


1,8 


4,10 


6 


98 


2 


47 


80,7 


— 


15 


16 



Juli 
28. 


15,5 


Jan. 
15. 


0,7 


6,10 


Jan. 

19.20 

Nov. 

12. 


100 


April 
12. 


18 


69,3 


42 


165 


158 



53,39 

50,02 

31,92 

5,50 

57,82 
12,32 
84,93 
34,28 
27,23 
53,67 
36,78 
13,03 

460,89 



V. Herrschende Winde. 

Januar. Von den Windesrichtungen waren die aus Südost nahe gleich 

häufig wie die aus Nordwest und West. 
Februar. Die vorherrschenden Windesrichtungen waren West, Südwest, 

Südost und Süd. 
März. Von den Windesrichtungen waren die westlichen vorherrschend. 
April. Ausser den etwas vorherrschenden Windesrichtungen Nordwest 

und West kamen am häufigsten die Richtungen Südost, Nordost 

und Nord vor. 
Mai. West- und Nordwestwinde vorherrschend, jedoch häufig auch 

östliche Winde von Südost bis Nord. 
Juni. Die vorherrschenden Windesrichtungen waren Nordwest, West 

und Nord. 
Juli. Der Wind wehte am häufigsten aus West, Nordwest und Nord, 

minder häufig aus Süd und Südost. 
August. Von den Windesrichtungen waren West und Nordwest sehr 

überwiegend. 
September. Die Windesrichtung war vorherrschend West, häufig je- 
doch auch die angrenzenden Richtungen Südwest, Süd, Südost 

und Nordwest. 



II. Abtheilung. Naturwissenschaftliche Section. 79 



et ob er. Die vorherrschende Windesrichtung war West, häufig waren 
jedoch auch die Richtungen Südwest, Süd und Südost. 

November. Von den Windesrichtungen waren die westlichen und die 
an diese angrenzenden Richtungen vorherrschend, jedoch häufig 
auch Süd und Südost. 

December. Der Wind wehte am häufigsten aus West und aus Süd- 
ost, jedoch auch oft aus Süd, Südwest und Nordwest. 

VI. Witterungs-Charakter. 

Januar. Den ganzen Monat hindurch fand eine anhaltende strenge 
Kälte statt, sodass die Temperatur nur in der letzten Woche an 
drei Tagen sich etwas über den Normalwerth erhob, sonst aber 
durchschnittlich um 6 Grad und im Maximum bis 16 Grad unter 
denselben sank. Der Luftdruck war wechselnd und war über- 
wiegend unter dem Normalwerthe. Der Dunstdruck der Luft 
war entsprechend der herrschenden Kälte ebenfalls unter seinem 
Normalwerthe. Die Niederschläge, fast ausschliesslich aus Schnee 
bestehend, erreichten die doppelte Höhe des Durchschnittswerthes. 
Die Schneedecke erhielt sich den ganzen Monat hindurch, und 
ihre Höhe, mit 6 cm beginnend, stieg mit einigen Schwankungen 
bis zu 37 cm und betrug dann am Schlüsse des Monats noch 
25 cm. Am 20. und am 28. fanden starke Rauhfrost-Bildungen 
statt. 

Februar. Nach dem Uebergange von der starken Kälte zu Wärme- 
graden in den letzten Tagen des Januar setzten sich diese fast 
während des ganzen Februar fort, und nur vom 3. bis 6. und am 
23. und 24. war die Temperatur unter dem Nullpunkt; das Mittel 
des ganzen Monats war um 2 1 / 2 Grad über dem Durchschnitt. 
Der Luftdruck war vorwiegend tief, hoch nur in der kurzen 
Kälteperiode vom 3. bis 6. Das Wetter war vorherrschend trübe 
und einige Male neblig, mit vielen mehr aus Regen als aus Schnee 
bestehenden Niederschlägen, deren Höhe fast das Doppelte des 
Durchschnitts w r erthes erreichte. Die Schneedecke, allmählich ab- 
nehmend, hielt sich nur noch bis zum 12. des Monats. 

März. Der Luftdruck, bis zum 18. vielfach schwankend, blieb dann bis 
zum Schlüsse des Monats hoch. Die mittlere Wärme war eben- 
falls über dem Durchschnittswerth und wurde nur an 9 Tagen 
durch massigen Frost unterbrochen. Die relative Feuchtigkeit 
der Luft war an einzelnen Tagen und auch im Durchschnitt un- 
gewöhnlich gering. Schnee, oft verbunden mit Graupelwetter, 
kam an 10 Tagen vor, jedoch sammelte sich derselbe nicht an. 
Die gesammte Höhe der Niederschläge war normal. 



80 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur 



April. Der ganze Monat zeichnete sich durch eine ausserordentliche 
Trockenheit aus, welche noch die des vorjährigen heissen August 
übertraf, indem die relative Feuchtigkeit durchschnittlich 18 pCt. 
weniger als der Normalwerth betrug und das Quantum der Nieder- 
schläge nur V c desselben. Dabei war die Wärme, ungeachtet vielen 
heiteren Wetters, keine sehr hohe und überstieg nur wenig den 
Mittelwerth. Fast stetig hoch war dagegen der Luftdruck, der 
nur an 5 Tagen etwas unter dem Normalwerthe blieb. 

Mai. Die Witterungsverhältnisse waren im Mittel sämmtlich normal, 
sowohl was den Luftdruck anbetrifft, als die Temperatur, die 
Feuchtigkeit und die Regenmenge. Der Luftdruck war in der 
ersten Hälfte des Monats etwas höher, in der zweiten etwas 
tiefer als das Mittel. Ausser einem Nahgewitter am 18. wurden 
noch 3 Ferngewitter am 12., 18. und 23., und am 24. Wetter- 
leuchten wahrgenommen. 

Juni. Der diesjährige Juni zeichnete sich durch eine ähnlich grosse 
Trockenheit aus wie der April und wie der vorjährige August. 
Die Regenmenge betrug nur x j h der normalen und an den meisten 
der 17 Tage mit Regen war das Quantum des Niederschlages nur 
ein sehr geringes, sodass eine weit in Deutschland verbreitete 
Dürre stattfand. Die relative Feuchtigkeit der Luft war tief 
unter ihrem Mittelwerthe. Die Wärme erhob sich über den 
Durchschnittswerth nur in massigem Grade, der Luftdruck war 
nahe normal, ebenso die vielfach wechselnde Bewölkung. 

Juli. Die Wärme erhob sich noch mehr über ihren Mittelwerth als im 
vorigen Monat, auch die relative Feuchtigkeit der Luft war durch- 
schnittlich sehr gering, obgleich in Folge häufig vorgekommener 
Gewitterregen das Quantum der Niederschläge den Normalwerth 
etwas überschritt. Der Luftdruck war niedrig, besonders im 
zweiten Dritttheil und am Schlüsse des Monats. 

August. Die Wärme war meist normal, erhob sich indess vom 20. bis 
23. zu beträchtlicher Höhe, worauf dieselbe vom 25. bis 31. 
merklich herabsank. Der Luftdruck war vorwiegend über dem 
Mittelwerthe, sank jedoch bei dem kühleren, oft regnichten Wetter 
am Schlüsse des Monats unter denselben. Die Feuchtigkeit der 
Luft war gering. Die Regenmenge blieb unter der Hälfte des 
Normalwerthes. Unter 9 vorüberziehenden Gewittern war nur 
ein Nahgewitter. 

September. Der Luftdruck war vorherrschend niedrig und erhob sich 
nur an 7 Tagen über den Mittelwerth. Die Wärme war durch- 
schnittlich normal, jedoch mit mehrfachem Wechsel zwischen 
kühlen und sommerlich warmen Tagen. Die Luft war vorwiegend 



II. Abtheilung Naturwissenschaftliche Section. 81 

trocken; Regen fiel in grösserer Menge nur an wenigen Tagen 
und erreichte nur wenig über die Hälfte des Durchschnitts- 
wertheß. 

October. Die Temperatur war vorherrschend warm und sank nur an 
6 Tagen unter den Mittelwert!). Der Luftdruck, mehrfach 
wechselnd, war meist unter seinem normalen Werthe, ebenso 
auch die relative Feuchtigkeit der Luft. Die zweite Hälfte des 
Monats brachte viele Tage mit Regen, zum Theil in reichlicher 
Menge, sodass der normale Werth um die Hälfte überschritten 
wurde. Am 3. October Nachmittags fand noch ein Gewitter statt. 

November. Der Luftdruck war im Durchschnitt niedrig, besonders 
tief vom 18. bis 20. Auch Wärme und Feuchtigkeit der Luft 
waren unter ihrem mittleren Werthe, dagegen war das Quantum 
der Niederschläge normal. Dieselben bestanden grösstenteils aus 
Regen. Schnee fiel nur vorübergehend und meist mit Regen ge- 
mischt, sodass eine irgendwie andauernde Schneedecke sich nicht 
bildete. 

December. Die Wärme war anfangs etwas unter dem Mittel, vom 9. 
aber bis zum 27. erheblich über demselben. Ebenso war der 
Luftdruck vorwiegend hoch und mit einem besonders hohen 
Maximum vom 28. bis 30. Sehr gering waren die Niederschläge 
und wie in den beiden vorhergehenden Monaten fast nur aus 
Regen bestehend. Ganz heitere Tage kamen gar nicht vor, je- 
doch war die Hälfte der Tage mit Sonnenschein gemischt. 



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Schlesische Gesellschaft für vaterländische Gnltor. 



71. 
Jahresbericht. 



1893. 



IL Abtheilung. 
Naturwissenschaften. 

b. Botanische Section. 



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Sitzungen der botanischen Section im Jahre 1893. 

Secretair: Herr Ferdinand Cohn. 



In der ersten Sitzung vom 2. Februar sprach Herr Stenzel 

Ueber pelorische Durchwachsungen der Blüthen von Linaria vulgaris. 

Die Blüthen unseres gelben Löwenmauls, Linaria vulgaris, zeigen so 
vielerlei Abänderungen, dass dieselben schon lange die Aufmerksamkeit 
der Botaniker auf sich gezogen haben. Schon Linne erschien eine 
Blüthe, welche nicht zweilippig und einspornig war, sondern unten fünf 
ringsum abstehende Sporne, am oberen Ende der walzigen Röhre fünf 
kleine Gaumenhöcker, wie die der gewöhnlichen Unterlippe hatte und 
dem entsprechend fünf gleiche Staubgefässe enthielt, so fremdartig, dass 
er sie als etwas Ungeheuerliches, Peloria, bezeichnete, ein Ausdruck, 
der seitdem auf alle ringsgleiche Blüthen angewendet wird, welche an 
Stelle von zweilippigen auftreten. Auch in Schlesien sind solche mit 
zahlreichen Abänderungen, namentlich mit allen Uebergängen in die 
gewöhnliche Form, gefunden worden, wie sie Ratzeburg in seiner 
hierfür grundlegenden Abhandlung Animadversiones quaedam ad Peloriarum 
indolem definiendam spectantes beschrieben hat, welche schon 1825 in 
Berlin erschienen ist. 

Zu den von ihm beobachteten Formen kommen nun noch zwei hinzu, 
welche auf einer trockenen Stelle unweit Sirgwitz bei Löwenberg 
von Herrn Dr. Schübe gefunden und in der letzten Sitzung der 
botanischen Section im Jahre 1892 vorgelegt worden sind. Von diesen 
Blüthentrauben habe ich mehrere, welche er so freundlich war mir noch 
lebend mitzutheilen, genauer untersuchen können. 

Der Kelch war auch bei den umgebildeten Blüthen fünftheilig und 
wie gewöhnlich beschaffen, die Blumenkrone aber nur mit einem 
ganz kurzen kegelförmigen oder einen kleinen Höcker darstellenden 
Sporn versehen, oder dieser, und das war der häufigste Fall, fehlte 
ganz. Während aber an den spornlosen Blüthen, welche bisher 
darauf hin untersucht worden sind, wie ich sie vom Rollberge bei 
Wölfeisgrund in diesen Jahresberichten für 1878, S. 141, beschrieben 

1 



J+ 



2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

und später noch an anderen Orten, wie vor Barthein bei Breslau, 
gefunden habe, zugleich der mittlere Zipfel der Unterlippe fehlt und 
dem entsprechend öfter auch die beiden vorderen Staubgefässe mit ein- 
ander verwachsen sind, so dass die Blüthe aus einer fünfzähligen zu einer 
vierzähligen geworden ist, war bei den Sirgwitzer Blüthen von dem 
vordersten Kronblatt, also dem mittelsten der Unterlippe, nur der Sporn 
ausgeblieben, übrigens aber dieses Blatt wie gewöhnlich ausgebildet, der 
Saum der Unterlippe also dreispaltig, die zwei vorderen Staubgefässe 
vorhanden, wie sonst. Die Blüthen sind daher noch fünfzählig und ent- 
sprechen in ihrem ganzen Bau so sehr denen von Antirrhinum,, dass man 
sich nicht verhehlen kann, auf wie schwachen Füssen die Trennung beider 
bei Linne vereinigten Gattungen steht, wie leicht sich jedenfalls eine 
aus der anderen herausgebildet haben kann. 

Die Staubgefässe, wenn auch an Zahl wie gewöhnlich, waren 
nur selten unverändert; meist zeigten sie Uebergänge in Blattgebilde, 
welche in allen Stufen verfolgt werden konnten und den von mir aus 
der Gegend von Wurzelsdorf an der Iser früher geschilderten ähnlich 
waren (diese Jahresberichte für 1880, S. 157 — 159). Die vorderen 
Staubgefässe nahmen hierbei die Gestalt von, oben orange-behaarten 
Blättchen ähnlich der Unterlippe an, vor welcher sie standen. Oft 
wuchs das Mittelband gabelartig in schmale dicht behaarte Streifen 
aus, ein Ast hinter jedem Antherenfach herauf, und dieses war um so 
mehr verkümmert, je stärker das Mittelband verblattet war. Die 
hinteren Staubgefässe wurden dagegen zu blassgelben, kahlen oder 
am Ende des Trägers ganz schwach behaarten, oben flach ausgebreiteten 
Blättchen, der Oberlippe gleich beschaffen. Das fünfte, in der gewöhn- 
lichen Blüthe ganz verkümmerte Staubgefäss zwischen den beiden 
Abschnitten der Oberlippe war meist in einen langen, gelblich-weissen 
Faden oder schmales Band ausgewachsen, oben lanzettlich, auch wohl 
trichterförmig hohl; aber die Andeutung eines Staubbeutels, welche es in 
der gewöhnlichen Blüthe am Ende trägt, nie zu einem solchen aus 
gebildet, sondern gänzlich geschwunden. 

Das Merkwürdigste aber war, dass an den am weitesten vor- 
geschrittenen Umbildungen aus dem weit geöffneten Rachen der Blumen- 
krone eine blass-gelbe Röhre weit heraustrat, welche am oberen Ende 
3 — 5 der Unterlippe ähnliche orangefarben behaarte Gaumenwölbungen 
mit eben so vielen kleinen gelben herabgebogenen Zipfeln trug, über 
dem unteren Ende aber, in der äusseren Blumenkrone ganz versteckt, 
3—5 kleine aber ganz deutliche Sporne. Diese pelorische Blumen- 
krone steht innerhalb des Staubgefässkreises, am Grunde gewöhnlich 
zwischen zwei kleinen eiförmigen, spitzen, grünen Blättchen, einem 
vorderen und einem hinteren, welche danach wohl als die beiden ver- 
grünten Fruchtblätter zu betrachten sind, an denen Griffel, Narben und 



IL Abtheilung. Botanische Section. 



Eichen gar nicht zur Ausbildung gekommen sind, während die zwei 
Klappen des Fruchtknotens nun den Kelch der inneren pelorischen 
Krone darstellen. Am augenscheinlichsten ist das, wo diese letztere 
noch zu einem kleinen grünlich-weissen Knopfe zusammengerollt innerhalb 
der zwei krautigen, grünen Blättchen steht. Diese sind auch wohl am 
Ende in eine Spitze vorgezogen, welche man als den Anfang zur Bildung 
eines Griffels ansehen kann, oder das vordere Blättchen ist am Ende 
gespalten und macht so einen Uebergang in einen dreiblättrigen Kelch, 
dessen Abschnitte mit denen der dreizähligen pelorischen Krone ab- 
wechseln. 

Die letzteren, entweder walzenförmig oder über den Spornen flaschen- 
förmig aufgetrieben, waren angefüllt mit 2 — 4 bandförmigen, mehr oder 
weniger orangefarben behaarten Streifen, wohl verblatteten Staub- 
gefässen; in der Mitte am Grunde fand sich wohl noch ein winziges 
Köpfchen kleiner, grünlich weisser Blättchen, nie aber ein Stempel, 
welcher Samen hätte zur Reife bringen können. 

Was endlich neben dem Vorkommen nicht vereinzelter, sondern 
zahlreicher, spornloser und doch fünfzähliger Blüthen und pelorischer 
Durchwachsungen dieser Blüten von Interesse ist, ist dies, dass sie alle 
auf einem kleinen, wenn auch viele Quadratmeter grossen Räume vor- 
kamen und auf diesem alle Pflanzen derselben Art die gleichen Um- 
bildungen zeigten. Samen bringen diese verbildeten Blüthen gewiss nie 
hervor. Wenn man daher den Grund der übereinstimmenden Ausbildung 
nicht in dem gemeinschaftlichen Boden oder der gleichen Ernährung 
suchen will, wofür es aber an jedem Anhalt fehlt, wie es auch nicht 
gerade wahrscheinlich ist, dass eben nur an dieser Stelle durch Ein- 
wirkung eines Insekts alle Blüthen verändert worden seien, so könnte 
man wohl vermuthen, dass alle diese Pflanzen von einer abstammten 
und den bei Linaria oft sehr zahlreichen Adventivknospen der Wurzel 
ihren Ursprung verdankten. 

Die besprochenen Bildungsabweichungen wurden an theils 6- theils 
12-fach vergrösserten, nach den frischen Blüthen entworfenen Zeichnungen 
erläutert. 

Herr Bruno Schroeder legte vor 
Ergebnisse seiner Algenforschungen aus den Kreisen Grünberg und 

Waidenburg i./Schl., 
dieselben sind bereits im Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft 
für 1892, Naturwissenschaft!. Abtheilung S. 67 abgedruckt worden. 



In der zweiten Sitzung vom 16. Februar trug Herr Schroeder 
einen Nachruf für unser correspondirendes Mitglied, den am 4. Januar d. J. 
in Berlin verstorbenen Apotheker Sonntag vor; derselbe wird am 
Schluss des Jahresberichts unter den Nekrologen zum Abdruck kommen. 

1* 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Herr Gustav Limpricht hielt einen Vortrag 

Ueber die Familie der Bartramiaceae. 

Herr Stenzel legte ein Blütenköpfchen von Knautia arvensis 
vor, welches von einer Pflanze unweit der Wölfel über Urnitz- 
grund herrührte, die ausserdem an langen Zweigen noch mehrere 
ganz regelmässige Blüthenköpfchen trug. Bei dem vorgelegten aber 
entsprang aus den Winkeln der fünf breit-lanzettlichen äusseren und der 
fünf schmäleren inneren Blätter des Hüllkelchs ein ganzer Kranz theils 
lang-, theils kurzgestielter kleinerer Blüthenköpfchen, jedes mit eigenem 
Hüllkelch aus lineal-lanzettlichen oder linealischen Blättchen und darin 
zahlreichen, gut ausgebildeten Blüthen. 

Indem er sodann bemerkte, dass von der gewöhnlichen ab weichende 
Zahlen in den einzelnen Kreisen der Blüthe wahrscheinlich bei allen 
Pflanzen vorkämen, dass aber die Häufigkeit dieses Vorkommens bei 
verschiedenen Arten ausserordentlich verschieden wäre, legte er eine 
fast durchgehend sechszählige Blüthe von Geranium Robertianum 
vor, welche neben einer Anzahl regelmässiger Blüthen an einem Stocke 
an der Steinmauer an der Landstrasse bei den untersten Häusern von 
Wölfeisgrund gestanden hatte. Der Kelch war regelmässig sechstheilig, 
abwechselnd mit seinen Abschnitten sechs gleiche und gleichmässig 
vertheilte Blumenblätter und zwölf Staubgefässe. Nur der Stempel war 
noch fünfzählig: fünf Fruchtknotenfächer mit fünf Narben. Wie manches 
Tausend Blüthen von dieser wie von anderen Arten der Gattung Geranium 
kann man aber durchsehen, ohne eine „abzählige" — so könnte man 
mit einem kurzen Ausdruck eine Blüthe mit abweichenden Zahlenver- 
hältnissen nennen — zu finden! Pen zig führt in seiner Pflanzen- 
teratologie nur in Kelch und Krone hexamere Blüthen von Geranium 
motte nach Camus an (S. 323) und nach Fermond die einer unbe- 
stimmten Art mit 6 Blumenblättern (S. 324). 

Nicht so selten sind derartige Abweichungen bei Oenothera 
biennis. Auf dem Schuttplatz unter der Kirchhofmauer in Wölfeisgrund, 
nach dem Buckelwasser hin, blühen zahlreiche Nachtkerzen. Unter einer 
Menge vierzähliger waren zwei stattliche, wohl ausgebildete Blüthen 
durchgehend fünfzählig: Kelch- und Kronenblätter je fünf, Staubgefässe 
zehn und ein fünffächriger Fruchtknoten mit fünf Narben. 

Noch häufiger zeigt Pyrola uniflora ungewöhnliche Zahlen in der 
Blüthe. Unter den sparsam im Walde über dem Wölfelsfall zerstreuten 
Pflanzen war eine mit zumTheil vierzähliger Blüthe: die vier Kelchblätter 
standen im Kreuz, dazwischen vier Blumenblätter, diesen folgten aber 
neun Staubgefässe, von denen je zwei sich unter drei Blumenblätter 
zusammendrängten, drei unter dem vierten. Der Fruchtknoten endlich 
war regelmässig fünfklappig mit fünf am Ende des Griffels kandelaber- 



IL Abtheilung. Botanische Section. 



artig aufgerichteten Narben. Im Melzergrunde bei Krummhübel aber 
hatte ich vor Jahren eine vom Kelch bis zum Fruchtknoten und den 
Narben durchgehend vierzählige Blüthe gefunden und nicht weit davon 
eine ebenso vollständig sechszählige, wie viele Jahre später unweit 
der Kirche Wang, am Wege nach der Schlingelbaude, eine durchgehend 
vierzählige oberste Blüthe einer Traube von Pyrola secunda. 

Nachdem noch eine Blüthe von Solanum nigrum vorgelegt worden 
war mit vier im Kreuz stehenden Kelchzipfeln und vierspaltiger Blumen- 
krone, mit deren Abschnitten vier gut entwickelte Staubgefässe ab- 
wechselten, zu denen noch ein verkümmertes, bräunlich-gelbes fünftes 
hinzutrat, während der Stempel wie gewöhnlich gebildet war, wendete 
sich der Vortragende zu den überraschend zahlreichen abweichenden 
Blüthen, die er unter wenigen hundert vom Markt entnommenen Herbst- 
zeitlosen gefunden hatte. 

Da er die Absicht hat, diese Beobachtungen an Colchicum 
autumnale später noch zu vervollständigen, so beschränkte er sich 
darauf, eine Uebersicht über das bisher Gefundene zu geben. 

Eine Vermehrnng der Blüthentheile über die gewöhnliche Zahl von 
drei wurde nur bei wenigen Blüthen gefunden und auch dann nur bei 
den inneren Perigon- oder Blumenblättern und den Staubgefässen. Ein- 
mal hatte eins der drei Blumenblätter zwei Rippen und vor ihm stand 
ein Staubgefäss mit zwei verwachsenen Fäden und zwei getrennten 
Staubbeuteln; ein anderes Mal war innerhalb der drei Blumenblätter 
ein viertes eingeschaltet; dann vor demselben auch ein siebentes Staub- 
gefäss ausgebildet. 

Viel häufiger trat eine Verminderung der Blüthentheile ein, zu- 
gleich in einer Mannigfaltigkeit, welche fast alle möglichen Fälle 
erschöpfte. Bald waren nur die Kelchbätter, bald nur die Kronblätter, 
bald die Kelch- oder die Kronstaubgefässe, bald endlich nur die Griffel, 
deren Zahl zuversichtlich die der Fruchtknotenfächer wird entsprochen 
haben, nur in der Zweizahl vorhanden. 

Sind nur 5 Perigonblätter da, so ist freilieh eins gewöhnlich eine 
Mittelbildung zwischen den ohnehin sehr ähnlichen inneren und äusseren, 
so dass man es eben so gut den einen wie den anderen zurechnen kann. 
Auch treten als eine Art von Uebergangsbildung zwei Kelch- oder 
zwei Blumenblätter auf, von denen eins breiter, mit zwei Rippen, 
auch wohl am Ende etwas ausgerandet ist, und so gewissermaassen eine 
Verschmelzung von 2 Blättern darstellt, wie, öfter ihnen entsprechend, 
ein Staubgefäss aus zweien besteht, deren Fäden verwachsen, deren 
Beutel mehr oder weniger vollständig getrennt sind. 

Alle diese Formen lassen dadurch, dass sie nicht ringsum gleich- 
massig ausgebildet sind, die Bildungsabweichung erkennen. Dagegen 
waren ein paar Blüthen mit sechs Perigonblättern, aber nur drei Krön- 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

staubgefässen und drei Griffeln, also mit gänzlich fehlgeschlagenen Kelch- 
staubgefässen in ihrer Art völlig regelmässig und erinnerten an den 
Blüthenbau der Irideen y namentlich von Crocus, nur dass bei diesen gerade 
die Kronstaubgefässe fehlen. Ebenso war das bei den viel zahlreicheren 
durchgehend zweizähligen Blüthen der Fall, bei denen die einander 
genau gegenüber stehenden zwei Kelchblätter mit den zwei Blumen- 
blättern gekreuzt sind, wie die vor ihnen stehenden zwei Kelch- und 
zwei Kronstaubgefässe und mit den letzteren die zwei Griffel mit ihren 
Narben. 

Eine Blüthe endlich zeigte in so fern eine noch grössere Verein- 
fachung, als sie überhaupt nur drei Perigonblätter hatte: ein ganz 
schmales, an beiden Rändern von den anderen gedecktes, das daher als 
Blumenblatt zu betrachten ist-, ein längeres und etwas breiteres, dessen 
beide Ränder die anstossenden decken, das also ein Kelchblatt ist und 
ein sehr breites, am Ende zweilappiges Blatt, dessen nach dem ersten 
hin liegende, dieses am Rande deckende Seite mit einer Mittelrippe 
als zweites, dem anderen gerade gegenüber stehendes Kelchblatt an- 
gesehen werden kann, während die andere Hälfte mit zwei Mittelrippen 
am freien Rande von dem freien Kelchblatt gedeckt, ein dem zuerst 
genannten gegenüberstehendes Blumenblatt oder eigentlich die Ver- 
schmelzung von zwei solchen ist. Dieser Auffassung entspricht es auch 
dass vor diesem Doppelblatt ein Staubgefäss steht, dessen Beutel im 
oberen Theile in zwei Hälften auseinander geht, während vor dem ein- 
rippigen Theil wie vor jedem der beiden freien Perigonblätter je ein 
Staubgefäss steht. Da auch nur zwei Griffel da sind, so ist der zwei- 
zählige Grundplan der Blüthe nicht zu verkennen. 

Auch hier macht man wieder die Bemerkung, dass gewisse Ab- 
weichungen örtlich beschränkt oder doch begünstigt auftreten. So lagen 
namentlich die zahlreichen zweizähligen Blüthen fast immer in Sträussen 
zusammen, welche offenbar von derselben Wiese herstammten, auf 
welcher daher die Entstehung einer besonderen Varietät und, wenn noch 
andere Veränderungen sich dazu gesellen sollten, einer neuen Art ein- 
geleitet wird. 

Herr Ferdinand Cohn legte vor 

Anomale Früchte von Citrus Limonnm. 

Bekanntlich sind bei Agrumen die Carpelle in variabler Zahl, bei 
der Limone (bei uns grösstentheils Citrone genannt) 10 — 12, so vollkommen 
mit einander verwachsen, dass sie einen vielfächerigen Fruchtknoten 
bilden, der von einem fädlichen Griffel mit kopfiger Narbe gekrönt ist. 
Doch ist schon in alten Zeiten häufig Trennung (Dialyse, Adesmie) der 
Carpelle bei den verschiedenen Arten der Gattung Citrus beobachtet 
worden (erste Nachricht bei Ferrari, Hesperides 1696; vergl. die 



II. Abtheilung. Botanische Section. 



Litteratur bei Penzig, Pflanzenteratologie L). Hierdurch werden die 
Früchte einer Hand mit gesonderten Fingern mehr oder weniger 
ähnlich, die Carpelle sind dann nur an der Basis untereinander voll- 
ständig verwachsen, während sie nach dem Scheitel hin mehr oder 
minder von einander getrennt bleiben. Die vorliegenden Limonen sind 
im Winter 1892/93 von Herrn Dr. M. B. Freund an das botanische 
Museum aus San Remo in Italien eingesendet worden. 

Sie zeigen sehr verschiedene Grade der „Adesmie carpellaire" und 
daher sehr verschiedenes Aussehen. In einer Frucht hat der verwachsene 
glockenförmige Theil eine Länge von 6 cm und spaltet sich nach oben 
hin in vier getrennte hornförmige Carpelle von ungleicher Länge, deren 
längstes 6 cm, das kürzeste nur 2 cm lang ist. Bei einer anderen 
Frucht ist der verwachsene Theil nur 3 cm hoch, er spaltet sich in zwei 
Theile, deren einer, dick angeschwollen, ellipsoidisch mit hakenförmig 
auswärts gebogenem Griffel, aus drei vorbundenen Carpellen entstanden 
ist, während der zweite am Scheitel drei gesonderte Griffeltheile zeigt, und 
ausserdem noch ein schmales Hörn, wie der Daumen den übrigen Fingern 
sich gegenüberstellt. Während hier die verwachsenen und die getrennten 
Theile der Carpelle annähernd gleich lang sind, ist in anderen Früchten die 
Verwachsung viel vollkommener, die Trennung erstreckt sich nur auf 
1 U-> 1 k-> ly 6 der Länge, so dass das Aussehen der Frucht der normalen 
mehr genähert und dieselbe nur am Scheitel mehr oder weniger gezähnt 
erscheint- viele Früchte zeigen durch eine Mittelfurche am Scheitel einen 
Schnabel, dessen Kiefern indess sehr ungleich und durch weitere 
Spaltungen mehrfach gezähnt erscheinen. Das häufige Auftreten dieser 
Missbildungen deutet darauf hin, dass es sich um atavistische Rück- 
bildungen handelt, die auf die Verwandtschaft mit getrenntgriffligen 
Familien (Zanihoxyleae u. a.) hinweisen. 

In der dritten Sitzung vom 2. März gedachte der Secretair der 
Section, Herr Ferdinand Cohn des schweren Verlustes, den die Section 
durch den am 24. Februar erfolgten Tod des Directors des K. Botanischen 
Gartens und Professors der Botanik an hiesiger Universität, Dr. Karl 
Prantl erlitten hat. 

Seit Prantl im October 1889 nach Breslau als Nachfolger von 
Engler versetzt worden, hat er sich an unserer Section mit voller Liebe 
betheiligt, und dieselbe nicht nur durch zahlreiche Vorträge von hoher 
wissenschaftlicher Bedeutung, sondern auch durch eifrige Betheiligung 
an der Discussion angeregt und belebt. Seine edle Denkungsart, sein 
schlichtes biederes Wesen und seine liebenswürdige Collegialität er- 
warben ihm Aller Zuneigung in demselben Maasse, wie seine wissenschaft- 
lichen Arbeiten, die alle Gebiete der Botanik gleichmässig umfassen, ihm 
in der Geschichte dieser Wissenschaft ein ehrenvolles Andenken sichern. 



8 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Einen Nekrolog von Prantl bringt der Schluss des Jahresberichtes unserer 
Gesellschaft. 

Herr Werner gedachte noch insbesondere der Verdienste, die sich 
der Verstorbene um die botanische Durchbildung der hier studirenden 
Pharmaceuten erworben, von denen er nicht wenige zu selbstständigen 
wissenschaftlichen Arbeiten angeregt hatte. 

Die Anwesenden ehrten das Andenken des uns so früh entrissenen 
Forschers und Lehrers durch Erheben von den Plätzen. 

Herr Felix Rosen machte 
Mittheilungen aus dem Gebiet der botanischen Mikrotecnnik. 

Bekanntlich bestehen die Vorbereitungen botanischer oder zoolo- 
gischer Objecte zum Schneiden mittelst des Mikrotoms wesentlich in 
zwei Proceduren, dem Fixiren und dem Einbetten. Wie das Fixiren — 
ein Tödtungsprocess, bei welchem die Structuren der Zellen möglichst 
unverändert erhalten bleiben sollen, — durch verschiedene Mittel bewirkt 
werden kann, so sind auch zum Einbetten mehrere Methoden vor- 
geschlagen worden. Die gebräuchlichste und beste dürfte die von 
Zimmermann in seiner „botanischen Mikrotechnik" (pag. 32 ff.) be- 
schriebene Paraffineinbettung sein. Bei derselben wird das fixirte und 
gewaschene Object in allmählich concentrirter werdendem Alkohol ent- 
wässert, in Xylol und endlich in Paraffin übertragen. Genaueres über 
diesen Process findet man bei Zimmermann a. a. 0. 

Hin und wieder macht man jedoch die unliebsame Erfahrung, 
dass Objecte, welche streng nach den gegebenen Regeln behandelt 
waren, gleichwohl nach dem Schneiden Contractionserscheinungen in 
den Zellen zeigen, welche bei der Untersuchung höchst störend sind und 
die Brauchbarkeit des mühsam vorbereiteten Materiales ernsthaft in 
Frage stellen können. Die Ursachen dieser Contractionserscheinungen 
sind zweierlei: entweder hat das Fixationsmittel nicht schnell genug 
eingewirkt, oder aber das Plasma ist während des Einbettungsprocesses 
contrahirt worden. Im ersteren Falle liegt die Abhülfe auf der Hand : 
man verwende ein rasch wirkendes Fixationsmittel (Platinchlorid, 
Osmiumsäure-Mischungen) oder, wo dies nicht angängig erscheint, lasse 
man die Fixirungsflüssigkeit in kochendem Zustand einwirken (so bei 
Sublimatalkohol und anderen). Im zweiten Fall ist die Abhülfe 
schwieriger, da manche Objecte, besonders zartwandige, sehr zum 
Collaps neigen. Man wird hier manchmal mit Erfolg den Schulze' sehen 
Entwässerungsapparat verwenden können; jedoch erscheint es wünschens- 
wert!), eine einfachere Methode zur Vermeidung der besprochenen Con- 
tractionserscheinungen zu besitzen. 

Die Erfahrung hat gelehrt, dass die Contractionen meist erst dann 
auftreten, wenn die schon entwässerten Objecte aus dem Xylol in 



IL Abtheilunsr. Botanische Section. 



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Paraffin übergeführt werden , . indem offenbar das Xylol rascher 
aus den Zellen herausdiffundirt, als das Paraffin eindringt. Das flüssige 
Paraffin wirkt also auf die mit Xylol durchtränkten Zellen ähnlich ein, 
wie plasmolysirende Flüssigkeiten auf lebende. Es handelt sich demnach 
darum an Stelle des Xylols eine Flüssigkeit zu verwenden, welche sich 
nicht so leicht wie jenes im Paraffin löst. Als solche ist nun von zoo- 
logischer Seite das Bergamottöl vorgeschlagen, und zahlreiche Versuche 
haben mir gezeigt, dass es auch für botanische Objecte vor dem Xylol 
den Vorzug verdient; denn thatsächlich lässt es fast nie Contractionen 
in den Zellen eintreten. 

Die Methode ist kurz folgende. Die im Alkohol absolutus voll- 
ständig entwässerten Objecte werden successive übertragen in 1) ein 
Gemisch von gleichen Volumen Alkohol absolutus und Bergamottöl, 
2) in reines Bergamottöl, 3) in ein Gemisch von gleichen Volumen 
Bergamottöl und Paraffin, 4) in reines Paraffin vom Schmelzpunkt 45°, 
5) in Paraffin vom Schmelzpunkt 56 — 58°. In jeder dieser Substanzen 
verweilt das Object 24 Stunden. Die Flüssigkeiten unter 3 und 4 
müssen dauernd ungefähr 48°, das schwer schmelzbare Paraffin ca. 60° 
haben. Mit einem der gebräuchlichen Paraffinöfen oder Wärmeschränke, 
die nur auf eine Temperatur regulirt sind, wird man also nicht aus- 
kommen. 

Gleichzeitig erscheint es aber auch wünschenswerth, jeder Zeit eine 
Temperatur von 32 — 36° zur Verfügung zu haben und zwar dies zum 
Aufkleben der mit dem Mikrotom hergestellten Schnitte. Bekanntlich 
ist ein Aufkleben wegen der ausserordentlichen Zartheit solcher Schnitte 
stets erforderlich, und zwar dient als Klebemittel Collodium, Agar-Agar 
Eiweiss etc. (cfr. Zimmermann, Mikrotechnik, pag. 36 ff.) Alle diese 
Klebemittel haben aber einen Uebelstand, sie färben sich bei der nach- 
träglichen Tinction der Schnitte manchmal mit und können daher, so- 
bald es sich um die Untersuchung subtiler Verhältnisse handelt, sehr 
störend sein. Auch hier ist schon von Seiten der Zoohistologen ein 
gutes Abhülfemittel vorgeschlagen, nämlich die Vermeidung jedes Klebe- 
mittels und Befestigung der Objecte auf dem Objectträger durch Flächen- 
attraction. Die Methode ist dabei folgende: Man lässt die noch im 
Paraffin befindlichen Schnitte auf einem Tropfen einer ohne Rückstand 
verdunstenden Flüssigkeit auf dem Objectträger schwimmen. Während 
die Flüssigkeit verdunstet, wird das Object dem Glase immer mehr ge- 
nähert und haftet endlich, wenn die Flüssigkeit ganz verschwunden ist, 
vollständig fest am Objectträger. Darauf löst man das Paraffin mit 
Xylol und hat nun die Schnitte vollkommen frei auf dem Glas. — Ge- 
eignete Flüssigkeiten sind destillirtes Wasser und besonders reiner 50°/ 
Alkohol. Das Verdunsten erfolgt bei Zimmertemperatur sehr langsam, 
rascher und jederzeit ohne Schädigung des Objectes dagegen bei 32 — 36% 



10 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



höhere Temperaturen bewirken manchmal Contractionen am Object. Bei 
32 — 36° dehnen die Paraffinschnitte sich um ein geringes aus, wobei 
Fältelungen ausgeglichen werden: ein weiterer Vortheil dieser Aufklebe- 
methode. 




Um jederzeit die drei Temperaturen von 32—36°, 45° und 60° zur 
Verfügung zu haben, habe ich einen Paraffinofen construirt, der sich 
bestens bewährt hat, und welchen ich daher bekannt machen möchte. 
Der Ofen ist dreitheilig: die unterste aus Eisenblech gefertigte Ab- 
theilung dient als Heizraum. Hier befindet sich ein doppelter Mikro- 
brenner (kleiner Bunsenbrenner); die Zuleitung des Gasschlauches und 
der nöthigen Luft findet durch zwei Reihen von Löchern am Boden des 
Kastens statt; vorn ist eine Thür mit eingelassenem Glasfensterchen. 
Auf dem Heizraum ruht, durch einen Falz gehalten ein doppelwandiger, 
gleichfalls mit Thür versehener kupferner Kasten. Der Zwischenraum 
der Doppelwände ist mit Wasser gefüllt, dessen Stand seitlich an einem 
Wasserstandsrohr ersehen wird. In den Wasserraum tauchen ein Thermo- 
meter und der selbstthätige Thermoregulator ein; durch letzteren wird 
die Flamme des Mikrobrenners so regulirt, dass die Temperatur des 
Wassers dauernd 60° beträgt. Im Inneren dieses Kastens finden die 
Glasgefässe Platz, welche das auf 60° zu haltende schwer schmelzende 
Paraffin erhalten. — ■ Auf dem kupfernen Kasten ruht endlich wieder ein 
Eisenblechkasten ohne Boden. Derselbe ist vorn mit einer Thür ver- 



II. Abtheilung. Botanische Section. 11 

sehen; die übrigen Wände haben grössere Glasfenster. Ein von oben 
durch eine Tülle eingeführtes Thermometer zeigt in diesem Raum 32 — 36° 
an; sollte die Temperatur höher ausfallen, so ist sie leicht durch Oeffnen 
der Schieber herabzudrücken, welche zwei Reihen von Luftlöchern oben 
am Kasten für gewöhnlich verschlossen halten. Der Innenraum dieser 
Abtheilung ist in seiner oberen Hälfte zur Aufnahme von Objectträgern 
bestimmt, auf welchen das Aufkleben der Schnitte erfolgen soll; auf 
3 Borten können bequem 18 Objectträger gleichzeitig liegen. 

Der Boden des Kastens wird gebildet von der kupfernen Wand des 
Wasserraumes; hier aufgestellte mit Paraffin gefüllte "Näpfe zeigen eine 
Temperatur von nahezu 60°. Um jedoch hier die gewünschten 48° zu 
haben, genügt es, auf den kupferner Boden eine Papphorde aufzulegen, 
welche aus dünnen Pappscheiben und zwischen denselben liegenden 
Streifen aus dem gleichen Material zusammengenagelt ist, wie man sich 
eine solche leicht in der erforderlichen Stärke selbst herstellen kann. — 
So hat man in diesem einfachen Apparat die drei gewünschten Temperaturen 
stets zur Verfügung. Die gesammte Höhe des Paraffinofens beträgt 
60 cm, die Breite 28 cm. Hergestellt ist derselbe von dem Klempner- 
meister A. Scholz, Breslau, Alte Taschenstrasse; der Apparat kostet 
37 Mark. Nicht einbegriffen sind hierbei die beiden Thermometer, der 
Thermoregulator und der Mikrobrenner; diese sind in geeigneter Art 
vielerorts zu haben, in Breslau z. B. bei Winkler u. Jenke, Herrenstrasse. 

Das Aufkleben mit 50°/ Alkohol erfordert mit diesem Apparat bei 
Schnitten von 5 — 10 \x Dicke circa zwei Stunden, bei dickeren Schnitten 
etwas länger. Natürlich muss der zum Befestigen der Schnitte dienende 
Alkohol vollständig verdunstet sein, ehe man das Paraffin mit Xylol 
fortlöst, da sich die Schnitte sonst ablösen; die Schnitte erscheinen, 
wenn sie vollkommen aufgetrocknet sind, undurchsichtig, während sie 
feucht durchscheinend sind. Sollten sich die Schnitte trotz guten Auf- 
trocknens später bei dem Auswaschen und Färben ablösen, so kann der 
Grund in der Verwendung einer stark quellenden Substanz (Säure, 
Alkali) liegen, oder aber das zur Einbettung verwendete Paraffin ist un- 
geeignet, d. h. es schmiert beim Schneiden. Dies kann eintreten, wenn das 
Paraffin aus einem höher schmelzenden durch Zusatz von Paraffinum 
liquidum ungeschickt hergestellt worden war. Gutes Paraffin mit den 
Schmelzpunkten 45° und 56° beziehe ich seit Jahren aus der Kgl. Hof- 
und Feldapotkeke von Otto Bloch, Breslau, Neumarkt. 

Herr Stenzel sprach 

Ueber abweichende Blüthen von Orchideen. 

Anknüpfend an seine letzte Mittheilung (diese Jahresberichte 1890, II. 
S. 89 — 93) führte er zunächst an, dass der damals ausgedrückte Zweifel 
betreffs des Baues der von Röper erwähnten zweizähligen Blüthen von 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Orchis latifolia, durch die seitdem gemachten Beobachtungen wohl 
als gelöst betrachtet werden könnte. Sowohl an Pflanzen aus der Um- 
gegend von Breslau, wie jetzt auch von Wölfeisgrund hatte er mehrere 
Male die oberste Blüthe in ganz ähnlicher Weise zweizählig gefunden, 
wie bei Piatanthera bifolia und Goodyera repens, nämlich so, dass an die 
Stelle der Lippe und der an sie grenzenden seitlichen unteren Kelch- 
blätter nur ein gerade unten stehendes Kelchblatt getreten war, während 
die seitlichen Blumenblätter wie gewöhnlich nach oben gewendet mit 
dem oberen Kelchblatt eine Oberlippe oder einen Helm bildeten, die 
Blüthen also nicht pelorisch geworden, sondern zweilippig oder zygo- 
morph geblieben sind. Es ist demnach in der Uebersicht über die bis- 
her bekannt gewordenen zweizähligen Orchideen-Blüthen, a. a. 0. S. 92, 
Absatz A. I. hinter Orchis latifolia das Fragezeichen, Absatz A. II, 1 aber 
(Orchis latifolia? n. Röper) zu streichen. 

Bei Piatanthera bifolia, die um Wölfeisgrund zwar an vielen 
Stellen, nirgends aber sehr zahlreich wächst, gelang es mir im Juni v. J. 
mehrere oberste zweizählige Blüthen zu finden, ganz so gebaut, wie die 
unterste, in diesen Jahresberichten für 1888, S. 161, beschriebene. An 
der Stelle, wo diese gestanden hatte, blühten zwar wieder zwei, aber 
mit lauter regelmässigen Blüthen. Jenen reihte sich als Uebergang zur 
regelmässigen Form eine der merkwürdigen drei- und zweizähligen 
Blüthen an, wie ich sie bei Goodyera repens beschrieben habe (diese 
Jahresberichte 1890, S. 90), die sich fast nur durch das Fehlen der 
Lippe, des Labellums, von der regelmässigen unterscheiden. 

Die vollständigste Reihe aber habe ich bei der um Wölfeisgrund 
häufigen Gymnadenia conopea aufgefunden. Oft freilich geht die 
Blüthenähre in einen Schopf von Deckblättern mit unentwickelten 
Knospen aus; aber auch wo die oberste Blüthe ausgebildet ist, unter- 
scheidet sie sich meist nur durch geringere Grösse von den übrigen. 
Zuweilen aber zeigt sie eine Verminderung der Blüthentheile wie noch 
häufiger die untersten Blüthen einer Aehre. Zuerst schwindet die Lippe, 
die seitlichen Kelchblätter rücken etwas näher zusammen, sonst ist die 
Blüthe nicht verändert, aber schon der zweifächrige Fruchtknoten beweist, 
dass das Labellum nicht etwa bloss verkümmert, oder gar abgebrochen 
oder von Insecten abgefressen, sondern gar nicht erst angelegt worden 
ist. Bei einer anderen Blüthe sind die unteren zwei Kelchblätter bis 
über die Hälfte verwachsen, bei einer dritten deutet nur ein kleiner 
Einschnitt die Entstehung des unteren Blattes aus zwei Kelchblättern 
an, meistens endlich ist es am Ende abgerundet und — immer mit Aus- 
nahme des einen, unveränderten Staubgefässes, die Blüthe durchgehend 
zweizählig. 

Noch weiter ging die Verminderung der Theile bei einer Anzahl 
eigenthümlicher Bildungen theils im Winkel von Stengelblättern, theils 



IL Abtheilung. Botanische Section. 13 

zwischen den Blüthen der Aehre, welche man freilich nur noch wegen 
ihrer Aehnlichkeit mit diesen als Blüthen bezeichnen kann, da sie weder 
Stempel noch Staubgefässe besitzen. Statt des Fruchtknotens haben sie 
einen ziemlich dicken, etwas von rechts nach links zusammengedrückten, 
ganz mit Zellgewebe erfüllten, ungedrehten, röthlich braunen Stiel, der 
an seinem Ende zwei rosafarbene, in ihrer Beschaffenheit ganz den ge- 
wöhnlichen Perigonblättern ähnliche Blättchen trägt, ein unteres, bei 
aufrechter Stellung dem Stengel zugewendetes, längeres, und ein am 
Grunde von diesem umfasstes etwas kürzeres. Das erste, äussere, kann 
man nur als ein Kelchblatt auffassen, welches, wie bei den zweizähligen 
Blüthen die Stelle des Labellums vertritt, das zweite, innere, ihm gerade 
gegenüberstehende vielleicht als Blumenblatt; wir hätten dann hier ein- 
zähl ige Blüthen vor uns, freilich nur noch aus der Blüthenhülle be- 
stehend. Bei einigen blieb auch das innere Blättchen aus, und endlich 
wurde das äussere nur noch von einem schmalen Bande, zuletzt von einem 
blassrothen Faden dargestellt. 

Andererseits habe ich auch, und zwar mitten in einer Blüthenähre 
von Gymnadenia conopea am Aufstieg von Wölfeisgrund nach Urnitz- 
berg eine vier zäh lige Blüthe gefunden. Auf den ersten Blick unter- 
schied sie sich von den übrigen nur dadurch, dass sie drei fast ganz 
gleiche Lippen hatte. Die mittelste war aber ungespornt und stand 
ausserhalb der beiden seitlichen gespornten, so dass sie trotz ihrer auf- 
fallenden Gestalt nur als ein viertes Kelchblatt betrachtet werden 
konnte. Dafür sprach auch, dass der Fruchtknoten 4 Samenleisten trug. 
Es stimmt somit diese Blüthe, bis auf die blumenblattartige Ausbildung 
des untersten Kelchblatts, mit der von Seubert (Linnaea, 1842, S. 389 
bis 393) beschriebenen und auf Tafel XIV abgebildeten vierzähligen 
Blüthe von Orchis palustris (0. laxifioraj überein. 

Geht, wie wir gesehen haben, bei allen bis jetzt darauf hin unter- 
suchten einheimischen Erd-Orchideen die Veränderung in der Zahl der 
Blüthentheile von den nach dem Aufblühen unteren aus, indem bei ihrer 
Vermehrung das Labellum sich verdoppelt, bei ihrer Verminderung dieses 
schwindet, während die drei nach oben gewendeten Perigonblätter Zahl 
und Stellung fast unverändert beibehalten, so ist es von ganz besonderem 
Interesse, eine solche Orchidee kennen zu lernen, bei der es gerade um- 
gekehrt ist. Dies war bei einer im Topf gezogenen Pflanze von 
Ophrys ar anifera v. atrata der Fall, welche Herr Kreisthierarzt 
Ruthe in Swinemünde die Güte gehabt hat mir mitzutheilen. Der 
Stengel trägt, ziemlich weit über dass Decklatt hinaufgerückt, eine 
zweizählige Blüthe, darüber eine regelmässig dreizählige und noch eine 
Knospe. Bei der ersteren steht der gewölbten dunklen Lippe gegenüber 
ein kurzes, linealisches, oberes Blumenblatt, grünlich wie die beiden 
grösseren, lanzettlichen, seitlichen Kelchblätter. Ganz regelmässig zwei- 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

zählich ist nun freilich die Blüthenhülle nicht, indem die Lippe wie 
halbirt ist, und statt der fehlenden Hälfte sich nur ein schmaler grün- 
licher Streifen herabzieht, der, nach der brieflichen Mittheilung des 
Herrn Ruthe zu schliessen, an der lebenden Blüthe noch deutlicher die 
Natur eines seitlichen Blumenblatts gezeigt haben mag, als dies jetzt 
an der trockenen hervortritt. Die Lippe würde daher als Verwachsung 
zweier Blumenblätter zu betrachten sein. Noch merkwürdiger ist es, 
dass ausser dem gewöhnlichen, der Lippe gegenüberstehenden Staubge- 
fässe ein zweites, schräg vor derselben steht, mit dem Rücken ihr zu- 
gewendet und mit diesem unten verwachsen ein drittes kleineres, das 
an der Innenseite aber doch ein kleines, geöffnetes Staubbeutelfach 
trägt. 

Endlich wurde noch eine Orchis incarnata vorgelegt, welche Herr 
Ruthe auf einer Wiese am Wege von Liebeseele nach Pritter bei 
Misdroy gesammelt hatte, bei der auf einem Fruchtknoten sich zwei 
fast vollzählige Blüthen gebildet hatten. Von den zwölf Perigonblättern 
war nur ein inneres verkümmert. Die meisten lassen sich noch an der 
getrockneten Blüthe unterscheiden. 

Herr Ferdinand Cohn legte vor 

1) die Statuten des von Dörfler geleiteten Neuen botanischen 
Tauschvereins, 

2) einen Brief des Amtsrichters Dewes in Geestemünde, worin 
dieser Auskunft über die an Schlesischen Dorfhäusern vorkommenden 
Giebelverzierungen, speciell Pferdeköpfe, erbittet, 

3) eine aus neun grossen Glaskästen bestehende Sammlung der die 
Schlesischen Forsten schädigenden Insecten in allen Entwickelungszu- 
ständen; die Sammlung veranschaulicht zugleich die Art ihrer Schädi- 
gungen im Holz, den Blättern oder Nadeln; sie ist von Förster Gerike 
in Kaiserswalde mit ausgezeichneter Kunst und Sorgfalt im Auftrage des 
Schlesischen Forstvereins angefertigt und von letzterem dem hiesigen 
Botanischen Museum zum Geschenk gemacht worden. 

In der vierten Sitzung vom 16. März berichtete Herr R. Krull 
unter Vorlegung bezüglicher Objecte 

Ueber Infectionsversuche und durch Cultur erzielte Fruchtkörper des 
Zunderschwammes, Ochroporus fomentarius Schroet. 
Im Anschluss an eine Arbeit über die Zersetzungserscheinungen des 
Buchenholzes, hervorgerufen durch den Zunderschwamm, Ochroporus 
fomentarius Schroet., worüber ich bereits in einer früheren Sitzung 
berichtete (Jahresbericht 1891, Naturwissenschaftliche Abtheilung S. 131), 
stellte ich neuerdings im Pflanzenphysiologischen Institut der Universität 
noch eine grössere Reihe von Cultur- und Infectionsversuchen an, welche 



II. Abtheilung. Botanische Section. 15 

einmal verschiedene noch offene Fragen beantworten sollten, ferner aber 
hauptsächlich durch den Wunsch angeregt wurden, womöglich ausge- 
bildete Fruchtkörper dieses Pilzes an gesundem Holze durch Infection 
zu erzielen. Ich übergehe diejenigen Versuche, welche ich an noch 
stehenden jüngeren Buchen ausführte, und beschränke mich nur auf die- 
jenigen Experimente, welche sich mit abgeschnittenem Holz im 
Laboratorium ausführen Hessen. Bei früheren einschlägigen Versuchen 
hatte ich bereits wiederholt wahrgenommen, dass beliebige Stücke theil- 
weise weissfaulen Holzes im feuchten Räume cultivirt der Weissfäule 
schliesslich ganz zum Opfer fielen. Zuweilen drang dann das im Innern 
der Holzstücke vegetirende Mycel an die Oberfläche derselben und 
bildete hier sowohl auf der Rinde als auch an Hirn- und Spiegelflächen 
kleinere oder grössere Polster, die in einigen Fällen bis zur Grösse 
eines Handtellers bei einer Stärke von mehreren Centimetern heran- 
wuchsen. Diese Polster waren während ihrer Wachsthumsperiode weiss 
und ziemlich weich, ohne Differenzirung in der Structur gleichmässig 
aus Hyphen bestehend. Nach einiger Zeit färbten sich die Polster vom 
Rande her erst gelblich, dann orange, schliesslich braun, indem sie 
gleichzeitig an ihrer Oberfläche erhärteten. Seltener entwickelten sich 
diese Polster ohne sich zu verbreitern zu mehr kugelförmigen Gebilden 
ziemlicher Grösse, welche im übrigen sich nicht von den zuerst 
beschriebenen unterschieden. Nirgends war auf diesen Polstern, welche 
man als Anfänge einer Fruchtkörperbildung auffassen konnte, eine Spur 
einer Porenanlage zu entdecken, dagegen zeichneten sich einige durch 
eine reichliche Thränenauscheidung aus. 

Bei der Infection gesunder Holzstücke wurde folgendermassen ver- 
fahren : 

Da ich zur Zeit dieser Versuche die Sporen des Zunderschwammes 
noch nicht aufgefunden hatte, und eine Infection mit Sporen überdies 
in einem Fall, wie der vorliegende immer misslich und ungewiss bleibt, 
so benutzte ich zu diesem Zwecke theils das in meiner früheren Mit- 
theilung erwähnte Gallertmycel, theils aus Mangel an diesem jenes weisse 
und in der Cultur erwachsene Polstermycel. Letzteres wählte ich besonders 
desshalb mit Vorliebe, weil ich es stets frisch und lebensfähig in einer 
der vielen Culturen zur Hand hatte und unter Beobachtung der nöthigen 
Vorsichtsmassregeln anwenden konnte. Jedenfalls eignet sich dasselbe, 
soweit meine Erfahrungen reichen, und wie dies die damit erzielten 
günstigen Resulsate auch beweisen, zu diesen Impfversuchen ganz besonders. 
In frisches Buchenrundholz, das beiläufig eine Länge von 30 cm bei 
einem Durchmesser von 5 cm besass, wurden an den beiderseitigen 
Hirnflächen mit Hilfe des Pressler'schen Zuwachsbohrers etwa 5 cm 
tiefe Löcher unter Berücksichtigung des Markes als Mittelpunkt derselben 
gebohrt, in dieselben das in geeignete Stücke zerschnittene Polstermycel 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

hineingebracht, und die Oeffnungen mit Korken fest verschlossen. Ab- 
sichtlich waren Aststücke mit Zweigen gewählt worden, welche an 
ihrer Ansatzstelle weggeschnitten wurden. 

Da nämlich die Erfahrung lehrt, dass das Mycel solcher Baum- 
pilze lieber durch bereits vorhandene Oeffnungen, wie Bohrlöcher, Ast- 
stummel und andere nicht verwallte Stellen einen Ausweg sucht, als 
durch die unverletzte Rinde zu gehen, so ahmte ich auf diese Weise 
die natürlichen Verhältnisse nach. Die so vorbereiteten und gewogenen 
Rundhölzer wurden nun einzeln oder zu mehreren in Glasgefässe, deren 
Boden eine genügende Wasserschicht bedeckte, so eingebracht, dass sie 
die Wasserfläche nicht berührten. Die zugedeckten Gefässe blieben nun 
bei einer zwischen 15 — 20 ° C. schwankenden Temperatur und gedämpftem 
Licht sich selbst überlassen. Nach einigen Monaten zeigte sich fast an 
allen Stücken, dass die Infection geglückt war, indem besonders an den 
Hirnseiten, stellenweise aber auch an den abgeschnittenen Astfläche 
ein üppiges Polstermycel hervorsprosste. Die besten Stücke wurden nun 
einzeln in besonders construirten viereckigen Glassbehältern weiter 
cultivirt, in denen die Rundhölzer durch Vorrichtungen beliebig gedreht, 
gehoben und gesenkt, seitlich verschoben und gewogen werden konnten, 
ohne dass die Glassgefässe geöffnet zu werden brauchten. 

Die eine Seitenwand derselben liess sich durch drei gesonderte 
Flügel öffnen und gestattete dadurch eine directe Besichtigung oder 
photographische Aufnahme einzelner Partieen oder des ganzen Holz- 
stückes ohne dasselbe herauszunehmen. Diese Vorsichtsmassregeln waren 
deshalb geboten, weil nach früheren Wahrnehmungen die Polster- 
mycelien beim wiederholten Herausnehmen der cultivirten Holzstücke aus 
den Gefässen und durch längeren Aufenthalt in weniger feuchter Luft 
leicht litten und ihr ferneres Wachsthum einstellten. In zwei Fällen 
glückte es mir denn nun auch endlich, ausgebildete Fruchtkörper zu er- 
zielen, von denen sich besonders der eine in Form und Farbe ganz 
normal entwickelte und vier starke Zuwachszonen mit entsprechenden 
Röhrenschichten in Zwischenräumen von ein bis zwei Monaten producirte. 
Auf diese Weise gelang es also, einmal die verschiedenen Entwickelungs- 
phasen, die der Fruchtkörper dieses Pilzes von seiner ersten Anlage 
bis zur Röhrenbildung durchläuft, genau zu studiren, und ferner zur 
Klärung der vielumstrittenen Frage über die Zeitdauer des Wachsthums 
der einzelnen Zonen wesentlich beizutragen. 

Herr Hellmann hielt einen Vortrag 

Heber Primulaceen. 

Herr Th. Schübe berichtete über eineArbeit des Herrn Scharlok 
(Graudenz), Derselbe hatte die schlesischen Formen von Ranunculus 
auricomus und cassubicus an den Belegstücken des Herbars der 



II. Abtheiliing. Botanische Section. 17 

Schlesischen Gesellschaft sowie denen des Herb, siles. des hiesigen bota- 
nischen Gartens studirt und hatte darunter Formen gefunden, die von 
den ihm bisher bekannten (ostpreussischen) wesentlich abzuweichen 
schienen. Er glaubte nun, diese zum Theil für Hy bri de der genannten 
Arten mit R. montanus W. maior ß Koch ansehen zu können. Demgegen- 
über hob der Vortragende hervor, dass die fraglichen Formen zwar 
grosse Aehnlichkeit in der Blattform mit der des R. montanus zeigten, 
im übrigen aber in der Ausbildung der Honigschuppe, der Form der 
Früchte und dem Bau der Fruchtschaale von jenem völlig verschieden 
seien und nicht im geringsten von den entsprechenden Merkmalen des 
R. auricomus abwichen. R. montanus W. fehle in Schlesien völlig; in 
der Blattgestalt seien fast alle Arten von Ranunculus sehr veränderlich. 

In der fünften Sitzung vom 2. November berichtete der Se- 
cretair Herr Ferdinand Cohn 

Ueber das zur Erinnerung an Christian Beinert im Carlshain 
zu Charlottenbrunn errichtete Denkmal, 

und legte eine Photographie des Denkmals, sowie ein von F. W. Loose, 
Amtsvorsteher in Charlottenbrunn, zur Feier des 100. Geburtstages 
Beinert's und zur Einweihung seines erneuten Denkmals verfasstes Ge- 
denkblatt vor. 

Carl Christian Beinert wurde am 15. Juni 1793 zu Woitsdorf 
bei Bernstadt geboren, wo sein Vater Lehrer und Organist war. Früh 
schon zeigte sich bei dem Knaben die Liebe zur Wissenschaft, in die 
er besonders durch seinen väterlichen Freund, den Pastor Gottfried 
Menzel eingeführt wurde, der ihm Unterricht in der lateinischen 
Sprache ertheilte. 1806 trat der vierzehnjährige Beinert als Lehrling 
bei dem Apotheker Raschke in Bernstadt ein, lernte dort sechs Jahre 
die Pharmacie und suchte sich theoretisch und praktisch aus Liebe und 
Begeisterung für die Naturwissenschaften weiter zu bilden. Nach be- 
endeter Lehrzeit blieb er noch etwa drei Jahre als Gehilfe in seiner 
Stelle, ging 1815 nach Ohlau und trat 1816 bei dem Medicinal-Assessor 
und Apotheker Fischer in Breslau ein, unter dessen Beihilfe er seine 
wissenschaftlichen Kenntnisse wesentlich förderte. 1819 fand er in Er- 
furt in der Apotheke des Hofrath Trommsdorf Stellung, wo er die 
vortrefflichen Vorträge seines Principals über Physik und Chemie, sowie 
diejenigen des Professor Bernhard i über Botanik und Mineralogie 
hörte. 1821 kam Beinert nach Berlin, legte im folgenden Jahre seine 
Staatsprüfung ab und studirte darauf einige Zeit in Breslau Medicin. Im 
Juli 1823 erwarb er die Apotheke in Charlottenbrunn für 8000 Thaler 
und verheirathete sich in demselben Jahre mit Leopoldine Runge aus 
Breslau. Zu dieser Zeit lagen die Verhältnisse in Charlottenbrunn recht 

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18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

ungünstig. Die Quellen waren fast in Vergessenheit gerathen, nur durch- 
schnittlich 33 Familien besuchten das Bad, auch war kein Badearzt am 
Orte. Beinert bemühte sich nun, Charlottenbrunn wieder in die Höhe 
zu bringen, was ihm auch mit Hilfe des Grafen Pü ekler, des Besitzers 
des Bades, und des Medicinalrath Dr. Mogalla in Breslau, haupt- 
sächlich durch die Veröffentlichung einer von ihm ausgeführten neuen 
chemischen Analyse der Charlottenquelle, wodurch weitere Kreise auf 
den Badeort aufmerksam wurden, so weit gelang, dass der Besuch des 
Ortes von Jahr zu Jahr bedeutend zunahm. Unermüdlich beschäftigte 
sich nun Beinert auch in anderer Beziehung, dem Bade einen Auf- 
schwung zu geben. Er legte schöne Promenaden und Anlagen an, er- 
schloss neue Quellen und entfaltete eine so segensreiche Thätigkeit, dass 
ihn Karl von Holt ei, der im Mai 1845 zum Kurgebrauch in Char- 
lottenbrunn weilte, mit Recht in seinen „Vierzig Jahren" als „das Cen- 
trum von Charlottenbrunn" bezeichnet. Auch Chamisso hat in Char- 
lottenbrunn mehrere Jahre hintereinander Erholung gesucht und hat mit 
Beinert in freundschaftlichem Verkehr gestanden. Besonders einfluss- 
reich für Beinerts wissenschaftliche Thätigkeit war seine Freundschaft 
mit Goeppert, über die der Vortragende schon in der Sitzung der 
Section vom 27. October 1892 (Jahresbericht 1892, Naturw. Abth. S. 75) 
berichtet hat; preisgekrönte Untersuchungen über die Waldenburger 
Steinkohlenflora sind von Goeppert und Beine rt gemeinschaftlich ver- 
öffentlicht worden. Denn in seinen Mussestunden beschäftigte sich 
Beinert unablässig mit botanischen und paläontologischen Forschungen 
und lieferte verschiedene bedeutende wissenschaftliche Arbeiten. Auf 
Grund seiner Schrift über den Meteorsteinfall von Braunau wurde er im 
Juli 1847 von der Breslauer philosophischen Facultät zum Doctor honoris 
causa ernannt. So hatte Beinert schon 25 Jahre segensreich nach 
allen Seiten gewirkt, als seine Freunde und Mitbürger sich dankbar 
vereinigten, um diesem Manne ein wohlverdientes Denkmal zu setzen. 
Dasselbe, ein Obelisk aus Sandstein von über 14 Fuss Höhe, wurde auf 
dem höchsten Punkte des Carlshains errichtet und dem Jubilar am 
1. Juli 1848 übergeben. Noch weitere volle 20 Jahre war es Beinert 
vergönnt, für sein Charlottenbrunn, dem er zu einer neuen Blüthe ver- 
holfen, zu leben und die Früchte seines unermüdlichen Fleisses zu ge- 
messen. Ausgezeichnet von seinem König', geehrt in höchsten und 
wissenschaftlichen Kreisen, geliebt und geachtet von seinen Freunden 
und Mitbürgern starb er am 20. December 1868. Zur Erinnerung an 
den 100. Geburtstag des verdienstvollen Mannes ist sein Denkmal in 
diesem Jahre in schöner Form erneuert, mit seinem Bildniss versehen 
und unter reger Betheiligung am 13. August 1893 festlich eingeweiht 
worden. Seit 1830 gehörte Beinert als correspondirendes Mitglied der 
Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur an. 



IL Abtheilung. Botanische Section. 19 

Hierauf verlas der Secretär einen aus Apia datirten Brief von Dr. 
Franz Reinecke, der sich zur Zeit auf der Inselgruppe Samoa natur- 
wissenschaftlicher, speciell botanischer Studien halber aufhält. 

Hierauf zeigte der Secretär der Section an, dass von Seiten der 
Schlesischen, und insbesondere der Breslauer Zoologen und Physiologen 
ihm der Wunsch ausgesprochen worden ist, mit den Botanikern sich zu 
einer gemeinschaftlichen Section zu vereinigen- er sprach sich dahin 
aus, dass eine solche Verbindung angestrebt werden möchte, da dieselbe 
für die Freunde beider Wissenschaften eine gegenseitige Anregung in 
Aussicht stelle. 

Nachdem auch von Seiten der Herren Pax und Limp rieht die 
Vereinigung der Botaniker mit den Zoologen befürwortet worden, wurde 
beschlossen, den Professor der Zoologie an hiesiger Universität, Herrn 
Chun zur nächsten Sitzung einzuladen, um über die Modalitäten der zu- 
künftigen Geschäftsführung zu berathen. 

Sodann hielt Herr Ferdinand Cohn einen von Demonstrationen 
begleiteten Vortrag 

Ueber Erosion von Kalkgestein durch Algen. 

In der Sitzung der Botanischen Section vom 27. October 1892 hatte 
Vortragender die Entstehung von Kalk- und Kieselgestein 
durch Vermittelung von Algen behandelt (Jahresber. Schles. Ges. 
1892, IL Abth. S. 77), und insbesondere die Ausscheidung von Kalk- 
tuff durch Mitwirkung von Schizophyceen (Os ciliar ineae, Phycochromaceae, 
Cyanophyceae^ Nostocaceae) erörtert. Der heutige Vortrag soll im 
Gegentheil die von Algen veranlassten Aetzungen von Kalkgesteinen be- 
sprechen. 

Bekannt ist, dass die Wurzeln der Pflanzen, wenn dieselben über 
Kalkstein wachsen, diesen anätzen; die von Wurzeln ausgeschiedene 
Säure — deren Natur noch immer nicht erforscht ist, die sich aber am 
leichtesten durch die Rothfärbung von blauem Lacmuspapier bei Berührung 
mit den auf demselben hinwachsenden Wurzeln demonstriren lässt — 
löst auch kohlensauren Kalk auf; sehr hübsch lässt sich dies bekannt- 
lich nach Julius Sachs zeigen, wenn man Getreide in einen mit 
Erde gefüllten Kasten sät, dessen Boden durch eine Marmorplatte ge- 
bildet wird; auf dieser ätzen sich dann die Wurzeln in ihrem ganzen 
Verlaufe ein; die Eindrücke lassen sich durch Einreiben mit Kienruss 
besonders deutlich sichtbar machen. 

Ebenso ist bekannt, dass Krustenflechten, auf Kalk wachsend, 
denselben corrodiren, indem sie an ihrer Unterfläche mit dem Substrat ver- 
wachsen und dasselbe durch eine ausgeschiedene Säure auflösen; der grösste 
Theil des Kalks findet sich später in Krystallen von Calcium Oxalat 
zwischen den Flechtenhyphen wieder ausgeschieden (vergl. Kohl, anato- 

2* 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

misch - physiologische Untersuchung der Kalksalze und Kieselsäure in den 
Pflanzen 1889, S. 69). Die Corrosion antiker Marmordenkmale wird der 
Flechtenvegetation auf ihrer Oberfläche zugeschrieben. 

In der Klasse der Algen sind von Bornet und Flahault zuerst 
eine Anzahl Arten beschrieben worden , welche in Kalkgeschieben und 
Muschelschalen, die sich im Meerwasser befinden, verzweigte Gänge 
ausbohren; eine Cyanophycee bildet in Symbiose mit einem Pilze eine 
bohrende Flechte (Verrucaria consequens) ; Gomont, Huber und Jadin 
haben bohrende Algen auch im süssen Wasser auf Kalk gefunden. 

Besonders auffallend sind die Wirkungen der Algen, welche auf der 
Oberfläche von Kalkgeschieben in Alpenseen mäandrische Furchen 
einätzen. 

Ich besitze Handstücke dieser Art aus dem Neuchateller See, wo 
sie Alexander Braun meines Wissens zuerst beobachtete; neuerdings 
erhielt ich besonders schöne Stücke aus dem Greifensee bei Zürich 
durch Professor Schröder, von dem wir eine neue Untersuchung dieser 
Verhältnisse erwarten dürfen, sowie aus dem Starenberger See bei 
München durch Professor Göbel; sie stimmen in allem Wesentlichen 
mit einander überein. Prof. Oscar Kirchner hat nach mündlicher Mit- 
theilung ähnliche Geschiebe auch im Bodensee gefunden. Es sind Kalk- 
geschiebe, deren Oberfläche an die Reliefkarte eines Alpenlandes, etwa der 
Schweiz, erinnert: lange gewundene hohlkehlenartige Furchen, die durch 
scharfe Leisten von einander gesondert sind, so dass man sie mit Berg- 
ketten vergleichen könnte, die sich verzweigen, unter einander verbinden 
und zwischen sich Längs- und Querthäler, Kessel und Kahren ein- 
schliessen. Die Furchen, welche vollkommen ausgeglättet und im Quer- 
schnitt halbrund erscheinen, besitzen eine Tiefe von 3 — 5 mm und eine 
Breite von 5—7 mm. Dieses Bild zeigen indessen nur diejenigen Ge- 
schiebe, welche seit längerer Zeit trocken am Strande lagen; die noch 
im Wasser befindlichen sind dagegen überzogen von einer dicken, 
frisch vermuthlich spangrünen, in den mir vorliegenden Stücken aber 
grauweissen Kruste von bröcklichweichem Kalktuff, dessen Oberfläche 
von schmalen gewundenen Furchen derart durchzogen ist, dass die Tuff- 
massen zwischen den Furchen abgerundet höckerig erscheinen. Macht man 
von einem solchen, mit Tuff überzogenen Geschiebe einen Querschnitt, 
so zeigt sich, dass das dunkle Kalkgestein bereits jene tiefen, gebirgs- 
reliefähnlichen Hohlkehlungen besitzt, deren Vertiefungen durch die weichen 
hellen Tuffmassen ausgefüllt und von einander durch die schmalen 
Leisten unangegriffenen Gesteins getrennt sind. Bei den im Trockenen 
liegenden Geschieben ist der weiche Tuff durch den Regen vollständig 
ausgewaschen, und nur das feste Gestein mit seinen glatten Erosions- 
furchen zurückgeblieben. Löst man etwas von dem Tuff in einer Säure, 
eo bleibt eine gallertartig knorplige Masse zurück, in der wir ausser 



II. Abtheilung. Botanische Section. 21 

zahllosen Diatomeen (Eunotia, Epithemia, Himantidium, Navicula, Pinnularia, 
Cymbella, Melosira u. a.) ein Gewirr von dünnen Leptothrix-artigen Fäden, 
eingeschlossen in weiten, zerfaserten Scheiden, erkennen. Vereinzelt finden 
wir auch wohlerhaltene dichotom verzweigte Fäden einer Rivulariacee, 
deren dicke, knorpelige, parallel geschichtete, braune Scheiden einen Lepto- 
thrix-ähnlichen, dünnen Faden einschliessen. Im Allgemeinen ist jedoch die 
Structur nicht deutlich, da die Scheiden in Auflösung begriffen sind ; doch 
erscheint es zweifellos, dass wir es hier mit der Thätigkeit von Algen- 
polstern zu thun haben, welche die Oberfläche von Kalkgesteinen über- 
ziehen und sich in diese durch Auflösen des Kalks furchenartig ein- 
senken, die gleichzeitig aber auch durch Abscheiden von Calciumcarbonat 
in mächtigen Krystalldrusen innerhalb der Gallertscheiden zu Tuffpolstern 
incrustiren. Es kann sich nur fragen, ob wir es mit einer Schizotrichee 
oder einer Rivulariacee zu thun haben. AI. Braun hat die Rivulariacee, 
deren Thätigkeit die Geschiebe des Neuchateller See einfurcht (1849), 
als Euadis calcivora bezeichnet (Kützing spec. Alg. p. 342); Raben hörst 
hat die Art (1865) Zonotrichia calcivora (Flora Alg. europ. p. 214) benannt, 
und ausser dem Neuchateller auch den Erlafsee in Steiermark, sowie 
mehrere Seen in Oberösterreich als Fundort angegeben. Born et und 
Flahault ziehen Euadis calcivora 1887 zu Rivularia haematites Agardh 
(Revision des Nostoc. heterocyst. S. 350) und vereinigen mit derselben 
als Synonyme eine grosse Anzahl anderer vollkommen verkalkter Rivu- 
larien aus Schweden, Frankreich, Deutschland, Oesterreich, Tyrol, Dal- 
matien, Sardinien, welche auf überschwemmten Felsen raschfliessender 
Gewässer besonders in subalpinen Gebieten wachsen und von anderen 
Autoren als selbständige Arten aufgestellt waren. Indess erwähnen 
Bornet und Flahault ebensowenig als andere Autoren die Erosions- 
furchen, und da dieselben bei der Zusammenfassung ihrer Species über- 
haupt auf biologische Verhältnisse geringere Rücksicht nehmen, so 
lassen wir dahingestellt, ob die Rivularie der Alpenseen wirklich mit 
der der Gebirgsbäche identisch ist. Bornemann fand in einem Bach 
in Thüringen Kalkgerölle, welche von einer Schizophycee, die er 
Hypheotrix Zenkeri nennt, 0,5 mm tief angeätzt waren, und beobachtete 
ähnliche Erosionen auch an Jurakalkerf, die er von fossilen Algen 
(Siphonema incrustans, Zonotrichites lissaviensis, Calcinema triasinum) ableitete 
(Geologische Algenstudien. Jahrb. Preuss. Geol. Landesanstalt 1886). 

Eine selbständige Entscheidung über die Algen, welche die hier 
geschilderten Erosionen der Kalkgeschiebe in den Alpenseeen hervor- 
rufen, lässt sich aus den mir zu Gebote stehenden Handstücken, wo 
die Algen durch langjährige Verwitterung schon sehr unkenntlich ge- 
worden sind, nicht gewinnen, und wird erst durch die von Professor 
Schröder in Aussicht gestellte Untersuchung von frischem Material ge- 
geben werden. Soviel steht indess fest, dass die wirksamen Organismen 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Schizophyceen und zwar Rivulariaceen oder Schizotricheen sind, die mit 
ihren Heterocysten oder Basalzellen an die Oberfläche der Kalksteine 
angeheftet sind, während die spangrünen Fäden radial nach aussen 
gerichtet sind. Es ist hiernach wohl anzunehmen, dass die Basalzellen 
negativ, die Fadenspitzen positiv heliotrop sind — eine polare Differenz 
der beiden Fadenenden in Bezug auf den Lichtreiz, die jedenfalls bei 
allen Algen, welche sich an ein Substrat mit Rhizoiden oder Haftscheiben 
anheften, zutrifft und schon an der keimenden Spore im polaren Gegen- 
satz der beiden Enden sich zeigt. Möglich indess, dass es sich hierbei 
nicht sowohl um Heliotropismus als um andere Kräfte handelt. Jeden- 
falls aber verhalten sich in Bezug auf den Stoffwechsel die Basalstücke 
insofern den grünen Fäden entgegengesetzt, als die ersteren, ähnlich den 
Wurzeln, eine Säure ausscheiden müssen, welche den Kalk auflöst, 
während den letzteren die noch immer nicht aufgeklärte Fähigkeit zu- 
kommt, eine gelöste Kalkverbindung, vermuthlich Bicarbonat, intercellular 
zwischen den Fäden, innerhalb der aus den Scheiden durch Quellung 
entstandenen Gallert auszuscheiden und krystallinisch auszufällen. 

Herr Rosen bemerkt hierzu, dass auch die Plasmodien von Fuligo 
septica (Aethalium septicum) , wenn dieselben über Marmor fliessen, 
diesen corrodiren, offenbar durch eine an der Unterfläche ausgeschiedene 
Säure, und sich vor der Sporenbildung an der Oberfläche mit aus- 
geschiedenem Calciumcarbonat incrustiren. 

In der sechsten Sitzung vom 16. November begrüsst Herr 
Ferdinand Cohn den Professor der Zoologie, Herrn Chun, indem er 
die Hoffnung ausspricht, dass die geplante Vereinigung der Zoologen und 
Botaniker zu gegenseitiger Förderung und Anregung dienen werde. 

Herr Chun hebt hervor, dass die naturwissenschaftliche Section 
der Schlesischen Gesellschaft sich in neuerer Zeit fast ausschliesslich 
mit den Gebieten der Physik, Chemie, Mineralogie und Geologie beschäftige, 
und daher in dieser die Zoologen weniger Anregung finden und geben 
können; um so freudiger würde er es begrüssen, wenn die Botanische 
Section derart erweitert würde, dass sie die gesammte belebte Natur 
umfasse, und insbesondere auch der Physiologie und Anatomie der Thiere 
und Menschen Raum in ihren Sitzungen gewährte; selbst die Palaeontologie 
und Psychophysik sollten nicht ausgeschlossen sein. Für eine so umge- 
staltete Section würde wohl der Name „Biologische Section" am meisten 
zutreffend sein; doch komme es mehr auf die Sache als auf den 
Namen an. 

Herr Ferdinand Cohn befürwortet, den Namen „Zoologisch- 
botanische Section", da gewöhnlich in der Definition des Wortes 
„Biologie" die Studien über Fauna und Flora nicht mit einbegriffen 



IL Abtheilung. Botanische Section. 23 

werden, die gleichwohl in den Forschungskreis unserer Section gehören 
müssen. 

Bei der Abstimmung wird einstimmig beschlossen, dass vom nächsten 
Jahre ab die Botanische Section zur Zoologisch-botanischen 
sich erweitern und für dieselbe zwei Secretäre gewählt werden 
sollen. 

Hierauf sprach Herr Ferdinand Cohn 
TJeber Formaldehyd und seine Wirkungen auf Bacterien. *) 

Der Formaldehyd bildet durch seine chemische Zusammensetzung 
(CH 2 0) ein Mittelglied zwischen den sog. anorganischen Kohlenstoffver- 
bindungen (CO und CO 2 ) und den Kohlenhydraten. Seine physiologische 
Bedeutung wurde zuerst 1870 durch Baeyer erkannt; nach seiner An- 
nahme besteht die Assimilation der Kohlensäure durch die chlorophyll- 
grünen Organe der Pflanzen im Lichte darin, dass das Kohlendioxyd (CO 2 ) 
zu Kohlenoyxd (CO) reducirt, und aus letzterem sodann zunächst Formal- 
dehyd (CH 2 0) und durch Condensation Glycose (C 6 H 12 6 ) gebildet wird. 
Reinke hatte dagegen 1883 angenommen, dass bei der Assimilation 
nicht Kohlendioxyd CO 2 , sondern Kohlensäure CH 2 3 zerlegt werde, 
aus der durch Abspaltung von O 2 Formaldehyd CH 2 gebildet werde. 
1893 hat Bach aus seinen im Laboratorium von Schützenberger ge- 
machten Versuchen den Schluss gezogen, dass in derselben Weise, wie 
schwefelige Säure durch Sonnenlicht in Schwefelsäure, Wasser und 
Schwefel zerlegt werde (3H 2 S0 3 = 2H 2 S0 4 -f H 2 -f S), so auch 
Kohlensäure schon durch das Licht in Formaldehyd, Kohlendioxyd und 
Wasserstoffhyperoxyd, resp. Wasser und Sauerstoff, gespalten werde; 
(3H 2 C0 3 == H 2 CO + 2C0 2 + 2H 2 2 ); er konnte in Wasser, durch 
das ein Strom von Kohlensäure geleitet, und das dem Sonnenlicht aus- 
gesetzt war, die Bildung von Formaldehyd nachweisen. Reinke 
hatte 1883 die Gegenwart von Aldehyden im Protoplasma der Lohen- 
blüthe (Aethalium septicum — Fuligo varians) nachgewiesen; dasselbe 
war schon 1881 durch Loew und Bokorny bei Spirogyra geschehen, 
welche durch die Reduction alkalischen Silbernitrats den Beweis zu er- 
bringen suchten, dass nur lebendes Protoplasma Aldehyde enthalte, 
nicht aber todtes; daher sei Silbernitrat ein Reagens auf Leben. 

Nun hatte schon 1861 Butler ow aus Trioxymethylen, der Poly- 
merisation des Formaldehyd, einen zuckerartigen Syrup, Methylenitan 
dargestellt; 1886 gelang es Loew, in diesem Syrup einen durch Con- 
densation von 6 Mol. Formaldehyd synthetisch gebildeten wirklichen 



*) In diesem Bericht ist auch das Referat eines am 23. December in der 
Hygienischen Section gehaltenen Vortrages über Antisepsis und Desinfection 
durch Formaldehyd mit aufgenommen worden. 



24 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Zucker (Formose) nachzuweisen-, hieran haben sich dann weiter die Ent- 
deckungen von Emil Fischer angeschlossen, welcher 1890 durch 
Synthese auch andere Zuckerarten und selbst Frucht- und Traubenzucker, 
Glycose und Fructose erhielt. 

Bei ihren Untersuchungen hatten Loew und Bokorny 1887 ge- 
funden, dass Formaldehyd Algenzellen schon in 0,05 °/o tödte; 1890 
bestätigte Bokorny, als er versuchte, Pflanzen im Dunkel mit Formal- 
dehyd zu ernähren, um sie zur Bildung von Kohlenhydraten zu veran- 
lassen, dass Formaldehyd schon in minimaler Menge als Gift auf Pflanzen- 
zellen wirke; nur mit Verbindungen von Formaldehyd (Methylal u. a.) 
erzielte er günstige Resultate. 1889 zeigten Buchner und Segall, 
dass die Dämpfe des Formaldehyd gegen saprophytische und pathogene 
Bacterien sich stark desinficirend verhalten. Eine weitere Anwendung 
dieser Beobachtungen trat indess erst seit dem vorigen Jahre (1892) 
ein, seitdem der Formaldehyd, den zuerst A. W.Hof mann 1869 durch 
Leiten von Methylalcoholdämpfen über eine glühende Platinspirale, 
jedoch nur in geringen Mengen dargestellt hatte, in Folge der be- 
sonders durch Loew verbesserten Methoden jetzt fabrikmässig erzeugt 
wird. Und zwar wird von der chemischen Fabrik vorm. Schering in 
Berlin eine ca. 40 °/ Lösung in Wasser unter dem Namen Formalin 
in den Handel gebracht, während dasselbe Fabrikat in der chemischen 
Fabrik zu Höchst als Formol bezeichnet wird. Beide Namen müssen 
indess zu Verwirrungen führen, da z. B. nicht ohne weiteres klar ist, 
dass unter einer 4 °/ Formalinlösung eine solche verstanden werden 
soll, die 4 °/ Formaldehyd enthält. Während bisher Formaldehyd 
nur als Gas oder in Wasser gelöst bekannt war, hat Kekule 1892 den 
Formaldehyd auch rein als wasserhelle leicht bewegliche Flüssigkeit 
und als feste weisse Substanz dargestellt. 1892 machte zuerst 
Trillat, ein Paar Monate später Berlioz und Trillat in Paris 
und gleichzeitig Aronson in Berlin sehr sorgfältige und eingehende 
Untersuchungen über die specifische antiseptische Wirkung des Formal- 
dehyd bekannt, durch welche erwiesen wurde, dass die verschiedensten 
Bacterien ebenso durch die wässrige Lösung des Formaldehyd in mini- 
malen Mengen, wie durch die Dämpfe in kurzer Zeit in ihrer Entwickelung 
gehemmt oder völlig getödtet werden; dadurch werden natürlich auch 
die Stoffe, in denen dieselben sich entwickeln, desinficirt und sterilisirt, 
Fäulniss oder Gährung von Milch, Fleisch, Wein u.a. aufgehoben. Im Laufe 
des Jahres 1893 sind wieder eine grosse Anzahl Versuche von verschiede- 
nen Seiten sowohl über die Wirksamkeit der wässrigen Lösung, als auch 
der Formaldehyddämpfe veröffentlicht worden; die wichtigsten von Stahl, 
Liebreich (Berlin), Blum sen. und jun. (Frankfurt a. M.), Penzold 
und Gegner, Haus er, Lehmann (Würzburg). Es ist ein besonderes Ver- 
dienst der chemischen Fabrik vorm. Schering in Berlin, den Formal- 



II. Abtheilung. Botanische Section. 25 

dehyd als ein überaus werthvoües Mittel für die praktische Verwendung 
eingeführt und auf Grund ihrer eigenen, sowie der Versuche der oben 
genannten Forscher in ihren Prospecten vom März und September 1893 den 
Gebrauch des Formaldehyd zu den verschiedensten Anwendungen der 
Conservirung, der Antisepsis, Asepsis, Desinfection, sowie zur Zerstörung 
übler Gerüche auf das Wärmste anempfohlen zu haben. 

Anscheinend beruhen die hier angedeuteten Wirkungen des Formal- 
dehyd darauf, dass derselbe in kurzer Zeit und in grosser Verdünnung 
Eiweissstoffe fixirt und härtet, und dadurch für die Thätigkeiten des 
Lebens untauglich macht. Die Fixirung des Protoplasma in Pflanzen- 
zellen geschieht bei Zusatz von 1 — 2 °/ Formaldehyd so rasch, dass 
keine Plasmolyse eintritt und die innere feinste Structur vollständig er- 
halten bleibt. Schon Trillat und Berlioz hatten 1892 nachgewiesen, 
dass Formaldehyddämpfe von thierischen Geweben sehr rasch vollständig 
absorbirt, und dass thierische Haut dadurch in Leder umgewandelt 
werde. Wie Hauser 1893 gezeigt hat, wird auch von Gelatine Formal- 
dehyddampf bis in tiefe Schichten absorbirt, und diese dadurch in kurzer Zeit 
so verändert, dass sie durch keine Temperatur wieder verflüssigt werden 
kann (Formalingelatine Häuser)*, selbst die durch Bacterien verflüssigte 
Gelatine wird nach längerer Einwirkung der Formaldehyddämpfe wieder 
fest. Haus er hat diese Eigenschaft der Dämpfe benutzt, um Bacterien- 
culturen in jedem beliebigen Entwickelungszustande zu fixiren, und zwar 
Sticbculturen durch Verschluss der Reagensgläschen mit Watte, der 
10 — 15 Tropfen Formalin zugesetzt sind, Plattenculturen dagegen durch 
Fliesspapier, das mit Formalin befeuchtet ist. Auch lassen sich durch 
Ausschneiden von dünnen Quadraten solcher Plattenculturen leicht 
mikroskopische Dauerpräparate herstellen. Vortragender konnte diese 
Methode durch Demonstrationen an Stichculturen asiatischer Cholera und 
eines mikroskopischen Dauerpräparates des Bacterium Zopßi veran- 
schaulichen, die ihm Dr. Haus er freundlichst überlassen und die sich 
seit dem Juni d. J. völlig unverändert gehalten hatten. Versuche des 
Vortragenden haben die Angaben von Haus er bestätigt- Formaldehyd 
ist auch ein vortreffliches Mittel zur Conservirung von Leuconostoc und 
chromogenen Bacterien, da die Gallert und die Pigmente nicht verändert 
werden. Der Vortheil dieser Methode bei Anlegung von Sammlungen 
pathogener und anderer Bacterien, sowie zum dauernden Nachweis der 
Colonien in zweifelhaften Fällen (Cholera, Typhus) ist einleuchtend 5 besonders 
hervorzuheben ist, dass in den Fällen, wo Gelatine durch Bacterienculturen 
verflüssigt worden ist, dieselbe zwar durch die Formaldehyddämpfe 
wieder fest wird, aber optisch das für verschiedene Bacterienarten 
charakteristische Ansehen der Verflüssigung beibehält. Nur wenn die 
Verflüssigung der Gelatine bis zu stinkender Fäulniss vorgeschritten ist, 
konnte ich das Wiederfestwerden durch Formaldehyddampf nicht finden. 



26 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Blum sen. hat neuerdings (November 1893) von den antiseptischen 
Eigenschaften des Formaldehyd eine Anwendung für Museen empfohlen, 
indem er darauf fusste, dass thierische und auch pflanzliche Gewebe 
durch Formaldehyd aus ihrem halbweichen in einen resistenteren härteren 
Aggregatzustand übergehen, und dass Fische, Frösche, Schnecken und 
andere Thiere ebenso wie pflanzliche Präparate durch 4 °/ Formaldehyd- 
lösung steif und hart werden, ohne wesentlich zu schrumpfen und ohne 
Veränderung der mikroskopischen Structur ihrer Gewebe. Die härtende 
Einwirkung des Formaldehyd macht sich beim Arbeiten mit diesem 
Stoff auch an der Haut der Finger bemerkbar; die Versuche, über 
welche die Fabrik vorm. Schering berichtet, ergeben, dass durch Be- 
streichen mit Formaldehydlösung die lebenden Hautgewebe nicht bloss 
lederartige Beschaffenheit annehmen, sondern auch nekrotisirt und dann 
schmerzlos abgestossen werden, woraus sich eine vielfache Verwendung 
für chirurgische und wohl auch dermatologische Zwecke ergeben würde. 

Aus der härtenden, fixirenden Wirkung des Formaldehyd, welcher 
eine noch nicht hinreichend erforschte Umwandlung (Coagulirung) des 
Protoplasma durch die absorbirten Dämpfe zu Grunde liegt, erklären sich 
ohne Zweifel auch seine antiseptischen und desinficirenden Eigenschaften. 
Vortragender hat seit October dieses Jahres, noch ehe die Versuche 
von Blum sen. bekannt gemacht wurden, die Wirkung des Formal- 
dehyd an pflanzlichen Objecten (Weintrauben, beblätterte Fruchtzweige von 
Epheu, Nepentheskannen, Pilze) erprobt und gefunden, dass in allen Fällen 
Zusatz von i / 2 °/ Formaldehyd hinreichte, um die Entwickelungvon Fäulniss- 
bacterien zu hindern und die Gegenstände unverändert seit 5 Monaten zu 
erhalten, wie eine Anzahl dieser Präparate aus dem Botanischen Museum 
der Universität veranschaulichte. Der Vortheil dieser Conservirungs- 
methode gegen den bisher üblichen Alcohol liegt einerseits in der 
Billigkeit, ganz besonders aber darin, dass der grüne und auch 
andere, insbesondere rothe Farbstoffe nicht ausgezogen werden 1 ) 
dass auch keine Schrumpfung eintritt. Dagegen löst sich der Gerb- 
stoff allmählich und färbt die Formaldehydlösung, jedoch weniger als 
Alkohol*, durch Erneuern der Flüssigkeit erhält man tadellose Objecte. 
Für Conservirung von Blüthen hat das Formaldehyd sich weniger günstig 
gezeigt, da durch das Vertreiben der Luft aus den Intercellularen die 
Kronblätter zu durchsichtig werden. Um die Entwickelung von Schimmel- 
pilzen zu verhindern, genügt eine 0,5 °/ Lösung nicht und ist offenbar 
stärkere Concentration erforderlich. Für Conservirung von Algen und 
höheren Pilzen verspricht das Formaldehyd günstige Erfolge. Dieselbe 
Conservirung, die Vortragender für die Zwecke eines botanischen 



l ) In Epheuzweigen ist nach vier Monaten das Chlorophyll völlig unverändert, 
ebenso der rothe Farbstoff in Weintrauben und Nepentheskannen. 



IL Abtheilung. Botanische Section. 27 

Museums anwendet, hat Blum sen. erfolgreich auch für das zoologische 
Museum in Frankfurt a. M. benutzt, und die Schering'sche Fabrik für 
Leichentheile und selbst für Mumificirung yon Leichen empfohlen. 1 ) 

Schon die ersten Mittheilungen von Tri Hat, Berlioz, Aronson 
ergaben, dass Formaldehyd das Sublimat in desinficirender Wirksamkeit 
weit übertrifft, und dass überaus geringe Mengen von Formaldehyd zur 
Tödtung von zymogenen und pathogenen Mikrophyten genügen. Nach 
Berlioz und Trillat reicht Formaldehyd 1 : 50 000 (1 dg in 5 1 Wasser) 
aus, umMilzbrandbacillensporen zu tödten; nach Aronson 1 : 20000 (1 dg 
in 2 1), um Typhusbacillen, Staphylo coccus pyogenes und selbst Milz- 
brandbacillen zu vernichten; sogar bei doppelter Verdünnung wird das 
Wachsthum geschwächt. Stahl giebt das zum Tödten der Sporen von 
Milzbrandbacillen in einer Stunde genügende Minimum auf 1 : 1000, in 
V 4 Stunde auf 1 : 750 an. Da andere Forscher eine weit geringe steri- 
lisirende Wirksamkeit des Formaldehyd gefunden, so habe ich es für 
angemessen gehalten, selbst eine Anzahl Versuche zu machen, bei denen 
Herr R. Krull mir assistirte. 

Erbsen, die nach mehrtägigem Einweichen in Wasser bereits in 
Fäulniss begriffen waren, wurden durch Zusatz von 0,1 °/ mitunter, von 
0,2 °/ meist, von 0,3 und mehr Procent Formaldehyd stets vollkommen 
desinßcirt und erhielten sich bis jetzt (nach fünf Monaten) unverändert; 
dasselbe gilt von hartgekochtem Eiweiss bei Zusatz von 0,1 °/ . War 
das Wasser durch reichliche Bacterienentwickelung bereits trübe, so 
klärte es sich nach Zusatz von 0,1 — 0,3 °/o vollständig nach einiger 
Zeit, indem die getödten Bacterien sich allmählich am Boden absetzten; 
der Fäulnissgestank verschwand augenblicklich. 

Werden die Versuchsgläschen mit Kautschukkappen verschlossen, so 
werden diese allmählich concav, da die Formaldehyddämpfe durch das 
Kautschuk diffundiren, während die Luft von aussen durch die Kautschuk- 
lamelle nicht eindringt. Lässt man solche Gläschen längere Zeit stehen, 
so wird die Kautschukkappe kesseiförmig durch den Luftdruck einge- 
drückt, und es ist anzunehmen, dass nach einiger Zeit aller Formaldehyd 
entwichen ist; dennoch bleibt das Wasser klar, und es findet keine 
Zersetzung statt. 2 ) Tritt dagegen in einem solchen Gläschen Fäulniss ein, 
so werden die Kautschukkappen convex aufgeblasen durch den Druck 
der entweichenden Fäulnissgase. 

Aus allen diesen Versuchen geht hervor, dass ein Zusatz von 15 bis 
20 ccm der käuflichen 40°/ Formaldehydlösung zu einem Liter Wasser 

*) Nach einer neuesten Mittheilung der Schering'schen Fabrik (Jan. 1894) 
hat sich der Formaldehyd für Conservirung von anatomischen Präparaten und 
selbst ganzen Leichen im pathologischen Institut zu Berlin bewährt. 

2 ) Da Kautschuk, wie obige Versuche zeigen, Formaldehyddämpfe absorbirt, 
so eignen diese sich vorzüglich zur Sterilisation von Instrumenten aus Kautschuk. 



28 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

mehr als genügend ist, um Pflanzentheile längere Zeit in Form und 
Farbe unverändert aufzubewahren. Die Schering' sehe Fabrik empfiehlt, 
zu ähnlichen Zwecken den Zusatz von einem Esslöffel ihres Formalin 
zu einem Liter Wasser, was etwa auf dasselbe hinausläuft. Eine längere 
Erfahrung kann natürlich erst lehren, welche Dauer derartiges Material 
hat; doch steht schon jetzt fest, dass das Wasser durch sehr geringen 
Zusatz von Formaldehyd vollständig sterilisirt wird. Bei der Arbeit mit 
Formaldehyd ist einige Vorsicht nöthig, da die Dämpfe starken Kopf- 
schmerz hervorrufen und die Schleimhäute angreifen. 

Versuche mit Spirogyren, welchen verdünnte Lösungen (1 — 2°/ ) von 
Formaldehyd zugesetzt wurden, ergaben, dass die Tödtung der Zellen so 
momentan vor sich geht, dass keine Plasmolyse eintritt, und die Plasma- 
fäden und sonstigen Structurverhältnisse des Cy toplasten fixirt werden; 
Zellkern und Pyrenoide lassen sich färben, die Stärkeringe werden 
durchsichtig, die Chromatophoren bleiben sonst unverändert. 

Um das Minimum des Formaldehyds, das zur Tödtung von Bacillen- 
sporen ausreicht, festzustellen, benutzte Vortragender wässeriges Heuinfus, 
das bekanntlich sich stets nach 12 — 24 Stunden durch Entwicklung 
verschiedener Bacterienarten trübt; wird das Heuinfus */ 4 Stunde gekocht, 
so werden mit Ausnahme der Sporen der Heubacillen alle übrigen 
Bacterien getödtet; aus den Sporen entwickelt sich dann im Laufe der 
nächsten Tage eine Vegetation von Heubacillen, die mit einer aus 
Sporen gebildeten Haut an der Oberfläche des Infuses abschliesst. Ich 
habe nun eine Anzahl Versuchsreihen angestellt, theils mit gekochtem, 
theils mit ungekochtem Heuinfus, die sich indess gleich verhielten. Zu 
Reagenscylindern, welche je 10 cem Heuinfus enthielten, wurde Formal- 
dehyd in verschiedenen Verhältnissen zugesetzt, jeder Versuch doppelt. 
Die beschickten und mit Korken verpfropften Cylinder wurden im 
Thermostat bei 32° der Entwickelung der im Heuinfus enthaltenen 
Sporen und Keime überlassen, wobei sich, je nachdem diese durch den 
Formaldehyd getödtet waren oder nicht, schon nach 24 Stunden die 
Flüssigkeit trübte und verfärbte oder klar blieb; in letzterem Fall 
musste noch bis zum folgenden oder dritten Tage abgewartet werden, 
ob nicht später (aus gekeimten Sporen) eine Trübung erfolgte. Es stellte 
sich heraus, dass bei verschiedenen Versuchsreihen, bei denen Formal- 
dehyd verschiedener Herkunft (frisch aus der Fabrik bezogenes oder 
altes) benutzt wurde, die zur Sterilisirung erforderliche Menge verschieden 
war. In einem Falle war der Zusatz von Formaldehyd im Verhältniss 
von 1 : 80 000 (10 mg in 8 Liter, 0,00125°/ ) genügend, um die Ent- 
wickelung aller Keime und Sporen vollständig zu hindern und die Flüssigkeit 
dauernd zu sterilisiren; in einem andern Falle war hierzu die doppelte 
(1 : 40 000, 0,0025%), in einem dritten die achtfache Menge (1 : 10 000, 
0,0] °/ ) erforderlich, resp. ausreichend. Das ungleiche Resultat ist wohl 



II. Abtheilung. Botanische Section. 29 

zum Theil darauf zurückzuführen, dass bei der grossen Flüchtigkeit des 
Formaldehyd das angewendete „Formalin" in Wirklichkeit nicht mehr 
40°/ Formaldehyd, sondern viel weniger enthielt, was namentlich bei 
der geringen Menge, die für die Versuche gebraucht wird (in einem 
Reagenscylinder mit 10 ccm Heuinfus sollten nur 0,125 — 1 mg Formal- 
dehyd vorhanden sein) wesentlich in Betracht kommt. 

Auch über die antiseptische Wirkung des Formaldehyddampfes 
finden sich verschiedene Angaben ; während die einen Beobachter durch 
denselben schon nach kurzer Zeit vollständige Desinfection erreichten, 
konnten andere diesen Erfolg erst nach längerer Einwirkung oder nur 
unvollständig erzielen. Meine eigenen Versuche wurden so. angestellt, 
dass ich schmale Tuch- und Wattestreifen in Wasser eintauchte, in 
welchem Erbsen faulten, und sie dann, nachdem sie an der Luft ge- 
trocknet waren, in quadratische Flecke von etwa 1 qcm zerschnitt. 
Diese Stücke wurden alsdann in einem Glassieb über einer Schale auf- 
gehängt, in welche Formalin gegossen war, und mit einer Glasglocke 
bedeckt, die auf eine Glasplatte luftdicht aufgesetzt wurde. Von unten 
konnte durch einen Mikrobrenner die Glasplatte erwärmt und dadurch 
die Verdampfung des Formaldehyd beschleunigt werden. Die Flecke 
wurden herausgenommen, nachdem sie längere oder kürzere Zeit (5, 10, 
20, 30 Minuten u. s. f.) der Wirkung der Formaldehyddämpfe ausgesetzt 
waren, sodann in Petrischalen mit Nährgelatine der weiteren Entwicke- 
lung ihrer Keime überlassen. Hierbei ergab sich, dass eine Einwirkung 
des Dampfes während mindestens 30 — 60 Minuten erforderlich war, um 
die Flecke vollkommen zu sterilisiren und die denselben anhaftenden 
Keime zu tödten; wirkten die Dämpfe kürzere Zeit, so entwickelte sich 
um die Flecke ein immer weiter um sich greifender, aus zahllosen 
Bacteriencolonien gebildeter Hof, und die Nährgelatine wurde verflüssigt. 
Zur Tödtung der Penicilliumsporen, mit denen ebenfalls die Flecke in- 
ficirt waren, reichten selbst 3 Stunden nicht immer aus, und erst in 
solchen, die mindestens 6 Stunden dem Formaldehyddampfe ausgesetzt 
waren, wurde die Verunreinigung durch Penicilliumcolonien dauernd ver- 
hindert. 

Bei einer anderen Versuchsreihe wurden die Flecke, nachdem sie 
dem Formaldehyddampfe verschiedene Zeit hindurch ausgesetzt waren, 
in Reagensgläschen mit flüssiger, aber vorher sterilisirter Nährgelatine 
eingesenkt, und die weitere Entwickelung im Thermostat bei 32° ver- 
folgt. Hier stellte sich heraus, dass eine auf Entwickelung von Bacterien- 
colonien beruhende Trübung der Nährgelatine mit Sicherheit erst dann 
unterblieb, wenn die Tuchflecke eine Stunde im Dampfe des Formaldehyd 
sich befunden hatten j bei Baumwollenflecken genügte eine halbe Stunde. 
An der Oberfläche der getrübten Nährgelatine entwickelte sich ein 
weisses Häutchen, aus Bacillensporen bestehend ; aber auch an der Ober- 



30 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

fläche der Gläschen, die eine volle Stunde sich im Dampf befanden und 
klar geblieben waren, fand sich allmählich ein Häutchen ein, aus 
Oidium lactis gebildet, das also auch der Einwirkung der Formaldehyd- 
dämpfe länger (bis 2 Stunden) widersteht. In den getrübten Gläschen 
erstarrte beim Erkalten die Gelatine nicht mehr, wohl aber in den 
sterilisirten; doch war es auffallend, dass in einigen der letzteren, in 
welchen Tuchflecke lagen, die eine und einmal sogar zwei Stunden sich 
im Formaldehyddampfe befanden, zwar keine Trübung, gleichwohl aber 
Verflüssigung der Gelatine nach längerer Zeit eintrat, die vielleicht von 
einem dem Tuch anhaftenden Enzym ausging; bei den Watteflecken war 
dies nie der Fall. 

Ein Fehler in den oben angegebenen und ähnlichen Versuchsmethoden 
liegt darin, dass erstens einige Zeit vergeht, ehe innerhalb der Glocke, 
unter der die inficirten Flecke liegen, der Formaldehyddampf hinreichen- 
den Partialdruck besitzt, und dass zweitens bei jedesmaligem Oeffnen 
der Glocke ein grosser Theil des Formaldehyddampfes entweicht, und 
dann wieder erst nach einiger Zeit der erforderliche Partialdruck sich 
einstellt. Daher erhielt ich weit günstigere Resultate, als ich den Ver- 
such so abänderte, dass ich nicht eine grössere Menge inficirter Flecke 
auf einmal unter eine Glocke stellte, sondern eine weithalsige Flasche 
benutzte, auf deren Boden Formaldehyd ausgegossen wurde, während an 
dem verschliessenden Kork von oben in eine Drahtschlinge für jeden 
Doppelversuch nur ein Paar Flecke aufgehängt wurden, nachdem der 
Innenraum der Flasche vorher durch Erwärmen des Bodens mit Formal- 
dehyddampf erfüllt war; auf diese Weise blieben die Flecke je 5, 10, 
15, 20, 30 Minuten ununterbrochen dem Dampfe ausgesetzt. Hier war 
jedesmal eine Exposition von 15 Minuten ausreichend, um alle 
Bacterienentwickelung aufzuheben und die inficirten Flecke 
dauernd zu sterilisiren, während bei einer Exposion von nur 
5 — 10 Minuten Trübung und Häutchenbildung eintrat. 

Unsere Versuche haben demnach bestätigt, dass Formaldehyd eben- 
so als wässerige Lösung in minimalen Mengen, als auch in Dampfform 
nach kurzer Einwirkung Bacterien in vegetativer Vermehrung wie in 
Sporen tödtet, und daher als ein ausgezeichnetes Mittel zum Zwecke der 
Sterilisirung, Desinficirung, Desodorificirung, Asepsis, sowie zur Conser- 
virung von Präparaten und anderen Stoffen geeignet erscheint. Ein 
Uebelstand ist die nicht immer gleichmässige Wirksamkeit, wie die grössere 
Widerstandsfähigkeit der Schimmelpilze, welche unter Umständen die 
Anwendung grösserer Mengen Formaldehyd erfordern dürfte. Wenn es 
auch nicht zulässig ist, die Resultate von Laboratoriumsversuchen ohne 
Weiteres auf das Verhalten im Grossen zu übertragen, so müssen doch 
die von mir in Uebereinstimmung mit Anderen erhaltenen Beobachtungen 
dazu anregen, die insbesondere von der chemischen Fabrik vorm. 



IL Abtheilung. Botanische Section. 3 1 

Schering empfohlenen vielseitigen Verwendungen ihres „Formalin" in 
möglichst ausgedehnter Weise zu erproben. 

Herr Th. Schübe sprach 

Ueber die sicilianische Frühjahrsflora. 

Er stützte sich dabei auf das Material, das er in diesem Jahre bei 
Messina, Catania, Nicolosi, Syrakus, Girgenti und Palermo gesammelt 
hatte, neben welchem auch einige Pflanzen vorlagen, die vom Vesuv 
stammten. Im Ganzen waren es etwa 180 Arten, die fast sämmtlich der 
deutschen Flora fehlen, auf Sicilien aber meist eine weite Verbreitung 
haben; daher unterbleibt hier eine Aufzählung im einzelnen. 

In der siebenten Sitzung vom 30. November hielt Herr 
J. Schroeter einen Vortrag: 

Zur Entwickelungsgeschichte der Uredineen. 

Vortragender beginnt mit einem historischen Rückblick. Die 
Heteröcie der Uredineen, von Willdenow zuerst wissenschaftlich be- 
hauptet, wurde erst von de Bary experimentell erwiesen für Puccinia 
graminiS) P. rubigo vera und P. coronata, die sog. Getreideroste. Oerstedt 
wies die Heteröcie von Gymnosporangium nach, Schroeter von Uromyces 
Pisi und vielen anderen; weitere Verdienste um dieselbe Frage erwarben 
sich hauptsächlich Magnus, Nielsen, Plowright, Klebahn. Hatte 
man früher geglaubt, dass die Uredineen der Gräser alle heteröcisch 
seien, weil die Gräser ihrem Bau nach keine Aecidien tragen könnten, 
so musste man diese Ansicht fallen lassen, als in den Pampas ein Acci- 
dium auf einer Slipa gefunden wurde. 

Es giebt Uredineen, welche nur deshalb als verschiedene Species 
angesehen werden, weil einzelne Stadien derselben verschiedene Wirte 
haben müssen; solche Species zeigen dann keine sicheren morphologischen 
Unterschiede. Für sie wird der Terminus „Species sorores" vorgeschlagen. 

Unter den Getreiderosten besteht Puccinia coronata aus mehreren, 
mindestens 2, Species sorores. Die Uredo- und Teleutoform der P. coro- 
nata wächst auf vielen Gräsern, z. B. Avena sativa; das Aecidium auf 
Rhamnus cathartica und Frangula Älnus. Plowright, Schroeter und 
Kleb ahn zeigten, dass es nicht immer gelinge, den Rhamnus und die 
Frangula mit den P. coronata -Teleutossporen zu inficiren. Der Grund 
dieser Erscheinung liegt darin, dass es sich nicht um eine, sondern min- 
destens um 2 distincte Arten handelt, die morphologisch nicht mit 
Sicherheit zu unterscheiden sind, aber verschiedene Wirtspflanzen haben 
müssen. Schroeter zeigte, dass die Puccinia coronata des Hafers ihre 
Aecidien auf Rhamnus cathartica bildet, nicht aber auf Frangula Alnus. 
Das Aecidium des letzteren Baumes hat seine Uredo- und Teleutoform auf 
Phalaris arundinacea (von Preuss Puccinia sertata genannt), wahrscheinlich 



32 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

auch auf Holcus, Glyceria etc. Welches der beiden Aecidien zn der P. coronata 
der übrigen Gräser (in Schlesien über 20 Arten) gehört, ist nicht bekannt. 

Auch die alte Puccinia Phragmitis besteht aus Species sorores. Neben der 
echten P. Phragmitis wächst auf Phragmites die morphologisch nicht sicher 
zu unterscheidende P. Treylii. Die letztere hat ihre Aecidien nur auf Rumex 
Acetosa; die Aecidien der echten P. Phragmitis sind genau ebenso ge- 
staltet, wachsen aber nur auf den grossblättrigen Rumex- Arten (R. Hydro- 
lapaihum, obtusifolius etc.) und auf Rheum. Weitere Species sorores fand 
Kleb ahn unter den Coleosporien; hier giebt es mindestens drei zu 
Peridermium Pini forma acicola gehörige Species sorores, deren Coleospo- 
riumform auf Senecio silvaticus und einigen anderen Senecio- Arten (C. Sene- 
cionis)) auf Sonchus (C. Sonchi) und auf Euphrasia etc. (C. Euphrasiae) 
lebt. — Auch unter den anderen Pilzgruppen giebt es wohl Species sorores, 
vielleicht auch unter den parasitischen Phanerogamen (Viscum). 

Vortr. schliesst einige Bemerkungen über die Gattung Melampsora 
an. Die Sporidien von Melampsora populina keimen im Februar-März; 
die Melampsora kommt aber erst im Juni; es muss also noch eine 
Zwischenform vorhanden sein. Diese fand Schroeter auf AUium olera- 
ceum, sphaerocephalum etc. (Caeoma Allii vordem genannt). H artig be- 
hauptete, die Melampsora von Populus nigra sei identisch mit der von 
P. tremula; dies ist nicht richtig, da sich beide schon morphologisch sehr 
deutlich unterscheiden. Vortragender fand denn auch, dass die Melampsora 
der P. tremula ihr Caeoma nicht auf AUium bildet (auch nicht auf AUium 
ursinum, was Vortragender anfangs vermuthete), sondern auf Mercurialis 
perennis. Ungenau sind noch die $a//x-Melampsoren bekannt. Von einer 
derselben, welche auf Salix fragilis (Mel. Vitellinae) lebt und sich durch 
besonders lange, den der Melampsora populina ähnliche Sporen auszeichnet, 
fand Schroeter, dass sie ihr Caeoma auf Galanthus nivalis bilde. 

Am 14. December hielt die Botanische Section der Schlesischen 
Gesellschaft für vaterländische Cultur ihre Schlusssitzung ab. 

Der Secretär der Section, Herr Ferdinand Cohn gab einen 
kurzen Bericht über die Geschichte der Botanischen Section, welche 
mit diesem Jahre insofern eine Periode ihrer Thätigkeit abschliesst, 
als sie vom nächsten Jahre ab als erweiterte Zoologisch -botanische 
Section wieder zusammentreten wird. Die Gründung der Botanischen 
Section ging aus von de'm Professor August Wilhelm Henschel, 
dem verdienten Geschichtsschreiber der Medicin, insbesondere der 
schlesischen, und Stifter f des 40 000 Arten umfassenden, der Gesellschaft 
vermachten Herbars, der durch ein I&mdschreiben vom 7. November 

1824 zu regelmässigen Versammlungen aufforderte. Am 22. December 

1825 erfolgte die Constituirung der Section, welche sich die Auf- 
gabe stellte, „die wissenschaftliche Pflanzenkunde im universellsten 



m 



IL Abtheilung. Botanische Section. 33 

Sinne, aber auch Bearbeitung der Botanik mit vorzüglicher Rück- 
sicht auf alles, was sich daraus für das schlesische Vaterland Er- 
spriessliches ergeben könnte, zu fördern." Der zweite Theil des Pro- 
gramms ist später durch die 1847 erfolgte Begründung einer besonderen 
Section für Obst- und Gartenbau übernommen worden; der erste ist von 
der Botanischen Section in vollem Maasse erfüllt worden, und es ist 
durch ihre directe und indirecte Mitwirkung nicht bloss die phaneroga- 
mische, sondern auch die Kryptogamenflora Schlesiens in einer Voll- 
ständigkeit erforscht und mit einer Gründlichkeit bearbeitet worden, 
wie in keinem anderen deutschen Gebiete. Die Jahresberichte der 
Section sind eine Fundgrube werthvoller Beobachtungen aus allen Ge- 
bieten der Botanik, von denen die wichtigsten — um nur an die schon 
verstorbenen Mitglieder zu erinnern — sich an die Namen Goeppert, 
Purkinje, Valentin, Wimmer, Wichura, M. und R. v. Uechtritz, 
Körber, Milde, Siegert, Schauer, W. G. Schneider, v. Jacobi, 
Prantl u. a. knüpfen. Das Secretariat führte Henschel von 1825 — 1830; 
nach ihm Wimmer 1831 — 1855, der nur auf kurze Zeit von Gra- 
bowski vertreten wurde. Seit dem Jahre 1856 wird es von dem 
gegenwärtigen Secretär, Ferdinand Cohn, verwaltet. Mit der 1820 
gegründeten Entomologischen Section feierte die Botanische in früheren 
Jahren gemeinsam ihr Stiftungsfest, das als ,, Käferessen" bekannt, durch 
poetische und musikalische Gaben gewürzt wurde. Im Jahre 1870 hielt 
die Section ihre erste Wanderversammlung in Königszelt-Striegau ab und 
wiederholte dieselben alljährlich unter zahlreicher Betheiligung hiesiger 
und auswärtiger Freunde der Pflanzenkunde. 1885 wurde die Wander- 
versammlung der Botanischen Section gemeinsam mit der Naturwissen- 
schaftlichen und Medicinischen Section in Heinrichau gehalten. Seit 
1887 sind an ihre Stelle die Wanderversammlungen der ganzen Gesell- 
schaft getreten. Als Secretäre der neuen Zoologisch-botanischen Section 
wurden Geh. Rath Professor Dr. F. Cohn und Professor Dr. Chun ge- 
wählt. 

Hierauf hielt Herr Rosen einen Vortrag 

Ueber Beziehungen zwischen der Function und der Ausbildung von 

Organen am Pflanzenkörper. 
M. H.! Als Thema der heutigen Besprechung habe ich mir eine 
Betrachtung der Beziehungen ausgewählt, welche man zwischen der 
Function und der Ausbildung von Organen am Pflanzenkörper auffindet. 
Bei dieser Wahl des Titels scheint es mir zweckmässig, zunächst zu 
präcisiren, was ich hier unter Organen des Pflanzenkörpers verstehen 
will. Denn es liegt auf der Hand, dass eine eingehende Betrachtung 
des Baues und der Arbeitsleistungen der Pflanze uns leicht dazu führen 
kann, die ganze Pflanze als ein einziges mit einer vielgestalteten Menge 

3 






34 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

in einander greifender Einzelfunctionen begabtes Organ aufzufassen, oder, 
um denselben Gedanken in eine uns geläufigere Form zu kleiden, die 
Pflanze mit allen ihren Theilen als den einheitlichen Ausdruck der An- 
passung an ihre Lebensbedingungen anzusehen. Diese functionelle Ein- 
heit der Pflanze spricht sich vor allen Dingen in den Correlations- 
erscheinungen am Pflanzenkörper aus. Besser als wissenschaftliche 
Erörterungen wird uns ein Beispiel dies darthun. Betrachten wir etwa 
eine beblätterte, sich soeben zur Blüthe anschickende dicotyle Pflanze. 
Nehmen wir an, dass sie, wie dies ja der häufigste Fall ist, zwar 
zwitterige Blüthen producirt, gleichwohl wegen ungleichzeitiger Reife 
der beiderlei Sexualzellen nicht im Stande ist, autogam zu fructificiren 
und daher auf die Bestäubung durch Insecten angewiesen ist. Treffen 
diese Voraussetzungen zu, so findet man, wie bekannt, in dem Fort- 
pflanzungsorgan, der Blüthe, allerhand Einrichtungen zur Sicherung der 
Pollenübertragung durch Insecten. Vor allen Dingen muss aber die 
Blüthe selbst den Insecten bemerkbar gemacht werden. Das kann durch 
einen Theil der Blüthe, die Corolle, geschehen, deren Grösse oder 
Färbung die Insecten aufmerksam macht; in sehr vielen Fällen sehen 
wir auch andere Theile der Pflanze mit in den Dienst der Blüthe treten. 
Bald ist es der Blüthenstiel, welcher sich gerade zu derjenigen Zeit, wo 
die Blüthe gesehen werden soll, lang ausstreckt, — wie bei dem Mohn, 

— wodurch dann die Blüthe weit über das Laubwerk der Pflanze 
emporgehoben wird; bald nehmen die Blätter, in deren Achseln die an 
sich unscheinbaren Blüthen stehen, lebhafte Färbungen an, wie bei dem 
Wachtelweizen (Melampyrum) ; meist sehen wir die Laubblätter der 
blüthentragenden Axe, je näher sie der Blüthe stehen, um so kleiner 
werden oder sich überhaupt erst nach der Blüthe entfalten, wodurch 
natürlich vermieden wird, dass die Blüthe im Laubwerk versteckt bleibt. 

— Daneben sind es oft weit von der Blüthe entfernt stehende Theile, 
welche den Schutz der Sexualorgane vor unberufenen Gästen aus der 
Thierwelt übernehmen: so finden wir zum Schutz gegen die gefrässigen 
Schnecken den Blüthenschaft, oft nur dicht über dem Boden, mit Haar- 
borsten oder Stacheln bekleidet; oder es werden kleine kriechende 
Insecten, wie bei der Pechnelke, durch echte Leimringe, oder durch 
eingeschaltete Wasserbassins, wie bei unseren breitblättrigen Karden 
(Dipsacus) und bei manchen tropischen Bromeliaceen ferngehalten. — 
Ist aber die Befruchtung erfolgt, so nehmen die ausserhalb der Blüthe 
stehenden Theile zu Gunsten der sich entwickelnden Frucht neue 
Functionen an. Durch Bewegungen ihres Stieles wird die junge Frucht 
nunmehr oft im Laubwerk, manchmal sogar in der Erde verborgen; die 
Leitungsbahnen zu derselben werden ausgebaut und durch dieselben wird 
der jungen Frucht die zu ihrer Entwickelung nöthige Nahrung zugeführt, 
auch wird rechtzeitig die mechanische Verstärkung derjenigen Theile 



II. Abtheilung. Botanische Section. 35 

vorgenommen, welche endlich statt der federleichten Blüthe die schwere, 
derbe Frucht zu tragen haben. — Dass es sich in allen diesen Punkten 
um ein Eingehen eines Theiles auf die Bedürfnisse eines anderen, 
d. h. um Correlationserscheinungen, handelt, wird am schlagendsten 
dadurch erwiesen, dass man Blüthenstiele derjenigen Organe, die sie zu 
tragen bestimmt sind, der Blüthe beraubt: man sieht alsdann, dass die 
Blüthenstiele die auffallenden Bewegungen, welche sie mit der Blüthe 
ausgeführt haben würden, und durch welche die Blüthe, scheinbar ohne 
ihr Zuthun, stets in die für ihren jeweiligen Entwickelungszustand 
passendste Stellung gebracht worden wäre, nun nicht mehr ausführen, 
ja, dass sie, der Blüthe beraubt, meist sehr bald ganz absterben. 

Vollkommen entsprechende Betrachtungen könnten wir für andere 
Erscheinungen am Pflanzenkörper anstellen, für die Assimilation z. B, 
oder die Transpiration oder die gesammte Statik der Pflanze. Es würde 
uns leicht sein zu erkennen, dass die Pflanze überall als Ganzes handelt, 
dass jeder ihrer Theile an einer Gesammtleistung participirt, deren 
Effect das den äusseren Bedingungen gegenüber Zweckmässige ist. 
Die gleiche Betrachtung würde uns aber auch zeigen, dass jeder Theil 
der Pflanze seinen Antheil an der Gesammtleistung in selbstständiger 
Weise verrichtet, und dass derselbe Anstoss anders auf die Blüthe, anders 
auf die Axenorgane und wieder anders auf Blätter und Wurzeln wirken 
kann- und dass endlich vielleicht kein Theil der Pflanze sich aus- 
schliesslich einer Function widmet. Alles dies zusammengenommen, 
muss uns dahin führen, jeden Theil der Pflanze als , ; Organ a zu be- 
trachten und die räumliche Umgrenzung jeden als Organ an- 
gesehenen Theiles ausschliesslich durch die Function, die ihm, 
sei es dauernd, sei es auch nur vorübergehend, innewohnt, zu be- 
stimmen. Wir gewinnen dadurch eine Auffassung von den Organen 
am Pflanzenkörper, welche nicht ganz mit der gebräuchlichen überein- 
stimmt. Ich glaube wenigstens, dass man in der gewöhnlichen Sprech- 
weise den Begriff des Organes von den höchsten, differencirtesten Organen 
ableitet, welche überhaupt existiren, nämlich von unseren eigenen 
Sinneswerkzeugen, dem Auge beispielsweise. Ich möchte aber betonen, 
dass es für die uns beschäftigenden Fragen von Wichtigkeit ist, von 
dieser Auffassung zu abstrahiren und, um das Gesagte in wenige Worte 
zusammenzufassen, als Organe am Pflanzenkörper die materiellen Träger 
irgend einer speciellen Organisation anzusehen, mag dieselbe nun in 
Function stehen oder nur potentiell vorhanden sein. 

Wir fassen also die Pflanze, wie schon angedeutet, „sub specie 
utilitatis", wenn ich einmal so sagen darf, auf. Natürlich hüten wir 
uns davor, in dieser Auffassung mehr als ein heuristisches Princip 
zu sehen und durch sie die Erscheinungen erklären zu wollen. Welchen 
Werth aber die Betrachtung der Pflanze vom Zweckmässigkeitsstand- 

3* 



36 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

punkt besitzt, erkennen wir am deutlichsten, wenn wir vergleichen, was 
diese Anschauungsweise im Vergleich zu anderen, z. B. der Braun- 
Schimp er 1 sehen Spiraltheorie, für die Wissenschaft ergeben hat. Von 
dieser ist heutzutage kaum noch irgend etwas von Bedeutung; der 
Zweckmässigkeitsstandpunkt hat uns aber die Deutung der Blüthen und 
ihrer Einrichtungen, der Statik der Pflanzen und anderer Dinge ent- 
hüllt, welche für die Wissenschaft von fortdauerndem Werth sind. 

Wenn wir aber die Pflanze vom Standpunkt des Nützlichkeits- 
prineipes als eine hochvollkommene Anpassung erkennen, so müssen 
wir zu dem Umstand Stellung fassen, dass sich, wie am thierischen 
Körper, so auch an dem der Pflanze vielfach Organe finden, welche 
functionslos sind, oder, besser gesagt, ihre Function verloren haben. 
In solchen Organen ist offenbar von der sonst herrschenden Sparsamkeit 
der Natur nichts zu finden; ihre Existenz ist vom Zweckmässigkeits- 
standpunkt zunächst unverständlich. 

Nun ist es freilich möglich, dass unter den sogenannten funetions- 
losen Organen sich auch solche befinden, deren Function uns blos un- 
bekannt ist. Doch abgesehen davon können wir als allgemeine Regel 
den Satz hinstellen: functionslos gewordene Organe sinken 
von ihrer ursprünglichen Organisationshöhe herab oder 
passen sich anderen Functionen an. 

Functionslose, in Rückbildung begriffene Organe giebt es sehr 
vielfach im Pflanzenreich. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn wir 
sagen, dass jedes morphologische Glied des Pflanzenkörpers hier oder 
dort in Verkümmerung begriffen angetroffen wird, wobei dann seine 
physiologische Function entweder von anderen Theilen der Pflanze 
übernommen wird oder auch ganz verloren geht. Am häufigsten aber 
finden sich rudimentäre, d. h. nicht mehr zur vollen Ausbildung ge- 
langende Organe in den Blüthen der Phanerogamen. Bei einer recht 
erheblichen Anzahl von Phanerogamen werden in der Blüthe nicht alle 
dem Bauplan entsprechenden Staubblätter gebildet; bald fehlen sie ganz, 
bald treten sie als unentwickelte Fortsätze, Staminodien, auf. Diese 
werden gewöhnlich als atavistische Erscheinungen aufgefasst und sind 
als solche vom Zweckmässigkeitsstandpunkt aus nicht zu begreifen. 
Es lässt sich aber leicht zeigen, dass es eine berechtigte Anschauungs- 
weise giebt, nach welcher die Staminodien umgekehrt grade die Spar- 
samkeit der Natur erweisen. 

Nehmen wir als Beispiel die Blüthen der Scrophulariaceen. Aus 
der Lagerung der Blüthentheile bei den Angehörigen dieser Familie folgt, 
wie Hermann Müller sehr scharfsinnig bemerkt, dass für diejenigen 
Arten, welche ihre Staubbeutel nach oben öffnen, das fünfte Staubblatt 
für die Pollenübertragung ohne Bedeutung ist, während es bei allen 
denjenigen Arten, deren Antheren den Pollen nach unten entlassen, dem 



IL Abtheilung. Botanische Section. 37 

Insectenbesuch gradezu hinderlich sein würde. Die erstere Stellung der 
Stamina findet sich bei der Gattung Scrophularia, die letztere bei den 
meisten übrigen Scrophulariaceen. Dementsprechend ist das fünfte Staub- 
blatt bei Scrophularia reducirt und functionslos, während es den übrigen 
Scrophulariaceen, als der Bestäubung hinderlich, ganz fehlt. Vom Zweck- 
mässigkeitsstandpunkt aus heisst das: das fünfte Staubblatt der Scrophu- 
laria ist für die Bestäubung ohne Werth, die Pflanze handelt daher 
ökonomisch, wenn sie es in dem fünften Staubblatt nicht bis zu jener 
auffallenden Vermehrung der Kernsubstanz kommen lässt, welche die 
nothwendige Vorbereitung zur Bildung des männlichen Zeugungsstoffes 
ist, und statt dessen die Ausbildung der vier übrigen Staubblätter be- 
günstigt. Vor dem Beginn der Anhäufung von Kernsubstanz erscheint 
das fünfte Staubblatt als Adiaphoron oder vielleicht gar als nützlich, 
weil im Bauplan der Blüthe liegend; von jenem Augenblick an aber als 
nicht gleichberechtigter Concurrent der übrigen Staubblätter. Darum 
müssen wir wohl annehmen, dass der Moment, in welchem die Blüthe 
gewissermaassen Repressalien gegen das fünfte Staubblatt ergreift, der- 
jenige ist, in welchem die Kernanhäufung beginnen soll. Vom Standpunkt 
der Zweckmässigkeit aus muss also die Pflanze von diesem Moment an 
die weitere Ausbildung des fünften Staubblattes hemmen; dass sie aber 
noch mehr thut, dass sie das fragliche Staubblatt zu einem Schüppchen 
reducirt, erweist sich als ein Act strenger Oekonomie. 

Am deutlichsten aber zeigt sich die Sparsamkeit der Natur in den- 
jenigen Fällen, wo Blüthentheile, welche die ihrer morphologischen 
Stellung entsprechende Function verloren haben, eine andere Function 
annehmen; wenn z. B. die kleinen, neben dem ansehnlichen Kelch als 
Schauapparat überflüssigen Petala von Eranthis hiemalis zu Nectarien 
werden. Die Betrachtung der Phanerogamenblüthe lehrt uns eben, dass 
die Natur die morphologischen Glieder derselben blos als Baumaterial 
benutzt, die fertige Ausgestaltung des Gebäudes aber nach den Principien 
der Zweckmässigkeit und Sparsamkeit zu Stande kommen lässt. 

So verlockend es auch wäre, auf das hier nur angedeutete Thema 
der Sparsamkeit in der Natur näher einzugehen, so wollen wir uns 
gleichwohl hier bescheiden, um nicht allzuweit in das Fahrwasser teleo- 
logischer Betrachtungsweise zu gerathen. Statt dessen wollen wir uns 
noch einmal umsehen, ob zur Zeit schon brauchbare Gedanken zur 
Erklärung der Erscheinung, wie functionslose Organe reducirt werden, 
vorliegen. 

Wenn man von Organen am Pflanzenkörper spricht, so wird man 
immer mit in erster Linie an das Assimilationsorgan der Pflanze, die 
grünen Blätter, denken. Die assimilatorische Thätigkeit ist allerdings 
nicht auf die Blätter beschränkt, sondern kommt allen denjenigen Theilen 
zu, welche aus chlorophyllführenden Zellen aufgebaut sind. Doch lehrt 



38 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

uns eine vergleichende Umschau unter den Pflanzen unserer Flora, dass 
die Gewinnung von Assimilationsproducten durch andere Organe als die 
Blätter verschwindend gering ist gegenüber der Assimilation in den 
Blättern selbst. Und in der That ist deren meist hohe Organisation 
nur zu verstehen aus den aus einer ausgiebigen assimilatorischen Thätig- 
keit resultirenden Bedürfnissen. Nur hieraus wird uns vor allem die 
flächenförmige Ausbreitung der Blätter verständlich, die doch den Trans- 
pirationsverlust beträchtlich erhöht und daher der Pflanze eine erhebliche 
Steigerung der Wasserzuführungsarbeit aufnöthigt; nicht minder wollen die 
Bildung der Gewebesysteme im Blatt, die Lage und Form der Palissaden 
speciell, und von physiologischen Erscheinungen die Bewegungen der 
Blätter von der Knospenlage bis zu der sogenannten fixen Lichtlage, 
aus diesem Gesichtspunkte angesehen und verstanden werden. 

Bei den Blättern giebt es nun die mannigfaltigsten Reductions- 
erscheinungen , die sich jedoch in zwei Hauptkategorien zusammenfassen 
lassen. Entweder steht die Reduction in einem ursächlichen Zusammen- 
hang mit dem durch specielle Lebensbedingungen bedingten Verlust der 
assimilatorischen Thätigkeit überhaupt: so bei den kleinen schuppen- 
förmigen Blättern der Rhizome, welche als unterirdische Organe nicht 
assimiliren, und bei den chlorophyllfreien Parasiten und Saprophyten, 
welchen die Assimilation der Kohlensäure entbehrlich geworden ist. 
Oder aber die Reduction der Blätter geht Hand in Hand mit der Ueber- 
nahme der assimilatorischen Thätigkeit durch andere Theile der Pflanze, 
Unter diese Kategorie fällt neben manchen Erscheinungen, welche uns 
heute noch fast wie morphologische Spielereien, wie ein Mummenschanz 
der Natur, anmuthen möchten, eine ganze Anzahl der wunderbarsten 
Anpassungsformen an äussere Verhältnisse. Ich muss gestehen, dass es 
mir unverständlich ist, warum bei dem Spargel, dem Mäusedorn, die 
Blätter schuppenförmig, die Kurztriebe aber nadel- oder blattartig sind. 
Desto einleuchtender ist es uns, dass die neuholländischen Akazien ihre 
zarten Blätter früh abwerfen und mit den derben Blattstielen (Phyllodien) 
assimiliren ^ desgleichen, weshalb die Distel ihr wohlschmeckendes Laub 
in einen Stachelzaun verwandelt und dafür einen Theil des Assimilations- 
geschäftes auf die langherablaufenden Blattflügel abwälzt. Ich kann es 
mir nicht versagen, als frappantestes Beispiel der gleichen Erscheinung 
die Berberitze anzuführen, bei welcher die Blätter der Langsprosse zu 
fächerig ausstrahlenden Dornen umgewandelt sind, in deren Schutz jedes- 
mal ein Kurztrieb sein Blätterbüschel entfaltet. 

Aber während diese Erscheinungen fast den Charakter biologischer 
Curiosa tragen, giebt es noch allerlei Phaenomene, welche vielleicht 
geeignet sind, uns einen Blick in die Werkstätte der Natur thun 
zu lassen und uns die Beziehungen zwischen der Ausbildung und der 
Function der Assimilationsorgane mehr zu enthüllen. 



II. Abtheilung. Botanische Section. 39 



Bei vielen Pflanzen giebt es hin und wieder Individuen, deren 
Blätter statt der grünen Färbung in verschiedener Ausdehnung weisse 
Flecke zeigen. Der Gärtner nennt solche Pflanzen bekanntlich „pa- 
nachirt". Die Erscheinung beruht darauf, dass die Chloroplasten 
streckenweise die grüne Färbung nicht annehmen, ein nur geringes 
Wachsthum zeigen und meist frühzeitig absterben. Natürlich sind die 
panachirten Blätter, soweit sie weiss sind, als Assimilationsorgane 
functionslos, da die Thätigkeit, die Kohlensäure zu assimiliren, aus- 
schliesslich den chlorophyllgrünen Chloroplasten zukommt; Versuche 
haben jedoch gezeigt, dass die panachirten Theile, solange ihre Chloro- 
plasten noch nicht zersetzt sind, mittelst dieser aus geeigneten organischen 
Verbindungen Stärke produciren können. Nun beobachtet man, dass 
die ganz weissen Blätter stets etwas kleiner sind, als gleich alte grüne 
Blätter und, was noch auffallender ist, dass grüne Flecken, welche sich 
etwa auf einer sonst weissen Blattfläche finden, gegen dieselbe gewölbt 
erscheinen, was sich daraus erklärt, dass die grünen Theile ausgiebiger 
wachsen als die farblosen. Es liegt sehr nahe, diese Erscheinung in 
einen causalen Zusammenhang mit der Thatsache zu bringen, dass nur 
die grünen Theile im Vollbesitz ihrer Function sind, und somit anzu- 
nehmen, dass Blätter, welche ihre Function, die Assimilation, nicht zu 
erfüllen vermögen, alsbald Hemmungen in ihrem Wachsthum erfahren. 
Ist diese Anschauung richtig, so giebt sie uns einen sehr werthvollen 
Fingerzeig dafür, wie wir uns die Entstehung der rudimentären Laub- 
blätter, z. B. an den Rhizomen, zu denken haben. 

Unglücklicherweise lässt sich aber gegen die Richtigkeit dieser 
Ansicht ein sehr gewichtiger Zweifel erheben. Es ist nämlich anzu- 
nehmen, dass die Panachure eine Krankheit, sogar eine infectiöse 
Krankheit der Zellen ist, deren Wesen vermuthlich darin liegt, dass 
die Chloroplasten nicht die Fähigkeit besitzen, das zu ihrem Ergrünen 
erforderliche Eisen aufzunehmen. Haben wir es aber mit einer Er- 
krankung der Zellen zu thun, so wird es schwer sein zu entscheiden, 
ob das geringe Wachsthum nicht einfach zu dem Krankheitsbild gehört. 

Jedoch lassen sich die Blätter auch künstlich im Experiment ausser 
Function setzen. Dies kann einfach dadurch geschehen, dass man grüne 
Pflanzentheile in einen Raum bringt, in welchen keine Sonnenstrahlen 
dringen. Der Effect einer solchen Behandlung, welche natürlich die 
Möglichkeit jeder Assimilationsthätigkeit ausschliesst, äussert sich zunächst 
darin, dass die Blätter, zum Theil mit Hilfe ihrer Stiele Stellungen ein- 
nehmen, welche wir bei normal gehaltenen nie bemerken, und nunmehr, 
ihre periodischen Bewegungen aufgebend, in einen Zustand versinken, 
den man als Dunkelstarre bezeichnet. Endlich aber wirft die Pflanze 
das Laub ganz ab, entledigt sich also der nun functionslos gewordenen 



40 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Theile. Auf diesem Wege können wir also nicht hoffen, die allmähliche 
Reduction der Assimilationsorgane reproducirt zu finden. 

Verheissungsvoller erscheint das folgende Verfahren. Statt der 
schon in Function gewesenen grünen Blätter bringen wir noch nicht 
ergrünte Keimpflanzen oder Sprosse in den dunklen Raum. Jetzt beob- 
achten wir die bekannten Erscheinungen des Etiolement oder der 
Vergeilung. Während die Triebe zu ungewöhnlicher Länge heran- 
wachsen, bleiben die Blätter klein und farblos und entfalten ihre Lamina 
nicht; d. h. indem sie nicht in Function treten, vermögen sie auch nicht 
ihre normale Ausgestaltung zu erhalten. 

Doch auch gegen diese Methode lassen sich Bedenken äussern. 
Denn wir wissen nicht, ob nicht schon allein der Mangel an Licht 
genügt, in der Pflanze, abgesehen von der dann ausfallenden Chlorophyll- 
bildung, Störungen zu erzeugen, weiche ohne weiteres als krankhafte 
aufzufassen sind. Dass dies der Fall sei, dafür dürfte auch das Auf- 
treten eines dem normalen Stoffwechsel fremden Stoffes, des Etiolin, in 
den etiolirten Pflanzen sprechen. Daher ist es von grosser Bedeutung, 
dass es experimentell noch auf eine andere Weise möglich ist, die 
Assimilationsorgane an der Uebernahme oder Ausübung ihrer Function 
zu verhindern. Dieser zweite Weg besteht darin, dass man den Blättern 
die zur Assimilation erforderliche Kohlensäure entzieht. Vollständig ist 
dies allerdings nicht möglich, da die Pflanzen, so lange sie leben, athmen 
und dabei eine geringe Menge von Kohlensäure produciren; es hat sich 
jedoch herausgestellt, dass diese für den Effect des Versuches durch 
geeignete Vorkehrungen belanglos gemacht werden kann. 

Versuche dieser Art sind schon zu Beginn unseres Jahrhunderts von 
dem scharfsinnigen Begründer der Lehre vom Stoffwechsel in der Pflanze, 
Th. de Saussure, angestellt und bis in die neueste Zeit mehrfach 
mit verschiedenen Abänderungen wiederholt worden. Als Resultat hat 
sich ergeben, dass ausgewachsene Blätter in C0 2 -freier Luft unter ganz 
ähnlichen Erscheinungen wie im Dunkeln abgeworfen werden, während 
die aus der Knospenlage sich entfaltenden Blätter ein geschwächtes 
Wachsthum zeigen und niemals ihre normale Stellung und Ausbreitung 
erhalten. Wurden etiolirte Sprosse im Licht in eine C0 2 -freie Atmo- 
sphäre gebracht, so ergrünten ihre Blätter zwar, wuchsen auch etwas, 
wurden jedoch ebensowenig normal ausgebildet. Die Versuche wurden 
von dem letzten und gründlichsten Untersucher, Vöchting, in der 
Weise angestellt, dass nicht ganze Pflanzen, sondern nur die oberen 
Theile langer beblätterter Sprosse in die C0 2 - freie Luft gebracht 
wurden; die ausserhalb des Apparates befindlichen Blätter blieben 
ganz normal. 

Diese Versuche zeigen zunächst, dass die von J. Sachs noch in 
der zweiten Auflage seiner Vorlesungen (1887) verfoohtene Ansicht, 



II. Abtheilung. Botanische Section. 41 

wonach die Bildung von Organen die Zuführung specifisicher für diese 
Organbildung bestimmter Stoffe zur Ursache habe, nicht wohl richtig 
sein kann. Denn es ist nicht einzusehen, wie die Bildung der Assimi- 
lationsorgane dann durch jenen Versuch verhindert werden konnte, da 
nicht die Zufuhr von Stoffen, sondern blos das Infunctiontreten der 
Assimilationsorgane verhindert worden war. 

Andrerseits ergiebt sich auch die Unrichtigkeit der Ansicht eines 
anderen Untersuchers, Stebler (1878), welcher behauptet hatte, die 
zum Wachsthum des einmal aus der Knospenlage getretenen Blattes 
erforderlichen Stoffe müssten durchweg vom Blatte selbst gebildet werden. 
Es würde dies ja eine sehr einfache und einleuchtende Erklärung für 
die Abhängigkeit der Ausbildung von der Function sein; sie ist aber 
nicht richtig, denn das im C0 2 -freien Kaum- befindliche Blatt vermag 
wohl zu wachsen, und dass es niemals die normale Ausgestaltung erhält, 
beruht weniger auf dem geringeren Wachsthum, als vielmehr auf der 
nicht erfolgenden Ausbreitung der Lamina. 

Bei Vöchting finden wir zwei andere Erklärungsversuche der uns 
beschäftigenden Erscheinungen. Wenn das wegen C0 2 -Mangels nicht 
assimilirende Blatt niemals seine normale Ausgestaltung und Grösse 
erhält, so kann dies darauf beruhen, dass die Blätter so organisirt sind, 
dass eine sehr ausgiebige Zuleitung plastischer Stoffe in ihnen nicht 
möglich ist, während umgekehrt die Ableitung der in den Blättern ge- 
bildeten Kohlehydrate leicht ist. Dieser Ansicht kann ich mich keines- 
wegs anschliessen. Denn einmal sind in den Leitungsbahnen der Blätter 
Einrichtungen, welche die Ableitung von Stoffen der Zuleitung gegenüber 
begünstigen sollten, weder bekannt, noch auch wahrscheinlich; anderer- 
seits wissen wir, dass den Blättern Wasser in sehr erheblichen Mengen 
zugeleitet wird, und dass die Siebröhren, die muthmaasslichen Bahnen 
der Eiweissstoffe, auch in den feinsten Verzweigungen der Blattnervatur 
nicht fehlen. 

Nicht viel besser scheint es mir mit dem anderen von Vöchting 
gemachten Erklärungsversuch zustehen, welcher auf der Annahme beruht, 
die aus dem Stamm zugeleiteten Stoffe genügten allein nicht für das 
Wachsthum und zwar nicht wegen ihrer Quantität, sondern wegen ihrer 
Qualität. Giebt man die Annahme zu, so bleibt doch unerklärt, weshalb 
das nicht assimilirende Blatt in C0 2 -freier Luft überhaupt wächst. 

Und doch scheint es mir leicht, den richtigen Erklärungsgrund auf- 
zudecken. Alle Theile des lebenden Plasmas sind in einer steten mole- 
cularen Umwälzung begriffen, und nur auf das beständige Entstehen und 
Zerfallen chemischer Verbindungen können wir die specifisch vitalen 
Leistungen des Plasmas zurückführen. So muss es auch in den Chloro- 
phyllkörnern sein, die ja farbstoffdurchtränkte Plasmagebilde sind. Das 
Chlorophyll assimilirt nicht im Lichte, wenn es aus den Ohloroplasten 



42 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

ausgezogen ist oder wenn diese getödtet wurden. Daher muss offenbar 
der Process der C0 2 -Assimilation mit stofflichen Aenderungen im Chloro- 
plasten verbunden sein; d. h. der Stoffwechsel im Chlorophyllkorn setzt 
sich aus zwei Reihen chemischer Erscheinungen zusammen, deren eine die 
Umwandlung der C0 2 zu Stärke ist. Fällt diese Reihe von Processen 
aus, so ist der Stoffwechsel des Chloroplasten natürlich gestört; Stoffe, 
welche sonst verbraucht werden, häufen sich in ihm an. Dieser Ueber- 
schuss aber muss das Gleichgewicht der Zelle stören; er bedeutet eine 
Krankheit. Und in der That ist das Bild der in Folge von C0 2 -Mangel 
sich abnorm ausbildenden oder gar abgeworfenen Blätter ein Krankheits- 
bild und sicher keine Erscheinung der mangelhaften Ernährung. 

Lichtmangel erzeugt ein vollständig analoges Krankheitsbild ; hier 
wie dort abnorme Bewegungen, dann Starrezustände, endlich Abwerfen 
der Blätter, oder an noch jungen Blättern Verkrümmungen und mangel- 
hafte Entfaltung der Lamina. Damit aber sind jene beiden Krankheiten 
auf ein und dieselbe Ursache zurückgeführt: auf die Anhäufung be- 
stimmter Stoffe in Folge von Nichtverwendung bei dem Process der 
Assimilation und auf daraus resultirende Störungen im Stoffwechsel und 
im Wachsthum des ganzen Organes. 

Schliesslich legte Herr Schübe vor: 

Ergebnisse der Durchforschung der schlesischen Phanerogamenflora 

im Jahre 1893, 
zusammengestellt von E. Fiek und Th. Schübe. 

A. Für das Gebiet neue Arten und Formen. 

Ranunculus acer X lanuginosus. Jauer: in den Hessbergen an 
mehreren Stellen unter den Stammarten (Figert)! 

Diese Combination ist zwar schon von Brügger in seinen „Beob- 
achtungen über wildwachsende Pflanzenbastarde der Schweizer- und 
Nachbarfloren 1878 — 80" etc. erwähnt, indessen ist ein Zweifel an deren 
Richtigkeit vielleicht nicht unberechtigt, zumal verschiedene in dieser 
Schrift niedergelegte Ansichten auf Unglauben gestossen sind. Andern 
dürfte es sich mit der vorliegenden Form verhalten, über welche dei 
Finder, dem bekanntlich die Entdeckung zahlreicher ganz oder füi 
Schlesien neuer Bastarde zu verdanken ist, in der Deutschen Botanischen 
Monatsschrift 1893, S. 169—172, eingehende Beschreibungen — wie 
auch über die beiden folgenden — veröffentlichte. Vorliegende Form 
hat die kurze horizontale Grundachse, die reichliche abstehende Behaarung 
der Grundblätter und ihrer Stiele, sowie das dunkle Grün der Blätter 
von R. lanuginosus L., aber die starke tiefe Blattzertheilung und die 
verhältnissmässig schwache Bekleidung der Stengel und Stengel- 
blätter erinnern an R. acer und sind so auffallend, dass die Annahme 



II. Abtheilung. Botanische Section. 43 

einer Kreuzung zwischen den genannten Arten durchaus gerechtfertigt 
erscheint. 

R. bulbosus X polyanthemos Figert, nov. hybr. Liegnitz: 
trockne Grasplätze neben der Anders'schen Ziegelei! und an der Sieges- 
höhe (Figert)!. Die Exemplare von diesem Fundorte dem R. bulbosus L. 
wegen der meist abstehenden oder zurückgeschlagenen Kelchblätter und 
der stärkeren Verdickung des Stengelgrundes näher stehend, aber auch 
die Specimina von der erstgenannten Stelle zeigen eine, wenngleich 
schwache, so doch deutliche Anschwellung und die Blätter fast durchweg 
die Dreitheilung. 

R. bulbosus X repens Brügger (Beobachtungen über wildwachsende 
Pflanzenbastarde etc. No. 72, ohne Beschreibung). Liegnitz: Siegeshöhe 
3 bis 4 Exemplare; Rasenweg hinter dem Töpferberg ein sehr kräftiger 
Stock (Figert)! 

Die Formen dieser Combination sind meines Erachtens schwieriger 
zu deuten, als die der beiden vorher gehenden, aber der Entdecker dürfte 
mit seiner Ansicht wohl Recht behalten. 

Alyssum calycinum L. Eine auffällige, mir durchaus unbekannte 
Abänderung dieser Art sandte Hellwig, der sie an der Chaussee zwischen 
Kontopp und Liebenzig am Standorte der Asperula glauca gesammelt 
hatte. Der wie stets am Grunde verästelte Stengel oberwärts mehrfach 
verzweigt (nicht einfach); Kelch an der Frucht nicht dauernd anliegend, 
sondern bald nach dem Verblühen abstehend und zurückgeschlagen; 
Frucht etwas kleiner, kreisrund (nicht eiförmig-rundlich bis rundlich) mit 
seichterer Einbuchtung an der Spitze und etwas kürzerem Griffel. Diese 
Form möge als var. reflexum bezeichnet werden. 

-\- Evonymus latifolius (L.) Scp. Goldberg: Bürgerberg (Pink- 
wart)!, ob wirklich verwildert oder nur ein Rest früherer Anpflanzung, 
bleibt vorläufig unentschieden. 

Trifolium repens L. var. roseum Peterm., Clav, analyt. S. 90. 
Grünberg: Weite Mühle (Hellwig)! Blüthen vor und nach dem Auf- 
blühen satt rosenroth; Griffel nach dem Verblühen weit herausragend. 

Potentilla Baenitzii Borbas „nov. sp." = P. argentea X 
Wiemannianaf Diese unter No. 7413 im Herbarium europaeum von 
Dr. C. Baenitz mit Diagnose herausgegebene Form ist gewiss keine Art, 
sondern eins von den zuweilen gefundenen Mittelgliedern zwischen 
P. argentea und Wiemanniana, welches in der That wichtige Merk- 
male beider vereinigt und als deren Kreuzung betrachtet werden kann. 
Breslau: sandige Orte der Alten Oder bei Scheitnig (Baenitz)! und wohl 
noch an andern von beiden Arten gemeinsam bewohnten Orten. Hierher 
gehört vielleicht auch eine bereits vom Finder als Kreuzung bezeichnete 
Pflanze vom Tschiefer bei Neusalz (Hellwig)! 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Erigeron canadensis L. var. contractu, Baenitz (Herbarium 
europaeum No. 7350). Breslau: an der Thiergartenstrasse, den Kliniken 
gegenüber häufig (Baenitz)! „Blätter dicht gedrängt, den mittleren 
Stengel bedeckend, breitlanzettlich, scharf gesägt; Traubenrispe stark 
zusammengezogen; einzelne Aeste mit 40 — 110 Blüthenkörbchen." 
Ausserordentlich kräftig und durch die ungemein zahlreichen Blüthen- 
köpfe sehr auffallend. 

-j- Centaurea Biebersteinii DC. Prodr. VI. S. 583 (= C. cylindro- 

V v 

carpa Rchb. fil., C. australis Pancic). Liegnitz: bei RaffeFs Vorwerk, 
seit 1891 (Figert)!. Im südöstlichen Europa von der Krim bis Ungarn 
verbreitet und unserer C. rhenana Boreau sehr ähnlich, aber durch 
die viel kleineren Köpfe, die fast cylindrischen, gegen den Grund ver- 
schmälerten (nicht eiförmigen oder eiförmig -rundlichen, am Grunde 
abgerundeten) Hüllen, sowie die schmäleren, weniger spitzen Hüllblätter, 
die an der Spitze relativ kürzer gefranst sind, leicht zu unterscheiden. 

Veronica Dillenii Crntz. (1769) = V. succulenta All. (1785). 
Nachdem Prof. Schmalhausen in den Berichten der Dtsch. Bot. Ges. 1892 
S. 291 durch die Aufstellung seiner V. campestris die Aufmerksamkeit 
der Botaniker auf diese bisher vernachlässigte und mit V. verna ver- 
wechselte Art gelenkt und Prof. Ascherson sie eingehend in der Oestr. 
Bot. Zeitschr. 1893 S. 123 ff. besprochen hatte, konnte auch die Ver- 
muthung dieses Forschers bald als richtig festgestellt werden, dass 
V. campestris mit V. Dillenii (Stirp. Austr.) identisch sei und sie daher 
diesen Namen als den ältesten bekannten führen müsse. 

Sie ist gewöhnlich kräftiger als V. verna, mit reichlich doppelt so 
grossen, tief dunkelblauen Blüthen und stets von dieser zu unterscheiden 
durch die dünneren und erheblich längeren, die Ausrandung der Frucht 
weit überragenden Griffel. Wie in Deutschland scheint sie auch in 
Schlesien verbreitet, wenigstens konnte ich ihr Vorkommen bereits an 
folgenden Standorten feststellen. Hoyerswerda: Kühnichtü, hier sehr 
dürftig; Grünberg: Blümelfeld, Schloiner Strasse (Hellwig); Schlawaer 
See (Limpricht); Thiergarten bei Freistadt (Hellwig); Hirschberg (Schmal- 
hausen); Liebau: Rabenfelsen!!; Trachenberg: Pfaffenberg bei Korsenz 
(Schwarz); Breslau: Mirkau, Lissa (v. Uechtritz), Mahlen (Herb. Winkler); 
Friedland: Kirchberg (v. Uechtritz); Namslau (Ansorge); Gogolin, Gross- 
Stein; Lublinitz: Boronow (v. Uechtritz); Myslowitz: Brzenskowitz 
(Unverricht). 

Quercus sessiliflora Sm. var. mespilifolia Wallr. (sched. crii.)\ 

Wüstewaltersdorf: auf dem Mühlenberge (Schröder, S.). 

v 
Carex pallescens L. var. alpestris Clk. „Blätter alle ganz kahl, 

nur die untersten Scheidenblätter und Blattscheiden etwas kurzhaarig- 
flaumig; Stengel oberwärts mk zwar scharfen aber kahlen Kanten. 



IL Abtheilung. Botanische Section. 45 

(? Aehrchen klein, schmal lineal, blass." Riesengebirge: an der Kessel- 

V 

koppe (Celak. fil.)ü, Ostseite des Brunnberges!!, oberer Rand des Aupa- 
grundes gegen die Riesenbaude!! Bei den Exemplaren von diesem 
Standorte sind auch die unteren Scheiden kahl. 

C. ericetorum X verna Figert, nov. hybr. Lüben: „Tiefer 
Grund" bei Neurode ein Stock unter den Stammarten (Figert)! 

Im Allgemeinen der C. ericetorum Pall. näher stehend , namentlich 
in der Tracht und der graugrünen Färbung der etwas starren Blätter. 
Durch die ziemlich starke Zerfaserting der vorjährigen Blätter an der 
Basis der Pflanze, die hellbraune (nicht dunkelpurpurne) Färbung der 
Blattscheiden an den heurigen Trieben und Stengeln, die verlängerten, 
oberwärts verschmälerten und kaum gefransten (nicht abgestutzt-abgerun- 
deten) Deckblätter der weiblichen und die wenig weisshäutigen Deck- 
blätter der männlichen Aehrchen aber auch Kennzeichen der C. verna 
Vill. an sich tragend. Die Früchte zeigten sich nur zum Theil entwickelt. 

B. Neue Fundorte. 

-f- Clematis Vitalba L. Carolath: Oderufer beim Badeplatz 
(Hellwig)! 

Thalictrum aquilegifolium L. Juliusburg: Fleischergraben nahe 
bei der Försterei Blücherwald (S.). 

Th. minus L. Zobten: Altenburg (Ziesche, S.). — var. silvaticum 
(Koch). Grünberg: Grünwald bei Kolzig (Hellwig)! 

Pulsatilla vernalis (L.) MM. Primkenau: Hügelränder (F. W # 
Scholz, S.). 

Ranuncutus circinnatus Sibth. Rothenburg O/L.: Teiche beim 
Bahnhofe Horka (Barber)! 

R. platanifolius L. Mittelwalde: Erlitzthal, von Grünborn bis 
Marienthal zerstreut; Freiwalde; Kressengrund (S.). 

R. auricomus L, v. fallax W. Gr. Oels: Kl.-Oels (S.). 

-|- R. Steveni Andr. Breslau: Poln.- Peterwitz (Jenner, S.). 

Caltha palustris L. var. procumbens Beck (mscr.) — C.pal.ßj 
radicans Fielt, FL von Schles., nicht C. radicans Forster, die sich 
nach Huth's Monographie der Gattung Caltha (S. 18) durch dreieckig- 
herzförmige Grundblätter und tief gesägte obere Blätter auszeichnen 
soll. Reinerz: quellige Stellen bei Grunwald (Baenitz)!; Seeteich bei 
Reiwiesen im Gesenke (ders.)! 

Isopyrum thalictroides L. Striegau: Ossig, Neuhof (S.). 

Nigella arvensis L. Wohlau: Triften um Gr.-Strenz (Schwarz); 
Breslau: Poln. -Peterwitz (Jenner, S.). 

Aquilegia vulgaris L. Grünberg: Augustberg (Hellwig)!, ob wild? 
Goldberg : Haseler Berge, zwischen Seiffenau und Steinberg (Pinkwart) ; 
Strehlen : Baerzdorfer Mergelgruben (Kruber) ; Neurode : Neudorf (S.). 



46 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Berberis vulgaris L. Glogau: Dalkauer Hügel, ob einheimisch?; 
Goldberg: Pilgramsdorf, Wolfsberg (Pinkwart) ; Reichenstein: Schlacken- 
thal (S.). 

Corydalis intermedia (L.) P.M.E. Görlitz: Tauchritz (Barber); 
Nimptsch: Priestram (Kruber); Eiben im Gesenke (Wetschky)! In 
Oestr.-Schles. sehr selten. 

-\- C. lutea D.C. Koppitzer Schlosspark (Duda, S.). 

Fumaria Vaillanti Loisl. Breslau: Repline (S.). 

Arabis hirsuta (L.) Scop. Goldberg: Hasel (Pinkwart)!; Schönau : 
Kauffung, im Oberdorfeü 

Cardamine parviflora L. Hoyerswerda: in Menge längs des 
Grabens, welcher die Lippen-Geislitzer Teiche speist, vom Kaupenteich 
bis zum Wilden See (Barber) ! Neu für die Ober-Lausitz. 

C. silvatica Lk. Reinerz: Dörnikau, zwischen Grunwald und 
Tertschkadorf, Hartigsborn; Glatzer Schneeberg, gegen Johannesberg (S.). 

C. trifolia L. Reinerz: Biebersdorfer Grund bis gegen die Kapu- 
zinerplatte (S.). 

Dentaria enneaphyllos L. Brieg: Baruthe (Duda, S.). 

D. bulbifera L. Reinerz: Biebersdorfer Grund; Landeck: zwischen 
Schönau und Föllmersdorf; Glatzer Schneeberg bei Johannesberg (S.). 

Sisymbrium officinale (L.) Scop. var. leio carpum DC. Kreis 
Rothenburg: Jahmen an der Parkmauer!!; Görlitz, z. B. Winterfeldstrasse 
(Barber). 

-f- Diplotaxis muralis (L.) DC. Trachenberg: auf Gartenland in 
Gr.-Bargen (Schwarz). 

Berteroa incana (L.) DC. Waidenburg: Steingrund (Schöpke, S.). 

Lunaria rediviva L. Reichenstein (Trödel, S.). 

Coronopus Ruelli All. Breslau: Grünau (S.). 

Viola Gollina Bess. Goldberg: Geiersberg! und Taschenberg bei 
Neukirch (Pinkwart)! 

V. canina L. in einer/, minima bei Hoyerswerda: Weideland auf 
der Burger „Luschken" in Menge (Barber) ! Die vorliegenden Exemplare 
sind durchweg sehr winzig, nur 1 bis 3 cm hoch, mit schmalen, läng- 
lichen, im Durchschnitt 6 bis 8 mm langen Blättern, reichlich fruchtend 
mit etwa 3 mm langen reifen Kapseln. 

V. stagnina Kit. besonders kräftig entwickelt bei Trachenberg: 
feuchte Gebüsche unweit Kendzie (Schwarz); Grottkau: Wiesen am Stadt- 
walde (Kruber); Liegnitz: Neuhof (Figert, S.). 

V. mirabilis L. Goldberg: Taschenhof (Pinkwart)! 

Drosera anglica Huds. Kr. Grünberg: Obrawiesen oberhalb 
Kontopp gegen Aufzug (Hellwig)! 

Gypsophila muralis L. in einer/, capillaris bei Görlitz: Fuss- 
weg nach Hennersdorf (Barber)!, mit verlängerten Stengelgliedern sowie 



II. Abtheilung. Botanische Section. 47 

sehr langen haardünnen Blüthenstielen, abstehenden Blättern, mehr cylin- 
drischem Kelche, dessen Zähne spitzlich sind, und sehr schmalen Kron- 
blättern. 

-f- Va ccaria segetalis (Ne eher) Gehe. var. grandiflora (Jaub. et Sp.J. 
Görlitz: Schuttplatz an der Actienbrauerei (Barber); Aecker bei Rausch- 
walde (Schmidt). 

Tunica prolifera (L.) Scop. Goldberg: Heckersberge, Hochfeld, 
Felsen an der Chaussee zwischen Oberau und Hermsdorf (Pinkwart)! 

-f- Dianthus barbatus L. Haynau: Reisicht in Ausstichen der 
Bahn (Figert)!; Schweidnitz: Fuchsstein bei Wäldchen (Felsmann, S.). 

D. arenarius L. Grünberg: Aumühlenberg (Hellwig)!, hier mit 
hellpurpurner Blumenkrone. 

D. superbus L. Reichenstein (Trödel, S.). 

Cucubalus baeeifer L. Brieg: Abrahamsgarten (Duda, S.); Grü- 
ningen (Nitschke, S.); Trebnitz: Brockotschine, Maltschawe (S.). 

Silene gallica L. Schweidnitz: Kynau (Felsmann, S.). 

-(- S. Armeria L. Waidenburg: Dittmannsdorf (Felsmann, S.). 

S. inflata Sm. var. angustifolia Koch mit linealen Blättern bei 
Kupferberg: Popelberg bei Jannowitz (Sintenis)! 

-j- S. dichotoma Ehrh. wurde in diesem Jahre ungewöhnlich häufig 
beobachtet, so um Liegnitz an vielen Stellen (Figert, S.); Breslau: 
zwischen Oltaschin und Wessig in ausserordentlicher Menge, Sackerau, 
Pawelwitz (S.); Juliusburg: Paulau u. a. (S.); Striegau : Kohlhöhe 
(F. W. Scholz, S.) ; Görlitz : [Nordfuss des Rothsteins (v. Treskow)], 
Klein-Biesnitz (M. Fiek), Feld an der Kohlfurter Bahn (Barber)!; Lauban: 
beim Nonnenwalde, an der Strasse nach dem Hohwalde (M. Fiek)!, 
Berthelsdorf (ders.)!; Kupferberg (Sintenis). Fast überall unter Klee, 
der wohl durchweg aus Ungarn stammen wird; Strehlen: Hohlweg bei 
Ruppersdorf (Kruber)!, Aecker bei Töppendorf (ders.); Waidenburg: 
Steingrund (Schöpke). — Unter den Exemplaren von Görlitz und 
Lauban befindet sich neben der vorherrschenden grossblüthigen Form, 
wie sie Warnstorf in den Verh. des Bot. Ver. d. Pr. Brand. XXXV, 
S. 122 beschreibt, auch die kleinblüthige; jene mit proterandrischen 
Zwitterblüthen, deren Platten 7 — 8 mm lang, ihre Zipfel 4 — 5 mm breit, 
diese mit weiblichen Blüthen (^ verkümmert), deren Platten 5 — 6 mm 
lang, ihre Zipfel 2 — 2,5 mm breit sind. 

Melandryum rubrum (WeigelJ Qcke. flor. albis. Schweidnitz: 
Gebüsche bei Wilkau (Schöpke). 

-f- Coronaria tomentosa A. Br. Grottkau: Koppitzer Park 
(Duda, S.). 

Sagina apetala L. Wolfsberg bei Goldberg (Pinkwart)! 

Cerastium triviale Lk. var. nemorale Uechtr. Grottkau: Stadt- 
wald (Kruber)! 



48 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Elatine hexandra D C. Hoyerswerda: Trukenteich unweit Forst- 
haus Lippen bei Uhyst (Barber)!, Spreeufer bei Uhyst, Grenzteich bei 
Lohsa (ders.)!; Kr. Rothenburg: bei Kringelsdorf im Mühlschöps (ders.)!, 
Lichtenteich und Syczenikteich bei Eselsdorf, Schlossteich bei Jahmen 
(Barber)!!, hier auch in einer f. callitrichoides mit verlängerten 
Stengelgliedern. 

E. Aisinastrum L. Freistadt: Olscyner Teich (Wetschky)! Neu 
für Oestr.-Schlesien. 

-f- Linum perenne L. Grünberg: Sorauer Chaussee ziemlich häufig 
(Hellwig)! 

Lavatera thuringiaca L. Breslau: Schönborn (S.). 

Hypericum montanum L. Glogau: Bergmühle bei Gustau (Pink- 
wart)!; um Goldberg nicht selten: Gottschlingberge, Warmuthsruh, 
Hedwigskapelle bei Röchlitz, Haseler Berge, Conradswaldau (ders.); 
Zobten: Mittel berg, mit H. hirsutum L. (S.). 

H.hirsutum L. Striegau: Neuhof; Heinrichau: MoschwitzerWald (S.). 

H. elodes L. Hoyerswerda: Rabenauer Teiche, z. Th. in Menge 
(Lehrer Höhn). 

Geranium sanguineum L. Kr. Grünberg: Grünwald bei Kolzig 
(Hellwig) ! 

G. palustre L., albiflorum. Habelschwerdt (Grehl, S.). 

-|~ Gr. sibiricum L. Liegnitz: Mertschütz (Hiller 1877, S.). 

G. pusillum L. bei Grünberg: Alte Maugscht, auch mit weissen 
Blüthen (Hellwig)! 

ö. molle L. Waidenburg: Aecker zwischen Lehmwasser und 
Steingrund (Schöpke); Strehlen: Krippitz (Kruber); /. albiflora um 
Carolath (Hellwig)!; Wohlau: Gr. -Sürchen, Leipnitz, Ausker u. a. ; 
Trebnitz: Schlottauer Wald bei Grochowe und Försterei Blücherwald (S.); 
Ober-Glogau: Gartenland (Richter, S.). 

-)- Jmpatiens parviflora DC. in Hirschberg auf dem „Sande"!!, 
Hermsdorf u. K. (Barber; auch Felsmann 1877, S.). 

-f- Oxalis corniculata L. Lauban: mehrfach auf Gartenland in 
der Stadt, Nieder-Alt-Lauban, Sachs. Haugsdorf, Kohlfurt (M. Fiek) ! 

Evonymus verrucosus Scp. Juliusburg: am Fleischergraben und 
Kachelmühlgraben im Schlottauer Walde (S.). 

Frangula Alnus MM. in einer /. microphylla mit mehr als die 
Hälfte kleineren Blättern, welche die Bekleidung der Nerven bis zum 
Herbst behalten, bei Grünberg. 

Sarothamnus scoparius (L.) Kch. Bischofskoppe, bis fast 600 m (S.). 

Cytisus capitatus Jqu. Neisse: Ritterswalde (S.). 

Ononis procurreus Wallr. Hoyerswerda: bei Burg und Burg- 
hammer rechts der kleinen Spree (Barber)!; Grünberg: Berliner Chausee 
bei der Briquett-Fabrik (Hellwig)! 



II. Abtheilung. Botanische Section. 49 

Anthyllis Vulneraria L. Reichenstein: Kalkbrüche, Follmersdorf, 
Schönau bei Landeck; Juliusburg: Lickerwitz, hier wohl nur ver- 
wildert (S.). 

Melilotus altissimus Thuill. Trachenberg: feuchte Wiesen bei 
Gr.-Bargen (Schwarz)!; Strehlen: Baumgartbusch bei Ruppersdorf(Kruber). 

M. coeruleus (L.J Desr. Liegnitz: Gänsebruch (Figert, S.). 

Medicago minima (L.) Bart. var. mollissima Koch. Grünberg: 
alte Lessener Strasse (Hellwig)!, zwischen der Badeanstalt und dem 
Gesundbrunnen (ders.)! 

M. varia Pers. Jauer: Leipe (Richter, S.). 

Trifolium rubens L. v. hirsutum Löske. Jauer: Poischwitz 
(Hiller, S.); Freiburg: Polsnitz (Felsmann, S.). 

Trifolium arvense L. var. microcephalum Uechtr. Schönau: 
Geiersberg bei Neukirch (F. W. Scholz, S.); Kr. Grünberg: Ufer des 
Mesch-Sees bei Kontopp (Hellwig)!. — Der Typus mit sehr schmalen 
(1,5 bis 2,5 mm breiten) Blättern bei Grünberg: Heinersdorfer Berge 
(Hellwig)! 

Lotus tenuifolius L. Trachenberg: mehrfach um Gr.-Bargen, 
auf schwerem Lehmboden, sehr ausgeprägt (Schwarz)! 

Astragalus Cicer L. Trebnitz: Breslauer Chaussee, unweit der 
Stadt (S.). 

-\- Colutea arborescens L. Grünberg: Adlerland in der Sand- 
grube beim Schuttplatze (Hellwig)! 

Onobrychis viciaefolia Scp. Habelschwerdt: um Melling mehr- 
fach; Neurode: Neudorf (S.); Salzbrunn: Wilhelmshöhe (Felsmann, S.). 

Vicia silvatica L. Heinrichau: Moschwitz (S.). 

V. cassubica L. Goldberg: Warmuthsruh, Seiffenau (Pinkwart); 
Oels: Kl.-Mühlatschütz (Kruber); Zobten: Mittelberg (S.). 

V. villosa Rth., albiflora. Wohlau: Gr.-Sürchen (S.). 

V. lathyroides L. Görlitz: an der Ludwigsdorfer Chaussee beider 
Steinitz'schen Fabrik (Barber); Glogau: Dalkauer Hügel; Goldberg: 
Hochfeld, Vicariengrund (Pinkwart)!; Wohlau: Kl. Ausker (S.). 

Lathyrus tuberosus L. Goldberg: Kalter Berg (Pinkwart)!; 
Trachenberg: lehmige Haferfelder bei Gr.-Bargen (Schwarz)! Stroppen : 
Schmark - Ellgut; Breslau: Schottgau; Striegau: Pitschenberg gegen 
Bockau (S.); Freiburg: Zirlau (Felsmann, S.). 

L. palustris L. Kr. Grünberg: Grünwald bei Kolzig im Obra- 
bruche (Hellwig)!; Sprottebruch bei Quaritz (Pinkwart)! 

L. montanus Bhdi. Lüben: Dohna bei Kotzenau (Figert, S.); 
Juliusburg: Blücherwald (S.). 

Prunus avium L. Jauer: Janusberg bei Klonitz (Scholz, S.). 

-|- Spiraea tomentosa L. Hoyerswerda: Waldmoor zwischen 
Weiss-Kolm und Klein-Neida (Barber)! 

4 






50 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Aruncus Silvester Kost. Mittelwalde: Marienthal, Freiwalde; 
Neurode: Försterei Wiltsch (S.). 

Rubus suberectus Anders. Glogau: Fürstenblick bei Kalten- 
Briesnitz, böse Gorka; Heidevorwerk bei Quaritz; Goldberg: Seiffenau, 
Neukirch (Pinkwart)!; Grottkau: Stadtwald (Kruber)! 

R. Köhler i W. et N. Hoyerswerda: Burghammer am hohen Spree- 
ufer, Gartenteich bei Lippen, Uhyst (Barber); Glogau: zwischen Meschkau 
und Kalten-Briesnitz (Pinkwart)! 

R. saxatilis L. Glatz: Hutstein (S.). 

Geum urbanum X rivale G. Mey. Brieg: Grüningen (Duda, S.) 

Potentilla supina L. Kr. Grünberg: Grünwald bei Kolzig (Hellwig) ! ; 
Goldberg: in der Stadt spärlich, Röchlitz (Pinkwart)!; zwischen Trebnitz 
und Schickwitz (Heidrich)! 

P. norvegica L. Hoyerswerda: um Uhyst häufig (Barber); Falken- 
berg: Lawnikteich bei Tillowitz (Kruber); Haynau: Reisicht (Figert, S.); 
Reichenbach: Güttmannsdorf (Schumann, S.), Berthelsdorf (Liess, S.). 

P. rupestris L. Reichenbach O/L. : Abhänge des Gockel thales bei 
Borda (Barber); Glogau: Gustau, Meschkau; Goldberg: zwischen Hohen- 
dorf und Riemberg (Pinkwart)!; am Zobten bei Klein-Silsterwitz (Baenitz). 

P. recta L. Goldberg: Oberau (Pinkwart)!; Salzbrunn: Wilhelms- 
höhe (Felsmann, S.); Wohlau: Leipnitz (S.). 

P. argentea X silesiaca (P. Scholziana Callier). Grünberg: 
Böschung der Chaussee vor der Glasfabrik (Hellwig)! 

P. Wiemanniana Gth. u. Schml. Glogau: Burgbergthal bei Gustau 
(Pinkwart)!; Liegnitz: Chaussee vor Kunitz (Figert)!; Breslau: zwischen 
Zweibrodt und Poln.-Neudorf (S.). 

P. procumbens X reptans (P. mixta Nolte). Hoyerswerda: um 
Uhyst und Klitten (Barber)! !; Liegnitz: um die Ziegelei bei Helle in 
grossen Gruppen (Figert)!, diese der P. reptans näher stehend; Maltsch : 
Oderwald gegen Leubus (ders.). 

P. procumbens Sibth. Schönau: Ketschdorfer Rodeland (Figert, S.). 

P. procumbens X silvestris (P. suber ecta Zmmt.). Bunzlau: 
Hahnwald bei Kaiserswaldau; Haynau: Vorhaus gegen Fuchsmühl (Figert)!; 
Liegnitz: bei den Hummeler Teichen (ders.). 

P. alba L. Neustädtel: zwischen der Nattermühle und Röhlau 
(Hellwig)! 

Agrimonia odorata Mi IL Hoyerswerda: Scheibe), Kirchhof in 
Uhyst; Nordende von Burg (Barber)!, Niesky: in Klitten am Wege 
nach Jahmen (Barber)!. Bisher in der Ober-Lausitz nur bei Mückenhain 
im Jahre 1800 von Uechtritz sen. gefunden. 

Rosa tomentosa Sm. in der bei uns entschieden seltenen Form mit 
durchweg einfach gesägten Blättchen, die unterseits nicht eine aus- 
gesprochen seidige, vieldrüsige, sondern mehr filzige armdrüsige Bekleidung 



II. Abtheilung. Botanische Section. 51 

haben (a. genuina Fl. v. Schi.) bei Schönau: Weinberge bei Ober- 
Falkenhain !! — Der R. coriifolia sehr ähnlich, aber durch die geraden 
oder wenig gebogenen Stacheln leicht zu unterscheiden. 

R. coriifolia Fr. Flinsberg; Bolkenhain: Alt-Reichenau (F. W. 
Scholz, S.). 

R. micrantha Sm. Löwenberg: Waltersdorf (Dressler, S.); Jauer: 
Klonitz, Willmannsdorf (F. W. Scholz, S.). 

Pirus torminalis (L.) Ehrh. Goldberg: Geiersberg bei Neukirch, 
strauchige Exemplare (Pinkwart)! 

Epilobium Lamyi F. W. Schz. Schönau: Weinberge bei Ober- 
Falkenhain ! ! 

E. parviflorum X roseum (E. persicinum Rchb.). Schönau: 
Katzbachufer unterhalb der Stadt! und bei Neukirch (Figert)!: Hirsch- 
berg: Flachenseiffen ! ! 

E. adnatum X roseum (E. Borbasianum HssknJ. Schönau: 
auf Kiesbänken der Katzbach bei Neukirch (Figert)!; dort auch 

E. montanum X obscurum (E. aggregatum Clk.). (Figert)! 

Circaea intermedia Ehrh. Waidenburg: Langer Berg (Fels- 
mann, S.). 

Trapa natans L. Breslau: Jungfernsee (Nitschke, S,); Neumarkt: 
Breitenau (Figert, S.). 

Montia minor Gmel. Wohlau: Kl.-Ausker (S.). 

Corrigiola littoralis L. Hoyerswerda: Graben nördlich der 
Försterei Geislitz bei Uhyst (Barber)! 

Sedum reflexum L. Liegnitz: Gr.-Wandris (Hiller, S.). 

-\- S. album L. Goldberg: auf einer Mauer (Pinkwart)! 

Sempervivum soboliferum Sims. Lublinitz: auf der sog. Sahara 
zahlreich (Schmula)!; Eiben im Gesenke an Felsen (Wetschky); Erlitz- 
thal: Stuhlseifen (S.). 

Ribes Grossularia L. Goldberg: Wolfsberg ziemlich häufig 
(Pinkwart); Strehlen: Siebenhufen, sicher wild (Kruber); Wartha: 
Kapellenberg; Heuscheuer: zwischen den Wasserfällen und Leierdörfel; 
Reinerz: Biebersdorfer Grund; Freiwaldau: zwischen Saubsdorf und 
Rothwasser (S.) 

R. alpinum L. Schönau: Gipfel der Hogolie (Pinkwart), Ratschin 
an waldiger Lehne gegen den Freudenberg!!; Glatz: zwischen Urnitz 
und dem Wölfeisfall; Juliusburg: am Fleischergraben im Schlottauer 
Walde (S.); neu für die Ebene! 

Carum Carvi L. var. atrorubens J. Lange. Münsterberg: am 
Wege nach Kunzendorf (Kruber)! 

Pimpinella Saxifraga L. var. dissecta (Retz.J. Reichenstein: 
in Kalkgruben (Schwarz). 

-}- Turgenia latifolia Hffm. Görlitz: Actienbrauerei (Barber)! 

4* 



52 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Berula angustifolia (L.) Koch. Grünberg: am Maugschtbach 
(Hellwig)!; Glogau: bei Dalkau (Pinkwart)! 

Peucedanum Cervaria (L.) Cuss. Schweidnitz : Domanze (S.). 

Pastinaca sativa L. Reichenstein: Kalkbrüche (S.) 

Anthriscus nitida (Whlnb.) Gehe. Grottkau: Stadtwald (Kruber)! 

Hedera Helix L. am Wolfsberg bei Goldberg, dort über lockeres 
Basaltgestein kriechend und auch blühend (Pinkwart)! 

Sambucus racemosa L. Hoyerswerda: Lehnen des Spreethaies 
bei Burghammer (Barber); Glogau: Berghaus bei Dalkau, Fürstenblick 
bei Briesnitz (Pinkwart) ; Breslau: in einer verfallenen Ziegelei bei Wil- 
helmsruh (Dittrich, S.). 

Lonicera Xylosteum L. Langenbielau: Steinhäuser (Schöpke, S.); 
Glatz: Gücklichsberg bei Heinrichswalde und von da zerstreut im Königs- 
hainer Gebirge; Heinrichau: Moschwitzer Wald (S.). 

L. Periclymenum L., blühend, Schweidnitz : zwischen Bärsdorf und 
Kynau (Leisner, S.). 

Asperula tinetoria L. Glogau: Annaberg (Pinkwart, auch 
Meissner, S.)! 

A. glauca (L.) Bess. Breslau: zwischen Domslau und Kl.-Tinz (S.). 

Galium boreale L. var. linearifolium Uechtr. Grünberg: Moor 
bei der Barndt'schen Mühle (Hellwig)! 

G. Aparine var. tenerum (Schleich.) = G. spurium y tenerum 
Gr. Godr. Grünberg: im Rohrbusch (Hellwig)! 

G. silvestre Poll. Liegnitz: Neuhof (Figert, S.). 

Valerianella dentata Poll. var. lasiocarpa Koch. Grünberg: 
unter dem Telegraphenberge (Hellwig)! 

Scabiosa Columbaria L. Kreis Grünberg: Grünwald bei Kolzig 
(Hellwig) ! 

Eupatorium cannabinum L. v. indivisum D C. Ober-Glogau: 
Erlen (Richter, S.). 

Petasites albus X Kablikianus Clk. Kesselkoppe!! 

Inula Britannica L. var. Oetteliana (Rchb.) Trebnitz: in 
Brietzen (Heidrich)! 

I. vulgaris Lmk. Schönau: Weinberg bei Ober-Falkenhain viel!!; 
Waidenburg: Kaudersberge bei Neuhaus (Schöpke); Glatz: Königshainer 
Gebirge, bei dem Passkreuz (S.). 

Helichrysum arenarium DC. Waidenburg: Steingrund (Schöpke, S.). 

-f- Rudbeckia hirta L. Breslau: hinter dem Zoolog. Garten (S.). 

Anthemis tinetoria L. Goldberg: Heckersberge (Scholz, S.); 
Waidenburg: Reussendorf (Felsmann, S.), Steingrund (Schöpke, S.). 

Matricaria diseoidea DC. Schönau: Röversdorf (F. W. Scholz, S.). 

-f- Doronicum Pardalianches L. Goldberg: Bürgerberg in 
grösseren Beständen und am Bertholdbach (Pinkwart)! 



IL Abtheilung. Botanische Section. 53 

Senecio paluster (L.) DC. Breslau: Ausstiche bei Kleinburg 
(Nitschke, &). 

S. vemalis W. K. Liebau: Ullersdorf (Felsmann, S.). 

S. nemorensis L. Striegau: Pitschenberg; Neustadt: Riegers - 
dorf (S.). 

Carlina acaulis L. var. caulescens (Lmk.). Waidenburg: 
Ochsenkopf, Dürrer Berg bei Nesselgrund, Drechslergrund, Lehmwasser; 
Reichenbach : Steinhäuser bei Langenbielau (Schöpke). 

Cirsium acaule (L.) All. var. caulescens Pers. Aufzug bei 
Kontopp (Hellwig)!; Lüben: Jauschwitz an der Bahn (Figert). 

C. oleräceum X palustre (C. hybridum Koch), Quaritzer Bruch 
(Pinkwart)!; Waidenburg: Nesselgrund (Schöpke). 

C. heterophyllum (L.) All. Waidenburg: Reimswaldau, Kynau 
(Felsmann, S.). 

C. rivulare X palustre Schiede. Waidenburg: Dittmannsdorf 
(Felsmann, S.). 

C. palustreXheterophyllum Wimm. Charlottenbrunn: Carolinen- 
thal (Felsmann, S.). 

C. oleräceum X canum Wimm. Ob.-Glogau: Hinterdorf (Richter, S.). 

Lappa macrosperma Wallr. Hirschberg: Eichenwald unterhalb 
Flachenseiffen (M. Fiek)!; Münsterberg: Moschwitzer Buchenwald (Kruber) ! 

L. minor X tomentosa Ritschi. Liegnitz: Prinkendorf (Figert). 

Carduus crispus L. Schweidnitz: Mettkau, Domanze; Wartha: 
im Orte und in Giersdorf; Heinrichau, hier in einer/, parviflora (S.). 

C. Personata Jqu. Landeck: Johannesberg; Erlitzthal: zerstreut 
von Grünborn bis Marienthal (S.). 

-|- Centaurea solstitialis L. Breslau: Rothsürben, zugleich mit 
C. Calcitrapa L. (Ziesche, S.). 

Cichorium Intybus L. var. subspicatum Uechtr. Wohlau: 
Buschränder um Glumbowitz nicht selten (Schwarz); Reichensteiner Kalk- 
brüche einzeln (Schwarz). 

Tragopogon orientalis L. Trebnitz: Gr.-Märtinau (S.); Breslau: 
Rothsürben (Ziesche, S.). 

Scorzonera humilis L. Hoyerswerda: Schlangenberge bei Weiss- 
Kollm (Barber); Goldberg: zwischen Taschenhof und Steinberg (Pinkwart)! 

Taraxacum palustre DC. im Vorgebirge noch bei Bolkenhain: 
Wiesau!!, auf Triften bei 490 m zwischen Hohenhelmsdorf und Baum- 
garten ! ! , hier wie es scheint auch Kreuzungen mit T. officinale Web. 

Chondrilla juncea L. Hoyerswerda: Uhyst (Barber)!; Goldberg: 
Niederau (Pinkwart). 

Lactuca Scariola L. Grünberg: bei der Bergschloss- Brauerei 
(Hellwig)!, im nördlichen Gebietstheile selten; Trachenberg: in Rogo- 
sawe spärlich (Schwarz)!, bei Laubel, Kreis Wohlau (ders.). 



54 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Sonchus arvensis L. v. uliginosus M.B. Ob.-Glogau (Richter, S.). 
Crepis grandiflora (All) Tausch auch im Isergebirge: auf 
Waldwiesen des kleinen Zacken oberhalb Hartenberg bei 508 raü 

Hieracium floribundum W. Gr. Proskau: Wegränder- Ober- 
Glogau: Eisenbahndamm bei Thomnitz (Richter, S.). 

//. praealtum Vi IL im nördl. Gebiete bei Grünberg: Droseheidau 
(Schröder)!, Droschkau (Kleiber)! 

H. praealtum X Pilo s eil a Wimm. Haynau: Reisicht an der 
Bahn; Liegnitz: Fellendorf (Figert) !, Arnsdorf am Bahnhofe (ders.); 
Gnadenfeld: Raine vor Chrostü. An den beiden letztgenannten Fund- 
orten Bauhini X Pilosella. 

H. floribundum X Pilosella (H. nigriceps N. P.) var. Schwar- 
zerianum N. P. Schweidnitz: Torfwiesen bei Eckersdorf (Schöpke)!; 
Ziegenhals: Sedanwiese (Baenitz). 

H. vulgatum Fr. var.fastigiatum (Fr.) = var. latifolium W. Gr. 
Görlitz: Westseite der Landeskrone, schön ausgeprägt (Barber)ü 

H. bar bat um Tsch, Eulengebirge: Steinhäuser (F. W. Scholz, S.). 
Campanula Rapunculus L. Lauban: Südseite des Steinberges 
(M. Fiek)!; Saabor (Kleiber)! 

Oxycoccos palustris Pers. Wüstewaltersdorf: Sieben Kurfürsten 
(Leisner, S.). 

Calluna vulgaris (L.) Salisb. var. hirsuta Presl. Hoyers- 
werda: Drehnaer Haide bei Uhyst (Barber)ü, Haide beim Sumpenteich 
unweit Klittenü — Der Typus mit spiralig gewundenen Zweigen bei 
Uhyst gegen Weiss-Kollm nicht selten (Barber). 

Ledum palustre L. Kreis Grünberg : Aufzug bei Kontopp (Hell wig)!; 
im nördlichen Gebietstheile bisher nur hier, denn an dem von Weimann 
angegebenen Standorte „zwischen der Berliner und Naumburger Strasse 
bei Grnb." nicht zu finden; Kotzenau: bei der Colonie Raupenau mit 
Oxycoccos und Andromeda (Figert). 

Vinca minor L. Hoyerswerda: Insel im Leinweberteich bei Lohsa, 
ob wild? (Barber); Goldberg: Oberau, Seiffenau, Gebüsch zwischen 
Kopatsch und Röchlitz, Wald zwischen Willmannsdorf und den Busch- 
häusern (Pinkwart); Kynwassergrund am östlichen Fusse des Kynast 
(M. Fiek)!!; Freiwaldau: zwischen Saubsdorf und Rothwasser; Heinrichau: 
Moschwitzer Wald (S.). 

Gentiana Pneumonanthe L. Breslau: am Quarkberg. — f.lati- 
folia Scholler: zwischen Kottwitz und Liebenau (S.). 

G. ciliata L. Goidberg: Seiffenau, Heckersberge (Pinkwart)!; 
Reichenstein (Ziesche, S.); Reinerz: Passendorf; am Kapellenberg; Neu- 
rode: Schlegel (S.). 

G. Amarella L. a) uliginosa (Willd.J. Trachenberg: moorige 
Wiese bei Gross-Bargen zahlreich (Schwarz)! — b) axillaris (Rchb.J, 



IL Abtheilung. Botanische Section. 55 

Kalkberge bei Habclschwerdt (Rauhut, von einem Seminaristen)!, der 
nähere Standort bleibt aufzusuchen. Neu für die Grafschaft Glatz. — 
c) pyramidalis (Willd.) Reichenstein: Schlackenthal (S.). 

G. germanica Willd. Landeshut: Wiesen und Ränder bei Petzels- 
dorf ziemlich häufig (Pinkwart)!; Waidenburg: zwischen Juliansdorf und 
Seifersdorf (Felsmann, S.); Reinerz: Kapellenberg, Passendorf, Karls- 
berg (S.), Scharfenberg (Schulze, S.); Reichenstein (Ziesche, S.). 

Omphalodes scorpioides (Haenke) Schrk. Liegnitz: im ehe- 
maligen Schwarzbusch bei Kl. -Beckern (Figert); am Gröditzberge auf 
der Südseite wieder gefunden (Pinkwart)! 

-|- 0. verna Mnch. Goldberg: Bürgerberg in grösseren Beständen 
(Pinkwart). 

Solanum Dulcamara L. var, persicum (Willd.) — var. assi- 
mile Friv. et Gris. Grünberg: am Kreuzbach (Hellwig)! 

Atropa Belladonna L. Jauer: Mönchswald (Hiller, S.); Frei- 
waldau: zwischen Saubsdorf und Rothwasser (S.). 

Verbascum nigrum L. var. lanatum (Schrad.). Hoyerswerda: 
um Uhyst an den Wiesenteichen, in der Kascheler Haide und sonst 
(Barber) ! 

V. Blattaria L. Breslau: Krischanowitz (S.). 

Scrophularia alata Gil. Breslau: Wiese; Juliusburg: am Fleischer- 
graben und Kachelmühlgraben im Schlottauer Walde, auch in Luzine (S.). 

-|- Mimulus moschatus Dougl. Goldberg: Mühlgraben beim 
Brückenkretscham in Röchlitz (Pinkwart) ! 

M. luteus L. Waidenburg: Langwaltersdorf (Leisner, S.). 

-f- Linaria Cymbalaria (L.) Mill. Waidenburg: Dittmannsdorf 
(Felsmann, S.); Schönau: Neukirch, im Katzbachkies (Figert, S.); Ohlau: 
Kl.-Oels (Nitschke, S.). 

L. arvensis (L.) Dsf. Breslau: Poln. -Peterwitz (Jenner, S.). 

-f- Digitalis purpurea L. um Carlsruhe häufig verwildert (Schmula)! 

D. ambig ua L. Kr. Grünberg: Grünwald bei Kolzig, mit Vi nee - 
toxicum, Thalictrum silvaticum, Geranium sanguineum etc. 
(Hellwig)! 

Veronica scutellata L. var. pilosa Vahl. Hoyerswerda: Krin- 
gelsdorfer Schlangenmoor bei Uhyst häufig (Barber) ! , sparsam am Lug- 
teiche und Milanteiche (ders.), ebenso am Grossen Barlower Teiche bei 
Dürrbach ! ! 

V. montana L. Goldberg: zwischen Willmannsdorf und Hasel 
(Pinkwart)!; Waidenburg: zwischen Nesselgrund und Steinau (Schöpke). 

V. Teucrium L. Bolkenhain: um die Bolkoburg zahlreich !!, Ab- 
hängelinks der Chaussee nach Baumgarten!!; Trebnitz: gegen Schwundnig 
(Heidrich) ! 



56 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

V.opaca Fr. Hoyerswerda: in Mortka bei Lohsa; Görlitz: Aecker 
bei der „Stadt Prag", Nickrisch (Barber)! 

Melampyrum cristatum L. Neumarkt: Schlaupe (Figert, S.). 

-\- Mentha viridis L. Jauer: im Dorfe Profen (Figert)! in 
Maltsch (ders.). 

M. arvensis L. var. parietariifolia Becker. Hoyerswerda: bei 
Lippen und Geislitz in allen Teichen (Barber)!, in sehr klein- und schmal- 
blättrigen Formen. 

Mentha sativa Koch var. ovalifolia(Opiz). Schweidnitz : Weistritz 
bei Ohmsdorf (Baenitz). 

Origanum vulgare L. Silberberg: zwischen Wiltsch und dem 
Waldvorwerk, sowie von hier gegen Neudorf (S.). 

Salvia pratensis L. Breslau: Schosnitz, Borganie; Trebnitz: 
Zirkwitz; Schweidnitz: zwischen Domanze und Schönfeld; Wohlau: 
Schmarker (S.); Ober-Glogau: Glöglicher Berge (Richter, S.) 

S. verticillata L. Reichenstein: bei der Gucke und im Schlacken- 
thal (S.). 

Melittis Melissophyllum L. Goldberg: Geiersberg bei Neukirch, 
Gottschlinkberge, häufiger bei Hasel (Pinkwart). 

Lamium maculatum L. fl. albo. Reimswaldau, am langen Berge 
(Feisinann, S.); Striegau: Neuhof (S.);/7. roseo. Stroppen: Schmarker (S.). 

Stachys arvensis L. Hoyerswerda: Lein- und Kartoffeläcker um 
Litschen bei Lohsa (Barber)! 

St. germanica L. Breslau: Grünau (S.). 

St. annua L. Breslau: Poln. -Peterwitz (Jenner, S.). 

Ballota nigra L. in verschiedenen Formen sandte Hellwig von 
Grünberg ein, wo diese gemeine Pflanze mannigfach abändert. Mit 
stark bekleideten, unterseits fast wolligen ziemlich kleinen Blättern, an 
der alten Schloiner Strasse!, mit viel kleineren Blättern bei Steinbachs 
Vorwerk ! , mit grösseren aber dünneren zarteren Blättern beim „Russischen 
Kaiser". 

Chaeturus Marrubiastrum (L.) Rchb. Neumarkt: Oderwald bei 
Schlaupe (Figert)! 

Brunella grandiflora Jacq. Glogau: Raine zwischen Meschkau 
und Gustau, hier auch var. pinnatifida Koch et Ziz (Pinkwart)! 

Teucrium Scordium L. Oels: Klein - Mühlatschütz (Kruber)!; 
Falkenberg: Tillowitz (ders.)!. 

Utricularia intermedia llayne. Hoyerswerda: Kascheler Torf- 
bruch (Barber). 

Trientalis europaea L. Hohe Mense, ziemlich spärlich (S.). 

Primula officinalis Jcqu. Breslau: zwischen Schmolz und Schott- 
gau (S.). 

P. elatior Jcqu. Striegau: Ossig, Neuhof (S.). 



II. Abtheilung. Botanische Section. 57 



Litorella juncea Bergius. Hoyerswerda: an den Teichen bei 
Lippen, Geislitz, Burger Luschken häufig bis gemein, Teiche bei Coblenz 
und Mortke; Niesky: Klitten am Herrenteich (Barber). — Die schon im 
Bericht von 1892 beschriebene als var. pilosa zu bezeichnende Form 
bei Burg und Uhyst (Barber)! 

R. aquaticus X obtusifolius (B. Schmidtii Hsskn.). Schönau: 
vereinzelt auf Katzbachkies bei Neukirch; Liegnitz: am Mühlgraben 
1 Expl. (Figert); Goldberg: Hermsdorf (ders., S.). 

Polygonum mite Schrk. Liegnitz: Barschdorf (Figert). 

P. minus Hds., mit in einen Blattstiel verschmälerten Blättern, 
Neumarkt: Schlaupe (Figert, S.). 

P. Persicaria X minus Aschs. Hirschberg: Mittel-Stonsdorf um 
die Teiche!! 

P. Persicaria X mite Fig. Grünberg: Abflussgraben bei der 
Briquet-Fabrik (Hellwig)!; Liegnitz: Nieder-Royn (Figert)! 

P. aviculare L. var. monspeliense (Thiebaud). Trachenberg: 
Gross-Bargen auf Lehmäckern (Schwarz) ! 

-f- P. cuspidatum Sieb, et Zucc. Goldberg: Hohendorf an einem 
Graben (Pinkwart)! 

Daphne Mezereum L. Glogau: Fürstenblick bei Kalten-Briesnitz 
(Pinkwart); Camenz: Dörndorf; Juliusburg: Blücherwald; Zobten: 
Mittelberg (S.). 

Thesium intermedium Schrad. Strehlen: Kirchmorgen bei 
Töppendorf (Wegehaupt)! 

Euphorbia stricta L. Neumarkt: Schlaupe (Figert, S.). 

Ulmus montana Wth. Heuscheuer: bei den Wasserfällen; Frei- 
waldau: zw. Saubsdorf und Rothwasser (S.). 

Betula verrucosa Ehrh. var. microphylla Wimm. Grünberg: 
Weite Mühle (Hellwig)! — Eine andere Form dieser Art von demselben 
Standorte nähert sich sehr der var. laciniata Whlnb., indem deren 
Blätter bis zu 73 un d mehr eingeschnitten sind. 

B. pubescens X verrucosa (B. hybrida Bechst.). Grünberg: 
Rohrbusch, Steinbachs Vorwerk (Hellwig)! Die Exemplare von hier 
halten in Form und Berandung der Blätter die Mitte zwischen denen 
der muthmaasslichen Eltern; nur die unteren Aderwinkel sind spärlich 
gebartet, die heurigen Triebe schwach weichhaarig. 

S. caprea X purpurea Wimm. $ Goldberg: Fuss des Geiersberges 
bei Neukirch (Figert)!; Liegnitz: Weinberg an der Wüthenden Neisse 
(ders.)!, Lehmgrube vor Lindenbusch (ders.)! 

S. cinerea X purpurea Wimm. ß cinerascens Wimm. Trachen- 
berg: Gross-Bargen (Schwarz)! 

S. aurita X cinerea Wimm. Liegnitz: Arnsdorf (Figert)! Breslau: 
Rothsürben (Ziesche, S.). 



58 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



S. caprea X cinerea Wimm. Schönau: Neukirch am Mühlgraben 
(Figert) ! ; Münsterberg : Kunzendorf (Kruber) ! 

S. aurita X silesiaca Wimm. Gesenke: Bahnhof Ramsau auf 
einer Wiese (Baenitz). 

Triglochin palustris L. Breslau: Bulchau vor Ohlau (Nitschke, S.), 

Potamogeton semipellucidus Koch und Ziz. Hoyerswerda: 
Schöps bei Kringelsdorf, Graben, am Kasch eler Vorwerk, Torfbruch bei 
Jahmen (Barber); mit sehr verlängerten (bis 16 cm langen) Blättern an 
der Grenze des Quaritzer und Primkenauer Bruches (Pinkwart)! 

P. gramineus L. ß graminifolius Fr. Gross- Wartenberg: Enten- 
teich im Parke (Figert)! 

P. acutifolius Lk. Grünberg: Zahner See (Kleiber)!*, Grenzsee 
zwischen Quaritz und Meschkau (Pinkwart)! 

P. obtusifolius M. und K. Hoyerswerda: Leinweberteich bei 
Lohsa, Kascheler Bruch ; Kontopp in der Obra (Hellwig) ! 

P. pectinatus L. Kontopp in der Obra (Hellwig)! 

P. trichoides Cham. Haynau: Bärsdorf (Figert, S.). 

Wolffia arrhiza (L.) Wimm. Winzig: in einem tiefen Wiesen- 
graben, genannt „die Rackete" am Dorfe Leubel (Schwarz)! 

Ar um maculatum L. Münsterberg: Moschwitzer Buchenwald 
(Kruber)!; Hotzenplotz: Füllstein nicht häufig (Wetschky)! — Bei 
Goldberg (Schulweiden und Gefälle am Mühlgraben) nur verwildert 
(Pinkwart). 

Sparganium minimum Fr. Hoyerswerda: Torfbrüche bei Kaschel 
gemein, Josua, Besackteich und Oberer Teich bei Mortke und Coblenz; 
Niesky: Jahmen (Barber), an der Bahn bei Klein-Radisch !! 

Orchis coriophora L. Sprottebruch bei Quaritz (Pinkwart)! 

0. incamata L. Jauer: Hermannsdorf (Figert); Trebnitz: Marga- 
rethenmühle bei Damnowitz (Heidrich)! 

Epipactis longifolia (Scop.J Wettstein (=. Cephalanthera 
Xiphophyllum Rchb. fil.) Reichenbach 0/L.: Mengelsdorfer Berge bei 
Oberwald (Knobloch t. Barber); Schönau: Sebastianstein bei Ratschin!!, 
Ober-Alt-Schönauü; Grottkau: Merzdorf (Kruber). 

Goodyera repens (L.) R. Br. Goldberg: Wald zwischen Wii- 
mannsdorf und den Buschhäusern (Pinkwart) ! 

Helleborine spiralis (L.) Bernh. Goldberg: Seiffenau, Taschenhof, 
Konradswaldau spärlich, Schneebachthal bei Kopatsch (Pinkwart)! 

Iris sibirica L. Schmiedeberg: Wiesen gegen Buschvorwerk!! 

Leucoium vernum L. Görlitz: Feldbach zwischen Niecha und 
Klein-Neundorf (Barber); Lüben: Gross-Krichen auf der „Grabewiese" 
gegen Oberau ziemlich häufig (Figert). 

Tulipa silveslris L. Ober-Glogau: Wasservorstadt (Richter, S.). 






II. Abtheilung. Botanische Section. 59 

Gagea minima (L.J Schult. Goldberg nicht selten (Pinkwart)!; 
Jauer: Grasgärten von Tschirnitz und Herzogswaldau (Schöpke); 
Nimptsch: Priestram; Strehlen: Ruppersdorfer Wald, Siebenhufen 
(Kruber). 

Anthericum ramosum L. Hoyerswerda: Lehnen des Spreethaies 
bei Burg (Barber) ; Grünwald bei Kontopp (Hellwig)! 

-f- Omithogalum nutans L. Hirschberg: Petersdorf in einem 
Grasgarten!!; Strehlen: Tschanschwitz (Kruber). 

0. umbellatum L. Wohlau: vor Arnsdorf (S.). 

Allium acutangulum Schrad. im Sprottebruch, bei Cosel häufig 
(Pinkwart)!; Strehlen: bei Glambach, hier auch weissblühend (Kruber); 
im oberen Oderthale noch bei Frohnau, nordöstlich von Loewen 
(Schmula). 

A. Scorodoprasum L. Schweidnitz: Dämme bei Wilkau (Schöpke) ; 
Striegau: von Pitschen bis Neuhof verbreitet (S.). 

Muscari comosum (L.J MW. Oels: bei Stronn häufig (Wege- 
haupt). Waidenburg: Reussendorf (Felsmann, S.), Neu -Krausendorf 
(Leisner, S.). 

Streptopus amplexifolius (L.) DC. Reinerz: Grenzendorf (S.). 

Polygonatum officinale All. Silberberg: am Grenzsteig zw. 
Wiltsch und Herzogswalde (S.) ; Waidenburg: Kynauer Seifen (Fels- 
mann, S.). 

Colchicum autumnale L. Breslau: Gross-Raake (S.). 

Juncus fuscoater Schreb. Reinerz: Roms (S.). 

J. capitatus Weigel. Hoyerswerda : auch gegen die Spree und 
weiter östlich häufig (Barber)!; Sprottau: am „Birkbrunnen a bei Walters- 
dorf (Figert)!; Carolath; Liegnitz: Töpferberger Viehweide, Pantener 
Höhen gegen Klein-Beckern (Figert) ! 

J. tenuis Willd. Hoyerswerda: Waldstrasse zwischen Uhyst und 
Jahmen, Jahmener Schlossteich (Barber) ! !, hier auch eine üppige dunkel- 
grüne Form mit sparriger, nicht straff aufrechter, Spirre und Perigon- 
blättern, deren äussere länger sind als die inneren; Querbach im Iser- 
gebirge (Pinkwart)!; Liegnitz: Kuchelberg (E'igert, S.). 

J. Tenageia Ehrh. Hoyerswerda: gegen Osten nicht selten, so 
bei Lohsa, Coblenz, Geislitz, Lippen, Kaiserteich bei Uhyst (Barber)!, 
grosser Burlower Teich bei Dürrbach, nördlich von Klitten ! ! 

Luzula silvatica (Hds.J Gd. Landeck: zw. Mühlbach und Bielen- 
dorf sehr häufig (S.) 

L. angustifolia (Wlf.J Gehe. Ober-Glogau: Erlen (Richter, S.); 
Camenz: Dörndorf (S.). 

L. pallescens Bess. Striegau: Hummelwald; Wohlau: Arnsdorf; 
Trebnitz: Schlottauer Wald (S.). 

L. sudetica (W.J Prsl. Hohe Mense, gegen Grunwald (S.). 



60 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Scirpus multicaulis Sm. Kreis Rothenburg: Herrenteich bei 
Eselsberg, Schlangenmoor bei Kringelsdorf (Barber). 

S. ra die ans Schk. Niesky: grosser Schlossteich bei Jahmen 
(Barber) !! 

Carex Davalliana Sm. Lüben: Gross -Krichen im Torfstiche 
spärlich (Figert)!; Bolkenhain: Wiesen gegen Baumgarten!!, oberhalb 
Halbendorf!! 

C. pulicaris L. Grünberg: Kummerofen und Schützenteichwiese 
bei Deutsch-Kessel (Kleiber)! 

C. cyperoides L. Hoyerswerda: Kubitzteich bei Wittichenau 
(Barber)!, Spreeufer und am Lugteiche bei Uhyst, bei Geislitz (Barber); 
Teschen: Chiby nicht häufig (Wetschky). 

C. arenaria L. Hoyerswerda: um Lohsa nicht selten (Barber). 

C. strieta Good. var. gracilis (Wimm.). Trachenberg: Teich 
bei Gross-Bargen (Schwarz)! 

C. caespitosa X Goodenoughii (C. peraffinis Appel). Lüben: 
Kaltwasser im Torfstich sehr selten unter den Eltern (Figert)! 

C. pilulifera L. var. longebracteata J. Lange. Riesengebirge: 
am Wege nach den Corallensteinenü; Trebnitz: sehr zahlreich im Walde 
am Hedwigsbade (Baenitz); Friedland: Freudenkamm bei Görbersdorf!! 

C. flava X Oederi (C. alsatica Zahn). Liegnitz: Arnsdorf in 
Bahnausstichen (Figert). 

C. filiformis L. Hoyerswerda: häufig in Sümpfen und Teichen 
bis zur Spree hin und östlich davon, 1893 wegen der Dürre ohne Frucht- 
stände (Barber). 

Oryza clandestina A. Br. Hoyerswerda: gegen Osten verbreitet 
(Barber)!; Goldberg: Niederau (Pinkwart)!; Hirschberg: Erdmannsdorfü 

Calamagrostis neglecta (Ehrh.) Fr. Hoyerswerda: am Brüsen-, 
Mittel- und Zappenteich bei Coblenz (Barber). 

Aira praecox L. Haide- Vorwerk bei Quaritz (Pinkwart)! 

Avena pratensis L. Wohlau: Gross-Sürchen (S.). 

Poa bulbosa L. in Alt-Lauban am Wege nach Col. Schreiberbach 
(Barber); Neustädtel: zwischen der Nattermühle und Röhlau (Hellwig). 

P. compressa L. v. Langiana (Rchb.J. Ober-Glogau: am Juden- 
friedhof (Richter, S.). 

P. pratensis L. var. aneeps Gaud. Grünberg: Sorauer Chaussee, 
beim Bergwerk (Hellwig)! 

P. Chaixi Vi IL Glatzer Schneeberg, gegen Johannesberg (S.). 

Festuca Pseudomyurus Soyer-Will. Meschkau, Kreis Glogau; 
Goldberg: Niederau spärlich (Pinkwart)! 

Elymus europaeus L. Waidenburg: zwischen Nesselgrund und 
Steinau; Schweidnitz: Steinschwellen bei Leutmannsdorf; Reichenbach: 



IL Abtheilung. Botanische Section. 61 

Steinhäuser bei Langenbielau (Schöpke); Freiwaldau: zw. Rothwasser 
und Saubsdorf (S.). 

Pinus silve stris L. var. rubra (MM.). Grünberg: zwischen dem 
Blücherberg und Pulverhaus (Hellwig). — Var. parvifolia Heer. 
Grünberg: Siberien (Hellwig)! 

Salvinia natans (L.) All. Hohofengraben bei Poliwoda nord- 
östlich von Oppeln (Schmula)!; Teschen: Teiche bei Herzmanitz 
(Wetschky)! Neumarkt: Seedorf, Breitenau, Kobelnik (Figert, S.). 

Pilularia globulifera L. Hoyerswerda: Truhenteich und Kuscher- 
teich bei Lippen; Kreis Rothenburg: Herrenteiche bei Eselsberg, Grosser 
Schlossteich bei Jahmen massenhaft (Barber)ü 

Lycopodium Selago L. Juliusburg: Blücherwald (S.). 

L. clavatum L. in Exemplaren, die ausser den gewöhnlichen ge- 
paarten Fruchtähren von 2 bis 3,5 cm Länge auch noch einzeln stehende 
bedeutend längere (bis 5,5 cm lange) Aehren tragen, bei Grünberg: 
Forstrevier Seifersholz (Hellwig)! — In derselben Flora (bei der 
Halbmeilmühle) kommt die Art auch mit gedreiten Fruchtähren vor 
(Hellwig) ! 

L. complanatum L. a. anceps (Wallr.). Grünberg: Forstrevier 
Seifersholz (Hellwig)!; Glogau: am Schellenberge sowie zwischen Dalkau 
und Meschkau (Pinkwart)! — • In einer/, b r ac hystachys mit bedeutend 
kürzeren (nur 7 bis 10 mm langen) Fruchtähren bei Aufzug unweit 
Kontopp (Hellwig)! 

Equisetum arvense L. var. boreale (Rup.) f. normalis. Breslau: 
Scheitniger Park (Baenitz). 

E. Telmateja Ehrh. Münsterberg: Mosch witzer Buchenwald 
(Wegehaupt und Kruber)!; Gräfenberg: bei der Preussenquelle, sowohl 
var. gracile Milde als var. breve Milde (Baenitz, Herb, europ. 
Nr. 7485). 

E. limosum L. var. verticillatum Doli f. ramosissima Baenitz. 
Breslau: Oderufer am Weidendamm bei Pirscham (Baenitz). „Aeste 
mit secundären Aestchen besetzt, auch bei unverletzter Stengelspitze. " 

Botry chium matricariaefolium A. Br. Glogau: zw. Dalkau 
und Meschkau (Pinkwart)!; Goldberg: Neuländel (ders.). 

Phegopteris Robertiana (Hof/m.) A. Br. Schönau: grosser 
Mühlberg bei Kauffungü 

Ph, polypodioides Fee. Juliusburg: Blücherwald (S.). 

Aspidium cristatum (L.) Sw. Hoyerswerda: am ,, wilden Besack" 
bei Mortke sehr sparsam (Barber); Aufzug bei Kontopp mit Ledum 
(Hellwig)!; Haynau: Silberquelle bei Reisicht (Figert, S.). 

A. montanum (Vogl.J Aschs. im Spreegebiete selten: Bruchland 
des Spreethaies bei Burghammer (Barber). 



62 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Athyrium alpestre (Hoppe) Nyl. multidentatum Baenitz. (Hb. 
eur. Nr. 7475). Riesengebirge: Abfluss des grossen Teiches, Zackelfall 
(Baenitz). 

Asplenium adulterinum Milde. Schönau: Willenberg (F. W. 
Scholz, S.), — f. intermedia Baenitz (Hb. eur. Nr. 7473). Schweidnitz : 
Goglauer Berg (B.). „Nur die äusserste Spitze der Spindel grün gefärbt, 
mit wenigen (1 — 3) Fiederpaaren". 

A. germanicum Weis. Goldberg: Wolfsberg (Pinkwart)! 

Blechnwm Spicant (L.) With. Hoyerswerda: Lohsaer Haide 
nördl. des Schillingteiches, bei Mortke (Barber); Aufzug bei Kontopp 
(Hellwig)!*, Waidenburg: Butterberg (Leisner, S.). 



-*•♦»*- 



Schleiche Gesellschaft für vaterländische Coltor. 



71. 
Jahresbericht. 

1893. 



II. Abtheilung. 
Naturwissenschaften, 

c. Section für Obst- und Gartenbau. 



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Bericht über die Thätigkeit der Section für Obst- und 
Gartenbau im Jahre 1893. 

Von Prof. Dr. F. Pax, 

erster Secretair der Section. 



Den Vorstand der Section bildete im Jahre 1893 Prof. Dr. Prantl 
als erster und Stadt. Garten-Inspector H. Richter als zweiter Secretair. 
Am 24. Februar 1893 starb Prof. Dr. Prantl. An seine Stelle wurde 
in der Sitzung vom 5. Juni einstimmig Prof. Dr. F. Pax gewählt. 

Den Verwaltungsvorstand bildeten Oberstabsarzt a. D. Prof. Dr. 
Schröter, Verlagsbuchhändler M. Müller und Obergärtner Schütze. 

In der Einrichtung des Versuchsgartens der Section wurden auch 
in diesem Jahre keine Veränderungen getroffen. An die Mitglieder der 
Section wurden wie üblich unentgeltlich Sämereien vertheilt, wofür 
seitens der Section 150 Mark ausgesetzt waren. Es ist nur ein Cultur- 
bericht vom Gärtner F. Kokolt in Lublinitz O.-S. eingelaufen. 

Der Lesezirkel wurde in bisheriger Weise weitergeführt. Die 
Leitung desselben übernahm Apotheker Mortimer Scholtz. 

Die Section hielt im Jahre 1893 elf Sitzungen ab, worüber Folgendes 
zu berichten ist: 

In der ersten Sitzung am 12. Januar wurde für den erkrankten 
ersten Secretair, Prof. Dr. Prantl, unter der Voraussetzung, dass auch 
Prof. Prantl im Ausstellungscomite blieb, in Privatdocenten Dr. Rosen 
ein Ersatzmann gewählt. 

Darauf hielt Apotheker Mortimer Scholtz einen Vortrag 

Ueber Symphoricarpus racemosus Mchx., eine gärtnerisch-botanische 

Plauderei. 

Symphoricarpus racemosus Michaux (oder Symphoria racemosa 
Pursh) ist der wissenschaftliche Name des seit vielen Jahren in unseren 
Gärten und Parkanlagen eingebürgerten Perl- oder Peterstrauches, 
welcher bei unseren gärtnerischen Vorfahren als Symphoricarpus leuco- 



2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

carpus (auf deutsch etwa: weissfrüchtige Gedrängtfrucht) bekannt war 
und im Volksmunde den poetisch angehauchten Namen „Schneebeere" 
führt. Liegt in diesem letzteren Namen, welcher ohne Zweifel eine 
treffliche Bezeichnung genannt werden muss, ein ganzes Stückchen Natur- 
geschichte des Strauches, so könnte andererseits der botanische Laie 
wohl Veranlassung finden, zu fragen, ob denn die Früchte desselben 
weiss wie Schnee seien, oder ob der Name daher datire, dass sie sich 
erst zeigen, wenn der Winter gekommen und Eis und Schnee die Fluren 
deckt. Nun, es sind beide Fragen mit Ja zu beantworten; denn die 
Frucht des Strauches ist blendend weiss und kommt in der That erst 
in der genannten herbst- und winterlichen Zeit zum Vorschein. 

Wer sollte ihn aber nicht kennen, diesen unscheinbaren Strauch 
mit seinen kleinen Blättern und kleinen Blüthen und seinen verhältniss- 
mässig grossen, vierfächrigen Beeren, welche in Knäueln am Ende der 
holzigen Aeste und Triebe erscheinen und kleinen, runden Schnee- 
klümpchen täuschend ähnlich sind! Wer hätte die Pflanze nicht schon 
zur Zeit ihrer Fruchtreife gesehen und das Colorit der Beere be- 
wundert! 

Unstreitig ist eine rein-weisse Färbung bei Früchten in der Natur 
etwas Originelles, zweifelsohne aber etwas Seltenes, und so dürfte denn 
die Verwendung der weissen Perlstrauchfrüchte im Verein mit den 
schwarzen Früchten des Ligusters und den rothen der Weissdornarten 
zur Ausschmückung und Aufbesserung herbstlich gewordener oder ab- 
getragener und daher unschöner Teppichbeete gewiss als ein besonderer 
Vorzug der Pflanze zu betrachten sein; denn was nützten uns die häufiger 
zu findenden Früchte von rother oder schwarzer Farbe zur aushilfs- 
weisen Decoration kleiner Parterres, wenn uns die weisse Farbe fehlte, 
durch welche erst ein wirkungsvoller Contrast erzielt werden kann. 

Der in Canada und den nördlichen Staaten der Union heimische, 
zur Familie der Caprifoliaceen gehörige Strauch baut sich sehr buschig, 
ist sehr hart und dauerhaft, dabei genügsam in jeder Beziehung, sowohl 
in Betreff des Standortes als auch des Bodens, vorausgesetzt dass letzterer 
nicht zu nass sei. Er wird ebenso selten von Frostschäden als von 
Fäulnissinfectionen heimgesucht, und manches Exemplar steht während 
eines Zeitraumes von zehn Jahren fast unverändert auf einer Stelle, ohne 
an Höhe und Breite bemerkenswerth zugenommen zu haben. Sind aber 
die Verhältnisse, unter welchen die Pflanze vegetirt, ihrem Wachsthutn 
ausnahmsweise günstige, so beobachtet man immerhin nur eine gering- 
fügige Verdickung und nicht sehr bedeutende Verlängerung der Triebe, 
wohl aber eine auffallende Vermehrung derselben. Die durchschnitt- 
liche Höhe des Strauches dürfte einen bis höchstens zwei Meter nicht 
überschreiten, und diesem niedrigen und so constanten Grössenverhältniss 



II. Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 



hat derselbe es hauptsächlich zu verdanken, dass seine Verwendung als 
Unterholz bei Park- und Gartenanlagen eine so vielseitige geworden ist. 

Soviel nun aber der Perlstrauch zu ebengenanntem Zwecke auch 
gebraucht wird, so wenig hat man bisher daran gedacht, denselben zum 
Hochstamme heranzubilden. Als solcher bietet er bei Einzelstellung auf 
einem Rasenplatze mit seinen weithin leuchtenden Früchten im Herbste 
einen ganz reizenden Anblick, welcher dadurch noch angenehmer wird, 
dass die fruchttragenden Aeste sich vermöge der Schwere der Früchte 
ein wenig nach abwärts senken und auf diese Weise ein gebogenes Aus- 
sehen erlangen. Auch als Centrum einer kreisförmigen Gruppe niedriger 
Symphoricarpen würde ein solcher Hochstamm von decorativem Werthe sein. 

Zur Erziehung eines Symphoricarpus-B&umchens bediente ich mich 
folgender Methode. Ich pflanzte einen Strauch, bei welchem ich alle 
Triebe bis auf den stärksten entfernt hatte, in der Entfernung eines 
Viertelmeters an einen dicht zusammengefügten Bretterzaun, welcher 
etwa 2 Meter hoch w T ar und eine nach Norden gerichtete Lage hatte. 
Auf diese Weise empfing die Pflanze in der ersten Zeit ihres Wachs- 
thums, d. h. so lange sie noch niedrig war, eine geringe und sehr kurz- 
bemessene Beleuchtung durch directe Sonnenstrahlen. Da nun aber jede 
Pflanze, wie bekannt, mehr oder minder dem Lichte zustrebt, so war, 
in Folge der lichtlosen Stellung meines Symphoricarpus, für ihn ein 
Impuls vorhanden, das Höhenniveau der das Licht verdeckenden Wand 
zu erreichen und diese selbst durch weiteres Wachsthum zu überwuchern. 
Ist dieser Zeitpunkt eingetreten und die Bretterwand von dem auf- 
geschossenen Triebe bereits überschritten worden, so beginnt man mit 
dessen Verkürzung oder Abzwickung, welche man im nächsten Jahre auf 
die in Folge dieser Operation entstandenen neuen Endtriebe ausdehnt 
und so lange fortsetzt, bis man die Gewissheit erlangt hat, eine richtige 
Grundlage zur weiteren Bildung einer Krone erzielt zu haben. Die fernere 
Ausbildung des Kronbäumchens ist Sache der Natur und der Zeit; nur 
versäume man niemals, den schlanken Trieb, welcher den Stamm reprä- 
sentiren soll, durch einen Stab zu schützen und, so oft als nöthig, die 
am Stamme hervortretenden Seitentriebe und die zuerst in Menge er- 
scheinenden Wurzelkopfschösslinge wegzunehmen. Uebrigens scheint das 
Vermögen, Letztere hervorzubringen, der Pflanze allmählich verloren zu 
gehen, vorausgesetzt, dass die Schösslinge stets dicht und scharf an der 
Austriebstelle abgeschnitten werden; denn ich beobachtete, dass nach 
Verlauf von 3 bis 4 Jahren das lästige Austreiben ziemlich sein Ende 
erreicht hatte. 

Es ist einleuchtend, dass die Heranbildung eines Hochstammes von 
Symphoricarpus racemosus viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt und 
dass auch die Verdickung des Stammes, weil gegen das Naturell der 
Pflanze, nur sehr langsam vor sich geht. Aus diesem Grunde und um dieser 

1 



J>~ 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Fatalität zu entgehen, würde es sich empfehlen, eine Veredlung einer 
leichter an Stammumfang zunehmenden, holzigen Pflanze mit unserem 
Strauche vorzunehmen, wodurch unstreitig das Ziel bei weitem eher 
erreicht werden könnte. Leider bin ich nicht in der Lage, Erfahrungen 
in dieser Beziehung wiedergeben zu können; jedoch dürfte meines un- 
maassgeblichen Erachtens die Wahl einer sich zeitig und stark ver- 
holzenden Caprifoliacee wohl das Richtige treffen und der Versuch mit 
einer Unterlage von Weigelia rosea oder einer anderen Weigelie vielleicht 
nicht fehlgegriffen sein. Die Methode, nach welcher bei der Veredlung 
zu verfahren sein wird, ist unzweifelhaft von verschiedenen Umständen 
abhängig, deren weitschweifige Erörterung hier jedoch unterbleiben muss. 
Nur sei noch darauf aufmerksam gemacht, dass auch bei Verwendung 
der Weigelia rosea die fleissige Beseitigung der Wurzelhalstriebe eine 
conditio sine qua non sein und bleiben wird. 

Am Schlüsse meiner Plauderei gestatten Sie mir nur noch zu er- 
wähnen, dass unser Symphoricarpus racemosus eine niedliche Schwester 
hat, bekannt unter dem Namen Symphoricarpus vulgaris foliis variegatis, 
ausgezeichnet durch die weissgelbliche Panachirung der Blätter. Diese 
Varietät des Symphoricarpus vulgaris Mchx. ist ebenso geduldig wie ihre 
Stammform und zugleich eine recht hübsche, niedrige, strauchige Pflanze, 
welche sich ganz ausserordentlich zur Cultur in Töpfen eignet, wobei 
ihr zierlicher Habitus zu voller Geltung kommt. Sie hält sich als Topf- 
pflanze bei leicht erzielbarer, guter Ballenbildung in verhältnissmässig 
kleinen Töpfen viele Jahre lang gesund und vegetativ kräftig, erträgt 
jeden Schnitt der Aeste und der Triebe und überwintert schliesslich in 
finsterem Keller, ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen, auch selbst 
dann, wenn das Giessen auf längere Zeit vergessen wird. Eine für manche 
gärtnerische Zwecke angenehme Eigenschaft der Pflanze ist auch die, 
dass sie die ihr einmal angewiesene Höhe oder Grösse auf lange Zeit 
im Topfe inne hält; sie ist also keine Durchgeherin. Auch kann man 
von ihr mit Leichtigkeit niedrige Topfkronbäumchen erziehen, deren 
dünne Aeste sich büschelförmig nach allen Seiten ausbreiten und welche 
mit ihren kleinen, weissgelbbunten Blättern einen recht artigen Anblick 
gewähren. 

So viel meiner Plauderei! — Haben Sie die Güte, sich vor- 
kommenden Falles des soeben besprochenen niedlichen Symphoricarpus 
vulgaris foliis variegatis zu erinnern; den Herren Garten- und Park- 
besitzern aber sei die ganz ergebenste Bitte ans Herz gelegt, einmal 
einen kleinen Versuch zu machen mit der Schneebeere als „Hoch- 
slamm". 



IL Abtheilung. Obst- und Gartenbau- Section. 



In der zweiten Sitzung am 14. Februar sprach Garten- 

Ingenieur Menzel 

° — \t 

lieber das Verpflanzen älterer Bäume. 

Schon im Anfang dieses Jahrhunderts wurden von Seiten der Gärtner 
und Naturfreunde bei Inangriffnahme grösserer Gartenanlagen weitgehende 
Versuche gemacht, 50- bis 80jährige Bäume mit einem Stammdurch- 
messer von 40 — 50 Centimetern zu verpflanzen, jedoch waren die Ver- 
suche wegen der äusserst primitiven Hilfsmittel von sehr geringem 
Erfolg begleitet. Solche Bäume wurden, nachdem sie nur oberflächlich 
im Boden gelöst waren, durch Ochsen oder Pferde herausgerissen und 
dann zum neuen Bestimmungsort geschleift. Dass bei solch' einem 
Maltraitiren von Bäumen kein Erfolg die Arbeit krönen konnte, liegt 
wohl klar auf der Hand. Erst später wurde von dem Fürsten Pückier- 
Muskau das Verpflanzen alter Bäume bei Anlage des grossen Parkes zu 
Muskau wieder angewandt. 

Als grosser Naturfreund und Landschaftsgärtner studirte er die Natur 
und das Leben solcher Bäume und gelangte zu dem Schluss, dass sich 
dieselben sehr wohl noch in hohem Alter bei zweckentsprechender Be- 
handlung und Pflanzung versetzen lassen müssen. Im Verein mit grossen 
Meistern der Gartenkunst wurden entsprechende Wagen oder Maschinen 
zum Ausheben und zum Transport der Bäume construirt, die dann durch 
die weiteren Erfahrungen immer mehr vervollkommnet wurden. Die 
ausserordentlichen Erfolge des Fürsten Pü ekler veranlassten bald Welt- 
städte wie Berlin, Paris, London und New-York seinem Beispiel zu 
folgen und in neuester Zeit hat sich diesem in grossem Maassstab auch 
Köln a. Rh. angeschlossen. 

Welch' bedeutenden Werth das Verpflanzen grosser Bäume bei der 
Neuanlage jedes grösseren Parkes hat, werden Naturfreunde wie Fach- 
männer zu würdigen wissen. In grösseren Anlagen sollten wenigstens 
die Hauptzüge und Conturen des von der reichen Phantasie des Garten- 
künstlers entworfenen Bildes mit grossen, ansehnlichen, landschaftlich 
charakteristischen Bäumen hergestellt werden. Wie öde sieht eine Anlage 
in den ersten zwanzig Jahren aus, wie wenig schattenspendend ist sie, wenn 
nur geringes Pflanzenmaterial verwendet wird! Die kleinen Bäume und 
Gruppen stehen in keinem Verhältniss zu den grossen Rasenflächen. Die 
Gruppen geben natürlich nicht den erforderlichen, schönen Contrast und 
werfen nicht die unentbehrlichen Schlagschatten, um das saftige Grün 
des Rasens hier und da zu unterbrechen \ auch sind sie nicht im Stande, 
den Teichanlagen des Parkes eine wirkungsvolle Umrahmung zu ver- 
leihen, so dass die Spiegelbilder, welche die Wasserflächen zurückwerfen, 
ebenfalls des Reizes entbehren. Dem Besitzer einer Neuanlage wird 
daher daran gelegen sein, womöglich grosse Bäume zur Anpflanzung zu 

1* 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



verwenden, und die entstehenden Mehrkosten werden dadurch aufge- 
wogen, dass er bald nach Fertigstellung der Anlage in den Genuss der 
landschaftlichen Reize tritt und den wohlthuenden Schatten der Pflanzungen 
geniessen kann. Vor Allem sollten auch grosse Verwaltungen bei Her- 
stellung von öffentlichen Anlagen mit dem in Frage stehenden Material 
arbeiten. Der Generation, welche zur Zeit der Neuanlage eines öffent- 
lichen Parkes lebt und in erster Linie die Kosten zu tragen hat, kommt 
wohl ein gerechter Anspruch darauf zu, sich selbst bereits der Anlagen 
zu erfreuen und in dem Schatten derselben zu lustwandeln. Eine Anlage, 
die in den ersten zwanzig Jahren keinen Schatten und keine landschaft- 
lichen Reize bietet, sucht man höchstens aus Neugierde auf, um einmal 
zu sehen, was eigentlich geschaffen sei. 

Wenn die nöthigen Mittel gewährt werden, kann jeder gesunde 
Baum bis zum Stammdurchmesser von 50 cm und auch darüber ver- 
pflanzt werden. Während seiner Thätigkeit als Garten-Architekt bei 
der Garten-Direction der Stadt Köln hatte der Vortragende häufig Ge- 
legenheit, solche grosse Räume selbst zu verpflanzen, und zwar Bäume 
sehr verschiedener Gattungen. Bei der Neuanlage des dortigen Volks- 
gartens von 55 Morgen Grösse wurden ca. 500 grosse Bäume gepflanzt, 
von welchen jeder 50 Mark Verpflanzungskosten verursachte. Nur 3 bis 
4 Bäume sind davon eingegangen, während die anderen, wovon sich 
der Redner in diesem Winter bei einer Reise nach Köln persönlich 
überzeugt hat, freudig gewachsen sind und im Grossen und Ganzen nicht 
mehr erkennen lassen, dass sie verpflanzt worden sind. In der letzten 
Zeit seiner Thätigkeit in Köln hat der Redner noch 26 Stück Linden 
von 50 cm Durchmesser verpflanzt, welche bei Schleifung einer Allee 
gewonnen wurden, und nicht eine einzige derselben ist eingegangen, 
vielmehr hatten dieselben schon im zweiten Jahre das volle Laub in 
der früheren Grösse entwickelt. Wie ungünstig die Kölner bei Be- 
willigung der Gelder für solche Anlagen über dieselben gedacht haben, 
beweisen die damaligen Zeitungsberichte ; jetzt sind sie aber erfreut 
hierüber und wissen der Verwaltung und vor Allem dem städtischen 
Garten-Director Kowalleck Dank dafür, dass diese Anlagen ausgeführt 
worden sind. 

Was die Verpflanzzeit anbetrifft, so ist sie im Grossen und Ganzen 
unabhängig von der Jahreszeit; nur in wenigen Ausnahmefällen muss die 
Verpflanzung im zeitigen oder späteren Frühjahr erfolgen, wobei nur der 
Ailanthus (Götterbaum) angeführt sei, welcher in hohem Alter schwer 
anwächst und nur im späten Frühjahr zu verpflanzen ist. Sehr leicht 
wachsen an und entwickeln schon im zweiten oder dritten Jahre wieder 
ihr volles Laub: Linden, Akazien und Weiden; ferner Eichen, voraus- 
gesetzt, dass keine Pfahlwurzel vorhanden ist. Längere Zeit brauchen 
Ahorn, Platanen, Kastanien, Nussbäume etc. 



IL Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 



Der Vortragende hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Ver- 
pflanzen von starken Bäumen hier in Schlesien einzuführen und das 
Interesse dafür zu wecken, in der Hoffnung, auf die Unterstützung seiner 
einflussreichen Facbgenossen, sowie der in der Sitzung anwesenden Herren. 
Auch Garten-Inspector Richter werde wohl bei der städtischen Ver- 
waltung das befürworten, was er als Gartenkünstler nur mit Freuden 
begrüssen könne. 

Der Redner kommt dann auf die beiden Constructionen von Ver- 
pflanzmaschinen zu sprechen. Die eine besteht in einem vierrädrigen 
Wagen mit nach unten gebogenen Achsen, zwischen welche ein Kasten, 
der auseinander genommen werden kann, zur Aufnahme des Wurzel- 
ballens angebracht ist. Dieser Wagen wird mit dem offenen Kasten an 
den freigemachten Baum gefahren, der mittelst Winden gehoben wird. 
Ist darauf der Kasten unter und um den Wurzelballen zusammengefasst, 
so wird der Baum von den Winden frei gemacht; er steht nun senk- 
recht im Kasten des Wagens und wird in dieser Stellung an den neuen 
Bestimmungsort gefahren. Dieser Wagen ist jedoch sehr kostspielig 
herzustellen und auch der Transport mit demselben in vielen Fällen 
nicht möglich, da Bahnunterführungen, Brücken, überbaute Thoreingänge etc. 
unüberwindliche Hindernisse darstellen. 

Die andere Construction, welche vom Vortragenden selbst verwendet 
wird, ist bedeutend einfacher. Ein zweirädriger Wagen trägt über seiner 
Achse einen über die Räder hinausstehenden Bock mit einem halbkreis- 
förmigen, gepolsterten Lager zur Aufnahme des Baumstammes, und zwar 
kann dieses Lager mit einem Gegenlager geschlossen werden. Ausserdem 
hat der Wagen eine lange, starke Deichsel, welche dazu bestimmt ist, 
auch am Baum befestigt zu werden. 

Soll nun ein Baum verpflanzt werden, so wird dieser Wagen an 
den freigemachten und vorbereiteten Baum auf Bohlen herangefahren, so 
dass die Deichsel vom Stamm des Baumes absteht und die Entfernung 
der Achse des Wagens von dem Stamm genau so gross ist, wie die der 
Achse von dem halbkreisförmigen Lager des Bockes. Sind nun die 
Räder genügend festgestellt und die am Wagen befindliche Bremse an- 
gezogen, so hebt man die Deichsel bis in die Krone des Baumes, wo 
sie an einem starken Ast mit Stricken gut befestigt wird. Der Bock 
hat diese Drehung mitgemacht und steht jetzt in wagerechter Lage nach 
dem Baume zu, während das Lager des Bockes dicht am Stamme liegt. 
Nun schraubt man das Gegenlager des Bockes an und zwängt den 
Stamm fest ein. In der Mitte der Deichsel befindet sich noch eine Vor- 
richtung, mit welcher man den Stamm nach Aussen drücken kann, um 
ihn gegen Verdrehen anzuspannen. Hinter dem Bocke ist ausserdem 
eine in den Stamm einzuschraubende, starke, eiserne Nadel angebracht, 
die man jedoch nur in den seltensten Fällen anwendet. Nachdem in 



8 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

der Krone starke Seile angebracht sind, wird der Baum um die Achse 
des Wagens heruntergezogen, so dass er wagerecht auf demselben ruht. 
In dieser Lage wird er an seinen neuen Bestimmungsort transportirt 
und dort im umgekehrten Verfahren eingepflanzt. 

Das Beschneiden der Wurzeln muss sehr sauber und gewissenhaft 
ausgeführt werden und erfolgt am besten, wenn der Baum sich auf dem 
Wagen befindet. Die Krone wird möglichst gar nicht geschnitten, und 
nur trockenes Holz und kranke Aeste werden fortgenommen. So sehr 
der Vortragende für ein starkes, zweckmässiges Schneiden jüngerer, kräf- 
tiger Bäume ist, so sehr verdammt er es bei alten. Ein auf die be- 
schriebene Weise verpflanzter Baum wird im ersten Jahre nur sehr wenig 
und sehr kleines Laub entwickeln. Wenn man also der Krone noch 
die. schönsten und kräftigsten Blattknospen, die an den Spitzen der 
Zweige sich befinden, nehmen und so den Baum eines Theiles seiner 
Athmungsorgane berauben würde, so wäre es wohl klar, dass das An- 
wachsen eines solchen Clienten gefährdet werden müsse. Im zweiten 
oder dritten Jahre kann man dann das erforderliche Verschneiden ohne 
Nachtheil ausführen. 

Beim Zufüllen des Pflanzloches am neuen Standort ist vor Allem 
zu beachten, dass man den Boden, zumal in der Nähe der Wurzeln, 
genügend mit Sand vermengen muss. Dies hat den Zweck, die Luft- 
circulation zu fördern und überflüssiges Wasser schnell abziehen zu 
lassen. Fortwährendes tüchtiges Einschlemmen beim Zufüllen des 
Pflanzloches ist von grosser Wichtigkeit, und an Wasser darf dabei 
nicht gespart werden. Zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen wird der 
Stamm im ersten Jahre mit Bastdecken oder Schilf umwunden, damit 
die Rinde stets feucht bleibt, und ausserdem muss der Baum bei heissem, 
trockenem Wetter mehrmals täglich gespritzt werden. Zum Schutz 
gegen Stürme und das damit verbundene Loslösen des Wurzelballens 
wird der Baum mit Drähten an Pflöcke befestigt, die in die Erde ge- 
schlagen werden, und dadurch auch gerichtet. Bei Bäumen, die in dieser 
Weise verpflanzt und behandelt werden, ist das Anwachsen möglichst 
gesichert, vorausgesetzt natürlich, wie schon oben erwähnt, dass der 
Baum gesund ist, und dass eine Anzahl aus der Erfahrung hervorgehen- 
der Regeln sorgfältigst beobachtet werden. Vor Allem ist das Augen- 
merk darauf zu richten, dass die Bäume weder zu hoch, noch zu niedrig 
gepflanzt werden. Denn wenn der Baum zum Beispiel auch nur einige 
Centimeter tiefer steht, als am alten Standort, so ist das Anwachsen 
bereits gefährdet. 

An diesen Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Discussion, an welcher 
sich die Herren Obergärtner Schütze, Apotheker Scholtz und Garten- 
Inspector Richter betheiligten. 



IL Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 9 



In der dritten Sitzung vom 6. März widmete Herr Garten- 
inspector Richter dem verstorbenen ersten Secretair, Prof. Dr. Prantl, 
warme Worte der Anerkennung und Dankbarkeit für das Interesse und 
die Förderung der Section. 

Herr Verlagsbuchbändler Müller erstattete hierauf den Kassenbericht 
pro 1892; es wird ihm Decharge ertheilt und der Dank der Section 
ausgesprochen. 

Hierauf hielt Herr Obergärtner Hol seh er einen Vortrag 
lieber die Oelrosencultur in Deutschland. 

Wenn ich mir gestatte, heute einige Mittheilungen über die Oel- 
rosencultur in Deutschland zu geben, so geschieht das hauptsächlich in 
der Absicht, um für diesen Industriezweig, der an verschiedenen Orten 
unseres Vaterlandes bereits für Viele von der weitgehendsten Bedeutung 
geworden ist, auch in Schlesien Interessenten zu gewinnen. 

Die Oelrosencultur hat in der Neuzeit in gärtnerisch-landwirthschaft- 
lichen Zweigen allgemeines Interesse erregt und bereits in verschiedenen 
Gegenden einen nennenswerthen Aufschwung genommen. Wenn man 
bisher, selbst bei einer Massenproduction, nur von Rosen zur Ver- 
schönerung der Gärten, Häuser und Feste sprach, nicht aber von 
einem eigentlichen Industriezweige, so geschah das wohl nur, weil die 
Oelrosencultur und -Industrie uns Deutschen unbekannt war, und die 
irrige Meinung vorherrschte, dass das Gedeihen dieser Rosen von einem 
besonderen Klima und Boden abhinge. Die Anbauversuche in ver- 
schiedenen Theilen Deutschlands haben nun aber seit der Einführung 
echter Rosen aus dem Orient bewiesen, wie hinfällig diese Vorurtheile 
waren, und dass in erster Linie die Cultur und Methode der Gewinnung 
die Qualität des Rosenöls bedingt. 

Das Verdienst der Einführung echter Oelrosen hat in erster Linie 
Dr. Di eck, der dieser Sache ein ganz besonderes Interesse entgegen- 
brachte und, begeistert von der Idee, wohl als Erster einen Reisenden 
nach dem Süden des Balkans entsandte, um in seinem Auftrage die 
Rosenfrage eingehend an Ort und Stelle zu studiren. Nebst Di eck 
hatte auch die Parfümeriefabrik Schimmel & Co. in Leipzig einen 
Reisenden, Herrn Schmal fuss, nach dem Balkan geschickt, der aber 
unverrichteter Sache nach Leipzig zurückkehren musste. Die Regierung 
wollte durchaus im Alleinbesitz der Kazanlik-Rosen bleiben und erliess 
ein Ausfuhrverbot und zwar „bei Strafe der Confiscation jedes Grund- 
eigentums." 

Zwei Agenten, angeklagt, durch einen bestochenen Türken bul- 
garische Bauern zum Ankauf von Oelrosen verleitet zu haben, fielen 
trotz der Entschuldigungen, nur einige von diesen Rosen für den Privat- 
garten Bismarck's sammeln zu wollen, dieser Anklage zum Opfer. 



10 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Es dürfte wohl bekannt sein, dass das für den europäischen 
Gebrauch bestimmte Rosenöl fast ausschliesslich in Bulgarien an den 
Südabhängen des Balkans gewonnen wird. Die einst berühmte Rosenöl- 
production Aegyptens ist im Sinken begriffen, Srinagar's Rosenfluren 
fast aufgegeben, auch jene von Medinet-Fajum vernachlässigt; sie decken 
kaum mehr den Bedarf im Lande des Khedive. Was also in Indien ? 
Persien und Aegypten an Rosenöl und -Wasser producirt wird, genügt 
kaum für die Bedürfnisse des Orients, und man wird sich deshalb nicht 
wundern, wenn das persische und indische Rosenöl nicht in den Handel 
kommt. 

Die grossen, von europäischen und namentlich englischen Par- 
fümeuren verbrauchten Quantitäten werden nun fast ausschliesslich an 
den Südabhängen des Balkan gewonnen. Dort in den pittoresken Ge- 
filden, in einem ziemlich zusammenhängenden Complex von mit Rosen- 
culturen besäeten Districte liegt ihr Mittel- und Hauptpunkt, das kleine 
Landstädtchen Kazanlik. 

Unter Kazanlik-Rosen versteht man nun dort die des ganzen Thal- 
beckens, das sich von K. nach rechts und links ausdehnt und fast zur 
Hälfte mit Rosen bepflanzt ist. Die Rosenculturen haben dort eine 
solche Ausdehnung erreicht, dass selbst Moltke, entzückt über den 
Anblick, gesagt haben soll, dass man einen Decorationsmaler, der der- 
gleichen malen sollte, der Uebertreibung anklagen würde. Und nicht 
mit Unrecht, denn man staunt, wenn man die Zahlen hört, mit denen 
dabei gerechnet wird, und zu welchen Rosen allein das Material 
liefern. 

Welche Rosen nun Dieck von dort einführte, dürfte bekannt 
sein; ich komme auf die einzelnen Sorten noch näher zurück. Auf den 
Ursprung und die Entstehung der Oelrosen einzugehen, würde heute zu 
weit führen, das ist auch mehr Sache der Botaniker. Für die Praxis 
ist die Frage, welche Rosen sich bei uns bewährt haben und einen 
Anbau lohnen, eine wichtigere. Dieck führt in seinen Verzeichnissen 
eine Anzahl von ihm eingeführter Oelrosen an, die stellenweise bei uns 
bereits im Grossen angebaut werden. 

Ich hatte in meinem letzten Wirkungskreise am botanischen Garten 
der Grossherzoglich technischen Hochschule zu Karlsruhe i. B., woselbst 
mit dem eigentlichen botanischen Garten auch ein grösseres Versuchs- 
feld für landwirtschaftliche Culturen verbunden ist, Gelegenheit, auch 
mit diesen Culturen mich zu befassen. Wenn nun auch diese ihrer 
Bestimmung gemäss nur in einem relativ kleinen Maassstabe betrieben 
wurden, so zeigten sie mir doch deutlich, welchen Aufschwung diese 
nehmen können, wenn dieselben in rationeller Weise im Grossen be- 
trieben werden. 



II. Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 11 

Die bereits erwähnte Parfümeriefabrik von Schimmel & Co. in 
Leipzig stellt schon seit Jahren ein qualitativ vorzügliches Oel aus 
unserer Centifolie her. Neben der Centifolie wird dort eine Rose ver- 
arbeitet, die Di eck unter dem Namen Rosa gallica var. byzaniina in 
den Handel brachte. Mit dieser Rose, die bereits in Leipzig erprobt 
und sich für die Cultur bewährt hatte, wurden auch in Karlsruhe die 
ersten Versuche gemacht, die alle Erwartungen übertrafen. Ich komme 
hierauf noch näher zurück, möchte vorher nur angeben, dass ausser Rosa 
byzaniina drei andere von Dieck eingeführte und aus seinem Arboretum 
bezogene Rosen angepflanzt wurden, welch' letztere aber vor einigen 
Jahren noch hoch im Preise standen und nur in wenigen Exemplaren 
abgegeben wurden, nämlich: die weisse und rothe Rose von Kazanlik, 
von Dieck Rosa alba L. forma suaveolens und Rosa gallica var. 
damascena L. forma trigintipetala bezeichnet. Als die am meisten Oel 
liefernde wird letztere, die rothe Kazanlik -Rose bezeichnet, bei der 
die Zahl der Petalen selten die 30 übersteigt, so dass die ganze Mitte, 
ähnlich wie bei der Rosa camwa-Blume, mit ihrer Menge gelber Staub- 
beutel deutlich sichtbar ist; sie wird auch im Orient allgemein mit dem 
Namen „trindafil", d. h. die dreissigblättrige, bezeichnet. 

Die weisse Oelrose soll man im Orient nur vereinzelt angepflanzt 
vorfinden, und sie soll nicht beliebt sein, da sie zwar ein feines Oel liefert, 
aber in weit geringerer Quantität. Es soll übrigens nachgewiesen sein, 
dass der Oelgehalt sämmtlicher Rosenvarietäten um so geringer wird, 
je weisser die Farbe der Blüthen ist. 

Die weisse Rose wird bis 2 Meter hoch; die Blüthen kommen in 
verschiedener Füllung vor und zeigen bisweilen einen röthlichen Anflug; 
sie wird in Bulgarien als Zusatz zu der gewöhnlichen Rose benutzt. 

Die Rosa gallica var. byzaniina, die, wie ich bereits erwähnte, schon 
vielfach im Grossen in Deutschland angebaut wird, zeichnet sich durch 
ihren ausserordentlichen Blüthenreichthum, üppigen Wuchs und erstaun- 
lich leichte Vermehrung aus. In Karlsruhe erhielten wir im Jahre 1888 
von Dieck die erste Sendung, womit eine circa 19 m lange und 9 m 
breite Fläche bepflanzt wurde. Die kleinen Topfexemplare wurden in 
Reihen auf 80 cm Pflanzweite gesetzt und entwickelten sich schon im 
zweiten Jahre so kräftig, das sich die festgesetzte Pflanzweite als viel 
zu eng erwies. Im dritten Jahre hatten wir im Juni die erste Ernte 
und erzielten von dem kleinen Stück einen Ertrag von etwa 100 Mark. 
Die Rosa byzaniina ist vollständig winterhart und vermehrt sich ungemein 
leicht aus Stechholz. Auch wächst die viel gepriesene Rosa trigintipetala 
aus Stechholz, so dass zu erwarten steht, dass gerade diese Rose, die 
Dieck anzupflanzen empfiehlt, und welche die Beste von allen sein soll, 
mehr im Grossen angebaut wird. 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Di eck führt in seinem Verzeichnisse noch einige andere Oelrosen 
auf, z. B. eine Rosa gallica L. forma conditorum, die sich in Kleinasien 
unter dem Namen „Süssrose" einer ausserordentlichen Beliebtheit er- 
freuen soll. Sie soll fast ausschliesslich zur Bereitung oder zur Par- 
fümirung von Conditorwaaren benutzt werden. 

Dass man bei dem wachsenden Gebrauch des Rosenöls sich nicht 
allein mit den echten Kazanlik-Rosen begnügt, sondern auch nach andern 
geeigneten Sorten sucht, ist erklärlich* jedenfalls wird es sich aber bei 
Anbauversuchen, schon in pecuniärer Beziehung, empfehlen, zunächst 
bereits erprobte Sorten anzubauen. 

Ich habe bereits erwähnt, dass auch unsere Rosa centifolia zur 
Rosenölfabrikation Verwendung findet- sie ist aber selten geworden, so 
dass bei einer grossen Anlage eine mühsame Sammel- und Ver- 
mehrungszeit vorausgehen muss; zudem liefert sie nicht soviel Oel, wie 
die bulgarische Rose, bei der ausserdem die Verarbeitung bedeutend 
leichter ist. Ein weiterer Vortheil der Kazanlik-Rosen gegen unsere 
Centifolie ist der der schnelleren Entwicklung; während die Centifolie 
erst im fünften Jahre einen vollen Ertrag liefert, tritt dies bei der 
Kazanlik-Rose schon im dritten Jahre ein. Die Centifolie muss vor 
der Verarbeitung entblättert werden, während bei der bulgarischen Rose 
auch der Kelch ölhaltig ist und verarbeitet wird. Hierzu kommt die 
relativ leichte Vermehrung und der völlige Widerstand gegen Pilzkrank- 
heiten, von denen die Centifolie öfter heimgesucht wird. 

Die Cultur der Oelrosen ist die denkbar einfachste. Die Reihen 
erhalten einen Abstand von 1 bis 2 m, je nachdem man Gemüse da- 
zwischen pflanzen will oder nicht. Die Behandlung besteht im ersten 
Jahre im Reinhalten der Beete, fleissigem Behacken des Bodens und vor 
Eintritt des Winters im Behäufeln der einzelnen Stöcke selbst. Im 
Orient soll eine Pflanzung 10 bis 15 Jahre genügende Erträge liefern 
und erst dann die Quartiere gewechselt werden. Geschnitten werden 
die Rosen im Oriente gar nicht. Hofgärtner Betz in Sophia hat er- 
probt, dass Oelrosen, wie gewöhnliche beschnitten, beinahe so gefüllt 
wurden, wie die der Rosa centifolia und schreibt das Gefülltwerden auf 
Kosten des Schneidens, eine Manipulation, die dort nicht vorge- 
nommen wird. 

Die Erntezeit der Oelrosen fällt, je nach der Witterung, in die 
Monate Mai und Juni und dauert 4 bis 6 Wochen. Je wärmer es in 
diesen Monaten ist, desto schneller entschwindet der Duft und wird 
dadurch der Oelgehalt bedeutend beeinträchtigt. Kühles, feuchtes Wetter 
ist bei der Ernte am erwünschten, da die Blumen sich langsamer ent- 
wickeln und bequemer abgeerntet werden können. Ein dreijähriges 
Exemplar soll im Orient mehrere hundert Blumen liefern. 



IL Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 13 

Das Pflücken der Rosen muss bis 9 Uhr Morgens beendet sein, da 
sonst erhebliche Oelverluste eintreten. Die Blumen werden mit dem 
Kelch gepflückt; es sollen nur völlig aufgeblühte Rosen zur Abernte 
gelangen. Die geernteten Rosen müssen möglichst noch denselben Tag 
verarbeitet und auf jeden Fall vor Sonnenstrahlen geschützt werden, um 
die Verdunstung des Oels zu verhindern. 

Auf die Gewinnung des Oels heute einzugehen, würde zu weit 
führen; ich will desshalb nur erwähnen, dass sie im Orient überall als 
Hausindustrie betrieben werden soll. Jeder Bauer destillirt sich sein 
Oel selbst; der Preis schwankt natürlich und hängt von der Qualität und 
Ernte ab. Ist letztere vorüber, so kommen die Bauern zusammen und 
bestimmen denselben, Hiernach haben sich die Grosshändler, die das 
Rosenöl in kleineren Posten in den Dörfern zusammenkaufen, zu richten. 
Die Händler verkaufen das Oel später im Grossen in Paris und London, 
wobei viel verdient werden soll. 

Dass die Oelrosencultur auch in Deutschland eine Zukunft hat, ist 
zweifelsohne. Nach den bisherigen Versuchen, die, wie ich bereits er- 
wähnte, im Grossen schon in Leipzig etc. ausgeführt wurden, steht fest, 
dass selbst die echte Kazanlik-Rose hier besser gedeihen und ein gün- 
stigeres Resultat liefern wird, wie im Vaterlande selbst, da ihre Cultur 
und Pflege vermöge unserer Maschinerien eine viel sachgemässere 
sein wird. 

Die Rosen haben sich bei uns vollkommen winterhart gezeigt und 
die Hitze, welche im Orient oft die Hälfte der Ernte vernichtet, ist hier 
nicht so intensiv, wie das dort der Fall ist. Eine wesentliche Ver- 
schiedenheit des Bodens, auf dem die Rosen wachsen, ist gegen hiesige 
Verhältnisse nicht vorhanden; zudem besitzen wir bereits eine chemische 
Analyse des rumelischen Bodens, so dass wir event. fehlende Bestand- 
teile leicht ersetzen könnten. 

Der Baumschulenbesitzer Schmalfuss berechnet in seiner heraus- 
gegebenen Broschüre: „Die Einführung der Kazanliker Rosen zur 
Rosenölgewinnung in Deutschland" den Ertragsanschlag für das Hektar 
folgenderweise: 

I. Anlagekosten für das Hektar. 

Vorbereitung des Bodens durch Bearbeitung und Düngung 600 Mk. 
Beschaffung von 20 000 Pflanzen, freie Lieferung, Pflanzung 

und Garantie 6 000 „ 

Pacht und Bearbeitung, Hacken etc. werden in 

den ersten zwei Jahren durch Zwischenculturen gedeckt. 

Summa 6 600 Mk. 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



II. Ertragsanschlag auf das Hektar und das Jahr. 

a. Ausgaben. 
Amortisation der Anlagekosten, i / l0 desselben .... 660 Mk. 

Pacht bezw. Verzinsung des Grundstückes 150 ,, 

Düngung und Bearbeitung 120 „ 

Pflücken und Versenden der Blumen 400 „ 

Summa 1 330 Mk. 

b. Einnahmen, 

wobei nur die Hälfte Blüthen auf den Stock angenommen werden, wie 

Herr Schmalfuss in Rumelien dies bei mittleren, freistehenden Stöcken 

gezählt hat, und zwar 20 000 Stück, die 5 / 6 Pfd. wiegen, 

20 000 Stück zu % Pfd. = 16 666 Pfd. = rund 160 Centner zu 

25 Mk. = 4 000 Mk. 

c. Wiederholung. 

Einnahmen 4 000 Mk. 

Ausgaben ♦ .... 1 330 ,, 

Reinertrag 2 670 Mk. 

Will man noch vorsichtiger gehen, so nehme man statt 6 / 6 Pfd. auf 

den Stock nur 4 / 6 — 2 A P^. an > ^ann wäre die Einnahme 3 300 Mk., 

die Ausgabe 1 330 ,, 

der Reinertrag 2 000 Mk. 

Selbstverständlich können Witterungsverhältnisse in derselben Weise 
wie dies bei anderen Culturen der Fall ist, den Ernteertrag beeinflussen. 

Die Berechnung dürfte indessen nicht zu hoch gegriffen sein, da 
auch nach meiner Erfahrung eine ausgewachsene Rose recht gut 4- bis 
500 Blumen bringen kann. Erwägen wir hierbei, dass unsere Maschinen 
uns eine weit billigere Production gewähren und durch eine intensivere 
Cultur der Ertrag bedeutend erhöht werden kann, so bleibt kein 
Zweifel, dass wir recht erfolgreich mit dem Orient in Concurrenz 
treten können. 

Zum Schluss bleibt nur noch zu erwähnen übrig, dass selbst- 
verständlich derartige Culturen nur dort ausgeführt werden können, wo 
eine nahegelegene Fabrik ätherischer Oele den Absatz sichert. In 
Karlsruhe hatte die Direction der Grossherzoglich badischen landwirt- 
schaftlichen botanischen Versuchsanstalt einen Contract auf mehrere 
Jahre mit der Parfümerie-Fabrik von Wolf & Sohn abgeschlossen, die 
jedes Quantum mit 50 Pfg. pro Kilogramm bezahlte. Bei anhaltendem 
Regenwetter, wo selbstverständlich die Blumen weit schwerer sind, 
wurde 1 Procent der Gewichte in Abrechnung gebracht. 

Als beste Bezugsquelle echter Kazanlik-Rosen möchte ich das sog. 
National- Arboretum in Zöschen empfehlen, wo jedes gewünschte Quantum 



II. Abtheilunff. Obst- und Gartenbau-Section. 15 



in zuverlässig gesunder Waare abgegeben werden kann und den Inter- 
essenten über alle einschlägigen Fragen bessere Auskunft ertheilt werden 
wird, wie ich das in diesen kurzen Andeutungen zu thun vermochte. 

In der vierten Sitzung am 10. April sprach Apotheker Krull 
Ueber Zersetzungserscheinungen im Holze der Bäume, 
welche am lebenden und todten Holz durch die Einwirkung parasitischer 
Pilze hervorgerufen, gewöhnlich mit dem Ausdruck „Fäulniss" bezeichnet 
und in der Praxis entweder nach der bei der Zersetzung auftretenden 
Färbung des Holzes in Roth-, Weiss- und Grünfäule, oder nach dem 
Orte ihres Auftretens in Wurzel-, Stock-, Ast-, Kern- und Splintfäule 
unterschieden werden. 

Unter Vorlegung eines reichhaltigen Materials demonstrirte der 
Vortragende besonders auch die Ansichten und Beobachtungen über das 
Eindringen und die fortschreitende Entwicklung dieser schädlichen Para- 
siten unserer Bäume, sowie die Schutz- und Vorsichtsmaassregeln, welche 
dagegen seitens eines umsichtigen Gärtners zu ergreifen seien. 

In der fünften Sitzung am 5. Juni erfolgte die einstimmige 
Wahl des Prof. Dr. F. Pax zum ersten Secretair der Section und die 
Behandlung geschäftlicher Angelegenheiten. 

Am 3. Juli unternahm die Section unter Führung des Garten- 
Inspectors Richter eine Excursion nach dem Südpark. Die seit 
vergangenem Jahre geförderten Arbeiten, sowie die Bepflanzung gewisser 
Partien mit starken Bäumen wurden allseitig lobend anerkannt. Hierbei 
gab Garten-Inspector Richter folgenden 

Erläuterungsbericht für den Entwurf zu dem Südpark bei Breslau. 

Nachdem das Preisgericht keinen der zur Concurrenz eingesandten 
Pläne als zur Ausführung geeignet erklärt hatte, empfahl es dem 
Magistrat, einen neuen Plan anfertigen zu lassen, bei dessen Entwurf 
die von der Promenaden-Deputation aufgestellten Gesichtspunkte, sowie 
die von den Herren Preisrichtern ausgesprochenen Ideen in Betracht ge- 
zogen und noch nachträglich die Wünsche des Magistrats berücksichtigt 
wurden. 

Diese Wünsche und Ideen waren folgende: 

a. Die Restauration auf dem im Parkterrain vorhandenen Plateau 
vorzusehen, doch soweit vom Bahndamm entfernt, dass die Be- 
sucher nicht durch das Geräusch der Züge gestört werden* die 
Sitzplätze so anzuordnen, dass von hier die schönsten der dortigen 
Landschaften gesehen werden können. 

b. Den See nicht zu weit von der Restauration vorzusehen. 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

c. Den Wagenhalteplatz so zu legen, dass er womöglich mit der 
Schweidnitzer Chaussee in Verbindung steht. 

d. Einen Kinderspielplatz anzulegen, der in der Nähe der Restau- 
ration liegt und durch den Fahrweg nicht von dieser getrennt 
wird, um Unglücksfällen durch Ueberfahren etc. vorzubeugen. 

e. Einen anderen Spielplatz für Schulen und Vereine vorzusehen 
und diesen womöglich auf dem Trennstück an der Lohestrasse 
anzulegen. 

f. Die Gärtnerei ebenfalls auf einem der Dreiecke vorzusehen. 

g. Auf ausdrücklich gefassten Beschluss der Promenaden-Deputation 
nur einen Verbindungsfahrweg zwischen dem Ende der Parkstrasse 
und der Schweidnitzer Chaussee vorzusehen; dass dagegen zu 
vermeiden sei, einen Weg der Länge nach durch den Park zu 
führen, um das Terrain für den eigentlichen Park nicht zu sehr 
zu schmälern und zu zerstückeln. 

h. Als wünschenswerth wird noch bezeichnet, die Unterführung der 
Eisenbahn am Ende der Parkstrasse durch ein point de vue zu 
verdecken. 

Alle diese Punkte sind bei dem Entwürfe des Planes erfüllt, und 
nur die Bedingung eines point de vue noch so lange offen gelassen, bis 
die monumentale, 20 m Spannweite besitzende Eisenbahnbrücke fertig 
gestellt ist, um die Wirkung zu sehen; vielleicht genügt diese als Ruhe- 
punkt für's Auge, event. könnte der mit 40 m Durchmesser vorgesehene 
Platz an der Unterführung noch erweitert werden, um das point de vue 
aufzunehmen. 

Durch die zur landschaftlichen Gestaltung für das ganze Project 
überaus günstige Bestimmung, den Fahrweg nur als Verbindungsweg 
an der Restauration vorzusehen, wird der Park ein einheitliches Ganzes 
bilden. Ein Umfahrtsweg im Park ist hier keinenfalls erwünscht, da ja 
schon drei landschaftliche Strassen den Park umschliessen, von denen 
weite Ein- und Durchblicke den Fahrenden geboten werden. Es ist bei 
der Herstellung dieses Entwurfs ganz besonders darauf Rücksicht ge- 
nommen worden, die schönsten landschaftlichen Bilder von dem Linden- 
wege, nördlich des Parks, und von der Parkstrasse zu zeigen. 

Der Verbindungsfahrweg durch den Park hat eine Fahrbahn von 
7 m, nebenher einen Reitweg von 4 m und einen Fussweg von 3 m 
Breite; die Hauptfusswege haben 5 m, die anderen 4 und 3 m Breite. 

Die Wege sind in langgestreckten Zügen vorgesehen und dienen dem 
Besucher als stummer Führer, ersterem die hervorragendsten Stellen 
im Park zeigend; sie sind mehr oder weniger direct nach der Restau- 
ration geführt. 

An der Schweidnitzer Chaussee ist ein regelmässiges Entree vor- 
gesehen, welches mit immergrünen Pflanzen und Blüthensträuchern 



IL Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 17 



besetzt ist; schon beim Eintritt in den alleeartig bepflanzten, 30 m lang 
durch Festons begrenzten, 8 m breiten Weg wird dem Besucher ein 
weiter, über das Parkgelände bis nach der Parkstrasse sich erstrecken- 
der Blick eröffnet. 

Der westliche, 5 m breite Fussweg führt dann in langgestrecktem 
Zuge nach der Restauration. 

Der östliche, ebenfalls 5 m breite Umgangsweg, führt an einer 
Thalsenkung entlang, den etwas vertieft gehaltenen Kirchhofsweg über- 
schreitend, hart an der Frey'schen Besitzung vorbei, allmählich an- 
steigend, bis er auf einem Plateau mit grossem Sitzplatz anlangt, von 
wo man das Wahrzeichen von Breslau, den Zobten, sehen kann, da 
dieses Plateau auf die Horizontalcurve 125,00 gebracht ist. 

Von hier aus wird ein mächtiger Ausblick über weite Rasenbahnen 
und den Teich nach der Restauration zu gezeigt, und eine zweite Fern- 
sicht wird übers Wasser auf dunkelgrüne Laubmassen geboten. Von 
diesem Plateau führt der Weg, sanft sich senkend, in die vorhandene 
Terrainhöhe wieder einlaufend, an dem Doppelentree der Parkstrasse 
vorbei, berührt dann die Ufer des Teiches, einen Blick nach dem hoch, 
auf Horizontale 124,00 gelegenen Tempel oder Gartenhäuschen ge- 
während, und gelangt nach der Restauration. Eine Abzweigung dieses 
Weges führt von der Restauration nach einer Terrassenanlage, welche 
durch zwei seitliche Treppen die Verbindung mit dem Teich herstellt, 
um denselben durch Kahnfahrten und Schlittschuhlaufen später zins- 
tragend zu machen. 

Bei dem regen Interesse und der bekannten Opferwilligkeit für die 
städtischen Parkanlagen, wie sie sich jetzt schon durch Ueberweisung 
von grösseren Bäumen für den Südpark zeigen, dürfte es nicht schwer 
werden, die für den Tempel und die Terrassenanlage aufzuwendenden 
Kosten schenkungsweise aus der Bürgerschaft zu erreichen. 

Ein 5 m breiter Weg führt von der Restauration hart an die Park- 
strasse und stellt durch eine regelmässige Anlage die Verbindung mit 
dem auf dem Dreieck gelegenen grossen Spiel- und Turnplatz her. 
Weiter überschreitet er dann den Fahrweg im Park, nähert sich dem 
Eisenbahndamm und vereinigt sich zuletzt mit dem Abfahrtswege von 
der Restauration an der Eisenbahn-Ueberführung auf der Schweidnitzer 
Chaussee. 

Ein anderer Fussweg von 4 m Breite führt an dem nördlichen Ufer 
des Teiches in dem auf- und absteigenden Terrain entlang und bietet 
durch eine Abzweigung Gelegenheit, nach dem Tempel hinaufzusteigen, 
von wo sich ein prächtiger Ausblick nach der Restauration bieten wird. 
Noch ein anderer Fussweg stellt die Verbindung vom Kinderspielplatz 
nach dem östlichen Umgangswege im Park her. Er zeigt von einem 
erhöhten Sitzplatz aus über Rasenbahnen und Wasser auf der einen 



18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Seite des Teiches den Tempel, auf der gegenüberliegenden Seite die 
schroff abfallende Terrasse. 

Der in der Verlängerung der Dorfstrasse bisher grade geführte 
Weg erhält eine schwache Krümmung, um sich den anderen Wegen 
besser anzuschliessen. Dort, wo er durch die Rasenbahn führt, wird er 
vertieft gelegt, um beim Einblick von der Schweidnitzer Chaussee nicht 
störend zu wirken. 

Die übrigen noch vorhandenen Fusswege dienen zur Verbindung, 
z. B. nach dem Kinder- und grossen Spielplatz, nach dem Wagenhalte- 
platz, dem nördlichen Plateau etc. etc., und sind dieselben möglichst 
direct geführt. Auch ist von der Parkstrasse und dem Lindenwege für 
genügende Verbindung gesorgt worden; es sind an den hervorragendsten 
Stellen im Park allenthalben Sitzplätze zum Geniessen der landschaft- 
lichen Bilder vorgesehen. 

Der 7 m breite, chaussirte Fahrweg im Park mit 4 m breitem Reit- 
und o m breitem Fussweg beginnt an der Schweidnitzer Chaussee, geht 
an der Restauration vorbei und mündet gegenüber der neuen Strasse in 
die Parkstrasse ein; zur Abfahrt der Besucher der Restauration ist noch 
ein 6 m breiter, chaussirter Weg vorgesehen, welcher bei der Unter- 
führung in die Schweidnitzer Chaussee einläuft. 

Der Wagenhalteplatz, welcher zwischen dem chaussirten Parkfahr- 
wege, dem Privatbesitz und der Schweidnitzer Chaussee liegt, hat eine 
Grösse von 1500 qm. 

Die Parkstrasse an der östlichen Grenze des Parkes enthält in 
ihrer Breite von 25 m am Park entlang einen Fussweg von 6 m, dann 
eine Fahrbahn von 12 m, daneben einen Reitweg von 4 m und wiederum 
einen Fussweg von 3 m Breite. Bepflanzt wird dieselbe in ihrer ganzen 
Länge mit zwei Reihen Platanen und ist für später im Anschluss an die 
jetzt in Breslau ausgeführte elektrische Strassenbahn eine Verlängerung 
derselben bis zur Unterführung der Parkstrasse projectirt. 

Der Kinderspielplatz, von der Restauration leicht durch zwei Wege 
zu erreichen, ist so gelegen, dass das Lärmen der Kinder die Besucher 
der Restauration nicht stören kann. 

Die Restaurationsanlage nebst Concertplatz haben ihre Längsachse 
von Südwest nach Nordost und bieten für ca. 10 000 Personen bequem 
Platz. Das Gebäude wird vorläufig nur klein gebaut, jedoch so, dass 
eine Vergrösserung ohne Störung der einheitlichen Anlage ausgeführt 
werden kann. Bei plötzlich eintretendem Regenwetter werden die Haupt- 
massen der Besucher in den den Concertplatz begrenzenden Colonnaden 
Schutz finden. 

Der Abschluss des Concertplatzes durch gedeckte Colonnaden und 
den durch Schlingpflanzen berankten Laubengang, welcher letztere zu 
Sitzplätzen dient, ist bedingt durch die nahen Grenzen des Privatbesitzes, 



II. Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 19 

während die Ostseite des Concertplatzes in späterer Zeit beliebig ver- 
grössert werden kann. 

Die Terrasse wird nach dem Concertplatz zu durch eine Rasen- 
böschung begrenzt, in welcher vier breite Treppen die Verbindung 
herstellen. 

Der Haupt-Concertplatz ist inmitten durch Blumenparterres geschmückt 
und dacht sich nach dem Wasser zu allmählich ab. Um die Blumen- 
anlage ist ein breiter, nicht mit Tischen zu besetzender Promenadenweg 
gedacht, da in jedem öffentlichen Garten das Bedürfniss vorhanden ist, 
,,zu sehen und gesehen zu werden". Von allen Sitzplätzen nun wird 
der Besucher über die sanft nach dem Wasser zu abfallende Rasenbahn 
die hervorragendsten Scenerien des Parkes vor sich haben. 

Ein Ausblick zeigt ihm die Terrasse mit ihren schroff abfallenden 
Ufern und dem bunten Treiben auf derselben, da von hier die Schwäne, 
Enten und Fische, welche den Teich beleben sollen, gefüttert werden 
können. Ein anderer Blick gewährt ihm über eine 130 m grosse 
Wasserfläche das Treiben und den Verkehr der Parkstrasse, während 
ein anderer Ausblick ihm den Park in seiner Längsausdehnung bis nach 
dem Lindenweg und dem Plateau an der nördlichen Grenze des Ge- 
ländes zeigt und hier sich das Auge an der sanft ansteigenden Rasen- 
fläche und den dunkelgrünen Laubmassen erfreuen wird. Zwischen diesen 
beiden Hauptfernsichten der Landschaft tritt alsdann der Tempel als ein 
landschaftliches Bild für sich um so mehr hervor. 

Die Zugänge zur Restauration sind so gelegt, dass dieselben bei 
Concerten abgesperrt werden können, ohne den Verkehr im Park zu 
beeinträchtigen. 

Bei der Anlage des Wassers, welches sich malerisch in grossen 
Zügen an den tiefsten Stellen des Terrains entwickelt, war es vor Allem 
maassgebend, kleine Zungen und Ausbuchtungen zu vermeiden, die sich 
wohl gut auf dem Plane ausnehmen und einen verlockenden Anblick 
gewähren, jedoch in Wirklichkeit in kürzester Zeit sich mit Algen und 
Wasserlinsen bedecken und alsdann diese grünen Wasserflächen nicht 
nur ein unangenehmes Aussehen darbieten, sondern auch bald einen 
üblen Geruch verbreiten würden, da eben bei dieser Teichanlage nur 
auf Grundwasser zu rechnen ist. Es muss dem geringsten Luftzuge Ge- 
legenheit geboten werden, Bewegung des Wassers durch Wellenschlag 
hervorzubringen. 

Der Teich bedeckt mit Zu- und Abflussgraben rot. 15 000 qm oder 
pptr. 6 preussische Morgen; derselbe entspricht somit der Grösse der 
Gesammtanlage. 

Die Gärtnerei, auf dem Dreieck an der Lohestrasse und dem Eisen- 
bahndamm gelegen, beansprucht so kein Terrain des zusammenhängenden 
Parkes. Der auf dem grösseren Dreieck befindliche grosse Spielplatz 

2 






20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

ist in Form eines römischen Circus gehalten und nimmt eine Fläche von 
rot. 4 Morgen ein. Neben demselben wird ein Reitplatz im Anschluss 
an den Reitweg in der Parkstrasse seinen Platz finden. 

Blumenschmuck ist auf dem Concertplatz und vor der Restauration 
vorgesehen, auch sollen die beiden regelmässigen Entrees an der Park- 
strasse und der Schweidnitzer Chaussee solchen erhalten. 

Die Pflanzungen sollen aus möglichst kräftigem Material hergestellt 
werden; in der Hauptsache werden Eichen, Rothbuchen und Linden Ver- 
wendung finden; Rothtannen (Fichten) werden hauptsächlich zur Deckung 
des Eisenbahndammes und auf dem Plateau an der nördlichen Grenze 
angepflanzt werden. Am Teich und in den Thalsenkungen sollen Erlen, 
Weiden, Taxodien, Cornus, Ribes und andere Pflanzen der Niederung 
auftreten. An den Wegen und besonders in der Nähe der Sitzplätze 
werden Blüthensträucher, theils eingesprengt, zuweilen ganze Gehölz- 
gruppen bilden. 

Von den Strassen und Plätzen wird die Parkstrasse mit Platanen, 
die Schweidnitzer Chausse mit Ahorn bepflanzt werden-, der Lindenweg 
soll wieder Linden, jedoch Tilia dasystyla und die Diagonalstrasse zwischen 
Lohe- und Parkstrasse Rüstern erhalten. Der Concertplatz wird mit 
Platanen bepflanzt, der Kinderspielplatz mit Linden, der grosse Spiel- 
platz mit Eichen, der Reitplatz mit Aesculus rubicunda und die beiden 
Entrees mit Linden resp. Platanen. 

Die Kosten der Anlage des Parkes ohne Baulichkeiten sind auf 
275 000 Mark veranschlagt. 

Das Terrain des Parkes, welches eine Grösse von 259 620 qm hat, 
ist der Stadt Breslau schenkungsweise überlassen, wofür die Stadt die 
an und zu demselben führenden Strassen auszubauen hat. Die Kosten 
der Anlage des Parkes wurden bei der seiner Zeit aufgestellten Cal- 
culation mit Fahrweg auf 130 000 Mark berechnet, wogegen natürlich 
von fachmännischer Seite sofort Einspruch erhoben wurde, was die Aus- 
schreibung einer Concurrenz veranlasste. 

Um dem Terrain, welches keine wesentlichen Verschiedenheiten in 
seiner Oberfläche bietet, da es sich nur zwischen den Horizontalen 122 
bis 123,75 bewegt, etwas Bewegung zu geben und dasselbe an der 
Schweidnitzer Chaussee an diese anzuschliessen, sowie um die Parkstrasse 
auf das behufs ihrer Regulirung nothwendige Niveau zu bringen, sind 
bedeutende Erdmassen erforderlich, welche aus den Wegen und dem 
theilweise notwendigen Abtrag des Terrains, sowie zum grössten Theil 
aus dem Teiche gewonnen werden. Die Gesammtbodenmenge, welche 
zu bewegen ist, beträgt 80 000 cbm, wovon auf die Erhöhung der Park- 
strasse 10 000 entfallen. Aus dem Teich werden 26 000 cbm Ober- 
wasserboden und 27 000 cbm Unterwasserboden ausgeschachtet. Da der 
Transport dieser Massen, welcher bis zu 600 m weit zu erfolgen hat, 



IL Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 21 

mit Karren nicht zu bewältigen ist, so ist eine Feldbahn mit 1000 m 
Geleis und 20 Lowrys nebst 2 Pferden in Gebrauch genommen. 

Der Unterwasserboden des Teiches soll dann mittelst eines Dampf- 
baggers ausgehoben werden, welcher den Boden gleich in die Lowrys ladet. 

Die Höhe des Wasserspiegels wird auf die Horizontale 121 ge- 
bracht und die Tiefe des Teiches ca. 2 m betragen. Diese verhältniss- 
mässig grosse Tiefe des Teiches ist bedingt, um den zur Aufhöhung des 
Terrains nothwendigen Boden zu gewinnen. 

Der grosse 'Sitzplatz an der nördlichen Grenze des Parkes kommt 
auf Horizotale 125, die Restauration auf 124 zu liegen. 

Die Anlage der zu dem Park führenden Strassenzüge erfordert noch 
ausser der Aufhöhung der Parkstrasse 155 500 Mark, während für die 
Bauten, als Restauration, Parkgärtnerhaus, Retiraden etc. wohl noch 
etwa 400 000 Mark nöthig sein werden, so dass sich die Gesammtkosten 
des Südparkes auf beinahe 1 Million Mark belaufen. 

In der siebenten Sitzung am 14. August machte Herr Garten 
Inspector Richter Mittheilungen über die in Breslau abzuhaltende Herbst- 
Ausstellung und berichtet über seine Erfahrungen über Gunnera manicata 
und scabra. 

In der achten Sitzung am 4. September berichtete Obergärtner 
Schütze über die Leipziger Ausstellung, sowie v. Wallenberg- 
Pachaly über seine im vorigen Jahre gemachten Beobachtungen auf 
einer englischen Reise, speciell über eine Blumenschau in York. 

Die neunte Sitzung fand am 10. October statt. Prof. Dr. 
F. Pax erläuterte unter Vorlage eines reichen Demonstrationsmaterials 
die zur Zeit bekannten Bastarde der Gattung Acer. 

Obergärtner H Öls eher legte Blüthen von Ar istolochia tricaudata vor. 

In der zehnten Sitzung am 20. November legte Herr Buch- 
händler Müller den Entwurf des nächstjährigen Etats vor. Nach ein- 
gehender Berathung wird der Antrag Sutter, seinen Garten in Münster- 
berg der Section zu verpachten, um daselbst einen Obstgarten anzulegen, 
abgelehnt. 

Obergärtner Hol scher demonstrirte blühende Zweige von Hetero- 
centron roseum. 

Hierauf hielt Herr Remer einen Vortrag 

Ueber die natürlichen Grundlagen und die Anbautechnik des 
Grünberger Weinbaues. 

Nachdem der Vortragende in einigen einleitenden Worten die Frage 
der historischen Entstehung des norddeutschen Weinbaues im Allgemeinen, 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

sowie des Grünberger Weinbaues im Besondern gestreift und eine kurze 
Schilderung der Oertlichkeit mit ihrem reizvollen Wechsel zwischen 
dem Ernst norddeutscher Moränenlandschaft und der lebensvollen Heiter- 
keit der eingestreuten Rebengelände entworfen, ging er auf das Thema 
selbst ein und führte darüber etwa Folgendes aus: 

Die Basis des Weinbaues in Grünberg und seiner Umgegend wird 
gebildet durch eine 1 — 7 Meter mächtige Schicht von Diluvialsand. Es 
ist ein sehr heller, weiss bis gelbbrauner Sand, der in einem Sieb von 
3 Millimeter Lochweite nur eine geringe Menge Kies zurücklässt. Er 
deckt die Oberfläche des ganzen Gebietes fast allein, nur im Oderthal 
erlangt das Alluvium beträchtlichere Ausdehnung. Unterlagert wird diese 
Schicht durch diluviale Thone von wechselnder Beschaffenheit und 
Mächtigkeit. Der Thongehalt der Oberflächenschicht schwankt etwas; 
er ist in Grünbergs unmittelbarer Umgebung am niedrigsten — der Boden 
ist daher dort am hellsten — im Tschicherziger Gebiet etwas höher, 
am höchsten in Crossen, wo der Boden braun und ziemlich schwer ist. 
Es ist früher einmal in Vorschlag gebracht worden und wird auch heute 
noch befürwortet, dass der Boden durch Aufbringen der liegenden Thon- 
schichten zu verbessern sei. Der Vortragende führt demgegenüber die 
Beobachtung an, dass zur Zeit die Qualität des Productes in umgekehrtem 
Verhältniss steht zum Thongehalt des Bodens. Im hellsten Grünberger 
Boden wird der beste Wein erzielt, der Tschicherziger steht diesem 
etwas nach, der Crossener ist wesentlich geringer. Man wird daher auf 
diese Weise der Schwierigkeit nicht entgehen können, die die Be- 
schaffung der grossen Düngermengen, deren der Wein bedarf, in der 
verhältnissmässig weide- und damit vieharmen Gegend bei den niedrigen 
Preisen, zu denen producirt werden muss, macht. Die zur Zeit noch 
herrschende Methode des Düngens wird allerdings aufzugeben sein. Man 
wird sich auf die Dauer der Anwendung von Kunstdünger nicht mehr 
verschliessen können. Nach den bisher gemachten Versuchen empfehlen 
sich am meisten Thomasschlacke und Kalisalz in einem Mischungs- 
verhältniss von 2:1, sie sind aber nur in geringer Menge, ca. 3 Centner 
pro Morgen und Jahr, anzuwenden, und können den animalischen Dünger 
nur ergänzen, nicht ersetzen. Dieser letztere wird bislang der Haupt- 
masse nach beim ,, Senken" dem Boden zugeführt. Es werden zum 
Zweck einer regelmässigen Verjüngung der Stöcke alle 8 — 10 Jahre im 
Vorjahre dazu herangezogene Reben in ca. 2 Fuss tiefe Gruben, die 
zwischen den zu verjüngenden Stöcken ausgehoben werden, herabgebogen, 
ihre Spitzen werden mit etwas Boden und einer starken Schicht Dung 
bedeckt. Sie bewurzeln sich rasch; im nächsten Jahr wird die Grube 
ausgefüllt und der junge Stock zum Tragen erzogen. Bei diesem Ver- 
fahren wird der angewendete Dünger 2 Fuss tief begraben, stark zu- 
sammengedrückt und von der Luft abgeschnitten. In alten, zufällig auf- 



II. Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 23 

geschlossenen Weingärten kann man beobachten, dass er nach langen 
Jahren noch unausgebeutet im Boden liegt. Auch die Art der Be- 
wurzelung der Weinstöcke widerspricht dieser Düngungsmethode. Die 
Wurzelstöcke reichen zwar sehr tief in den Boden, sind aber in den 
tieferen Partien nicht reich an Wurzelfasern, in grösster Menge treibt 
der Stock diese wenig unter der Oberfläche in Form der sogenannten 
Thauwurzeln, die nicht bis zu der Düngerschicht herabreichen. Bei der 
grossen Durchlässigkeit des Bodens ist an sich zu erwarten, dass von 
oberflächlich angewendeten Dungmitteln genügende Mengen Wassers 
in die Tiefe transportirt werden. Endlich kann es nicht für zweck- 
mässig gehalten werden, dass Pflanzen, von denen ein jährlicher Ertrag 
verlangt wird, nur alle 8 — 10 Jahre gedüngt werden. Der Vortragende 
schliesst sich daher der Ansicht an, dass eine jährliche Oberflächen- 
düngung anzuwenden sei. Um diese erfolgreich durchzuführen, würde es 
allerdings nöthig sein, die Gärten wieder, wie früher, in Reihen anzulegen. 
Nachdem der Redner die Zweckmässigkeit der Reihencultur noch ver- 
schiedentlich zu motiviren gesucht hat, theilt er Einiges über die Wasser- 
führung des Bodens mit, die im Allgemeinen als ausreichend gelten 
kann, um dann auf das Wärmeleitungsvermögen des Bodens überzugehen. 
Eine im vorigen Hochsommer ausgeführte Reihe von Beobachtungen der 
Bodentemperatur hat gezeigt , dass der Grünberger Sandboden ein 
schlechter Wärmeleiter ist. Bei einer Folge von heissen, regenlosen 
Tagen erreichte der Boden in der Oberflächenschicht das Maximum 
2 Tage später als die Luft, während das nächtliche Minimum der Boden- 
temperatur stets über dem Minimum der Lufttemperatur blieb. Es trat 
darauf ein Witterungswechsel mit erheblicher Abkühlung und Nieder- 
schlägen ein. Die Beobachtung zeigte, dass die Bodentemperatur nur lang- 
sam und in erheblichem Abstände dem Sinken der Lufttemperatur folgte. 
Nun ist aber die Hauptgefahr für den Grünberger Weinbau, der an der 
Nordostgrenze der Verbreitungszone des Weinstocks liegt, zu suchen in 
den Extremen eines dem Einfluss des Meeres bereits merklich entrückten 
Klimas, besonders bedrohlich sind die plötzlichen Nachtfröste des Früh- 
jahrs. Es erscheint die Annahme berechtigt, dass die Eigenschaft des 
Bodens, die Wärme zu speichern, im Stande ist, plötzliche Schwan- 
kungen der Temperatur zu mildern, und man darf hierin vielleicht eine 
der Ursachen für den recht beträchtlichen Erfolg einer unter anscheinend 
ungünstigen klimatischen Bedingungen stehenden Production finden. Redner 
schliesst mit der Erwägung, dass der Weinbau Grünbergs einer wesent- 
lichen Vervollkommnung fähig ist, von der eine Steigerung der Erträge 
mit Sicherheit zu erwarten wäre. Freilich bleibt zu wünschen, dass 
die einsichtsvollen Bestrebungen einer Reihe von Interessenten, speciell 
des Gewerbe- und Gartenbau- Vereins zu Grünberg und des ostdeutschen 
Weinbau-Vereins, grösseres Entgegenkommen seitens der Producenten 



24 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

finden als bisher, und dass auch die Regierung mit zweckmässiger und 
ausgiebiger ßeihülfe nicht kargt. 

An diesen Vortrag knüpfte sich eine Discussion, an der sich der 
Vorsitzende, sowie Garten-Inspector Richter betheiligten. 

In der elften Sitzung am 18. December erfolgte die Wieder- 
wahl des bisherigen Vorstandes. 

Garten-Inspector Richter demonstrirte zwei kräftig entwickelte 
Cyclamen; an ein von ihm mitgebrachtes Rhizom von Cyperus Papyrus 
knüpfte sich eine lebhafte Discussion über die Cultur der Pflanze während 
des Winters. 

Hierauf hielt Privatdocent Dr. Rosen einen Vortrag 

Ueber Zimmercultur der Pflanzen vom Standpunkt der Pflanzenphysiologie. 

Wie in der freien Natur das Leben und das Wachsthum der Pflanzen 
an eine Reihe gegebener Bedingungen geknüpft ist, so ist auch das Ge- 
deihen der im Zimmer cultivirten Gewächse von bestimmten Umständen 
abhängig, die recht oft, obgleich zum Theil naheliegend, gar nicht oder 
nur in ungenügender Weise berücksichtigt werden. Licht, Luft und 
eine gewisse Temperatur sind drei für die Existenz der Pflanzen wich- 
tige Lebensfactoren. Was zunächst die Luft der Zimmer, in denen 
wir unsere Pflanzen cultiviren, betrifft, so lässt dieselbe ja zuweilen zu 
wünschen übrig, in den meisten Fällen genügt sie aber den Anforderungen 
der Pflanzen. Dieselben gedeihen in derjenigen Luft am besten, in der 
sich auch der gesunde, normale Mensch wohl und frei fühlt, also in 
der reinen atmosphärischen Luft oder einer solchen Zimmerluft, die in 
ihrer Zusammensetzung der Atmosphäre möglichst nahe kommt. Unsere 
Atmosphäre besteht bekanntlich aus einem Gemisch von 21 Volum- 
procenten Sauerstoff und 79 Volumprocenter* Stickstoff und wechselnden 
Mengen von Wasserdampf und Kohlensäure. Von letzterer sind in 
10 000 Litern Luft im Mittel etwa 4 bis 6 Liter enthalten. Diese 
Kohlensäure, so gering ihre Menge auch ist, ist für die Pflanzen von 
der grössten Bedeutung. Denn dieselben saugen die überall in der Luft 
vorhandene Kohlensäure auf und zersetzen sie mit Hülfe ihres Blattgrüns 
(Chlorophyll) in ihre beiden elementaren Bestandtheile, Kohlenstoff und 
Sauerstoff. Während sie den letzteren zum grössten Theil wieder aus- 
scheiden, benutzen sie den Kohlenstoff als Baumaterial, denn bis zu 99,7 
Procent des Gewichtes der getrockneten Pflanzensubstanz besteht aus 
kohlenstoffhaltigen, sogen, organischen Verbindungen, deren Kohlenstoff 
fast ausnahmslos nur aus der Kohlensäure der Luft entnommen wird. 
Man sollte nun meinen, dass sich eine Pflanze um so üppiger und stärker 
entwickeln müsse, je mehr Kohlensäure ihr zur Verfügung stände. Dies 
ist jedoch keineswegs der Fall. Denn die Zersetzung der Kohlensäure 



II. Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 25 

im Chlorophyll geht nur unter dem Einfluss des Lichtes vor sich und 
ist abhängig von der Kraft, der Intensität des Lichtes. Im Zimmer ist 
das Licht nun meistens nicht intensiv genug, dass die Pflanzen die ihnen 
gebotene Kohlensäure ganz zersetzen könnten; der unzersetzt bleibende 
Ueberschuss scheint ihnen aber direct schädlich zu sein. Daher werden 
sich Pflanzen in solchen Räumen, in denen im Vergleich zum Räume 
eine verhältnissmässig zu grosse Menge Menschen ständig zusammen- 
wohnt, und dabei für die Entfernung der durch den menschlichen 
Athmungsprocess ausgeschiedenen Kohlensäure und für eine geeignete 
Ventilation und Zufuhr frischer, unverdorbener Luft ungenügend gesorgt 
wird, ebensowenig wohl fühlen, als die betreffenden Menschen selbst. 

Ferner soll die Zimmerluft nicht zu trocken sein, sondern eine 
gewisse Menge Wasserdampf enthalten. In den meisten Fällen befindet 
sich auch in unserer Stubenluft eine ausreichende Feuchtigkeit. Wir 
brauchen nur im Winter die inneren Doppelfenster eines geheizten 
Zimmers zu öffnen, um alsbald das Anlaufen der inneren Scheiben- 
flächen der äusseren Fenster beobachten zu können. Die warme feuchte 
Zimmerluft schlägt sich an den kalten Scheiben in Gestalt ganz kleiner 
Wassertröpfchen nieder, die sich nach einiger Zeit vereinigen und an 
den Scheiben als grosse Tropfen herabfliessen. Nur in seltenen Fällen 
pflegt unsere Zimmerluft in Folge gewisser Heizanlagen so trocken zu 
sein, dass die Pflanzen darunter leiden, indem ihre Transpiration in 
abnormer Weise gesteigert wird. Alle Pflanzen, besonders die Land- 
pflanzen scheiden vorwiegend durch die Blätter und grünen Theile 
Wasser in Dampfform an die Luft ab: sie transpiriren. Die Grösse der 
Verdunstung ist bei verschiedenen Pflanzenarten ausserordentlich ungleich. 
Die geringste Verdunstung zeigen viele Pflanzen mit lederartigen (z. B. 
Epheu, Lorbeer, Camellie, Gummibaum) und mit sehr fleischigen, saftigen 
Blättern (Succulenten). Letztere vermögen infolgedessen lange Zeit die 
Trockenheit des Bodens und das trockene, heisse Klima ihrer Heimath 
ohne Nachtheil zu ertragen. Bei anderen Pflanzen ist die Transpiration 
weit lebhafter und wie jede Wasserverdunstung von dem Wasserdampf- 
gehalte der Luft, ferner aber auch von der Temperatur und dem 
Licht abhängig. Das Licht bewirkt eine Steigerung der Transpiration 
auch bei Ausschluss einer Temperatursteigerung. Die letztere spielt aber 
bei dem Verdunstungsvorgange doch die Hauptrolle. Je höher die 
Temperatur, desto lebhafter die Transpiration. Mit der Transpiration 
geht seitens der Wurzeln eine beständige Aufnahme und Weiterleitung 
frischen Bodenwassers nach den oberirdischen Organen Hand in Hand. 
Eine Pflanze wird mithin so lange frisch bleiben, d. h. in ihrem Gehalte 
an Wasser keine Einbusse erleiden, als annähernd eben so viel Wasser 
von den Wurzeln aufgesogen wird, wie in der gleichen Zeit dem ober- 
irdischen Theile durch Verdunstung verloren geht. Vermag jedoch die 



26 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

aufsaugende Thätigkeit der Wurzeln mit der Transpiration nicht gleichen 
Schritt zu halten, so welken die Pflanzen, wie wir dies an heissen, 
trockenen Sommertagen beobachten können. Die Erscheinung des 
Welkens kann daher eintreten: nicht nur bei zu trocken gehaltenen 
Pflanzen oder solchen, deren Wurzelvermögen durch heftiges Schütteln 
oder sonst wie beschädigt wurde, sondern auch bei in feuchtem Erdreich 
stehenden Gewächsen in Folge abnorm gesteigerter Verdunstung in un- 
gewöhnlich trockener, heisser Luft. 

Ein Hauptfeind unserer Zimmerpflanzen ist der Staub, der sich auf 
die Blätter niederlässt und die Spaltöffnungen, diese äusserst wichtigen 
Organe, durch welche die Assimilation, der Athmungsprocess und die 
Transpiration erfolgt, verstopft. Das übliche zeitweilige Abwaschen der 
Blätter mit Hilfe eines Schwammes ist nicht zu empfehlen, weil dadurch 
die feinen Staubtheilchen nur um so leichter in die Spaltöffnungen hinein* 
geschwemmt werden, vorzuziehen ist ein längeres starkes Abbrausen mit 
einer Giesskanne. Der Zimmerstaub enthält auch stets mikroskopisch 
kleine Pilzsporen, die aber im Allgemeinen auf unseren Pflanzen weiter 
kein Unheil anrichten. Hauptsächlich haben vielmehr unsere Zimmer- 
pflanzen unter dem Lichtmangel zu leiden. Selbst in sogenannten hellen 
Zimmern ist das Licht im Vergleich zu draussen gering, und wenn wir 
diesen Unterschied auch nicht immer in seiner ganzen Bedeutung 
empfinden und zu empfinden vermögen, so können wir uns doch leicht 
durch einschlägige Experimente, etwa durch den Versuch einer photo- 
graphischen Aufnahme, von der Dunkelheit in unseren Wohnräumen 
überzeugen. Zwar weisen wir unseren Pflanzen den hellsten Platz am 
Fenster an, aber auch hier erhalten sie nur eine unvollkommene und 
einseitige Belichtung und bilden ihren Wuchs dementsprechend einseitig 
aus. Ist dieser Zustand erst einmal eingetreten, so nützt ein wieder- 
holtes Drehen der Blumentöpfe auch nur wenig, schadet eher, da die 
Pflanzen jedesmal hierdurch eine Störung in ihrer Wachsthumsthätigkeit 
erleiden, wobei ganz unnatürliche Drehungen der Stengel und Stiele, 
die immer wieder der Lichtseite zustreben, veranlasst werden. Auch 
im Freien kann man zuweilen an Waldrändern und Mauern und überall 
da, wo das Tageslicht nur von einer Seite genügend hindringen kann, 
eine ähnliche einseitige Ausbildung der Gewächse beobachten. Nicht 
minder als die Einseitigkeit des Lichteinfalles schädigt auch oft die 
geringe Lichtintensität unsere Zimmerpflanzen. Fast immer sind sie in 
Folge von Lichtmangel höher aufgeschossen, kleinblättriger und zarter 
als im Freien, sie sind, wie der Gärtner und Botaniker sagt, vergeilt. 
Neuere Versuche haben zudem gezeigt, dass viele Pflanzen im Zimmer 
in Folge zu geringer Beleuchtung in ihrer Blüthenbildung beeinträchtigt 
werden. Bald werden die Blüthen kleiner als im Freien, bald werden 
sie missgestaltet, oder aber die angelegten Blüthenknospen werden wieder 



II. Abtheilung. Obst- und Gartenbau-Section. 27 

abgeworfen-, endlich bilden manche Pflanzen im Halbdunkel überhaupt 
keine Blüthenknospen mehr. All dies gilt jedoch nur von denjenigen 
Pflanzen, welche gewissermaassen von der Hand in den Mund leben : 
unsere Zwiebelgewächse, welche zur Blüthenbildung die Stoffe ver- 
wenden, welche sie ein Jahr früher gebildet und in der Zwiebel auf- 
gespeichert haben, vermögen ihre Blüthen sehr wohl im Dunkeln, ja bei 
völligem Lichtabschluss auszubilden. 

Was endlich die Erde unserer Topfpflanzen anlangt, aus der die- 
selben mit Hülfe ihrer Wurzeln das Wasser und die in demselben ge- 
lösten Mineralsalze, die nur in geringer Menge im Boden vertheilt sind 
und sein dürfen, aufnehmen, so ist leicht einzusehen, dass, während zwar 
das Wasser jederzeit durch Begiessen wieder zugeführt werden kann, 
die Salze nach und nach resorbirt werden und eine Erschöpfung des 
Bodens eintritt, der entweder durch zeitweilige Zufuhr frischer Nähr- 
salze, Düngung, oder durch Erneuerung des Bodens gesteuert werden 
muss. Ferner ist zu berücksichtigen, dass die Bodentemperatur der im 
freien Lande stehenden Gewächse durch's ganze Jahr hindurch besonders 
in einiger Tiefe unabhängig von den täglichen und jährlichen Tempe- 
raturschwankungen der Atmosphäre ziemlich constant und auch bald 
unter der Erdoberfläche zur Zeit der Vegetation niedriger ist als 
die Lufttemperatur. Dieser natürliche Temperaturunterschied zwischen 
ober- und unterirdischen Organen lässt sich bei unseren Zimmer- 
pflanzen in dieser Weise allerdings nicht mit einfachen Mitteln erreichen, 
aber doch wenigstens in gewissem Maasse anstreben: einmal durch eine 
stets feucht zu erhaltende Moosbedeckung der Topferde, ferner aber 
durch die Verwendung der gewöhnlichen und auch meist benutzten, un- 
glasirten Blumentöpfe. Die feuchte poröse Thonwand dunstet beständig 
und leicht Wasserdampf ab, wodurch eine Abkühlung derselben und 
eine Wärmeabgabe seitens des Bodens hervorgerufen wird. Aus diesem 
Grunde sind daher die Porzellan- und glasirten Steingutgefässe, ebenso 
wie die mit Oel oder Lackfarben bemalten Töpfe, so schön sie auch 
aussehen mögen, zur Pflanzencultur gar nicht zu empfehlen. Denn durch 
die Glasur oder den Lack werden alle Poren des Topfes geschlossen, 
so dass weder die erwähnte Verdunstung noch eine Durchlüftung des 
Bodens, die ebenfalls für das Gedeihen des Wurzelsystems nothwendig 
ist, erfolgen kann. 



-*•■♦*- 



Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



71. 

Jahresbericht. 



1893. 



III. Abtheilung. 
Geschichte u. Staatswissenschaften. 

a. Historische Section. 



@^s. ^.2 xS 



Sitzungen der historischen Section im Jahre 1893. 



In der combinirten Sitzung der historischen und der Staats- und 
rechtswissenschaftlichen Section hielt am 6. Februar Herr Geh. Archiv- 
rath Prof. Dr. Grünhagen einen Vortrag 

Ueber politische Ideen in Schlesien vor hundert Jahren. 

Abgedruckt in der „Schlesischen Zeitung" des Jahres 1893 No. 256 
und 259. 

Am 20. Februar las Herr Archivrath Dr. Pfotenhauer einen 
Aufsatz des erkrankten Archiv-Assistenten Herrn Dr. Wutke vor 

Ueber die Salzerschliessungsversuche in Schlesien in vorpreussischer Zeit. 

Abgedruckt in der Zeitschr. f. Geschichte u. Alterthum Schlesiens 
28, 99 ff. 

Am 2 2. März hielt Herr Prof. Dr. Krebs folgenden Vortrag 

Ueber Hentzi und die Belagerung von Ofen im Mai 1849. 

Die wiederholten Verhandlungen im ungarischen Abgeordnetenhause 
über die Vorgänge des Jahres 1849, die — zuletzt noch im vorigen 
Jahre (1892) — jedesmal mit besonderer Erbitterung vor sich gingen, 
wenn der Name des Generals Hentzi erwähnt wurde, veranlassten mich, 
zu meiner eigenen Aufklärung nach Berichten über jenes für Ungarns 
Geschichte so bedeutungsvolle Jahr und speciell über die Thätigkeit 
Hentzfs als Commandant von Ofen zu suchen. Der Zufall unterstützte 
mich dabei. Herr Kaufmann Selbstherr stellte mir aus dem Nachlass 
seines Vaters eine ganze Reihe wichtiger Schriften über die ungarische 
Revolution zur Verfügung. Diese Veröffentlichungen sind dem Folgenden 
in erster Linie zu Grunde gelegt worden. Ungedruckte Mittheilungen 
wurden von mir nicht benutzt. Auch dürfte es schwer sein, solche zu 
beschaffen, da Hentzi bei der Erstürmung Ofens gefallen ist und die 
übrigen Haupttheilnehmer an jenem Kampfe ihr Verhalten dabei im 
Druck z. Th. sehr ausführlich beschrieben haben. 

1 

S-3 



2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Anfang September 1848 war Jellachich, der Banus von Kroatien, 
im geheimen Einverständniss mit der Rückschrittspartei am kaiserlichen 
Hofe mit seinen Kroaten, Slavoniern und Grenzern über die Drau ge- 
gangen und hatte in einem Manifeste verkündet, er sei in Ungarn ein- 
gerückt, um den durch muthwilligen Eigensinn der herrschenden Partei 
dieses Landes bereits erschütterten Bestand der österreichischen Monarchie 
zu retten. Infolgedessen stieg die unter den Magyaren herrschende 
Aufregung zur Wuth, und die besonnenen Elemente der ungarischen 
Regierung mussten kriegslustigeren Männern weichen. Erzherzog Stephan 
legte seine Würde als Palatin nieder, die Minister Batthyany und Eötvös 
verzichteten auf ihre Aemter, ein Landes vertheidigungs-Ausschuss trat 
an ihre Stelle, und die Gewalt ging an Kossuth und seine leidenschaft- 
lichen Freunde über. Am 28. September wurde der von Kaiser Ferdi- 
nand zum Oberbefehlshaber der ungarischen Truppen ernannte Graf 
Lamberg in greulichster Weise von Pöbelhaufen auf der Pester Schiff- 
brücke ermordet, gleich darauf liess Arthur Görgei auf der Czepelinsel 
den Grafen Eugen Zichy, der als kaiserlicher Commissar zu Jellachich 
reiste, als Verräther festnehmen und mit dem Strange hinrichten. Ende 
October suchten ungarische Truppen in dem Gefechte bei Schwechat 
vergebens die bedrängte österreichische Hauptstadt zu entsetzen. Nun 
wurde der ungarische Reichstag vom Kaiser für aufgelöst erklärt, der 
Kriegszustand für das ganze Land verkündet, und nach der Eroberung 
Wiens marschirte Fürst Windischgrätz — etwas spät, am 15. December 
— gegen das rebellische Nachbarland ab, das soeben noch gegen die 
Thronbesteigung des neuen Kaisers Franz Joseph protestirt hatte. Zum 
Widerstände zu schwach, räumte Kossuth Anfang Januar 1849 die 
Hauptstadt und verlegte den Sitz der Regierung nach Debreczin, wohin 
auch die Kroi^e des heiligen Stephan, die Reichsinsignien, die Banknoten- 
presse, die vorräthigen Waffen- und Munitionsbestände, die Werkzeuge 
zum Anfertigen der Gewehre und zum Bohren der Kanonen gebracht 
wurden. In den ersten drei Monaten des Jahres 1849 entfalteten die 
Ungarn im Innern ihres Landes eine staunenswerthe Thätigkeit: Tausende 
und aber Tausende kräftiger und begeisterter Männer und Jünglinge eilten 
zu den Fahnen, wurden eingekleidet, bewaffnet, ausgebildet, in Bataillone 
und Regimenter vertheilt. Wenn Jemand in unser Land als Räuber ein- 
bricht, äusserte Kossuth in einer seiner Reden, so wird kein Zahn mehr 
von ihm hinauskommen, möchte ihn auch unser Herrgott zum General 
ernannt haben. In dieser Nation lebt ein Wille und eine Kraft, die 
Niemand bewältigen wird. Die Begeisterung unseres Volkes ist so gross, 
dass wir bei dem Mangel an Waffen und Kleidung kaum den zehnten 
Theil auszuheben im Stande sind. Ich möchte den Feind sehen, der da 
glaubt, er sei stark genug, um das ungarische Land nach Willkür zu zer- 
stückeln und die ungarische Freiheit mit Füssen zu treten. In Szegedin 



III. Abtheilung. Historische Section. 



forderte er in einer öffentlichen Ansprache zum Eintritt in das Heer auf: 
Es giebt keinen Adel mehr, wir sind alle gleiche Söhne, Brüder, 
Bürger eines Vaterlandes, wir müssen alle einen festen Bund schliessen, 
das Schwert umgürten und mit vereinter Kraft jeden Augenblick zur 
Beschützung des Landes bereit sein. Ich meines Theils werde meinem 
müden Kopfe keinen Schlaf gönnen, bis ich die Worte aussprechen kann: 
Herr, entlasse Deinen Diener, meine Augen [haben die Freiheit und die 
Wohlfahrt meines Vaterlandes gesehen. Diese und ähnliche Reden 
Kossuth's übten auf die erregten Zuhörer eine zündende Wirkung aus; 
sie äusserte sich rasch in bewunderungswürdigen Opfern an Gut und 
Blut, welche die Magyaren für die nationale Sache brachten. Wenn 
diese heute zum Nachtheile unserer in Ungarn lebenden deutschen Lands- 
leute ein drückendes Uebergewicht ausüben, so darf man nicht vergessen, 
dass sie in gewissem Sinne ein historisches Recht dazu besitzen, dass 
sie die Hegemonie unter den vielsprachigen Völkerschaften der Stephans- 
krone durch ihre Thaten auf den Schlachtfeldern des Jahres 1849 er- 
rungen haben. 

In regelrechte Armeecorps geformt, ging das neugebildete Heer 
unter z. Th. vortrefflichen Führern in den ersten Apriltagen von der 
Theiss aus zum Angriff gegen Windischgrätz vor. Mit raschen Schlägen 
wurden die Kaiserlichen zurückgeworfen, bei Hatvan, Isaszeg, Gödöllö 
schwer geschädigt; unbemerkt von der kaiserlichen Hauptarmee, die nur 
auf den Schutz der Hauptstadt bedacht ist, werfen sich Görgei, Klapka 
und Damjanich am 9. April auf den österreichischen General Götz und 
erobern das strategisch wichtige Waitzen am Donauknie. Während 
Windischgrätz und Jellachich mit einigen 40 000 Mann durch das nur 
1 5 000 Mann starke ungarische 2. Corps unter Aulich vor Pest fest- 
gehalten werden, überschreiten die übrigen drei Corps der Magyaren am 
18. April die Gran, schlagen den kaiserlichen General Wohlgemuth am 
folgenden Tage entscheidend bei Nagy-Sarlö, entsetzen am 22. die seit 
dem 30. December 1848 belagerte Festung Komorn, erstürmen am 26. 
die Schanzen der Oesterreicher am rechten Donauufer und zwingen den 
Feind in einem zwölfstündigen, verlustreichen Gefechte zum Rückzuge 
auf Raab. Schon vorher war Windischgrätz seiner Stelle entsetzt und 
Feldzeugmeister Weiden mit dem Oberbefehle über das kaiserliche Heer 
betraut worden. Aber auch er vermochte dem Unheile nicht zu steuern. 
In der Nacht vom 23. zum 24. April räumten die Oesterreicher, unter 
Zurücklassung einer kleinen vom General Hentzi befehligten Besatzung 
in der Festung Ofen, die ungarische Hauptstadt und zogen sich auf 
Oedenburg zurück. „In diesen Tagen," bemerkt Klapka, „stand Ungarn 
auf dem Gipfel seines Ruhmes. Aus allen Theilen des Landes langten 
Berichte über vollständige Siege an; an der oberen und unteren Donau, 
an der Waag und Maros und ringsum auf dem mächtigen Gürtel der 

1* 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Karpathen flatterte die heilige Tricolore Ungarns, das Vaterland war bis 
auf einen schmalen Streifen Landes zurückerobert. Nach dem Entsätze 
von Komorn lag das Schicksal Ungarns in der Hand Görgei's. Das 
Glück hatte ihn bisher sichtbar in seinen Unternehmungen begünstigt? 
die Welt blickte mit erwartungsvoller Bewunderung auf ihn. Von 
Komorn führten jetzt zwei Wege in die verhängnissvolle Zukunft. Der 
eine zur Entscheidung nach der alten Kaiserstadt Wien-, der andere in 
das Labyrinth von Versäumnissen und Verwirrungen nach Ofen. Görgei 
wählte den letzteren, und der erste Schritt zum Verfalle war ge- 
schehen!" 

Wenn weiter oben die Aufopferung und der Heldenmuth des 
magyarischen Volkes in seinem nationalen Kampfe gegen das Haus 
Habsburg gerühmt werden konnte, so lässt sich ein ebenso günstiges 
Urtheil über seine damaligen Staatsmänner und besonders über seine 
militärischen Führer nicht fällen. Trotz ihrer oft hervorragenden 
militärischen Begabung muss ihren sittlichen Gebrechen das Misslingen 
der ungarischen Erhebung in erster Linie zugeschrieben werden. Man 
liest mit Staunen und Unwillen, wie sie sich gegenseitig mit Vorwürfen 
und Anklagen bedenklichster Art überhäufen, wie sie eigene Fehler ver- 
schweigen oder mit einem Wortschwall zu vertuschen suchen. In 
manchen Fällen gelingt es nur durch scharfe kritische Prüfung annähernd 
festzustellen, wie sich ganz abweichend geschilderte Ereignisse that- 
sächlich zugetragen haben. Am wenigsten fällt diese Schönfärberei bei 
dem befähigtesten ungarischen General, bei Arthur Görgei auf, denn in 
dessen Seele lag Niedriges und Edles sehr nahe bei einander. Auf- 
fallender ist es schon, wenn Klapka, der sonst einen biederen, ehrlichen 
Eindruck macht, in der vorhin angeführten Stelle nur von Görgei's 
„Glück u spricht, ihm allein die Vornahme der Belagerung Ofens zur Last 
legt und ganz verschweigt, dass er anfangs selbst eifrig dazu ge- 
rathen hat. 

Nach Komorns Entsatz durch die ungarische Hauptarmee befand 
sich das österreichische Heer auf beiden Donauufern (der Haupttheil auf 
dem rechten) im vollen Rückzuge auf Pressburg und Wien. Der Banus 
Jellachich entwich mit seinen Truppen eiligst aus dem Bereiche der 
Magyaren nach Süden. Da die Ungarn bei Gran und Komorn zwei 
Brücken über die Donau besassen, konnten sie ihre Armeecorps rasch 
vereinigen und dem Feinde auf seiner Hauptrückzugslinie nach Raab 
folgen. So verlangte es der Generalstabschef des Heeres, und sein Vor- 
schlag verdiente um so grössere Beachtung, als man durch Aussagen 
der Gefangenen wusste, dass Unterhandlungen zwischen Wien und Peters- 
burg wegen eines militärischen Einschreitens der Russen zu Gunsten 
der bedrängten Oesterreicher im Gange waren und dass die Kaiserlichen 
bis zum Eintreffen der Russen in der Defensive verharren wollten. Es 



III. Abtheilung. Historische Section. 



lag auf der Hand, dass die geringe kaiserliche Besatzung in Ofen keinen 
nennenswerthen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Kämpfe im offenen 
Felde haben konnte. Ungleich bedeutender musste die Wirkung sein, 
wenn die siegesfreudigen ungarischen Regimenter den stellenweise in 
halber Auflösung zurückgehenden , arg mitgenommenen Oesterreichern 
kräftig bis zu ihrer Hauptstadt nachdrängten. Ihr Erscheinen vor Wien 
musste allen mit den militärischen Erfolgen der Kaiserlichen unzu- 
friedenen Elementen Muth und Anstoss zu neuen Erhebungen geben. Der 
Oberbefehlshaber der Ungarn entschied sich trotzdem für die Belagerung 
Ofens. Als Gründe dafür giebt er an, dass sich die Batterien zweier 
Corps beinahe verschossen hatten und der Nachschub an Munition für 
die Feldgeschütze von der Theiss her plötzlich ausgeblieben war; am 
meisten habe ihn jedoch das Zureden Klapka's bestimmt. Dieser 
General habe ausgeführt: Die Sperrung der Pester Kettenbrücke, des 
kürzesten Verbindungswegs zwischen dem westlichen und östlichen 
Ungarn, mache ganz Mittel-Ungarn unsicher und hemme den Verkehr 
zwischen Nord und Süd auf der Donau; der Besitz der Kettenbrücke sei 
bei einer Offensive, welche die gleichzeitige Cernirung der kaiserlichen 
Besatzung in Ofen durch die Ungarn nicht zulasse, unbedingt noth wendig. 
Klapka habe ferner auf die grossen in Pest lagernden Kriegsvorräthe, 
auf den begeisternden Impuls, den die Eroberung des , .historischen 
Palladiums" hervorrufen müsse, auf die Sympathien der Armee für den 
Angriff und die Wahrscheinlichkeit des raschen Falles der Festung hin- 
gewiesen. Auch Kossuth sei dieser Ansicht gewesen und habe die 
Wiedereroberung verlangt. Ein weiterer Grund, den Görgei anführt, 
erscheint sehr unglaubwürdig und bildet eine Probe für die Art, wie 
sich dieser General die Dinge nachträglich zurechtgelegt hat. Ein Theil 
seines Heeres — und er vor Allen — sei mit der Unabhängigkeits- 
erklärung Kossuth's und des Reichstages vom 14. April sehr unzufrieden 
gewesen; er habe nicht annehmen können, dass ihm diese Truppen über 
die Leitha hinausfolgen würden. Deshalb sei er entschlossen gewesen, an 
diesem Flusse Halt zu machen und den Oesterreichern die Hand zum 
Frieden zu reichen; zur raschen Erlangung dieses Ziels sei ihm die 
Zurückgewinnung Ofens von höchster Wichtigkeit erschienen. Aus dieser 
Wortmacherei geht hervor, dass der General anfangs geschwankt hat. 
Szemere versichert, Görgei habe damals geäussert: Es wäre besser, Ofen 
vorläufig aufzugeben, dies läuft ohnehin nicht davon. Kurz darnach 
änderte er seine Ansicht und meinte: Wir können nicht der ganzen 
Welt den Krieg erklären, bleiben wir also im Lande, auf eigenem 
Boden; er spottete zwar über die eilige Art, mit der seine Lands- 
leute Ende December bei der Annäherung der Oesterreicher Ofen ge- 
räumt hatten und nannte ihren raschen Rückzug eine „Spornretirade". 
Im Grunde theilte er jedoch die Ansicht von Kossuth und Klapka; er 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

glaubte nicht, „dass einige passagere Befestigungen Ofen in eine halt- 
bare Festung umzuwandeln" vermocht hätten, gedachte sie in ebensoviel 
Tagen zu nehmen, wie er später Wochen dazu gebraucht hat, und wollte 
zu dem Glänze seiner Aprilsiege noch den Ruhm eines Eroberers der 
Hauptstadt fügen. Dass ihm dieser Plan nur unvollständig gelungen 
ist, dass die ungarische Hauptarmee wochenlang vor Ofen aufgehalten 
wurde, bis die russischen Hilfstruppen unter Paskiewitsch herankamen, 
ist einzig und allein das Verdienst des Mannes, der zum Heile der 
österreichischen Waffen von Weiden als Commandant der Festung Ofen 
zurückgelassen worden war. 

Heinrich Hentzi stammte aus einer Berner Patricierfamilie; er war 
der Enkel jenes Samuel Hentzi, der 1759 in die Berner Verschwörung 
verwickelt und hingerichtet wurde, mit dessen Schicksale sich Lessing 
in einem dramatischen Fragmente beschäftigt hat. Sein Vater hatte es 
in österreichischen Diensten bis zum Obersten bei den Erzherzog Johann- 
Dragonern gebracht. In Debreczin wurde ihm am 24. October 1785 ein 
Sohn, unser Hentzi geboren, der 1804 als Cadett ins österreichische 
Heer trat, im folgenden Jahre Officier wurde und sich im Feldzuge von 
1805 hervorthat. Seine weitere Beförderung vollzog sich in der lang- 
samen Weise jener Zeit: 1815 wurde er Hauptmann, 1828 Major, Anfang 
der vierziger Jahre Oberst, 1844 erhob ihn der Kaiser unter dem Namen 
Edler von Arthurm in den erblichen Adelstand. Bald darnach finden 
wir ihn als Generalmajor und Brigadier in Kronstadt. Einen grossen 
Theil seiner Dienstzeit brachte er im Geniecorps, bei den Sappeuren 
und Mineuren zu; er wurde auch beim Ausbau der Festung Komorn 
verwendet. Beim Ausbruch des Aufstandes war er Commandant von Peter- 
wardein, fiel mit der Uebergabe dieser Festung in die Hände der Ungarn 
und wurde von ihnen nach Ofen gebracht. Nach der Eroberung dieser 
Stadt durch die Kaiserlichen erlangte er am 5. Januar 1849 die Frei- 
heit zurück; einer Angabe zufolge nur gegen Verpfändung seines Ehren- 
wortes, nicht mehr gegen die Ungarn zu dienen. Da aber die sonst 
mit Vorwürfen gegen Hentzi nicht sparsamen ungarischen Generäle über 
diese Behauptung völlig schweigen, darf man sie gewiss als unwahr be- 
zeichnen. Der General hatte vier Bataillone Infanterie, y 2 Compagnie 
Pionniere, eine Schwadron Dragoner, dann 75 — 80 schwere Geschütze 
und Mörser mit der erforderlichen Artillerie zu seiner Verfügung. Der 
Zustand der Festung war, wie wir gleich sehen werden, höchst mangelhaft. 
Trotzdem beschloss Hentzi sie bis zum letzten Athemzuge zu halten, 
denn er hatte ihre Wichtigkeit wohl erkannt und auch begriffen, dass 
ein längeres Festhalten der Ungarn vor den Mauern Ofens für die Rettung 
des österreichischen Staates von höchster Bedeutung sein musste. 

Der langgestreckte, im Allgemeinen von Norden nach Süden ver- 
laufende Kalkhügel, welcher die Festung Ofen und in ihr einen Theil 



III. Abtheilung. Historische Section. 



der Stadt trägt, erhebt sich ganz nahe am Flusse etwa 60 Meter über 
dem mittleren Spiegel der Donau. Die Festung hatte zwei lange, mit 
der Donau annähernd parallel laufende und zwei im Verhältniss sehr 
kurze Fronten, welche die Verbindung mit den ersteren herstellten. Die 
lange östliche Front lag dem Flusse und der Stadt Pest zugekehrt. Sie 
wies oberhalb der Verlängerung der Kettenbrücke „einen einschnürenden 
Winkel" auf, durch den einer der vier Haupteingänge, das Wasserthor, 
in die Festung führte. Durch diese Einschnürung zerfiel der wenig 
breite und sehr lange innere Festungsraum in eine nördliche längere und 
eine kürzere südliche Hälfte, welche den kleineren Theil der Stadt, die 
königliche Burg und den mit einer hohen Mauer umgebenen Burggarten 
umfasste. Unter dem offenen Wasserthor befand sich unmittelbar am 
Donauufer ein Druckwerk, welches das Wasser für Stadt und Festung 
lieferte. Die übrigen vom Schwabenberge aus Trinkwasser nach Ofen 
führenden Leitungen befanden sich im Bereiche des Feindes und mussten 
voraussichtlich zerstört werden. Deshalb hatte Hentzi das Druckwerk 
an der Donau mit Palissaden umgeben, Mauern und Häuser, die vom 
Hauptwalle bis zum Strome reichten, zur Verteidigung durch Infanterie 
einrichten lassen. Dem Wasserthore gegenüber lag das verrammelte 
Stuhlweissenburgerthor; es theilte die lange westliche Front ebenfalls in 
zwei Hälften. Die grössere nördliche lag dem 400 Meter hohen grossen 
Schwabenberge gegenüber und war mit einer ununterbrochenen, geraden 
Umfassungsmauer versehen. Die kürzere südliche, dem Spitzberge gegen- 
über liegende Hälfte war gegen das Innere der Festung etwas zurück- 
geschoben, und in der Nähe des Thores ging die einfache Mauer in eine 
terrassirte über; auch lagen hier einige Schanzen, wie das ziemlich feste 
Weissenburger Rondell, vor. Von den zwei kurzen Fronten lag die 
festere südliche mit dem Burgthore gegenüber der Raizenstadt und dem 
Blocksberge, die nördliche mit dem Wiener Thore vor der Höhe, zwischen 
welcher und der Donau sich die Wasserstadt und Altofen ausbreiten. 
Der Festungshügel stellt gleichsam den letzten Ausläufer dieses Höhen- 
rückens dar; beide sind durch eine merkliche Einsattelung getrennt. 
Westlich von der Festung zog sich der langausgedehnte Vorort Christinen- 
stadt hin. Von der zur Türkenzeit so gefürchteten Festung war im Jahre 
1848 nicht viel mehr übrig als der Hauptwall ohne Graben und Glacis, 
der durch die beherrschenden Höhen noch dazu von drei Seiten aus ein- 
gesehen werden konnte. Deshalb hatten sie auch die Ungarn im December 
als militärisch werthlos ohne Widerstand aufgegeben. Aber schon unter 
Windischgrätz war mit der Verstärkung des Walles begonnen worden, 
und Hentzi liess seit dem 23. April Tag und Nacht die Schanzen aus- 
bessern, die Thore mit Steinen und Sandsäcken ausfüllen, eine dreifache 
Reihe Palissaden pflanzen, neue Brustwehren aufführen und einen drei 
Fuss tiefen Laufgraben ziehen. Die Strassen der Vorstädte wurden mit 



8 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

„Kreuzschanzen und starken Verpfädungen" befestigt, günstig gelegene 
Häuser mit Schiessscharten versehen. Die eben fertig gewordene Ketten- 
brücke machten die Kaiserlichen durch Abtragung der Balken und durch 
Armirung eines Blockhauses an ihrem westlichen Ausgange ungangbar; 
die unweit der Brücke befindliche Wasserleitung wurde ebenfalls stark 
verschanzt, mit Geschützen und einem Bataillon Infanterie besetzt, der 
Brückenkopf ausserdem für den äussersten Fall mit vier Minenkammern 
in Verbindung gebracht. 

Am 3. Mai erschienen die ersten Husaren auf dem Blocksberge und 
pflanzten über der dort stehenden Sternwarte „unter dem Zujauchzen der 
Pester Bevölkerung" die ungarische Tricolore auf. Am nächsten Tage 
begann die Einschliessung Ofens: Das 2. Corps (Aulich) lagerte sich 
südlich vom Blocksberge, sein rechter Flügel reichte bis zur Donau, 
daran schob sich links das 1. unter Nagy-Sandor hinter dem Spitz- 
bergel und, bis an die nördlich und östlich von Ofen liegende Wasser- 
stadt reichend, das 3. unter Knezich; den Zwischenraum bis zum Flusse 
füllte im Süden von Altofen die Division Kmety vom 7. Corps aus. Pest 
war zunächst von einer Brigade unter Oberstlieutenant Patay besetzt, 
der wegen der von Ofen drohenden Beschiessung durch öffentliche Be- 
kanntmachung ausdrücklich vor einer nutzlosen Theilnahme der Pester 
Bürger gewarnt hatte. Man kann als sicher annehmen, dass eine solche 
thatsächlich auch nicht erfolgt ist; aber schon ihr Zusammenströmen am 
linken Donauufer und die Freudenrufe, mit denen sie die ersten Erfolge 
ihrer Landsleute begrüssten, mochte die Ofener Besatzung erbittern und 
zur Vergeltung anstacheln. 

Görgei versichert, dass die 12-pfündigen Batterien auf dem Blocks- 
und dem kleinen Schwabenberge und die 7-pfündigen Haubitzen gegen- 
über dem Wiener Thore ohne seinen Befehl zu feuern begonnen hätten. 
Da er sein Hauptquartier damals noch im Norden der Festung hatte, so 
erscheint seine Angabe völlig unglaubwürdig, und man wird der Er- 
zählung Klapka's weit mehr trauen dürfen. Danach liess der Ober- 
befehlshaber der etwas über 30 000 Mann zählenden Belagerungsarmee 
in seinem blinden Vertrauen auf eine rasche Capitulation Ofen drei 
Stunden lang beschiessen, damit der Commandant zu seiner Ehrenrettung 
sagen könne, er habe die Waffen nicht ohne Angriff gestreckt. Gleich 
darauf sandte er einen kriegsgefangenen kaiserlichen Oberlieutenant mit 
der schriftlichen Aufforderung zur Uebergabe an Hentzi ab. Ofen, hiess 
es darin, sei cernirt und könne unmöglich lange gehalten werden; falls 
die Festung capitulire, bewillige er ehrenvolle Bedingungen, Abzug der 
Officiere mit, der Gemeinen ohne Waffen. Auch wenn sich die Be- 
satzung bis zum Aeussersten wehre, würden die etwa kriegsgefangenen 
Gegner menschlich behandelt werden. „Sollten Sie aber mit der Ver- 
teidigung der sogenannten Festung Ofen auch die Zerstörung der 



III. Abtheilung. Historische Section. 9 



Kettenbrücke, jenes herrlichen Kunstwerkes, und das Bombardiren von 
Pest verbinden, von wo Sie in Folge von Uebereinkunft durchaus keinen 
Angriff zu erwarten haben — welche That offenbar nur eine nieder- 
trächtige genannt werden könnte — so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, 
dass nach erfolgter Einnahme von Ofen die ganze Besatzung über die 
Klinge springt." Hentzi wies in seiner Antwort die Zumuthung, die 
ihm anvertraute Stelle ohne Gegenwehr zu räumen, „höhnend" zurück •, 
Ofen sei ein wirklich haltbarer Platz, zu dessen Vertheidigung er 
„kolossale" Mittel besitze. Er forderte das unverweilte Einstellen des 
Feuers von Seiten der Ungarn, wenn Pest geschont werden solle, und 
erklärte Görgei's Annahme, dass er, Hentzi, ein Ungar sei, für einen 
Irrthum. Er sei Schweizer und naturalisirter Oesterreicher und werde 
sich bis auf den letzten Mann halten, wie es ihm Pflicht und Ehre ge- 
böten. Noch am Nachmittage des 4. Mai eröffnete Hentzi aus den im 
östlichen Theile des Palatinalgartens und auf dem Georgenplatze vor 
dem Sandor'schen Palais aufgestellten Geschützen das Feuer auf Pest. 
Am folgenden Tage schickte er ein zur Rechtfertigung seines Verhaltens 
geschriebenes Placat an die Ungarn ; darin versicherte er, dass ein Ofener 
Brückenpfeiler an seiner unteren, Pest zugekehrten Kante von einer 
Kugel getroffen worden sei, die nur aus Pest habe stammen können. 
Görgei bestreitet diese Annahme und meint, die Kugel müsse von einer 
der Batterien auf dem Blocksberge hergerührt haben. Gleich nach 
Empfang von Hentzi's Anwort, also noch am 4., Hess er Theile der 
Division Kmety auf die Verschanzungen an der Wasserleitung anstürmen. 
Das 10. Bataillon rückte mit seinem Major Ujhäzi an der Spitze „vom 
Bombenplatze aus in der schmalen und geraden Strasse, die längs der 
Donau von Norden dahin führt, in gedrängten Reihen muthig vorwärts". 
Die erste Kartätschenlage der Oesterreicher riss 70 Mann zu Boden; 
trotzdem stürmten die Tapferen noch gegen 200 Schritte vorwärts, bis 
sie neue Verluste erlitten und mit einem Drittel ihrer ursprünglichen 
Stärke ohne Erfolg zurückweichen mussten. Ebenso ergebnisslos ver- 
lief ein gleichzeitig vom Stadtmeierhofe gegen das Wiener Thor unter- 
nommener Vorstoss. Schon vor diesem Vorfalle war auch Klapka anderer 
Ansicht geworden und mahnte in einem Schreiben vom 1. Mai Görgei 
von der Weiterführung der Belagerung ab. Görgei war der Meinung, 
dass ihm jetzt nach Empfang von Hentzi's ablehnender Antwort die 
Waffenehre diesen Schritt verbiete; er schrieb am 6. Mai an Klapka: 
Deiner Ansicht, dass die Belagerung von Ofen aufgegeben werden 
solle, kann ich diesmal aus dem Grunde nicht zustimmen, weil voraus- 
zusehen ist, dass die ganze Welt einen solchen Schritt als das unzwei- 
deutige Eingeständniss unserer eigenen Schwäche erkennen würde und 
der Feind dann immer noch einen Fuss, sozusagen im Herzen des Landes 
hätte, was bei künftigen Operationen uns jedenfalls unberechenbar 



10 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

geniren dürfte. Ich denke demnach mit aller nur erdenklichen Energie 
die Belagerungsarbeiten in Angriff zu nehmen. 

Die erste Bethätigung dieser Energie bestand darin, dass Görgei, 
der in der Hoffnung auf Ofens raschen Fall ohne die Mitnahme von 
Belagerungsgeschützen aus Komorn abmarschirt war, nun in der Er- 
kenntniss von der Wirkungslosigkeit seiner leichten Feldkanonen 
schleunigst schwere Geschütze aus Komorn erbat. Der dortige Comman- 
dant Graf Guyon soll sie anfangs verweigert und erst auf Kossuth's 
Befehl herausgegeben haben. Es waren vier 24-Pfünder und ein 18-Pfünder, 
fünf den Oesterreichern am 26. April vor Komorn abgenommene Ge- 
schütze, zu denen später noch vier oder sechs schwere Mörser traten; 
im Ganzen ein massiger Belagerungspark, dem es ausserdem an Munition 
fehlte. Die Bomben zu den Mörsern mussten erst während der Belagerung 
gefüllt werden. 

Bis die Geschütze von Komorn herangeschafft waren, verging natür- 
lich einige Zeit, und die Nachrichten, die wir über diese acht Tage 
erhalten, sind bezeichnend für den Mangel an Wahrheit, für den Neid 
und die Missgunst auf Seiten der höheren ungarischen Führer. Görgei 
behauptet, seine Batterien hätten aus Munitionsmangel schweigen müssen, 
weil der Munitionsnachschub ohne Benachrichtigung des Artillerie- 
commandos der Hauptarmee plötzlich über Szolnok statt wie bisher über 
Miskolcz geleitet worden sei. Klapka wirft ihm dagegen für diese Zeit 
zwecklose Vergeudung der Munition seiner Feldartillerie vor, und nach 
einer dritten Nachricht soll sich der Commandant des ersten Corps sogar 
über Görgei's verdächtige Unthätigkeit bei Kossuth beschwert und dieser 
am 14. Mai den General Klapka zur stillen Beobachtung des Oberbefehls- 
habers von Debreczin nach Ofen entsandt haben! 

Hentzi hatte die Beschiessung der wehrlosen Stadt Pest vom 4. bis 
zum 6. Mai fortgesetzt, sie am 9. und besonders heftig in der Nacht vom 
12. zum 13. wiederholt, auch die Ofener Wasserstadt in Brand ge- 
schossen. Die Einwohner flüchteten nach Altofen, die von Pest in das 
Stadtwäldchen und in die benachbarten Dörfer. Das Redoutengebäude, 
in dem der jetzt in Debreczin weilende Reichstag seine Sitzungen ab- 
gehalten hatte, das Karolyische Haus, viele Privatwohnungen, ein Lazareth 
mit mehr als Tausend kranken und verwundeten Oesterreichern wurden 
getroffen oder gingen in Flammen auf. Die Ungarn behaupten sogar, die 
Oesterreicher hätten „wie zur Belustigung" aus ihren Doppelhaken auf 
den Wällen fortwährend auf die mit ungarischen Verwundeten beladenen 
Fuhrwerke und die mit der Rettung ihrer Habseligkeiten beschäftigten 
Einwohner geschossen. Görgei beeilte sich, in seinem Kriegsberichte 
vom 13. Mai die Thatsache in einer — wie ungarische Schriftsteller 
später selbst zugestehen — sehr übertriebenen Art dem empörten Lande 
zur Kenntniss zu bringen. „Es war ein schauerlicher Anblick; die 



III. Abtheilung. Historische Section. 1 1 



ganze Stadt bedeckte ein Feuermeer, und mitten in den Rauchsäulen 
fielen die Granaten gleich einem Sternenhagel auf die unglückliche Stadt 
herab," Auf diese Beschiessung von Pest ist der Hass, der in Ungarn 
noch heute auf Hentzi's Andenken ruht, besonders zurückzuführen. 
Klapka bezeichnet sie als eine vandalische, ihren Urheber für immer 
brandmarkende Handlung, er spricht von der kalten, verabscheuungs- 
würdigen Grausamkeit des Mordbrenners, von dem Herostratusruf Hentzi's. 
Görgei nennt die That des österreichischen Generals ein kannibalisches 
Privatvergnügen, schreibt von dem Vorwalten einer nur aus politischem 
Fanatismus ableitbaren, übrigens ebenso albernen, als unbedingt ver- 
dammungswürdigen Zerstörungswuth und bemerkt: Die Methode, nach 
welcher Generalmajor Hentzi die Vertheidigung Ofens leitete, schien 
auf dem eigenthümlichen Wahne zu fussen, als ob die längere Behauptung 
eines belagerten festen Platzes nicht sowohl von der Nachdrücklichkeit 
der Störungen in den Belagerungsarbeiten, als vielmehr von der Grösse 
der Verwüstungen abhinge, welche an irgend einem Punkte ausserhalb 
des offensiven Rayons angerichtet würden. Unbekümmert um diese und 
ähnliche Urtheile machte Hentzi am 15. nach Mitternacht mit einem 
Bataillon und zwei Geschützen einen Ausfall durch das Wasserthor, kam 
unbemerkt bis an die Hasenkaserne, worin österreichische Verwundete 
und Kranke lagen, überwältigte die kleine ungarische Wache und kehrte 
mit 400 bereits genesenen Oesterreichern in die Festung zurück. In 
derselben Nacht entzündete eine vom Blocksberge abgefeuerte Granate 
das königliche Schloss, und der nach Süden gelegene Flügel desselben 
brannte trotz aller Löschversuche bis zum Grunde nieder. 

Unterdessen hatten die Ungarn auf dem Spitzberge — ungestört 
vom Feinde ■ — gegenüber der südlichen Hälfte der Weissenburger Front 
und in einer Entfernung von etwa 600 Schritten von der Festung mit 
dem Bau einer Breschbatterie begonnen, in welcher zunächst die oben- 
erwähnten, aus Komorn stammenden fünf schweren Geschütze Aufstellung 
fanden. Die erste Anlage der Batterie war, wie Görgei selbst gesteht, 
„aus Mangel an gediegener Umsicht" fehlerhaft ausgefallen. Rechts von 
der Breschbatterie befanden sich eine nur mit 6-Pfündern arbeitende 
Demontirbatterie von 12 — 16 Geschützständen, links einige, die Front 
bis zum Wiener Thore beherrschende Reversbatterien; die Mörser- 
batterien kamen später auf den Blocksberg neben die Sternwarte. Görgei 
nahm das erste Corps etwas zurück und verlegte sein Hauptquartier aus 
der Gegend vor dem Wiener Thore auf den grossen Schwabenberg in 
das Landhaus eines Pester Bürgers. Am 15. Mai fiel der erste Schuss; 
die morschen Mauern rechts vom Weissenburger Thore sanken rasch in 
Trümmer. Da man jedoch einen zu grossen Theil der Mauer, eine 
Strecke von 10 — 12 Klaftern, für die Breschelegung in Aussicht ge- 
nommen und die Schüsse zu hoch gerichtet hatte, so „häufte sich der 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



herabfallende Schutt am Fusse der Mauer an, verhinderte eine gleich- 
massige Erschütterung derselben und schützte sie vor gänzlichem Ein- 
sturz." Die Belagerten hatten nur das Weissenburger Rondell mit Ge- 
schützen armirt; hundert Schritt dahinter standen vier 24-Pfünder ohne 
Deckung. Sie wurden beim Beginn des Bombardements schleunigst 
hinter die äussere Häuserreihe der Festung zurückgezogen, standen aber, 
durch Traversen gedeckt, schon am andern Morgen wieder auf dem 
Walle. Mit der Beschiessung von Pest beschäftigt, hatte Hentzi ver- 
säumt, den Aufbau der feindlichen Breschbatterie zu stören. Jetzt suchte 
er sein Versehen durch „Riesenanstrengungen" wieder gut zu machen. 
An mehreren Stellen Hess er zur Ersetzung des fehlenden gedeckten 
Wallganges Gräben ausheben, hinter der Bresche Erdarbeiten ausführen, 
um die Mauerlücke durch eine Art Abschnitt von dem inneren Räume 
der Festung zu isoliren, Hess die Breschbatterie von zwei Seiten aus 
unter Kreuzfeuer nehmen und sie mit Bomben bewerfen. Dadurch 
wurden zwei 24-Pfünder der Ungarn demontirt; der aus Erdsäcken er- 
bauten Batterie vermochten aber die österreichischen Kugeln nichts an- 
zuhaben. In seiner Ungeduld hielt Görgei die Bresche für eher gangbar, 
als sie es thatsächlich war, und gab für die Nacht vom 16. zum 17. Mai 
den übereilten Befehl zum Sturme. „Es war eine dumpfe, gewitter- 
schwüle Nacht. Die Luft lag bleiern und unbeweglich auf beiden Städten, 
so dass man selbst in der Nähe der Festung bloss die Blitze der Schüsse 
in der Luft züngeln sah, ohne einen heftigen Knall zu vernehmen." 
Als sich die ungarischen Sturmcolonnen um Mitternacht den Mauern 
näherten, „glich die Festung plötzlich einem Vulkan, der im heftigsten 
Ausbruch eine Lavafluth von Bomben, Granaten, Raketen und glühenden 
Kugeln auf die stürmenden Honveds warf und ganze Reihen von ihnen 
zu Boden schmetterte." Der Angriff der Division Kmety auf die Wasser- 
stadt scheiterte abermals an der offenen, dem feindlichen Feuer gänzlich 
ausgesetzten Angriffsfront, der des 2. vom Blocksberge her durch die 
Raizen vorstadt vordringenden Corps Aulich an der Tapferkeit der Be- 
satzung des Burggartens. Das 3. Corps hatte zu kurze Leitern, das 1., 
dem der Hauptangriff an der Bresche zugefallen war, sah sich plötzlich 
an deren obersten Rande einem überhängenden Reste noch unzertrümmerten 
Mauerwerks gegenüber, und der lockere Schuttkegel davor wich unter 
den Füssen der Stürmenden zurück, so dass ihre Tapferkeit ohne Erfolg 
blieb. Während des Angriffs Hess Hentzi Pest abermals bombardiren; 
angezündete Holzstösse und zahlreiche Brander, die von den Oesterreichern 
gegen die unterhalb der Stadt befindliche ungarische Schiffsbrücke ab- 
gelassen wurden, erhellten die Nacht weithin. 

Nach diesem abgeschlagenen Sturme entfaltete sich auf beiden Seiten 
die lebhafteste Thätigkeit. Hentzi setzte die Erdarbeiten fort und ver- 
stärkte die Umgebung des Burgthores; Görgei beschaffte längere Leitern 



III. Abtheilung. Historische Section. 13 

für das 3. und 1. Corps, Hess die Innenräume der Festung mit Bomben 
bewerfen und setzte auch die Beschiessung der Bresche eifrig fori, obwohl 
am 20. Mai von den ursprünglich fünf schweren Geschützen der Bresch- 
batterie nur noch zwei verwendbar waren. Zur Zerstörung der Erd- 
werke und Pallisaden an der Wasserleitung wurde am 17. in der Raizen- 
stadt eine 12-pfündige Batterie erbaut, im Südwesten unweit des Burg- 
thors ein Minengang gegraben, der am 21. bis auf eine Strecke von 
G Klaftern vollendet war. Indess der Oberbefehlshaber der Ungarn wollte 
die Wirkung der Mine nicht abwarten. Ihm gingen alle Belagerungs- 
arbeiten viel zu langsam. Das Land fing an über die grossen und bisher 
nutzlosen Opfer der Sturm versuche zu murren. Von Kossuth und dem 
Debrecziner Reichstage, welche die allgemeine politische Lage besser zu 
übersehen in der Lage waren, liefen Klagen über die Zeitverschwendung 
des Generals ein. Aus diesen Gründen ordnete er schon für die Nacht 
vom 20. zum 21. Mai einen neuen, den dritten Sturm an; die Angriffs- 
ziele blieben dabei für die einzelnen Corps dieselben, wie bei dem miss» 
glückten Sturme am 17. Um den Muth der Truppen anzufeuern, waren 
denjenigen, welche zuerst die Wälle ersteigen und die erste Fahne auf 
pflanzen würden, grosse Belohnungen versprochen worden. Zur Vor- 
bereitung fanden vom 18. an jede Nacht bis zwei Uhr Morgens Schein- 
angriffe auf die Süd-, West- und Nordfront statt. In grösster Stille 
näherten sich die mit Leitern versehenen Sturmkolonnen in der Nacht zum 
21. der Festung. Um 3 Uhr Morgens, als es eben zu dämmern anfing, 
stieg eine Rakete aus Görgei's Hauptquartier auf dem Grossen Schwaben- 
berge in die Höhe, worauf sämmtliche Batterien dreimal abgefeuert 
wurden. Dies war das verabredete Zeichen zum Sturm. „Wie aus der 
Erde gezaubert, umschwärmten die Honveds mit ihren Leitern die Wälle", 
die sich rasch mit den Vertheidigern füllten. Auch diesmal machten 
die Ungarn wegen der „ umsichtigen" (Worte Klapka's) Anordnungen 
Hentzi's nur langsame Fortschritte. Vom Hauptquartiere aus vernahm 
man lebhaftes Gewehrfeuer, beobachtete das Aufblitzen der Kanonen- 
und Flintenschüsse am Weissenburger Rondell und erkannte im Dunkel 
die kurzen Lichtbogen der vom Walle gegen die Breschestürmer ge- 
schleuderten Handgranaten. Mit der zunehmenden Dämmerung gewahrte 
man, wie die gegen die Bresche hinaufstürmenden Honveds durch das 
Feuer am Weissenburger Thore zurückgeworfen wurden. Je mehr die 
Dämmerung wuchs, desto gefährlicher wurde die Lage der Ungarn, auch 
weil die Erstürmung nur durch die immer noch nicht völlig gangbare 
Bresche möglich war. Um sie drängte sich nun Angriff und Vertheidigung 
zusammen; hierher eilte jetzt auch Hentzi von der Wasserleitung und 
leitete die Abwehr an dieser Stelle persönlich. Als Görgei die weithin 
schallenden Eljenrufe der Soldaten hörte, bemerkte er verdriesslich: 
„Mit Eljenrufen ist noch keine Festung genommen worden" und ertheilte 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

der Bresch- und Demontirbatterie den Befehl, nahe über die Köpfe der 
Besatzung des Weissenburger Rondells hinwegzuschiessen. Dadurch hob 
sich der sinkende Muth der Truppen wieder, und neue Anläufe folgten 
mit verstärkter Kraft. Oberst Mariasy, obwohl zwei Mal von dem sieben 
Klafter hohen Wall hinabgestürzt und verwundet, war einer der ersten 
in der Festung. In kurzen Zwischenräumen drangen die Sturmcolonnen 
vom 47. und 34. Honved-Bataillon und vom Regiment Don Miguel über 
die Bresche in's Innere, schaarten sich südlich derselben um die Fahne 
eines Honved- Bataillons oder verschwanden in den nahegelegenen 
Häusern; das Linke, rückwärts von den Eingedrungenen liegende Weissen- 
burger Rondell setzte sein Feuer gegen die Ungarn auch jetzt noch fort, 
obwohl ein Theil der Besatzung an dem weiteren Erfolge verzweifelte. 
Auf einer der Traversen am Weissenburger Walle tauchte plötzlich eine 
improvisirte weisse Fahne auf, die nach der Meinung des ungarischen 
Obercommandanten vielleicht ein um Schonung seines Hauses besorgter 
Ofener Bürger dahingestellt haben mochte. Plötzlich ergriff sie ein 
Soldat der Besatzung und trug sie schwankenden Schritts auf die Brust- 
wehr des Weissenburger Rondells. Hier riss sie ein Officier zu Boden, 
aber gleich darauf flatterte sie an der vorigen Stelle. Immer neue 
Honvedabtheilungen, besonders vom 17. und 19. Bataillon, drangen durch 
die Bresche oder erkletterten das Weissenburger Rondell und die Wälle 
am Palatinalgebäude auf Leitern. Fast gleichzeitig war die Wasser- 
leitung von der Division Kmety und von Theilen des zweiten Corps 
genommen worden, und schon wichen auch die Kroaten vom Wiener 
Thore her vor den Escaladeurs des 3. Corps in das Innere der Festung 
zurück. Hier entspann sich in den engen Strassen der Stadt noch ein 
verzweifelter Kampf; besonders verheerend wirkten die hinter Stein- 
barrikaden aufgestellten österreichischen Feldgeschütze. Gegen 6 Uhr 
ertönte von dem Brückenknopfe her ein furchtbarer Knall, und eine 
mächtige Wolke von Pulverdampf stieg in die Luft. Sie rührte davon 
her, dass Oberst Allnoch den Versuch gemacht hatte, die Kettenbrücke, 
die Hentzi selbst in seiner Proklamation vom 5. das achte Wunder der 
Welt genannt hatte, in die Luft zu sprengen. Er soll seine brennende 
Cigarre in ein Pulverfass geworfen haben; allein die schlecht und zweck- 
widrig angelegte Mine wirkte zurück, statt nach vorn und der Oberst 
fand bei der Explosion den Tod. Gegen 6 1 / 2 Uhr Morgens erhielt 
Görgei von Nagy-Sandor die Meldung, dass die Festung mit dem tödtlich 
verwundeten Generalmajor Hentzi in der Gewalt der Ungarn sei. Vom 
Pester Ufer herüber erscholl lautes Jubelgeschrei, auf der Zinne des 
halbverbrannten königlichen Schlosses stieg die ungarische Tricolore 
empor; die Husaren, die bisher etwas verächtlich auf die Honveds geschaut, 
stiegen von den Pferden und beglückwünschten sie, und Görgei vertheilte 
militärische Ehrenzeichen an die Tapfersten, Er hatte vor Beginn des 



III. Abtheilung. Historische Section. ] 5 

Sturmes ausdrücklich verboten, der Besatzung Quartier zu geben. A bei- 
der Ungar, schreibt Klapka, im Glücke wie immer grossmüthig, konnte, 
sobald der Widerstand gebrochen war, Keinem von jener Mordbrenner- 
schaar mehr das Leben nehmen; die Grossmuth der Sieger ging soweit, 
dass einzelne Honveds, die, von gerechter Empörung hingerissen, den 
noch bewaffnet umherstreifenden Feind niedermachen wollten, von ihren 
Kameraden daran gehindert wurden. Görgei erzählt, dass er auf die 
Gefangennahme des Commandanten einen besonderen Preis ausgesetzt 
hatte. „Ich wollte an ihm ein Exempel statuiren zur Warnung derer, 
welche der Kitzel sticht, die Greuel des Krieges zwecklos zu machen. 
Generalmajor Hentzi fiel tödtlich verwundet in meine Gewalt; mit dem 
Sterbenden rechnete bereits ein Höherer ab. Die Besatzung sprang 
nicht über die Klinge. Sie danke es nachträglich jenen Officieren, welche 
seither theils auf dem Schafotte geendigt haben, theils in den Staats- 
gefängnissen Oesterreichs dahinkümmern. Sie halte das Andenken ihrer 
edelmüthigen Feinde in Ehren!" Die Nachrichten über Hentzi's Ver- 
wundung, Tod und Begräbniss lauten ziemlich unbestimmt. Nach der 
einen hätte er an der Spitze seiner Warasdiner eine Kugel in den Unter- 
leib erhalten; Görgei soll an seinem Sterbebette gestanden und nach 
seinem letzten Willen gefragt haben. Um die Mitternachtsstunde des 
nächsten Tages sei der General verschieden, seine Leiche sei auf einem 
elenden Bauernwagen fortgeführt und ohne Begleitung sang- und klanglos 
in eine Grube geworfen worden, so dass man erst nach längerer Zeit 
ein Kreuz auf seiner letzten Ruhestätte habe errichten können. Die 
Ungarn wollen während der Belagerung nur 600 Todte und Verwundete 
verloren haben und geben die Verluste der Oesterreicher auf 1000 Mann 
und 2500 Gefangene, darunter 40 Officiere, an. 

Die Belagerung hatte volle 17 Tage gedauert; an demselben 21. Mai, 
an dem Ofen fiel, traf der jugendliche Kaiser Franz Joseph mit dem 
Czaren Nicolaus in Warschau zusammen, und schon rückten die ersten 
russischen Colonnen unter Paskiewitsch von Krakau durch Mähren nach 
Tyrnau heran. Welche Bedeutung Hentzi's tapfere Verteidigung Ofens 
für den Ausgang des Aufstandes gehabt hat, legte ein ungarischer Feld- 
herr bald nachher mit überzeugenden Worten dar. Nach einer glaub- 
würdig erscheinenden Mittheilung äusserte Klapka, der Hentzi's Beschiessung 
von Pest als eine vandalische That bezeichnet hat, am 20. September 
1849 in dem vor der Uebergabe Komorns abgehaltenen Kriegsrathe 
Folgendes: Nutzen wir dem Vaterlande und unserer Sache, wenn wir 
Komorn weiter vertheidigen ? Die Nachwelt müsste uns tadeln, wenn 
wir den Heldentod des Generals Hentzi wählen würden. Leonidas ver- 
theidigte mit seinem Heere die Pässe bis auf den letzten Mann, um dem 
Lande Zeit zu gewinnen, dass es seine Streitkräfte sammele. Der 
Commandant der alten Buda, General Hentzi, handelte als geborener 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Ungar (wie wir wissen, ein Irrthum!) verrätherisch an seinem Vater- 
lande und führte die Waffen gegen dasselbe für den Meineid ; aber jeder 
biedere Ungar muss mit Ehrfurcht den Namen Hentzi nennen, denn er 
war ein tapferer Soldat (an dieser Stelle sollen vereinzelte Eljenrufe 
erschollen sein). Trotz der ehrenhaften Capitulationsbedingungen, welche 
ihm Görgei stellte, übergab er die Veste nicht; er hat sich aber nicht 
bloss Lorbeerkränze für seine Tapferkeit und seinen Heldentod erworben, 
sondern die verzweiflungsvolle Verteidigung hat auch ihren Zweck nicht 
verfehlt. Als sich Görgei mit seiner Armee von 40 000 Mann (es waren 
weniger, s. o.) fünf (drei) "Wochen lang bei der Cernirung Ofens aufhielt, 
ward dem flüchtigen Feinde, welcher von dem kaum noch 6500 Mann 
starken 7. Corps bis an die Grenzmarken unseres Vaterlandes gedrängt 
wurde, Zeit vergönnt, sich zu concentriren und zu stärken. Die Folgen 
für uns waren nachtheilig, ja vernichtend. 

Dieser ehrenden und ritterlichen Anerkennung von Hentzi's Ver- 
diensten durch den Feind folgte bald auch die des Kaiserhauses. Sein 
einziger Sohn wurde in den Freiherrnstand erhoben; im Jahre 1852 
Hess der Kaiser dem General auf dem Georgenplatze in Ofen ein 22 m 
hohes Denkmal errichten, für welches der Hofbaurath Sprenger die Zeich- 
nung angefertigt hatte. Ein Granitunterbau mit fünf Ecken trägt eine 
sinnbildliche Gruppe, einen sterbenden Krieger mit Panzer und Helm, 
den ein nach oben zeigender Engel mit dem Siegeslorbeer krönt. 
Darüber baut sich eine Kuppel in gothischem Stile auf; vor den schlanken 
Säulchen, die jene tragen, stehen die Gestalten der militärischen Tugen- 
den: Religion, Wahrheit, Fahnentreue, Wachsamkeit, Aufopferung und 
Grossmuth nach dem Siege. An der Hauptseite des Denkmals befindet 
sich die Inschrift: ,, General Hentzi, mit ihm Oberst Allnoch sammt 
418 Helden, starben hier den Opfertod für Kaiser und Vaterland". Auf 
den übrigen drei Seiten sind die Namen der gefallenen Soldaten 
verzeichnet. 

Jahre lang bildete das Denkmal einen Gegenstand des Grolles für die 
Ungarn, besonders nachdem das Land durch den Ausgleich von 1867 
die staatsrechtliche Selbstständigkeit, für welche ein Theil der Magyaren 
1849 gekämpft, errungen hatte. Da an die Entfernung des Monumentes 
nicht zu denken war, so errichteten patriotische Ungarn aus freiwilligen 
Spenden des Volkes in der Nachbarschaft der Hentzisäule ein Denkmal 
zu Ehren der bei der Belagerung Ofens gefallenen Honveds. Im vorigen 
Jahre plante man nun in Bezug auf die Ereignisse von Ofen eine Ver- 
söhnung in der Art, dass der Landescommandant von Ungarn einen 
Kranz am Honveddenkmale und der Präsident des Honvedveteranen- 
vereins einen solchen an Hentzi's Monumente niederlegen sollte. Diese 
Absicht scheiterte bekanntlich an dem lärmenden Widerspruche der 



III. Abtheilung. Historische Section. 17 



sogenannten Unabhängigen, von denen ein Redner bei der Debatte im 
Pester Abgeordnetenhause Hentzi mit einem gemeinen ungarischen Raub- 
mörder verglich. Allein aus dem Dunste solcher Parteischmähungen 
hebt sich die Ruhmesgestalt Hentzi's nur um so leuchtender hervor. 
Er gehört für alle Zeiten zu der zahlreichen Schaar wagemuthiger und 
verdienstvoller Officiere, welche die österreichische Kriegsgeschichte auf- 
zuweisen hat. Sein Beispiel zeigt, wieviel in bedrängter Zeit ein Mann 
für das Vaterland werth ist. 

In der Sitzung vom 18. December 1893 machte Herr Professor 
Dr. Krebs 

„Mittheilungen aus dem Briefwechsel des Burggrafen Karl Hannibal von 
Donna und des Herzogs Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg". 

Der Vortragende wies auf den Umstand hin, dass die Acten der 
Staatsarchive über gewisse Persönlichkeiten und Vorgänge des dreissig- 
jährigen Krieges nahezu erschöpft sind und der Bearbeiter jener Zeit 
dadurch immer mehr auf die Durchforschung der grossen Privatarchive 
angewiesen wird. Auf diesem Wege gelang es ihm, weit über Hundert 
ungedruckte Briefe des bekannten, in die Waldstein-Katastrophe ver- 
wickelten Herzogs Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg im fürstlich 
Hatzfeldt'schen Archive zu Calcum und 17 Schreiben des schlesischen 
Kammerpräsidenten und Burggrafen Karl Hannibal von Dohna im 
Collalto'schen Archive zu Pirnitz in Mähren ausfindig zu machen. Beide 
Funde waren um so erwünschter, als das Dohna'sche und das Franz 
Albrecht'sche Archiv gleich dem des Fürsten Hans Ulrich von Eggen- 
berg und des Grafen Heinrich Matthias von Thurn, wie es scheint, für 
immer verloren gegangen sind. Der Vortragende brachte einige der von 
ihm gefundenen Briefe ganz oder theilweise zur Verlesung. Die Dohna- 
schen Berichte an Collalto erzählen von den während der ersten Hälfte 
des Jahres 1627 in Schlesien sich abspielenden Kämpfen zwischen Kaiser- 
lichen und Dänen, von dem missglückten Angriffe der Kaiserlichen auf 
Beuthen, dem Falle von Kosel, den Scheinverhandlungen zwischen Dohna 
und den höheren dänischen Officieren, von der Reise des Burggrafen 
nach Warschau u. s. w. Herzog Franz Albrechts Schreiben erweitern 
unsere Kenntniss über die Einquartierung der kaiserlichen Truppen in 
Schlesien, über seine vor Jägerndorf erhaltene Verwundung und deren 
Heilung, die Vervollständigung und Ausrüstung seiner Regimenter u. A. 
Wie offenherzig und bezeichnend diese Mittheilungen manchmal sind, 
beweist folgende Stelle. Als der Kaiser ein Verbot an den Herzog von 
Friedland erlassen hatte, die seinem Sohne, dem jugendlichen Könige 
von Ungarn und Böhmen gehörenden Fürstenthümer Schweidnitz-Jauer 
mit Einquartierung zu belegen, und Waldstein die Regimenter Franz 

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18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Albrechts trotzdem dahin verwies, schrieb dieser am 3. Januar 1627 
aus Schweidnitz an seinen Oberstlieutenant Melchior von Hatzfeldt: 
Hierbei habt ihr zu sehen, was der Kaiser an den Herzog von Fried- 
land schreibt; ich achte es aber nicht. NB. Ich getröste mich, dass 
der General itzo so viel ist, als der Kaiser selber. 

In der Zusammenkunft am 2 6. Februar 1894 verlas der Secretair 
der Section, Herr Director Prof. Dr. R ei mann, einen 

Nekrolog für den Geheimen Regierungsrath Professor Dr. Röpell. 
Abgedruckt in der Zeitschr. f. Geschichte und Alterthum Schlesiens 
28, 461 ff. 

Zu Secretairen wurden gewählt Director Reimann und Professor 
Dr. Krebs. 

Im weiteren Verlaufe der Sitzung sprach Herr Prof. Krebs auf 
Grund der im Hatzfeldt'schen Archive befindlichen Briefe des Herzogs 
Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg 

Ueber Truppenwerbung im 30 jährigen Kriege. 

Der genannte Reichsfürst hatte im Jahre 1625 vom Kaiser Patente 
zur Beschaffung von 1200 Kürassieren erhalten, die in der Umgegend 
von Prag, in den Jülich'schen Landen und in Lothringen geworben 
wurden. Da seine Rittmeister „wider den Befehl einen Haufen schlechter 
Crabaten und kahler Hunde zusammengebracht hatten, so klaubte er die 
besten aus und liess die andern zum Teufel reiten." Als Musterplatz 
war ihm zuerst Nürnberg, später Schwäbisch-Hall und Heilbronn be- 
stimmt worden. Grosse Mühe verursachte dem Obersten das Herbei- 
schaffen der Waffen und Rüstungen, die grösstenteils aus Köln und den 
Niederlanden bezogen werden mussten. Es dauerte ein volles Jahr, 
bevor Alles zur Stelle war; so lange mussten die Mannschaften als 
Arkebusiere reiten. Trotzdem bezeichnete der Herzog von Friedland 
Franz Albrechts Reiter als die besten des kaiserlichen Heeres und er- 
wirkte ihm neue Patente zur Werbung eines zweiten Regiments von 
700 Pferden und eines Fussregiments von 15 Fähnlein oder 4500 Mann. 
Die Reiter wurden wieder meist am Rhein, die Fusstruppen unter 
mancherlei Schwierigkeiten in der Wetterau und im Würzburg'schen ge- 
worben. Als Herzog Franz Albrecht dabei dem Bischof von Fulda mit 
Sengen und Brennen gedroht hatte, mahnte Wallenstein in einem langen, 
eigenhändigen Schreiben davon ab, „gestalt sich keineswegs gebühren 
wolle, dass Ihrer Kais. Maj. und des Heil. Rom. Reichs getreue Fürsten 
und Stände, welche Sie beschützt haben wollen, von Dero eignen Kriegs- 
officieren also in Ruin gesetzt werden." Ueber Eichstädt und Regens- 
burg führte der Herzog das Infanterie-Regiment, dessen Mannschaften 



III. Abtheilung. Historische Section. 19 

sich unterwegs vielfache Ausschreitungen zu Schulden kommen Hessen, 
persönlich nach Böhmen; einmal „Hess er mehr als ein vierzig, 
welche ein Dorf geplündert, sehr schnüren." Sein zweites Reiter- 
regiment wurde nach dem Eintreffen der Kürasse für das alte Regiment 
vorläufig mit den von diesem abgegebenen Arkebusierwaffen versehen 
und war noch bei der zwischen dem 10. und 20. Juni 1627 in der Um- 
gegend von Neisse erfolgten Besichtigung zur grossen Unzufriedenheit 
Wallensteins nicht vollständig ausgerüstet. Ich vernehme, schrieb Franz 
Albrecht damals, dass es dem General schon sehr leid thut, gestern im 
Schiefer solche Worte geredet zu haben; er hat die Reiter sehr ge- 
rühmt und gesagt, es sei nur todschade, dass solche schöne Reiter 
nicht armirt seien. NB. Ich aber vergesse den Discurs nicht so balde. 
— So unbedeutend derartige Nachrichten im Verhältniss zu den Haupt- 
und Staatsactionen des grossen Krieges erscheinen mögen, so wichtig 
sind sie andererseits für die Gesammterkenntniss der Zeit; sie tragen 
gewissermaassen auch mit zu der Erklärung bei, warum der Krieg so 
lange dauern und so verderbliche Wirkungen ausüben könnte. 



^••-^ 



Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



71. 

Jahresbericht. 



1893. 



III. Abtheilung. 
Geschichte u.Staatswissenschaften. 

b. Staatswissenschaftliche Section. 



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Sitzungen der Section für Staats- und Rechtswissenschaft 

im Jahre 1893. 



In der ersten Sitzung, welche am 19. Januar unter dem Vor- 
sitz des Prof. Dr. Elster in der Alten Börse stattfand, hielt Privat- 
docent Dr. Ger lach einen Vortrag 

TJeber die Reform der directen Steuern in Preussen. 

Nach einer knappen Darstellung des directen Staatssteuersystems 
und der communalen Finanzwirthschaft machte der Redner auf die 
Unterschiede zwischen der Einkommensteuer und den Ertragssteuern 
(Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer) aufmerksam. Jene trifft die 
Steuerpflichtigen entsprechend der Höhe des Einkommens nach einem 
degressiven bezw. progressiven Steuerfusse und bewirkt eine Lasten- 
vertheilung auf die einzelnen Steuerpflichtigen, welche annähernd ihrer 
steuerlichen Leistungsfähigkeit entspricht. Die Ertragssteuern hingegen 
treffen die Steuerpflichtigen ganz und gar nicht nach der Leistungs- 
fähigkeit; denn sie erfassen nur den Gesammtertrag an der Quelle, un- 
bekümmert darum, in wessen Hände er gelangt, ob beispielsweise in die 
des betreffenden Gewerbetreibenden oder in die seines Zinsen be- 
ziehenden Gläubigers. Auf die Zinshöhe hat aber die Ertragssteuer 
keinen Einfluss \ ein entsprechender Bruchtheil der letzteren kann daher 
in der Regel nicht auf die Zinsempfänger abgewälzt werden. Kann 
hiernach ein Ertragssteuersystem nicht so ausgebildet werden, dass es 
nach der Leistungsfähigkeit trifft, so ist es auf der anderen Seite vor- 
trefflich geeignet, öffentliche Lasten nach dem Interesse zu vertheilen, 
d. h. die einzelnen Steuerpflichtigen in dem Maasse heranzuziehen, als 
sie besondere Vortheile von der öffentlichen Thätigkeit gemessen oder 
als sie dem Staate bezw. den Communalverbänden besondere Kosten 
verursachen. Nach diesen einleitenden Betrachtungen ging der Vor- 
tragende zur Kritik des bestehenden Steuersystems über. Im Staate, 
dessen Thätigkeit vorwiegend im Staatsinteresse und nicht im Interesse 
einzelner Staatsbürger oder auch einzelner Volksklassen erfolgt, erscheint 
die bestehende hohe Belastung der einzelnen Ertragsquellen neben der 

1 






2 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

nunmehr scharf ausgebildeten Einkommensteuer als ungerechte Prä- 
gravation der Ertragsquellen. Umgekehrt liegt in dem Ueberwiegen der 
Einkommensteuerzuschläge innerhalb der Gemeindefinanzen eine un- 
gerechte Ueberlastung des Arbeits- und des Renteneinkommens : da die 
Gemeinde zwar auch staatliche Functionen erfüllt, daneben aber in aus- 
gedehntestem Maasse die wirtschaftlichen Interessen ihrer Angehörigen 
fördert, und da diese letztere Thätigkeit den einzelnen Gruppen, den 
Hausbesitzern, Gewerbetreibenden, Rentnern, Beamten und Arbeitern 
in sehr verschiedenem Maasse zu Gute kommt, so wäre hier gerade die 
Deckung einer grossen Quote des Gemeindefinanzbedarfs durch Ertrags- 
steuern am Platze. Ausserdem tritt in den preussischen Gemeinden das 
Gebühren- und Beitragswesen zu sehr in den Hintergrund, woraus eine Ueber- 
lastung der Steuerzahler zumVortheil einiger Interessenten entsteht. Auch 
das indirecte Abgabenwesen ist in der grossen Mehrzahl der Gemeinden zu 
wenig entwickelt, zumal dort, wo die Höhe der directen Steuern die 
Härten und Ungerechtigkeiten, welche mit jeder einzelnen derselben 
verbunden sind, bis zur Unerträglichkeit steigern. Schwerwiegender als 
die ungerechte Lastenvertheilung in Staat und Gemeinde erscheinen dem 
Vortragenden die finanzwirthschaftlich höchst unvollkommenen Leistungen 
unserer directen Steuern. Da die staatlichen Ertragssteuern in ihrem 
Aufkommen nur wenig, die Grundsteuern gar nicht wachsen, so wird 
diejenige Quote des von Jahr zu Jahr naturgemäss wachsenden staat- 
lichen Finanzbedarfs, welche durch die directen Steuern gedeckt wird, 
andauernd kleiner*, unter diesen Umstünden steht es in Frage, ob das 
directe Staatssteuersystem seiner eigensten Aufgabe auf die Dauer ge- 
wachsen bleiben wird, nämlich: die Mittel für denjenigen Theil des 
Finanzbedarfes bereitzustellen, welcher durch privat-wirthschaftliche und 
staatswirthschaftliche Einnahmen anderer Art nicht gedeckt werden kann. 
Die weitergehende Forderung, welche an ein gutes directes Steuersystem 
zu richten ist, dass es die Schwankungen in den Ausgaben und in den 
übrigen Einnahmen (Eisenbahnen!) ausgleiche und den Staatshaushalt 
dauernd im Gleichgewicht erhalte, wird noch weniger erfüllt: dazu be- 
dürfte es beweglicher Elemente im Steuersystem; die Ertragssteuern 
sind aber wegen ihres ungleichen Druckes ungerecht; die Einkommen- 
steuer ist es durch die verschieden hohen communalen Zuschläge auch 
geworden. Auch das communale Steuersystem ist finanzpolitisch be- 
denklich, da die directen Steuern übermässig angespannt sind, und weil 
vor allem die Einkommensteuer in der Regel das Rückgrat der Gemeinde- 
finanzen bildet, während sie doch wegen ihrer schwankenden Erträgnisse 
innerhalb kleinerer Verbände hierfür eine sehr unsichere Grundlage 
bildet. Die Ursachen der vorgeführten Missstände erblickt der Vortragende 
einmal in den unzureichenden und nicht selten fehlgreifenden gesetzlichen 
Bestimmungen über die Regelung des communalen Finanzwesens; ferner 



III. Abtheilung. Staatswissenschaftliche Section. 



in der staatlichen Besteuerung der Ertragsquellen neben der des Ein- 
kommens. Zum Schluss berichtete er in Kürze über den in den drei 
Gesetzentwürfen vorliegenden Reformplan der Regierung, welcher die 
Mängel beseitigen und daneben eine schärfere Belastung des fundirten 
Einkommens herbeiführen will. — Wegen der vorgerückten Stunde 
musste der Vortragende darauf verzichten, die Zweckmässigkeit der 
Vermögenssteuer zu entwickeln, sowie die wichtige Frage näher zu be- 
leuchten, wem der beabsichtigte Erlass der staatlichen Ertragssteuern 
zu Gute kommen wird, ob den bisher Ertragssteuerpflichtigen oder aber 
auch in gleichem Verhältniss den Einkornmensteuerpflichtigen, Eine ein- 
gehende Erörterung hierüber befindet sich in des Vortragenden soeben 
erschienenen Broschüre „Die Reform der directen Steuern in Staat und 
Gemeinde". Jena 1893. 

In der zweiten Sitzung am 6. Februar, welche gemeinschaftlich 
mit der historischen Section unter dem Vorsitz des Herrn Prof. 
Reimann abgehalten wurde, sprach Geh. Archivrath Prof. Dr. Grün- 
hagen. (Bez. dieser Sitzung cf. Bericht der historischen Section oben S. 1.) 

Die dritte Sitzung, am 16. März, war eine öffentliche. In ihr 
sprach Herr Consul Schmidt 

lieber „Samoa". 

Der Vortragende ist über drei Jahre als Viceconsul auf den Samoa- 
inseln thätig gewesen und vermochte daher auf Grund eigener Erfahrung 
anschauliche Bilder und Darstellungen von der Inselgruppe und seinen 
Bewohnern zu geben, soweit die gemessene Zeit es ihm gestattete. Den 
Ausführungen sei Folgendes entnommen: Die Samoainseln, welche unter 
dem 14.° südlicher Breite und dem 169/172.° westlicher Länge v. Gr. 
gelegen sind und aus den drei Hauptinseln, der westlichen Sawaii, der 
mittleren wirthschaftlich bedeutendsten Upolu, welche etwa 14 deutsche 
Meilen lang und 2 Meilen breit ist, und der östlichen Tutuila, bestehen, 
sind vulkanischen Ursprungs und von Bergen durchzogen, weiche in 
Sawaii die Höhe von 4 — 5000 Fuss erreichen. Sie sind auf allen Seiten 
von Korallenriffen umgeben, welche einen Schutz gegen die schwere 
Brandung der See bilden und nach innen ein ruhiges, fischreiches Wasser 
bieten. Auf der Nordseite der mittleren Insel liegt an dem besten vor- 
handenen Hafenplatz Apia, der Hauptansiedelungsplatz der Europäer. 
Am stärksten sind die Interessen der Deutschen vertreten, dann folgen 
die Engländer- am schwächsten stehen die Amerikaner da, welchen nur 
eine politische Bedeutung zukommt. Die Zahl der Eingeborenen wird 
auf etwa 35 000 Seelen geschätzt, früher waren die Inseln dichter be- 
völkert, jetzt scheint die Bevölkerungsziffer constant zu bleiben. Die 
Samoaner gehören dem Malaienstamm an und sind durchweg grosse, 

1* 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

schöngewachsene Leute, sie haben bedeutende Körperkräfte und eine 
hervorragende Geschicklichkeit. Ihre Sprache, welche sie behalten und 
gegen ein fremdes Idiom einzutauschen nicht willens nicht, klingt wie 
italienisch und hat einen reichen Wortschatz. Sie sind grosse Politiker, 
Redner und Parlamentarier, in den Versammlungen geht es sehr gesittet 
zu, sie bewahren eine feierliche Würde und bedienen sich beim Reden 
einer bilderreichen Ausdrucksweise, desgleichen-, wenn sie bei ihrer 
grossen Gastfreundlichkeit einen Fremden aufnehmen und mit einer 
langen Ansprache begrüssen. Dagegen herrscht unter ihnen ungemein 
das Laster des Lügens, was sie selbst durchaus nicht in Abrede stellen. 
Unter dem Einfluss des Christenthums werden von ihnen jetzt auch 
Ehen geschlossen, aber auch sehr leicht wieder aufgelöst. Aus diesem 
Grunde ist auch die Vielweiberei, obwohl an und für sich vorhanden, 
doch selten. Dagegen ist es, besonders bei Häuptlingen, üblich, nach 
der Auflösung einer Ehe, bald wieder eine neue Ehe einzugehen, und 
das geschieht wiederholt, wobei politische Interessen maassgebend sind. 
Bei der Hochzeit giebt es nämlich als Geschenk Matten, welche bei den 
Samoanern überhaupt eine grosse Rolle spielen und früher neben den 
Schweinen als Geld dienten; diese Matten werden aufgestapelt und ge- 
legentlich zur Erlangung politischen Einflusses und der Stimmen ver- 
theilt. Auch 1888 bei der Revolution gegen Tamasese haben die 
Matten einen wichtigen Factor gebildet, da der weisse Berather 
Tamasese's, Brandeis, dessen Mattenschätze nach Tonga, wo sie gleich- 
falls beliebt sind, verkaufen wollte. Die herrschende Religion ist das 
Christenthum. Heiden giebt es nicht mehr, tief eingedrungen ist aber die 
christliche Lehre nicht. Vorbereitet wurde sie von englischen und fran- 
zösischen Missionaren. Erstere, welche etwa 30 000 Seelen gewonnen 
haben, sind nicht ohne Verdienste um das Land, sie bilden in einem 
Seminar unter den Samoanern selbst ihre Missionare, Katecheten und 
Lehrer aus, und erfreuen sich in ihren Dörfern, welche mit netten 
Kirchen versehen sind, eines nicht unbedeutenden Einflusses. Die 
katholische Mission, welche in Apia eine grosse Kirche mit wirklicher 
Kunst errichtet hat, zählt 5000 Anhänger, welche von ihr mehr als es 
bei der englischen Mission der Fall ist, zur Arbeit angehalten werden. 
Der deutsche Einfluss auf den Inseln wurde durch das Hamburger 
Handelshaus Godeffroy begründet. Als dieses 1879 liquidiren musste, 
trat die „Handels- und Plantagen-Gesellschaft" an seine Stelle. Ihr 
Hauptvermögenswerth sind drei Cocosplantagen von etwa 13 000 Morgen 
Flächeninhalt. Der Werth der jährlichen Kopra- Ausfuhr beläuft sich 
auf 1 — 1 Y 2 Millionen Mark, bei einer Gesammtausfuhr von etwa 
2 Millionen. Neben der Cocosnuss wird noch Baumwolle, etwas Kaffee 
und Cacao, Tabak bisher ohne rechten Erfolg angebaut. Der Import 
belief sich 1891 auf 718 000 Mark. Die Gesellschaft ist, wenngleich 






III. Abtheilung. Staatswissenschaftliche Section. 



sie auch allen ihren Verpflichtungen pünktlich und gewissenhaft nach- 
kommt, nicht gerade in glänzender Lage, wegen der vielen Diebstähle 
durch die Samoaner; dieselbe würde sich sofort verbessern, wenn ge- 
sicherte Zustände eingeführt würden. Indessen wird dies durch die gegen- 
seitige Eifersucht der Weissen verhindert. Es könnte wohl ein Ausgleich 
zwischen Deutschland und England getroffen werden, wonach ersteres 
Samoa, letzteres Tonga erhielte. Erschwerend kommt aber besonders die 
Stellung der Vereinigten Staaten hinzu, für welche nach Fertigstellung 
des Panama- oder Nicaragua-Kanals Samoa als Kohlenstation eine erhöhte 
Bedeutung erhalten würde. — Samoa ist das Land der Unwahrscheinlich- 
keiten und Enttäuschungen genannt worden. Es ist unser erster über- 
seeischer Colonialversuch und hatte dadurch unsere besondere Fürsorge 
gewonnen. Die Deutschen waren auf dem besten Wege Samoa zu er- 
ringen, Generalconsul Stübel hatte mit grosser Energie die Schaffung 
geordneter Zustände angebahnt; wäre mit Stetigkeit hierin fortgefahren 
und das Errungene bewahrt worden, dann wäre Samoa heute ein 
deutsches Besitzthum. Dass die Samoavorlage im Reichslage fiel, ist 
den falschen Informationen Bamberger's zuzuschreiben. Die Berichte 
seines Gewährsmannes, des Kaufmanns Rüge, waren von Hass und Miss- 
gunst g